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Vegetative Innervation der Bauch- und Beckenorgane

EP
7 Minuten Lesezeit

Das vegetative Nervensystem und das somatische Nervensystem sind zwei Hauptbestandteile des peripheren Nervensystems, die unterschiedliche Funktionen im Körper steuern. Das vegetative Nervensystem ist für die unwillkürliche Steuerung lebenswichtiger Körperfunktionen verantwortlich, einschließlich der Regulation von Organen, Gefäßen und Drüsen. Es wird in den Sympathikus und den Parasympathikus unterteilt, die zusammen das Gleichgewicht zwischen Aktivierung (Sympathikus) und Erholung (Parasympathikus) halten. Im vegetativen Nervensystem gibt es eine zweistufige Signalübertragung, die über ein präganglionäres Neuron (1. efferentes Neuron) im Rückenmark beginnt und in einem Ganglion auf ein postganglionäres Neuron (2. efferentes Neuron) umgeschaltet wird, welches dann das Zielorgan erreicht. Ein Ganglion (Mehrzahl Ganglien) ist eine Ansammlung von Nervenzellkörpern im peripheren Nervensystem. Im ZNS werden diese Ansammlungen eher als Nuclei bezeichnet.

Vegetatives Nervensystem

Das somatische Nervensystem hingegen kontrolliert die willkürliche Bewegung der Skelettmuskulatur. Dabei zieht das Neuron vom Rückenmark direkt zum Muskel, ohne eine Zwischenumschaltung. Dies sorgt für eine präzise und schnelle Steuerung der Muskeln, was bei Bewegungen von zentraler Bedeutung ist.

Somatisches Nervensystem

Zusätzlich existiert das enterische Nervensystem, ein spezialisiertes Netzwerk, das den Magen-Darm-Trakt direkt steuert und für dessen Eigenmotilität verantwortlich ist (siehe Physiologie).

Das thorakolumbale System des Sympathikus hat seinen Ursprung im thorakalen und lumbalen Bereich des Rückenmarks (C8-L2), wobei das erste Neuron in den Seitenhörnern des Rückenmarks beginnt und seine Umschaltung in den paravertebralen oder prävertebralen Ganglien (organfern) auf das zweite Neuron erfolgt. Im Gegensatz dazu umfasst das kraniokaudale System des Parasympathikus Ursprünge im Hirnstamm und in den Seitenhörnern des Sakralmarks, wobei das erste Neuron über die Hirnnerven (insbesondere N. vagus) und sakrale Nerven verläuft, und die Umschaltung auf das zweite Neuron in Ganglien in der Nähe der Zielorgane (organnah) erfolgt.

 Merke
Umschaltung
  • Sympathikus: Umschaltung auf das 2. Neuron erfolgt organfern (paravertebrale oder prävertebrale Ganglien)
  • Parasympathikus: Umschaltung auf das 2. Neuron erfolgt organnah

Sympathische Innervation:

Der Sympathikus ist ein Teil des vegetativen Nervensystems, der maßgeblich an der Steuerung der "Fight or Flight"-Reaktion beteiligt ist.

  • Ursprung (1.Neuron) in den Seitenhörnern des Rückenmarks:
    • Die präganglionären sympathischen Neuronen haben ihren Ursprung in den Seitenhörnern des thorakalen und lumbalen Rückenmarks (Segmente C8 bis L2)
  • Verlassen des Rückenmarks
    • Die präganglionären Fasern verlassen das Rückenmark über die Vorderwurzel (Radix anterior) des Spinalnervs, um sich mit der hinteren und vorderen Wurzel (gebildet aus sensorischen und motorischen Neuronen) zu vereinigen und letztlich den Spinalnerv zu bilden
  • Verlauf zum Grenzstrang (Truncus sympathicus):
    • Die präganglionären Fasern treten über den Ramus communicans albus (weiß, da myelinisiert) in den Grenzstrang, den Truncus sympathicus, ein. Dieser Grenzstrang besteht aus einer Kette von Ganglien, die entlang der gesamten Wirbelsäule verläuft (=paravertebrale Ganglien)
  • Truncus sympathicus
    • Hier gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten für die präganglionären Neurone:
  • Direkte Umschaltung auf postganglionäres Neuron (2. efferentes Neuron), welches dann weiter über den Ramus communicans griseus (grau, da nicht myelinisiert) zurück zum Spinalnerven und von dort weiter zum Zielorgan (Schweißdrüsen, M. arrector pilorum und Muskulatur der Hautgefäße) zieht
  • Weiterer Verlauf (ohne Umschaltung)
    • Zum Nebennierenmark: enthält spezialisierte postganglionäre Neurone, welche Katecholamine (Adrenalin und Noradrenalin) ausschütten
    • Zu höherem oder tieferem Ganglion des Grenzstrangs
    • Zu prävertebralem Ganglion (vor der Aorta abdominalis) → Die vegetativen Nervenfasern, die zu den prävertebralen Ganglien ziehen werden als Nn. splanchnici ("Eingeweidenerven") bezeichnet
Sympathische Innervation

Truncus sympathicus:

Der Truncus sympathicus, eine Kette von 22 paarigen paravertebralen Ganglien, verläuft beidseits der Wirbelsäule. Er lässt sich in 4 Bereiche einteilen:

  • Halsbereich: 3 Ganglia cervicalia
    • Ganglion cervicale superius
    • Ganglion cervicale medium
    • Ganglion cervicale inferius: oft mit dem 1. Brustganglion zum Ganglion stellatum (Ganglion cervicothoracicum) verbunden
    • Brustbereich: 10–11 Ganglia thoracica, die von präganglionären Nervenfasern durchzogen werden, welche als Nn. splanchnici ("Eingeweidenerven") bezeichnet werden und erst in den prävertebralen Ganglien umgeschaltet werden
  • Nn. splanchnici major (Th5–Th9)
  • Nn. splanchnici minor (Th9–Th12)
  • Lumbalbereich: 4 Ganglia lumbalia, aus denen überwiegend postganglionäre Fasern als Nn. splanchnici lumbales (L1–L2) zum Plexus hypogastricus superior oder Ganglion mesentericum inferius ziehen
  • Sakralbereich: 4 Ganglia sacralia, aus denen überwiegend postganglionäre Fasern als Nn. splanchnici sacrales zum Plexus hypogastricus inferior ziehen

Prävertebrale Ganglien: Prävertebrale Ganglien sind vor der Wirbelsäule und vor der Aorta abdominalis lokalisiert. Hier findet die Umschaltung der präganglionären Fasern der Nn. splanchnici statt. Zu den wichtigsten prävertebralen Ganglien zählen:

  • Ggl. coeliacum
  • Ggl. mesentericum superius
  • Ggl. mesentericum inferius

Sympathische Innervation der Bauch- und Beckenorgane

Sympathische Innervation der Bauch- und Beckenorgane

Parasympathische Innervation:

Das kraniokaudale System des Parasympathikus hat seine Ursprünge in Kerngebieten im Hirnstamm und in den Seitenhörnern des Sakralmarks (S2-S4).
Die parasympathische Innervation der Bauch- und Beckenorgane erfolgt durch den N. vagus (X. Hirnnerv) bzw. durch den Truncus vagalis anterior und posterior und durch das Sakralmark (S2-S4). Der linke und der rechte N. vagus bilden am Ösophagus den Plexus oesophageus, aus dem sich der Truncus vagalis anterior und der Truncus vagalis posterior formen.
Die Umschaltung auf das postganglionäre Neuron (2. efferentes Neuron) geschieht in kleineren organnahen Ganglien oder intramural (in der Wand der Zielorgane). Die postganglionären Nervenfasern bilden dann zusammen mit sympathischen Nervenfasern ein Organnervengeflecht (Organplexus).

  • Truncus vagalis anterior
    • Verlauf: Stammt aus dem linken N. vagus und zieht durch den Hiatus oesophageus in das Abdomen auf die Vorderseite des Magens
    • Äste:
      • Rr. gastrici anteriores: Vorderfläche des Magens und Curvatura minor
      • Rr. hepatici: Bildet bei der Leber den Plexus hepaticus und gibt einen R. pyloricus ab
  • Truncus vagalis posteror
    • Verlauf: Stammt aus dem rechten N. vagus und zieht durch den Hiatus oesophageus in das Abdomen zur Hinterfläche des Magens
    • Äste:
      • Rr. gastrici posteriores: Hinterfläche des Magens
      • Rr. coeliaci: Bilden den Plexus coeliacus
      • Rr. renales: Bilden den Plexus renalis

Nn. splanchnici pelvici:

Die abdominellen Organe bis zur linken Kolonflexur werden vom N. vagus innerviert. Ab der linken Kolonflexur übernehmen die Nn. splanchnici pelvici, die aus den Rückenmarkssegmenten S2-S4 entspringen. Ihre Umschaltung auf das 2. Neuron erfolgt in den Ganglia pelvica im Plexus hypogastricus inferior.
Sie sind für Steuerung der Ejakulation, der Erektion, der Defäkation und der Miktion verantwortlich.
Es existieren sowohl sympathische als auch parasympathische Nn. splanchnici, jedoch sind die Nn. splanchnici pelvici die einzigen parasympathischen Nn. splanchnici.

 Merke

Der Cannon-Böhm-Punkt bezeichnet den Bereich, ab dem nicht mehr der N. vagus, sondern die Nn. splanchnici pelvici die parasympathische Innervation übernehmen.

Parasympathische Innervation der Bauch- und Beckenorgane

Parasympathische Innervation der Bauch- und Beckenorgane

Vergleichstabelle: Sympathikus vs. Parasympathikus:

MerkmalSympathikusParasympathikus
Anatomische UrsprungThorakolumbales System (Th1-L2)Kraniosakrales System (Hirnnerven III, VII, IX, X; S2-S4)
GanglienpositionParavertebrale Ganglien (Grenzstrang) oder prävertebrale Ganglien (z. B. Ganglion coeliacum) à OrganfernIntramurale oder in Organennähe gelegene Ganglien (z. B. Ganglien des Plexus entericus) à Organnah
Länge der NervenfasernPräganglionäre Fasern kurz, postganglionäre Fasern langPräganglionäre Fasern lang, postganglionäre Fasern kurz
Neurotransmitter des 1. Neurons (Ganglion)Acetylcholin (Nicotinerger Rezeptor)Acetylcholin (Nicotinerger Rezeptor)
Neurotransmitter des 2. Neurons (Zielorgan)

Noradrenalin (Adrenerger Rezeptor);

 

Ausnahmen:

  • Schweißdrüsen: Acetylcholin,
  • Nebennierenmark: Adrenalin und Noradrenalin werden direkt ins Blut abgegeben
Acetylcholin (Muskarinerger Rezeptor)
Wirkung auf ZielorganeErgotrop (körperliche Leistungssteigerung)Trophotrop (Erholung und Energiegewinnung)
Gastrointestinale WirkungHemmung der Peristaltik und Sekretion, Kontraktion der SphinkterenSteigerung der Peristaltik und Sekretion, Erschlaffung der Sphinkteren
Wirkung auf BlaseDetrusorrelaxation, Kontraktion des internen SphinktersDetrusorkontraktion, Erschlaffung des internen Sphinkters
GeschlechtsorganeEjakulation (männlich), Kontraktion des Uterus (weiblich)Erektion (männlich), Entspannung des Uterus (weiblich)
StressreaktionAktiviert die "Fight-or-Flight"-Reaktion (z. B. erhöhte Herzfrequenz, Umleitung des Bluts zu Muskeln, Hemmung der Verdauung)Fördert „Rest and digest“ also Ruhe und Verdauung (z. B. Senkung der Herzfrequenz, Steigerung der Verdauungsaktivität)
Zuletzt aktualisiert am 05.02.2025
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