Die Versorgung polytraumatisierter Patient:innen zählt zu den komplexesten Herausforderungen im Rettungsdienst. Ein Polytrauma liegt vor, wenn mehrere Körperregionen oder Organsysteme gleichzeitig verletzt sind und mindestens eine der Verletzungen oder die Kombination der vorliegenden Verletzungen lebensbedrohlich sind oder potenziell lebensbedrohlich sein können.
Häufige Ursachen sind Verkehrsunfälle mit hoher Geschwindigkeit, Stürze aus großer Höhe, penetrierende Verletzungen (z.B. durch Messer oder Schusswaffen), Arbeitsunfälle oder Explosionstraumata.
Ziel der präklinischen Versorgung ist die frühzeitige Erkennung und Behandlung lebensbedrohlicher Zustände sowie die Stabilisierung vor dem Transport in ein geeignetes Traumazentrum. Die Kernprinzipien der Polytraumaversorgung lassen sich in sechs zentrale Säulen unterteilen:
Kritische Blutungen stoppen
Oxygenierung sicherstellen
Bedarfsgerechte Volumentherapie
Ausreichende Analgesie
Immobilisation
Wärmeerhalt
Zusätzlich sollten bei der Versorgung auch besondere Risikogruppen wie Schwangere, Kinder oder ältere Menschen bedacht werden. Diese Gruppen zeigen teilweise andere Symptome, reagieren empfindlicher auf Blutverlust und benötigen eine angepasste Therapie, z.B. Volumentherapie oder Analgesie.
Nach der präklinischen Versorgung erfolgt im Krankenhaus die Schockraumversorgung in drei strukturierten Phasen: Lebensrettende Sofortmaßnahmen, Diagnostik zur Priorisierung der weiteren Therapie (z.B. Not-OP) sowie die Übergabe an die definitive stationäre Versorgung. Der schnellstmögliche Transport in ein geeignetes Traumazentrum ist dabei essenziell, insbesondere bei penetrierenden Thorax- oder Bauchverletzungen, bei denen eine chirurgische Blutstillung notwendig ist.
Fallbeispiel
Um den Einstieg in das Thema Polytrauma etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Verkehrsunfall Motorrad
Ort: Landstraße
Alarmzeit: 17:11 Uhr
Anrufer:in: Passant
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 26 Jahre alt
Patient ist bewusstlos
RTH, Polizei und Feuerwehr sind ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegtder Patientin Seitenlage regungslos auf der Fahrbahn. Der Helm ist bereits durch Ersthelfer entfernt worden. Der genaue Unfallhergang ist unklar. Laut Angaben der Anrufer, die zufällig vorbeikamen, fanden sie den Mann bereits regungslos am Boden liegend vor, ohne das eigentlichen Geschehen beobachtet zu haben.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist bewusstlos
Beim Setzen des Schmerzreizes zeigt er eine ungezielte Abwehrreaktion
Während der Atemkontrolle fällt ein schnarchendes Atemgeräusch, sowie eine unregelmäßigeAtmung auf
Der Patient zeigt Verletzungen am Kopf und an beiden Beinen
In unmittelbarerNähedesKopfes ist auf der Straße eine deutliche Blutlache zu erkennen
Dieses Bild wurde mit der KI-Software ChatGPT (OpenAI) erstellt. Es wurde automatisch generiert und dient ausschließlich illustrativen Zwecken.
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Polytrauma aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses an der A. radialis nicht tastbar
Zentraler Puls:
Rhythmisch
Schwach tastbar
Tachykard, 129/min
Akutes C-Problem
D
Nicht ansprechbar
GCS 5
Öffnen der Augen: 1
Beste verbale Reaktion: 1
Beste motorische Reaktion: 3
Pupillenkontrolle:
Anisokor
Links: weit, lichtstarr
Rechts: eng
Akutes D-Problem
E
Mäßig blutende Wunden am Kopf und beiden Beinen
Temperatur: 35,2 °C
Symptome:
Bewusstlosigkeit
Zyanose, unregelmäßige Atmung
Hirndruckzeichen
Schock
Allergien / Infektionen: Unbekannt
Medikamente: Unbekannt
Patientengeschichte: Unbekannt
Letzte Mahlzeit: Unbekannt
Ereignis: Verkehrsunfall mit Motorrad
Risikofaktoren: Unbekannt
Mittelbares E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einem Polytrauma. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definiton
Definition
Ein Polytrauma bezeichnet ein schweres Trauma mit gleichzeitiger Verletzung mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, bei dem mindestens eine der Verletzungen oder deren Kombination lebensbedrohlich ist.
Epidemiologie:
In Deutschland erfüllen jährlich etwa 40.000 Patient:innen die Kriterien eines Polytraumas. Es handelt sich dabei um eine der häufigsten Todesursachen bei jungen Erwachsenen.
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Ursachen
Die häufigsten Auslöser für ein Polytrauma sind:
Verkehrsunfälle, insbesondere mit:
Pkw-Insass:innen
Motorrad- und Fahrradfahrende
Fußgänger:innen, die von Pkw oder Zügen erfasst werden
Stürze aus großer Höhe
Stich- und Schussverletzungen
Info
Typische Verletzungsmuster und häufige Todesursachen
Bei Polytrauma-Patient:innen treten häufig folgende Verletzungen auf:
Schädel-Hirn-Traumata und Gesichtsfrakturen in ca. 70–90 % der Fälle
Frakturen der Beine und des Beckens in ca. 70 %
Thoraxverletzungen in ca. 20–60 %
Abdominalverletzungen in ca. 10–40 %
Frakturen der Arme in ca. 30 %
Wirbelsäulenverletzungen in ca. 5–10 %
Die häufigsten Todesursachen beim Polytrauma sind:
Schweres Schädel-Hirn-Trauma
Verbluten (hämorrhagischer Schock)
Multiorganversagen im Verlauf der Intensivbehandlung
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Pathophysiologie
Merke
Physiologischer Reminder: Homöostase bei Trauma
In einem gesundenOrganismus reagiert das Kreislauf- und Immunsystem auf akute Verletzungen durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel kompensatorischer Mechanismen:
Kardiovaskulär: Aufrechterhaltung des Perfusionsdrucks
Periphere Vasokonstriktion zur Umverteilung des Blutflusses in zentrale Organe (Herz, Gehirn)
Tachykardie zur Kompensation des verminderten Schlagvolumens
Zentrales Blutvolumen-Shifting durch venöse Kontraktion (v.a. Katecholamin-vermittelt)
Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) zur Volumenretention und Vasokonstriktion
ADH-Ausschüttung zur Wasserretention und Blutdruckstabilisierung
Gerinnungssystem: Aktivierung der plasmatischen und zellulären Hämostase zur lokalen Blutstillung
Vasokonstriktion und Endothelaktivierung als erste Reaktion
Thrombozytenadhäsion und -aggregation (zelluläre Hämostase)
Aktivierung der Gerinnungskaskade (plasmatische Hämostase) mit Fibrinbildung
Bildung eines stabilen Thrombus zur Wundabdichtung
Lokale Regulation durch Antithrombin, Protein C/S und Fibrinolyse
Temperaturregulation: Erhalt normothermer Bedingungen zur Sicherstellung enzymatischer und metabolischer Reaktionen
Vasokonstriktion der Hautgefäße zur Wärmeerhaltung
Zittern und Muskeltonuserhöhung zur Wärmeerzeugung
Hypothalamische Steuerung über Thermorezeptoren und Pyrogene
Vermeidung von Hypo- oder Hyperthermie, da Temperaturabweichungen enzymatische Prozesse stören können
Inflammation: Lokale Entzündungsreaktion zur Infektabwehr und Gewebeheilung ohne systemische Ausbreitung
Rekrutierung von Leukozyten (v.a. neutrophile Granulozyten, Monozyten)
Erhöhung der Gefäßpermeabilität zur Einwanderung von Immunzellen und Plasmafaktoren
Bildung von Eiter bei bakteriellen Infektionen (abszedierende Entzündung)
Selbstlimitierung durch antiinflammatorische Mediatoren zur Vermeidung systemischer Ausbreitung
Beim Polytrauma ist die physiologische Homöostase massiv gestört, da mehrere schwerwiegende Verletzungen gleichzeitig verschiedene Organsysteme betreffen und die kompensatorischen Regulationsmechanismen überfordern. Statt einer lokal begrenzten Antwort kommt es zu einer systemischen Dysregulation durch die gleichzeitige Aktivierung kardiovaskulärer, neuroendokriner, inflammatorischer und hämostatischer Systeme.
Achtung
Diese parallele Überstimulation führt zu einer progredienten Entgleisung der Kreislauf-, Gerinnungs- und Immunantwort, die klinisch in einem Zusammenspiel aus Hypothermie, Koagulopathie und metabolischer Azidose, der sogenannten letalen Trias des Traumas, kulminieren kann. Diese Trias verstärkt sich wechselseitig und stellt ein zentrales pathophysiologisches Syndrom dar, das unbehandelt in ein irreversibles Multiorganversagen mit hoher Letalität übergeht.
Ein Polytrauma führt nicht nur zu mechanischen Verletzungen, sondern löst auch eine systemische Immunreaktion aus. Diese überschießende Entzündungsantwort wird als Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS) bezeichnet und spielt eine zentrale Rolle im Verlauf kritischer Traumata.
Entzündungsgetriggerte Aktivierung der Gerinnung (immunothrombogen) → Bildung von Mikrothromben → Organschäden
Trauma-induzierte Koagulopathie (TIC):
Beim Polytrauma kann es zu einer Trauma-induzierten Koagulopathie (TIC) kommen, also zu einer schweren Störung der Blutgerinnung. Diese entsteht durch mehrere gleichzeitig wirkende Faktoren:
Verbrauch von Gerinnungsfaktoren durch massive Blutungen (Verbrauchskoagulopathie)
Verdünnung der Gerinnungsfaktoren durch unkontrollierte Infusionstherapie mit kristalloiden Lösungen
Hypothermie hemmt enzymatische Prozesse der Gerinnung
Azidose verschlechtert die Funktion von Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren
Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt dazu, dass die Blutgerinnung nicht mehr richtig funktioniert → unkontrollierten Blutungen, selbst aus kleineren Verletzungen
Tipp
Gleichzeitig zu viel und zu wenig Blutgerinnung
Zugleich können DIC-ähnliche Prozesse auftreten: Das heißt, im Körper bilden sich gleichzeitig kleinste Blutgerinnsel (Mikrothromben) in der Mikrozirkulation, während an anderer Stelle eine ausgeprägte Blutungsneigung besteht. Die Gerinnung ist also paradox gleichzeitig überaktiv und unzureichend, was die Prognose erheblich verschlechtert.
Hypothermie:
Verlust thermoregulatorischer Kontrolle durch Kälteexposition, Schock und ggf. mangelnder Wärmeerhalt
Temperatur <35 °C → enzymatische Dysfunktion, Thrombozytenfunktionsstörung, verminderte Gerinnung
Metabolische Azidose:
Ein Polytrauma führt zu einer mangelhaften Gewebeoxygenierung, z.B. durch Blutverlust, Schock oder gestörte Mikrozirkulation. Hieraus resultiert ein anaerober Stoffwechsel. Die daraus entstehende metabolische Azidose ist ein zentraler pathophysiologischer Faktor im Schockgeschehen.
Auswirkungen auf das Herz:
Hemmt die Kontraktilität des Herzmuskels → Abfall Herzzeitvolumen
Verstärkung anderer pathologischer Prozesse:
Die Azidoseverschlechtert die Gerinnungsfunktion, da viele Gerinnungsenzyme pH-abhängig sind → bestehende Koagulopathie wird verschärft
Zusätzlich werden zelluläre Funktionen gestört: Enzyme, Transportproteine und Zellstrukturen arbeiten bei saurem pH schlechter oder gar nicht mehr
Katecholaminresistenz: Adrenalin, Noradrenalin und andere körpereigene Stresshormone wirken schlechter → erschwerte Kreislaufstabilisierung
Multiorganversagen:
Das Multiorganversagen stellt die Endstrecke des systemischen Schockgeschehens beim Polytrauma dar. Es entsteht, wenn zentrale Organsysteme aufgrund anhaltender Durchblutungsstörung, systemischer Entzündungsreaktion und metabolischer Entgleisung ihre Funktion nicht mehr aufrechterhalten können.
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Polytraumas
Volumenverlust und hypovolämischer Schock
Trauma-induzierte Koagulopathie (TIC)
Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS)
Metabolische Azidose
Hypothermie
Letztendlich Multiorganversagen
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Klinischer Eindruck
Typische Zeichen
Die Symptomatik des Polytraumas variiert stark in Abhängigkeit von Unfallmechanismus und Verletzungskombination. Die folgenden Leitsymptome können Hinweise auf spezifischeVerletzungen geben:
Region
Leitsymptome / Hinweise
Schädel-Hirn-Trauma
Abbildung verwendet gemäß Flaticon-Premium-Lizenz. Dieses Bild darf ggf. nur mit einer entsprechenden Flaticon-Premium-Lizenz außerhalb der Medi Know-Materialien verwendet werden.
Bewusstseinsstörung / Bewusstlosigkeit
Blutungen / Weichteilverletzungen am Kopf oder Gesicht
Pupillendifferenz
Thorax (Knochen, Lunge)
Schmerzen
Verletzungen im Bereich des Thoraxs
Atemnot
Tachypnoe
Paradoxe Atmung bei instabilem Thorax
Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch
Gestaute Halsvenen möglich
Mediastinum / Herz
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Hämodynamische Instabilität
Einflussstauung + Hypotonie → Herzbeuteltamponade
Rhythmusstörungen → Contusio cordis
Dyspnoe + Emphysem → Trachea-/Bronchusverletzung
Abdomen / Bauchorgane
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Bauchschmerzen
Prellmarken im Bereich des Abdomens
Abwehrspannung / praller Bauch
Hypotonie, Tachykardie
Wirbelsäule
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Rückenschmerzen
Neurologische Ausfälle
Bei Bewusstlosigkeit: hohes Risiko einer Wirbelsäulenverletzung
Zeichen des neurogenen Schocks
Becken
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Schmerzen
Instabilität des Beckens
Hämodynamische Instabilität durch (retroperitoneale) Blutung
Extremitäten
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Schwellung
Blutung
Hämatome
Instabilität
Abnorme Beweglichkeit
Fehlstellung
Offene Frakturzeichen
Generalisierte Zeichen
Angst / Panik
Unruhe
Oberflächige Begleitverletzungen, z.B. Abschürfungen, Schnittverletzungen
Übelkeit
Erbrechen
Zittern
Tachykardie
Tachypnoe
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Diagnostik
Achtung
Speziell bei der Anamnese beim Polytrauma
Neben der standardisierten Anamnese ist eine explizite Anamnese zum Unfallhergang vonnöten, um die damit verbundene Kinetik korrekt einschätzen zu können. Das Verständnis der Energieübertragung und der Krafteinwirkung ermöglicht eine Einschätzung möglicher Verletzungsmuster.
Die folgenden Fragen können bei der Unfallanamnesehilfreich sein:
Allgemeine Fragen zum Unfallhergang:
Wann ist der Unfall passiert?
Wo wurde die verletzte Person aufgefunden (z.B. auf Straße, unterhalb eines Balkons)?
Wie lange lag die Person bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes?
Wurdeder Unfall beobachtet? Wer kann Auskunft geben?
War die Person bewusstlos? Wenn ja, wie lange?
Bei Sturzereignissen:
Sturzhöhe?
Ursache (z.B. Stolpern, Synkope, Suizidversuch?)
Wie war die Aufprallposition? (Kopf, Rücken, Beine, seitlich?)
Gab es mehrere Aufprallpunkte? (z.B. Äste, Treppen, Dachkanten?)
Wie war der Untergrund? (Asphalt, Erde, Rasen, Wasser?)
Gab es ein Durchbrechen von Strukturen? (Dach, Scheibe, Geländer?)
Fußraum eingedrückt? (Hinweis auf Bein- oder Beckenverletzungen)
Mehrere Aufprallereignisse (z.B. Überschlag, Baum, Folgefahrzeuge)?
Anamnese
Aktuelle Anamnese:
S (Symptome): Äußere Verletzungszeichen, Leitsymptome / Hinweise des jeweiligen Traumas, Tachykardie, Tachypnoe
A (Allergien, Infektionen): Sind Allergien bekannt oder gibt es Hinweise auf eine Infektion?
M (Medikation): Dauermedikation, vor allem relevant:
Antikoagulantien
Thrombozytenaggregationshemmer
P (Patientengeschichte):
Kardiovaskuläre Erkrankungen? → z.B. Herzinsuffizienz: eingeschränkte Kreislaufkompensation
Bekannte Gerinnungsstörung?
L (Letzte…): Letzte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme? → Relevant für Narkoseeinleitung
E (Ereignis): Genauen Hergang beachten, z.B. stumpfe oder spitze Gewalteinwirkung?
R (Risiko): Antikoagulation, kardiovaskuläre Erkrankungen, strukturell vorgeschädigtes Skelett, z.B. Osteoporose, Tumorinfiltration im Bereich der Wirbelsäule
S (Schwangerschaft): Mögliche Schwangerschaft bei Patient:innen → Schwangerschaftsspezifische Komplikationen eines Traumas beachten, z.B. vorzeitige Plazentaablösung
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schemazu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einem Polytrauma abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Merke
Die körperliche Untersuchung stellt eine zentrale Säule der Polytrauma-Diagnostik dar. Sie ermöglicht das Erkennen lebensbedrohlicher Verletzungen, bildet die Grundlage für Verdachtsdiagnosen und ist entscheidend für eine zielgerichtete Therapieplanung.
Sie erfolgt in zwei Schritten:
Erstbeurteilung nach dem xABCDE-Schema zur raschen Identifikation vital bedrohlicher Zustände
Systematischer Ganzkörpercheck von Kopf bis Fuß zur Erfassung weiterer Verletzungen
Ein wesentlicher Grundsatz ist die kontinuierliche Reevaluation: Nur durch das fortlaufende Überprüfen der Befunde können klinische Veränderungen frühzeitig erkannt und entsprechende therapeutische Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden.
Im Rahmen der körperlichen Untersuchung polytraumatisierter Patient:innen sind spezifische Untersuchungsschritte für die einzelnen Körperregionen essenziell. Die wichtigsten Aspekte werden in der folgenden Tabelle übersichtlich zusammengefasst, um eine strukturierte und vollständige Diagnostik zu gewährleisten.
Region
Untersuchungsschritt
Kopf
Beurteilung von Stabilität und Druckschmerz an Schädel und Gesichtsschädel
Pupillenkontrolle: Weite, Form, Lichtreaktion
Suche nach Verletzungen (auch unter den Haaren!)
Hinweise auf Schädelbasisfraktur: Monokel- oder Brillenhämatom, Battle Sign's
Kontrolle auf Blutungen aus Ohren, Nase oder Mund, inklusive kurzer Inspektion des Mundraums
Hals
Prüfung auf Druckschmerz entlang der Halswirbelsäule
Suche nach Hämatomen, Blutungen oder Schwellungen als Hinweis auf mögliche Atemwegskomplikationen
Stridor oder Schluckbeschwerden (Dysphagie) beachten
Trachea mittelständig?
Obere Einflussstauung?
Thorax
Prüfung auf Druckschmerz und Stabilität (Hinweis auf Rippenfrakturen oder Thoraxinstabilität)
Paradoxe Atmung?
Suche nach Hämatomen, Blutungen oder Schwellungen
Auskultation beider Lungenflügel:
Bei einseitig abgeschwächtem Atemgeräusch an Pneumothorax denken (aber: Auskultation schließt diesen nicht sicher aus!)
Bei fehlenden Atemgeräusch → an Spannungspneumothorax denken
Abdomen
Palpation des Abdomens: Druckschmerz, Abwehrspannung, lokale oder diffuse Schmerzen
Suche nach Hämatomen, Blutungen oder Schwellungen
Becken
Untersuchung nach S-KIPS Schema:
Schock: Vorliegen einer hämodynamischen Instabilität und mindestens eines der folgenden Kriterien:
Kinematik: Mechanismus mit möglicher Beckenbeteiligung
Inspektion: Sichtbare Beckenverletzung (Deformitäten, Hämatome oder offene Wunden im Beckenbereich, etc.)
Palpation: Frakturverdacht bei vorsichtiger seitlicher Palpation
Schmerzen: Spontan- oder Druckschnerz im Bereich des Beckens
Inspektion auf Verletzungen im Genitalbereich (werden initial häufig übersehen)
Wirbelsäule / Rücken
Abtasten der gesamten Wirbelsäule auf Druck- oder Klopfschmerz
Vollständige Inspektion des Rückens, insbesondere bei Umlagerung im Rahmen des Logroll-Manövers
Extremitäten
Auf Frakturzeichen achten:
Fehlstellungen
Instabilitäten
Krepitation
Schwellung
Suche nach Hämatomen, Blutungen oder Schwellungen
Kontrolle von pDMS (periphere Durchblutung, Motorik, Sensibilität)
Tipp
Zur strukturierten Ganzkörperuntersuchung müssen Traumapatient:innen vollständig entkleidet werden, um auch verdeckte Verletzungen frühzeitig zu erkennen. Dies sollte in einem geschützten Rahmen, wie etwa im RTW oder durch Sichtschutz, erfolgen, um die Privatsphäre der betroffenen Person zu wahren.
Vitalparameter:
Info
Die Vitalparameter von Polytraumapatient:innen sind sowohl von der Art und Schwere der Verletzung als auch von der jeweiligen Schockphase abhängig. Diese können in der initialen Kompensationsphase noch unauffällig erscheinen, während sie im fortgeschrittenen Stadium zunehmend entgleisen und deutliche Hinweise auf eine drohende Kreislaufdekompensation geben.
Kompensationsphase:
Tachykardie
Normotension oder leicht erniedrigter Blutdruck
Tachypnoe
Peripher kühle Haut, verlängerte Rekap-Zeit
Kaltschweißigkeit
Dekompensationsphase:
Hypotonie
Bradykardie oder ausgeprägte Tachykardie
Ateminsuffizienz
Marmorierte, zyanotische Haut
Bewusstseinsstörung bis Bewusstlosigkeit
Cushing-Trias bei schwerem SHT möglich
Pathologisches Atemmusterbei schweren SHT möglich
Hypothermie, v.a. bei längerer Bewegungseinschränkung oder kalter Umgebungstemperatur möglich
Bildgebung
Ultraschall:
Tipp
Die Durchführung der eFAST-Untersuchung bereits in der präklinischen Phase ermöglicht die frühzeitigeIdentifikationlebensbedrohlicherinnererBlutungenoderLuftansammlungen und unterstützt somit entscheidend die Priorisierung, Behandlung und Auswahl der Zielklinikwahl beim Polytrauma.
Die E-FAST Sonographie (Extended Focused Assessment with Sonography for Trauma) ist eine fokussierte Untersuchung von Traumapatient:innen. Hierbei werden 4 Regionen untersucht, in denen sich freie Flüssigkeit ansammeln kann. Bis zum Beweis des Gegenteils ist jede Flüssigkeitsansammlung als Blutung zu werten.
Suprapubischer Längs-/Querschnitt: ♀Excavatio rectouterina (Douglas-Raum) bzw. ♂Excavatio rectovesicalis (Proust-Raum)
Subxiphoidal: perikardiale Flüssigkeit
Pleura: zur Detektion eines Pneumothorax (physiologisch: „Ameisenlaufen“ = Pleurabewegungen; Barcode-Zeichen im M-Mode → Hinweis für einen Pneumothorax)
Wird die Untersuchung durch eine geübte Person durchgeführt, dauert sie im Normalfall nicht länger als etwa 90 Sekunden und kann entsprechend sehr gut bereits präklinisch durchgeführt werden.
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Therapie
Merke
Die Kernprinzipien der Polytrauma-Versorgung
Die Versorgung polytraumatisierter Patient:innen basiert auf den folgenden Kernprinzipien, die eine frühzeitige Identifikation und Behandlung vitaler Bedrohungen sowie die Stabilisierung lebenswichtiger Funktionen zum Ziel haben.
Die Versorgungszeit beieinem Polytrauma sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Idealerweise soll die erkrankte Person innerhalb von 60 Minuten nach dem Ereignis in einem geeignetenTraumazentrum eintreffen.
→ Zügig und priorisiert vorgehen!
Kritische Blutungen stoppen
Blutungskontrolle
Im Hinblick auf die Art der Blutung hat sich die Einteilung nach Lokalisation und Komprimierbarkeit als praxisrelevant etabliert. Je nach Blutungsort kommen unterschiedliche Maßnahmen zur temporären Blutungskontrolle in Betracht.
Lokalisation
Beispiel
Komprimierbarkeit
Empfohlene Maßnahmen zur Blutungskontrolle
Periphere Extremitätenblutungen
Amputationsverletzung
Komprimierbar
Manuelle Kompression
Druckverband, ggf. ergänzt durch Hämostyptika
Tourniquet
Junktionale Blutungen (axillär/inguinal)
Schuss- oder Stichverletzung in der Leiste
Bedingt komprimierbar
Manuelle Kompression
Wound-Packing mit Hämostyptika
Druckverband
Trunkale Blutungen / Höhlenblutungen
Milzruptur nach stumpfem Bauchtrauma mit intraabdomineller Blutung
Nicht komprimierbar
Keine direkte Blutungskontrolle möglich, supportive Maßnahmen durch:
Permissive Hypotonie
Kalkulierte Gerinnungstherapie, z.B. TXA-Gabe
Wärmeerhalt
Absolute Transportpriorität → schneller Transport in geeignete Zielklinik
Blutstillung:
Druckverband oder Tourniquet, um starke Blutungen zu kontrollieren
Ein Tourniquet ist lebensrettend bei stark blutenden Extremitätenwunden
Achtung
Vorgehen bei stark blutender Wunde
Sofortmaßnahmen: Hochlagerung der betroffenen Extremität und direkte manuelle Kompression der Blutungsquelle
Druckverband: Anlage eines Druckverbands mit punktueller Kompression, ggf. in Kombination mit Hämostyptikum
Arterie abdrücken: Bei schwerer Blutung Abdrücken der Hauptarterie proximal der Verletzung: → Obere Extremität: A. brachialis / untere Extremität: A. femoralis
Tourniquet: Bei nicht kontrollierbarer Blutung ggf. Anwendung eines Tourniquets
Reevaluation: Blutung regelmäßig überprüfen und ggf. Maßnahmen anpassen
Druckverband:
Im Regelfall wird die Blutstillung am Stumpf durch einen korrekt angelegten Druckverband in Kombination mit einer Hochlagerung der betroffenen Extremität erreicht.
Info
Druckverband
Sterile Kompresse auf die Wunde legen
Zweimal mit einer Mullbinde umwickeln
Nicht saugfähiges Druckpolster auf die Wunde legen (größer als die Wunde)
Restliche Mullbinde umwickeln
Enden der Mullbinde verknoten
Tipp: Wenn das Druckpolster mit einer kleinen Ecke aus dem Verband herausschaut, kann es bei Bedarf durch Zug entfernt werden, ohne dass der Verband komplett entfernt werden muss. Das kann beispielsweise hilfreich sein, wenn der Verband zu eng gewickelt worden ist und eine Minderperfusion der Extremität gegeben ist (insbesondere bei Kindern wichtig).
Wound-Packing:
Wound Packing wird insbesondere bei tiefen, stark blutenden Wunden angewendet, die aufgrund ihrer Lokalisation nicht mit einem Tourniquet versorgt werden können, jedoch noch teilweise komprimierbar sind. Typische Einsatzbereiche sind junktionale Regionen wie Leiste, Achselhöhle oder Hals, wo lebensbedrohliche Blutungen durch gezieltes Ausstopfen der Wunde kontrolliert werden können.
Im Rettungsdienst erfolgt das Wound Packing idealerweise unter Verwendung von hämostyptischem Verbandmaterial (z.B. mit Chitosan oder Kaolin beschichtet), das die Blutstillung aktiv unterstützt. Diese Materialien fördern durch ihre spezielle Beschichtung eine schnellere Gerinnselbildung.
Tourniquet:
Bei nicht kontrollierbarer Blutung kommt ein Tourniquet zur Anwendung, das proximal der Verletzungsstelle angelegt wird, um die Blutung effektiv zu stoppen.
Tipp
Tourniquet richtig anwenden
Uhrzeit dokumentieren: Notiere die Anlagezeit direkt am Tourniquet, um die Dauer der Anwendung im Blick zu behalten
Komplikationen vermeiden: Ein Tourniquet sollte idealerweise vor Ablauf von 2 Stunden entfernt werden, da danach das Risiko einer Ischämie und Gewebsnekrose deutlich steigt
Schnelle Versorgung: Sorge dafür, dass der Patient rechtzeitig in ärztliche Behandlung kommt, um das Tourniquet sicher zu lösen und weitere Komplikationen zu vermeiden
Analgesie: Die Anlage verursacht starke Schmerzen. Sorge nach der Blutstillung für eine ausreichendeSchmerztherapie
Anlage eines Tourniquets
Beckenschlinge:
Bei Polytraumapatient:innen mit klinischen Hinweisen auf eine instabile Beckenringverletzung und hämodynamischer Instabilität soll die Anlage einer Beckenschlinge erfolgen. Zur Beurteilung einer potenziell instabilen Beckenverletzung kann das S-KIPS-Schema herangezogen werden. Es hilft, relevante klinische Hinweise frühzeitig zu erkennen und die Indikation zur Anlage einer Beckenschlinge zu stellen.
Info
S-KIPS-Schema (statt KISS-Schema)
Definition: Das S-KIPS-Schema ist ein praktischer Algorithmus, der die Indikationsstellung zur Beckenstabilisierung bei Verdacht auf Beckenverletzung erleichtert. Mit der Einführung dieses neuen Schemas ist das veraltete KISS-Schema nicht mehr gültig
Schock: Vorliegen einer hämodynamischen Instabilität und mindestens eines der folgenden Kriterien:
Kinematik: Mechanismus mit möglicher Beckenbeteiligung
Inspektion: Sichtbare Beckenverletzung (Deformitäten, Hämatome oder offene Wunden im Beckenbereich, etc.)
Palpation: Frakturverdacht bei vorsichtiger seitlicher Palpation
Schmerzen: Spontan- oder Druckschmerz im Bereich des Beckens
Anwendung der Beckenschlinge:
Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
Erste Hilfsperson bringt die Beine vorsichtig in Innenrotationsstellung
Zweite Hilfsperson führt den Gurt unter den Knien hindurch und schließt ihn oberhalb der Knie (kein Druck auf das Fibularisköpfchen und damit den N. fibularis communis ausüben)
Alternativ können die Fußspitzen der Person miteinander fixiert werden. Dazu werden die Füße der Person parallel mit den Fußspitzen nach vorn ausgerichtet und durch einen Gurt o.Ä. fixiert
Anlage der Beckenschlinge
Beide Hilfpersonen befinden sich seitlich auf Beckenhöhe
Beckenschlinge entfalten
Beckenschlinge unter den Knien durchziehen
Enden der Schlinge greifen und mit kranialer Hand manuell das Becken stabilisieren
Beckenschlinge unter der Person nach kranial bewegen ("Sägebewegung"), möglichst ohne das Becken zu verschieben
Schlinge auf Höhe des Trochanter major positionieren
Schnalle vor der Symphyse verschließen
Freies Ende der Beckenschlinge durch die Schnalle ziehen und zusammen mit Hilfperson Zug ausüben, bis Klickgeräusch den korrekten Druck signalisiert
Einer der häufigsten Fehler ist, dass die Beckenschlinge zu weit kranial angelegt wird. Dadurch wird Druck auf die Ossis ilii (Darmbeine) ausgeübt und das Becken im kaudalen Bereich geöffnet. Blut kann dann sogar besser ins Becken austreten und die Person ist stärker gefährdet.
Oxygenierung sicherstellen
Achtung
Die Sicherung der Atemwege zählt zu den wichtigsten Maßnahmen in der Behandlung schwer verletzter Patient:innen. Ziel ist es, eine ausreichendeSauerstoffversorgung (Oxygenierung) und effektiveBelüftung (Ventilation) jederzeit sicherzustellen.
Atemwegsmanagement:
Zur SicherungderAtemwege und zur Gewährleistung einer adäquatenOxygenierung stehen verschiedeneVerfahren der AtemwegssicherungundBeatmungzurVerfügung, die je nach klinischer Situation, Zustand der erkrankten Person zum Einsatz kommen.
Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Maßnahmen zur Atemwegssicherung und Sicherstellung der Oxygenierung bei polytraumatisierten Patient:innen strukturiert dar.
Tipp
Endotracheale Intubation bei Trauma – Keyfacts & Praxistipps auf einen Blick
Der Goldstandard zur Sicherung des Atemwegs bei kritisch verletzten Patient:innen ist die endotracheale Intubation, da sie eine zuverlässige Kontrolle der Oxygenierung, Ventilation und Aspirationsprophylaxe ermöglicht.
Schwieriger Atemweg: Traumapatient:innen (v.a. mit SHT, Gesichtsverletzungen, Blut im Mund-Rachen-Raum oder HWS-Trauma) haben ein erhöhtes Risiko für schwierige Intubationsbedingungen
Primäre Nutzung eines Videolaryngoskops: Empfohlen bei schwierigem Atemweg oder eingeschränkter Sicht → erhöht die Intubationssicherheit
HWS-Immobilisation beachten: Inline-Stabilisierung während der Intubation zur Vermeidung von Sekundärschäden bei HWS-Trauma
Alternative bereithalten: Verfügbare Atemwegshilfen (z.B. supraglottische Atemwegshilfen wie Larynxtubus oder Larynxmaske) vorbereitet und griffbereit halten, um bei Scheitern der endotrachealen Intubation sofort reagieren zu können
Präoxygenierung: Vor der Intubation sollte eine präoxygenierende Beatmung mit hochkonzentriertem O₂ über eine dichtsitzende Maske erfolgen, idealerweise ≥3 Minuten mit 100 % O₂. Ziel ist ein maximaler Sauerstoffvorrat in Lunge und Blut zur Verlängerung der sicheren Apnoezeit
Apnoeoxygenierung: Zusätzlich zur Maskenbeatmung kann während der Apnoephase eine Sauerstoffgabe über eine Nasenbrille (2–4 l/min O₂) erfolgen. Dies ermöglicht eine kontinuierliche Oxygenierung trotz fehlender Atembewegung und verlängert die Zeit bis zum Abfall der Sauerstoffsättigung
Info
Weitere Informationen zum Thema Atemwegsmanagement sowie praxisrelevante Hinweise zur Durchführung und Auswahl geeigneter Maßnahmen findest du im Artikel: Sicherung der Atemwege.
Therapie eines Spannungspneumothorax durch Nadeldekompression (Nadelthorakostomie)
Bei polytraumatisierten Patient:innen besteht ein hohesRisiko für die Entwicklung eines Spannungspneumothorax, insbesonderebeithorakalenTraumata. Dieser muss schnellstmöglichbehandelt werden, da akuteLebensgefahr besteht.
Nadeldekompression als Notfallmaßnahme der 1. Wahl bei klinischem Verdacht auf einen Spannungspneumothorax
Die Kanüle wird in den 2. Interkostalraum an der Medioklavikularlinie (der sogenannten Monaldi-Position) auf der betroffenen Seite eingeführt
Alternativ kann auch der 4. oder 5. Interkostalraum in der mittleren oder vorderen Axillarlinie (Bülau-Position) genutzt werden
Achtung
Nach der initialen Nadeldekompression muss der Spannungspneumothorax dauerhaft durch eine Thoraxdrainage behandelt werden, um die Luft kontinuierlich aus dem Pleuraspalt abzuleiten und eine erneute Druckerhöhung zu verhindern.
Notfallnarkose:
Bei polytraumatisierten Patient:innen soll bei Vorliegen folgenderBefunde eine Notfallnarkose(Rapid Sequence Inductionmit = RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation und Beatmung erfolgen:
Hypoxie (SpO2 <90 %) trotz adäquater Sauerstoffgabe und Ausschluss eines Spannungspneumothorax
Schweres Schädel-Hirn-Trauma mit einem GCS <9
Schweres Thoraxtrauma mit Zeichen einer respiratorischen Insuffizienz (Atemfrequenz >29 pro Minute)
Volumentherapie und Gerinnungsmanagement
Volumentherapie:
Merke
Eine gezielteVolumentherapieistessenziell für die Stabilisierung des Kreislaufs bei Polytrauma-Patient:innen und soll dem jeweiligenklinischenBildangepasst erfolgen.
Bei Schwerverletzten soll eine bedarfsgerechte Volumentherapie erfolgen:
Bei persistierender Hypotonie → Einsatz von Katecholaminen, z.B. Noradrenalin
Achtung
Zur Vermeidung einer weiteren Hypothermie sollen Infusionslösungen idealerweise vorgewärmt verabreicht werden.
Tipp
KolloidaleInfusionslösungen können im Einzelfall zur kurzfristigen Volumenstabilisierung eingesetzt werden, sollte aber wegen möglicher Nebenwirkungen nur zurückhaltend und kritisch indiziert verabreicht werden. In der präklinischen Notfallmedizin sind balancierte kristalloide Lösungen Mittel der ersten Wahl.
Gerinnungsmanagement:
Frühzeitige Gabe von Tranexamsäure (TXA): Bei Patient:innen mit einem manifesten oder drohenden hämorrhagischen Schock sollte so früh wie möglich Tranexamsäure verabreicht werden
Prähospitale Blutprodukte: Auch wenn die Studienlage zu einem konkreten Outcome-Vorteil derzeit uneinheitlich ist, gilt eine frühe prähospitale Transfusion als sinnvoll und potenziell lebensrettend
Gabe von Fibrinogen: Bei lebensbedrohlichen Blutungen und/oder hämorrhagischem Schock kann zusätzlich zur Volumen- und Gerinnungstherapie die Gabe von Fibrinogen erwogen werden
Info
Vorhaltung von Blutprodukten und Fibrinogen
Die Verfügbarkeit von Blutprodukten nimmtin Deutschland kontinuierlich zu, insbesondere durch die zunehmende Ausstattung von Rettungshubschraubern und spezialisiertenEinsatzfahrzeugen wie dem MedicalInterventionCar
Fibrinogenpräparate stehen im präklinischen Bereich bislang nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und stellen daher eherdieAusnahme dar
Analgesie
Merke
Eine frühzeitige und ausreichend dosierte Analgesie ist ein zentraler Bestandteil der präklinischen Versorgung von Traumapatient:innen, da unzureichend behandelte Schmerzen nicht nur das subjektive Erleben verschlechtern, sondern auch physiologische Stressreaktionen mit potenziell negativen Auswirkungen auf Kreislauf, Atmung und Heilungsverlauf auslösen können.
Medikamentöse Maßnahmen:
Die Wahl des geeigneten Analgetikums in der präklinischen Versorgung hängt von zahlreichen Faktoren ab, insbesondere vom klinischen Zustand der erkrankten Person, sowie der Erfahrung und Qualifikation des Behandelnden. Die folgenden Medikamente finden häufig Anwendung:
Opioide:
Fentanyl
Morphin
Sufentanil
Esketamin
→ Ziel der Schmerztherapie ist eine Reduktion der Schmerzen auf einen Wert von ≤4 auf der Schmerzskala, um eine ausreichende Analgesie sicherzustellen und das Wohlbefinden der erkrankten Person zu verbessern.
Info
Weitere Informationen, einschließlich praktischer Beispiele zur Anwendung, Wirkstoffauswahl und Dosierung, findest du im Artikel: Analgesie durch Notfallsanitäter:innen (Patient:innen ab 30 kg Körpergewicht).
Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
Ergänzend zur medikamentösen Schmerztherapie sollen auch physikalische Maßnahmen Anwendung finden, um die Analgesie zu unterstützen. Dazu zählen insbesondere:
Lagerung: Eine schonende und schmerzarme Lagerung kann zur deutlichen Schmerzreduktion beitragen. Durch gezielte Positionierung wird die betroffene Körperregion entlastet, Bewegungen werden minimiert und die erkrankte Person gewinnt an subjektivem Wohlbefinden
Schienung: Die Immobilisation verletzter Extremitäten durch geeignete Schienen stabilisiert Frakturen oder Gelenkverletzungen. Dies verhindert schmerzhafte Bewegungen, reduziert das Risiko weiterer Gewebeschädigung und unterstützt eine effektive Analgesie.
Kühlung: Die lokale Anwendung von Kälte kann Schmerzen lindern, Schwellungen verringern und entzündliche Reaktionen abschwächen
Tipp
Applikationswege zur Analgesie bei Traumapatient:innen:
Intravenös (i.v.):
Primärer Applikationsweg
Schnell, gut steuerbar, etabliertes Vorgehen
Intraossär (i.o.):
Alternative bei fehlendem i.v.-Zugang
Nur bei vitaler Bedrohung und dringender Indikation
Gleiche Dosierung wie i.v., aber nur im Ausnahmefall primär
Intranasal (i.n.):
Option bei fehlendem venösem oder intraossärem Zugang
Besonders bei Kindern geeignet
Off-Label-Use
Schwerstverletzte Patient:innen benötigen immer einen intravenösen (i.v.) oder intraossären (i.o.) Zugang. Die nasale Applikation von Medikamenten ist lediglich als überbrückende Maßnahme zur initialen Analgesie geeignet, z.B. bei noch ausstehender Venenpunktion.
Immobilisation
Die Immobilisation der Wirbelsäule orientiert sich an den allgemeinen Prinzipien der Frakturversorgung: Ruhigstellung der angrenzenden Gelenke ober- und unterhalb der Verletzungsstelle. Da die Wirbelsäule jedoch als funktionelle Einheit wirkt und bei einem Trauma mehrere Segmente betroffen sein können, muss die Immobilisation auf die gesamte Wirbelsäule ausgedehnt werden. In diesem Zusammenhang gilt: Der Kopf fungiert als Gelenk oberhalb, das Becken als Gelenk unterhalb der Wirbelsäule → beide müssen daher mit fixiert werden.
Zur Immobilisation kommen diese bewährten Verfahren zum Einsatz:
Vakuummatratze, ggf. in Kombination mit einer Zervikalstütze
Spineboard mit Headblocks zur Fixierung des Kopfes
Kombinationsboard, entweder in Kombination mit der Vakuummatratze oder eigenständig wie ein Spineboard
Eine klare Empfehlung für ein spezifisches Hilfsmittel gibt es nicht. Die Wahl hängt vom ZustanddererkranktenPerson, dem Einsatzkontext und der Transportdauer ab. Diese Tabelle listet Vor- und Nachteile beider Varianten auf und kann dabei helfen, vor Ort eine situationsgerechte Entscheidung zu treffen.
Merkmal
Spineboard
Vakuummatratze
Rettung von Patient:innen
+
-
Transport
-
+
Schmerzarme Lagerung
-
+
Verursachung von Druckstellen
-
+
Komfort für Patient:innen
-
+
Anwendung bei ankylosierender Erkrankung (z.B. Morbus Bechterew)
-
+
Vorteile (+) und Nachteile (-) bei der Immobilisation mittels Spineboard vs. Vakuummatratze
Merke
Die Liegedauer auf einem Spineboard sollte 30 Minuten nicht überschreiten, da eine längere Immobilisation das Risiko für Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Schmerzen erheblich erhöht. Nach Möglichkeit sollte daher, nach der technischen Rettung zügig auf eine Vakuummatratze umgelagert werden oder diese initiale genutzt werden.
Algorithmus:
Canadian C-Spine Rule:
Wärmeerhalt
Merke
Ein adäquater Wärmeerhalt stellt eine essenzielle Maßnahme in der präklinischen Versorgung Schwerverletzter dar. Eine Hypothermie (Körperkerntemperatur <35 °C) kann die Gerinnungsfunktionerheblichbeeinträchtigen und verstärkt die sogenannte „letale Trias“ aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie. BereitsgeringeTemperaturverlusteverschlechternPrognoseundOutcomesignifikant.
→ Das Ziel ist es daher, eine Hypothermie konsequent zu vermeiden und die Körperkerntemperatur auf ≥36 °C zu halten.
Praktische Maßnahmen:
Frühzeitige passive Wärmeerhaltung: Wind- und feuchtigkeitsdichte Rettungsdecke, Patient:innen erst im RTW entkleiden (wenn möglich)
Aktive Wärmeerhaltung: Wärmedecken, RTW vorheizen
Erwärmte Infusionslösungen: Idealerweise nur vorgewärmte Infusionen (35-38 °C) verabreichen
Schutz vor Umgebungseinflüssen: Patient möglichst rasch aus kalter Umgebung entfernen
Weitere Maßnahmen
Kontinuierliches Monitoring
Frühzeitige Kommunikation mit der Zielklinik
Einsatztaktische Maßnahmen:
RTH?
Weitere Ressourcen notwendig?
Versorgung von Begleitverletzungen
Tipp
Die Nachforderung weiterer Ressourcen sollte schnellstmöglich im Einsatz passieren, um die Wartezeit auf das Eintreffen weiterer Kräfte mit sinnvollen Maßnahmen füllen zu können. Hier gilt auch das Prinzip „Besser haben als brauchen“!
Lagerung:
Es ist auch immer wichtig, die Lagerung adäquat anzupassen. In diesem Fall ist die Lagerung abhängig von dem vorliegenden Verletzungsmuster.
Tipp
Bei Patient:innen mit Verdacht auf ein Polytrauma sollte grundsätzlich von einer möglichen Beteiligung der Wirbelsäule ausgegangen werden, insbesondere bei Hochrasanztraumata oder unklarem Unfallmechanismus.
Die Indikation zur Immobilisation sollte im Zweifel großzügig gestellt werden, um sekundäre Schädigungen des Rückenmarks durch unnötige Bewegungen zu vermeiden
Patient:innen mit einem Schädel-Hirn-Trauma sollen 30° Oberkörperhochohne Stifneck in einer Vakuummatratze gelagert werden. Die Kopfstabilisierung erfolgt dabei durch die angepasste Form der Vakuummatratze
Die Lagerung von Polytraumapatient:innen muss stets an die aktuelle Kreislaufsituation angepasst werden, um eine Optimierung der Perfusion lebenswichtiger Organe, eine Schonung verletzter Strukturen sowie die Vermeidung weiterer Komplikationen zu gewährleisten. Eine standardisierte Lagerung existiert nicht – stattdessen erfordert jedes Verletzungsmuster und jeder klinische Zustand eine individuelle und situativ angepasste Lagerung.
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Besondere Situationen
Geriatrische Patient:innen
Besonderheiten und Herausforderungen:
Höheres Verletzungsrisiko bereits bei Bagatelltrauma, v.a. durch Osteoporose, Sarkopenie und Koordinationsstörungen
Multimorbidität (z.B. KHK, Diabetes, Niereninsuffizienz, Demenz) verändert die hämodynamische und metabolische Kompensationsfähigkeit
Dauermedikation wie Antikoagulanzien (v a. NOAKs, Marcumar) erhöhen das Risiko lebensbedrohlicher intrakranieller Blutungen auch ohne initiale Symptome
Schlechtere Prognose durch reduzierte funktionelle Reserve, selbst nach optimaler Versorgung oft eingeschränkte Rehabilitationsfähigkeit
Klinische Konsequenzen:
Initiale Symptome können subtil sein (fehlende Tachykardie durch ß-Blocker, unauffälliger Blutdruck trotz Schock)
Angepasste Volumentherapie: Risiko der kardialen Dekompensation beachten
Erweiterte Schmerztherapie: auf Nierenfunktion und Komorbiditäten abgestimmte Analgetika, hohes Risiko für Delir beachten
Schwangere
Besonderheiten und Herausforderungen:
Versorgung muss MutterundFetus einschließen
Physiologische Veränderungen der Schwangerschaft ab dem 2. Trimenon:
Erhöhtes Blutvolumen (+40 %), aber hämodynamische Kompensation bei Blutverlust erschwert
Erhöhter Sauerstoffbedarf und verminderte funktionelle Residualkapazität der Lungen
Verlagerung intraabdomineller Organe durch Uterus
Klinische Konsequenzen:
Linksseitenlagerung (ab 20. SSW) zur Vermeidung eines Vena-cava-Kompressions-Syndroms
Hämodynamische Instabilität frühzeitig erkennen, auch bei scheinbar normalen Werten
Frühzeitige Gabe von Sauerstoff und Volumen → Perfusionserhalt hat oberste Priorität
Transabdominale Sonografie bei Verdacht auf intraabdominelle Blutung oder fetale Komplikationen
Früher Kontakt zu Klinik mit Geburtshilfe
Toxische Medikamentenwirkungen auf Fetus berücksichtigen, z.B. bei Benzodiazepinen oder Esketamin
Pädiatrische Patient:innen
Besonderheiten und Herausforderungen:
Physiologische Unterschiede:
Kleineres Blutvolumen: Blutverluste von 250 bis 500 ml können bereits vital bedrohlich sein
Höherer Grundumsatz
Empfindliche Thermoregulation
Geringe Fettreserven
Kompensation lange möglich, danach rascher Dekompensationseintritt:
Schockzeichen (Tachykardie, verlängerte Rekap-Zeit, kalte Extremitäten) früh deuten
Blutdruckabfall ist ein Spätzeichen → notfallmedizinischer Handlungsbedarf besteht meist früher
Tipp
Ein Polytrauma ist an und für sich schon ein sehr fordernder Einsatz. Findet dieser bei einem Kind statt, ist das Rettungsteam oft an der Grenze zur Überforderung. Insbesondere in einem solchen Fall ist es sinnvoll auf Hilfen zurückzugreifen, wie Tabellen mit Normwerten und Dosierungen.
Klinische Konsequenzen:
Spezifische Vitalparameter je nach Altersgruppe beachten (z.B. Atemfrequenz, Herzfrequenz)
Genaue Gewichtsschätzung erforderlich zur korrekten Dosierung von Medikamenten
Analgesie und Sedierung altersgerecht, unter Beachtung von Angst, Entwicklungsstand und Verträglichkeit
Korrekte Wahl der Atemwegshilfen (Maskengrößen, Tubusdurchmesser) nach Alter und Gewicht
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Weitere Therapie im klinischen Setting
Versorgung in der Notaufnahme
In dieser Notlage kann es helfen, sich mental auf die nächsten Schritte vorzubereiten. Dafür ist es ratsam, schon auf der Fahrt zum Krankenhaus zu erklären, wie das weitere Procedere im Krankenhaus aussieht und worauf die Person sich potenziell einstellen muss.
Achtung
Da die Therapie je nach aufnehmendem Krankenhaus und Behandler:in variieren kann, empfiehlt es sich nicht, einen bestimmten Behandlungsweg detailliert zu beschreiben. Eine grobe Skizzierung des weiteren Behandlungspfades reicht völlig aus, um Unsicherheiten zu minimieren. Die weiteren Informationen dienen ausschließlich eurer Information als Fachpersonal!
Versorgung im Schockraum:
Info
Anmeldekriterien für eine Schockraum-Alarmierung
Die Alarmierung eines Schockraums hängt von vielen Faktoren ab. Bei folgendenBefunden im Rahmen eines Polytraumas und / oderUnfallmechanismen soll eine Schockraum-Alarmierungzwingenderfolgen:
Bei folgenden Verletzungen:
Instabiler Thorax
Mechanisch instabile Beckenverletzung
Vorliegen von penetrierenden Verletzungen der Rumpf-Hals-Region
Amputationsverletzung proximal der Hände / Füße
Sensomotorisches Defizit nach Wirbelsäulenverletzung
Frakturen von 2 oder mehr proximalen großen Röhrenknochen
Verbrennungen > 20 % und Grad ≥ 2b
Nach folgenden durchgeführten Maßnahmen:
Erforderliche Atemwegssicherung
Thoraxentlastung
Katecholamingabe
Anlage Tourniquet
Weitere invasive Maßnahmen prähospital
Bei folgenden Pathologien:
Atemstörungen (SpO2 <90 %)
Erforderliche Atemwegssicherung
AF <10 oder >29
Systolischer Blutdruck <90 mmHg
Herzfrequenz >120/min
Schockindex >0,9
Positiver eFAST
GCS ≤12
Hypothermie <35,0 °C
Bei folgenden Unfallmechanismen:
Sturz aus großer Höhe
Hochrasanztrauma, z.B. Verkehrsunfall >100 km/h
Zusätzlich bei geriatrischen Patient:innen:
Systolischer Blutdruck <100mmHg
Bekanntes oder vermutetes Schädel-Hirn-Trauma und GCS ≤14
2 oder mehr verletzte Körperregionen
Fraktur eines oder mehrerer langer Röhrenknochen nach Verkehrsunfall
Wird ein:e Patient:in vom Rettungsteam als kritisch eingestuft, kann eine Schockraumalarmierung auch dann erfolgen, wenn die formalen Kriterien nicht erfüllt sind. Auch logistische Faktoren, die die Versorgung erleichtern, tragen zu der Entscheidung bei.
Nach der strukturierten Übergabe durch den Rettungsdienst beginnt die interdisziplinäreSchockraumversorgung, die sich gemäß in drei aufeinanderfolgende Phasen gliedert:
Phase 1 - Primäre Versorgung (Initialversorgung im Schockraum):
Durchführung eines strukturierten xABCDE-Schemas und Behandlung lebensgefährlicher Verletzungen, z.B. Spannungspneumothorax
Initialdiagnostik mit eFAST
Blutentnahme
Frühe Entscheidung:
Sofort-OP?
CT bei Kreislaufstabilität?
Intensivaufnahme?
Merke
Ziel: DurchführunglebensrettenderSofortmaßnahmen sowie eine strukturierte Basisdiagnostik, um die DringlichkeitoperativerInterventionen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu priorisieren.
Phase 2 - Erweiterte Diagnostik und Therapieeinleitung:
Ggf. Durchführung eines Ganzkörper-CT (Polytrauma-Protokoll)
Reevaluation: Kontinuierliche Vitalzeichenkontrolle und Wiederholung des xABCDE
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Transport
Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall und richtet sich nach der Art der Verletzung, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Schwerverletzte Patient:innen sollen zeitnah in ein geeignetes Traumazentrum transportiert werden, das über die erforderliche personelle, technische und strukturelle Ausstattung zur umfassenden Versorgung von Polytraumata verfügt
Es sollte auf freie Atemwege geachtet werden und eine ständige Überwachung der Vitalparameter erfolgen
Bei instabiler Kreislaufsituation sollte der Transport unter kontinuierlicher Kreislaufüberwachung und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung erfolgen
Erfolgt der TransportunterBeatmung, müssen die Beatmungseinstellungen gründlich überwacht und auf den jeweiligen Patient:innenzustand angepasst werden
An frühzeitige Einbindung der Luftrettung denken, v.a. bei weiten Transportwegen. Dabei sind insbesondere einsatztaktische Überlegungen sowie der zeitkritische Charakter der Versorgung zu beachten
Patient:innen mit penetrierendemThorax- und/oder Abdominaltrauma sollten so schnell wie möglich in das nächstgelegeneTraumazentrum oder Krankenhaus transportiert werden, das eine umgehende chirurgische Blutstillung ermöglichen kann
Penetrierendes Thorax- und/oder Abdominaltrauma → schnellstmöglicher Transport in nächstgelegeneTraumazentrum oder Krankenhaus, das eine umgehende chirurgische Blutstillung ermöglicht
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Prüfungswissen
Zur Zusammenfassung hier die Hard facts, die bei der Examensvorbereitung oder im Einsatz helfen können:
Definition:
Definition
Ein Polytrauma bezeichnet ein schweres Trauma mit gleichzeitiger Verletzung mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, bei dem mindestens eine der Verletzungen oder deren Kombination lebensbedrohlich ist.
Ursachen:
Die häufigsten Auslöser für ein Polytrauma sind:
Verkehrsunfälle, insbesondere mit:
Pkw-Insass:innen
Motorrad- und Fahrradfahrenden
Fußgänger:innen, die von Pkw oder Zügen erfasst werden
Stürze aus großer Höhe
Stich- und Schussverletzungen
Pathophysiologie:
Beim Polytrauma ist die physiologische Homöostase massiv gestört, da mehrere schwerwiegende Verletzungen gleichzeitig verschiedene Organsysteme betreffen und die kompensatorischen Regulationsmechanismen überfordern. Statt einer lokal begrenzten Antwort kommt es zu einer systemischen Dysregulation durch die gleichzeitige Aktivierung kardiovaskulärer, neuroendokriner, inflammatorischer und hämostatischer Systeme
Diese parallele Überstimulation führt zu einer progredienten Entgleisung der Kreislauf-, Gerinnungs- und Immunantwort, die klinisch in einem Zusammenspiel aus Hypothermie, Koagulopathie und metabolischer Azidose, der sogenannten letalen Trias des Traumas, kulminieren kann. Diese Trias verstärkt sich wechselseitig und stellt ein zentrales pathophysiologisches Syndrom dar, das unbehandelt in ein irreversibles Multiorganversagen mit hoher Letalität übergeht
Klinischer Eindruck:
Die Symptomatik des Polytraumas variiert stark in Abhängigkeit von Unfallmechanismus und Verletzungskombination.
Leitsymptome für jeweiliges Trauma beachten:
SHT
Thorax
Abdomen
Wirbelsäule
Becken
Extremitäten
Diagnostik:
Unfallanamnese beachten
Erstbeurteilung nach dem xABCDE-Schema zur raschen Identifikation vital bedrohlicher Zustände
Systematischer Ganzkörpercheck von Kopf bis Fuß zur Erfassung weiterer Verletzungen
Vitalparameter abhängig von Schockphase
Ultraschall (E-FAST) stellt sinnvolle Ergänzung zur körperlichen Untersuchung dar
Therapie:
Merke
Die Kernprinzipien der Polytrauma-Versorgung
Die Versorgung polytraumatisierter Patient:innen basiert auf den folgenden Kernprinzipien, die eine frühzeitige Identifikation und Behandlung vitaler Bedrohungen sowie die Stabilisierung lebenswichtiger Funktionen zum Ziel haben.
Die Versorgungszeit beieinem Polytrauma sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Idealerweise soll die erkrankte Person innerhalb von 60 Minuten nach dem Ereignis in einem geeignetenTraumazentrum eintreffen.
→ Zügig und priorisiert vorgehen!
Besondere Situationen:
Geriatrische Patient:innen:
Gesonderte Kriterien zur Schockraumalarmierung beachten
Phase 1: Primäre Versorgung (Initialversorgung im Schockraum):
Phase 2: Erweiterte Diagnostik und Therapieeinleitung
Phase 3: OP oder Aufnahme auf Station
Weitere Versorgung auf der Intensivstation, beispielsweise:
Kontinuierliches Monitoring
Fortgeführte Volumen- und Kreislauftherapie
Gezielte analgetische und sedierende Medikation
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