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Vorgehen bei Intoxikationen (RD)

Vorgehen bei Vergiftungen
15 Minuten Lesezeit

Intoxikationen im Rettungsdienst erfordern eine strukturierte Vorgehensweise mit besonderem Fokus auf den Eigenschutz. Bereits bei der Beurteilung der Einsatzstelle müssen Gefahren wie giftige Gase oder kontaminierte Patient:innen erkannt und geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Intoxikationen können vielfältige Symptome verursachen, daher ist die Erkennung von Toxidromen ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik

Die symptomatische Therapie steht im Vordergrund und umfasst Maßnahmen wie Atemwegssicherung und Kreislaufstabilisierung. Zusätzlich sollte frühzeitig die Giftinformationszentrale kontaktiert werden, um spezifische Therapieempfehlungen zu erhalten. Falls indiziert, können Giftelimination oder Antidottherapie gezielt eingesetzt werden.

 Achtung

Intoxikationsnotfälle gehen häufig mit unübersichtlichen Einsatzsituationen einher. Eine sorgfältige Lageeinschätzung ist essenziell, um Gefahren frühzeitig zu erkennen und den Eigenschutz zu gewährleisten. Neben der potenziellen Giftexposition müssen auch weitere Risiken, wie aggressives Verhalten von Patient:innen oder Anwesenden, berücksichtigt werden.

Gefahreneinschätzung und Eigenschutz

Giftige Gase:

Intoxikationen durch giftige Gase bergen ein besonderes Risiko für Einsatzkräfte. Im Folgenden sind typische Szenarien aufgeführt, in denen Vorsicht erforderlich ist: 

  • Typische Szenarien für CO-Intoxikationen:
    • Shisha-Bars
    • Räume mit schlechter Belüftung und Verbrennungsprozessen
  • Weitere toxische Gase und Einsatzorte:
    • CO₂-Ansammlung in Senken, Silos, Kneipen, bei undichten Tanks mit Kohlensäure
    • Biogasanlagen (Methan, CO₂, Schwefelwasserstoff)
    • Produktionsstätten der Gas- und Ölchemie (Schwefelwasserstoff, CO₂, Methan)
 Info
Kohlenmonoxid (CO):
  • Entsteht durch unvollständige Verbrennung
  • Mögliche Quellen: Gasthermen, Grills in geschlossenen Räumen, Ölheizungen
  • CO breitet sich schnell im gesamten Gebäude aus → toxische Konzentrationen auch entfernt von der Quelle möglich
 Merke

Vor dem Betreten eines Raumes muss geprüft werden, ob eine Intoxikation durch giftige Gase gegeben ist. Besonders bei mehreren bewusstlosen Personen in einem Gebäude oder Raum ist höchste Vorsicht geboten. CO-Warngeräte erkennen gefährliche Konzentrationen und sollten bei jedem Einsatz mitgeführt werden.

Über die Haut resorbierbare Gifte:

Einige Giftstoffe können über die Haut resorbiert werden, jedoch sind sekundäre Vergiftungen der Rettungskräfte selten. Dennoch ist weiterhin konsequenter Eigenschutz erforderlich.

 Zum Schutz werden ein zweites Paar Handschuhe und ggf. ein Infektionsschutzanzug empfohlen. Patient:innen sollten entkleidet und die Haut trocken abgerieben werden. So lassen sich bis zu 90 % der Substanz entfernen

Bei Unklarheiten sollte kein Risiko eingegangen und die Feuerwehr hinzugezogen werden.

Häufige Substanzen werden hier zusammengefasst:

SubstanzVorkommenBesonderheiten
Zyanide
  • Rauchgase
  • Bittermandelkerne
  • Zyanid-Salze
  • Hautkontakt zu Erbrochenem vermeiden
Flusssäure
  • Industrie - und Reinigungsmittel:
    • Rostlöser
    • Felgenreiniger
  • Verätzungen können initial symptomlos sein
  • Systemische Vergiftung: Fluoridionen binden Calcium und MagnesiumHypokalzämie, Hypomagnesiämie, Hyperkaliämie mit Risiko lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen (EKG-Monitoring!)
  • Schon kleinste Hautareale (< 2 % KOF) können aufgrund der systemischen Wirkung letal verlaufen
Acetylcholinesterasehemmer
  • Pflanzenschutzmittel, z.B. E 605
  • Häufig blau eingefärbt
  • Hinweise:
    • Bläulich verfärbte Kleidung
    • Bläuliches Erbrochenes

Auffindesituation 

 Merke

Auffindesituation und Ersteindruck können entscheidende Hinweise auf die Art der Intoxikation liefern. Eine gründliche Untersuchung der Umgebung ist daher unerlässlich.

Hinweise auf die Art der Intoxikation:

  • Tablettenpackungen (auch im Müll nachsehen)
  • Offene Behälter (z.B. Alkohol, Pflanzenschutzmittel, Haushaltsreiniger)
  • Flaschen oder Kanister mit Chemikalien
  • Spritzen oder Drogenutensilien
  • Abschiedsbriefe oder ähnliche Notizen

Zustand des/der Patient:in:

  • Häufige Symptome: Bewusstlosigkeit, Atemdepression, Krampfanfälle
  • Pupillenveränderungen:
    • Miosis → Hinweis auf Opiatintoxikation
    • Mydriasis → Hinweis auf Anticholinergika
  • Bläulicher Schaum vor dem Mund → Acetylcholinesterasehemmer

Anamnese

 Info

Bei Vergiftungen kann die Anamnese erschwert sein, insbesondere bei bewusstlosen oder unkooperativen Patient:innen. Wichtige Informationen sind dann oft lückenhaft oder unzuverlässig, sodass Informationen über das Umfeld, Fremdanamnese und die körperliche Untersuchung besonders bedeutsam sind.

Die 6 W-Fragen:

Die 6 W-Fragen helfen, eine schnelle und gezielte Einschätzung der Vergiftungssituation vorzunehmen. Dadurch können lebensrettende Maßnahmen frühzeitig eingeleitet und die weiterführende Therapie optimiert werden.

Die 6 W-Fragen zur Orientierung bei Intoxikationen
 Tipp

Die Fragen liefern erste wichtige Hinweise zur Vergiftungssituation und unterstützen zudem die effektive Kommunikation mit der Giftinformationszentrale.

Besonderheiten bei der Anamneseerhebung:

  • Kritische Bewertung der Aussagen:
    • Insbesondere bei Suizidversuchen oder Drogenintoxikationen kann es zu bewusster oder unbewusster Fehlinformation kommen
    • Vertuschung von Suizidabsichten, Straftaten oder Beikonsum in Methadonprogrammen ist möglich
    • Über- oder Unterbewertung von Substanzmengen und Wirkungen
  • Empathische Gesprächsführung:
    • Keine wertenden Aussagen über Lebensstil oder Situation
    • Ein urteilsfreier Umgang fördert die Bereitschaft, offen zu sprechen → so können entscheidende Informationen eher gewonnen werden
 Achtung
One Pill Kill

Bereits die Einnahme von 1–2 Tabletten bestimmter Medikamente kann bei Kleinkindern potenziell lebensbedrohlich sein.

  • Alpha-2-Agonisten (z.B. Clonidin)
  • Opioide (insbesondere Methadon)
  • Beta-Blocker (z.B. Propranolol)
  • Calcium-Kanal-Blocker (z.B. Verapamil, Amlodipin)
  • Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin)
  • Sulfonylharnstoff (z.B. Glimepirid)

Körperliche Untersuchung

 Merke

Intoxikationen können eine Vielzahl klinischer Symptome verursachen, darunter abdominelle Schmerzen, Erbrechen, neurologische Auffälligkeiten wie Tremor, Bewusstseinseintrübungen oder Krampfanfälle sowie respiratorische Probleme und Herzrhythmusstörungen.

Inspektion (mögliche Symptome):

  • Bewusstlosigkeit
  • Zeichen eines stattgefundenen Krampfanfalls
  • Bläulicher Schaum vor dem Mund → Acetylcholinesterasehemmer
  • Einstichstellen → Hinweis auf Drogenkonsum
  • Transdermale Medikation (Pflaster) → Hinweis auf z.B. Opiatintoxikation

Toxidrome:

 Definition

Toxidrome sind charakteristische Symptomkomplexe, die bei bestimmten Vergiftungen auftreten und zur Differenzialdiagnose genutzt werden können. Ihre Identifikation ist ein zentrales Element in der initialen Beurteilung von Patient:innen. Die Orientierung an Toxidromen ermöglicht eine schnelle und gezielte Diagnostik.

ToxidromTypische AuslöserLeitsymptomeTherapie 
Opioid-SyndromHeroin, Morphin, Fentanyl, MethadonMiosis, Bewusstseinsstörung, Atemdepression, Bradykardie, HypotonieNaloxon, Atemwegssicherung
Anticholinerges SyndromAtropin, trizyklische Antidepressiva, Antihistaminika, TollkirscheMydriasis, Tachykardie, heiße trockene Haut, Harnverhalt, DelirSupportive Therapie, ggf. Physostigmin
Cholinerges SyndromOrganophosphate, Carbamate, PilocarpinMiosis, Bradykardie, Bronchorrhö, Speichelfluss, Schwitzen, DiarrhöAtropin + Obidoxim, Atemwegssicherung
Sympathomimetisches SyndromKokain, Amphetamine, MDMA, EphedrinMydriasis, Tachykardie, Hypertonie, Agitation, Tremor, HyperthermieBenzodiazepine, Kühlung, supportive Therapie
Sedativ-hypnotisches SyndromBenzodiazepine, Barbiturate, GHBBewusstseinsstörung, Atemdepression, Hypotonie, Pupillen meist unauffälligAtemwegssicherung, ggf. Flumazenil (nur bei gesicherter Benzodiazepin-Intoxikation)
Serotonerges SyndromSSRI, MAO-Hemmer, Tramadol, MDMAHyperreflexie, Kloni, Hyperthermie, Tremor, Mydriasis, DiarrhöBenzodiazepine, Kühlung
Halluzinogenes SyndromLSD, Psilocybin, PhencyclidinHalluzinationen, Angst, Agitation, Tachykardie, KreislauflabilitätReizarme Umgebung, Benzodiazepine bei Bedarf
 Info

Weiterführende Informationen findest du unter den jeweiligen Artikeln zu den Intoxikationen.

Differenzialdiagnosen

DifferenzialdiagnoseLeitendes UnterscheidungsmerkmalKlinischer Hinweis
Schlaganfall / intrakranielle BlutungFokal-neurologische Defizite, z.B. Hemiparese, Aphasie oder AnisokorieIsolierte fokale Ausfälle sprechen eher für eine zerebrovaskuläre Ursache als für eine Intoxikation.
SepsisInfektzeichen mit Fieber, Schüttelfrost oder InfektionsfokusEine Intoxikation verursacht in der Regel keine typischen Zeichen einer systemischen Infektion.
ElektrolytstörungenSubakuter oder schleichender VerlaufElektrolytstörungen entwickeln sich häufig über Stunden bis Tage und führen eher zu einer langsam progredienten Bewusstseinsstörung.
Postiktaler ZustandZunehmende Vigilanz im zeitlichen VerlaufNach einem epileptischen Anfall bessert sich die Bewusstseinslage typischerweise kontinuierlich.
Hypoglykämie / HyperglykämieBlutzuckermessungHypo- und Hyperglykämien zählen zu den häufigsten Ursachen einer Bewusstseinsstörung und sollten präklinisch immer unmittelbar ausgeschlossen werden.

Die Giftinformationszentralen sind rund um die Uhr erreichbar und bieten medizinisches Fachwissen zu Vergiftungen und toxikologischen Notfällen.

Funktionen der Giftinformationszentrale:

  • Beratung bei Vergiftungen von Laien und medizinischem Fachpersonal
  • Einschätzung von Symptomen, Vergiftungsgrad und möglichen Komplikationen
  • Empfehlungen zu Erstmaßnahmen und Therapieoptionen
  • Unterstützung bei der Identifikation unbekannter Substanzen
 Tipp
Bedeutung für den Rettungsdienst:
  • Frühzeitiger Kontakt (bereits während der Anfahrt) ermöglicht eine gezielte Vorbereitung
  • Besonders relevant, wenn Giftstoff und Menge durch die Leitstelle bekannt sind
  • Hilft, unnötige Maßnahmen zu vermeiden und die bestmögliche Versorgung sicherzustellen
  • Unterstützt bei der Auswahl einer geeigneten Zielklinik
  • Gibt Sicherheit in der Versorgung ungewohnter Krankheitsbilder
 Merke

Die symptomatische Therapie, nach dem xABCDE-Schema, ist die zentrale Säule in der Behandlung intoxikierter Patient:innen. In bestimmten Fällen kann die Giftelimination bereits präklinisch durch die Verabreichung von Aktivkohle oder frühzeitig durch eine Zuweisung in eine Klinik mit Notfalldialyse erfolgen, sofern das Gift dialysabel ist. Antidote sind präklinisch nur für wenige Vergiftungen verfügbar und sollten mit besonderer Sorgfalt eingesetzt werden.

Sicherung der Vitalfunktionen

Die folgenden Maßnahmen werden häufig angewandt:

  • Sauerstoffgabe / Atemwegssicherung: Bei Patient:innen mit einer verminderten Sauerstoffsättigung (Hypoxie) wird Sauerstoff verabreicht, um die Sauerstoffversorgung des Gewebes zu verbessern und die Funktion lebenswichtiger Organe sicherzustellen
    → Bei Intoxikationen ist eine Normoxie anzustreben
    → Die Sauerstoffsättigung sollte nicht unter 90% fallen
  • Kristalloide Infusionslösungen: Die Flüssigkeitstherapie ist essenziell zur Optimierung der Perfusion und zur Vermeidung einer Hypotonie
    → Bei Intoxikationen ist eine Normotonie anzustreben
    → Der systolische Blutdruckwert sollte nicht unter 90mmHg fallen
  • Katecholamintherapie: Bei anhaltender hämodynamischer Instabilität sollten Katecholamine zur Kreislaufstabilisierung eingesetzt werden
    → Zum Beispiel: Adrenalin als Push Dose Pressor

Giftelimination

 Definition

Die primäre Giftentfernung zielt darauf ab, noch nicht resorbierte Giftstoffe zu entfernen und die weitere Aufnahme zu minimieren

Bei der sekundären Giftentfernung wird versucht, bereits resorbierte Substanzen aus dem Körper zu eliminieren.

 Info

Je schneller die Giftelimination stattfindet, desto besser! 

→ Schwere einer Vergiftung = Giftmenge × Zeit

Primäre Giftentfernung:

Die Maßnahmen zur primären Giftentfernung richten sich nach der Art der Giftaufnahme

  • Inhalative Giftaufnahme:
    • Patient:in aus der belasteten Umgebung entfernen (wenn ohne Eigengefährdung möglich)
    • Frischluftzufuhr gewährleisten oder Sauerstoff verabreichen
  • Dermale Giftaufnahme:
    • Kontaminierte Kleidung entfernen (wenn ohne Eigengefährdung möglich)
    • Betroffene Hautpartien gründlich mit Wasser reinigen
    • Auf Wärmeerhalt achten
  • Orale Giftaufnahme:
    • Verabreichung von Aktivkohle 
 Tipp
Aktivkohle bei Intoxikationen

Aktivkohle bindet aufgrund ihrer großen Oberfläche zahlreiche Toxine, insbesondere solche mit verzögerter Aufnahme. Idealerweise sollte sie innerhalb einer Stunde nach der Giftaufnahme verabreicht werden, doch auch eine spätere Gabe kann sinnvoll sein, um den enterohepatischen Kreislauf zu unterbrechen und eine Depotwirkung von Medikamenten zu verhindern.

Die Applikation ist also alleine wegen der zeitlichen Komponente speziell präklinisch oft hilfreich. 

Voraussetzung: Freie Atemwege (kein Aspirationsrisiko vorhanden) oder gesicherter Atemweg!

Dosierung:

  • 0,5–1 g/kg Körpergewicht
  • Praxistipp: Erwachsene <50 kg Körpergewicht → 50 g als Einmaldosis
  • Ausreichend hohe Dosis essenziell für eine effektive Bindung der Toxine
  • Gabe über Magensonde möglich 

Sekundäre Giftentfernung:

Die sekundäre Giftentfernung ist präklinisch nicht durchführbar. Hier werden gängige Verfahren und ihre Bedeutung kurz erläutert.

In der klinischen Therapie stehen verschiedene extrakorporale Verfahren zur Verfügung, die auch nach längerer Reanimationszeit eine Genesung ermöglichen können:

  • Hämodialyse – Entfernung wasserlöslicher Toxine über eine Blutfiltration
  • Hämoperfusion – Bindung von Giftstoffen an Adsorbenzien (z.B. Aktivkohle)
  • Plasmapherese – Entfernung von Plasmaproteinen und daran gebundenen Toxinen
 Info
Hämodialyse

Einige Toxine wie Methanol, Ethylenglykol, Salizylsäure, Valproat und Lithium sind besonders gut dialysabel. Bei lebensbedrohlichen Vergiftungen oder gleichzeitigem Nierenversagen kann eine zeitnahe Dialyse lebensrettend sein. In diesen Fällen sollte frühzeitig eine geeignete Zielklinik angesteuert werden.

Antidot-Therapie

Weiterführende Informationen findest du unter den jeweiligen Artikeln zu den Intoxikationen.

 Definition
Antidote 

Antidote (Gegengifte) sind Substanzen, die die Toxizität bereits aufgenommener Gifte reduzieren oder aufheben. Ihre Wirkungsweise variiert je nach Substanz:

  • Chemische Reaktion: Umwandlung des Giftes in eine weniger toxische Form
  • Antagonistischer Effekt: Blockade der Toxinwirkung an Rezeptoren
  • Beeinflussung des Metabolismus: Veränderung der enzymatischen Verstoffwechselung des Giftstoffes

Für einige Toxine sind präklinisch verfügbare Antidote einsetzbar. Hier wird eine Auswahl relevanter Antidote vorgestellt:

AntidotIndikation 
NaloxonOpiate
FlumazenilBenzodiazepine
HydroxocobalaminRauchgase oder Zyanide
AtropinAcetylcholinesterasehemmer
Sab SimplexSchaumbildner
 Achtung

Antidote sollten schrittweise dosiert werden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren.

Flumazenil ist das spezifische Antidot bei Benzodiazepin-Intoxikation, darf jedoch bei Mischintoxikationen nur kritischer Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Die Benzodiazepinwirkung kann protektiv wirken, sodass eine Antagonisierung durch Flumazenil Krampfanfälle, Rhythmusstörungen oder Entzugssymptome auslösen kann, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von trizyklischen Antidepressiva (TZAs) oder chronischem Benzodiazepingebrauch.

 Merke

Weitere Antidote sind verfügbar, doch ihr Einsatz erfordert eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung, da sie schwere Nebenwirkungen haben und bei Überdosierung selbst toxisch wirken können. Die Anwendung sollte individuell und in Absprache mit der Giftinformationszentrale entschieden werden.

Asservierung der Substanz

Zur Diagnosesicherung und gezielten Therapie im Krankenhaus sollte, wenn möglich, eine Asservierung des vermuteten Toxins stattfinden. 

  • Tablettenverpackungen
  • Tablettenreste
  • Offene Behälter (z.B. Alkohol, Pflanzenschutzmittel, Haushaltsreiniger)
  • Flaschen oder Kanister mit Chemikalien
  • Spritzen oder Drogenutensilien
  • Speisereste
 Tipp
  • Alle in Patient:innennähe auffindbaren Tablettenverpackungen mitnehmen, ggf. auch in Abfalleimern nachsehen
  • Proben eindeutig beschriften (Patientendaten, Art des Asservats, Zeitpunkt der Entnahme)
  • Blutprobe vor Antidotgabe gewinnen, da das Gegengift die Analytik beeinflussen kann
Algorithmus: Vorgehen bei Intoxikationen

Herz-Kreislauf-Stillstand bei Intoxikationen 

Ein Herz-Kreislauf-Stillstand im Rahmen einer Intoxikation stellt eine potenziell reversible Ursache dar. Aufgrund der häufig guten Prognose sollten Reanimationsmaßnahmen verlängert fortgeführt werden. Der Einsatz extrakorporaler Life-Support-Verfahren (eCPR / ECLS) sollte bereits präklinisch erwogen und nach Rücksprache mit einem spezialisierten Zentrum der Transport dorthin geplant werden.

Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Die Zielklinik sollte sich am Zustand der betroffenen Person und den verfügbaren Behandlungsoptionen orientieren. Entscheidend ist, ob bei Bewusstlosigkeit oder kardiopulmonaler Instabilität eine Schockraumversorgung oder eine Intensivüberwachung erforderlich ist. Zudem sollte geprüft werden, ob spezielle Therapiemöglichkeiten wie Dialyse oder eine Gastroskopie zur endoskopischen Entfernung des Toxins verfügbar sind.

 Info
Beispielhafte Kriterien für eine intensivmedizinische Überwachung:
  • Notwendigkeit einer endotrachealen Intubation
  • Krampfanfall
  • Keine Reaktion auf Ansprache
  • Kein Sinusrhythmus
  • AV-Block II. oder III. Grades
  • QRS-Dauer ≥0,12 s
  • Systolischer Blutdruck < 80 mmHg
 Merke
Zusammenfassung Transport
  • Zielkrankenhaus: Individuelle Entscheidung
  • Bei Klinikauswahl auf Kriterien zur intensivmedizinischen Überwachung achten
  • Ggf. Klinik mit Möglichkeit zur Dialyse auswählen
Zuletzt aktualisiert am 02.07.2026
Urolithiasis/Nierenkolik (RD)
Opioid-Intoxikation (RD)
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