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Prophylaxe der Mangelernährung

JG
6 Minuten Lesezeit

Die Prophylaxe der Mangelernährung (Malnutrition) ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung, insbesondere bei der Betreuung von gefährdeten Personengruppen wie älteren Menschen, Kinder, Demenzkranken, Schluckstörungen oder Personen nach größeren chirurgischen Eingriffen. Unter Mangelernährung versteht man einen Zustand, in dem ein Mangel an Energie und/oder essenziellen Nährstoffen wie Vitaminen und Mineralien besteht, der zu verschiedenen Gesundheitsproblemen führen kann. Diese reichen von einer geschwächten Immunabwehr über eine verzögerte Wundheilung, körperliche Schwäche (erhöhte Sturzgefahr) bis hin zu einer erhöhten Mortalität.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Mangelernährung zählen chronische Erkrankungen wie z.B. Tumorerkrankungen, neurologische Erkrankungen, die die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen (wie Schluckstörungen oder Demenz), soziale Isolation sowie bestimmte Medikamente, die den Appetit hemmen oder die Nährstoffaufnahme stören. Auch psychische Faktoren wie Depressionen können eine adäquate Nahrungsaufnahme beeinträchtigen.

Zur Prävention der Mangelernährung ist ein multidisziplinärer Ansatz erforderlich, der eine regelmäßige Bewertung des Ernährungszustands und individuell angepasste Ernährungspläne beinhaltet. Wichtig ist dabei, die Nahrungszufuhr den spezifischen Bedürfnissen und Präferenzen der betroffenen Person anzupassen, um die Akzeptanz und damit die Wirksamkeit der Ernährungsinterventionen zu erhöhen. Edukative Maßnahmen für Patient:innen und Angehörige, die Vermittlung von Kenntnissen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und die Überwachung der Nahrungsaufnahme sind ebenfalls zentrale Elemente der Prophylaxe. In komplexeren Fällen oder bei Patienten, die nicht ausreichend durch orale Nahrungsaufnahme ernährt werden können, können spezielle Ernährungstherapien wie enterale Ernährung beispielsweise über eine Magensonde oder parenterale Ernährung notwendig sein.

Medizinische Risikofaktoren:

  • Chronische Erkrankungen: Tumorerkrankungen, Schlaganfall, Demenz und Parkinson, Querschnittslähmung
  • Gastrointestinale Störungen: Erkrankungen wie Gastritis, Ösophagitis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Malabsorptionssyndrome, die die Nährstoffaufnahme direkt beeinflussen
  • Psychische Erkrankungen: Depressionen und andere psychische Störungen, die zu Appetitverlust führen können
  • Operationen: erhöhter Energiebedarf durch Stress, häufig reduzierte Nahrungsaufnahme durch Schmerzen
  • Elektrolytstörungen: v.a. die Hyponatriämie (Natriummangel) kann mit einem Appetitverlust einhergehen (z. B. durch Medikamente wie Furosemid)
  • Medikamenteneinnahme: Einige Medikamente können den Appetit hemmen (z.B. Benzodiazepine, Digitalis, Antidepressiva wie SSRIs, Chemotherapeutika)

Lebensstilbezogene Risikofaktoren:

  • Inadäquate Ernährungsgewohnheiten: Unausgewogene Diäten, die arm an essenziellen Nährstoffen und Energieträgern sind, Essensverweigerung
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch: Substanzmissbrauch kann zu Vernachlässigung der Ernährung führen und die Absorption von Nährstoffen beeinträchtigen
  • Soziale Isolation: Fehlende soziale Kontakte können zu Vernachlässigung der eigenen Gesundheit und Ernährung führen

Altersbedingte Risikofaktoren:

  • Höheres Lebensalter: Ältere Menschen erleben oft einen natürlichen Abbau von Muskelmasse (Sarkopenie) und Appetit, was zu einer verminderten Nahrungsaufnahme führt
  • Kau- und Schluckbeschwerden: Zahnverlust, unpassende Zahnprothese oder Schluckstörungen (Dysphagie), Aphten oder andere Läsionen/Verletzungen im Mundraum

Ökonomische Risikofaktoren:

  • Armut und finanzielle Einschränkungen: Begrenzte finanzielle Mittel können den Zugang zu vollwertigen Lebensmitteln einschränken

Körperliche Anzeichen von Mangelernährung:

  • Beobachtung und Dokumentation von stehenden Hautfalten, die auf Dehydration hindeuten können
  • Bewertung sichtbarer körperlicher Veränderungen wie eingefallene Gesichtszüge, dünne Arme und Beine oder prominente Knochenstrukturen
  • Überprüfung der Passform der Kleidung; beispielsweise ob Hosenbund oder BH locker sitzen, was auf kürzlichen Gewichtsverlust hinweisen könnte
 Tipp

Ältere Fotos auf dem Handy zeigen lassen, um Gewichtsverlauf besser einschätzen zu können.

Gewichtsmonitoring:

  • Regelmäßiges Wiegen der Person zur gleichen Tageszeit, um einen Gewichtsverlust frühzeitig zu erkennen
  • Vergleich der aktuellen Gewichtsdaten mit früheren Messungen, um Trends oder Veränderungen zu identifizieren

Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme:

  • Dokumentation der täglichen Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
  • Beobachtung des Trink- und Essverhaltens (Anzahl der getrunkenen Flaschen, Teller leer gegessen)

Erhöhten Bedarf erkennen:

  • Identifikation von Zuständen oder Erkrankungen, die einen gesteigerten Bedarf an Nährstoffen, Energie und Flüssigkeit erfordern, z.B. Infektionen oder Heilungsprozesse nach Operationen

Umfassende Pflegeanamnese:

  • Essgewohnheiten und Präferenzen (ggf. unter Einbeziehung der Angehörigen)
  • Erhebung von Ess- und Trinkschwierigkeiten, z.B. Probleme beim Schlucken oder Kauen

Bewertungsmöglichkeiten:

  • Überprüfung der Handkraft als Indikator für die allgemeine Muskelstärke und den Ernährungszustand
  • Möhrentest: zur Beurteilung der Kaufähigkeit und zur Einschätzung des Zustands des Kauapparates
    • Durchführung: Kauen eines rohen Karottenstücks (2 cm Durchmesser, 1 cm Länge) für ca. 45 Sekunden, danach Ausspucken der zerkauten Karotte auf ein Tuch
    • Auswertung: anhand der Größe der Stücke kann Kaufähigkeit eingeschätzt werden (Je kleiner die Karotte zerkaut werden konnte, desto besser ist die Kaufähigkeit)
 Achtung

Der Möhrentest sollte nicht bei bestehenden Schluckstörungen durchgeführt werden, um eine Aspiration zu vermeiden.

Überwachung des Ernährungszustands:

  • Einsatz spezifischer Ernährungsbewertungsinstrumente wie der Nutritional Risk Screening 2002 (NRS2002), das Mini Nutritional Assessment (MNA) oder das Malnutrition Universal Screening Tool (MUST)
  • Regelmäßige Überprüfungen, um Änderungen im Ernährungszustand frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren
  • Berechnung des Grundumsatzes, um den Bedarf zu ermitteln (Harris-Benedict-Formel)
 Achtung
BMI

Der Body-Mass-Index wird berechnet aus dem Verhältnis von Körpergewicht in Kilogramm zu Körpergröße in Metern zum Quadrat. Der BMI ist für die Beurteilung des Ernährungszustandes oft nur eingeschränkt verwendbar. Insbesondere bei Personen mit Ödemen, Exsikkose, Amputationen, älteren Menschen, Bodybuildern und Schwangeren ist der BMI oft nicht aussagekräftig. Er unterscheidet beispielsweise nicht zwischen Muskelmasse und Körperfett. So kann ein Bodybuilder den gleichen BMI haben wie eine adipöse Person gleichen Alters. Gewichtsverläufe ermöglichen in der Regel eine zuverlässigere Beurteilung des Ernährungszustandes als eine einmalige BMI-Bestimmung.

 Info
Refeeding-Syndrom

Das Refeeding-Syndrom ist eine lebensbedrohliche metabolische Störung, die bei der Ernährungsumstellung auf hochkalorische Nahrung nach längerer Mangelernährung auftreten kann. Es ist durch eine starke Insulinfreisetzung und Elektrolytstörungen wie Hypophosphatämie gekennzeichnet. Es kann zu epileptischen Anfällen, Herzrhythmusstörungen, Delir und Rhabdomyolyse kommen.

Zur Vermeidung des Refeeding-Syndroms ist bei mangelernährten Patient:innen ein langsamer und schrittweiser Kostaufbau unerlässlich. Es wird empfohlen, die Kalorienzufuhr in den ersten Tagen zu begrenzen und eine regelmäßige Kontrolle der Vitalparameter und Elektrolytwerte durchzuführen.

Die orale Ernährung (durch den Mund) sollte immer bevorzugt werden. Wenn der Energiebedarf nicht über das „normale Essen“ gedeckt werden kann, kann auch über den Einsatz von Trinknahrung nachgedacht werden. Bei unzureichender Energiezufuhr, Dysphagie oder Operationen im Kieferbereich kann eine enterale Ernährung über eine nasogastrale Sonde (Magensonde) oder eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG-Sonde) erfolgen. Bei Darmstenosen, Resorptions- und Verdauungsstörungen kann auch eine parenterale Ernährung über entsprechende Infusionslösungen und einen zentralvenösen Katheter (ZVK) erfolgen.

Um Mangelernährung effektiv zu bekämpfen, ist es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse der mangelernährten Patient:innen einzugehen. Eine Schlüsselmaßnahme ist die Bereitstellung des Wunschessens, um Appetit und Freude am Essen zu fördern. Darüber hinaus spielen die Gestaltung einer natürlichen und angenehmen Essumgebung und das Essen in Gesellschaft eine wichtige Rolle, um das Wohlbefinden während der Mahlzeiten zu steigern. Ebenfalls wichtig ist die korrekte Positionierung der Patient:innen, um das Aspirationsrisiko beim Essen zu minimieren. Die Anreicherung der Nahrung mit kalorienreichen Zutaten wie Butter, Eier und Sahne kann zudem hilfreich sein, um einen erhöhten Energiebedarf zu decken. In der folgenden Tabelle sind weitere Risikofaktoren mit entsprechenden Präventionsmaßnahmen aufgeführt:

 

Nasogastrale Sonde
Nasogastrale Sonde
Perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG)
Perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG)
RisikofaktorenPräventive Maßnahmen
Medizinische Risikofaktoren 
Gastrointestinale Störungen
  • Bei Zahnprothese:
    • Motivation zum Tragen der Zahnprothese
    • bei Einsetzen behilflich sein
    • ggf. Haftcreme für stabilen Halt verwenden
  • Bei Mundtrockenheit: Nahrung mit höherem Flüssigkeitsgehalt anbieten
  • Bei Passagestörungen im oberen GI-Trakt oder Operationen im Kieferbereich: Ernährung über nasogastrale Sonde oder PEG-Sonde
Psychische Erkrankungen (z.B. Depressionen)
  • Psychologische Unterstützung und Motivation zur Nahrungsaufnahme
Chronische Erkrankungen (z.B. Diabetes mellitus, Demenz, Hemiparese)
  • Konsequente Behandlung der Grunderkrankung
Operationen
  • Angemessene postoperative Schmerzkontrolle und frühzeitiger Beginn der oralen Ernährung
Elektrolytstörungen (z.B. Hyponatriämie)
  • Überwachung und Anpassung der Elektrolyte
Medikamenteneinnahme
  • Überprüfung und Anpassung der Medikation durch den Arzt oder die Ärztin, um Appetitverlust zu vermeiden
Kau- und Schluckbeschwerden
  • Anpassung der Nahrungskonsistenz und -form, z.B. pürierte Kost
  • aufrechte Sitzposition beim Essen
  • ggf. Ernährung über eine nasogastrale Sonde oder PEG-Sonde
Lebensstilbezogene Risikofaktoren 
Unwissen über bedarfsgerechtes Essen
  • Ernährungsbildung und -beratung
  • Förderung einer ausgewogenen Diät
Alkohol- und Drogenmissbrauch
  • Suchtberatung
  • Ernährungsbildung und -beratung
Soziale Isolation
  • Förderung sozialer Interaktionen und gemeinsamer Mahlzeiten
 Merke

Es sollten immer alle benötigten Hilfsmittel, wie Brille, Zahnprothesen, usw., auf Sauberkeit und Funktionalität geprüft und die Patient:innen, wenn nötig, bei der Anwendung dieser unterstützt werden.

  • Al-Abtah et al: I care Pflege. Georg Thieme Verlag 2020, ISBN: 978-3-132-41828-8
  • Al Abtah et al.: I care Krankheitslehre. Georg Thieme Verlag KG 2020, ISBN: 978-3-132-41824-0
Zuletzt aktualisiert am 26.06.2025
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