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Postoperative Phase

10 Minuten Lesezeit

Das Bindeglied zwischen Operationssaal und Normalstation ist der Aufwachraum. Unmittelbar postoperativ treten überproportional viele Komplikationen auf. Bis zur vollständigen Stabilisierung der Vitalparameter ist daher eine kontinuierliche Überwachung von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus ist die Aufrechterhaltung der Schmerztherapie eine wichtige Aufgabe im Aufwachraum, ebenso wie die Behandlung postoperativer Komplikationen.

Die Patient:innenübergabe sollte standardisiert erfolgen und in Anwesenheit aller Beteiligten stattfinden. Anhand des SBAR-Schemas kann eine strukturierte Übergabe durchgeführt werden.

SBAR-Schema

  • Klinisch:
    • Vigilanz
    • Atmung
    • Kreislauf
    • Muskeltonus
    • Hautkolorit (Blässe → ggf. Anämie, Rötung → ggf. Hypertonie)
    • Hauttemperatur (Schwitzen? Fieber?)
    • Überprüfung von ausgeschiedenen Sekreten → Farbe, Menge (Drainageflüssigkeiten, Urin, Magensonde etc.)
    • Bilanzierung (bei Blasenkatheter: Dokumentation von Ein- und Ausfuhr)
    • Rückgang der Regionalanästhesie (z.B. Kalt-Warm-Diskriminierung mittels Desinfektionsspray)
  • Apparativ: Weiterführung des intraoperativen Monitorings
    • EKG
    • Pulsoxymetrie
    • Nicht-invasive Blutdruckmessung
    • Einmalige Messung der Körpertemperatur (bevorzugt: sublingual)
    • Bei invasiver Blutdruckmessung: Anwendung, so lange Indikation besteht (arterieller Zugang muss vor Verlegung auf Normalstation entfernt werden)
      → Sofern weiterhin erweitertes Monitoring notwendig ist, muss Patient:in auf eine Überwachungsstation verlegt werden
  • Labor/BGA
    • Überwachung von Hb, Blutzucker und Elektrolyten

Die postoperative Schmerztherapie besteht in der Regel aus der Verabreichung eines  Nicht-Opioid-Analgetikum (Metamizol, Paracetamol, Diclofenac, Ibuprofen) gegen Ende der Operation. Im Aufwachraum können dann bei Bedarf hochpotente Opioide wie Piritramid oder Oxycodon eingesetzt werden. Sofern im Rahmen einer Regionalanästhesie ein Katheter zur intraoperativen Schmerztherapie (Schmerzkatheter) gelegt wurde, kann dieser über ein Pumpensystem auch zur postoperativen Schmerztherapie genutzt werden.

 Achtung

Wenn für die intraoperative Analgesie ein kurz wirksames Opioid wie Remifentanil oder Alfentanil genutzt wurde, kann ungefähr 30 Minuten vor Operationsende ein Nicht-Opioid-Analgetikum in Kombination mit einem hochpotenten Opioid wie Piritramid für die postoperative Analgesie verabreicht werden!

Schmerztherapie im Aufwachraum

Leichte Schmerzen (NRS <4)Mittlere bis starke Schmerzen (NRS ≥5)
  • Nicht-Opioid-Analgetikum
    • Metamizol1 g i.v. als langsame Infusion, maximal 5 g/Tag (Cave: vorherige Aufklärung über Agranulozytose-Risiko!)
    • Ibuprofen 600 mg p.o. 
      (maximal: 2.400 mg/Tag)
  • Unretardiertes hochpotentes Opioid 
    + Nicht-Opioid-Analgetikum (Metamizol, Ibuprofen etc.)
    • z.B. Piritramid 7,5–15 mg langsam i.v.

inDie häufigsten Komplikationen im Aufwachraum sind respiratorische Probleme (B-Problem).

KomplikationenBeschreibungTherapie

Opioid-Überhang

Injektion
  • Def.: Nachwirkungen einer übermäßigen Opioiddosierung
  • Klinik:
    • Tiefe, seltene Atemzüge
    • Miosis
    • Bewusstseinstrübung
  • Prävention:
    • Voraussichtliches OP-Ende erfragen  → Opioiddosis entsprechend planen
  • „Kommandoatmung“: Patient regelmäßig zum aktiven Atmen auffordern
  • Sauerstoffgabe
  • Esmarch Handgriff, Wendl Tubus
  • Ggf. überbrückende Maskenbeatmung
  • Ggf. Antagonisierung mit Naloxon (Cave: Analgesie wird ebenfalls antagonisiert, Gefahr der Remorphinisierung aufgrund kürzerer Halbwertszeit)
  • Ultima ratio: Reintubation

Relaxantien-Überhang

 

Muskel
  • Def.: Überhang von Muskelrelaxantien mit neuromuskulärer Restblockade
  • Ätiologie:
    • Häufige Nachdosierungen
    • Bei Mivacurium und Succinylcholin: Plasmacholinesterase-mangel oder atypische Plasmacholinesterase
      → Abbau gestört
  • Klinik:
    • Flache, schnelle Atmung („Schaukelatmung“ mit niedrigen Atemvolumina bei hoher Atemfrequenz)
    • Hypoxie, Hyperkapnie
    • Reduzierte Muskelkraft bei vollem Bewusstsein
    • Unruhe, Angst
    • Tachykardie, Hypertonie
  • Prävention: Relaxometrie zum Ausschluss einer neuromuskulären Restblockade (Extubation ab 
    TOF-Ratio > 90 %)
  • Konservativ: Narkose vertiefen und warten bis Wirkung der Muskelrelaxantien abgenommen haben
  • Aufhebung der Muskelrelaxantienwirkung:
    • Acetylcholinesterase-Inhibitoren (Neostigmin)
      → Antagonisierung aller Nicht-depolarisierenden Muskelrelaxantien (ab TOF-Zahl von 3–4)
      → NW: Hypersalivation, Bradykardie, Bronchokonstriktion
    • Sugammadex: Enkapsulierung von Rocuronium und Vecuronium

Hypothermie

  • Körperkerntemperatur <36 °C
  • Folgen:
    • Gerinnungsstörungen
    • Wundheilungsstörungen
    • Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko
    • Postoperatives Shivering
  • Prävention:
    • Aktive Wärmung ab OP-Dauer 
      >30 min
    • Warme Infusionslösungen
    • Größtmögliche Abdeckung der Körperoberfläche
    • Raumtemperatur im OP mindestens 21 °C
  • Therapie
    • Aktive Wärmung, warme Infusionslösungen, Extubation in Normothermie

Postoperatives Shivering

  • Def.: Postoperatives Muskelzittern durch Störung der Thermoregulation
  • Risikofaktoren: Anästhetika und intraoperative Hypothermie
  • Prävention: konsequentes Temperaturmanagement
  • Therapie: medikamentös
    • Pethidin z.B. 25–50 mg langsam i.v.
    • Clonidin z.B. 75–150 μg langsam i.v

Hypotonie

Blutdruckmessung
  • Def.: Blutdruckabfall von mehr als 20 % des präoperativ gemessenen (normalen) mittleren arteriellen Blutdrucks (MAD)
  • Ätiologie
    • Hypovolämie
    • Vasodilatation
    • Herzrhythmusstörungen
    • Perikardtamponade
    • Lungenembolie
    • Anaphylaxie
  • Therapie der zugrunde liegenden Ursache
    • Bei Hypovolämie: Volumengabe
    • Vasodilatation: Vasokonstriktorgabe
    • Herzrhythmusstörungen: Behandlung der Herzrhythmusstörung (siehe Kardio-Skript)
    • Bei Perikardtamponade: Perikard-punktion, ggf. Perikardfensterung
    • Bei LAE: Diagnostik und Therapie der LAE
    • Bei Anaphylaxie: Behandlung der Anaphylaxie (wichtigstes Medikament im Notfall Adrenalin i.m.)

Hypertonie

Hypertension
  • Def.: Blutdruckanstieg von mehr als 20 % des präoperativ gemessenen mittleren arteriellen Blutdrucks (MAD)
  • Ätiologie
    • Bekannter Hypertonus
    • Unzureichende Analgesie
    • Harnverhalt
    • Hypervolämie
  • Therapie der zugrunde liegenden Ursache
  • Bei bekanntem Hypertonus medikamentöse Blutdrucksenkung

Postoperative Nachblutung

  • Risikofaktoren
    • Gefäßeingriffe
    • OP-Gebiet mit starker Vaskularisierung
    • Gerinnungsstörungen
  • Hinweise
    • Sichtbare Blutung, durchgeblutete Verbände, schnelle Fülllung des Drainagereservoirs
    • Instabiler Kreislauf (hypovolämer Schock)
    • Progressive Schwellung im OP-Gebiet
    • Bei Eingriff im HNO-Bereich: ggf. Druck auf obere Atemwege mit Dyspnoe
  • Bei aktiver Blutung: Blutstillung durch Kompression/Kühlung oder operative Revision
  • Bei Blutung im Halsbereich: ggf. Entlastung durch Öffnung der Naht!
  • Operateur informieren
  • Bei instabilem Kreislauf: Stabilisierung (Volumengabe, Schocklagerung etc.) vor weiterführender Diagnostik
    • Labordiagnostik: Blutbild, Gerinnung
    • Notfallsonografie

PONV

Übelkeit
  • Def.: postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV = „postoperative nausea and vomiting“)
  • Risikofaktoren:
    • Weibliches Geschlecht
    • Nichtraucherstatus
    • Bekannte Kinetose/Reisekrankheit oder PONV in der Anamnese
    • Geplante postoperative Opioidgabe
    • Junges Alter
    • Lange OP-Dauer
    • Verwendung volatiler Anästhetika oder Lachgas
  • Oberkörperhochlagerung
  • Patienten beruhigen
  • Antiemetische Therapie:
    • Mittel der 1. Wahl: Ondansetron 
      4 mg i.v.
    • Bei anhaltender Übelkeit: Droperidol z.B. 0,625–1,25 mg i.v. oder Dimenhydrinat z.B. 62 mg langsam i.v.
  • Ausreichende Vigilanz
  • Suffiziente Spontanatmung
  • Vorhandene Schutzreflexe
  • Stabile Hämodynamik/Kreislaufverhältnisse
  • Suffiziente Schmerztherapie
  • Keine Übelkeit oder Erbrechen
  • Unauffällige Verbände/Drainagen
  • Rückläufigkeit einer Regionalanästhesie mit intakter Sensibilität und Motorik
  • Normothermie
  • Leitlinie: Überwachung nach Anästhesieverfahren, Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten
  • S1-Leitlinie: Atemwegsmanagement,Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI)
Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
Anästhesie bei Patient:innen mit Vorerkrankungen
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