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Systemische Neugeboreneninfektion

Neugeborenensepsis, Neonatale Sepsis
SK
12 Minuten Lesezeit

Die systemische Neugeboreneninfektion, auch als neonatale Sepsis bezeichnet, beschreibt eine während der Geburt oder postnatal erworbene systemische Infektion des Neugeborenen. Verschiedene maternale und kindliche Risikofaktoren können die Anfälligkeit für diese Erkrankung erhöhen. Die Symptome sind insbesondere zu Beginn oft unspezifisch und dezent, was die Diagnosestellung erschweren kann. Es ist entscheidend, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und eine geeignete Therapie einzuleiten, um schwerwiegende Komplikationen wie Meningitis oder einen septischen Schock zu verhindern.

Die systemische Neugeboreneninfektion, auch als Neugeborenensepsis oder neonatale bakterielle Infektion bezeichnet, unterliegt international keiner einheitlichen Definition. In der medizinischen Literatur haben sich jedoch spezifische Begriffe etabliert, die sich nach dem Zeitpunkt des Auftretens der ersten Symptome, dem Erreger sowie dem Infektionsort unterscheiden. Die wichtigsten Einteilungen sind nachfolgend dargestellt.

Early-Onset-Sepsis (EOS)

Die Early-Onset-Sepsis wird durch das Auftreten der ersten Symptome innerhalb der ersten 72 Lebensstunden nach Geburt definiert. Beitrfft etwa: 

  • 1 von 1000 reifen Neugeborenen
  • 10-15 von 1000 Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 g
 Info

Sonderfall: Infektionen mit Gruppe-B-Streptokokken, die innerhalb der ersten 7 Lebenstage auftreten, werden ebenfalls als Early-Onset-Sepsis (EOS) klassifiziert

Late-Onset-Sepsis (LOS)

Die Late-Onset-Sepsis beschreibt Infektionen, bei denen die ersten Symptome nach den ersten 72 Lebensstunden nach Geburt auftreten. Hierbei wird zwischen ambulant und nosokomial erworbenen Infektionen unterschieden:

  • Ambulant erworbene Neugeborenensepsis: Infektionen, die im häuslichen Umfeld auftreten
    • Inzidenz: 0,1-0,3 von 1000 reifen Neugeborenen
  • Nosokomiale Neugeborenensepsis: Infektionen, die während eines Krankenhausaufenthalts erworben werden
    • Inzidenz: 100 von 1000 Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 g

Maternale Risikofaktoren

Bestimmte mütterliche Faktoren erhöhen das Risiko einer systemischen Infektion beim Neugeborenen signifikant:

  • Ano-genitale Besiedlung mit Gruppe-B-Streptokokken (GBS):
    • Dies ist der wichtigste Risikofaktor für eine Early-Onset-Sepsis (EOS)
  • Weitere Risikofaktoren:
    • Vorangegangene Geburt eines Kindes mit GBS-Sepsis
    • Vorzeitiger Blasensprung
    • Vorzeitige Wehen
    • Triple I (intrauterine Inflammation, Infektion oder beides)
    • CRP-Wert >20 mg/l
 Merke

Eine maternale ano-genitale Besiedlung mit GBS ist der wichtigste Risikofaktor für eine Early-Onset-Sepsis

Kindliche Risikofaktoren

Neugeborene mit spezifischen Merkmalen oder medizinischen Voraussetzungen tragen ebenfalls ein erhöhtes Risiko für eine Infektion:

  • Frühgeburtlichkeit und niedriges Geburtsgewicht
  • Angeborene oder perinatale HIV-Exposition/-Infektion
  • Intensivmedizinische Maßnahmen:
    • Eingebrachte Fremdkörper wie zentrale Katheter, Beatmungstuben oder venöse/arterielle Zugänge
    • Lange parenterale Ernährung
    • Invasive Beatmung
  • Operationen und chirurgische Eingriffe

Early-Onset-Sepsis (EOS)

Die EOS entsteht durch eine vertikale Übertragung von der gebärenden Person auf das Neugeborene. Dies kann pränatal, aszendierend oder während der Geburt (subpartal) geschehen, indem pathogene Keime vom Genitaltrakt der Mutter auf das Kind übergehen und eine Infektion auslösen.

  • Frühgeborene (<1500 g Geburtsgewicht):
    Frühgeborene sind besonders anfällig für eine EOS, die durch folgende Erreger verursacht werden kann:
    • Escherichia coli (E. coli)
    • Gruppe-B-Streptokokken (GBS)
    • Haemophilus influenzae
    • Koagulase-negative Staphylokokken
    • Listerien
    • Candida
    • Enterobakterien
    • Anaerobier
  • Reifgeborene:
    • Häufigster Erreger: Gruppe-B-Streptokokken (GBS)
  • Einfluss präpartaler maternaler antibiotischer Therapie (>2 Tage):
    Bei einer längerfristigen antibiotischen Therapie vor der Geburt ändert sich das Erregerspektrum und umfasst:
    • Enterobacter spp.
    • Klebsiella spp.
    • Pseudomonas spp.
    • Ampicillin-resistente E. coli

Late-Onset-Sepsis (LOS)

Die LOS resultiert aus vertikalen Infektionen während der Geburt oder postnatal horizontalen Übertragungen (z.B. Krankenhauspersonal, andere Kontaktpersonen), abhängig vom Erwerbsort der Infektion.

  • Ambulant erworbene Neugeborenensepsis: Übertragung subpartal oder postnatal durch direkte Kontaktpersonen. Häufige Erreger sind:
    • Gruppe-B-Streptokokken (GBS)
    • Escherichia coli
  • Nosokomial erworbene Neugeborenensepsis: Übertragung durch patienteneigene Flora, Kontaktpersonen oder kontaminierte Krankenhausumgebungen. Charakteristische Erreger sind:
    • Koagulase-negative Staphylokokken
    • Staphylococcus aureus
    • Enterobakterien
    • Pilzinfektionen (selten, z. B. Candida)
    • Virale Erkrankungen (sehr selten, z. B. Herpes-simplex-Virus, Enteroviren)
 Info
Escherichia coli (E. coli)
Elektronenmikroskopische Aufnahme von E. coli
Elektronenmikroskopische Aufnahme von E. coli

Escherichia coli ist ein gramnegatives, fakultativ anaerobes Bakterium, das natürlicherweise im Darmtrakt von Menschen und Tieren vorkommt. Während die meisten Stämme harmlos sind, können pathogene Varianten schwere Infektionen verursachen. Bei Neugeborenen ist E. coli einer der häufigsten Erreger sowohl der Early-Onset- als auch der Late-Onset-Sepsis, insbesondere bei Frühgeborenen und immungeschwächten Kindern.

 Merke

Klinische Symptome einer Neugeborenen Infektion sind unspezifisch - gerade bei Frühgeborenen können die Symptome besonders dezent ausfallen. Um die oftmals diskreten Zeichen nicht zu übersehen, gilt es Neugeborenen und Säuglinge klinisch genau zu beobachten. Bis zum Beweis des Gegenteils sollte bei Verschlechterung des kindlichen Zustands der Verdacht auf eine neonatale Sepsis bestehen bleiben und dementsprechend therapiert werden.

Leitsymptome der Neugeborenensepsis

Störungen der Atmung:

Die Atemregulation kann bei einer Sepsis frühzeitig beeinträchtigt sein:

  • Tachypnoe (beschleunigte Atmung)
  • Apnoen (Atempausen), häufig mit Sauerstoffentsättigungen (Desaturationen)
  • Bradykardie
  • Dyspnoe (Atemnot), begleitet von interkostalen Einziehungen
Interkostale Einziehung eines Neugeborenen
Dyspnoe mit interkostalen Einziehungen bei einem Neugeborenen

Störungen des Kreislaufs:

Eine beeinträchtigte Durchblutung und Kreislaufregulation kann sich durch folgende Zeichen äußern:

  • Zentralisation der Durchblutung mit verlängerter Rekapillarisierungszeit (>2 Sekunden)
  • Arterielle Hypotonie
  • Tachykardie 

Veränderungen des Hautkolorits:

Die Hautfarbe kann wichtige Hinweise liefern:

  • Wechsel von rosig zu blass-grau
  • Ikterische Hautveränderungen: von rosig-ikterisch zu grün-ikterisch

Neurologische Symptome:

Eine Sepsis kann auch das zentrale Nervensystem betreffen, was sich durch folgende Symptome zeigt:

  • Hypotonie
  • Lethargie (reduziertes Bewusstsein, Apathie)
  • Epileptische Anfälle

Intestinale Symptome:

Auch der Verdauungstrakt kann betroffen sein:

  • Geblähtes Abdomen
  • Trinkschwäche
  • Nahrungsunverträglichkeit

Störungen der Temperaturregulation:

Eine instabile Temperatur ist ein häufiges Zeichen:

  • Hypothermie (<36,5 °C) oder Hyperthermie (>38 °C)
  • Temperaturinstabilität ohne klare Ursache
  • Zunahme der zentral-peripheren Temperaturdifferenz auf >2 °C
 Merke
Fieber bei Neugeborenen

Aufgrund der unreifen Temperaturregulation fehlt Fieber häufig bei Neugeborenen mit Sepsis. Bei Säuglingen unter 3 Monaten sollte jedoch Fieber stets als potenzielles Warnzeichen für eine Sepsis betrachtet und entsprechend abgeklärt werden.

Septischer Schock:

Die Neugeborenensepsis kann rasch zum septischen Schock progredieren, gekennzeichnet durch:

  • Kreislaufversagen mit Hypotonie
  • Multiorganversagen, insbesondere der Nieren, Leber und Lunge
 Achtung

Der septische Schock ist ein medizinischer Notfall und erfordert eine sofortige intensivmedizinische Intervention.

Meningitis:

Gerade bei protrahierten oder spät erkannten Verläufen kann es zur Entwicklung einer bakteriellen Meningitis kommen. Diese kann folgende langfristige Komplikationen verursachen:

  • Neurologische Schäden (z. B. Entwicklungsstörungen, Hydrozephalus)
  • Hörverlust
  • Krampfanfälle
     

1. Klinisches Bild:

Die klinischen Symptome der Neugeborenensepsis sind häufig diskret und können leicht übersehen werden. Mögliche Hinweise sind:

  • Apathie, Trinkschwäche
  • Temperaturinstabilität (Hypo- oder Hyperthermie)
  • Atemstörungen, Tachykardie oder Bradykardie
  • Hautveränderungen wie Blässe oder Marmorierung
 Achtung

Unspezifische Symptome erfordern stets eine frühzeitige weitere Diagnostik!

2. Labordiagnostik:

Die laborchemische Diagnostik umfasst Parameter zur Infektionsdiagnose und Verlaufskontrolle.

Frühmarker:

  • Interleukin-6 (IL-6) oder Interleukin-8 (IL-8):
    • Früheste Parameter bei bakteriellen Infektionen mit hoher Sensitivität
    • Steigen bereits innerhalb weniger Stunden an, fallen aber nach 24 Stunden schnell wieder ab
    • Limitierung: Weniger geeignet als Verlaufsparameter

Entzündungsmarker:

  • C-reaktives Protein (CRP):
    • Anstieg erst nach 12–24 Stunden
    • Ein negativer CRP-Wert in der ersten Untersuchung schließt eine Infektion nicht aus
    • Ein erhöhter CRP-Wert hat hingegen einen hohen positiven prädiktiven Wert
    • Gut geeignet als Verlaufsparameter zur Überwachung des Therapieerfolges

3. Differenzialblutbild:

Das Blutbild liefert wertvolle Hinweise, sollte jedoch kritisch interpretiert werden.

  • Leukozytenzahl:
    • Leukozytopenie (<5000/µl): Hinweis auf schwerwiegende Infektionen
    • Leukozytose (>30.000/µl): Häufig bei bakteriellen Infektionen
 Achtung

Erythrozytenvorstufen können die Leukozytenzählung verfälschen.

  • I/T-Quotient (unreife zu gesamte neutrophile Granulozyten):
    • Wert >0,2 gilt als unspezifischer Sepsisparameter
  • Thrombozytenzahl:
    • Thrombozytopenie kann auf peripheren Verbrauch hinweisen und ist ein unspezifisches Zeichen für Sepsis

4. Direkter Erregernachweis

Der mikrobiologische Nachweis ist essenziell für die Diagnosesicherung.

  • Blutkulturen:
    • Eine aerobe Blutkultur mit mindestens 1 ml Blut
    • Bei Verdacht auf anaerobe Infektionen: zusätzliche anaerobe Blutkultur (ebenfalls 1 ml Blut)
 Merke

Die Blutentnahme sollte vor Beginn der Antibiotikatherapie erfolgen.

5. Diagnostik bei Organbeteiligung

Organmanifestationen erfordern spezifische Diagnostikmethoden, die nur bei klinischem Verdacht durchgeführt werden.

  • Lumbalpunktion: Bei Verdacht auf Meningitis
  • Urindiagnostik: Bei Verdacht auf eine Harnwegsinfektion (mittels Katheter Urin)
  • Röntgen-Thorax: Bei Verdacht auf Pneumonie
Diagnoseprozess der Neugeborenensepsis

Betroffene Neugeborene fallen initial häufig durch respiratorische Symptome auf.

Führende SymptomatikDifferenzialdiagnosen
Respiratorische Symptome
  • Atemnotsyndrom (ANS)
  • Neugeborenenpneumonie
  • Mekonium-Aspirations-Syndrom
  • Virusinfektionen der Atemwege (z. B. RSV, Influenza, SARS-CoV-2)
Neurologische Symptome
  • Neugeborenenmeningitis
  • Neugeborenenanfälle
Kardiovaskuläre Symptome
  • Zyanotische Herzfehler
Unspezifische Allgemeinsymptome
  • - Pyelonephritis im Kindesalter

Die Therapie der Neugeborenensepsis sollte frühzeitig und zielgerichtet erfolgen. Sie besteht aus einer kalkulierten antibiotischen Behandlung sowie einer symptomatischen Therapie zur Stabilisierung vitaler Funktionen.

Kalkulierte antibiotische Therapie

 Achtung

Bei jedem klinischen Verdacht auf eine Neugeborenensepsis ist unverzüglich eine kalkulierte antibiotische Therapie einzuleiten, um das Risiko für Komplikationen oder Mortalität zu minimieren.

  • Early-Onset-Sepsis (EOS):
    • Kombinationstherapie aus
      • Aminopenicillin (z. B. Ampicillin 25–50 mg/kgKG i.v. alle 6–12 Std.) und Aminoglykosid (z. B. Gentamicin 4–5 mg/kgKG i.v. alle 24–48 Std. immer als Kurzinfusion)
    • Ziel: Abdeckung von typischen Erregern wie Streptococcus agalactiae, E. coli und Listerien
  • Late-Onset-Sepsis (LOS):
    • Ambulant erworben:
      • Kombination aus Aminopenicillin und Aminoglykosid, ggf. ergänzt durch ein Cephalosporin der 3. Generation (z. B. Cefotaxim 65–70 mg/kgKG i.v. alle 8 Std.) bei Verdacht auf schwerere Infektionen
    • Nosokomial erworben:
      • Kombination aus Aminopenicillin/β-Lactamase-Inhibitor (z. B. Ampicillin/Sulbactam) und Aminoglykosid zur Abdeckung multiresistenter Keime
 Merke

Eine Anpassung der Therapie anhand von Antibiogrammen ist nach Vorliegen der mikrobiologischen Ergebnisse essenziell.

Symptomatische Therapie

Neben der antibiotischen Behandlung ist die symptomatische Therapie entscheidend für die Stabilisierung und Unterstützung lebenswichtiger Organfunktionen.

  • Schmerztherapie:
    • Bei Anzeichen von Schmerzen: Adäquate Sedierung und Schmerzbehandlung (z. B. Paracetamol 60-100mg/kg/Tag max. 48h oder Opioide)
  • Respiratorische Unterstützung:
    • Bei respiratorischer Insuffizienz: Sauerstoffgabe oder Beatmungstherapie, angepasst an die Schwere der Atemstörung
  • Kreislaufunterstützung:
    • Volumentherapie:
      • Initiale Gabe von kristalloider Lösung (z. B. NaCl 0,9 %) bei Anzeichen von Hypovolämie
    • Katecholamintherapie:
      • Eingeschränkte linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF): Gabe von Dobutamin zur Verbesserung der kardialen Pumpleistung
      • Adäquate LVEF: Einsatz von Noradrenalin bei persistierender Hypotonie trotz Volumengabe
Zuletzt aktualisiert am 26.06.2025
Icterus neonatorum
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