Die Vigilanzminderung (quantitative Bewusstseinsstörung) bezeichnet einen Zustand reduzierter Wachheit, bei der die Fähigkeit einer Person, auf äußere Reize zu reagieren und ihre Umgebung wahrzunehmen, eingeschränkt ist. Sie kann in verschiedenen Schweregraden auftreten, die man als Somnolenz, Sopor und Koma bezeichnet. Die Vigilanzminderung ist ein wichtiges klinisches Symptom, das auf verschiedene ernsthafte medizinische Zustände hinweisen kann. Eine rasche und gezielte Diagnostik ist erforderlich, um die Ursache zu ermitteln und die passende Behandlung einzuleiten.
Merke
- Somnolenz: Schläfrigkeit, die durch äußere Reize erweckbar ist
- Sopor: tiefer Schlaf, bei dem eine Person nur schwer erweckbar ist
- Koma: vollständiger Verlust des Bewusstseins, bei dem keine Reaktion auf äußere Reize erfolgt
AchtungAkut lebensbedrohliche Differentialdiagnosen:
- Zerebrale Blutung
- Zerebrale Ischämie
- Bakterielle Meningitis
- Hypoglykämie/Hyperglykämie
- Intoxikation
- Sepsis
- Hypoxie/Hyperkapnie
- Schock
Weitere Differentialdiagnosen
Neurologische Ursachen:
- Zerebrale Blutung
- Traumatisch: Schädel-Hirn-Trauma
- Nicht-traumatisch
- Zerebrale Ischämie
- Epilepsie
- Postiktale Phase
- Rezidivierende non-konvulsive epileptische Anfälle
- Non-konvulsiver Status epilepticus
- Hirninfektionen
- Meningitis
- Enzephalitis
- Hirnabszess
- Liquorzirkulationsstörung (Hydrocephalus)
- Demenzerkrankungen oder primär degenerative Erkrankungen
- Zerebrale Tumorerkrankung
Metabolische/Endokrine Ursachen:
- Hypoglykämie
- Hyperglykämie
- Leberinsuffizienz (hepatische Enzephalopathie)
- Nierenschädigung (urämische Enzephalopathie)
- Wernicke Enzephalopathie (Vitamin-B1-Mangel)
- Addison-Krise (Nebennierenrindeninsuffizienz)
Intoxikation:
- Alkohol
- Drogen (z.B. Opioide, Benzodiazepine)
- Medikamente (z.B. Sedativa, Antikonvulsiva)
Systemische Infektionen:
- Sepsis (Septische Enzephalopathie)
Kardiovaskuläre Ursachen:
- Hypotonie
- Hypertensive Enzephalopathie
- Schockformen:
- Kardiogener Schock
- Obstruktiver Schock
- Distributiver Schock (z.B. septisch, anaphylaktisch)
- Hypovolämer Schock
Respiratorische Ursachen:
- Hypoxämie
- Hyperkapnie
Psychiatrische Ursachen:
- Psychotische Zustände
- Hypomotorisches Delir
Sonstige Ursachen:
- Elektrolytstörungen (vor allem Hypo- und Hypernatriämie)
- Exsikkose (Austrocknung)
- Hypovolämie
- Hypo- und Hyperthermie
Merke
- Primär intrakranielle Ursachen:
- Zerebrale Blutung, Ischämie, Epilepsie, Hirninfektion, Demenzerkrankung, Tumoren, Liquorstörung
- Sekundäre extrakranielle Ursachen mit Funktionsstörung der Hirnschranke:
- Metabolische/endokrine Erkrankungen
- Intoxikationen
- Sepsis
- Respiratorische Erkrankungen
- Kardiovaskuläre Erkrankungen
- Psychotische Zustände
- Elektrolyt- und Flüssigkeitsstörungen
MerkeRed Flags sind Warnsymptome, die auf eine akut lebensbedrohliche Ursache hinweisen und ein sofortiges Handeln erfordern.
Red Flags:
- Akuter Beginn der Vigilanzminderung
- Fokale neurologische Defizite (z.B. Hemiparese, Aphasie)
- Fehlende Schutzreflexe (z.B. Husten-, Würgreflex → Aspirationsgefahr)
- Meningismus (Verdacht auf Meningitis/Subarachnoidalblutung)
- Starke Kopfschmerzen (insbesondere neu aufgetreten oder plötzlich)
- Hypoxie (Sauerstoffsättigung ↓)
- Pathologische Atmung:
- Tachypnoe
- Auffällige Atemmuster (z.B. Cheyne-Stokes-Atmung, Kußmaulatmung)
- Respiratorische Insuffizienz
- Traumatische Verletzungen / stattgehabtes Trauma (z.B. Schädel-Hirn-Trauma)
- Schockzeichen:
- Hypotonie
- Tachykardie
- Tachypnoe
- Kaltschweißigkeit
- Verlängerte Rekapillarisierungszeit (≥2 Sekunden)
- Marmorierte Haut
Basismaßnahmen
- Kontinuierliches Monitoring (inkl. Blutdruck, Herzfrequenz, EKG und Sp02), Körpertemperatur messen
- i.v. Zugang (bei Schock/Sepsis mind. 2 großvolumige Zugänge)
- 12-Kanal-EKG
- Blutabnahme mit folgenden Parametern:
- BGA:
- Blutzucker: immer unmittelbar bestimmen!
- Blutgase: Hypoxämie, Hyperkapnie
- Elektrolyte: Hypo-/Hypernatriämie, Hypo-/Hyperkaliämie
- Laktat: Hinweis auf Schock oder Exsikkose
- pH
- Hb
- Labor:
- Herzparameter: Troponin, CK-MB (Hinweis auf Myokardinfarkt)
- NT-proBNP: Hinweis auf Herzinsuffizienz
- D-Dimere: Ausschluss Lungenarterienembolie
- Entzündungsparameter: z.B. Hinweis auf Infektion
- Blutkulturen (mind. 2 Stück bei Verdacht auf Sepsis, wenn möglich vor Antibiotikagabe)
- Nierenparameter (Kreatinin, Harnstoff)
- Leberparameter (Transaminasen)
- Gerinnung (Quick/INR, PTT)
- Ammoniak: Hinweis auf hepatische Enzephalopathie
- BGA:
- Urinabnahme
- Drogenscreening (bei Verdacht auf Intoxikation)
- U-Stix (orientierende Urinanalyse)
Ersteinschätzung
- Kreislaufstatus prüfen:
- Anzeichen eines instabilen Kreislaufs (Blutdruck, Herzfrequenz, EKG und Sp02)
- Schockindex (HF/RR)
- GCS (Glasgow Coma Scale):
- Bewertung der Bewusstseinslage insbesondere nach Schädel-Hirn-Trauma
- Red Flags erkennen und handeln:
- Fehlende Schutzreflexe: → Atemwegssicherung (Intubation)
- Hypoxie / pathologische Atmung (SpO₂ < 94 %): → Sauerstoffgabe, ggf. Intubation
- Schockzeichen: → Volumentherapie, ggf. Katecholamine, Defi-Patches anbringen
- Sepsis / Exsikkose / hypovolämer oder hämorrhagischer Schock: → Volumentherapie
TippDie strukturierte Versorgung erfolgt nach dem xABCDE-Schema, das in Notfallsituationen standardisiert angewendet wird.
| Eigen- und Fremdanamnese | Körperliche Untersuchung | Gezielte Bildgebung |
|---|---|---|
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| Symptome | Anamnese/ Untersuchung / Diagnostik | Sonstiges | |
|---|---|---|---|
| Zerebrale Ischämie / Blutung |
Bei schwerem Ausmaß (Hirndruckzeichen):
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| Hypoglykämie |
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| Hyperglykämie | 1. Ketoazidotisches Koma (DKA):
2. Hyperosmolares Koma (HHS):
| Ketoazidose:
Hyperoslomares Koma :
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| Bakterielle Meningitis |
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| Epilepsie - postiktale Phase |
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- S2k-Leitlinie, Ambulant erworbene bakterielle Meningoenzephalitis im Erwachsenenalter, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
- S2k-Leitlinie, Behandlung von spontanen intrazerebralen Blutungen, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
- S2e Leitlinie, Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
- S2k-Leitlinie, Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V. (DGfE)
- S3-Leitlinie, Therapie des Typ-1-Diabetes, Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V. (DDG)
- S3-Leitlinie, Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes, NVL-Programm von Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
- Steffen et al.: Internistische Differenzialdiagnosen, Schattauer GmbH, 2008, ISBN: 978-3-7945-23-42.9
- Frimmel: Klinische Notfälle griffbereit, Schattauer GmbH, 2018, ISBN: 978-3-7945-3253-7
- Baenkler et al: Kurzlehrbuch Innere Medizin, Georg Thieme Verlag KG, 2021, ISBN: 978-3-13-220000-5
- Japp et al: Macleods klinische Diagnosen, Elsevier GmbH, 2018, ISBN: 978-3-437-42203-4
