Zusammenfassung
Sturzprophylaxe ist ein wesentlicher Bestandteil der Pflege, insbesondere bei älteren Menschen, um Verletzungen wie Frakturen und daraus resultierende Komplikationen wie Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Ein Sturz ist definiert als ein Ereignis, bei dem eine Person unfreiwillig auf den Boden oder eine tiefer liegende Ebene fällt. Etwa 30% der über 65-Jährigen stürzen einmal pro Jahr, wovon etwa 20% eine medizinische Behandlung erfordern.
Stürze können durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, die in intrinsische und extrinsische Risikofaktoren unterteilt werden können. Zu den intrinsischen Faktoren zählen gesundheitliche Aspekte wie Gleichgewichtsstörungen, eingeschränkte Mobilität
Zentrale präventive Maßnahmen umfassen die Gestaltung einer sicheren Umgebung, wie das Entfernen von Stolperfallen, die Verbesserung der Beleuchtung und die Installation von Handgriffen und Geländern in gefährdeten Bereichen. Zudem ist es wichtig, regelmäßiges Kraft-, Ausdauer und Balancetraining durchzuführen, um die Mobilität
Risikofaktoren für Stürze
Intrinsische Risikofaktoren
- Alterungsbedingte Veränderungen: Verminderte Muskelkraft
, nachlassende Gelenkbeweglichkeit, und abnehmende Knochendichte (Osteoporose ), schlechtere Balance - Chronische Erkrankungen: Zustände wie Arthritis, Osteoporose
, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzrhythmusstörungen, Aortenklappenstenose ), Parkinson-Krankheit und andere neurologische Störungen (z.B. Epilepsie, Hypoglykämie, Innenohrschäden), die das Gleichgewicht beeinträchtigen können - Kognitive Beeinträchtigungen: Demenz und andere Formen kognitiver Beeinträchtigung (z.B. Delir), die zu Verwirrung und eingeschränkter Urteilsfähigkeit führen
- Harninkontinenz: insbesondere Dranginkontinenz und Nykturie
(nächtliches Wasserlassen ) führt zu häufigen Toilettengängen und erhöht das Sturzrisiko - Sensorische Defizite: Verschlechterung des Sehvermögens und des Hörvermögens, die die räumliche Orientierung
beeinträchtigen - Medikamenteneinfluss: Einnahme von Sedativa, Antidepressiva
und anderen Medikamenten, die Schwindel oder orthostatische Dysregulation (Blutdruckabfall beim Aufstehen) verursachen können - Psychologische Faktoren: Angstzustände (v.a. Sturzangst nach Sturz in der Vorgeschichte) und Depressionen, die die Motivation zur körperlichen Aktivität reduzieren und das Sturzrisiko erhöhen können
Extrinsische Risikofaktoren
- Ungünstige Wohnbedingungen: Schlechte Beleuchtung, hohe Türschwellen, rutschige Böden, lose Teppiche, und unordentlich verstreute Gegenstände
- Ungeeignete Kleidung und Schuhe: Zu lange Kleidung oder Schuhe mit schlechtem Halt oder falscher Größe
- Fehlen von Hilfsmitteln: Nicht vorhandene oder unzureichende Handläufe, fehlende Duschstühle oder fehlende Greifhilfen im Haushalt
- Unangepasste Möbel: Zu niedrige oder zu weiche Sitzmöbel, die das Aufstehen erschweren
- Außerhäusliche Risiken: Unebene Gehwege, Eis und Schnee, mangelhafte öffentliche Beleuchtung, fehlende Barrierefreiheit oder Ortswechsel in neue Umgebung (z.B. Krankenhausaufenthalt)
- Fehlende Supervision und Unterstützung: Fehlende oder unzureichende Betreuung und Aufsicht, besonders bei Personen mit hohem Risiko
Einschätzung des Sturzrisikos
Die frühzeitige Identifikation und Einschätzung des Sturzrisikos sind zentrale Aspekte in der Pflege, um präventive Strategien effektiv umzusetzen und das Sturzrisiko zu minimieren.
Initiale Risikobewertung durch die Pflegekraft
Bei der Aufnahme der Patient:innen in eine Einrichtung führt die Pflegekraft eine initiale Risikobewertung durch. Diese Ersteinschätzung basiert auf den oben genannten Risikofaktoren:
- Erfassung der Mobilität
und der Balancefähigkeit (Gangunsicherheit, Bettlägerigkeit , Umgang mit dem Rollator , etc.) - Überprüfung der Medikation auf sturzfördernde Medikamente
- Beurteilung kognitiver Einschränkungen

Fortlaufende Beobachtung der Patient:innen
Die kontinuierliche Beobachtung der Patient:innen im Pflegealltag ist entscheidend, um risikoreiche Muster zu erkennen und umgehend darauf reagieren zu können. Kritische Momente, in denen die Sturzgefahr besonders hoch ist, sind:
- Treppensteigen
- Aufstehen, zum Beispiel aus dem Bett oder vom Stuhl
- Die ersten Schritte nach dem Aufstehen
- Plötzliche Richtungswechsel beim Gehen
- Schnelle Kopfbewegungen
- Gehen mit Infusionsständen
- Im Badezimmer, insbesondere beim Ein- und Aussteigen aus Dusche oder Badewanne
- An- und Auskleiden, besonders beim Hosenanziehen
- Nachts auf dem Weg zur Toilette
Regelmäßige Reevaluierung
Das Sturzrisiko sollte regelmäßig neu bewertet werden, insbesondere nach Veränderungen im Gesundheitszustand (z.B. nach Operationen). Diese regelmäßigen Bewertungen helfen dabei, die Pflegemaßnahmen kontinuierlich anzupassen und die Sicherheit der Patient:innen zu gewährleisten.
Präventive Maßnahmen
| Risikofaktoren | Präventive Maßnahmen | |
|---|---|---|
| Intrinsische Risikofaktoren | Alterungsbedingte Veränderungen |
|
| Chronische Erkrankungen |
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| Kognitive Beeinträchtigungen (Demenz, Delir) |
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| Harninkontinenz und Nykturie |
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| Sensorische Defizite |
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| Medikamenten-einfluss |
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| Psychologische Faktoren |
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| Extrinsische Risikofaktoren | Ungünstige Wohnbedingungen |
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| Ungeeignete Kleidung und Schuhe |
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| Fehlen von Hilfsmitteln |
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| Unangepasste Möbel |
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| Außerhäusliche Risiken |
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| Fehlende Supervision und Unterstützung |
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Hilfsmittel zur Sturzprophylaxe
- Gehhilfen: Gehstöcke, Unterarmgehstützen oder Rollatoren, um die Mobilittät zu erhalten und Stabilität und Unterstützung beim Gehen zu bieten
- Antirutschmatten: Verwendung in Badezimmern, Duschen und anderen rutschigen Oberflächen
- Polstermatten: reduzieren die Gefahr von Verletzungen bei einem Sturz
- Hüftprotektoren: Tragbare Schutzpolster, die die Hüften im Falle eines Sturzes schützen
- Haltegriffe und Stützsysteme: Installation in Bädern, Toiletten und entlang von Korridoren
- Nachtlichter: Verminderung der Sturzgefahr durch bessere Sichtverhältnisse, besonders nachts
- Bett- und Stuhlsensoren: Frühwarnsysteme, die beim Aufstehen ohne Assistenz Alarm schlagen
- Notfallknopf: sollte immer griffbereit platziert sein, damit Patient:innen im Falle eines Sturzes Hilfe rufen können
Checkliste: Maßnahmen nach einem Sturz
In der folgenden Checkliste haben wir kompakt die wichtigsten Erstmaßnahmen nach einem Sturz zusammengefasst:
1. Sofortige Reaktion
- Überprüfen, ob die Person bei Bewusstsein und ansprechbar ist.
- Ruhe bewahren und beruhigend auf die gestürzte Person einwirken
- Keine vorschnellen Bewegungen der gestürzten Person veranlassen (insbesondere bei Verletzungen der Wirbelsäule)
2. Hilfe holen
- Notrufsystem nutzen, Arzt/Ärztin informieren
- Weitere Pflegekraft zur Unterstützung anfordern
3. Ersteinschätzung
- Sichtprüfung auf offensichtliche Verletzungen wie Blutungen, Frakturen oder Schmerzreaktionen (z.B. Kopfschmerzen
, Wirbelsäulenschmerzen) - Bei Blutungen: initial manuelle Kompression (Handschuhe zum Eigenschutz anziehen), anschließend Anlage eines Druckverbands
4. Weitere Untersuchung
- Vitalparameter erheben (Blutdruck, Puls
, Atemfrequenz , Sauerstoffsättigung ) - Funktionsfähiger intravenöser Zugang vorhanden?
5. Lagerung
- Die Person in eine sichere und bequeme Position bringen, wenn keine schwerwiegenden Verletzungen vorliegen und Bewegung sicher möglich ist
6. Dokumentation anhand eines Sturzprotokolls
- Datum und Uhrzeit des Sturzereignisses
- Persönliche Daten: Name, Geburtsdatum, Patientennummer
- Ort des Sturzes (Station, Zimmer, Bad, etc.) mit Sturzumgebung
- Zustand bei Auffinden: Wer fand die Person und in welchem Zustand (z.B. bewusstlos, desorientiert)?
- Gesundheitszustand vor dem Sturz: Welche Sturz-Risikofaktoren waren bekannt?
- Tätigkeit vor dem Sturz: Was tat der Patient unmittelbar vor dem Sturz? Sturzmechanismus?
- Gesundheitszustand nach dem Sturz
- Körperlich: Verletzungen wie Schmerzen, Hämatome
, Wunden oder Frakturen - Psychisch: Anzeichen von Sturzangst, Unsicherheit
- Vitalparameter: Blutdruck, Puls
und Atemfrequenz
- Körperlich: Verletzungen wie Schmerzen, Hämatome
- Sofortmaßnahmen dokumentieren
7. Nachsorge organisieren
- Überprüfung und Anpassung der Sturzprävention und Umgebungssicherheit
- Angehörige oder Betreuungspersonen informieren
Komplikationen nach einem Sturz
| Physische Komplikationen | Psychische Komplikationen | Weitere Komplikationen |
|---|---|---|
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Oberschenkelhalsfraktur

DocP at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Booyabazooka, CC BY-SA 3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons
- Ursache: häufig Stürze bei älteren Menschen
- Merkmale: Außenrotation und Verkürzung des Beines sowie Bewegungseinschränkungen und Schmerzen in der Hüftgegend
- Risikofaktoren:
- intrinsisch: Osteoporose
, Gangunsicherheit und Koordinationsstörungen, hohes Lebensalter - extrinsisch: häusliches Umfeld, z.B. Stolperfallen
- intrinsisch: Osteoporose
AchtungEntwicklung einer Sturzangst (Post-Fall-Syndrom)
Die Sturzangst kann eine selbstverstärkende Negativspirale auslösen, die erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität hat, besonders bei älteren Menschen. Die Angst vor dem Fallen meist nach einem initialen Sturzereignis führt oft dazu, dass Betroffene körperliche Aktivitäten
und soziale Interaktionen meiden, um Stürze zu vermeiden. Diese reduzierte Mobilität kann jedoch zu einem Verlust der Muskelkraft und Gleichgewichtsfähigkeit führen, wodurch das Sturzrisiko paradoxerweise weiter ansteigt. Zudem kann der soziale Rückzug depressive Symptome verstärken und zu einer weiteren Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes führen.
Quellen
- Al-Abtah et al: I care Pflege. Georg Thieme Verlag 2020, ISBN: 978-3-132-41828-8.
- Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Büscher et al: DNQP - Expertenstandard - Sturzprophylaxe in der Pflege 2. Aktualisierung 2022
