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Thrombozytenaggregationshemmer

8 Minuten Lesezeit

Thrombozytenaggregationshemmer werden für die Prävention arterieller Thromben verwendet. Wichtige Medikamente sind Acetylsalicylsäure, die das Enzym Cyclooxygenase-1 (COX-1) irreversibel hemmt und dadurch die Produktion von Thromboxan A2 vermindert, ADP-Rezeptor-Antagonisten (z. B. Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor), die den ADP-Rezeptor der Thrombozyten blockieren, und Glykoprotein-IIb/IIIa-Antagonisten (z. B. Abciximab), die die Bindung von Fibrinogen an den Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptor verhindern. Diese Medikamente werden zur Prävention und Behandlung von thrombotischen Ereignissen wie Myokardinfarkt, Stenimplantation, Schlaganfall und instabiler Angina pectoris eingesetzt.

Die praktische Durchführung der antithrombozytären Therapie findest du hier: Antithrombozytäre Therapie

Primäre Blutstillung (Hämostase)

  • Nach einer Gefäßverletzung und einem resultierenden Endotheldefekt kommt es zur primären Blutstillung
  • Die primäre Blutstillung kann in vier verschiedene Abschnitte unterteilt werden:
    1. Thrombozytenadhäsion: Thrombozyten binden an das subendotheliale Kollagen über Gp1a/2a sowie über Gp1b und vWF (von Willebrand Faktor - wird u.a. vom Endothel gebildet)
    2. Thrombozytenaktivierung: Ausbildung von Zellausläufern (Pseudopodien) und Freisetzung von ADP und Thromboxan A2 (TXA2) ,plättchenaktivierendem Faktor (PAF) sowie Serotonin (5-HT)
      • ADP bindet an den P2Y12-Rezeptor → Dieser aktiviert die Cyclooxygenase 1 (COX1) → Diese führt zur vermehrten TXA2-Bildung → Die Freisetzung von TXA2 verstärkt die Vasokonstriktion und aktiviert weitere Thrombozyten (positive Rückkopplung)
    3. Thrombozytenaggregation: Verknüpfung der Thrombozyten über Gp2b/3a und Fibrinogen → Bildung eines thrombozytenreichen „weißen Thrombus“
    4. Vaskuläre Blutstillung: Vasokonstriktion vermindert Durchblutung und fördert Thrombozytenaggregation
  • Im Gefäßendothel sitzt die Cyclooxygenase 2, diese stellt ebenfalls PGH2 her, das über die Prostacyclin-Synthase zu Prostacyclin (PGI2) wird
    • Prostacyclin hemmt die Thrombozytenaggregation und sorgt für eine Vasodilatation, während Thromboxan A2 hingegen die Thrombozyten-aggregation aktiviert und für eine Vasokonstriktion sorgt
Primäre Blutstillung (Hämostase)
  • Alle Thrombozytenaggregationshemmer werden zur Verhinderung von arteriellen Gefäßverschlüssen verwendet
  • Antikoagulantien wie Heparin oder Vitamin-K-Antagonisten können aufgrund des schnellen Blutstroms im arteriellen System nur bedingt wirken und werden daher zur Verhinderung von Thromben im venösen System eingesetzt
WirkstoffeWirkungIndikationen

Irreversibler COX-Inhibitor

  • Acetylsalicyl-säure (ASS)

Irreversible COX1- und COX2-Hemmung

  • COX1:  Hemmung der Thromboxan-Synthese der Thrombozyten
    Thromboxan kann nicht resynthetisiert werden
    → Daher Thrombozytenaggregations-hemmung für 7-11 Tage
  • COX2Hemmung der Prostacyclin-Synthese des Endothels
    → Prostacyclin kann resynthetisiert werden 
    → Analgetischer, antipyretischer Effekt (fiebersenkend) für 6-8 Stunden

Niedrige Dosis (75-325 mg/d):

→ Gerinnungshemmende Wirkung bereits in der Pfortader, dann Abbau durch First Pass Effekt in der Leber (überwiegen der COX1-Hemmung)

  • Primärprophylaxe eines akuten Koronarsyndroms
  • Sekundärprophylaxe bei KHK (koronare Herzkrankheit), ischämischem Schlaganfall und pAVK
  • Kombination mit ADP-Rezeptor-Antagonisten:
    • Nach Stentimplantationen zur Sekundärprophylaxe
    • Beim ACS

Hohe Dosis (500-1000 mg 1-3/d)

  • Schmerzmittel und Fiebersenkung
    → Hohe Dosis notwendig, um First-Pass- Effekt der Leber zu überwinden 
    → Systemische Wirkung

ADP-Rezeptor-Antagonisten (P2Y12-Antagonisten)

  • Clopidogrel
    (Prodrug, irreversibel)
  • Prasugrel
    (Prodrug, irreversibel)
  • Ticagrelor
    (aktive Substanz, reversibel)
  • Hemmt die ADP-abhängige Thrombozytenaktivierung
    → Keine Aktivierung von Gp2b/3a und damit keine Quervernetzung der Thrombozyten
  • Clopidogrel und Prasugrel werden als Prodrugs erst durch Metabolisierung in der Leber aktiviert
  • Prasugrel und Ticagrelor haben einen schnelleren Wirkeintritt (30 min) als Clopidogrel (2-4 Std)
    Cave: höheres Blutungsrisiko!
  • Anwendung bei ASS-Unverträglichkeit
  • Kombination mit ASS:
    • Nach Stentimplantationen zur Sekundärprophylaxe (duale Plättchenhemmung)
    • Beim ACS (Prasugrel oder Ticagrelor)

Glykoprotein 2b/3a-Antagonisten

  • Abciximab
  • Hemmt Gp2b/3a und verhindert dadurch die Bindung von Fibrinogen und die Quervernetzung der Thrombozyten
  • Verwendung bei der perkutanen Koronarintervention (PCI, Herzkatheteruntersuchung)
  • Instabile Angina pectoris zur Reduktion des Myokardinfarktrisikos bis zur PCI
  • Intravenöse Gabe

Allgemeine Nebenwirkungen

 Merke

Alle Thrombozytenaggregationshemmer bewirken eine verlängerte Blutungszeit → Blutungsrisiko erhöht!

 Achtung

Bei Kombination mit anderen gerinnungshemmenden Wirkstoffen wie den Antikoagulantien → Blutungsrisiko erhöht!

Spezifische Nebenwirkungen

Acetylsalicylsäure (ASS): 

  • Analgetika-Asthma: entsteht durch die vermehrte Bildung von Leukotrienen, da die Arachidonsäure nicht mehr zu Prostaglandinen synthetisiert werden kann
Analgetika-Asthma (ASS-Asthma)
  • Reye-Syndrom: Bei Kindern mit fieberhaftem Infekt und ASS-Einnahme, Prognose: in 50% der Fälle letal
    1. Erbrechen
    2. Akute Enzephalopathie
    3. Leberfunktionsstörungen
  • ASS-Unverträglichkeit (Morbus Widal, Morbus Samter):
    • Äußert sich klinisch als Samtertrias:
      1. ASS/NSAR-Unverträglichkeit
      2. Asthma bronchiale
      3. Sinusitis mit Polyposis nasi 
    • Therapie: adaptive ASS-Desaktivierung durch langsame Aufdosierung unter stationärer Überwachung
  • Weitere Nebenwirkungen (v.a. bei systemischer Wirkung/hohen Dosen)
    • Magen- und Darmulzera mit Gefahr der Ulkusblutung
      • Symptom der oberen GI-Blutung: Teerstuhl (Meläna)
    • Verschlechterung der Nierenfunktion: durch verminderte Prostaglandinsynthese wird das Vas afferens eng gestellt 
      → Reduzierte renale Durchblutung

ADP-Rezeptor-Antagonisten              

  • GIT-Beschwerden
  • Thrombozytopenie
  • Leukozytopenie

Glykoprotein 2b/3a-Antagonisten

  • Allergie
  • Thrombozytopenie
  • Akute Blutungen (GI-Trakt, Hirnblutungen)
  • Schwere Leberfunktionsstörung
  • Schwere Nierenfunktionsstörung
  • Schwere Hypertonie 
  • NSARs sind reversible COX-Hemmer 
    • Sofern die NSARs vor ASS eingenommen werden, ist die COX bereits besetzt (reversibel) und ASS kann seine irreversibel hemmende Wirkung nicht entfalten
      → Abgeschwächte ASS-Wirkung
 Merke

Sofern NSAR und ASS indiziert: zuerst ASS und erst 2 Stunden später NSAR einnehmen!

Fallbeispiele zur gerinnungshemmenden Therapie und zu Gerinnungswerten findest du im Ordner Fallbeispiele Gerinnungshemmung.

Für ein Fallbeispiel zur Thrombozytenaggregationshemmung bei einem STEMI siehe: Fallbeispiel 1 (STEMI)

Für ein Fallbeispiel zur gerinnungshemmenden Therapie bei einem Vorhofflimmern und einer koronaren Herzkrankheit siehe: Fallbeispiel 5 (Vorhofflimmern)

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 30.06.2025
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