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Spannungspneumothorax (RD)

35 Minuten Lesezeit

Ein Spannungspneumothorax entsteht durch einen Ventilmechanismus, bei dem mit jedem Atemzug Luft in den Pleuraspalt gelangt, jedoch nicht wieder entweichen kann. Dies führt zu einer zunehmenden Druckerhöhung im Thorax, was die Verdrängung der Lunge auf die gesunde Seite zur Folge hat. 

Gleichzeitig werden Lunge, Herz und intrathorakale Gefäße komprimiert, was den venösen Rückstrom zum Herzen behindert und zu einem obstruktiven Schock führen kann.

Wichtige Symptome sind einseitig fehlende Atemgeräusche, gestaute Halsvenen oder auch akute Dyspnoe, Tachykardie, Zyanose und Hypotonie. In fortgeschrittenen Fällen kann es ebenfalls zu einer Verlagerung der Luftröhre (Trachea) auf die gesunde Seite kommen.

Ein Spannungspneumothorax ist ein absoluter Notfall und erfordert eine sofortige Entlastung des Pleuraraums durch eine Nadeldekompression, gefolgt von einer Thoraxdrainage.

Um den Einstieg in das Thema Spannungspneumothorax etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: "Thoraxverletzung, Atemnot"
  • Ort: Einfamilienhaus, Musterstraße 12, 3. Obergeschoss, 50226 Musterstadt
  • Alarmzeit: 14:32 Uhr
  • Anrufer: Angehöriger vor Ort
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • 35-jähriger, männlicher Patient
    • Akut aufgetretene Atemnot nach Sturz
    • Bekanntes Asthma bronchiale
    • Blass und schweißgebadet
    • Zunehmende Panik und Atemnot

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes stehen Angehörige vor dem Wohnhaus und weisen euch den Weg in die Wohnung. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient liegt im Wohnzimmer auf der Couch, atmet sehr schwer und greift sich an die Brust. Sein Gesichtsausdruck ist panisch und er hat offensichtlich große Angst
  • Der Anrufer, der den Notruf abgesetzt hat, berichtet, dass der Patient vor etwa 20 Minuten gestürzt sei und seitdem über starke Atembeschwerden klage. Der Patient ist auf den ersten Blick blass, schweißnass und zeigt starke Atemnot
  • Er berichtet weiterhin, dass der Patient bereits vor dem Unfall an Asthma litt und in der Vergangenheit mehrere Male mit akuter Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert wurde
Fallbeispiel: Spannungspneumothorax

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Spannungspneumothorax aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. spricht selbständig

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion rechtsseitig paradox
    • Hämatom rechts laterale Thorax Höhe 5.-7. Rippe
    • Gestaute Halsvenen sichtbar
  • Auskultatorisch:
    • Links vesikuläres Atemgeräusch
    • Rechts deutlich abgeschwächt
  • Palpatorisch:
    • Krepitation rechts auf Höhe des Hämatoms
    • Thorax dort instabil

Akutes 
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Insgesamt kaltschweißig
  • Recap-Zeit: 3 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard

Mittelbares 
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Schmerz rechter Thorax (insb. bei Bewegung)
    • Zunehmende Dyspnoe
    • Panik
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Weder Dauermedikation noch Akutmedikation genommen
    • Bedarfsmedikation: Salbutamol inhalativ bei Asthma-Anfall
  • Patientengeschichte: Bekanntes Asthma bronchiale
  • Letzte Mahlzeit (wegen möglicher Narkoseinleitung): Vor 2 Stunden
  • Ereignis:
    • Akut aufgetretene Atemnot nach Sturz
  • Risikofaktoren: keine 

Kein 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

Pneumothorax

Der Spannungspneumothorax ist eine Sonderform des Pneumothorax. Bei beiden Krankheitsbildern kollabiert eine Lungenhälfte und bietet im Verlauf nicht mehr genug Grundlage für den Gasaustausch. Dies geschieht durch eine Verletzung der Pleura visceralis oder der Pleura parietalis, wodurch Luft in den Pleuraspalt eindringen kann.

Kompression des Mediastinalraums

Ein Spannungspneumothorax ist eine lebensbedrohliche Form des Pneumothorax, bei der die Luft durch eine eben beschriebene Verletzung in den Pleuraspalt eindringt, aber nicht entweichen kann. Dies führt zu einem ventilartigen Mechanismus, bei dem mit jedem Atemzug mehr Luft in den Pleuraspalt gelangt. Die Luft sammelt sich also zunehmend an, was den Druck im Thorax erhöht.

Eine weitere Sonderform der Pleuraverletzungen mit resultierender Volumenminderung der betroffenen Lunge ist der Hämatothorax, bei dem sich Blut im Pleuraspalt sammelt.

Es gibt drei Ursachen für einen Spannungspneumothorax, die in der Terminologie entsprechend unterschieden werden.

Traumatischer Spannungspneumothorax:

  • Insbesondere bei polytraumatisierten Patient:innen oder Menschen mit einem isolierten Thoraxtrauma
  • Meist penetrierende Verletzung der Pleura parietalis von außen

Iatrogener Spannungspneumothorax:

  • Bei medizinischen Eingriffen, wie einer mechanischen Beatmung oder der Einlage eines Zentralvenenkatheters
  • Die Inzidenz liegt bei bis zu 10 % der beatmeten Patient:innen und stellt in diesem Rahmen keinen seltenen Notfall dar

Spontaner Spannungspneumothorax:

  • Bei Patient:innen mit einer ausgeprägten COPD (chronic obstructive pulmonary disease) oder bei jungen Menschen (meist Männer) kann ein spontaner Pneumothorax in einen Spannungspneumothorax übergehen. Dies ist jedoch insgesamt selten der Fall
  • Innerhalb der erweiterten Abklärung sollten auch nicht-diagnostizierte Gendefekte ausgeschlossen werden (wie z.B. Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom, o.Ä.)
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Zwischen den beiden Pleurablättern (Pleura visceralis und Pleura parietalis) herrscht ein Unterdruck
  • Die dortige Adhäsionskraft sorgt dafür, dass die Pleurablätter sich reibungsfrei gegeneinander verschieben, aber nicht voneinander trennen können
  • Die Lunge bleibt offen und "hängt” an der Thoraxwand
  • Gelangt Luft in den Pleuraspalt, wird die Adhäsionskraft aufgehoben

Pathogenese des Spannungspneumothorax 

Pneumothorax

Verlust der Adhäsionskraft:

Mit dem Eindringen von Luft in den Pleuraspalt wird die Adhäsionskraft zwischen der Pleura visceralis und parietalis aufgehoben. Dies führt dazu, dass die betroffene Lunge kollabiert, da der normale Unterdruck nicht mehr vorhanden ist, um die Lunge in ihrer normalen Position zu halten.

Ventilmechanismus:

In einem Spannungspneumothorax fungiert die Verletzung oft als Einwegventil (Ventilmechanismus), das die Luft in den Pleuraspalt eindringen lässt, jedoch verhindert, dass sie wieder entweicht. Mit jedem Atemzug gelangt mehr Luft in den Pleuraspalt, was den intrathorakalen Druck progressiv erhöht. Dieser Druckaufbau verschärft den Lungenkollaps und führt zu einer erheblichen Verschiebung der mediastinalen Strukturen.

Kompression des Mediastinalraums

Spannungspneumothorax mit Mediastinalschift

Dies hat mehrere schwerwiegende Folgen:

Kompression der kontralateralen Lunge:

  • Die nicht betroffene Lunge wird sukzessive zusammengedrückt
  • Atemmechanik wird erheblich beeinträchtigt
  • Dies führt im Verlauf zu einer verminderten Oxygenierung 

Kompression der großen Blutgefäße:

  • Der erhöhte Druck im Thorax und die Mediastinalverschiebung drücken auf die großen venösen Gefäße, wie die Vena cava superior und inferior
  • Dies führt zu einer deutlichen Reduktion des venösen Rückflusses zum Herzen
  • Das Herzzeitvolumen wird ebenfalls verringert
  • Es kann zu einem Kreislaufversagen (obstruktiver Schock) kommen

     Info

    Auch die arteriellen Gefäße sind in diesem Fall druckbelastet. Durch ihre muskelstarke Wand und den hohen intravasalen Druck halten sie dem Druck von außen jedoch stand und werden selbst nicht komprimiert. Venöse Gefäße wiederum können durch den hohen Druck von außen gänzlich oder zu einem Großteil komprimiert werden. 

Reduktion des Herzfüllungsvolumens:

  • Der venöse Rückfluss wird weiter eingeschränkt
  • Die Füllung des rechten Herzens (und somit das Herzzeitvolumen) werden erheblich reduziert
  • Dies kann schnell zu einem hämodynamischen Kollaps führen
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem Spannungspneumothorax 
  • Kompression der Lunge
    • Atmung wird stark beeinträchtigt
  • Verschiebung der Mediastinalorgane
    • Mediastinum über die Mittellinie hinweg zur gegenüberliegenden Seite verschoben
    • Kompression des Herzens und der großen Blutgefäße
  • Verminderter venöser Rückfluss
    • Kompression der großen Blutgefäße führt zur Einschränkung des Blutflusses zum Herzen
    • Kann zu einem Kreislaufversagen führen 
 Merke

Der Spannungspneumothorax ist potenziell lebensgefährlich und sollte entsprechend schnell erkannt und behandelt werden. In diesem Abschnitt konzentrieren wir uns auf die klinischen Zeichen, die helfen können, den Unterschied zwischen einem Pneumothorax und einem Spannungspneumothorax zu differenzieren.

Typische Zeichen 

  • Akute Atemnot (Dyspnoe)
    • Eines der frühesten und schwerwiegendsten Symptome
    • Plötzliche und rasch zunehmende Atemnot  
    • Insbesondere die rasche Progredienz der Atemnot ist bezeichnend
  • Zeichen einer oberen Einflussstauung
    • Durch den Druck auf den Mediastinalraum kann der Rückfluss zum Herzen beeinträchtigt sein
    • Das kann sich in gestauten Halsvenen äußern
    • Weiterhin können aber auch Petechien auftreten – ähnlich wie bei Opfern von Strangulation
  • Brustschmerzen
    • Einseitige, stechende Schmerzen, die typischerweise auf der betroffenen Seite lokalisiert sind
    • Die Schmerzen können mit der Atmung stärker werden

Generalisierte Zeichen 

  • Tachypnoe
    • Oft als Reaktion auf eine Hypoxie und die beeinträchtigte Atmungskapazität
  • Zyanose
    • Bläuliche Verfärbung der Haut und Schleimhäute, insbesondere der Lippen
  • Angst und Unruhe
  • Hypotonie und Tachykardie
    • Ein fortgeschrittener Spannungspneumothorax kann zu einem obstruktiver Schock führen
  • Bewusstseinsstörungen
    • Bei fortgeschrittener Hypoxie und Kreislaufversagen können Patient:innen verwirrt, benommen oder bewusstlos sein
 Merke
Anamnese und körperliche Untersuchung im Fokus

Die Diagnose eines Pneumothorax wird durch die Anamnese, körperliche Untersuchung und bildgebende Verfahren, in der Regel durch eine Röntgen-Thorax-Aufnahme, gestellt.

Da die Bildgebung in der präklinischen Versorgung logistisch nicht gegeben ist, müssen die Zeichen der Anamnese und der körperlichen Untersuchung umso besser erhoben und richtig eingeordnet werden, um dem Patienten schnellstmöglich die beste Behandlung zukommen zu lassen

Anamnese

Aktuelle Anamnese:

  • S (Symptome): Starke Dyspnoe, Angst, Panik, Thoraxschmerz
  • A (Allergien, Infektionen): allergisches Asthma
  • M (Medikation)
  • P (Patientengeschichte): Trauma, Interventionen (ZVK, OP), bekannte Lungenerkrankung, vorangegangene Pneumothoraces
    • Trauma in der Vorgeschichte → Hinweis auf traumatischen Pneumothorax
    • Intervention in der Vorgeschichte (ZVK-Anlage, Pleurapunktion, etc.) → Hinweis auf iatrogenen Pneumothorax
    • Bekannte Lungenerkrankung → Hinweis auf sekundären Spontanpneumothorax
    • Pneumothorax in der Vergangenheit ➜ Rezidivierender Pneumothorax
  • L (Letzte…)
  • E (Ereignis): Trauma
  • R (Risiko): Junger, schlanker Patient (oft männlich), rauchen
    • Junger schlanker Patient (öfter männlich als weiblich) → Hinweis auf primären Spontanpneumothorax
    • Rauchen in der Anamnese → Hinweis auf primären oder sekundären Spontanpneumothorax
  • S (Schwangerschaft)
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Spannungspneumothorax abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Asymmetrisches Atemmuster
    • Betroffene Seite „hinkt nach“
  • Hinweise auf äußere Verletzungen
  • Obere Einflussstauung
    • Aufgrund der verminderten Rückflussmöglichkeiten zum Herzen sind die Halsvenen oft gestaut
  • Bei Rippenserienfraktur (Frakturen von ≥3 benachbarten Rippen): paradoxe Atmung
    • Bei der Inspiration weitet sich der Thorax
    • Bei der Exspiration bewegt sich der Thorax normalerweise nach innen
    • Bei einer Rippenserienfraktur wird ein paradoxes Atemmuster provoziert, bei dem die frakturierten Rippenfragmente sich entgegengesetzt zur normalen Atembewegung verhalten
      • An der Stelle bewegen sich die frakturierten Rippen bei der Inspiration nach innen und bei der Exspiration nach außen

Instabiler Thorax (Flail Chest) mit paradoxen Atembewegungen

Palpation:

  • Stimmfremitus vermindert oder fehlend
  • Eventuell Instabilität des Thorax
  • Hautemphysem mit Knistern („Schneeballknirschen“)

Perkussion:

  • Hypersonorer Klopfschall auf der betroffenen Seite
 Tipp
Perkussion in der Präklinik

Insbesondere im präklinischen Setting kann es aufgrund der Umgebungsgeräusche schwierig sein, die Auskultation oder Perkussion adäquat interpretieren zu können. Nehmt euch ausreichend Zeit und weist eure Kolleg:innen sowie andere am Einsatz beteiligte Personen darauf hin, leise zu sein, um einen genauen Befund erheben zu können.

Erfahrungsgemäß wird die Perkussion jedoch vor Ort fast gänzlich vernachlässigt, da die fehlende Übung, der am Einsatz beteiligten Personen, die Behandlung unnötig verzögern würde. 

Auskultation:

  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch auf der betroffenen Seite
  • Eventuell Hamman-Zeichen: pulssynchrones „Klicken“ oder „Gluckern“ (hörbares Ausdehnen und Zusammenziehen der Luft im Pleuraspalt bei jedem Herzschlag)

Vitalparameter:

  • Ggf. hämodynamische Instabilität (Hypotonie und Tachykardie)
  • Pulsus paradoxus
 Info
Pulsus paradoxus

Der Pulsus paradoxus beschreibt einen starken Abfall des systolischen Blutdrucks während der Inspiration, was auf eine beeinträchtigte Herzfunktion durch die Kompression des Herzens hinweist. Durch den Druck auf den Mediastinalraum kann dieses Zeichen bei einem Spannungspneumothorax vorliegen.

Bildgebung

Ultraschall:

  • Im Notfall zeigt ein Thorax-Ultraschall den sogenannten „Lung Point“ oder fehlendes „Lung Sliding”
  • Lung Point: Punkt, an dem sich das kollabierte Lungengewebe von der Thoraxwand löst
  • Lung Sliding: Lungengleitbewegungen
  • Bei Vorliegen eines (Poly-)Traumas ist im Verlauf der weiteren Versorgung in jedem Fall eine Sonografie nach dem eFAST-Schema anzuraten
 Info
Rippenserienfraktur links
Klinischer Exkurs

Die Diagnose eines Pneumothorax wird innerhalb eines Krankenhauses oft mittels eines Röntgen-Thorax bestätigt. Bei einem Spannungspneumothorax wäre neben anderen radiologischen Zeichen für einen Pneumothorax zum Beispiel auch eine Trachealverschiebung von der Mittellinie gegeben, wobei die Trachea durch den bestehenden Druck zur gesunden Seite verschoben ist. Dies ist ein Zeichen einer Mediastinalverschiebung.

 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke
Ziel: Druckentlastung des Pleuraspalts und hämodynamische Stabilisierung

Das Ziel der Behandlung ist die schnelle Druckentlastung des Pleuraspalts und die hämodynamische Stabilisierung

Zusammengefasst erfordert die Therapie eines Spannungspneumothorax: 

  • Eine sofortige Druckentlastung durch Nadelthorakostomie
  • Gefolgt von einer Minithorakotomie mit Anlage einer Thoraxdrainage zur definitiven Therapie

Parallel dazu sind unterstützende Maßnahmen und eine engmaschige Überwachung notwendig.

 Achtung

Die Dekompression sollte bei dringendem Verdacht auf einen Spannungspneumothorax auch vor weiterem Monitoring oder der Sicherstellung eines großlumigen venösen Zugangs angestrebt werden. Dennoch müssen diese Basismaßnahmen im weiteren Verlauf durchgeführt werden, um eine optimale Versorgung der Patient:innen zu gewährleisten.

Basismaßnahmen

  • Hochdosierte Sauerstoffgabe
  • Situationsgerechte Lagerung, z.B. Oberkörperhochlagerung
  • Überwachung der Vitalparameter
  • I.v. – Zugang und angepasste Volumentherapie
  • Wundversorgung

Spezifische Maßnahmen

  • Nadeldekompression
  • Ggf. Minithorakotomie erwägen
  • Anlage einer Thoraxdrainage
  • Immobilisation:
    • Insbesondere im Falle eines Traumas bzw. eines Polytraumas
    • Je nach Fall ist eine Immobilisation des Rumpfes oder eine vollständige Immobilisation notwendig 
  • Analgesie 
 Info
Antibiotikaprophylaxe

In bestimmten Fällen, wie bei traumatischen Pneumothoraces, kann die prophylaktische Gabe von Antibiotika erwogen werden, um Infektionen zu verhindern. Dies ist präklinisch jedoch in den meisten Einsatzgebieten nicht vorgesehen. Entsprechend werden oft keine generalisierten Antibiotikagaben mehr vorgenommen.

 Nadeldekompression (Nadelthorakostomie)

Indikation:

  • Notfallmaßnahme der 1. Wahl bei klinischem Verdacht auf einen Spannungspneumothorax
  • Sie sollte möglichst nicht durch andere Maßnahmen aufgeschoben werden, da jede Verzögerung lebensgefährlich sein kann

Material:

  • Großlumige Thoraxentlastungskanüle (mindestens 14G, Länge 4,5–5 cm) oder eine spezielle Nadel zur Notfall-Dekompression
  • Hautdesinfektion 
  • Handschuhe 

     Achtung

    Der Einsatz eines venösen Zugangskatheters, der üblicherweise für intravenöse Zugänge verwendet wird, ist aufgrund seiner unzureichenden Länge oft nicht ausreichend, um den Pleuraspalt zu erreichen, insbesondere bei adipösen Menschen. Sollte keine adäquate Thoraxentlastungskanüle greifbar sein, kann eine großlumige Venenverweilkanüle initial zur Dekompression versucht werden

Durchführung:

  • Desinfektion der Punktionsstelle:
    • Dies sollte, sofern möglich, auch im Rahmen dieser dringlichen Indikation nicht vernachlässigt werden
Punktionshöhen beim Pneumothorax
  • Wahl der Punktionsstelle:
    • Die Kanüle wird in den 4. oder 5. Interkostalraum in der mittleren oder vorderen Axillarlinie (Bülau-Position) auf der betroffenen Seite eingeführt
    • Alternativ kann auch der 2. Interkostalraum an der Medioklavikularlinie (der sogenannten Monaldi-Position) genutzt werden
 Tipp
Sulcus costae
Eselsbrücke

Um Nerven und Gefäße möglichst nicht zu verletzen, sollte die Nadel kranial der Rippe in den Thorax eingeführt werden. Der Merkspruch dazu lautet: „Unter der Rippe parkt ein VAN“, wobei VAN für Vene, Arterie und Nerv steht, da diese Strukturen unmittelbar kaudal der Rippen verlaufen.

  • Nach dem Einführen sollte man ein Zischen hören, wenn die Luft aus dem Pleuraspalt entweicht
  • Die Nadel wird mit Pflasterband gesichert und sollte nur als temporäre Lösung dienen, bis eine Thoraxdrainage gelegt werden kann

Erfolgskontrolle:

  • Wenn erfolgreich:
    • Symptomverbesserung
      • Eine klinische Besserung der Symptome sollte frühzeitig erkennbar sein
      • Die Atemnot sollte sich verbessern, und Vitalparameter wie Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz sollten sich stabilisieren
    • Atemgeräusche
      • Ggf. verbessertes Atemgeräusch auf der betroffenen Seite
 Achtung

Die Lunge entfaltet sich nach einer Nadeldekompression häufig nicht vollständig, da lediglich Luft aus dem Pleuraspalt entweichen kann. Der physiologische Unterdruck wird hierdurch nicht wiederhergestellt. Daher können das Atemgeräusch und die Ventilation der betroffenen Seite trotz klinischer Besserung weiterhin abgeschwächt sein.

  • Atemexkursionen
    • Atembewegungen nach Dekompression wieder symmetrisch
  • Ultraschall
    • Besonders nützlich, um sicherzustellen, dass keine Flüssigkeit oder Luft mehr im Pleuraspalt vorhanden ist
    • Besonders bei der Versorgung eines polytraumatisierten Menschen im Verlauf nach Möglichkeit schnellstmöglich eine eFAST-Sonografie durchführen
  • Wenn nicht erfolgreich:
    • Symptomzunahme:
      • Insbesondere die Dyspnoe, die Schmerzen und die schlechte Kreislaufsituation können zunehmen
    • Zusätzliches Auftreten neuer Symptome:
      • Bei einer Fehlplatzierung der Nadel kann es zu schweren Blutungen kommen
      • Können mit Blutdruckabfall, Tachykardie und Bewusstlosigkeit einhergehen
    • Maßnahmen:
      • Durchführung einer notfallmäßigen Minithorakotomie

Minithorakotomie

 Definition

Eine Minithorakotomie ist ein kleiner chirurgischer Zugang zum Thorax, bei dem durch einen Hautschnitt und stumpfe Präparation die Pleura eröffnet und entlastet wird.

Indikation:

  • Frustrane Nadeldekompression bei Spannungspneumothorax
  • Bei einem großen Fistelvolumen kann die Nadelentlastung unzureichend sein, da die Drainageleistung nicht ausreicht. In solchen Fällen empfiehlt die aktuelle S3-Leitlinie zur Schwerverletztenversorgung eine Minithorakotomie zur effektiven Entlastung

Material:

  • Desinfektionsmittel
  • Skalpell
  • Stumpfe Präparierschere
Triangle of Safety

Durchführung:

  1. Desinfektion der Punktionsstelle:
    1. Dies sollte, sofern möglich, auch im Rahmen dieser dringlichen Indikation nicht vernachlässigt werden
  2. Hautschnitt und stumpfe Präparation im Triangle of Safety:
    • Etwa 5 cm langer Hautschnitt entlang des Rippenverlaufs, gefolgt von einer stumpfen Präparation bis zur Pleura parietalis
    • Eröffnung der Pleura und Zugang digital kontrollieren, um die Entlastung sicherzustellen
  3. Nach der Eröffnung sollte man ein Zischen hören, wenn die Luft aus dem Pleuraspalt entweicht
 Merke

So kann auch eine größere Menge an Luft effektiv abgeleitet und ein Spannungspneumothorax suffizient entlastet werden.

 Tipp
Sulcus costae
Eselsbrücke

Um Nerven und Gefäße möglichst nicht zu verletzen, sollte die Präparation kranial der Rippe in den Thorax durchgeführt werden. Der Merkspruch dazu lautet: „Unter der Rippe parkt ein VAN“, wobei VAN für Vene, Arterie und Nerv steht, da diese Strukturen unmittelbar kaudal der Rippen verlaufen.

Erfolgskontrolle:

  • Wenn erfolgreich:
    • Symptomverbesserung
      • Eine klinische Besserung der Symptome sollte frühzeitig erkennbar sein
      • Die Atemnot sollte sich verbessern, und Vitalparameter wie Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz sollten sich stabilisieren
    • Atemgeräusche
      • Atemgeräusch auf beiden Seiten vergleichbar laut
    • Atemexkursionen
      • Atembewegungen nach Dekompression wieder symmetrisch
      • Initial betroffene Seite nimmt auch wieder am Gasaustausch teil
    • Ultraschall
      • Besonders nützlich, um sicherzustellen, dass keine Flüssigkeit oder Luft mehr im Pleuraspalt vorhanden ist
      • Besonders bei der Versorgung eines polytraumatisierten Menschen im Verlauf nach Möglichkeit schnellstmöglich eine eFAST-Sonografie durchführen
  • Wenn nicht erfolgreich:
    • Symptomzunahme:
      • Insbesondere die Dyspnoe, die Schmerzen und die schlechte Kreislaufsituation können zunehmen
    • Maßnahmen:
      • Überprüfen der durchgeführten Maßnahme
      • Einlage einer Thoraxdrainage

Thoraxdrainage (Thorakostomie)

 Achtung

Nach der initialen Nadeldekompression muss der Spannungspneumothorax dauerhaft durch eine Thoraxdrainage behandelt werden, um die Luft kontinuierlich aus dem Pleuraspalt abzuleiten und eine erneute Druckerhöhung zu verhindern.

Indikation:

  • Dies ist die definitive Therapie bei einem Spannungspneumothorax
  • Auch nach einer initialen Nadeldekompression ist die Behandlung durch eine Thoraxdrainage unerlässlich

Durchführung:

  • Eine Thoraxdrainage wird im 4. oder 5. Interkostalraum in der vorderen oder mittleren Axillarlinie (auf Höhe der Mamille) platziert. Dieser Punkt wurde nach dem Erstbeschreiber als Bülau-Position benannt
  • Die Drainage wird nach der Platzierung mit einem Heimlich-Ventil verbunden, das den Einweg-Ablauf der Luft aus dem Pleuraspalt ermöglicht
  • Die Drainage verbleibt normalerweise für mehrere Tage, bis keine Luftleckage mehr auftritt und die Lunge vollständig reexpandiert ist
Punktionshöhen beim Pneumothorax
 Info
Heimlich-Ventil 

Im Inneren des Heimlich-Ventils befindet sich ein Gummischlauch, welcher zwar die Leitung von Luft aus dem Körper heraus zulässt, allerdings keine Luft durch das Ventil in das Thoraxinnere einfließen lässt. Dies verhindert, dass Luft in den Pleuraspalt zurückströmt, und fördert die Reexpansion der kollabierten Lunge.

Funktionsprinzip eines Heimlich-Ventils
Funktionsprinzip eines Heimlich-Ventils

Erfolgskontrolle:

  • Wenn erfolgreich:
    • Symptomverbesserung
      • Eine klinische Besserung der Symptome sollte frühzeitig erkennbar sein
      • Die Atemnot sollte sich verbessern, und Vitalparameter wie Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz sollten sich stabilisieren
    • Atemgeräusche
      • Atemgeräusch auf beiden Seiten vergleichbar laut
    • Atemexkursionen
      • Atembewegungen nach Dekompression wieder symmetrisch
      • Initial betroffene Seite nimmt auch wieder am Gasaustausch teil
    • Ultraschall
      • Besonders nützlich, um sicherzustellen, dass keine Flüssigkeit oder Luft mehr im Pleuraspalt vorhanden ist
      • Besonders bei der Versorgung eines polytraumatisierten Menschen im Verlauf nach Möglichkeit schnellstmöglich eine eFAST-Sonografie durchführen
  • Wenn nicht erfolgreich:
    • Erneute Thoraxdrainage
      • Neuanlage kann bei falscher Position erforderlich sein
      • Initial gewählte Punktionsstelle kann in modifizierter Position, beispielsweise kranial oder kaudal davon, erneut genutzt werden
    • Chirurgische Intervention
      • Nach mehreren frustanen Thoraxdrainage-Versuchen ist ein präklinischer chirurgischer Eingriff im Sinne einer Clamshell-Thorakotomie der nächste mögliche Schritt
      • Zu bedenken ist, dass dafür Expertise, das richtige Equipment und vor allem die Rahmenbedingungen stimmen müssen → Meist ist das präklinisch keine realistische Option 
DBRD Algorithmus: Entlastungspunktion - Spannungspneumothorax

Mechanisch beatmete Patient:innen:

Bei dieser Patientengruppe kann ein Spannungspneumothorax schwerer zu erkennen sein, da die Symptome teilweise durch die Beatmung maskiert werden. Hier sollte besonders aufmerksam auf Druckerhöhungen im Beatmungsgerät und eine rasche Verschlechterung der Kreislaufsituation geachtet werden.

Bilateraler Spannungspneumothorax:

Bei Verdacht auf einen beidseitigen Spannungspneumothorax muss die Dekompression auf beiden Seiten erfolgen. Bei einer sogenannten „Trauma-Reanimation ist die Anlage einer beidseitigen Thoraxdrainage oft ein standardisiertes Vorgehen. 

Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Das Zielkrankenhaus sollte über eine unfall- oder allgemeinchirurgische Abteilung verfügen und eine Notaufnahme mit einem Schockraum vorweisen.

Weiterhin kann die erweiterte Versorgung von Begleitverletzungen durch andere Disziplinen notwendig sein (wie bei Verbrennungen, schweren Kopfverletzungen oder Ähnlichem). Ein Spannungspneumothorax selbst muss jedoch nicht zwingend in einem „Maximalversorger-Krankenhaus“ behandelt werden.

Unter Berücksichtigung der Zuständigkeiten der Krankenhäuser muss auch eine Abwägung anhand des Zustands der betroffenen Person getroffen werden. In manchen Fällen ist eine initiale Stabilisierung in einem nahegelegenen Krankenhaus notwendig, bevor der Sekundärtransport zur weiteren Versorgung erfolgen kann. Ein solcher Sekundärtransport kann etwa notwendig sein, um Begleitverletzungen adäquat versorgen zu können. 

 Merke
Zusammenfassung Transport
  • Zielkrankenhaus: Unfall- oder allgemeinchirurgische Abteilung mit angegliederter Notaufnahme mit Schockraum
  • CAVE: Schockraumanmeldung nicht vergessen!
  • Andere Disziplinen möglicherweise notwendig für Versorgung von Begleitverletzungen 
    (z.B. Verbrennungen
 Achtung

Je nach Verletzungsschwere ist auch ein Transport mittels Rettungshubschrauber notwendig. Dies kann zum Beispiel bei Verletzungen mit Beteiligung der Wirbelsäule oder bei Vorliegen eines Polytraumas der Fall sein. Diese Entscheidung muss von Fall zu Fall abgewogen werden.

Wie oben bereits erwähnt, sollte die Immobilisierung der Patient:innen vor dem Transport vollständig abgeschlossen sein, damit durch die Bewegungen während des Transports keine weiteren Schädigungen entstehen.

Zur Zusammenfassung hier die Hard Facts, die bei der Examensvorbereitung oder im Einsatz helfen können:

Ursachen:

  • Traumatisch
  • Iatrogen
  • Spontan

Pathophysiologie:

  • Verletzung mindestens eines der Pleurablätter mit Verlust der Adhäsionskraft im Pleuraspalt
    • Lungenkollaps
      • Ventilmechanismus
        • zunehmender Druckaufbau im Thorax
          • Kompression der gesunden Lunge
          • Verschiebung der Mittellinie und der Mediastinalorgane
          • Verminderung des venösen Rückstroms
  • Potenzielle Lebensgefahr

"Red Flags" - Spezifische Symptome:

  • Stärkste Atemnot mit akutem Brustschmerz
  • Zentralvenenstauung
  • Einseitig fehlendes Atemgeräusch
  • Hypersonorer Klopfschall
  • Paradoxe Atmung bzw. asymmetrische Thoraxexkursion 

Therapie:

  • Sofortige Nadeldekompression (Nadelthorakostomie)
    • Punktion 2./3. ICR medioclavicular (Monaldi-Position) oberhalb der Rippe
    • Entlastungspunktionsnadel statt großlumiger Venenverweilkanüle nutzen
    • Erfolgskontrolle
      • Symptomverbesserung
      • Atemgeräusche auf betroffener Seite zunehmend
      • Atemexkursionen auf betroffener Seite zunehmend physiologisch
  • Implementierung einer Thoraxdrainage zur dauerhaften Entlastung
    • Punktion 4./5. ICR vordere oder mittlere Axillarlinie (Bülau-Position) oberhalb der Rippe
    • Erfolgskontrolle wie Nadeldekompression (in klinischem Setting mittels Röntgen und Ultraschall)
  • Sauerstoffgabe
  • Überwachung und Stabilisierung der Vitalfunktionen
  • Immobilisierung, wenn notwendig
  • Analgesie, bei Bedarf
 Tipp

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  • Pneumothorax
  • Pneumothorax (Röntgen-Thorax)
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Zuletzt aktualisiert am 04.08.2026
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