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Reizdarmsyndrom

Irritable Bowel Syndrome, Funktionelle Abdominalbeschwerden
6 Minuten Lesezeit

Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle gastrointestinale Störung, die durch Bauchschmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten (Diarrhö und/oder Obstipation) über mehr als 3 Monate gekennzeichnet ist. Die genaue Ätiologie ist unbekannt, aber eine gestörte Darm-Hirn-Achse, genetische Faktoren, ein verändertes Mikrobiom und psychosoziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Typische Symptome sind Blähungen, Durchfall, Obstipation oder eine Kombination dieser Symptome. Die Diagnose basiert auf den Rom-IV-Kriterien und dem Ausschluss organischer Ursachen. Therapeutische Ansätze sind vielfältig und umfassen diätetische Maßnahmen wie eine FODMAP-arme Ernährung, Therapien einschließlich der Gabe von Spasmolytika und Probiotika sowie psychosoziale Interventionen wie Psychoedukation. Ein ganzheitlicher Ansatz ist entscheidend, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

  • Prävalenz: 10-15% der Bevölkerung weltweit betroffen
  • Geschlecht: Frauen häufiger betroffen als Männer
  • Alter: Meistens Beginn im frühen Erwachsenenalter (20-40 Jahre)
  • Geografische Verteilung: Höhere Prävalenz in westlichen Ländern
  • Familienanamnese: Häufiger bei Personen mit familiärer Vorbelastung
  • Psychische Komorbiditäten: Höhere Rate an Angststörungen und Depressionen bei Betroffenen
  • Inanspruchnahme medizinischer Versorgung: Häufige Arztbesuche und erhöhte Gesundheitskosten
  • Beeinträchtigung der Lebensqualität: Signifikante Einschränkungen im täglichen Leben und Arbeitsalltag

Der zugrundeliegende Mechanismus ist noch nicht genau geklärt. Es wird vermutet, dass eine veränderte Motilität und dysfunktionelle sensorische und zentrale neuronale Störungen eine Rolle spielen. 

  • Gestörte Darm-Hirn-Achse
  • Viszerale Hypersensitivität
  • Motilitätsstörungen
  • Psychosoziale Faktoren
  • Dysbiose der Darmflora
  • Entzündliche Prozesse
  • Ernährungsgewohnheiten
  • Genetische Prädisposition
  • Stress und psychische Belastung
 Merke

In besonders stressigen Phasen oder bei einer akuten psychischen Erkrankung kann es zu einer Exazerbation des Reizdarmsyndroms kommen.

  1. Gastrointestinale Symptome:
    1. Abdominelle Schmerzen: Häufig im Unterbauch 
    2. Blähungen: Vermehrte Gasbildung und aufgeblähter Bauch, Völlegefühl
    3. Veränderungen der Stuhlgewohnheiten:
      • Diarrhö: Häufiger, wässriger Stuhlgang
      • Obstipation: Selten, harter Stuhlgang
      • Alternierender Stuhlgang: Wechsel zwischen Diarrhö und Obstipation
    4. Ggf. schleimige Auflagerungen im Stuhl
  2.  Extraintestinale Symptome:
    1. Müdigkeit: Chronische Erschöpfung und geringe Belastbarkeit
    2. Kopfschmerzen: Regelmäßig auftretende Spannungskopfschmerzen oder Migräne
    3. Schlafstörungen: Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen
  3. Triggerfaktoren:
    1. Stress: Psychosoziale Belastungen verschlimmern die Symptomatik
    2. Ernährung: Bestimmte Lebensmittel 
 Achtung

Red-Flags: Alarmsymptome wie Fieber, Blut im Stuhl,ungewollter Gewichtsverlust, Wachstumsstörungen, Dysphagie, progressive Symptomatik oder nächtliche Diarrhoe sprechen für eine organische Erkrankung und gegen eine funktionelle Darmerkrankung!

  • Anamnese:
    • Erfassung der Symptome (Dauer, Häufigkeit, Art der Beschwerden)
    • Identifikation von Triggerfaktoren (Ernährung, Stress, Menstruationszyklus)
    • Ausschluss von Warnsymptomen (Gewichtsverlust, rektale Blutungen, nächtliche Beschwerden)
  • Körperliche Untersuchung:
    • Abdominelle Untersuchung (Palpation, Perkussion)
    • Ausschluss von abdominellen Tumoren oder Hernien 
  • Laboruntersuchungen:
    • Blutbild: Ausschluss von Anämie und Entzündungen
    • CRP und BSG: Ausschluss entzündlicher Darmerkrankungen
    • Stuhluntersuchungen: Test auf okkultes Blut, Calprotectin zum Ausschluss von entzündlichen Darmerkrankungen (CEDs)
  • Ggf. Bildgebende Verfahren:
    • Ultraschall: Ausschluss struktureller Veränderungen im Bauchraum
    • Koloskopie: Bei Vorliegen von Alarmzeichen oder zur Ausschlussdiagnostik
    • CT/MRT: Bei unklaren Befunden oder spezifischem Verdacht auf andere Erkrankungen
  • Ggf. Spezifische Tests:
    • Laktose- und Fruktoseintoleranztest: Ausschluss von Nahrungsmittelunverträglichkeiten
    • Zöliakiediagnostik: Ausschluss von Zöliakie
  • Rom-IV-Kriterien:
    • Diagnosekriterien für ein Reizdarmsyndrom (siehe unten)
  • Psychosoziale Beurteilung:
    • Erfassung von Stress, Angst und Depression durch standardisierte Fragebögen
  • Ernährungsprotokoll:
    • Führen eines Ernährungstagebuchs zur Identifikation von symptomassoziierten Nahrungsmitteln
 Info
ROME-IV-Kriterien

Wiederkehrende Bauchschmerzen min. 1 Tag/Woche in den letzten 3 Monaten (Beginn vor min. 6 Monaten) mit ≥2 der folgenden Kriterien:

  • Zusammenhang mit der Stuhlentleerung
  • Veränderung der Stuhlfrequenz
  • Veränderung der Stuhlkonsistenz

Ein individualisierter Behandlungsplan, der die spezifischen Bedürfnisse und Symptome des Einzelnen berücksichtigt, ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie des Reizdarmsyndroms.

  • Diätetische Maßnahmen:
    • FODMAP-arme Ernährung: Reduktion fermentierbarer Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole zur Linderung von Blähungen und abdominellen Schmerzen
    • Ballaststoffreiche Ernährung: Zur Unterstützung bei Obstipation
    • Vermeidung von Triggernahrungsmitteln: Identifikation und Reduktion von Lebensmitteln, die Symptome auslösen
  • Pharmakologische Therapie:
    • Spasmolytika: Zur Linderung abdomineller Krämpfe (z.B. Mebeverin z.B. 200 mg retard p.o. 2×/Tag)
    • Probiotika: Unterstützung der Darmflora (z.B. Bifidobacterium infantis)
    • Antidiarrhoika: Bei Diarrhö-dominantem RDS (z.B. Loperamid)
    • Laxanzien: Bei Obstipation-dominantem RDS (z.B. Macrogol, Flohsamenschalen)
    • Antidepressiva: Niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva (off-label-use, nicht bei Obstipation einsetzen)
    • Phytotherapie: Pflanzliche Heilmittel wie Pfefferminzöl zur Entspannung der glatten Muskulatur
  • Psychosoziale Interventionen:
    • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Bewältigungsstrategien für Stress und Angst
  • Lebensstiländerungen:
    • Stressmanagement: Techniken wie Yoga, Meditation und Atemübungen
    • Regelmäßige körperliche Aktivität: Förderung der Darmmotilität und Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens
  • Patientenschulung und Selbsthilfe:
    • Information und Aufklärung: Verständnis der Erkrankung und ihrer Mechanismen
    • Selbsthilfestrategien: Austausch in Selbsthilfegruppen und Anwendung individueller Bewältigungsstrategien
Zuletzt aktualisiert am 23.09.2024
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