Medi Know
Logo Image

Staphylococcus epidermidis

11 Minuten Lesezeit

Staphylococcus epidermidis ist ein grampositives Bakterium, aus der Gattung der Staphylokokken. Es gehört zur Gruppe der Koagulase-negativen Staphylokokken (KNS), ist also Katalase-positiv, aber Koagulase-negativ.

Staph. epidermidis sowie die meisten anderen Koagulase-negativen Staphylokokken zählt zu den häufigsten Besiedlern der menschlichen Haut und Schleimhäute und ist in der Regel nicht pathogen. Problematisch wird der Erreger vor allem durch seine Fähigkeit zur Biofilmbildung auf künstlichen Materialien wie Kathetern oder Herzklappenprothesen. Besonders bei immungeschwächten Patient:innen kann Staph. epidermidis nosokomiale Infektionen verursachen.

Aufgrund häufiger Antibiotikaresistenzen – insbesondere gegenüber Beta-Lactam-Antibiotika – ist eine gezielte antibiotische Therapie auf Basis eines Antibiogramms oft notwendig.

Staph. epidermidis Taxonomie
  • Domäne: Bacteria
  • Stamm: Bacillota (früher: Firmicutes)
  • Klasse: Bacilli
  • Ordnung: Bacillales
  • Familie: Staphylococcaceae
  • Gattung: Staphylococcus
  • Spezies: Staphylococcus epidermidis-Gruppe
    • Wichtige Subtypen:
      • Staphylococcus epidermidis
        • Methicillin-resistenter S. epidermidis, MRSE
      • Staphylococcus hominis
      • Staphylococcus capitis
  • Klinische/diagnostische Einteilung: Koagulase-negative Staphylokokken
 Info
Abkürzung “Staph.”

“Staphylococcus” wird im weiteren mit “Staph”. abgekürzt.

Koagulase-negative Staphylokokken (KNS):

Übersicht: Staphylokokken
Übersicht: Staphylokokken Differenzierung

Wie bereits im Einführungsartikel zu den Staphylokokken beschrieben, können innerhalb der Gattung der Staphylokokken verschiedene Spezies, durch die Testung von Enzymaktivitäten und Wirkstoff-Sensitivität, differenziert werden.

Während alle Staphylokokken Katalase-positiv sind, erfolgt die weitere Differenzierung anhand der Koagulase-Reaktion. Staphylococcus aureus weist hierbei als einzige Spezies der Staphylokokken-Gattung eine positive Koagulase-Reaktion auf. Alle anderen Staphylokokken präsentieren sich Koagulase-negativ. Sie werden daher in einer eigenen Gruppe zusammengefasst:

Die Koagulase-negativen Staphylokokken, kurz KNS.

Die KNS können weiter in zwei Untergruppen eingeteilt werden, welche sich durch ihre Sensitivität auf Novobiocin unterscheiden lassen:

  • Staphylococcus epidermidis-Gruppe: Novobiocin-sensibel
    • Darunter: Staph. epidermidis, Staph. hominis, Staph. capitis
  • Staphylococcus saprophyticus-Gruppe: Novobiocin-resistent
    • Darunter: Staph. saprophyticus und weitere Erreger
 Merke
Take Home: Koagulase-negative Staphylokokken (KNS)
  • Staphylokokken: Katalase positiv
  • Streptokokken: Katalase negativ
  • Staphylokokken-Differenzierung mittels Koagulase-Reaktion in:
    • Koagulase-positive Staphylokokken: Staph. aureus
    • Koagulase-negative Staphylokokken (KNS):
      • Staph. epidermidis-Gruppe, inkl. Staph. epidermidis, Staph. hominis, Staph. capitis
      • Staph. saprophyticus-Gruppe, inkl. Staph. saprophyticus und weiterer Erreger
 StreptokokkenStaphylokokken
  Koagulase-positive Staphylokokken
→ Staph. aureus
 
Koagulase-negative Staphylokokken (KNS)
→ Staph. epidermidis-Gruppe
→ Staph. saprophyticus-Gruppe

Katalase

Koagulase

Übersicht

Staphylococcus epidermidis unter dem Lichtmikroskop
Staph. epidermidis unter dem Lichtmikroskop
  • Morphologie: kokkoid (kugelförmig), Anordnung in Haufen
  • Größe: ca. 1 µm breit
  • Beweglichkeit: unbeweglich aufgrund fehlender Geiseln
  • Gram-Färbung: grampositiv
  • Verkapselung: nein, jedoch Bildung einer Schutz-Schleimschicht → Biofilm
  • Sporenbildung: nein
  • Sauerstoffbedarf: fakultativ anaerob
  • Zellinvasion: primär extrazellulär, selten Eindringen in Epithel- und Endothelzellen

Zellaufbau

Der Zellaufbau von Staph. epidermidis entspricht grundlegend dem grampositiver Bakterien.

Als besonderes Merkmal zeigt sich bei Staphylococcus epidermidis die Fähigkeit zur Bildung einer Polysaccharid-Schleimschicht. Diese entspricht keiner klassischen Kapsel, ist funktionell jedoch kapselähnlich.

Polysaccharid-Schleimschicht:

  • Keine klassische, dicke Kapsel (wie z. B. Klebsiella pneumoniae), jedoch extrazelluläre Polysaccharidmatrix (auch genannt: „slime layer“)
    • Wichtigster Bestandteil: Polysaccharid-Interzellular-Adhäsin (PIA)
    • Sezernierung erfolgt nach Adhärenz an Fremdkörper
    • Funktionell kapselähnlich:
      • Schutz vor Phagozytose
      • Behinderung der Antibiotika-Penetration
      • Beitrag zur Biofilmbildung (z. B. auf Kathetern, Shunts, Herzklappen)

Pathogenität und Virulenzfaktoren

Virulenzfaktoren:

Staphylococcus epidermidis gehört zur physiologischen Hautflora und ist eigentlich ein nicht pathogener Erreger. Unter bestimmten Bedingungen, z. B. einer Immunsuppression oder bei Anlage von Fremdmaterialien wie Kathetern oder Prothesen, kann er pathogen wirken.

Die hauptsächlichen Pathogenitätsfaktoren von Staph. epidermidis sind:

  • Biofilmbildung → Hauptvirulenzfaktor
    • Vermittelt durch Polysaccharid-Interzellular-Adhäsin (PIA)
    • Biofilm schützt die Bakterien vor Antibiotika, Immunabwehr (Phagozytose) und Desinfektionsmitteln
    • Besonders relevant bei Fremdkörperinfektionen (z. B. ZVK, Herzklappen, Gelenkprothesen)
  • Resistenzmechanismen:
    • Methicillin-Resistenz kommt in 75-90 % vor (z. B. MRSE = Methicillin-resistenter Staph. epidermidis)
    • Trägt zur Therapieresistenz und Hospitalpersistenz bei
    • Plasmidvermittelt

Die untenstehende Tabelle fasst die relevanten Virulenzfaktoren übersichtlich zusammen:

PathogenitätsmerkmalVirulenzfaktorFunktionsmechanismus

Metabolische Anpassung

Adaptation
Lipasen
Proteasen
Nukleasen
  • Exoenzyme
  • Dienen Überleben und Ernährung auf der Haut
  • Helfen bei Zerstörung von Wirtsstrukturen, tragen zur Persistenz bei

Adhärenz

Adhesion
Oberflächenproteine (z.B. AtlE)
  • Ermöglichen Anhaftung an Wirtsgewebe und Biomaterialien
  • Wichtig für die erste Phase der Biofilmbildung

Immunevasion

Immunevasion
Polysaccharid-Interzellulär-Adhäsin
  • Ermöglicht die Biofilmbildung
Geringe Toxinproduktion
  • Erreger verhält sich unauffällig
  • Keine starke Entzündungsreaktion
    → erschwert die Detektion durch das Immunsystem

Toxine:

Wie bereits oben beschrieben, sind Erreger der „Staph. epidermidis”-Spezies nicht Toxin-vermittelt pathogen. Dennoch produzieren sie ein Toxin, das sogenannte „Deltatoxin“.

Dieses Toxin unterstützt durch eine Interaktion mit antimikrobiellen Peptiden des Wirts die Bekämpfung von Gruppe-A-Streptokokken auf Haut und Schleimhaut. Es verdeutlicht damit die symbiotische Funktion, die Staph. epidermidis als Kommensale für den Menschen hat.

 Info
Kommensale

Kommensalen sind Mikroorganismen, die auf oder im Körper eines Wirts leben, ohne diesem zu schaden – im Gegensatz zu pathogenen Keimen. Häufig profitieren sie vom Wirt (z. B. durch Nährstoffe oder Lebensraum), ohne selbst eine Krankheit zu verursachen.

Ein möglicher pathogener Effekt ist die Beteiligung an hämorrhagischer Enterokolitis bei Neugeborenen, wobei der Zusammenhang bislang nicht eindeutig belegt ist.

ToxinFunktionWeitere Informationen
DeltatoxinEliminierung von Gruppe-A-Streptokokken
  • Toxin arbeitet für Wirt und dient der Bekämpfung von Gruppe-A-Streptokokken
  • Bildet Poren in Zellmembran von Erythrozyten → Zelllyse
  • Kooperiert mit antimikrobiellen Peptiden des Wirts → Eliminierung von fremden Erregern
  • Kann hämorrhagische Enterokolitis bei Neugeborenen hervorrufen

Epidemiologie

Staphylococcus epidermidis befindet sich bei den meisten Menschen als Erreger der physiologischen Keimflora nahezu ubiquitär auf der menschlichen Haut und Schleimhaut.

Eine Übertragung erfolgt hauptsächlich direkt oder indirekt durch Kontakt mit kontaminierten Personen oder Gegenständen.

Resistenzen:

  • Staph. epidermidis ist häufig gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent, v.a. gegen einfache Penicillin-Antibiotika
    → Werden dann als „MRSE“ (Methicillin-resistenter Staphylococcus epidermidis) bezeichnet
  • Methicillin-Resistenz kommt in 75-90 % vor (z. B. MRSE = Methicillin-resistenter Staph. epidermidis)
  • Auch weitere Resistenzen, z.B. gegen Fluorchinolon-Antibiotika, sind zunehmend
 Info
Merke / Zusatzwissen
Zusatzinfo: Resistenz-Weitergabe

Wissenschaftliche Studien konnten eine Verbindung zwischen den Resistenzen von Staph. epidermidis und Staph. aureus entdecken. So besteht die Hypothese, dass die Methicillin-Resistenz plasmidvermittelt von Staph. epidermidis (MRSE) auf Staph. aureus (MRSA) übertragen wurde.

Klinik

Risikofaktoren für eine Staph. epidermidis-Infektion:

  • Immunsuppression, z.B. durch Chemotherapie oder hohes Alter
  • Gestörte Hautbarriere, z.B. bei Wunden, nach OP
    → Eine gründliche Hautdesinfektion vor operativen Eingriffen ist daher unerlässlich
  • Invasive medizinische Behandlungen mit der längerfristigen Anlage oder dem Einbau von Fremdmaterial, z.B. (Harn-)Kathetern, Prothesen, Herzklappenprothesen

Klassische Krankheitsbilder:

ManifestationKrankheitsbilder
Haut- und Weichteilinfektionen
  • z.B. Abszesse, Paronchie (Nagelbettentzündung), Wundinfektion
  • Vor allem bei immungeschwächten Patient:innen
Fremdkörper assoziierte Infektionen (wichtigstes Krankheitsbild)
  • z.B. Gelenkimplantate, Herzklappenprothesen, katheterassoziierte Infektionen (bis hin zur Sepsis)
  • 20-50 % aller Endoprothetik-Infektionen werden durch Staph. epidermidis hervorgerufen
Systemische Infektionen
  • Bakteriämie
  • Infektiöse Endokarditis
  • Late onset Neonatal Sepsis
 Info
Lebensmittelvergiftungen

Bislang galt v.a. Staph. aureus durch seine Exotoxin-Produktion als Erreger von Lebensmittelvergiftungen.

Neuere Studien zeigen, dass auch KNS und darunter Staph. epidermidis Lebensmittelvergiftungen durch Enterotoxine hervorrufen könnten. Diese sind jedoch selten.

Diagnostik

  • Probenentnahme je nach Krankheitsbild
    → z.B. Abstrich von Oberflächen von Fremdmaterial oder aus Wunden, Sputumproben, etc.
 Merke
Wann ist ein Abstrich / eine Probenentnahme einer Infektionsstelle nötig?
  • Nicht jede Entzündung oder Infektion benötigt einen Erregernachweis
  • Bei einem Verdacht auf eine unkomplizierte Entzündung kann die initiale Therapie mit einem Standard-Antibiotikum erfolgen

Ein Abstrich/Probenentnahme der Infektionsstelle ist auf jeden Fall erforderlich bei:

  • Fremdmaterial-assoziierten Infektionen, egal ob äußerlich oder innerlich 
    → Hohe Wahrscheinlichkeit für Staph. epidermidis-Infektion und großes Resistenzprofil
  • Systemischen / ausgedehnten Infektionen
  • Bei Nicht-Ansprechen auf das verabreichte Antibiotikum

Mikrobiologische Diagnostik:

  • Differenzierung zu Staph. aureus im Labor: Fehlender Clumping Factor und keine freie Koagulase (koagulasenegativ). Eine weitere Differenzierung kann auch mit molekularbiologischen Methoden erfolgen
 Achtung
Small Colony Variants

Staphylococcus epidermidis kann sogenannte Small Colony Variants (SCVs) ausbilden – dies sind metabolisch reduzierte Formen einer Bakterienspezies mit langsamem Wachstum und hoher Antibiotikaresistenz, die in einer Kultur kleinere Bakterienkolonien ausbilden
→ Für den mikrobiologischen Nachweis ist eine verlängerte Bebrütungszeit im Labor erforderlich, da SCVs sonst leicht übersehen werden können

Therapie

Therapie bei Fremdmaterial-assoziierten Infektionen:

Unkomplizierte Staph. epidermidis CRBSI (catheter related blood stream infections):

  • 1. Wahl: Entfernung des Device
  • Bei Belassen des Devices: prolongierte antibiotische Therapie für mindestens 14 Tage

PJI (prosthetic joint infections):

  • Prothesenwechsel

Antibiotische Therapie:

  • Die meisten Erreger der Spezies „Staph. epidermidis“ zeigen Resistenzen, v.a. gegenüber Methicillin (MRSE)
    → Standard-Penicilline sind daher in der Regel ungeeignet zur Therapie
  • Antibiotikum der 1. Wahl: Vancomycin
  • Alternativ: Linezolid, Daptomycin, Rifampicin (nicht als Monotherapie)

Wie bereits oben beschrieben, kann die Gruppe der Koagulase-negativen Staphylokokken weiter in die „Staph. epidermidis Gruppe“ und die „Staph. saprophyticus Gruppe“ unterteilt werden.

Staph. hominis und Staph. capitis stellen zwei, zwar seltenere, dennoch klinisch relevante Erreger der Staph. epidermidis Gruppe dar. 

Beide Erreger entsprechen in ihrem grundlegenden Aufbau und Verhalten dem von Staph. epidermidis. Sie werden daher im Folgenden nur übersichtsartig beschrieben.

ErregerEigenschaftenVorkommenKlinische RelevanzTherapie

Staph. hominis

Achsel
  • Grampositiv
  • Fakultativ anaerob
  • Unbeweglich
  • Biofilmbildung
  • Haut- und Schleimhaut-Kommensale
    → Teil der physiologischen Hautflora
  • Vorallem in Schweiß-reichen Arealen
  • Vorallem bei immunsupprimierten Patient:innen

Verursacht:

  • Fremdkörper-assoziierte Infektionen (ZVK, Katheter, Port)
  • Systemische Infektionen möglich: Sepsis, Endokarditis, Peritonitis
  • Häufig multiple Resistenzen
  • Erste Wahl:
    Vancomycin
  • Antibiogramm sinnvoll

Staph. capitis

Gesicht
  • Haut- und Schleimhaut-Kommensale
    → Teil der physiologischen Hautflora
  • Vorallem auf Kopfhaut, Gesicht, Nase, Gehörgang 
Zuletzt aktualisiert am 10.06.2025
Staphylokokken
Staphylococcus saprophyticus
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz