Ein Polytrauma bezeichnet gleichzeitig entstandene Verletzungen mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, wobei mindestens eine Verletzung oder die Kombination der Verletzungen lebensbedrohlich ist. Typische Ursachen sind Hochrasanz-Verkehrsunfälle, Stürze aus großer Höhe, Arbeits- und Explosionsunfälle sowie penetrierende Verletzungen durch Stich- oder Schusswaffen.
Ziel der präklinischen Versorgung ist die prioritätenorientierte Erkennung und Behandlung unmittelbar lebensbedrohlicher Zustände nach dem xABCDE-Schema. Gleichzeitig sollen sekundäre Schädigungen vermieden und unnötige Verzögerungen bis zur definitiven klinischen Versorgung verhindert werden. Zu den zentralen Behandlungsprinzipien gehören:
Konsequente Kontrolle kritischer Blutungen
Sicherung von Atemweg, Oxygenierung und Ventilation
Verletzungsadaptierte Kreislauf- und Volumentherapie
Adäquate Analgesie und gegebenenfalls Notfallnarkose
Verletzungsgerechte Lagerung und Immobilisation
Konsequente Hypothermieprävention
Da sich der Zustand schwer verletzter Patient:innen jederzeit verändern kann, sind engmaschige Reevaluationen nach dem xABCDE-Schema erforderlich. Bei Kindern, Schwangeren und geriatrischen Patient:innen müssen außerdem physiologische Besonderheiten, veränderte Kompensationsmechanismen und angepasste Behandlungsstrategien berücksichtigt werden.
Im Schockraum erfolgen die erneute strukturierte Beurteilung, lebensrettende Sofortmaßnahmen und die weiterführende Diagnostik weitgehend parallel. Auf Grundlage der erhobenen Befunde wird die operative, interventionelle oder intensivmedizinische Therapie priorisiert.
Patient:innen mit einem schweren stumpfen Trauma sollen primär in ein regionales oder überregionales Traumazentrum transportiert werden. Bei penetrierenden oder perforierenden Rumpfverletzungen sind eine möglichst kurze Prähospitalzeit und der Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus mit Möglichkeit zur definitiven operativen oder interventionellen Blutstillung entscheidend.
Um den Einstieg in das Thema Polytrauma etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Verkehrsunfall Motorrad
Ort: Landstraße
Alarmzeit: 17:11 Uhr
Anrufer:in: Passant
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 26 Jahre alt
Patient ist bewusstlos
RTH, Polizei und Feuerwehr sind ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegtder Patientin Seitenlage regungslos auf der Fahrbahn. Der Helm ist bereits durch Ersthelfer entfernt worden. Der genaue Unfallhergang ist unklar. Laut Angaben der Anrufer, die zufällig vorbeikamen, fanden sie den Mann bereits regungslos am Boden liegend vor, ohne das eigentliche Geschehen beobachtet zu haben.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist bewusstlos
Beim Setzen des Schmerzreizes zeigt er eine ungezielte Abwehrreaktion
Während der Atemkontrolle fällt ein schnarchendes Atemgeräusch, sowie eine unregelmäßigeAtmung auf
Der Patient zeigt Verletzungen am Kopf und an beiden Beinen
In unmittelbarerNähedesKopfes ist auf der Straße eine deutliche Blutlache zu erkennen
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Polytrauma aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses an der A. radialis nicht tastbar
Zentraler Puls:
Rhythmisch
Schwach tastbar
Tachykard, 129/min
Akutes C-Problem
D
Nicht ansprechbar
GCS 5
Öffnen der Augen: 1
Beste verbale Reaktion: 1
Beste motorische Reaktion: 3
Pupillenkontrolle:
Anisokor
Links: weit, lichtstarr
Rechts: eng
Akutes D-Problem
E
Mäßig blutende Wunden am Kopf und beiden Beinen
Temperatur: 35,2 °C
Symptome:
Bewusstlosigkeit
Zyanose, unregelmäßige Atmung
Hirndruckzeichen
Schock
Allergien / Infektionen: Unbekannt
Medikamente: Unbekannt
Patientengeschichte: Unbekannt
Letzte Mahlzeit: Unbekannt
Ereignis: Verkehrsunfall mit Motorrad
Risikofaktoren: Unbekannt
Mittelbares E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einem Polytrauma. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Definition
Polytrauma
Ein Polytrauma ist definiert als gleichzeitig entstandene Verletzungen von mindestens zwei relevanten Körperregionen, wobei mindestens eine der Verletzungen oder deren Kombination lebensbedrohlich ist.
Beurteilung der Verletzungsschwere
Zur standardisierten Beurteilung der Verletzungsschwere stehen verschiedene Bewertungssysteme zur Verfügung, unter anderem die Abbreviated Injury Scale (AIS), der Injury Severity Score (ISS) und der New Injury Severity Score (NISS).
Info
Diese Scores dienen hauptsächlich der klinischen und wissenschaftlichen Beurteilung der Verletzungsschwere. Für die unmittelbare präklinische Versorgung haben sie keine wesentliche Bedeutung.
Epidemiologie
In Deutschland werden jährlich insgesamt etwa 10 Millionen Unfallverletzte registriert
Im Jahr 2018 ereigneten sich rund 2,6 Millionen Verkehrsunfälle
Etwa 32.000 Menschen werden pro Jahr bei Unfällen schwer verletzt
Häufige Ursachen eines Polytraumas:
Verkehrsunfälle
Stürze aus großer Höhe
Häufige Todesursachen in der Frühphase:
Schweres Schädel-Hirn-Trauma
Ausgeprägter Blutverlust, der für etwa 30 % der frühen Todesfälle verantwortlich ist
Merke
Bei Menschen unter 45 Jahren gehören schwere Traumata zu den häufigsten Todesursachen.
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Typische Unfallszenarien
Verkehrsunfälle: Insbesondere Kollisionen mit hoher Energie, Ejektion aus dem Fahrzeug oder Einklemmung können gleichzeitig mehrere Körperregionen schwer verletzen
Sturz aus größerer Höhe: Der Aufprall kann zu kombinierten Verletzungen von Kopf, Wirbelsäule, Thorax, Becken und Extremitäten führen
Arbeits-, Freizeit- und Sportunfälle: Stürze, Quetschungen sowie starke Beschleunigungs- oder Rotationskräfte können mehrere Verletzungen gleichzeitig verursachen
Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können mehrere Organe und Körperregionen betreffen
Kombinierte Verletzungsmechanismen: Das gleichzeitige Einwirken unterschiedlicher Kräfte erhöht das Risiko komplexer und lebensbedrohlicher Verletzungsmuster
Hinweise auf eine schwere Verletzung
Instabiler Thorax
Mechanisch instabile Beckenverletzung
Penetrierende Verletzung der Hals- oder Rumpfregion
Amputation oberhalb von Hand oder Fuß
Sensomotorisches Defizit nach Wirbelsäulenverletzung
Frakturen von mindestens zwei proximalen großen Röhrenknochen
Sturz aus mehr als drei Metern Höhe
Verkehrsunfall mit Ejektion aus dem Fahrzeug
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Die Homöostase hält das innere Milieu des Körpers möglichst konstant. Ihr Ziel ist es, Organperfusion, Sauerstoffversorgung, Blutstillung und Normothermie aufrechtzuerhalten.
Kreislaufregulation: Ein Blutdruckabfall wird von Pressorezeptoren registriert und aktiviert den Sympathikus → Herzfrequenz, Kontraktilität und Gefäßtonus steigen. Durch Vasokonstriktion und Zentralisation soll die Durchblutung lebenswichtiger Organe möglichst lange erhalten bleiben
Sauerstoffangebot: Die Sauerstoffversorgung des Gewebes hängt wesentlich von Herzzeitvolumen, Hämoglobingehalt und Sauerstoffsättigung ab. Eine normale SpO₂ allein garantiert daher keine ausreichende Gewebeoxygenierung
Mikrozirkulation: In den kleinsten Gefäßen findet der Stoffaustausch mit dem Gewebe statt. Eine ausreichende Durchblutung ist Voraussetzung für die zelluläre Sauerstoffversorgung und Organfunktion
Hämostase: Nach einer Gefäßverletzung folgen lokale Gefäßreaktion, Bildung eines Thrombozytenpfropfs und Stabilisierung durch Fibrin. Antithrombin, Protein C/S und Fibrinolyse begrenzen die Gerinnung und verhindern eine überschießende Thrombusbildung
Stressreaktion: Katecholamine steigern unter anderem Herzfrequenz, Kontraktilität und Gefäßtonus und bereiten den Körper auf eine akute Belastung vor
Temperaturregulation: Der Hypothalamus reguliert die Körperkerntemperatur über den Gefäßtonus der Haut, Muskelzittern und die körpereigene Wärmeproduktion
Diese Kompensationsmechanismensindbegrenzt. Bei anhaltender Störung von Perfusion, Sauerstoffangebot, Blutstillung oder Temperatur kann die Homöostasenichtmehraufrechterhalten werden.
Beim Polytrauma entstehen die lebensbedrohlichen Folgen durch das Zusammenspiel von direkterGewebeschädigung, Blutverlust, Schock, Gerinnungsstörung und systemischerEntzündungsreaktion. Diese Prozesse können einander beeinflussen und zu einer zunehmenden Störung der Mikrozirkulation und Organfunktion beitragen.
Primäre Verletzung: direkte mechanische Gewalteinwirkung → Blutungen, Gewebezerstörung und mögliche Organverletzungen
Kompensationsreaktion: sympathoadrenale Aktivierung → unter anderem Tachykardie und Vasokonstriktion zur vorübergehenden Stabilisierung des Kreislaufs
Mikrozirkulationsstörung: unzureichende Gewebedurchblutung → zelluläre Hypoxie und erhöhtes Risiko einer fortschreitenden Organdysfunktion
Metabolische Azidose: Gestörter Sauerstoff- und Zellstoffwechsel → Anstieg von Lactat und anderen sauren Stoffwechselprodukten
Traumainduzierte Koagulopathie: schwere Gewebezerstörung in Verbindung mit zellulärer Perfusionsstörung und Hypoxie der Mikrozirkulation → früh einsetzende Störung der Blutgerinnung
Letale Trias: Koagulopathie, Hypothermie und Azidose → gegenseitige Verstärkung von Gerinnungsstörung und Blutverlust
Diamond of Death: Zusätzliche Hypokalzämie → weitere Beeinträchtigung der Gerinnung
Systemische Entzündungsreaktion: Schwere Gewebeschädigungen können eine den gesamten Körper betreffende Entzündungsreaktion auslösen, ohne dass eine Infektion vorliegt (SIRS)
Multiorgandysfunktionssyndrom: Verletzung, Schock, Mikrozirkulationsstörung und Entzündungsreaktion können gemeinsam zur Funktionsstörung mehrerer Organsysteme beitragen
Primäre Verletzung und hämorrhagischer Schock
Die primäre Schädigung entsteht unmittelbar durch die auf den Körper einwirkende Gewalt. Dabei können Blutgefäße, Gewebe und innere Organe verletzt werden. Ein relevanter Blutverlust vermindert das zirkulierende Blutvolumen und kann einen hämorrhagischen Schock auslösen.
Blutverlust: Abnahme des zirkulierenden Volumens → verminderter venöser Rückstrom zum Herzen
Reduzierte kardiale Vorlast: verminderte Füllung des Herzens → Abnahme des Herzzeitvolumens
Gestörte Sauerstoffversorgung: Unzureichendes Sauerstoffangebot im Verhältnis zum zellulären Bedarf → Gewebehypoxie
Sympathoadrenale Aktivierung: unter anderem Tachykardie und Vasokonstriktion → vorübergehende Kompensation des Volumenmangels
Fortschreitender Schock: Anhaltende Hypoperfusion → zunehmende Störung der Mikrozirkulation und mögliche Schädigung der Gefäßbarriere
Hypovolämer & hämorrhagischer Schock
Störung der Mikrozirkulation
Die verminderteGewebedurchblutung führt zu einer unzureichenden Versorgung der Zellen mit Sauerstoff. Bei anhaltender Hypoperfusion können sich Mikrozirkulationsstörung und Organdysfunktion zunehmend verstärken.
Minderperfusion: Unzureichende Durchblutung der Endstrombahn → verminderte Sauerstoffversorgung des Gewebes
Lactatanstieg: kann sowohl durch eine vermehrte Lactatbildung als auch durch einen verminderten Lactatabbau verursacht werden
Lactatazidose: zunehmende Übersäuerung → Beeinträchtigung der Zell-, Herz-Kreislauf- und Gerinnungsfunktion
Traumainduzierte Koagulopathie
Die traumainduzierte Koagulopathie (TIK) ist ein eigenständiges Krankheitsbild. Sie kann bereits unmittelbar nach dem Trauma durch die Kombination aus schwerer Gewebezerstörung und schockbedingter Hypoxie der Mikrozirkulation entstehen.
Schockbedingte Endotheliopathie: Schädigung der endothelialen Glykokalyx → veränderte Gerinnungsregulation, erhöhte Gefäßpermeabilität und Freisetzung inflammatorischer Mediatoren
Hyperfibrinolyse: Vermehrte Freisetzung von tPA und gesteigerter Fibrinabbau → instabile Gerinnsel und erhöhte Blutungsneigung
Fibrinolyse-Shutdown: stark verminderte fibrinolytische Aktivität → prothrombotische Konstellation mit möglicher Bildung von Mikrothromben
Weitere Gerinnungsstörungen: Thrombozytendysfunktion, Fibrinogenabnahme, Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und Aktivierung von Protein C → zusätzliche Beeinträchtigung der Hämostase
Sekundäre Koagulopathie: Fortbestehender Blutverlust, Verbrauch und Verdünnung von Gerinnungsfaktoren sowie Hypothermie, Azidose und Hypokalzämie → weitere Verschlechterung der Gerinnungsfunktion
Zeitlicher Verlauf der TIC:
Der zeitliche Verlauf dient als vereinfachtes Lernmodell. Die einzelnen Gerinnungsphänotypen können sich überschneiden und müssen nicht bei allen Patient:innen in derselben Reihenfolge auftreten.
Phase
Vorherrschende Mechanismen
Unmittelbar nach dem Trauma
Blutverlust und Gewebeschädigung führen zu Mikrozirkulationsstörungen und können früh eine traumainduzierte Koagulopathie auslösen
Erste Stunden
Hyperfibrinolyse oder Fibrinolyse-Shutdown beeinflussen die Gerinnung. Azidose, Hypothermie und Hypokalzämie verstärken die Koagulopathie zusätzlich
Bis 24 Stunden
Verdünnung und Verbrauch von Gerinnungsfaktoren sowie anhaltende Hypothermie können die Gerinnungsstörung weiter verschärfen
Tage bis Wochen
Persistierende Mikrozirkulationsstörungen und eine systemische Entzündungsreaktion können in ein Multiorganversagen übergehen
Info
Bereits in der FrühphasenacheinemTrauma können unterschiedliche fibrinolytische Phänotypen vorliegen. Das Spektrum reicht von einer Hyperfibrinolyse über eine physiologische Fibrinolyse bis hin zur Hypofibrinolyse oder einem Fibrinolyse-Shutdown. Diese Zustände folgen keinem festen zeitlichen Ablauf; insbesondere geht eine initiale Hyperfibrinolyse nicht regelhaft in einen späteren Fibrinolyse-Shutdown über.
Merke
Abgrenzung zur DIC
Die traumainduzierte Koagulopathie ist nicht mit einer disseminierten intravasalen Gerinnung (DIC) gleichzusetzen. Ein schweres Trauma oder ein Schock kann jedoch neben einer TIK auch eine DIC auslösen.
Eine DIC ist durch eine systemische Aktivierung der Gerinnung mit möglicher Bildung von Mikrothromben, dysregulierter Fibrinolyse und Verbrauch von Gerinnungsbestandteilen gekennzeichnet. Im Verlauf können sowohl Blutungen als auch Organfunktionsstörungen auftreten.
Letale Trias und Diamond of Death
Die letale Trias des Traumas
Bei schweren Blutungen können sich mehrere pathophysiologische Prozesse gegenseitig verstärken:
Koagulopathie: instabile Gerinnsel und gestörte Blutstillung → weiterer Blutverlust
Hypothermie: verminderte Funktion der Gerinnungsenzyme und Thrombozyten → zunehmende Gerinnungsstörung
Azidose: beeinträchtigte Zell- und Gerinnungsfunktion → weitere Verschlechterung der Hämostase
Hypokalzämie: eingeschränkte calciumabhängige Gerinnungsprozesse → zusätzliche Verstärkung der Koagulopathie
Info
Die letaleTrias aus Koagulopathie, Hypothermie und Azidose verstärkt einander und begünstigt einen fortschreitenden Blutverlust. Ergänzt um die Hypokalzämie wird sie als „Diamond of Death“ bezeichnet. Calcium ist als Gerinnungsfaktor IV an zahlreichen Schritten der Gerinnungskaskade beteiligt.
Diamond of Death: die Rolle von Kalzium
Systemische Entzündungsreaktion (SIRS) und Organversagen
Ein Polytrauma verursacht nicht nur mechanische Schäden, sondern kann durch Gewebezerstörung und schockbedingte Hypoperfusion eine überschießende systemische Immunreaktion auslösen. Diese wird als Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS) bezeichnet und kann die Entwicklung eines Multiorganversagens begünstigen.
DAMP- und Zytokinfreisetzung: Geschädigte und hypoxische Zellen setzen Damage-associated molecular patterns frei. Dadurch wird die Immunantwort aktiviert und die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-1β und IL-6 gefördert
Endotheliale Dysfunktion und Kapillarleck: Die Entzündungsreaktion erhöht die Gefäßpermeabilität. Flüssigkeit tritt in den Extravasalraum über, wodurch interstitielle Ödeme und ein intravasaler Volumenmangel entstehen können
Immunthrombose: Die Entzündung aktiviert gleichzeitig das Gerinnungssystem. Mikrothromben können die Mikrozirkulation zusätzlich beeinträchtigen und Organschäden fördern
Anhaltende Hypoperfusion: Bleibt die Gewebedurchblutung trotz initialer Stabilisierung gestört, verstärken sich Sauerstoffmangel, Entzündungsreaktion und Zellschädigung gegenseitig
Multiorganversagen: Das Zusammenspiel aus Verletzung, SIRS, Endothelschädigung, Mikrothromben und Gewebehypoxie kann schließlich zur Funktionsstörung mehrerer lebenswichtiger Organe führen
Endotheliale Dysfunktion und Kapillarleck
Info
Besonders häufig betroffen sind Lunge, Niere, Leber, Darm und Herz. Mögliche Folgen sind ARDS, akute Nierenschädigung, Leberversagen, intestinale Ischämie und Kreislaufversagen.
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Polytraumas
Gewebeschädigung und Blutverlust: mögliche Organverletzungen und hämorrhagischer Schock
Mikrozirkulationsstörung: unzureichende Sauerstoffversorgung mit Lactatanstieg und metabolischer Azidose
Traumainduzierte Koagulopathie (TIK): gestörte Blutgerinnung mit möglicher Verstärkung der Blutung
Letale Trias: Koagulopathie, Hypothermie und Azidose; ergänzt durch Hypokalzämie als „Diamond of Death“
Systemische Entzündungsreaktion (SIRS): nicht infektiös bedingte Entzündungsreaktion nach schwerem Trauma
Multiorgandysfunktionssyndrom (MODS): mögliche Funktionsstörung mehrerer Organsysteme im weiteren Verlauf
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Typische Zeichen
Die Symptomatik des Polytraumas variiert stark in Abhängigkeit von Unfallmechanismus und Verletzungskombination. Die folgenden Leitsymptome können Hinweise auf spezifischeVerletzungen geben:
Region
Leitsymptome / Hinweise
Schädel-Hirn-Trauma
Bewusstseinsstörung / Bewusstlosigkeit
Blutungen / Weichteilverletzungen am Kopf oder Gesicht
Pupillendifferenz
Thorax (Knochen, Lunge)
Schmerzen
Verletzungen im Bereich des Thoraxs
Atemnot
Tachypnoe
Paradoxe Atmung bei instabilem Thorax
Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch
Gestaute Halsvenen möglich
Mediastinum / Herz
Hämodynamische Instabilität
Einflussstauung + Hypotonie → Herzbeuteltamponade
Rhythmusstörungen → Contusio cordis
Dyspnoe + Emphysem → Trachea-/Bronchusverletzung
Abdomen / Bauchorgane
Bauchschmerzen
Prellmarken im Bereich des Abdomens
Abwehrspannung / praller Bauch
Hypotonie, Tachykardie
Wirbelsäule
Rückenschmerzen
Neurologische Ausfälle
Bei Bewusstlosigkeit: hohes Risiko einer Wirbelsäulenverletzung
Zeichen des neurogenen Schocks
Becken
Schmerzen
Instabilität des Beckens
Hämodynamische Instabilität durch (retroperitoneale) Blutung
Extremitäten
Schwellung
Blutung
Hämatome
Instabilität
Abnorme Beweglichkeit
Fehlstellung
Offene Frakturzeichen
Generalisierte Zeichen
Angst oder Panik: ausgeprägte Furcht, Anspannung oder ein Gefühl der Bedrohung
Unruhe: Nervosität, Rastlosigkeit oder auffällige Agitiertheit
Oberflächliche Begleitverletzungen: sichtbare Abschürfungen, Prellmarken, Hämatome oder Schnittverletzungen
Übelkeit und Erbrechen: Möglich als Reaktion auf Schmerzen, Stress oder begleitende Verletzungen
Zittern: Kann durch Stress, Schmerzen, Auskühlung oder eine beginnende Kreislaufbeeinträchtigung auftreten
Tachykardie: Erhöhte Herzfrequenz, beispielsweise infolge von Stress, Schmerzen oder Blutverlust
Tachypnoe: beschleunigte, häufig flache Atmung als mögliche Reaktion auf Schmerzen, Stress oder eine eingeschränkte Sauerstoffversorgung
Achtung
Red Flags
Starke oder unkontrollierte Blutung: Hinweis auf eine unmittelbar lebensbedrohliche Hämorrhagie
Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: Verdacht auf eine schwere Thoraxverletzung, beispielsweise einen Pneumo- oder Hämatothorax
Zyanose: Hinweis auf eine ausgeprägte Störung der Oxygenierung
Hämodynamische Instabilität: Hypotonie, Tachykardie oder andere Zeichen einer Schocksymptomatik
Vigilanzminderung: mögliches Zeichen einer zerebralen Verletzung, Hypoxie oder Kreislaufdekompensation
Paradoxe Atmung: Hinweis auf eine instabile Thoraxwand
Penetrierende Verletzungen: Insbesondere an Hals, Thorax, Abdomen oder Becken besteht ein hohes Risiko innerer Verletzungen und Blutungen
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Achtung
Speziell bei der Anamnese beim Polytrauma
Neben der standardisierten Anamnese ist eine explizite Anamnese zum Unfallhergang vonnöten, um die damit verbundene Kinetik korrekt einschätzen zu können. Das Verständnis der Energieübertragung und der Krafteinwirkung ermöglicht eine Einschätzung möglicher Verletzungsmuster.
Die folgenden Fragen können bei der Unfallanamnesehilfreich sein:
Allgemeine Fragen zum Unfallhergang:
Wann ist der Unfall passiert?
Wo wurde die verletzte Person aufgefunden (z.B. auf Straße, unterhalb eines Balkons)?
Wie lange lag die Person bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes?
Wurdeder Unfall beobachtet? Wer kann Auskunft geben?
War die Person bewusstlos? Wenn ja, wie lange?
Bei Sturzereignissen:
Sturzhöhe?
Ursache (z.B. Stolpern, Synkope, Suizidversuch?)
Wie war die Aufprallposition? (Kopf, Rücken, Beine, seitlich?)
Gab es mehrere Aufprallpunkte? (z.B. Äste, Treppen, Dachkanten?)
Wie war der Untergrund? (Asphalt, Erde, Rasen, Wasser?)
Gab es ein Durchbrechen von Strukturen? (Dach, Scheibe, Geländer?)
A (Allergien): Medikamentenallergien und bekannte schwere allergische Reaktionen erfragen
M (Medikation): Dauermedikation sowie Zeitpunkt und Dosis der letzten Einnahme erfassen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer
P (Patientengeschichte): Relevante Vorerkrankungen, Gerinnungsstörungen, vorherige Verletzungen, Operationen und bestehende körperliche Einschränkungen erfragen
L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen → insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Narkoseeinleitung
E (Ereignis): Zeitpunkt, Ablauf und Mechanismus des Traumas erfassen. Relevant sind unter anderem:
Stumpfe oder penetrierende Gewalteinwirkung
Aufprallgeschwindigkeit und Kollisionsrichtung
Fahrzeugdeformation, Ejektion oder Einklemmung
Sturzhöhe und Aufprallfläche
Explosionen oder andere Hochenergiemechanismen
R (Risikofaktoren): Antikoagulation, Gerinnungsstörungen, höheres Lebensalter, relevante Vorerkrankungen und ein Hochenergietrauma berücksichtigen
S (Schwangerschaft): Bestehende oder mögliche Schwangerschaft und Schwangerschaftswoche erfragen. Bei Lagerung, Medikamentengabe und Wahl der Zielklinik berücksichtigen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einem Polytrauma abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Thoraxtrauma mit lateralem instabilem Thorax, Pneumothorax, traumatischer Aortenruptur oder Zwerchfellruptur
Milzruptur, Leberruptur
Traumatische Verletzung der Nieren
Beckenringfraktur
Heckaufprall
Verletzung der Halswirbelsäule
Seatbelt Injury
Person zu Fuß
Kollision mit einem Fahrzeug
Kopfverletzungen
Traumatische Aortenruptur
Abdominaltrauma
Beckenringfraktur
Verletzung der unteren Extremitäten
Körperliche Untersuchung
Merke
Grundprinzipien
Systematisches Vorgehen: Die Untersuchung erfolgt zielgerichtet und kraniokaudal (vom Kopf bis zu den Füßen)
Zügige Durchführung: Die vollständige präklinische Untersuchung wird rasch, aber sorgfältig durchgeführt. Bei lebensbedrohlichen Verletzungen darf sie den Transport nicht verzögern
Inspektion: Kleidung möglichst bewegungsarm entfernen, um alle Körperregionen beurteilen zu können. Dabei Intimsphäre und Wärmeerhalt berücksichtigen
Palpation: Behutsam untersuchen und bei ansprechbaren Patient:innen möglichst in einem schmerzfreien Bereich beginnen
Rückeninspektion: Im Rahmen einer achsengerechten Umlagerung oder eines Log-Roll-Manövers durchführen
Reevaluation: Verschlechtert sich der Zustand, umgehend zum xABCDE-Schema zurückkehren
Im Rahmen der körperlichen Untersuchung polytraumatisierter Patient:innen sind spezifische Untersuchungsschritte für die einzelnen Körperregionen essenziell. Die wichtigsten Aspekte werden in der folgenden Tabelle übersichtlich zusammengefasst, um eine strukturierte und vollständige Diagnostik zu gewährleisten.
Körperregion
Untersuchung
Wichtige Befunde
Kopf und Gesicht
Stabilität und Druckschmerz von Schädel und Gesichtsschädel beurteilen.
Pupillenweite, -form, Seitengleichheit und Lichtreaktion prüfen
Kopf vollständig auf Verletzungen untersuchen
Ohren, Nase und Mund einschließlich Mundraum inspizieren
Wunden, Hämatome, Schwellungen, Deformitäten oder Instabilität
Monokel- oder Brillenhämatom, Battle-Zeichen sowie Blut- oder Liquoraustritt als Hinweise auf eine Schädelbasisfraktur
Pupillendifferenz oder gestörte Lichtreaktion
Blutungen, Fremdkörper und Zahnverletzungen im Mundraum
Hals
Halswirbelsäule vorsichtig auf Druckschmerz untersuchen
Hals auf Hämatome, Blutungen und Schwellungen inspizieren
Stimme und Schluckfähigkeit beurteilen
Tracheallage und Halsvenen kontrollieren.
Druckschmerz als möglicher Hinweis auf eine HWS-Verletzung
Stridor, Dysphagie, Stimmveränderungen oder zunehmende Schwellung als Zeichen einer Atemwegsgefährdung
Abweichende Tracheallage oder Halsvenenstauung
Thorax
Thorax auf Druckschmerz, Krepitation und Stabilität untersuchen
Atembewegungen und Thoraxexkursionen beurteilen
Auf Hämatome, Blutungen, Schwellungen und offene Verletzungen achten
Beide Lungenflügel im Seitenvergleich auskultieren
Rippenfrakturen, Thoraxinstabilität oder paradoxe Atmung
Einseitig abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch als möglicher Hinweis auf einen Pneumothorax. Bei zusätzlicher hämodynamischer Instabilität an einen Spannungspneumothorax denken
Eine unauffällige Auskultation schließt einen Pneumothorax nicht sicher aus
Abdomen
Abdomen inspizieren und vorsichtig palpieren
Bei Schmerzen zunächst in einem schmerzfreien Bereich beginnen
Lokaler oder diffuser Druckschmerz, Abwehrspannung oder gespannte Bauchdecke
Hämatome, Blutungen, Schwellungen oder offene Verletzungen
Becken und Genitalregion
Untersuchung nach dem S-KIPS-Schema:
S - Schock: hämodynamische Instabilität
K - Kinematik: Unfallmechanismus mit möglicher Beckenbeteiligung
I - Inspektion: sichtbare Verletzungszeichen
P - Palpation: Frakturverdacht bei vorsichtiger seitlicher Palpation
S - Schmerzen: Spontan- oder Druckschmerz im Beckenbereich
Genital- und Perinealregion inspizieren
Verdacht auf eine relevante Beckenverletzung bei hämodynamischer Instabilität und mindestens einem weiteren S-KIPS-Kriterium
Deformitäten, Hämatome, offene Wunden sowie Verletzungen oder Blutungen im Genital- und Perinealbereich.
Wirbelsäule und Rücken
Gesamte Wirbelsäule vorsichtig auf Druck- oder Klopfschmerz abtasten
Rücken vollständig inspizieren, idealerweise während einer achsengerechten Umlagerung beziehungsweise eines Log-Roll-Manövers
Druck- oder Klopfschmerz, Fehlstellungen, Stufenbildungen, Hämatome, offene Verletzungen oder andere Kontusionszeichen
Extremitäten
Extremitäten auf Fraktur- und Verletzungszeichen untersuchen
Periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität (pDMS) seitenvergleichend prüfen
Fehlstellungen, Instabilität, Krepitation, Schwellungen, Hämatome, Blutungen oder offene Verletzungen
Eingeschränkte Durchblutung, Motorik oder Sensibilität.
Dashboard Injury: Unfallmechanismus und mögliche Begleitverletzungen
Vitalparameter
Info
Die Vitalparameter von Polytraumapatient:innen sind sowohl von der Art und Schwere der Verletzung als auch von der jeweiligen Schockphase abhängig. Diese können in der initialen Kompensationsphase noch unauffällig erscheinen, während sie im fortgeschrittenen Stadium zunehmend entgleisen und deutliche Hinweise auf eine drohende Kreislaufdekompensation geben.
Parameter
Typischer oder möglicher Befund
Pathophysiologischer und klinischer Zusammenhang
Herzfrequenz
Tachykardie bei Schmerzen, Stress oder Schock
Bradykardie bei spinaler oder neurogener Kreislaufstörung oder im präterminalen Stadium möglich
Herzrhythmusstörungen bei kardialer Beteiligung
Schmerzen und Stress können die Herzfrequenz erhöhen
Hypoxie, Hypothermie und direkte kardiale Verletzungen können die Kreislauf- und Rhythmussituation beeinflussen
Blutdruck
Hypotonie als Hinweis auf eine relevante Kreislaufdepression
Mögliche Ursachen sind insbesondere ein hämorrhagischer Schock, Spannungspneumothorax oder eine Perikardtamponade
Bei aktiver Blutung kann eine permissive Hypotension mit einem systolischen Blutdruck von etwa 80 mmHg beziehungsweise einem MAP von etwa 65 mmHg angestrebt werden, sofern keine abweichende Verletzungskonstellation vorliegt
Atemfrequenz und Atemmuster
Tachypnoe, Dyspnoe sowie flache oder asymmetrische Atmung
Paradoxe Atmung bei instabilem Thorax
Bradypnoe, unregelmäßige Atmung oder Apnoe bei schwerer respiratorischer oder neurologischer Beeinträchtigung.
Thorax- und Lungenverletzungen können Ventilation und Gasaustausch beeinträchtigen
Sauerstoffsättigung
Initial möglicherweise unauffällig
Ein Abfall der SpO₂ weist auf eine relevante Störung der Oxygenierung hin
Mögliche Ursachen sind Atemwegsverlegung, Hypoventilation, Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion
Eine SpO₂ unter 90 % trotz Sauerstoffgabe und nach Ausschluss eines Spannungspneumothorax stellt eine Indikation zur invasiven Atemwegssicherung dar
Körpertemperatur
Hypothermie insbesondere bei langer Rettungsdauer, großer Wundfläche, Exposition oder ausgeprägtem Blutverlust
Hypothermie ist Bestandteil der Kombination aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie und verschlechtert die Prognose
Die Körpertemperatur soll kontrolliert und eine Normothermie von über 36 °C angestrebt werden
Blutzucker
Blutzuckermessung bei Bewusstseinsstörung
Relevante Abweichungen als mögliche reversible Ursache berücksichtigen
Die Blutzuckermessung gehört zur orientierenden neurologischen Beurteilung unter D des xABCDE-Schemas
Bei einer Hypoglykämie ist eine Glucosegabe vorgesehen
Orientierende neurologische Untersuchung beim Polytrauma
Vigilanz: Bewusstseinslage beispielsweise mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS) beurteilen. Auf Unruhe, Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma achten. Bewusstseinsstörungen sind beim Polytrauma ein Warnzeichen und können auf Hypoxämie, Schock oder neurologische Begleitverletzungen hinweisen.
Pupillen: Pupillenweite, -form, Seitengleichheit sowie direkte und konsensuelle Lichtreaktion prüfen
Motorik und Sensibilität: Alle Extremitäten seitenvergleichend untersuchen und auf Paresen, Plegien, Parästhesien oder andere sensible Ausfälle achten
Blutzucker: Bei einer Bewusstseinsstörung bestimmen, um eine Hypoglykämie als mögliche reversible Ursache zu erkennen
Verlaufskontrolle: Neurologischen Status regelmäßig reevaluieren und Veränderungen dokumentieren
Mögliche Ursachen neurologischer Auffälligkeiten:
Hypoxämie: unzureichende Oxygenierung → Unruhe, Verwirrtheit und zunehmende Vigilanzminderung
Schock: verminderte zerebrale Perfusion → Bewusstseinsstörung bis zur Bewusstlosigkeit
Schädel-Hirn-Trauma: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Amnesie, Krampfanfälle, Pupillenauffälligkeiten oder fokal-neurologische Defizite
Wirbelsäulen- oder Rückenmarkverletzung: Paresen, Plegien, Sensibilitätsstörungen, Reflexveränderungen oder Hinweise auf ein Querschnittsyndrom
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus, Erregungsleitung und Repolarisation → insbesondere bei stumpfem Thoraxtrauma, Verdacht auf Contusio cordis, Herzrhythmusstörungen oder Kreislaufinstabilität
POCUS/eFAST: ergänzende fokussierte Sonografie zur schnellen Suche nach potenziell lebensbedrohlichen Verletzungen
Info
Das 6-Kanal-EKG dient der kontinuierlichen Rhythmusüberwachung und ist in vielen Fällen ausreichend.
Ultraschall:
Tipp
Die Durchführung der eFAST-Untersuchung bereits in der präklinischen Phase ermöglicht die frühzeitigeIdentifikationlebensbedrohlicherinnererBlutungenoderLuftansammlungen und unterstützt somit entscheidend die Priorisierung, Behandlung und Auswahl der Zielklinikwahl beim Polytrauma.
E-FAST-Notfallsonographie
Die E‑FAST-Sonographie (Extended Focused Assessment with Sonography for Trauma) ist eine fokussierte Untersuchung von Traumapatient:innen. Hierbei werden 4 Regionen untersucht, in denen sich freie Flüssigkeit ansammeln kann. Bis zum Beweis des Gegenteils ist jede Flüssigkeitsansammlung als Blutung zu werten.
Pleura: zur Detektion eines Pneumothorax (physiologisch: „Ameisenlaufen“ = Pleurabewegungen; Barcode-Zeichen im M-Mode → Hinweis für einen Pneumothorax)
Wird die Untersuchung durch eine geübte Person durchgeführt, dauert sie im Normalfall nicht länger als etwa 90 Sekunden und kann entsprechend sehr gut bereits präklinisch durchgeführt werden.
Freie Flüssigkeit im Morrison-Pouch, rechts blau markiertPneumothorax im M-Mode
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Merke
Die Kernprinzipien der Polytrauma-Versorgung
Die Versorgung polytraumatisierter Patient:innen basiert auf den folgenden Kernprinzipien, die eine frühzeitige Identifikation und Behandlung vitaler Bedrohungen sowie die Stabilisierung lebenswichtiger Funktionen zum Ziel haben.
Die Versorgungszeit beieinem Polytrauma sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Idealerweise soll die erkrankte Person innerhalb von 60 Minuten nach dem Ereignis in einem geeignetenTraumazentrum eintreffen.
→ Zügig und priorisiert vorgehen!
Kritische Blutungen stoppen
Im Hinblick auf die Art der Blutung hat sich die Einteilung nach Lokalisation und Komprimierbarkeit als praxisrelevant etabliert. Je nach Blutungsort kommen unterschiedliche Maßnahmen zur temporären Blutungskontrolle in Betracht.
Lokalisation
Beispiel
Komprimierbarkeit
Empfohlene Maßnahmen zur Blutungskontrolle
Periphere Extremitätenblutungen
Amputationsverletzung
Komprimierbar
Manuelle Kompression
Druckverband, ggf. ergänzt durch Hämostyptika
Tourniquet
Junktionale Blutungen (axillär/inguinal)
Schuss- oder Stichverletzung in der Leiste
Bedingt komprimierbar
Manuelle Kompression
Wound-Packing mit Hämostyptika
Druckverband
Trunkale Blutungen / Höhlenblutungen
Milzruptur nach stumpfem Bauchtrauma mit intraabdomineller Blutung
Nicht komprimierbar
Keine direkte Blutungskontrolle möglich, supportive Maßnahmen durch:
Permissive Hypotonie
Kalkulierte Gerinnungstherapie, z.B. TXA-Gabe
Wärmeerhalt
Absolute Transportpriorität → schneller Transport in geeignete Zielklinik
Achtung
Vorgehen bei stark blutender Wunde
Sofortmaßnahmen: Hochlagerung der betroffenen Extremität und direkte manuelle Kompression der Blutungsquelle
Druckverband: Anlage eines Druckverbands mit punktueller Kompression, ggf. in Kombination mit Hämostyptikum
Arterie abdrücken: Bei schwerer Blutung Abdrücken der Hauptarterie proximal der Verletzung: → Obere Extremität: A. brachialis / untere Extremität: A. femoralis
Tourniquet: Bei nicht kontrollierbarer Blutung Anwendung eines Tourniquets
Reevaluation: Blutung regelmäßig überprüfen und ggf. Maßnahmen anpassen
Druckverband:
Im Regelfall wird die Blutstillung am Stumpf durch einen korrekt angelegten Druckverband in Kombination mit einer Hochlagerung der betroffenen Extremität erreicht.
Info
Druckverband
Sterile Kompresse auf die Wunde legen
Zweimal mit einer Mullbinde umwickeln
Nicht saugfähiges Druckpolster auf die Wunde legen (größer als die Wunde)
Restliche Mullbinde umwickeln
Enden der Mullbinde verknoten
Tipp: Wenn das Druckpolster mit einer kleinen Ecke aus dem Verband herausschaut, kann es bei Bedarf durch Zug entfernt werden, ohne dass der Verband komplett entfernt werden muss. Das kann beispielsweise hilfreich sein, wenn der Verband zu eng gewickelt worden ist und eine Minderperfusion der Extremität gegeben ist (insbesondere bei Kindern wichtig).
Wound-Packing:
Wound Packing wird insbesondere bei tiefen, stark blutenden Wunden angewendet, die aufgrund ihrer Lokalisation nicht mit einem Tourniquet versorgt werden können, jedoch noch teilweise komprimierbar sind. Typische Einsatzbereiche sind junktionale Regionen wie Leiste, Achselhöhle oder Hals, wo lebensbedrohliche Blutungen durch gezieltes Ausstopfen der Wunde kontrolliert werden können.
Im Rettungsdienst erfolgt das Wound Packing idealerweise unter Verwendung von hämostyptischem Verbandmaterial (z.B. mit Chitosan oder Kaolin beschichtet), das die Blutstillung aktiv unterstützt. Diese Materialien fördern durch ihre spezielle Beschichtung eine schnellere Gerinnselbildung.
Tourniquet:
Bei nicht kontrollierbarer Blutung kommt ein Tourniquet zur Anwendung, das proximal der Verletzungsstelle angelegt wird, um die Blutung effektiv zu stoppen.
Tipp
Tourniquet richtig anwenden
Uhrzeit dokumentieren: Notiere die Anlagezeit direkt am Tourniquet, um die Dauer der Anwendung im Blick zu behalten
Komplikationen vermeiden: Ein Tourniquet sollte idealerweise vor Ablauf von 2 Stunden entfernt werden, da danach das Risiko einer Ischämie und Gewebsnekrose deutlich steigt
Schnelle Versorgung: Sorge dafür, dass der Patient rechtzeitig in ärztliche Behandlung kommt, um das Tourniquet sicher zu lösen und weitere Komplikationen zu vermeiden
Analgesie: Die Anlage verursacht starke Schmerzen. Sorge nach der Blutstillung für eine ausreichendeSchmerztherapie
Anlage eines Tourniquets
Beckenschlinge:
Bei Polytraumapatient:innen mit klinischen Hinweisen auf eine instabile Beckenringverletzung und hämodynamischer Instabilität soll die Anlage einer Beckenschlinge erfolgen. Zur Beurteilung einer potenziell instabilen Beckenverletzung kann das S-KIPS-Schema herangezogen werden. Es hilft, relevante klinische Hinweise frühzeitig zu erkennen und die Indikation zur Anlage einer Beckenschlinge zu stellen.
Info
S-KIPS-Schema (statt KISS-Schema)
Definition: Das S-KIPS-Schema ist ein praktischer Algorithmus, der die Indikationsstellung zur Beckenstabilisierung bei Verdacht auf Beckenverletzung erleichtert. Mit der Einführung dieses neuen Schemas ist das veraltete KISS-Schema nicht mehr gültig
Schock: Vorliegen einer hämodynamischen Instabilität und mindestens eines der folgenden Kriterien:
Kinematik: Mechanismus mit möglicher Beckenbeteiligung
Inspektion: Sichtbare Beckenverletzung (Deformitäten, Hämatome oder offene Wunden im Beckenbereich, etc.)
Palpation: Frakturverdacht bei vorsichtiger seitlicher Palpation
Schmerzen: Spontan- oder Druckschmerz im Bereich des Beckens
Anwendung der Beckenschlinge:
Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
Erste Hilfsperson bringt die Beine vorsichtig in Innenrotationsstellung
Zweite Hilfsperson führt den Gurt unter den Knien hindurch und schließt ihn oberhalb der Knie (kein Druck auf das Fibularisköpfchen und damit den N. fibularis communis ausüben)
Alternativ können die Fußspitzen der Person miteinander fixiert werden. Dazu werden die Füße der Person parallel mit den Fußspitzen nach vorn ausgerichtet und durch einen Gurt o.Ä. fixiert
Anlage der Beckenschlinge
Beide Hilfpersonen befinden sich seitlich auf Beckenhöhe
Beckenschlinge entfalten
Beckenschlinge unter den Knien durchziehen
Enden der Schlinge greifen und mit kranialer Hand manuell das Becken stabilisieren
Beckenschlinge unter der Person nach kranial bewegen ("Sägebewegung"), möglichst ohne das Becken zu verschieben
Schlinge auf Höhe des Trochanter major positionieren
Schnalle vor der Symphyse verschließen
Freies Ende der Beckenschlinge durch die Schnalle ziehen und zusammen mit Hilfperson Zug ausüben, bis Klickgeräusch den korrekten Druck signalisiert
Klettverschluss fixieren
Achtung
No Go!
Einer der häufigsten Fehler ist, dass die Beckenschlinge zu weit kranial angelegt wird. Dadurch wird Druck auf die Ossis ilii (Darmbeine) ausgeübt und das Becken im kaudalen Bereich geöffnet. Blut kann dann sogar besser ins Becken austreten und die Person ist stärker gefährdet.
Oxygenierung sicherstellen
Achtung
Die Sicherung der Atemwege zählt zu den wichtigsten Maßnahmen in der Behandlung schwer verletzter Patient:innen. Ziel ist es, eine ausreichendeSauerstoffversorgung (Oxygenierung) und effektiveBelüftung (Ventilation) jederzeit sicherzustellen.
Atemwegsmanagement:
Zur SicherungderAtemwege und zur Gewährleistung einer adäquatenOxygenierung stehen verschiedeneVerfahren der AtemwegssicherungundBeatmungzurVerfügung, die je nach klinischer Situation, Zustand der erkrankten Person zum Einsatz kommen.
Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Maßnahmen zur Atemwegssicherung und Sicherstellung der Oxygenierung bei polytraumatisierten Patient:innen strukturiert dar.
Tipp
Endotracheale Intubation bei Trauma - Keyfacts & Praxistipps auf einen Blick
Der Goldstandard zur Sicherung des Atemwegs bei kritisch verletzten Patient:innen ist die endotracheale Intubation, da sie eine zuverlässige Kontrolle der Oxygenierung, Ventilation und Aspirationsprophylaxe ermöglicht.
Schwieriger Atemweg: Traumapatient:innen (v.a. mit SHT, Gesichtsverletzungen, Blut im Mund-Rachen-Raum oder HWS-Trauma) haben ein erhöhtes Risiko für schwierige Intubationsbedingungen
Primäre Nutzung eines Videolaryngoskops: Empfohlen bei schwierigem Atemweg oder eingeschränkter Sicht → erhöht die Intubationssicherheit
HWS-Immobilisation beachten: Inline-Stabilisierung während der Intubation zur Vermeidung von Sekundärschäden bei HWS-Trauma
Alternative bereithalten: Verfügbare Atemwegshilfen (z.B. supraglottische Atemwegshilfen wie Larynxtubus oder Larynxmaske) vorbereitet und griffbereit halten, um bei Scheitern der endotrachealen Intubation sofort reagieren zu können
Präoxygenierung: Vor der Intubation sollte eine präoxygenierende Beatmung mit hochkonzentriertem O₂ über eine dichtsitzende Maske erfolgen, idealerweise ≥3 Minuten mit 100 % O₂. Ziel ist ein maximaler Sauerstoffvorrat in Lunge und Blut zur Verlängerung der sicheren Apnoezeit
Apnoeoxygenierung: Zusätzlich zur Maskenbeatmung kann während der Apnoephase eine Sauerstoffgabe über eine Nasenbrille (2–4 l/min O₂) erfolgen. Dies ermöglicht eine kontinuierliche Oxygenierung trotz fehlender Atembewegung und verlängert die Zeit bis zum Abfall der Sauerstoffsättigung
Info
Weitere Informationen zum Thema Atemwegsmanagement sowie praxisrelevante Hinweise zur Durchführung und Auswahl geeigneter Maßnahmen findest du im Artikel: Sicherung der Atemwege.
Therapie eines Spannungspneumothorax durch Nadeldekompression
Bei polytraumatisierten Patient:innen besteht ein hohesRisiko für die Entwicklung eines Spannungspneumothorax, insbesonderebeithorakalenTraumata. Dieser muss schnellstmöglichbehandelt werden, da akuteLebensgefahr besteht.
Nadeldekompression als Notfallmaßnahme der 1. Wahl bei klinischem Verdacht auf einen Spannungspneumothorax
Die Kanüle wird in den 4. oder 5. Interkostalraum in der mittleren oder vorderen Axillarlinie (Bülau-Position) auf der betroffenen Seite eingeführt
Alternativ kann auch der 2. Interkostalraum an der Medioklavikularlinie (der sogenannten Monaldi-Position) genutzt werden
Merke
Die Lunge entfaltet sich nach einer Nadeldekompression häufig nicht vollständig, da lediglich Luft aus dem Pleuraspalt entweichen kann. Der physiologische Unterdruck wird hierdurch nicht wiederhergestellt. Daher können das Atemgeräusch und die Ventilation der betroffenen Seite trotz klinischer Besserung weiterhin abgeschwächt sein.
Achtung
Nach der initialen Nadeldekompression muss der Spannungspneumothorax dauerhaft durch eine Thoraxdrainage behandelt werden, um die Luft kontinuierlich aus dem Pleuraspalt abzuleiten und eine erneute Druckerhöhung zu verhindern.
Notfallnarkose:
Bei polytraumatisierten Patient:innen soll bei Vorliegen folgenderBefunde eine Notfallnarkose(Rapid Sequence Induction = RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation und Beatmung erfolgen:
Hypoxie (SpO2 <90 %) trotz adäquater Sauerstoffgabe und Ausschluss eines Spannungspneumothorax
Schweres Schädel-Hirn-Trauma mit einem GCS <9
Schweres Thoraxtrauma mit Zeichen einer respiratorischen Insuffizienz (Atemfrequenz >29 pro Minute)
Analgesie
Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v. → Schonatmung und schmerzbedingte Hypoventilation vermeiden
Volumentherapie und Gerinnungsmanagement
Volumentherapie:
Merke
Eine gezielteVolumentherapieistessenziell für die Stabilisierung des Kreislaufs bei Polytrauma-Patient:innen und soll dem jeweiligenklinischenBildangepasst erfolgen.
Bei Schwerverletzten soll eine bedarfsgerechte Volumentherapie erfolgen:
Bei persistierender Hypotonie → Einsatz von Katecholaminen, z.B. Noradrenalin
Achtung
Zur Vermeidung einer weiteren Hypothermie sollen Infusionslösungen idealerweise vorgewärmt verabreicht werden.
Tipp
KolloidaleInfusionslösungen können im Einzelfall zur kurzfristigen Volumenstabilisierung eingesetzt werden, sollte aber wegen möglicher Nebenwirkungen nur zurückhaltend und kritisch indiziert verabreicht werden. In der präklinischen Notfallmedizin sind balancierte kristalloide Lösungen Mittel der ersten Wahl.
Gerinnungsmanagement:
Frühzeitige Gabe von Tranexamsäure (TXA): Bei Patient:innen mit einem manifesten oder drohenden hämorrhagischen Schock sollte so früh wie möglich Tranexamsäure 1 g i.v. über 10 Minuten verabreicht werden
Prähospitale Blutprodukte: Auch wenn die Studienlage zu einem konkreten Outcome-Vorteil derzeit uneinheitlich ist, gilt eine frühe prähospitale Transfusion als sinnvoll und potenziell lebensrettend
Gabe von Fibrinogen: Bei lebensbedrohlichen Blutungen und/oder hämorrhagischem Schock kann zusätzlich zur Volumen- und Gerinnungstherapie die Gabe von Fibrinogen 3-6 g bzw. 30-60 mg/kgKg i.v.erwogen werden
Info
Vorhaltung von Blutprodukten und Fibrinogen
Die Verfügbarkeit von Blutprodukten nimmtin Deutschland kontinuierlich zu, insbesondere durch die zunehmende Ausstattung von Rettungshubschraubern und spezialisiertenEinsatzfahrzeugen wie dem MedicalInterventionCar
Fibrinogenpräparate stehen im präklinischen Bereich bislang nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und stellen daher eherdieAusnahme dar
Immobilisation
Die Immobilisation der Wirbelsäule orientiert sich an den allgemeinen Prinzipien der Frakturversorgung: Ruhigstellung der angrenzenden Gelenke ober- und unterhalb der Verletzungsstelle. Da die Wirbelsäule jedoch als funktionelle Einheit wirkt und bei einem Trauma mehrere Segmente betroffen sein können, muss die Immobilisation auf die gesamte Wirbelsäule ausgedehnt werden. In diesem Zusammenhang gilt: Der Kopf fungiert als Gelenk oberhalb, das Becken als Gelenk unterhalb der Wirbelsäule → beide müssen daher mit fixiert werden.
Zur Immobilisation kommen diese bewährten Verfahren zum Einsatz:
Vakuummatratze, ggf. in Kombination mit einer Zervikalstütze
Spineboard mit Headblocks zur Fixierung des Kopfes
Kombinationsboard, entweder in Kombination mit der Vakuummatratze oder eigenständig wie ein Spineboard
Eine klare Empfehlung für ein spezifisches Hilfsmittel gibt es nicht. Die Wahl hängt vom ZustanddererkranktenPerson, dem Einsatzkontext und der Transportdauer ab. Diese Tabelle listet Vor- und Nachteile beider Varianten auf und kann dabei helfen, vor Ort eine situationsgerechte Entscheidung zu treffen.
Merkmal
Spineboard
Vakuummatratze
Rettung von Patient:innen
+
-
Transport
-
+
Schmerzarme Lagerung
-
+
Verursachung von Druckstellen
-
+
Komfort für Patient:innen
-
+
Anwendung bei ankylosierender Erkrankung (z.B. Morbus Bechterew)
-
+
Vorteile (+) und Nachteile (-) bei der Immobilisation mittels Spineboard vs. Vakuummatratze
Merke
Die Liegedauer auf einem Spineboard sollte 30 Minuten nicht überschreiten, da eine längere Immobilisation das Risiko für Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Schmerzen erheblich erhöht. Nach Möglichkeit sollte daher, nach der technischen Rettung zügig auf eine Vakuummatratze umgelagert werden oder diese initiale genutzt werden.
Entscheidungshilfe zur präklinischen Wirbelsäulenimmobilisation (Immo-Ampel)
Canadian C-Spine Rule:
Wärmeerhalt
Merke
Ein adäquater Wärmeerhalt stellt eine essenzielle Maßnahme in der präklinischen Versorgung Schwerverletzter dar. Eine Hypothermie (Körperkerntemperatur <36 °C) kann die Gerinnungsfunktionerheblichbeeinträchtigen und verstärkt die sogenannte „letale Trias“ aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie. BereitsgeringeTemperaturverlusteverschlechternPrognoseundOutcomesignifikant.
→ Das Ziel ist es daher, eine Hypothermie konsequent zu vermeiden und die Körperkerntemperatur auf ≥36 °C zu halten.
Praktische Maßnahmen:
Frühzeitige passive Wärmeerhaltung: Wind- und feuchtigkeitsdichte Rettungsdecke, Patient:innen erst im RTW entkleiden (wenn möglich)
Aktive Wärmeerhaltung: Wärmedecken, RTW vorheizen
Erwärmte Infusionslösungen: Idealerweise nur vorgewärmte Infusionen verabreichen
Schutz vor Umgebungseinflüssen: Patient:innen möglichst rasch aus kalter Umgebung entfernen
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Geriatrische Patient:innen
Besonderheiten und Herausforderungen:
Schwere Verletzungen bereits nach Niedrigenergietrauma: Osteoporose, Sarkopenie, Gebrechlichkeit und Koordinationsstörungen erhöhen das Verletzungsrisiko beispielsweise nach einem Sturz aus geringer Höhe
Reduzierte physiologische Reserve: Multimorbidität und Gebrechlichkeit schränken die kardiale, respiratorische und metabolische Kompensationsfähigkeit ein
Veränderte Vitalzeichen: Betablocker, Herzschrittmacher oder autonome Funktionsstörungen können eine kompensatorische Tachykardie abschwächen. Auch scheinbar unauffällige Vitalparameter schließen einen Schock nicht aus
Erhöhtes Blutungsrisiko: Antikoagulanzien wie DOAKs oder Vitamin-K-Antagonisten sowie Thrombozytenaggregationshemmer erhöhen das Risiko relevanter Blutungen. Intrakranielle Blutungen können zunächst symptomarm verlaufen
Frailty und Ausgangsfunktion: Prognose und Rehabilitation hängen nicht nur vom Alter, sondern wesentlich von Gebrechlichkeit, Vorerkrankungen und dem funktionellen Zustand vor dem Trauma ab
Klinische Konsequenzen:
Niedrige Schwelle für die Annahme einer relevanten Verletzung und engmaschige Reevaluation
Medikamentenanamnese mit besonderem Augenmerk auf Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung
Volumentherapie vorsichtig titrieren und kardiale und renale Begleiterkrankungen berücksichtigen
Analgesie an Organfunktion, Dauermedikation und Gebrechlichkeit anpassen
Delirrisiko berücksichtigen sowie Seh- und Hörhilfen möglichst früh wieder verfügbar machen
Info
Die AWMF-Leitlinie empfiehlt bei geriatrischen Patient:innen eine großzügigere Schockraumaktivierung, unter anderem bereits bei einem systolischen Blutdruck unter 100 mmHg oder einem vermuteten SHT mit GCS ≤14.
Schwangere Patient:innen
Besonderheiten und Herausforderungen
Die Versorgung umfasst Mutter und Fetus; die Stabilisierung der Mutter hat zunächst höchste Priorität
Das zirkulierende Blutvolumen steigt während der Schwangerschaft deutlich an. Dadurch können relevante Blutverluste zunächst durch scheinbar normale Vitalparameter verdeckt werden
Der erhöhte Sauerstoffbedarf und die verminderte funktionelle Residualkapazität begünstigen eine rasche Desaturation
Der wachsende Uterus verändert die Lage intraabdomineller Organe und kann ab der zweiten Schwangerschaftshälfte die Vena cava inferior komprimieren
Auch ein scheinbar geringes Trauma kann mit geburtshilflichen Komplikationen wie einer Plazentaablösung verbunden sein
Klinische Konsequenzen:
Ab etwa der 20. Schwangerschaftswoche Linksneigung um 15–30° oder manuelle Verlagerung des Uterus nach links, sofern hierdurch die übrige Versorgung nicht beeinträchtigt wird
Oxygenierung sichern und Sauerstoff bedarfsgerecht verabreichen
Blutungen früh erkennen und kontrollieren. Flüssigkeit und Blutprodukte indikationsgerecht und erwärmt einsetzen
Schwangerschaftswoche sowie vaginale Blutungen, Fruchtwasserabgang, Wehentätigkeit und Kindsbewegungen erfragen
eFAST kann die Traumadiagnostik ergänzen. Ein unauffälliger Befund schließt weder relevante Verletzungen noch eine Plazentaablösung sicher aus
Frühzeitige Anmeldung in einem Traumazentrum mit geburtshilflicher und gegebenenfalls neonatologischer Versorgung
Erforderliche lebensrettende Medikamente und Maßnahmen nicht wegen der Schwangerschaft verzögern; mögliche fetale Wirkungen bei der Auswahl und Dosierung berücksichtigen
Pädiatrische Patient:innen
Besonderheiten und Herausforderungen:
Gewichtsabhängiges Blutvolumen: Das Blutvolumen liegt größenordnungsmäßig bei etwa 70–80 ml/kg. Bereits geringe absolute Blutverluste können daher klinisch relevant sein
Ausgeprägte Kompensationsfähigkeit: Herzfrequenz und Gefäßwiderstand können den Blutdruck zunächst aufrechterhalten. Eine Hypotonie ist häufig ein spätes Zeichen der Dekompensation
Frühe Schockzeichen: Tachykardie, schwache periphere Pulse, verlängerte Rekapillarisierungszeit, kalte Extremitäten und veränderte Vigilanz müssen im Zusammenhang beurteilt werden
Erhöhtes Hypothermierisiko: Die größere Körperoberfläche im Verhältnis zum Gewicht und geringe Energiereserven begünstigen eine schnelle Auskühlung
Anatomische Besonderheiten: Körperproportionen und Atemwegsanatomie unterscheiden sich altersabhängig von Erwachsenen
Klinische Konsequenzen:
Vitalparameter anhand altersabhängiger Normbereiche beurteilen und ihren Verlauf berücksichtigen
Körpergewicht möglichst genau ermitteln oder mit einem validierten längenbezogenen System abschätzen
Medikamente, Flüssigkeiten und Blutprodukte gewichtsbezogen dosieren
Konsequenter Wärmeerhalt und möglichst geringe Expositionszeiten
Atemwegshilfen, Masken und Tuben passend zu Alter und Körpergröße auswählen
Analgesie und Sedierung an Alter, Gewicht, Entwicklungsstand und klinischen Zustand anpassen
Frühzeitig pädiatrische Expertise und eine geeignete Zielklinik einbeziehen
Tipp
Ein pädiatrisches Polytrauma bedeutet eine hohefachliche und emotionaleBelastung. Altersbezogene Normwerttabellen, längenbasierte Dosierungshilfen, Checklisten und eine klareAufgabenverteilungerhöhen die Handlungssicherheit.
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Zielkrankenhaus
Die Wahl der Zielklinik richtet sich nach Traumamechanismus, Verletzungsmuster, aktuellem Zustand, Transportzeit und den erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten.
Schweres stumpfes Trauma: primärer Transport in ein regionales oder überregionales Traumazentrum
Penetrierendes oder perforierendes Rumpftrauma: Schnellstmöglicher Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus, das eine definitive operative oder interventionelle Blutstillung durchführen kann
Schweres Schädel-Hirn-Trauma: Transport in das nächstgelegene Traumazentrum mit rund um die Uhr verfügbarer neurotraumatologischer Expertise
Instabile Beckenverletzung mit Kreislaufinstabilität: Primärer Transport in ein überregionales Traumazentrum
Wirbelsäulenverletzung mit neurologischen Ausfällen: Primärer Transport in ein überregionales Traumazentrum mit entsprechender Wirbelsäulenkompetenz
Merke
Bei einem Polytrauma sollte unter Berücksichtigung der einsatztaktischen Bedingungen insbesondere der Einsatz der Luftrettung erwogen werden.
Kategorie
Kriterium
Verletzungsmuster
Instabiler Thorax
Mechanisch instabile Beckenverletzung
Penetrierende Verletzung der Hals- oder Rumpfregion
Amputationsverletzung proximal von Hand oder Fuß
Sensomotorisches Defizit nach Wirbelsäulenverletzung
Frakturen von mindestens zwei proximalen großen Röhrenknochen
Verbrennungen > 20 % bei einem Verbrennungsgrad ≥ 2b
Durchgeführte prähospitale Maßnahmen
Erforderliche Atemwegssicherung
Thoraxentlastung
Katecholamingabe
Perikardiozentese
Anlage eines Tourniquets
Unfallmechanismus
Sturz beziehungsweise Absturz aus mehr als 3 Metern Höhe
Ejektion aus dem Fahrzeug
Fraktur eines langen Röhrenknochens
Pathologischer Befund
SpO₂ < 90 %
Erforderliche Atemwegssicherung
Atemfrequenz < 10/min oder > 29/min
Systolischer Blutdruck < 90 mmHg
Herzfrequenz > 120/min
Schockindex > 0,9
Positiver eFAST-Befund
GCS ≤ 12
Körpertemperatur < 35 °C
Geriatrische Zusatzkriterien
Systolischer Blutdruck < 100 mmHg
Bekanntes oder vermutetes Schädel-Hirn-Trauma und GCS ≤ 14
Verletzung von mindestens zwei Körperregionen
Fraktur mindestens eines langen Röhrenknochens nach einem Verkehrsunfall
Schockraumkriterien
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂, Atemfrequenz, Vigilanz und Körpertemperatur überwachen. Bei beatmeten Patient:innen zusätzlich etCO₂ und Beatmungsparameter kontrollieren
Atemweg und Oxygenierung: Atemweg freihalten, Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
Beatmung: Normoventilation anstreben und etCO₂ sowie Beatmungsdruck überwachen. Bei einer Verschlechterung mögliche Ursachen wie Tubusverlagerung, Pneumothorax oder zunehmende Thoraxverletzung prüfen
Blutungskontrolle: Blutungen konsequent kontrollieren und angelegte Tourniquets, Wundtamponaden oder Beckenschlingen regelmäßig auf korrekte Lage überprüfen
Kreislauftherapie: Flüssigkeits-, Blutprodukt- und gegebenenfalls Katecholamintherapie an Kreislaufzustand, Blutverlust und Verletzungsmuster anpassen. Bei unkontrollierter Blutung ohne schweres Schädel-Hirn-Trauma kann eine permissive Hypotonie angestrebt werden
Analgesie und Narkose: Ausreichende Analgesie sowie bei narkotisierten Patient:innen eine angemessene Narkosetiefe sicherstellen
Wärmeerhalt: Weitere Auskühlung verhindern und eine Körpertemperatur von über 36 °C anstreben
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, etwa SINNHAFT oder ISOBAR
Relevante Informationen:
Trauma: Zeitpunkt, Unfallmechanismus und vermutete Krafteinwirkung, insbesondere Verkehrsunfall, Sturz, Einklemmung, Explosion oder penetrierendes Trauma
Verletzungen: festgestellte und vermutete Verletzungen, relevante Untersuchungsbefunde sowie mögliche Blutungsquellen
Zustand: initiale und aktuelle Vitalparameter einschließlich GCS, Pupillenbefund, neurologischem Status und zeitlichem Verlauf
ABCDE-Probleme: Atemwegsgefährdung, respiratorische Insuffizienz, Kreislaufinstabilität, neurologische Auffälligkeiten und Hypothermie
Blutung und Schock: Hinweise auf Blutverlust, durchgeführte Blutstillung und Entwicklung der Kreislaufsituation
Maßnahmen: Atemwegssicherung, Beatmung, Thoraxentlastung, Beckenschlinge, Tourniquet, Wundtamponade, Gefäßzugänge und weitere invasive Maßnahmen
Medikamente und Volumen: Wirkstoffe, Dosierungen, Infusions- oder Blutprodukte, Zeitpunkt der Gabe und beobachtete Wirkung
Besonderheiten: Anlagezeit eines Tourniquets, bekannte Allergien, relevante Vorerkrankungen, Antikoagulation und weitere Dauermedikation
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Definition
Definition
Polytrauma
Ein Polytrauma ist definiert als gleichzeitig entstandene Verletzungen von mindestens zwei relevanten Körperregionen, wobei mindestens eine der Verletzungen oder deren Kombination lebensbedrohlich ist.
Ursachen
Verkehrsunfälle: Insbesondere Kollisionen mit hoher Energie, Ejektion aus dem Fahrzeug oder Einklemmung können gleichzeitig mehrere Körperregionen schwer verletzen
Sturz aus größerer Höhe: Der Aufprall kann zu kombinierten Verletzungen von Kopf, Wirbelsäule, Thorax, Becken und Extremitäten führen
Arbeits-, Freizeit- und Sportunfälle: Stürze, Quetschungen sowie starke Beschleunigungs- oder Rotationskräfte können mehrere Verletzungen gleichzeitig verursachen
Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können mehrere Organe und Körperregionen betreffen
Kombinierte Verletzungsmechanismen: Das gleichzeitige Einwirken unterschiedlicher Kräfte erhöht das Risiko komplexer und lebensbedrohlicher Verletzungsmuster
Pathophysiologie
Beim Polytrauma entstehen die lebensbedrohlichen Folgen durch das Zusammenspiel von direkterGewebeschädigung, Blutverlust, Schock, Gerinnungsstörung und systemischerEntzündungsreaktion. Diese Prozesse können einander beeinflussen und zu einer zunehmenden Störung der Mikrozirkulation und Organfunktion beitragen.
Primäre Verletzung: direkte mechanische Gewalteinwirkung → Blutungen, Gewebezerstörung und mögliche Organverletzungen
Kompensationsreaktion: sympathoadrenale Aktivierung → unter anderem Tachykardie und Vasokonstriktion zur vorübergehenden Stabilisierung des Kreislaufs
Mikrozirkulationsstörung: unzureichende Gewebedurchblutung → zelluläre Hypoxie und erhöhtes Risiko einer fortschreitenden Organdysfunktion
Metabolische Azidose: Gestörter Sauerstoff- und Zellstoffwechsel → Anstieg von Lactat und anderen sauren Stoffwechselprodukten
Traumainduzierte Koagulopathie: schwere Gewebezerstörung in Verbindung mit zellulärer Perfusionsstörung und Hypoxie der Mikrozirkulation → früh einsetzende Störung der Blutgerinnung
Letale Trias: Koagulopathie, Hypothermie und Azidose → gegenseitige Verstärkung von Gerinnungsstörung und Blutverlust
Diamond of Death: Zusätzliche Hypokalzämie → weitere Beeinträchtigung der Gerinnung
Systemische Entzündungsreaktion: Schwere Gewebeschädigungen können eine den gesamten Körper betreffende Entzündungsreaktion auslösen, ohne dass eine Infektion vorliegt (SIRS)
Multiorgandysfunktionssyndrom: Verletzung, Schock, Mikrozirkulationsstörung und Entzündungsreaktion können gemeinsam zur Funktionsstörung mehrerer Organsysteme beitragen
Klinischer Eindruck
Region
Leitsymptome / Hinweise
Schädel-Hirn-Trauma
Bewusstseinsstörung / Bewusstlosigkeit
Blutungen / Weichteilverletzungen am Kopf oder Gesicht
Pupillendifferenz
Thorax (Knochen, Lunge)
Schmerzen
Verletzungen im Bereich des Thoraxs
Atemnot
Tachypnoe
Paradoxe Atmung bei instabilem Thorax
Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch
Gestaute Halsvenen möglich
Mediastinum / Herz
Hämodynamische Instabilität
Einflussstauung + Hypotonie → Herzbeuteltamponade
Rhythmusstörungen → Contusio cordis
Dyspnoe + Emphysem → Trachea-/Bronchusverletzung
Abdomen / Bauchorgane
Bauchschmerzen
Prellmarken im Bereich des Abdomens
Abwehrspannung / praller Bauch
Hypotonie, Tachykardie
Wirbelsäule
Rückenschmerzen
Neurologische Ausfälle
Bei Bewusstlosigkeit: hohes Risiko einer Wirbelsäulenverletzung
Zeichen des neurogenen Schocks
Becken
Schmerzen
Instabilität des Beckens
Hämodynamische Instabilität durch (retroperitoneale) Blutung
Extremitäten
Schwellung
Blutung
Hämatome
Instabilität
Abnorme Beweglichkeit
Fehlstellung
Offene Frakturzeichen
Diagnostik
Parameter
Typischer oder möglicher Befund
Pathophysiologischer und klinischer Zusammenhang
Herzfrequenz
Tachykardie bei Schmerzen, Stress oder Schock
Bradykardie bei spinaler oder neurogener Kreislaufstörung oder im präterminalen Stadium möglich
Herzrhythmusstörungen bei kardialer Beteiligung
Schmerzen und Stress können die Herzfrequenz erhöhen
Hypoxie, Hypothermie und direkte kardiale Verletzungen können die Kreislauf- und Rhythmussituation beeinflussen
Blutdruck
Hypotonie als Hinweis auf eine relevante Kreislaufdepression
Mögliche Ursachen sind insbesondere ein hämorrhagischer Schock, Spannungspneumothorax oder eine Perikardtamponade
Bei aktiver Blutung kann eine permissive Hypotension mit einem systolischen Blutdruck von etwa 80 mmHg beziehungsweise einem MAP von etwa 65 mmHg angestrebt werden, sofern keine abweichende Verletzungskonstellation vorliegt
Atemfrequenz und Atemmuster
Tachypnoe, Dyspnoe sowie flache oder asymmetrische Atmung
Paradoxe Atmung bei instabilem Thorax
Bradypnoe, unregelmäßige Atmung oder Apnoe bei schwerer respiratorischer oder neurologischer Beeinträchtigung.
Thorax- und Lungenverletzungen können Ventilation und Gasaustausch beeinträchtigen
Sauerstoffsättigung
Initial möglicherweise unauffällig
Ein Abfall der SpO₂ weist auf eine relevante Störung der Oxygenierung hin
Mögliche Ursachen sind Atemwegsverlegung, Hypoventilation, Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion
Eine SpO₂ unter 90 % trotz Sauerstoffgabe und nach Ausschluss eines Spannungspneumothorax stellt eine Indikation zur invasiven Atemwegssicherung dar
Körpertemperatur
Hypothermie insbesondere bei langer Rettungsdauer, großer Wundfläche, Exposition oder ausgeprägtem Blutverlust
Hypothermie ist Bestandteil der Kombination aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie und verschlechtert die Prognose
Die Körpertemperatur soll kontrolliert und eine Normothermie von über 36 °C angestrebt werden
Blutzucker
Blutzuckermessung bei Bewusstseinsstörung
Relevante Abweichungen als mögliche reversible Ursache berücksichtigen
Die Blutzuckermessung gehört zur orientierenden neurologischen Beurteilung unter D des cABCDE-Schemas
Bei einer Hypoglykämie ist eine Glucosegabe vorgesehen
Therapie
Merke
Die Kernprinzipien der Polytrauma-Versorgung
Die Versorgung polytraumatisierter Patient:innen basiert auf den folgenden Kernprinzipien, die eine frühzeitige Identifikation und Behandlung vitaler Bedrohungen sowie die Stabilisierung lebenswichtiger Funktionen zum Ziel haben.
Die Versorgungszeit beieinem Polytrauma sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Idealerweise soll die erkrankte Person innerhalb von 60 Minuten nach dem Ereignis in einem geeignetenTraumazentrum eintreffen.
→ Zügig und priorisiert vorgehen!
Besondere Situationen
Geriatrische Patient:innen: Schwere Verletzungen sind bereits nach Bagatelltrauma möglich. Unauffällige Vitalwerte schließen einen Schock nicht aus; Antikoagulation beachten
Schwangere: Die Stabilisierung der Mutter hat Priorität. Blutverluste können lange unauffällig bleiben; ab etwa der 20. SSW Linksneigung erwägen
Kinder: Eine Hypotonie ist ein spätes Schockzeichen. Altersabhängige Normwerte, gewichtsbezogene Dosierungen und konsequenten Wärmeerhalt beachten
Transport
Die Wahl der Zielklinik richtet sich nach Traumamechanismus, Verletzungsmuster, aktuellem Zustand, Transportzeit und den erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten.
Schweres stumpfes Trauma: primärer Transport in ein regionales oder überregionales Traumazentrum
Penetrierendes oder perforierendes Rumpftrauma: Schnellstmöglicher Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus, das eine definitive operative oder interventionelle Blutstillung durchführen kann
Schweres Schädel-Hirn-Trauma: Transport in das nächstgelegene Traumazentrum mit rund um die Uhr verfügbarer neurotraumatologischer Expertise
Instabile Beckenverletzung mit Kreislaufinstabilität: Primärer Transport in ein überregionales Traumazentrum
Wirbelsäulenverletzung mit neurologischen Ausfällen: Primärer Transport in ein überregionales Traumazentrum mit entsprechender Wirbelsäulenkompetenz
Kategorie
Kriterium
Verletzungsmuster
Instabiler Thorax
Mechanisch instabile Beckenverletzung
Penetrierende Verletzung der Hals- oder Rumpfregion
Amputationsverletzung proximal von Hand oder Fuß
Sensomotorisches Defizit nach Wirbelsäulenverletzung
Frakturen von mindestens zwei proximalen großen Röhrenknochen
Verbrennungen > 20 % bei einem Verbrennungsgrad ≥ 2b
Durchgeführte prähospitale Maßnahmen
Erforderliche Atemwegssicherung
Thoraxentlastung
Katecholamingabe
Perikardiozentese
Anlage eines Tourniquets
Unfallmechanismus
Sturz beziehungsweise Absturz aus mehr als 3 Metern Höhe
Ejektion aus dem Fahrzeug
Fraktur eines langen Röhrenknochens
Pathologischer Befund
SpO₂ < 90 %
Erforderliche Atemwegssicherung
Atemfrequenz < 10/min oder > 29/min
Systolischer Blutdruck < 90 mmHg
Herzfrequenz > 120/min
Schockindex > 0,9
Positiver eFAST-Befund
GCS ≤ 12
Körpertemperatur < 35 °C
Geriatrische Zusatzkriterien
Systolischer Blutdruck < 100 mmHg
Bekanntes oder vermutetes Schädel-Hirn-Trauma und GCS ≤ 14
Verletzung von mindestens zwei Körperregionen
Fraktur mindestens eines langen Röhrenknochens nach einem Verkehrsunfall
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Tipp
Wenn ihr mehrInformationen und weiteretherapeutischeMaßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinktenArtikel aus dem klinischenBereich.
Schockraum
eFAST
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.