Verbrennungen sind thermische Verletzungen der Haut und tieferer Gewebe, die durch Flammen, heiße Flüssigkeiten, Dampf, heiße Oberflächen sowie elektrische, chemische oder Strahlungseinwirkungen entstehen können. Entscheidend für die präklinische Versorgung sind die Beurteilung von Verbrennungstiefe, verbrannter Körperoberfläche (VKOF) und möglichem Inhalationstrauma, da insbesondere ausgedehnte Verbrennungen rasch zu einem Verbrennungsschock mit Kapillarleck und Hypovolämie führen können.
Die Therapie orientiert sich am xABCDE-Schema und umfasst Eigenschutz, Beendigung der Wärmeeinwirkung, adäquate Wundversorgung, konsequenten Wärmeerhalt, suffizienteAnalgesie, bedarfsgerechteVolumentherapie sowie die ggf. frühzeitige Sicherung der Atemwege bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma.
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Schweregrad, Ausdehnung und Lokalisation der Verbrennungen sowie dem Vorliegen von Begleitverletzungen oder eines Inhalationstraumas; bei entsprechenden Kriterien sollte der Transport direkt in ein Verbrennungszentrum erfolgen.
Um den Einstieg in das Thema Verbrennung etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Brandverletzung
Ort: Küche einer Wohnung im Mehrfamilienhaus
Alarmzeit: 16:30 Uhr
Anrufer: Nachbarin
Anzahl der Betroffenen: 1 Person
Zusatzinfo:
Patientin, 30 Jahre alt
Durch heißes Fett verbrannt
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt die Patientin wachundansprechbar in ihrer Küche. Die Wohnungstür wurde bereits eigenständig von ihr geöffnet.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin ist bei Bewusstsein und klagt über starke Schmerzen
Durch heißes, brennendes Fett kam es zu Verbrennungen im Gesicht, am Hals und am rechten Oberarm. Nach Angaben der Patientin verursachte das brennende Fett beim Kontakt mit Wasser eine Stichflamme
Der Entstehungsbrand konnte durch das Auflegen eines Topfdeckels rasch gelöscht werden
Die Wohnung ist rauchfrei. Das mitgeführte Kohlenstoffmonoxid-Warngerät zeigt einen Messwert von 0 ppm
Eine Nachbarin hörte die Patientin um Hilfe rufen und alarmierte umgehend den Rettungsdienst
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Verbrennungen aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig, mit Rußspuren
Pat. spricht selbständig
Mittelbares A-Problem
B
Pat. gibt leichte Dyspnoe an
Inspektorisch
Thoraxexkursion beidseits regelhaft
Keine Zyanose
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Tacypnoe, 21/min
Auskultatorisch
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Keine Nebengeräusche
Palpatorisch
Thorax insgesamt instabil
SpO2: 96 %
Mittelbares B-Problem
C
Hautkolorit normal, leichte Rußspuren
Rekap-Zeit: < 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Gut tastbar
Tachykard, 117/min
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Verbrennungen an Gesicht, Hals und Oberarm
Ca. 10 % der Körperoberfläche
Symptome
Schmerzen NRS 8/10 an verbrannten Stellen
Geringe Dyspnoe
Allergien/Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Weder Dauermedikation noch Akutmedikation eingenommen
Patientengeschichte: Keine bekannten Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit: Vor 2 Stunden
Ereignis
Unfall beim Kochen
Risikofaktoren: Keine
Akutes E-Problem
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Definition
Verbrennung
Eine Verbrennung ist eine thermisch bedingte Schädigung der Haut und gegebenenfalls tiefer liegender Gewebestrukturen. Sie entsteht durch die Einwirkung hoher Temperaturen, beispielsweise durch Flammen, heiße Flüssigkeiten, Dampf oder heiße Oberflächen. Vergleichbare Gewebeschäden können auch durch elektrischen Strom, chemische Substanzen, Reibung oder UV-Strahlung verursacht werden.
Definition
Verbrennungskrankheit/Verbrennungsschock
Die Verbrennungskrankheit ist eine systemische Reaktion des Organismus auf ausgedehnte Verbrennungen. Sie entsteht durch den erheblichen Flüssigkeitsverlust über die Wundfläche sowie die massive Freisetzung von Entzündungsmediatoren aus dem verbrannten Gewebe. Dies kann zu einer erhöhten Gefäßpermeabilität mit Flüssigkeitsverschiebungen, einem hypovolämischen Schock, einer systemischen Entzündungsreaktion (SIRS) sowie im weiteren Verlauf zu Sepsis und Multiorganversagen führen.
Klassifikation
Einteilung nach Verbrennungstiefe:
Grad der Verbrennung
Betroffene Hautschichten
Klinisches Bild
Grad 1
Epidermis
Rötung, ausgeprägte Schmerzen, vergleichbar mit einem Sonnenbrand
Grad 2a
Oberflächliche Dermis
Blasenbildung, rosiger und gut rekapillarisierender Wundgrund, starke Schmerzen, Haare fest verankert
Grad 2b
Tiefe Dermis mit Hautanhangsgebilden
Blasenbildung, blasser Wundgrund mit fehlender oder verzögerter Rekapillarisierung, verminderte Schmerzempfindung, Haare leicht entfernbar
Grad 3
Komplette Dermis
Trockener, weißlicher, lederartig harter Wundgrund, fehlende Schmerzempfindung, keine Haare mehr vorhanden
Verbrannte Körperoberfläche (VKOF): Angabe des Anteils der verbrannten Körperoberfläche in Prozent
Handflächenregel: Die Handfläche einschließlich der ausgestreckten Finger entspricht etwa 1 % der VKOF und eignet sich zur Abschätzung kleiner Verbrennungsflächen
Neunerregel nach Wallace: standardisierte Methode zur Abschätzung der verbrannten Körperoberfläche bei Erwachsenen
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Entstehung von Verbrennungen
Verbrennungen können durch verschiedene thermische, elektrische, chemische oder physikalische Einwirkungen entstehen. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
Übermäßige Hitzeeinwirkung:
Flammen: ca. 52 %
Heiße Flüssigkeiten (Verbrühungen): ca. 23 %
Explosionen: ca. 6 %
Heiße Oberflächen (Kontaktverbrennungen): ca. 5 %
Elektrischer Strom: ca. 4 %
Sonstige Mechanismen: ca. 4 %
Strahlung: beispielsweise durch ionisierende Strahlung
Chemische Substanzen: Verätzungen durch Säuren oder Laugen
Achtung
HeißeÖle und Fette stellen ein besonders hohes Verbrennungsrisiko dar, da sie sehrhoheTemperaturenerreichen und aufgrund ihrer Haftung langeaufderHautverbleiben.
Unfallumstände
Verbrennungen ereignen sich überwiegend im häuslichen Umfeld. Die Verteilung der Unfallursachen ist wie folgt:
Häusliches Umfeld: 64 %
Arbeitsunfälle: 21,4 %
Suizidale Verletzungen: 5,2 %
Verkehrsunfälle: 1,8 %
Kriminelle Ursachen: 1,1 %
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Aufbau und Funktionen der Haut:
Die Haut bildet die äußere Schutz-, Regulations- und Sinnesbarriere des Körpers
Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehören der Schutz vor mechanischen, chemischen und mikrobiellen Einflüssen, die Thermoregulation sowie die Wahrnehmung von Schmerz, Temperatur und Berührung
Die Epidermis verhindert den Verlust von Wasser und Elektrolyten und schützt vor dem Eindringen von Mikroorganismen
Die Dermis verleiht der Haut Stabilität und enthält Blutgefäße, Nerven sowie Hautanhangsgebilde wie Haarfollikel, Talg- und Schweißdrüsen
Bedeutung von Kreislauf und Sauerstoffversorgung:
Der Kreislauf versorgt die Gewebe kontinuierlich mit Sauerstoff und Nährstoffen und transportiert Stoffwechselprodukte ab
Eine ausreichende Gewebeperfusion, Sauerstoffversorgung sowie die Bereitstellung von Energie und Substraten sind essenziell für die Zellfunktion und die Wundheilung
Ausgedehnte Flüssigkeitsverluste können die Gewebeperfusion erheblich beeinträchtigen
Bedeutung der Atmung:
Die Lunge gewährleistet die Sauerstoffaufnahme und die Abgabe von Kohlenstoffdioxid
Bei einem Inhalationstrauma können Atemwege und Lungenparenchym geschädigt werden
Dadurch können die Oxygenierung und der Gasaustausch deutlich eingeschränkt werden, auch wenn die äußeren Verbrennungen zunächst gering erscheinen
Die Pathophysiologie der Verbrennung entwickelt sich schrittweise von der lokalen Gewebeschädigung bis zu systemischen Veränderungen, die bei ausgedehnten Verbrennungen den gesamten Organismus betreffen können.
Verbrennung (thermische Gewebeschädigung)
Lokale Gewebeschädigung (Nekrose, Gefäß- und Nervenschädigung)
Verlustder Hautbarriere (Flüssigkeits-, Protein- und Wärmeverlust)
Lokale Entzündungsreaktion (Mediatorfreisetzung, Vasodilatation und lokales Ödem)
Kapillarleck und Flüssigkeitsverschiebung (Ödembildung, Hypovolämie)
Verbrennungsschock (Minderperfusion und Gewebehypoxie)
Systemische Entzündungsreaktion, SIRS (Zytokinfreisetzung und Organbeteiligung)
Hypermetabolismus (erhöhter Energieverbrauch und Proteinabbau)
Immundysfunktion (verminderte Immunabwehr)
ErhöhtesInfektionsrisiko (Wundinfektion und Sepsis)
Lokale Gewebeschädigung
Die thermische Einwirkung führt unmittelbar zu einer Schädigung der Haut. Das Ausmaß der Gewebedestruktion hängt von der Intensität und Dauer der Wärmeeinwirkung sowie der betroffenen Körperregion ab.
Thermische Schädigung: Hitze → Denaturierung zellulärer Proteine und Nekrose des betroffenen Gewebes
Ausmaß der Schädigung: Abhängig von Temperatur, Einwirkdauer, Art der Noxe, Wärmeleitung und betroffener Körperregion
Gewebedestruktion: Zunehmende Verbrennungstiefe → Schädigung von Epidermis, Dermis sowie bei schweren Verbrennungen auch Subkutis, Muskeln und Knochen
Verlust funktioneller Strukturen: tiefere Gewebeschädigung → Zerstörung von Blutgefäßen, Nervenendigungen und Hautanhangsgebilden
Folgen: Verlust regenerationsfähiger Strukturen → verminderte Regenerationsfähigkeit und bei tiefen Verbrennungen reduzierte Schmerzempfindung durch Zerstörung kutaner Nerven
Verlust der Hautbarriere
Die Haut bildet die wichtigste Schutzbarriere des Körpers. Durch eine Verbrennung geht diese Barriere abhängig von der Verbrennungstiefe teilweise oder vollständig verloren, wodurch ihre Schutz- und Regulationsfunktionen erheblich beeinträchtigt werden.
Flüssigkeitsverlust: Offene Wundfläche → erhöhter Verlust von Wasser und Elektrolyten
Plasmaproteinverlust: Geschädigte Haut und permeable Kapillaren → Austritt von Plasmaproteinen und Wundexsudation
Thermoregulation: Verlust der isolierenden Hautfunktion → erhöhte Wärmeabgabe und gestörte Thermoregulation
Barrierestörung: Fehlende Hautbarriere → erleichtertes Eindringen von Mikroorganismen
Sensibilitätsverlust: Schädigung kutaner Nerven → verminderte Schmerz- und Temperaturempfindung
Infektionsrisiko: Barrierestörung und offene Wundfläche → erhöhtes Risiko für Wundinfektionen und Sepsis
Merke
Die thermische Schädigung des Kapillarendothels erhöht die Gefäßpermeabilität. Dadurch treten Plasma und Plasmaproteine ins Interstitium über und es entstehen ausgeprägte Ödeme. Diese Flüssigkeitsverschiebung bildet die Grundlage des Verbrennungsschocks.
Lokale Entzündungsreaktion
Die thermische Gewebeschädigung löst unmittelbar eine lokale Entzündungsreaktion aus. Gleichzeitig verstärken die Entzündungsprozesse jedoch die lokale Ödembildung.
Mediatorfreisetzung: Schädigung des Gewebes → Freisetzung von Entzündungsmediatoren
Gefäßreaktion: Aktivierung des Gefäßendothels → Vasodilatation und erhöhte Gefäßpermeabilität
Leukozytenmigration: Erhöhte Gefäßpermeabilität → Einwanderung von Leukozyten in das geschädigte Gewebe
Ödembildung: Erhöhte Gefäßpermeabilität → Austritt von Plasma ins Interstitium → lokales Ödem
Klinische Folgen: Entzündungsreaktion → Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerzen und Funktionseinschränkung
Kapillarleck und Flüssigkeitsverschiebung
Bei größerenVerbrennungen bleibt die erhöhte Gefäßpermeabilität nicht auf die verbrannte Haut beschränkt. Durch die Schädigung des Kapillarendothels und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren entwickelt sich ein systemisches Kapillarleck, das zu ausgeprägten Flüssigkeitsverschiebungen führt.
Das Kapillarleck bildet die GrundlagedesVerbrennungsschocks. Die daraus entstehenden Kreislaufveränderungen werden weiter unten separat erläutert.
Systemische Entzündungsreaktion (SIRS)
Bei ausgedehnten Verbrennungen bleibt die Entzündungsreaktion nicht auf das geschädigte Gewebe beschränkt. Durch die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine entwickelt sich eine systemische inflammatorische Reaktion (SIRS), die den gesamten Organismus betreffen kann.
Zytokinfreisetzung: Ausgedehnte Gewebeschädigung → Freisetzung von TNF-α, Interleukin-1 und Interleukin-6
Endothelaktivierung: Entzündungsmediatoren → Aktivierung des Gefäßendothels und erhöhte Gefäßpermeabilität
Kapillarleck: Erhöhte Gefäßpermeabilität → Verstärkung des Kapillarlecks und generalisierte Ödembildung
Immun- und Gerinnungsaktivierung: Zytokinfreisetzung → Aktivierung von Leukozyten und Gerinnungssystem
Eine schwere Verbrennung kann bereits ohne Infektion ein SIRS auslösen. Von einer Sepsis spricht man erst, wenn zusätzlich eine Infektion vorliegt.
Hypermetabolismus und kataboler Stoffwechsel
Schwere Verbrennungen führen zu einer ausgeprägten hypermetabolen Stoffwechsellage. Ausgelöst wird diese durch Stresshormone und Entzündungsmediatoren sowie den erhöhten Energiebedarf für Wundheilung und Thermoregulation.
Stressantwort: Verbrennung → Freisetzung von Katecholaminen, Cortisol und Glucagon
Stoffwechselsteigerung: Stresshormone und Zytokine → erhöhter Energie-, Sauerstoff- und Nährstoffbedarf
Katabolismus: Erhöhter Energiebedarf → vermehrter Muskelproteinabbau und Gewichtsverlust
Wundheilung: Proteinabbau und gesteigerter Stoffwechsel → verzögerte Gewebereparatur
Immundysfunktion und Infektionsanfälligkeit
Nach größeren Verbrennungen wird die Immunabwehr durch den Verlust der Hautbarriere sowie den ausgeprägten Proteinabbau im Rahmen des Hypermetabolismus erheblich beeinträchtigt. Dadurch steigt die Anfälligkeit für lokale und systemische Infektionen deutlich an.
Barriereverlust: Zerstörung der Haut → Wegfall der natürlichen Schutzbarriere gegen Krankheitserreger
Proteinverlust: Verlust von Plasma- und Immunproteinen über die Wundfläche sowie vermehrter Proteinabbau → eingeschränkte Immunfunktion
Immunsuppression: verminderte Funktion von B- und T-Lymphozyten sowie reduzierte Zytokin- und Antikörperbildung
Infektionsrisiko: Eingeschränkte Immunabwehr → erhöhte Anfälligkeit für Wundinfektionen, Pneumonien, Sepsis und weitere systemische Infektionen
Info
Das Infektionsrisiko bleibt solange erhöht, bis die Wundfläche vollständig verschlossen und die Hautbarriere wiederhergestellt ist.
Achtung
Ein Inhalationstrauma durch Rauchgase kann die Atemwege schädigen und zu lebensbedrohlichen Atemwegsverlegungen führen. Lokale und systemische Entzündungen spielen dabei eine zentrale Rolle und machen die Behandlung komplex.
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Definition
Verbrennungsschock
Der Verbrennungsschock ist ein traumatisch bedingter hypovolämischer Schock, der durch den kombinierten Flüssigkeitsverlust über die Wundfläche und das Kapillarleck entsteht. Die daraus resultierende Hypovolämie führt zu einer verminderten Gewebeperfusion und kann unbehandelt in ein Multiorganversagen übergehen.
Hitzeeinwirkung: Thermische Gewebeschädigung → Nekrose der Haut und Schädigung des Kapillarendothels
Verbrennungstiefe: Zunehmende Verbrennungstiefe → Ausdehnung der Schädigung auf Subkutis, Muskeln, Faszien oder Knochen
Plasmaverlust: Erhöhte Gefäßpermeabilität → Austritt von Plasma und Plasmaproteinen in das Interstitium
Ödembildung: Flüssigkeitsverschiebung → Ausbildung ausgeprägter interstitieller Ödeme
Hypovolämie: Verlust von intravasaler Flüssigkeit und Plasmaproteinen → Abnahme des zirkulierenden Plasmavolumens
Reduktion der Vorlast: Hypovolämie → verminderter venöser Rückstrom und reduzierte kardiale Füllung
Herzzeitvolumen: Verminderte Vorlast → Abnahme des Herzzeitvolumens
Hämodynamische Folgen
Die verminderte intravasale Füllung führt zu einer unzureichendenGewebeperfusion. Dadurch wird die Sauerstoffversorgung der Organe zunehmend eingeschränkt.
Makrozirkulation: Hypovolämie → Abnahme des Herzzeitvolumens
Mikrozirkulation: Hypovolämie, Endothelschädigung und Mikrothromben → gestörte Kapillardurchblutung
Gerinnungsaktivierung: Entzündung und Endothelschädigung → Aktivierung von Thrombin und Thrombozyten
Mikrothromben: Fibrin- und Thrombozytenaggregate → Verschluss von Anteilen der kapillären Endstrombahn
Gewebeperfusion: Verminderte Makro- und Mikrozirkulation → unzureichendes Sauerstoffangebot für den Gewebebedarf
Gewebeischämie: Anhaltende Minderperfusion und Mikrothromben → zunehmende Gewebeischämie
Lactatbildung:anaerober Stoffwechsel → Lactatbildung und Entwicklung einer metabolischen Lactatazidose
Merke
Der Verbrennungsschock entwickelt sich häufig nicht unmittelbar, sondern nimmt durch das fortschreitende Kapillarleck in den ersten Stunden nach der Verletzung zu. Auch zunächst kreislaufstabile Patient:innen können daher rasch hämodynamisch dekompensieren. Eine frühzeitige Volumentherapie, engmaschige Überwachung und der zeitnahe Transport in ein geeignetes Verbrennungszentrum sind entscheidend.
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Definition
DAMPs (Damage-Associated Molecular Patterns)
DAMPs sind körpereigene Moleküle, die bei einer Zellschädigung oder Nekrose freigesetzt werden. Sie werden vom angeborenen Immunsystem als Gefahrensignale erkannt und lösen eine sterile Entzündungsreaktion aus.
Beispiele für DAMPs
DAMP
Erläuterung
Extrazelluläres ATP
ATP ist der Energieträger der Zelle. Wird es nach einer Zellschädigung in den Extrazellulärraum freigesetzt, wirkt es als Gefahrensignal und aktiviert Immunzellen
Hitzeschockproteine (HSPs)
Hitzeschockproteine schützen Zellen normalerweise vor Stress und unterstützen die Proteinfaltung. Nach Zellschädigung können sie freigesetzt werden und eine Entzündungsreaktion fördern
S100-Proteine
S100-Proteine sind zelluläre Proteine, die bei Gewebeschädigung freigesetzt werden und über Mustererkennungsrezeptoren die Entzündungsreaktion verstärken
Mitochondriale DNA (mtDNA)
Bei einer Schädigung der Mitochondrien kann mitochondriale DNA freigesetzt werden. Das Immunsystem erkennt sie als Gefahrensignal und aktiviert Entzündungsprozesse
Harnsäurekristalle
Bei ausgeprägtem Zelluntergang kann Harnsäure kristallisieren. Diese Kristalle aktivieren das NLRP3-Inflammasom und verstärken die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine
Wirkmechanismus und Bedeutung bei der Verbrennung
Zellschädigung: Thermische Gewebeschädigung → Freisetzung von DAMPs
Erkennung: DAMPs → Bindung an Pattern-Recognition-Rezeptoren (PRRs), insbesondere Toll-like-Rezeptoren (TLRs)
Immunaktivierung: Aktivierung von Monozyten und Makrophagen
Zytokinfreisetzung: Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine wie IL-1, IL-6 und TNF-α
Entzündungsreaktion: Zytokinfreisetzung → lokale und systemische Entzündungsreaktion
Merke
Bei einer Verbrennung entstehen durch die thermische Gewebeschädigung und Nekrose große Mengen an DAMPs. Diese verstärken die Entzündungsreaktion auch ohne initiale Infektion.
Tipp
DAMPs sind Gefahrensignale aus geschädigten körpereigenen Zellen. Sie können nach schweren Verbrennungen bereits ohne Infektion eine ausgeprägte Entzündungsreaktion auslösen und damit wesentlich zur Entwicklung eines SIRS beitragen
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Lokale und generalisierte Zeichen nach Verbrennungsgrad
Grad der Verbrennung
Typische Symptome und Befunde
Mögliche generalisierte Zeichen
Grad 1
Rötung
Trockene Haut und Schwellung
Keine Blasenbildung
Typisches Beispiel: Sonnenbrand
Bei kleinflächigen Verbrennungen meist keine relevanten systemischen Zeichen
Bei größerer Ausdehnung können Schmerzen, Unruhe und eine Stressreaktion auftreten
Grad 2a
Blasenbildung
Rosiger, gut rekapillarisierender Wundgrund
Haare fest verankert
Tachykardie
Tachypnoe
Unruhe und ausgeprägte Schmerzen
Bei größerer verbrannter Körperoberfläche (VKOF) zusätzlich Kapillarleck mit beginnendem Volumenmangel möglich
Grad 2b
Blasenbildung
Blasser Wundgrund mit schwacher oder fehlender Rekapillarisierung
Haare leicht entfernbar
Bei ausgedehnten Verbrennungen mögliche Zeichen der Hypoperfusion wie:
Tachykardie, Hypotonie
Verlängerte Rekapillarisierungszeit
Verminderte Diurese
Bewusstseinsstörungen
Hypothermie
Grad 3
Trockener, weißer, lederartig-harter Wundgrund
Nekrose
Keine Haare mehr vorhanden
Bei großflächigen Verbrennungen Entwicklung eines Verbrennungsschocks mit
Hypotonie, Tachykardie
Tachypnoe
Lactatazidose
Oligurie bis Anurie
Bewusstseinsstörungen
Hypothermie
Grad 4
Verkohlung der Haut mit Beteiligung tieferer Strukturen, z.B. Muskeln, Faszien oder Knochen
Hohes Risiko für schwere Kreislauf- und Organfunktionsstörungen
Möglich sind Verbrennungsschock, Multiorganversagen, Hypothermie sowie bei Stromverletzungen zusätzlich Herzrhythmusstörungen
Merke
Die Schmerzintensität allein erlaubt keine zuverlässige Beurteilung der Verbrennungstiefe, da häufig Mischverbrennungen, unterschiedlich tiefe Wundbereiche und Begleitverletzungen gleichzeitig vorliegen.
Verbrennung Grad 1Verbrennung Grad 2aVerbrennung Grad 2bVerbrennung Grad 3Verbrennung Grad 4
Weitere mögliche Zeichen
Inhalationstrauma: Dyspnoe, Stridor, Heiserkeit, Rußspuren im Mund oder an den Nasenlöchern, versengte Nasenhaare
Toxisches Lungenödem: Dyspnoe, Hypoxämie und zunehmende respiratorische Insuffizienz
Traumatische Begleitverletzungen: Frakturen, Schädel-Hirn-Trauma, Thorax- oder Abdominalverletzungen, insbesondere nach Explosionen oder Stürzen
Stromverletzungen: Ein- und Austrittsstellen
Achtung
Red Flags
Inhalationstrauma oder Dyspnoe
Hypotonie oder Schockzeichen
Bewusstseinsstörungen oder neurologische Auffälligkeiten
Hinweise auf Begleitverletzungen, insbesondere nach Explosionen, Verkehrsunfällen oder Stürzen
Verbrennungen im Gesicht, an Händen, Füßen, Genitalien oder über großen Gelenken
Elektrische oder chemische Verbrennungen
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Anamnese
S (Symptome): Schmerzen, sichtbare Verbrennungen
Hinweise auf einen Verbrennungsschock: Tachykardie, Hypotonie, Durstgefühl, Schwindel, verlängerte Rekapillarisierungszeit, kalte Extremitäten
Hinweise auf ein Inhalationstrauma: Dyspnoe, Husten, Heiserkeit, Stridor, Schluckbeschwerden, Rußauswurf, Rußspuren im Mund oder an den Nasenlöchern sowie versengte Nasenhaare
A (Allergien): Relevante Arzneimittel-, Material- oder sonstige Allergien erfragen
M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation und kürzliche Medikationsänderungen erfragen.
Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, Insulin, Kortikosteroide und Immunsuppressiva. Zusätzlich nach Alkohol- oder Drogenkonsum fragen.
P (Patientengeschichte): Relevante Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen, Diabetes mellitus, Immunsuppression erfragen
L (Letzte …): Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen
E (Ereignis): Zeitpunkt, Dauer und Mechanismus der Verletzung erfassen (z.B. Flamme, Verbrühung, heiße Oberflächen, Explosion, Rauch, Dampf, Chemikalien oder elektrischer Strom)
Zusätzlich nach einem Brand in geschlossenen Räumen, einer Explosion, Bewusstlosigkeit, der Expositionsdauer, bereits durchgeführten Kühlmaßnahmen sowie möglichen Begleitverletzungen fragen
R (Risiko): Besondere Risikofaktoren wie große verbrannte Körperoberfläche, Verbrennungen im Gesicht, an Händen, Füßen, Genitalien oder über großen Gelenken, zirkuläre Verbrennungen, Verdacht auf ein Inhalationstrauma, Strom- oder Chemikalienverletzungen, relevante Begleiterkrankungen sowie Säuglings- oder höheres Lebensalter berücksichtigen
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft und der Schwangerschaftswoche fragen, da Verbrennungen sowohl Mutter als auch Fetus gefährden und Diagnostik und Therapie beeinflussen können.
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS- oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einer Verbrennung abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Verbrennungstiefe: Die Verbrennungstiefe anhand der lokalen Hautveränderungen orientierend einschätzen
Grad 1: Rötung, trockene Haut und starke Schmerzen
Grad 2a: Blasenbildung, rosiger und gut rekapillisierender Wundgrund bei erhaltener Sensibilität
Grad 2b: Blasenbildung, blasser oder schlecht rekapillisierender Wundgrund sowie reduzierte Schmerzempfindung
Grad 3: Weißer, trockener, lederartig-harter Wundgrund, fehlende Haare und keine Oberflächensensibilität
Grad 4: Verkohlung mit Beteiligung tieferer Gewebeschichten
Verbrennungsfläche: Die verbrannte Körperoberfläche (VKOF) mithilfe der Neunerregel oder Handflächenregel abschätzen
Verbrennungen 1. Grades werden nicht zur VKOF gezählt
Austrittstelle nach Stromverletzung
Zirkuläre Verbrennungen: ringförmige Verbrennungen an Thorax, Abdomen oder Extremitäten
Hautkolorit und Durchblutung: Blässe, Marmorierung, Zyanose oder verminderte periphere Perfusion
Begleitverletzungen: Wunden, Hämatome, Deformitäten, Frakturen sowie Verletzungen nach Explosion, Sturz oder Stromunfall
Stromverletzungen: Sichtbare Ein- und Austrittsstellen sowie mögliche tiefe Gewebeschäden
Hinweise auf ein Inhalationstrauma:
Verbrennungen im Gesicht oder am Hals
Versengte oder rußige Gesichts- und Nasenhaare
Ruß im Mundraum oder rußiges Sputum
Neuner-Regel nach Wallace
Achtung
Neuner-Regel
Die Neuner-Regel gilt primär für Erwachsene. Bei Kindern und Kleinkindern wird sie aufgrund unterschiedlicher Körperproportionen angepasst. Ab dem 2. Lebensjahr wird der Kopf mit 14–16 % statt 9 % der Körperoberfläche berechnet. Bei Kleinkindernunter 2 Jahren beträgt der Anteil des Kopfes 18 %.
Tipp
Zur Einschätzung kleinerer Verbrennungen kann man sich merken, dass etwa die Fläche einer Hand des Betroffenen 1 % der Körperoberfläche darstellt.
Palpation:
Pulsqualität: Tachykarder, schwach tastbarer Puls als Hinweis auf Hypovolämie
Rekapillarisierungszeit: Verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion
Gewebespannung: Zunehmende Schwellung oder erhöhte Gewebespannung insbesondere an Extremitäten oder Thorax
Perkussion:
Meist unauffälliger Befund: Verbrennungen verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen
Auskultation:
Atemgeräusche: Atemgeräusche beidseits hinsichtlich Seitengleichheit, Intensität und Nebengeräuschen beurteilen
Stridor: Kann auf eine Verengung der oberen Atemwege im Rahmen eines Inhalationstraumas hinweisen
Giemen oder Brummen: Hinweise auf eine bronchiale Obstruktion
Feuchte Rasselgeräusche: Können bei einem Lungenödem, einer Pneumonie oder einer pulmonalen Schädigung infolge eines Inhalationstraumas auftreten
Abgeschwächtes Atemgeräusch: Kann auf einen Pneumothorax, Pleuraerguss oder eine ausgeprägte Ventilationsstörung hinweisen
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Häufig Tachykardie, insbesondere bei Schmerzen, Stressreaktion oder beginnendem Verbrennungsschock
Schmerz- und Stressreaktion sowie Hypovolämie → Sympathikusaktivierung → Herzfrequenz ↑
Blutdruck
Initial häufig noch normwertig, bei zunehmendem Flüssigkeitsverlust Hypotonie bis zum hypovolämischen Schock
Häufig Tachypnoe, insbesondere bei Schmerzen, Schock oder Inhalationstrauma
Schmerz, Hypoperfusion oder Atemwegsschädigung → Atemfrequenz ↑
Körpertemperatur
Akut erhöhtes Risiko für Hypothermie
Verlust der Hautbarriere → Wärmeverlust ↑; später Hypermetabolismus → Körperkerntemperatur ↑
Sauerstoffsättigung
Bei isolierter Hautverbrennung meist normwertig, bei Inhalationstrauma oder Rauchgasexposition Abfall der Sauerstoffsättigung möglich
Atemwegsschädigung, pulmonale Entzündungsreaktion oder inhalierte Toxine → Oxygenierung ↓
Blutzucker
Keine typische initiale Veränderung
Eine charakteristische Blutzuckerreaktion ist für die Akutphase einer Verbrennung nicht beschrieben
Tipp
Klinische Einordnung
Tachykardie: Eine isolierte Tachykardie kann durch Schmerzen oder eine Stressreaktion verursacht sein. In Kombination mit Hypotonie, Blässe, kalten Akren oder Bewusstseinsstörungen spricht sie eher für einen Verbrennungsschock
Normale Vitalparameter: Unauffällige Vitalparameter schließen eine schwere Verbrennung nicht aus. Insbesondere bei ausgedehnten Verbrennungen kann sich der Volumenmangel erst im weiteren Verlauf entwickeln
Inhalationstrauma: Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma sollten Atemfrequenz, Atemarbeit, Sauerstoffsättigung, Bewusstseinslage und Atemgeräusche engmaschig kontrolliert werden, da sich eine Atemwegsobstruktion verzögert entwickeln kann
Rauchgasexposition: Auch bei zunächst gering ausgeprägtem Hautbefund kann eine schwere Rauchgasintoxikation oder ein Inhalationstrauma vorliegen
Achtung
Kohlenstoffmonoxid-Intoxikation
Trotz unauffälliger Sauerstoffsättigung kann eine Kohlenstoffmonoxid-Intoxikation vorliegen. Bei entsprechender Anamnese oder Rauchgasexposition, insbesondere in geschlossenen Räumen, sollte frühzeitig daran gedacht werden. Sofern verfügbar, soll eine präklinische CO-Messung durchgeführt werden.
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS-Score, sowie Erfassung von Verwirrtheit, Unruhe, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen können bei Brandverletzungen auf Hypoxie, eine Kohlenstoffmonoxid-Exposition, einen Verbrennungsschock oder ein Begleittrauma hinweisen
Kohlenstoffmonoxid-Exposition: Neurologische Hinweise sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelschwäche, kognitive Einschränkungen, Bewusstseinsstörungen, Bewusstlosigkeit sowie mögliche verzögerte neurologische Ausfälle
Hypoxie bei Inhalationstrauma: Neurologische Hinweise sind Unruhe, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, Somnolenz, Sopor oder Koma
Verbrennungsschock: Neurologische Hinweise sind Unruhe, Verwirrtheit, Bewusstseinsminderung bis hin zur Bewusstlosigkeit infolge der zerebralen Minderperfusion
Explosion oder Sturz (Begleittrauma): Neurologische Hinweise sind fokale neurologische Defizite, Paresen, Sprachstörungen, Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit als Hinweis auf ein mögliches Schädel-Hirn-Trauma
Stromverletzung: Neurologische Hinweise sind Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, Paresen, Sensibilitätsstörungen oder andere neurologische Auffälligkeiten infolge der elektrischen Schädigung
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus sowie möglicher herzrhythmologischer Komplikationen, insbesondere nach Stromverletzungen.
Isolierte thermische Verbrennung: meist unauffälliges EKG oder Sinustachykardie als Ausdruck von Schmerz, Stress oder Hypovolämie.
Stromverletzung: Nachweis möglicher Herzrhythmusstörungen, häufig Sinustachykardie, Extrasystolen oder weiterer Arrhythmien
POCUS / eFAST: Ergänzende präklinische Sonografie bei Verdacht auf Begleitverletzungen, insbesondere nach Explosion, Sturz oder anderen Hochenergietraumata, erwägen
Traumabedingte Komplikationen: Nachweis von freier intraabdomineller Flüssigkeit, Pneumothorax, Hämatothorax oder Perikarderguss
Differenzialdiagnosen
Eine thermische Verbrennung ist anhand von Anamnese, Unfallmechanismus und Hautbefund eindeutig zu diagnostizieren. Die folgenden Krankheitsbilder können verbrennungsähnliche Hautveränderungen verursachen.
Differenzialdiagnose
Typische Symptome
Abgrenzung und Hinweise
Nekrotisierende Fasziitis
Vernichtungsschmerz, rasche Ausbreitung, livide Hautverfärbung, Blasen, Nekrosen und systemische Entzündungszeichen
Schmerzen häufig unverhältnismäßig stark im Vergleich zum Hautbefund; rasche Progredienz und schwere Sepsiszeichen sprechen gegen eine isolierte Verbrennung
Clostridiale Myonekrose (Gasbrand)
Sehr starke Schmerzen, rasche klinische Verschlechterung, bronzene bis lila-rote Hautverfärbung, Blasen, übel riechendes Sekret und Krepitationen
Tast- oder hörbares Hautemphysem durch Gasbildung ist hochverdächtig für einen Gasbrand und bei thermischen Verbrennungen nicht zu erwarten
Stevens-Johnson-Syndrom / Epidermale Nekrolyse
Medikamentenanamnese, Fieber, ausgeprägtes Krankheitsgefühl, atypische Kokarden, Blasen, Erosionen und Schleimhautbeteiligung
Obligate Schleimhautbeteiligung sowie eine großflächige Epidermisablösung sprechen für eine epidermale Nekrolyse; Hautbefund kann einer Verbrennung ähneln
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das präklinische Therapieziel besteht in der Beendigung der thermischen Schädigung, der Stabilisierung der Vitalfunktionen sowie einer dem Schweregrad angepassten Therapie. Im Vordergrund stehen die Schmerztherapie, die Vermeidung einer Hypothermie, eine bedarfsgerechte Volumentherapie und der zeitnahe Transport in eine geeignete Klinik oder ein Verbrennungszentrum.
Eigenschutz beachten
Gefahrenquelle identifizieren: Ist die Brandursache noch aktiv? (z.B. offenes Feuer, Rauch, Chemikalien)
Umgebung sichern: Brandstelle nur betreten, wenn keine akute Gefahr durch Feuer, einsturzgefährdete Gebäude oder toxische Substanzen besteht
Sicherheitsabstand: Abstand zur Gefahrenzone halten, bis die Situation als sicher eingestuft wurde
Merke
An die Gefahr von erhöhter Kohlenstoffmonoxid Konzentration denken! Wenn vorhanden, CO-Warngeräte tragen.
Konzentration Messgerät
Maßnahmen
> 30 ppm
Raum lüften
Person in belüfteten Bereich bringen
Max. Aufenthaltsdauer im Gefahrenbereich: 15 Minuten
> 60 ppm
Schnellstmögliche Rettung der Patient:innen aus Gefahrenbereich
Max. Aufenthaltsdauer im Gefahrenbereich: 5 Minuten
> 200 ppm
Sofortiges Verlassen des Gefahrenbereichs
Rettung durch die Feuerwehr abwarten
Basismaßnahmen
Körperschmuck:Ringe, Armbänder, Uhren, Piercings oder andere einengende Gegenstände frühzeitig entfernen, bevor eine zunehmende Schwellung die Entfernung erschwert
Kleidung entfernen: Lockere oder nicht anhaftende Kleidung sollte vorsichtig entfernt werden
Verklebte oder fest anhaftende Kleidung nicht gewaltsam entfernen, um zusätzliche Gewebeschäden zu vermeiden
Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma: Oberkörperhochlagerung erwägen, sofern Kreislauf und Begleitverletzungen dies zulassen
Kreislaufinstabile Patient:innen oder relevante Begleitverletzungen:Flachlagerung mit kontinuierlicher Reevaluation
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Wundversorgung und Kühlung:
Kleine, umschriebene Verbrennungen: Kühlung mit kühlem bis zimmerwarmem Wasser (ca. 20 °C) für bis zu 20 Minuten kann erwogen werden. Eiskaltes Wasser, Eis oder Kühlpacks sollten aufgrund zusätzlicher Gewebeschädigung vermieden werden.
Großflächige Verbrennungen: Keine aktive Kühlung durchführen, da ein erhebliches Risiko für eine Hypothermie besteht. Dies gilt insbesondere für Säuglinge, Kleinkinder und Patient:innen mit ausgedehnten Verbrennungen.
Wundabdeckung: Verbrennungswunden nach orientierender Beurteilung mit trockenen, sterilen und nicht haftenden Wundauflagen (z. B. metallbeschichteten/aluminiumbedampften Verbandtüchern) oder alternativ Frischhaltefolie locker abdecken.
Verbandstechnik: Keine zirkulären Verbände an Extremitäten anlegen, da zunehmende Ödeme die Durchblutung beeinträchtigen und den Gewebedruck erhöhen können.
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie sowie bei Bedarf zur Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen
Angepasstes Atemwegsmanagement:Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Wärmeerhalt: Trotz lokaler Kühlung auf einen konsequenten Wärmeerhalt achten, um eine Hypothermie zu vermeiden
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie. Bei Verdacht auf Rauchgasinhalation, Inhalationstrauma oder Kohlenstoffmonoxid-Intoxikation frühzeitig hochdosierten Sauerstoff verabreichen
Chemische Verbrennungen: Bei Kontakt mit Säuren oder Laugen kontaminierte Kleidung frühzeitig entfernen und die betroffenen Hautareale großzügig und anhaltend mit Wasser spülen. Ziel ist die rasche Dekontamination und Beendigung der weiteren Gewebeschädigung
Begleitverletzungen: Aktiv nach Begleitverletzungen suchen, insbesondere nach Explosionen, Starkstromverletzungen, Lichtbogenverletzungen oder Stürzen
Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Klinik. Bei großflächigen Verbrennungen, Inhalationstrauma, Stromverletzungen, chemischen Verbrennungen oder anderen Kriterien für ein Verbrennungszentrum frühzeitig Voranmeldung und Transport priorisieren
Spezifische Maßnahmen
Volumentherapie: Bei größeren Verbrennungen frühzeitige balancierte VolumentherapieErwachsene: 1000 ml VEL iv. in den ersten 2 Stunden, Kinder: 10 ml/kgKG iv. unter Vermeidung einer Hypervolämie
Schmerztherapie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Merke
Die Verwendung der bekannten Formeln, wie der Parkland-Formel, wird in der präklinischenVersorgungnichtempfohlen, da sie potenzielle Fehlerquellen darstellen.
Achtung
Bei einem Verbrennungsschock sollte bei nicht zeitnah etablierbarem intravenösem Zugang frühzeitig ein intraossärer Zugang angelegt werden, um eine rasche Volumen- und Medikamententherapie sicherzustellen.
Zusätzliche Maßnahmen bei Inhalationstrauma
Atemwegsmanagement: Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma frühzeitig abschwellende Maßnahmen erwägen
Oberkörperhochlagerung: Sofern Kreislauf und Begleitverletzungen dies zulassen, zur Reduktion eines Atemwegsödems.
Adrenalinverneblung: Bei klinischen Zeichen eines oberen Atemwegsödems kann eine Verneblung von Adrenalin2-5 mg erwogen werden
Intubationsbereitschaft: Aufgrund der Gefahr eines rasch progredienten Atemwegsödems frühzeitig eine Intubationsbereitschaft herstellen und bei zunehmender Atemwegsobstruktion eine definitive Atemwegssicherung vorbereiten
Info
Ausführliche Informationen zu Pathophysiologie, Diagnostik und präklinischer Therapie des Inhalationstraumas findest du im separaten Artikel.
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Situation
Wichtige Besonderheiten
Elektrische Verbrennung
Eigenschutz: Stromkreis unterbrechen
Bei Hochspannung die Gefahrenzone erst nach fachgerechter Freigabe betreten
12-Kanal-EKG und kontinuierliches EKG-Monitoring durchführen
Auch bei kleinen Strommarken an ausgedehnte Muskel-, Nerven- und Gefäßschäden denken
Nach Sturz, Bewusstlosigkeit oder Hochspannungsunfall gezielt nach Begleitverletzungen und einer HWS-Verletzung suchen.
Transport in ein Brandverletztenzentrum
Chemische Verbrennung
Persönliche Schutzausrüstung tragen und kontaminierte Kleidung entfernen
Chemikalienreste ggf. zunächst trocken entfernen (z.B. Calciumoxid abbürsten)
Anschließend die betroffenen Hautareale großzügig und anhaltend mit Wasser oder Kochsalzlösung spülen (Richtwert: mindestens 15 Minuten)
Bei Augenbeteiligung Kontaktlinsen entfernen und sofort ausgiebig spülen
Chemische Verätzungen sind eine Indikation zur Vorstellung im Brandverletztenzentrum
Kinder
Aufgrund des erhöhten Hypothermierisikos nur kleine Verbrennungen lokal und kurzzeitig kühlen
Keine großflächige Kühlung, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern
Ab ≥10 % VKOF einen Gefäßzugang und eine Flüssigkeitstherapie erwägen → ab >15 % VKOF besteht ein erhöhter Flüssigkeitsbedarf
Kinder unter 8 Jahren sollten unabhängig von weiteren Kriterien in einer spezialisierten Klinik vorgestellt werden
Bei Inhalationstrauma frühzeitig an ein Atemwegsödem denken
Geriatrische Patient:innen
Patient:innen über 60 Jahre stellen eine besondere Risikogruppe dar
Bereits bei kleineren Verbrennungsflächen kann aufgrund von Begleiterkrankungen eine Vorstellung im Brandverletztenzentrum sinnvoll sein
Bei unklarer Verbrennungstiefe, unklarem Ausmaß oder Begleitverletzungen im Zweifel ein spezialisiertes Zentrum wählen
Besonderes Augenmerk auf Wärmeerhalt und engmaschiges Monitoring legen
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Zielkrankenhaus
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verbrennungstiefe, Verbrennungsfläche (VKOF), Lokalisation, Begleitverletzungen, dem Vorliegen eines Inhalationstraumas sowie dem klinischen Allgemeinzustand.
Kleine Verbrennungen (Grad 1 oder kleinflächige Grad-2a-Verbrennungen): Bei vollständiger Symptomkontrolle und stabilem Allgemeinzustand kann eine ambulante Weiterbehandlung erwogen werden. Andernfalls Transport in eine allgemeinchirurgische Klinik zur weiteren Wundversorgung und Überwachung.
Schwere Verbrennungen: Bei Vorliegen einer Indikation für ein Brandverletztenzentrum sollte, sofern transportmedizinisch vertretbar, der direkte Transport in ein Brandverletztenzentrum erfolgen. Bei längeren Transportzeiten oder zeitkritischen Verläufen sollte der Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH) erwogen werden
Lange Transportstrecken oder instabile Patient:innen: Abhängig vom klinischen Zustand, der Transportstrecke und dem Transportrisiko kann zunächst die Erstversorgung in einem regionalen Traumazentrum mit anschließender Sekundärverlegung in ein Brandverletztenzentrum sinnvoll sein
Info
Indikationen für die Versorgung im Verbrennungszentrum:
Thermische Verletzungen 2. Grades ab 15 % Körperoberfläche
Thermische Verletzungen 3. Grades ab 10 % Körperoberfläche
Thermische Verletzungen an kritischen Bereichen wie Gesicht/Hals, Händen, Füßen, Ano-Genital-Region, Achseln, großen Gelenken oder anderen komplizierten Lokalisationen
Zirkuläre thermische Verletzungen
Chemische Verätzungen
Verletzungen durch elektrischen Strom einschließlich Blitzschlag
Inhalationstrauma in Kombination mit äußeren Verbrennungen
Brandverletzte mit Begleiterkrankungen oder zusätzlichen Verletzungen (besonders thermomechanische Kombinationen), die die Behandlung erschweren
Brandverletzte mit Bedarf an spezieller psychotherapeutischer, psychiatrischer oder physischer Mitbehandlung
Besonders junge Patienten (< 8 Jahre) sowie ältere Menschen (> 60 Jahre)
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Vigilanz.
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: schmerzadaptierte Lagerung. Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma Oberkörperhochlagerung, sofern Kreislauf und Begleitverletzungen dies zulassen.
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
Atemwegsmanagement: Regelmäßige Kontrolle der Atemwege und Atemarbeit
Sauerstofftherapie: Fortführung der Sauerstofftherapie entsprechend der klinischen Situation. Bei Rauchgasinhalation, Inhalationstrauma oder Kohlenstoffmonoxid-Intoxikation hochdosierte Sauerstoffgabe fortführen.
Volumentherapie: Fortführung der balancierten Volumentherapie entsprechend Verbrennungsausmaß, Hämodynamik und klinischem Verlauf unter Vermeidung einer Hypervolämie
Wärmeerhalt: konsequenter Wärmeerhalt zur Vermeidung einer Hypothermie, insbesondere bei großflächigen Verbrennungen
Dokumentation: Erfassung von Unfallmechanismus, Verbrennungsursache, Verbrennungstiefe, Verbrennungsfläche (VKOF), Vitalparametern, neurologischem Status, sämtlichen präklinisch durchgeführten Maßnahmen sowie deren Wirkung
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR.
Übergabe relevanter Informationen zu:
Unfallmechanismus (z.B. Flammen-, Verbrühungs-, Strom- oder chemische Verbrennung sowie Explosion)
Zeitpunkt des Traumas und Dauer der Hitze- bzw. Chemikalienexposition
Verbrennungstiefe und geschätzter Verbrennungsfläche (VKOF)
Lokalisation der Verbrennungen, insbesondere an Gesicht, Händen, Füßen, Genitalien oder bei zirkulären Verbrennungen
Hinweisen auf ein Inhalationstrauma oder eine Rauchgas-/Kohlenstoffmonoxid-Exposition
Vitalparametern und deren Verlauf
Neurologischem Status (z.B. Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung oder Bewusstlosigkeit)
Begleitverletzungen (z.B. nach Explosion, Sturz oder Stromunfall)
Bekannten Vorerkrankungen, relevanter Medikation und Allergien
Hochrisikopatient:innen: Bei Verbrennungsschock, Inhalationstrauma, großflächigen oder tiefen Verbrennungen, elektrischen oder chemischen Verbrennungen sowie relevanten Begleitverletzungen frühzeitig die Übergabe an das zuständige Schockraum-, Verbrennungs- oder Intensivteam veranlassen
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Definition
Definition
Verbrennung
Eine Verbrennung ist eine thermisch bedingte Schädigung der Haut und gegebenenfalls tiefer liegender Gewebestrukturen. Sie entsteht durch die Einwirkung hoher Temperaturen, beispielsweise durch Flammen, heiße Flüssigkeiten, Dampf oder heiße Oberflächen. Vergleichbare Gewebeschäden können auch durch elektrischen Strom, chemische Substanzen, Reibung oder UV-Strahlung verursacht werden.
Definition
Verbrennungskrankheit/Verbrennungsschock
Die Verbrennungskrankheit ist eine systemische Reaktion des Organismus auf ausgedehnte Verbrennungen. Sie entsteht durch den erheblichen Flüssigkeitsverlust über die Wundfläche sowie die massive Freisetzung von Entzündungsmediatoren aus dem verbrannten Gewebe. Dies kann zu einer erhöhten Gefäßpermeabilität mit Flüssigkeitsverschiebungen, einem hypovolämischen Schock, einer systemischen Entzündungsreaktion (SIRS) sowie im weiteren Verlauf zu Sepsis und Multiorganversagen führen.
Einteilung nach Verbrennungsgrad:
Grad der Verbrennung
Betroffene Hautschichten
Klinisches Bild
Grad 1
Epidermis
Rötung, ausgeprägte Schmerzen, vergleichbar mit einem Sonnenbrand
Grad 2a
Oberflächliche Dermis
Blasenbildung, rosiger und gut rekapillarisierender Wundgrund, starke Schmerzen, Haare fest verankert
Grad 2b
Tiefe Dermis mit Hautanhangsgebilden
Blasenbildung, blasser Wundgrund mit fehlender oder verzögerter Rekapillarisierung, verminderte Schmerzempfindung, Haare leicht entfernbar
Grad 3
Komplette Dermis
Trockener, weißlicher, lederartig harter Wundgrund, fehlende Schmerzempfindung, keine Haare mehr vorhanden
Verbrennungen können durch verschiedene thermische, elektrische, chemische oder physikalische Einwirkungen entstehen. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
Übermäßige Hitzeeinwirkung:
Flammen: ca. 52 %
Heiße Flüssigkeiten (Verbrühungen): ca. 23 %
Explosionen: ca. 6 %
Heiße Oberflächen (Kontaktverbrennungen): ca. 5 %
Elektrischer Strom: ca. 4 %
Sonstige Mechanismen: ca. 4 %
Strahlung: beispielsweise durch ionisierende Strahlung
Chemische Substanzen: Verätzungen durch Säuren oder Laugen
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie der Verbrennung entwickelt sich schrittweise von der lokalen Gewebeschädigung bis zu systemischen Veränderungen, die bei ausgedehnten Verbrennungen den gesamten Organismus betreffen können.
Verbrennung (thermische Gewebeschädigung)
Lokale Gewebeschädigung (Nekrose, Gefäß- und Nervenschädigung)
Verlustder Hautbarriere (Flüssigkeits-, Protein- und Wärmeverlust)
Lokale Entzündungsreaktion (Mediatorfreisetzung, Vasodilatation und lokales Ödem)
Kapillarleck und Flüssigkeitsverschiebung (Ödembildung, Hypovolämie)
Verbrennungsschock (Minderperfusion und Gewebehypoxie)
Systemische Entzündungsreaktion, SIRS (Zytokinfreisetzung und Organbeteiligung)
Hypermetabolismus (erhöhter Energieverbrauch und Proteinabbau)
Immundysfunktion (verminderte Immunabwehr)
ErhöhtesInfektionsrisiko (Wundinfektion und Sepsis)
Klinischer Eindruck
Grad der Verbrennung
Typische Symptome und Befunde
Mögliche generalisierte Zeichen
Grad 1
Rötung
Trockene Haut und Schwellung
Keine Blasenbildung
Typisches Beispiel: Sonnenbrand
Bei kleinflächigen Verbrennungen meist keine relevanten systemischen Zeichen
Bei größerer Ausdehnung können Schmerzen, Unruhe und eine Stressreaktion auftreten
Grad 2a
Blasenbildung
Rosiger, gut rekapillarisierender Wundgrund
Haare fest verankert
Tachykardie
Tachypnoe
Unruhe und ausgeprägte Schmerzen
Bei größerer verbrannter Körperoberfläche (VKOF) zusätzlich Kapillarleck mit beginnendem Volumenmangel möglich
Grad 2b
Blasenbildung
Blasser Wundgrund mit schwacher oder fehlender Rekapillarisierung
Haare leicht entfernbar
Bei ausgedehnten Verbrennungen mögliche Zeichen der Hypoperfusion wie:
Tachykardie, Hypotonie
Verlängerte Rekapillarisierungszeit
Verminderte Diurese
Bewusstseinsstörungen
Hypothermie
Grad 3
Trockener, weißer, lederartig-harter Wundgrund
Nekrose
Keine Haare mehr vorhanden
Bei großflächigen Verbrennungen Entwicklung eines Verbrennungsschocks mit
Hypotonie, Tachykardie
Tachypnoe
Lactatazidose
Oligurie bis Anurie
Bewusstseinsstörungen
Hypothermie
Grad 4
Verkohlung der Haut mit Beteiligung tieferer Strukturen, z.B. Muskeln, Faszien oder Knochen
Hohes Risiko für schwere Kreislauf- und Organfunktionsstörungen
Möglich sind Verbrennungsschock, Multiorganversagen, Hypothermie sowie bei Stromverletzungen zusätzlich Herzrhythmusstörungen
Diagnostik
Inspektion:
Verbrennungstiefe: Die Verbrennungstiefe anhand der lokalen Hautveränderungen orientierend einschätzen
Verbrennungsfläche: Die verbrannte Körperoberfläche (VKOF) mithilfe der Neunerregel oder Handflächenregel abschätzen
Verbrennungen 1. Grades werden nicht zur VKOF gezählt
Zirkuläre Verbrennungen: ringförmige Verbrennungen an Thorax, Abdomen oder Extremitäten
Hautkolorit und Durchblutung: Blässe, Marmorierung, Zyanose oder verminderte periphere Perfusion
Begleitverletzungen: Wunden, Hämatome, Deformitäten, Frakturen sowie Verletzungen nach Explosion, Sturz oder Stromunfall
Stromverletzungen: Sichtbare Ein- und Austrittsstellen sowie mögliche tiefe Gewebeschäden
Hinweise auf ein Inhalationstrauma:
Verbrennungen im Gesicht oder am Hals
Versengte oder rußige Gesichts- und Nasenhaare
Ruß im Mundraum oder rußiges Sputum
Neuner-Regel nach Wallace
Palpation:
Pulsqualität: Tachykarder, schwach tastbarer Puls als Hinweis auf Hypovolämie
Rekapillarisierungszeit: Verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion
Gewebespannung: Zunehmende Schwellung oder erhöhte Gewebespannung insbesondere an Extremitäten oder Thorax
Perkussion:
Meist unauffälliger Befund: Verbrennungen verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen
Auskultation:
Atemgeräusche: Atemgeräusche beidseits hinsichtlich Seitengleichheit, Intensität und Nebengeräuschen beurteilen
Stridor: Kann auf eine Verengung der oberen Atemwege im Rahmen eines Inhalationstraumas hinweisen
Giemen oder Brummen: Hinweise auf eine bronchiale Obstruktion
Feuchte Rasselgeräusche: Können bei einem Lungenödem, einer Pneumonie oder einer pulmonalen Schädigung infolge eines Inhalationstraumas auftreten
Abgeschwächtes Atemgeräusch: Kann auf einen Pneumothorax, Pleuraerguss oder eine ausgeprägte Ventilationsstörung hinweisen
Therapie
Eigenschutz beachten:
Gefahrenquelle identifizieren: Ist die Brandursache noch aktiv? (z.B. offenes Feuer, Rauch, Chemikalien)
Umgebung sichern: Brandstelle nur betreten, wenn keine akute Gefahr durch Feuer, einsturzgefährdete Gebäude oder toxische Substanzen besteht
Sicherheitsabstand: Abstand zur Gefahrenzone halten, bis die Situation als sicher eingestuft wurde
Basismaßnahmen:
Körperschmuck:Ringe, Armbänder, Uhren, Piercings oder andere einengende Gegenstände frühzeitig entfernen, bevor eine zunehmende Schwellung die Entfernung erschwert
Kleidung entfernen: Lockere oder nicht anhaftende Kleidung sollte vorsichtig entfernt werden
Verklebte oder fest anhaftende Kleidung nicht gewaltsam entfernen, um zusätzliche Gewebeschäden zu vermeiden
Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma: Oberkörperhochlagerung erwägen, sofern Kreislauf und Begleitverletzungen dies zulassen
Kreislaufinstabile Patient:innen oder relevante Begleitverletzungen:Flachlagerung mit kontinuierlicher Reevaluation
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Wundversorgung und Kühlung:
Kleine, umschriebene Verbrennungen: Kühlung mit kühlem bis zimmerwarmem Wasser (ca. 20 °C) für bis zu 20 Minuten kann erwogen werden. Eiskaltes Wasser, Eis oder Kühlpacks sollten aufgrund zusätzlicher Gewebeschädigung vermieden werden.
Großflächige Verbrennungen: Keine aktive Kühlung durchführen, da ein erhebliches Risiko für eine Hypothermie besteht. Dies gilt insbesondere für Säuglinge, Kleinkinder und Patient:innen mit ausgedehnten Verbrennungen.
Wundabdeckung: Verbrennungswunden nach orientierender Beurteilung mit trockenen, sterilen und nicht haftenden Wundauflagen (z. B. metallbeschichteten/aluminiumbedampften Verbandtüchern) oder alternativ Frischhaltefolie locker abdecken.
Verbandstechnik: Keine zirkulären Verbände an Extremitäten anlegen, da zunehmende Ödeme die Durchblutung beeinträchtigen und den Gewebedruck erhöhen können.
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie sowie bei Bedarf zur Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen
Angepasstes Atemwegsmanagement:Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Wärmeerhalt: Trotz lokaler Kühlung auf einen konsequenten Wärmeerhalt achten, um eine Hypothermie zu vermeiden
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie. Bei Verdacht auf Rauchgasinhalation, Inhalationstrauma oder Kohlenstoffmonoxid-Intoxikation frühzeitig hochdosierten Sauerstoff verabreichen
Chemische Verbrennungen: Bei Kontakt mit Säuren oder Laugen kontaminierte Kleidung frühzeitig entfernen und die betroffenen Hautareale großzügig und anhaltend mit Wasser spülen. Ziel ist die rasche Dekontamination und Beendigung der weiteren Gewebeschädigung
Begleitverletzungen: Aktiv nach Begleitverletzungen suchen, insbesondere nach Explosionen, Starkstromverletzungen, Lichtbogenverletzungen oder Stürzen
Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Klinik. Bei großflächigen Verbrennungen, Inhalationstrauma, Stromverletzungen, chemischen Verbrennungen oder anderen Kriterien für ein Verbrennungszentrum frühzeitig Voranmeldung und Transport priorisieren
Spezifische Maßnahmen:
Volumentherapie: Bei größeren Verbrennungen frühzeitige balancierte VolumentherapieErwachsene: 1000 ml VEL iv. in den ersten 2 Stunden, Kinder: 10 ml/kgKG iv. unter Vermeidung einer Hypervolämie
Schmerztherapie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Besondere Situationen
Elektrische Verbrennung: Tiefe Gewebeschäden trotz kleiner Hautläsionen möglich, EKG-Monitoring durchführen und Transport ins Brandverletztenzentrum
Chemische Verbrennung: Trockene Chemikalien zunächst entfernen, anschließend mindestens 15 Minuten spülen und im Brandverletztenzentrum vorstellen
Kinder: Wegen des hohen Hypothermierisikos nur kleine Areale kurz kühlen, ab ≥ 10 % VKOF Flüssigkeitstherapie erwägen
Geriatrische Patient:innen: Bereits kleine Verbrennungen können schwer verlaufen → niedrige Schwelle für die Vorstellung im Brandverletztenzentrum
Transport
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verbrennungstiefe, Verbrennungsfläche (VKOF), Lokalisation, Begleitverletzungen, dem Vorliegen eines Inhalationstraumas sowie dem klinischen Allgemeinzustand.
Kleine Verbrennungen (Grad 1 oder kleinflächige Grad-2a-Verbrennungen): Bei vollständiger Symptomkontrolle und stabilem Allgemeinzustand kann eine ambulante Weiterbehandlung erwogen werden. Andernfalls Transport in eine allgemeinchirurgische Klinik zur weiteren Wundversorgung und Überwachung.
Schwere Verbrennungen: Bei Vorliegen einer Indikation für ein Brandverletztenzentrum sollte, sofern transportmedizinisch vertretbar, der direkte Transport in ein Brandverletztenzentrum erfolgen. Bei längeren Transportzeiten oder zeitkritischen Verläufen sollte der Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH) erwogen werden
Lange Transportstrecken oder instabile Patient:innen: Abhängig vom klinischen Zustand, der Transportstrecke und dem Transportrisiko kann zunächst die Erstversorgung in einem regionalen Traumazentrum mit anschließender Sekundärverlegung in ein Brandverletztenzentrum sinnvoll sein
Info
Indikationen für die Versorgung im Verbrennungszentrum:
Thermische Verletzungen 2. Grades ab 15 % Körperoberfläche
Thermische Verletzungen 3. Grades ab 10 % Körperoberfläche
Thermische Verletzungen an kritischen Bereichen wie Gesicht/Hals, Händen, Füßen, Ano-Genital-Region, Achseln, großen Gelenken oder anderen komplizierten Lokalisationen
Zirkuläre thermische Verletzungen
Chemische Verätzungen
Verletzungen durch elektrischen Strom einschließlich Blitzschlag
Inhalationstrauma in Kombination mit äußeren Verbrennungen
Brandverletzte mit Begleiterkrankungen oder zusätzlichen Verletzungen (besonders thermomechanische Kombinationen), die die Behandlung erschweren
Brandverletzte mit Bedarf an spezieller psychotherapeutischer, psychiatrischer oder physischer Mitbehandlung
Besonders junge Patienten (< 8 Jahre) sowie ältere Menschen (> 60 Jahre)
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Tipp
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Inhalationstrauma (RD)
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