Medi Know
Logo Image

Wirbelsäulentrauma (RD)

Spinaltrauma, Verletzung der Wirbelsäule, BWS-/LWS-Trauma
48 Minuten Lesezeit

Bei einem Wirbelsäulentrauma werden durch äußere Gewalteinwirkung Knochen, Bandscheiben oder Bänder der Wirbelsäule verletzt. Auch das Rückenmark oder einzelne Nervenwurzeln können betroffen sein. Häufige Ursachen sind Stürze aus größerer Höhe sowie Verkehrs-, Arbeits- und Sportunfälle. Ist die Wirbelsäule durch Osteoporose oder eine ankylosierende Erkrankung vorgeschädigt, können bereits geringe Krafteinwirkungen zu instabilen Verletzungen führen.

Die Beschwerden können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie reichen von lokalen Schmerzen, Druckempfindlichkeit und sichtbaren Verletzungszeichen bis hin zu Fehlstellungen, Gefühlsstörungen oder Lähmungen. Blasen- oder Mastdarmstörungen, zunehmende neurologische Ausfälle und Atemprobleme bei einer hohen Halsmarkverletzung sind wichtige Warnzeichen. Treten gleichzeitig ein niedriger Blutdruck und ein langsamer Puls auf, kann ein neurogener Schock vorliegen.

Präklinisch stehen die Sicherung der Vitalfunktionen und der Schutz vor weiteren neurologischen Schäden im Mittelpunkt. Die betroffene Person sollte möglichst achsengerecht und koordiniert bewegt, angemessen immobilisiert und kontinuierlich überwacht werden. Hinzu kommen eine bedarfsgerechte Sauerstoffgabe, Analgesie, Wärmeerhalt sowie wiederholte Kontrollen von Motorik und Sensibilität. Bei neurologischen Ausfällen sollte der Transport möglichst direkt und schonend in ein Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise erfolgen.

Um den Einstieg in das Thema Wirbelsäulentrauma etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Sturz aus großer Höhe, Wirbelsäulentrauma
  • Ort: Privatgrundstück, im Garten
  • Alarmzeit: 13:00 Uhr
  • Anrufer:in: Ehefrau
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 39 Jahre alt
    • Sturz aus 3 Meter Höhe
    • Starke Rückenschmerzen und Sensibilitätsstörung in den Beinen
    • Rettungshubschrauber ist ebenfalls alarmiert

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird das Team von der Ehefrau des Patienten am Gartentor eines Einfamilienhauses in ländlicher Umgebung empfangen und direkt in den hinteren Garten geführt.

Die Lage ist wie folgt: 

  • Der Patient liegt auf dem Rücken auf einer Gartenwiese neben einer umgekippten Aluminiumleiter
  • Er ist wach und ansprechbar
  • Er gibt an, bei Gartenarbeiten von der Leiter gestürzt zu sein. Dabei sei er rücklings auf den unebenen Boden gefallen
  • Unmittelbar nach dem Sturz hat er einen stechenden Schmerz im mittleren Rücken gespürt
  • Er klagt über ein Kribbeln in beiden Oberschenkeln, die Beine kann er kaum noch bewegen
Fallbeispiel: Wirbelsäulentrauma (RD)

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Wirbelsäulentrauma aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute blass, feucht
  • Patient spricht selbstständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
    • Inspektorisch unauffällig
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
    • Keine Krepitation spürbar
  • SpO2: 95 %
  • Atemfrequenz: 20/min

Kein 
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Rekap-Zeit: 3 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk:
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Bradykard, 47/min

Akutes
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • BE-FAST unauffällig
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel
  • Sensibilitätsstörung in beiden Oberschenkel
  • Zunehmende Lähmungserscheinung in den Beinen

Akutes
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Stechender Schmerz im mittleren Rücken
    • Sensibilitätsstörung in beiden Oberschenkel
    • Zunehmende Lähmungserscheinung in den Beinen
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück, um ca. 09:00 Uhr
  • Ereignis: Sturz aus 3 Metern Höhe
  • Risikofaktoren: Keine

 

Kein
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Wirbelsäulentrauma

Ein Wirbelsäulentrauma bezeichnet eine durch äußere Gewalteinwirkung verursachte Verletzung der knöchernen und/oder diskoligamentären Strukturen der Wirbelsäule. Eine zusätzliche Schädigung des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln kann auftreten, ist jedoch nicht zwingend vorhanden.

Klassifikation von Frakturen der Wirbelsäule

nach Stabilität:

  • Stabile Verletzung: Die Wirbelsäule bleibt unter physiologischer Belastung funktionell stabil. Es kommt weder zu einer relevanten Deformierung noch zu einer neurologischen Schädigung oder strukturell bedingten Schmerzen
  • Instabile Verletzung: Verletzung von mindestens zwei der drei Säulen der Wirbelsäule nach Denis mit Beeinträchtigung der mechanischen Stabilität
  • Hochgradig instabile Verletzung: Bereits durch Mobilisation oder Bewegung kann es zu einer neurologischen Verschlechterung kommen

Drei-Säulen-Modell nach Denis:

SäuleWesentliche Strukturen
Ventrale SäuleVorderes Längsband sowie die vorderen zwei Drittel von Wirbelkörper und Bandscheibe
Mittlere SäuleHinteres Längsband sowie das hintere Drittel von Wirbelkörper und Bandscheibe
Dorsale SäuleWirbelbögen, Wirbelfortsätze, Facettengelenke und der dorsale Bandapparat
Säulenmodell nach Denis
Säulenmodell nach Denis

Typische Ursachen

  • Sturz aus größerer Höhe: hohe Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule, insbesondere durch axiale Stauchung oder kombinierte Belastungen
  • Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überschläge oder Einklemmungen können zu komplexen und instabilen Wirbelsäulenverletzungen führen
  • Arbeits- und Sportunfälle: Stürze, direkte Gewalteinwirkungen oder hohe Beschleunigungs- und Rotationskräfte können knöcherne und ligamentäre Strukturen verletzen
  • Polytrauma: Bei schwer verletzten Patient:innen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für begleitende Verletzungen der Wirbelsäule
  • Bagatelltrauma bei vorgeschädigter Wirbelsäule: Bei ankylosierter Wirbelsäule oder Osteoporose können bereits geringe Krafteinwirkungen instabile Verletzungen verursachen
  • Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können die Wirbelsäule direkt schädigen, sind jedoch selten

Wichtige Verletzungsmechanismen

  • Axiale Kompression/Stauchung: Krafteinleitung entlang der Wirbelsäulenachse → Kompressions- oder Berstungsfrakturen
  • Flexion: Übermäßige Beugung der Wirbelsäule → Kompressions- oder Distraktionsverletzungen möglich
  • Hyperextension: Übermäßige Überstreckung der Wirbelsäule → Verletzung der ventralen Zuggurtung
  • Rotation: Torsionsbelastung der Wirbelsäule → Rotations- oder Translationsverletzungen
  • Distraktion: Auseinanderziehen ventraler und/oder dorsaler Strukturen → Verletzung der knöchernen oder ligamentären Zuggurtung
  • Translation/Scherung: Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten gegeneinander → vollständiger Stabilitätsverlust
  • Kombinierte Krafteinwirkung: gleichzeitige Wirkung von Kompression, Flexion, Extension und Rotation → komplexe und potenziell instabile Wirbelsäulenverletzungen
 Merke
Anatomie der Wirbelsäule (Columna vertebralis) – Übersicht der Abschnitte
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Die Wirbelsäule (Columna vertebralis) bildet die zentrale Längsachse des Achsenskeletts und übernimmt Stütz-, Bewegungs- und Schutzfunktionen
  • Sie besteht aus 32–34 Wirbeln und gliedert sich in:
    • HWS: 7 Wirbel
    • BWS: 12 Wirbel
    • LWS: 5 Wirbel
    • Kreuzbein: 5 verwachsene Wirbel
    • Steißbein: 3–5 verwachsene Wirbel
  • Die physiologische Doppel-S-Form entsteht durch:
    • Lordosen der HWS und LWS
    • Kyphosen der BWS und des Kreuzbeins
  • Stabilisiert wird die Wirbelsäule durch Bandscheiben, Bänder und Muskulatur
  • Der Wirbelkanal wird durch die Wirbellöcher der einzelnen Wirbel gebildet und schützt das Rückenmark
  • Das Rückenmark (Medulla spinalis) verbindet die Körperperipherie mit dem Gehirn und dient als Schaltstelle spinaler Reflexe
  • Es endet beim Erwachsenen meist auf Höhe von LWK 1–2 als Conus medullaris; darunter verlaufen die Nervenwurzeln der Cauda equina
  • Aus den Rückenmarkssegmenten treten Spinalnerven aus, die sensible, motorische und vegetative Fasern enthalten

Beim Wirbelsäulentrauma entstehen die Beschwerden durch das Zusammenspiel von mechanischer Schädigung, Instabilität sowie einer möglichen Verletzung neuraler oder vaskulärer Strukturen.

  • Primäre mechanische Schädigung: Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions-, Rotations- oder Translationskräfte → Verletzung knöcherner, ligamentärer und ggf. neuraler Strukturen
  • Instabilität und Fehlstellung: Verlust der mechanischen Stabilität → Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten, Fehlstellung und mögliche Einengung des Spinalkanals
  • Primäre neurologische Schädigung: direkte Kontusion, Kompression, Zerrung oder Ausriss von Rückenmark oder Nervenwurzeln → unmittelbare neurologische Ausfälle
  • Sekundäre neurologische Schädigung: zunehmende Instabilität, Fehlstellung oder Kompression neuraler Strukturen → mögliche progrediente neurologische Verschlechterung
  • Vaskuläre und raumfordernde Schädigung: Rückenmarkischämie durch Minderperfusion oder spinales epidurales Hämatom → zusätzliche Schädigung bzw. Kompression neuraler Strukturen
  • Besondere Vulnerabilität: Osteoporose oder ankylosierte Wirbelsäule → bereits geringe Krafteinwirkungen können schwere und instabile Verletzungen verursachen

Primäre mechanische Schädigung

AO-Klassifikation der Wirbelsäulenfrakturen
AO-Klassifikation der Wirbelsäulenfrakturen

Die primäre Schädigung entsteht unmittelbar durch die auf die Wirbelsäule einwirkenden Kräfte. Frakturen und ligamentäre Verletzungen können durch Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions- und Rotationskräfte sowie durch Kombinationen dieser Mechanismen entstehen.

  • Axiale Kompression: Stauchung entlang der Wirbelsäulenachse → kann Kompressions- oder Berstungsfrakturen verursachen
  • Flexion: Übermäßige Beugung der Wirbelsäule → kann je nach versagenden Strukturen zu Kompressions- oder Distraktionsverletzungen führen
  • Hyperextension: Übermäßige Überstreckung → kann insbesondere die ventralen ligamentären Strukturen und die ventrale Zuggurtung verletzen
  • Distraktion: Auseinanderweichen von Wirbelsäulenstrukturen → Verletzung der knöchernen oder ligamentären Zuggurtung
  • Rotation/Translation: Verdrehung oder Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten gegeneinander → gestörtes Alignment und häufig ausgeprägte Instabilität
  • Mögliche Verletzungsstrukturen: Wirbelkörper, Bandscheiben, Facettengelenke, Bänder, Nervenwurzeln und Rückenmark
Orientierung der Facettengelenke in der HWS, BWS und LWS
Orientierung der Facettengelenke in der HWS, BWS und LWS

Instabilität und Fehlstellung

Durch die Verletzung knöcherner oder ligamentärer Strukturen kann die Wirbelsäule ihre normale Stellung unter physiologischer Belastung nicht mehr aufrechterhalten.

  • Mechanische Instabilität: Verlust der strukturellen Stabilität → mögliche Irritation oder Schädigung von Rückenmark und Nervenwurzeln
  • Fehlstellung: Verschiebung oder Deformierung verletzter Wirbelsäulenabschnitte → mögliche Einengung des Spinalkanals
Wirbelkörperbänder
Wirbelkörperbänder
 Merke

Die Instabilität kann zu progredienter Fehlstellung, Nachsinterung oder segmentalem Funktionsverlust und sekundärer Einengung des Spinalkanals führen. 

Primäre und sekundäre neurologische Schädigung

Eine Beteiligung von Rückenmark oder Nervenwurzeln kann unmittelbar während des Traumas oder sekundär im weiteren Verlauf entstehen.

SchädigungMechanismusMögliche Folgen
Primäre neurologische SchädigungUnmittelbare traumatische Verletzung des Rückenmarks oder zugehöriger neuraler StrukturenSofortige motorische und sensible Ausfälle; abhängig von der Läsionshöhe zusätzlich autonome Funktionsstörungen möglich
Sekundäre neurologische SchädigungZunehmende Instabilität, Fehlstellung oder Kompression neuraler Strukturen im weiteren VerlaufMögliche fortschreitende neurologische Verschlechterung
NervenwurzelschädigungDirekte Verletzung oder Kompression einzelner NervenwurzelnRadikuläre Schmerzen, Sensibilitätsstörungen, Paresen sowie abgeschwächte oder erloschene Reflexe
Hohe zervikale RückenmarksschädigungRückenmarkläsion auf Höhe von C4 oder darüberZwerchfellparese mit möglicher lebensbedrohlicher Ateminsuffizienz

Querschnittssyndrom:

Bei einer Rückenmarksschädigung kann ein inkomplettes oder komplettes Querschnittssyndrom entstehen.

  • Inkomplettes Querschnittssyndrom: Nur ein Teil der neurologischen Funktionen unterhalb der Läsion ist ausgefallen
  • Komplettes Querschnittssyndrom: Sämtliche afferenten und efferenten Funktionen unterhalb der Läsion sind betroffen
  • Läsion von Vorderhorn oder Nervenwurzel: segmentale schlaffe Parese möglich
  • Läsion absteigender motorischer Bahnen: initial schlaffe Lähmung, im weiteren Verlauf ggf. gesteigerte Reflexe und spastische Parese

Vaskuläre und raumfordernde Schädigung:

Neben der direkten mechanischen Verletzung können eine Minderperfusion des Rückenmarks oder raumfordernde Prozesse eine zusätzliche neurologische Schädigung verursachen.

  • Spinale Ischämie: akute oder anhaltende Minderperfusion des Rückenmarks → fokal-neurologische Defizite bis hin zur Paraplegie
  • Spinales epidurales Hämatom: Blutansammlung zwischen Dura mater und knöchernem Spinalkanal, häufig aus dem epiduralen Venenplexus
  • Kompression durch Hämatom: Druck auf Nervenwurzeln oder Rückenmark → radikuläre Ausfälle oder akutes Querschnittssyndrom
  • Möglicher Verlauf: Neurologische Symptome können progredient zunehmen
Rückenmarkshäute (Querschnitt)
Rückenmarkshäute (Querschnitt)
 Tipp
Spinaler Schock vs. neurogener Schock

Ein spinaler Schock und ein neurogener Schock sind zwei unterschiedliche klinische Phänomene, die zwar beide im Rahmen eines Wirbelsäulentraumas auftreten können, aber verschiedene Ursachen, Symptome und physiologische Hintergründe haben:

  • Spinaler Schock: beim spinalen Schock kommt es zum vorübergehenden Ausfall sämtlicher spinaler Funktionen (motorisch, sensorisch, reflexiv)
  • Neurogener Schock: Kreislaufversagen durch sympathischen Ausfall

Weitere Informationen zum neurogenen und spinalen Schock werden im Abschnitt: Besondere Situationen erläutert.

Vorgeschädigte Wirbelsäule

Bei strukturell vorgeschädigter Wirbelsäule können bereits geringe Krafteinwirkungen schwere Verletzungen verursachen.

  • Osteoporose: verminderte Knochenstabilität → erhöhte Frakturgefahr bereits bei Niedrigenergietraumata
  • Ankylosierte Wirbelsäule: veränderte Biomechanik und langstreckige Versteifung → erhöhte Frakturanfälligkeit und häufig instabile Verletzungsmuster
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem Wirbelsäulentrauma
  • Primäre Schädigung:
    • Verletzung knöcherner und/oder ligamentärer Strukturen der Wirbelsäule
    • Direkte Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
  • Sekundäre Rückenmarksschädigung:
    • Ödembildung und Schwellung
    • Minderperfusion und Ischämie
    • Zunehmende Kompression neuraler Strukturen
  • Funktionelle Folgen einer Rückenmarksläsion:
    • Spinaler Schock: Vorübergehender Ausfall spinaler Reflexe und motorischer Funktionen unterhalb der Läsion
    • Neurogener Schock: Bei hohen Rückenmarksläsionen, typischerweise oberhalb Th6 → Verlust sympathischer Gefäßregulation mit Hypotonie und häufig Bradykardie
 Info

Das klinische Bild von Wirbelsäulenverletzungen ist sehr variabel und reicht von bewegungsabhängigen Schmerzen bei gehfähigen Patient:innen bis zu Deformitäten, neurologischen Ausfällen und Ateminsuffizienz. 

Da sich die Symptomatik im Verlauf verändern kann, ist eine regelmäßige Re-Evaluation wichtig, um Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen.

Typische Zeichen

  • Lokale Schmerzen entlang der Wirbelsäule, häufig bewegungsabhängig
  • Druck- oder Klopfschmerz über einzelnen Wirbelsäulenabschnitten
  • Paravertebrale Muskelverhärtung als mögliche schmerzhafte reflektorische Reaktion auf die Verletzung
  • Prellmarken, Hämatome oder Schürfungen als Hinweis auf eine relevante Krafteinwirkung
  • Fehlstellungen, Stufenbildungen oder auffällige Wirbelsäulenhaltung
  • Parästhesien oder Sensibilitätsstörungen unterhalb der Läsion
  • Paresen oder Plegien bei Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
  • Radikuläre Schmerzen bei Beteiligung einzelner Nervenwurzeln
  • Abgeschwächte oder erloschene Reflexe, insbesondere im Initialstadium
  • Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen bei Rückenmarks- oder Cauda-equina-Beteiligung
  • Dyspnoe oder Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Rückenmarksläsion
 Merke

Bei einer Querschnittssymptomatik können Schmerzen fehlen, da die sensiblen Leitungsbahnen des Rückenmarks unterhalb der Läsion vollständig unterbrochen sein können.

 Definition
Paravertebrale Verhärtungen

Paravertebrale Verhärtungen sind tastbare, meist druckschmerzhafte Muskelverspannungen oder tonische Reaktionen der autochthonen Rückenmuskulatur beidseits neben der Wirbelsäule. Sie treten oft reflektorisch als Schutzspannung nach einem Trauma auf und können ein indirektes Zeichen einer Wirbelsäulenverletzung sein.

Generalisierte Zeichen 

  • Typische Begleitverletzungen nach Trauma, z.B. Schürfwunden, Hämatome oder Prellungen
  • Vegetative oder unspezifische Symptome:
    • Übelkeit
    • Angst und Unruhe
    • Zittern
    • Schwitzen
    • Kreislaufinstabilität
 Achtung
Red Flags
  • Neu aufgetretene Paresen oder Plegien
  • Ausgeprägte Sensibilitätsstörungen
  • Blasen- oder Mastdarmstörungen
  • Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Läsion
  • Hypotonie mit Bradykardie als Hinweis auf neurogenen Schock
  • Sichtbare Fehlstellung oder Stufenbildung der Wirbelsäule
  • Zunehmende neurologische Ausfälle im Verlauf

Anamnese

 Info
Spezielle Anamnese zum Wirbelsäulentrauma

Neben der standardisierten Anamnese ist eine explizite Anamnese zum Unfallhergang vonnöten, um die damit verbundene Kinetik korrekt einschätzen zu können. Das Verständnis der Energieübertragung und der Krafteinwirkung ermöglicht eine Einschätzung möglicher Verletzungsmuster. 

Im hier dargestellten Fall sind folgende Faktoren entscheidend:

  • Traumamechanismus:
    • Sturz (aus welcher Höhe, auf welchen Körperteil?)
    • Verkehrsunfall (Front-, Seiten-, Überschlag-, Heckaufprall) → bei Zweirädern: Helm getragen? Zustand des Helmes?
    • Sportunfall (Kopfsprung ins Wasser)
  • Energieeinwirkung:
    • Hochrasanztrauma vs. Niedrigrasanztrauma?
      • Axiale Belastung? (z.B. Sturz auf Füße oder Gesäß)
      • Einwirkung von Scher- oder Rotationskräften?
  • S (Symptome): Rücken- oder Nackenschmerzen, Druck- oder Klopfschmerz, Bewegungsschmerz sowie neurologische Beschwerden wie Parästhesien, Sensibilitätsstörungen, Kraftminderung, Paresen oder Plegien erfragen. Auf Fehlstellungen, Stufenbildungen, Hämatome, Kontusionsmarken und Schürfwunden achten
    • Warnzeichen: radikuläre Schmerzen, Sensibilitätsausfälle, motorische Defizite sowie Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen
    • Hohe zervikale Läsion: Auf Dyspnoe oder Zeichen einer Ateminsuffizienz achten
    • Neurogener Schock: Hypotonie, Bradykardie, Hypothermie sowie motorische oder sensible Ausfälle 
  • A (Allergien): Medikamentenallergien und frühere schwere allergische Reaktionen erfragen
  • M (Medikation): Dauermedikation sowie Zeitpunkt der letzten Einnahme erfassen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, Steroide, Medikamente mit Einfluss auf den Knochenstoffwechsel sowie zentral wirksame Substanzen
  • P (Patientengeschichte): Frühere Wirbelsäulenverletzungen oder Operationen, Osteoporose, ankylosierende Wirbelsäulenerkrankungen, Tumorerkrankungen, neurologische Vorerkrankungen, Gerinnungsstörungen sowie chronische Rücken- oder Nackenschmerzen erfragen
  • L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sowie ggf. der letzten Medikamenteneinnahme erfragen → relevant für eine mögliche Narkose- oder Operationsplanung
  • E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas erfassen. Relevant sind Sturzhöhe, Aufprall auf Kopf, Rücken oder Gesäß, axiale Stauchung, Hyperflexion, Hyperextension, Rotation, Verkehrsunfall, Überschlag, Ejektion, Einklemmung sowie penetrierende Verletzungen
  • R (Risiko): Höheres Lebensalter, Osteoporose, frühere Wirbelkörperfrakturen, ankylosierte Wirbelsäule, Tumorerkrankungen, Voroperationen, neurologische Vorerkrankungen, Alkohol- oder Drogenkonsum sowie gerinnungshemmende Medikation berücksichtigen
  • S (Schwangerschaft): Bestehende oder mögliche Schwangerschaft erfragen und bei Lagerung, Diagnostik und weiterer Versorgung berücksichtigen
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein Wirbelsäulentrauma abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Spontaner Harn- oder Stuhlabgang → Hinweis auf eine sakrale oder Cauda-equina-Beteiligung
  • Fehlstellung oder Fehlhaltung: sichtbare Abweichung der normalen Wirbelsäulenachse → möglicher Hinweis auf eine relevante Verletzung
  • Stufenbildung oder Lücke: sichtbare Unregelmäßigkeit zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung oder Dislokation
  • Hämatome, Schwellungen, Kontusionsmarken oder Schürfungen: äußere Verletzungszeichen über der Wirbelsäule → Hinweis auf relevante Krafteinwirkung
  • Achsenabweichung oder Gibbusbildung: lokale Deformierung der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf strukturelle Verletzung
  • Erschwertes Kopfhalten: Patient:in kann den Kopf nur eingeschränkt oder nicht selbstständig halten → möglicher Hinweis auf eine HWS-Verletzung
  • Offene Wunden: Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf penetrierendes Trauma oder offene Wirbelsäulenverletzung
  • Begleitverletzungen: Kopf, Hals, Thorax, Abdomen, Becken und Extremitäten auf zusätzliche Traumafolgen untersuchen
  • Atemauffälligkeiten: Dyspnoe oder eingeschränkte Atmung → insbesondere an eine hohe zervikale Rückenmarksläsion denken

Palpation:

  • Druck-, Klopf- oder Stauchungsschmerz: lokaler Schmerz über den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf eine knöcherne Verletzung
  • Stufen oder Lücken: tastbare Unregelmäßigkeiten zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung, Dislokation oder Verletzung dorsaler Wirbelsäulenstrukturen
  • Paravertebraler Muskelhartspann: tastbare Verhärtung der wirbelsäulennahen Muskulatur → mögliche reflektorische Reaktion auf die Verletzung
 Tipp

Zur Beurteilung der Wirbelsäule sollte die verunfallte Person nur einmal und achsengerecht en bloc gedreht werden. Nach Inspektion und gegebenenfalls vorsichtiger Palpation wird das geeignete Rettungsmittel in derselben Bewegung untergeschoben. Anschließend erfolgt die achsengerechte Lagerung und Fixierung.

Perkussion:

Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden

Auskultation:

Der Auskultationsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden

Vitalparameter

ParameterTypischer BefundPathophysiologischer Hintergrund
HerzfrequenzBei neurogenem Schock Bradykardie möglichAusfall sympathischer Efferenzen mit Überwiegen vagaler Einflüsse → Bradykardie
BlutdruckInitial ggf. noch erhalten, bei neurogenem Schock Hypotonie möglichAusfall des sympathischen Nervensystems → peripherer Gefäßwiderstand ↓ und venöses Pooling → Preload ↓ → Hypotonie
Differenzialdiagnose der HypotonieNach Trauma immer auch an einen hämorrhagischen Schock denkenÄußere oder innere Blutungen können ebenfalls eine Hypotonie verursachen → Blutungsquellen konsequent suchen und behandeln
Atemfrequenz und AtemmusterBei hoher zervikaler Läsion Ateminsuffizienz möglichLäsionen oberhalb von C4 können eine Zwerchfellparese verursachen; bei hohen thorakalen Läsionen kann zusätzlich die Atemhilfsmuskulatur beeinträchtigt sein
SauerstoffsättigungAbfall der SpO₂ bei relevanter Ventilations- oder Oxygenierungsstörung möglichEingeschränkte Atemmuskelfunktion → Ventilation ↓; SpO₂ dient der Überwachung der Oxygenierung
KörpertemperaturBei neurogenem Schock Hypothermie möglichVerminderter sympathischer Gefäßtonus und gestörte autonome Regulation → Wärmeabgabe ↑
BlutzuckerBei Bewusstseinsstörung Blutzucker messenDient der orientierenden Notfalldiagnostik; ein spezifisches Muster bei isolierter Wirbelsäulenverletzung besteht nicht

Orientierende neurologische Untersuchung

Dermatome und Kennmuskeln
  • Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS, sowie Erfassung von Unruhe, Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen sind bei einem Thoraxtrauma ein Warnzeichen und können auf Hypoxämie, Schock oder Begleitverletzungen hinweisen
  • Mögliche neurologische Auffälligkeiten beim Wirbelsäulentrauma:
    • Motorik: Aktive Bewegung und Kraft aller Extremitäten beidseits prüfen → auf Kraftminderung, Paresen oder Plegien achten
    • Sensibilität: Berührungs-, Schmerz- und ggf. Temperaturempfinden seitenvergleichend entlang der Dermatome prüfen → Sensibilitätsausfälle können auf ein Läsionsniveau hinweisen
    • Radikuläre Symptome: Ausstrahlende Schmerzen, Kribbelparästhesien oder Taubheitsgefühle erfassen → möglicher Hinweis auf eine Nervenwurzelbeteiligung
    • Querschnittsymptomatik: Auf motorische und sensible Ausfälle unterhalb eines möglichen Läsionsniveaus achten
    • Blasen- und Mastdarmfunktion: Nach Harnverhalt, Inkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen fragen
    • Cauda-Syndrom: Bei entsprechendem Verdacht zusätzlich auf Reithosenanästhesie achten
 Info

Eine vollständige Differenzierung zwischen kompletter und inkompletter Querschnittlähmung ist präklinisch für das initiale Management nachrangig. Entscheidend sind die orientierende Erfassung von Läsionshöhe, sensomotorischer Ausfallhöhe, Ausmaß und Verteilung der Paresen oder Plegien sowie die Beurteilung der Atemfunktion.

 Tipp
Markierung der Querschnittslähmung

Bei Verdacht auf eine Querschnittslähmung sollte das kaudalste vollständig erhaltene sensomotorische Niveau bestimmt und auf der Haut sichtbar markiert werden. Zusätzlich sollte die Uhrzeit der Untersuchung dokumentiert werden.

Da sich neurologische Ausfälle im Verlauf, beispielsweise durch spinales Ödem oder eine Blutung, verändern können, sind regelmäßige Verlaufskontrollen erforderlich. Eine Verschiebung der sensiblen oder motorischen Grenze nach kranial spricht für eine neurologische Verschlechterung.

Beispiel:

Die erkrankte Person zeigt eine intakte Motorik und Sensibilität bis auf Höhe des Bauchnabels.

  • Markierung der entsprechenden Höhe auf der Haut, z. B. mit „13:20 Uhr“
  • Nach 15 Minuten erneute neurologische Kontrolle
  • Liegt die Sensibilitätsgrenze nun oberhalb der ursprünglichen Markierung, besteht der Verdacht auf eine progrediente neurologische Verschlechterung

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Bei auffälligem Herzrhythmus, hämodynamischer Instabilität, kardialen Beschwerden oder relevanten Herzerkrankungen durchführen → das EKG dient der ergänzenden Kreislaufdiagnostik
    • Bradykardie: kann bei hoher Rückenmarksläsion durch Ausfall sympathischer Efferenzen auftreten
    • Rhythmusstörungen: sind nicht typisch für das Wirbelsäulentrauma und sollten bei Auftreten an zusätzliche Ursachen oder Begleitverletzungen denken lassen
  • POCUS / eFAST: Bei Hochenergietrauma, Polytrauma oder hämodynamischer Instabilität zur Suche nach zusätzlichen lebensbedrohlichen Verletzungen einsetzen → bei einem isolierten Wirbelsäulentrauma nicht routinemäßig erforderlich
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Das primäre Ziel beim Wirbelsäulentrauma ist die Vermeidung sekundärer neurologischer Schäden durch eine möglichst achsengerechte Bewegung, geeignete Immobilisation und einen schonenden Transport. Gleichzeitig stehen die Sicherung der Vitalfunktionen und die frühzeitige Behandlung lebensbedrohlicher Begleitprobleme im Vordergrund, insbesondere bei Ateminsuffizienz oder neurogenem Schock.

Basismaßnahmen

  • Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
    • Immobilisation: Je nach Verletzungsmuster und Zustand geeignete Maßnahmen zur Bewegungsreduktion der Wirbelsäule durchführen
    • Bei hämodynamischer Instabilität: Möglichst flache, achsengerechte Lagerung unter Berücksichtigung lebensbedrohlicher Begleitverletzungen
    • Umlagerung: Möglichst koordiniert und en bloc durchführen
  • Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
  • Intravenöser Zugang: Peripheren Venenzugang zur Analgesie, Medikamentengabe und Volumentherapie etablieren
  • Begleitverletzungen versorgen: Lebensbedrohliche Blutungen und weitere Verletzungen nach den üblichen Traumaprioritäten behandeln
Manuelle HWS-Immobilisation
Manuelle HWS-Immobilisation
  • Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits wiederholt prüfen und dokumentieren
    • Veränderungen des sensomotorischen Niveaus frühzeitig erkennen
    • Bei vorhandener Markierung des Läsionsniveaus Verlauf mit Uhrzeit dokumentieren
  • Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und möglichst Normothermie erhalten
  • Schonender Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Zielklinik unter kontinuierlicher Re-Evaluation von Vitalfunktionen und neurologischem Status

Spezifische Maßnahmen

  • Analgesie: Frühzeitig eine titrierte, dem Kreislaufzustand angepasste Analgesie durchführen, beispielsweise mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
  • Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure 1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
  • Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit einem Ziel-MAD von 70-90 mmHg. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
  • Bei neurogenem Schock:
    • Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
    • Symptomatische Bradykardie: Atropin 0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen
 Info

Da ein höherer arterieller Mitteldruck (MAD) den spinalen Perfusionsdruck steigern und dadurch die neurologische Erholung unterstützen kann, sollte ein ausreichender MAD angestrebt werden.

Immobilisation der Wirbelsäule

Ziel der Immobilisation ist es, unnötige Bewegungen der verletzten Wirbelsäule zu minimieren und dadurch Schmerzen sowie mögliche sekundäre neurologische Schäden zu vermeiden. Da mehrere Wirbelsäulenabschnitte betroffen sein können, sollte die Bewegungsreduktion grundsätzlich die gesamte Wirbelsäule einschließlich des Kopfes berücksichtigen.

Zur Immobilisation kommen insbesondere folgende Hilfsmittel infrage:

  • Vakuummatratze: Ermöglicht eine körperangepasste Ruhigstellung der gesamten Wirbelsäule. Der Kopf sollte dabei ebenfalls ausreichend fixiert werden
  • Zervikalstütze: Kann ergänzend zur Bewegungsreduktion der HWS eingesetzt werden, bietet allein jedoch keine vollständige Immobilisation. Bei begleitendem Schädel-Hirn-Trauma eher kritisch zu betrachten
  • Spineboard: Vor allem als Hilfsmittel zur Rettung und Umlagerung aus schwierigen Situationen geeignet. Eine längere Lagerung darauf ist gegenüber der Vakuummatratze meist weniger günstig
  • Kombinationsboard: Kann abhängig vom verwendeten System zur Rettung, Umlagerung oder als Bestandteil der Immobilisation eingesetzt werden

Eine allgemeingültige Empfehlung für ein einziges Hilfsmittel besteht nicht. Die Auswahl richtet sich nach Verletzungsmuster, Zustand der erkrankten Person, Rettungssituation und Transportdauer. Die S3-Leitlinie beschreibt die Vakuummatratze mit zusätzlicher Kopffixierung als besonders effektive Möglichkeit zur Ruhigstellung der gesamten Wirbelsäule. Spineboard und Schaufeltrage haben insbesondere bei der Rettung aus ungünstigen Situationen ihren Stellenwert.

MerkmalSpineboardVakuummatratze
Rettung von Patient:innen+-
Transport-+
Schmerzarme Lagerung-+
Verursachung von Druckstellen-+
Komfort für Patient:innen-+
Anwendung bei ankylosierender Erkrankung (z.B. Morbus Bechterew)-+
Vorteile (+) und Nachteile (-) bei der Immobilisation mittels Spineboard vs. Vakuummatratze
 Merke

Die Liegedauer auf einem Spineboard sollte 30 Minuten nicht überschreiten, da eine längere Immobilisation das Risiko für Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Schmerzen erheblich erhöht. Nach Möglichkeit sollte daher, nach der technischen Rettung zügig auf eine Vakuummatratze umgelagert werden oder diese initiale genutzt werden.

Entscheidungshilfe zur präklinischen Wirbelsäulenimmobilisation (Immo-Ampel)
Entscheidungshilfe zur präklinischen Wirbelsäulenimmobilisation (Immo-Ampel)
Canadian C-Spine Rule: Entscheidungsregel für die Bildgebung bei HWS-Trauma
Canadian C-Spine Rule: Entscheidungsregel für die Bildgebung bei HWS-Trauma

Neurogener Schock

 Definition
Neurogener Schock

Der neurogene Schock gehört zur Gruppe der distributiven Schockformen und beruht auf einer Fehlverteilung des zirkulierenden Blutvolumens. Er kann bei Wirbelsäulenverletzungen oberhalb des 6. Brustwirbelkörpers (Th6) auftreten. Ursache ist der Ausfall der sympathischen Innervation, wodurch es zu einem Überwiegen des Parasympathikus kommt. Klinisch zeigt sich dies in einer Vasodilatation mit Hypotonie und gleichzeitiger Bradykardie.

Sympathikus

Pathophysiologie:

Die sympathische Innervation ist Teil des vegetativen Nervensystems (autonomes Nervensystem) und steuert lebenswichtige Körperfunktionen. Sie verläuft über Nervenfasern aus dem thorakalen und lumbalen Rückenmark.

  • Funktionen der sympathischen Innervation:
    • Herzfrequenzsteigerung
    • Blutdruckerhöhung (Vasokonstriktion)
    • Bronchodilatation
    • Pupillenerweiterung (Mydriasis)
    • Hemmung der Verdauung

Bedeutung bei Wirbelsäulentrauma:

  • Eine traumatische Läsion oberhalb des Rückenmarksegments Th6 kann zur Unterbrechung der zentralen sympathischen Bahnen führen, was eine dominante parasympathische Wirkung zur Folge hat
  • Ausfall Sympathikus → neurogener Schock mit peripherer Vasodilatation, Hypotonie und gleichzeitig vorliegender Bradykardie

Symptome:

Symptom / BefundPathophysiologischer HintergrundTypische Läsionshöhe
HypotonieVerlust des sympathischen Gefäßtonus → generalisierte Vasodilatation, venöses Pooling und verminderter venöser RückstromOberhalb Th6
BradykardieAusfall des kardialen Sympathikustonus bei unopponierter parasympathischer AktivitätOberhalb Th1–Th4 (v. a. hohe zervikale Läsionen)
Warm-rosige HautFehlende sympathisch vermittelte Vasokonstriktion → periphere Vasodilatation und ausbleibende ZentralisationOberhalb Th6
HypothermieGestörte Thermoregulation durch Verlust des sympathischen Gefäßtonus und vermehrte WärmeabgabeOberhalb Th6
Paralyse, Areflexie und SensibilitätsstörungenUnterbrechung motorischer, sensibler und vegetativer Leitungsbahnen im RückenmarkUnterhalb der jeweiligen Läsion (z.B. thorakale Läsion → Paraplegie)
Priapismus (beim Mann)Überwiegen der parasympathischen Aktivität infolge Ausfalls der sympathischen InnervationVor allem oberhalb Th6
Ateminsuffizienz / ZwerchfellpareseSchädigung der Segmente C3–C5 bzw. des N. phrenicus → eingeschränkte oder fehlende ZwerchfellfunktionZervikale Läsionen oberhalb C5 (insbesondere C3–C5)

Therapie:

  • Sicherung der Oxygenierung und des Atemwegs, ggf. Beatmung
  • Wärmeerhalt zur Vermeidung einer Hypothermie
  • Volumensubstitution mit balancierten Vollelektrolytlösungen, angepasst an MAP 70-90 mmHg zur Sicherung der Rückenmarksperfusion
  • Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
  • Symptomatische Bradykardie: Atropin 0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen
  • Achsgerechte Lagerung und Immobilisation der Wirbelsäule (z.B. Vakuummatratze)
  • Zeitnaher Transport in ein geeignetes neurochirurgisch-traumatologisches Zentrum

Spinaler Schock 

 Definition
Spinaler Schock

Der spinale Schock beschreibt das akute Versagen der Rückenmarksfunktion nach einer Schädigung. Unterhalb der Läsion kommt es zu einem vollständigen Funktionsverlust mit schlaffer Lähmung, Sensibilitätsstörungen und Areflexie. Dieses Bild ist typisch für die Anfangsphase eines Querschnittsyndroms und kann sich im Verlauf verändern.

Merkmale:

  • Schlaffe Lähmung unterhalb der Läsion
  • Sensibilitätsausfall unterhalb der Läsion
  • Areflexie (Reflexlosigkeit)
  • Blasen- und Mastdarmatonie (Urin- und Stuhlverhalt oder unkontrollierter Abgang)
 Info

Der spinale Schock ist nicht mit dem neurogenen Schock zu verwechseln, bei dem es sich um eine hämodynamische Komplikation handelt. Allerdings besteht die Gefahr, dass ein spinaler Schock in einen neurogenen Schock übergeht.

Zielkrankenhaus

Die Wahl der Zielklinik richtet sich insbesondere nach neurologischem Status, Verletzungsschwere, Begleitverletzungen und Kreislaufstabilität. Bei Wirbelsäulenverletzungen mit neurologischen Ausfällen sollte möglichst direkt ein geeignetes Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise angefahren werden. 

  • Wirbelsäulenverletzung ohne neurologisches Defizit: Transport in eine geeignete Klinik mit zeitnah verfügbarer Bildgebung und unfallchirurgischer Beurteilung
  • Neurologische Ausfälle oder Querschnittssymptomatik: Primärer Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Expertise in der Wirbelsäulenchirurgie
  • Isoliertes schweres Wirbelsäulentrauma: Bei fehlender akuter Lebensbedrohung möglichst direkte Versorgung in einem Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Kompetenz, um Sekundärverlegungen zu vermeiden
  • Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein entsprechend geeignetes Traumazentrum
  • Kreislaufinstabilität oder andere akute Lebensbedrohung: Die nächstgelegene Klinik mit geeigneter traumatischer Versorgung kann Vorrang vor einem weiter entfernten spezialisierten Zentrum haben
  • Lange Transportstrecke bei neurologischen Ausfällen: Einsatz der Luftrettung erwägen, da sie insbesondere bei längeren Distanzen einen Zeitvorteil zum geeigneten überregionalen Zentrum bieten kann

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: Vitalparameter sowie Durchblutung, Motorik und Sensibilität regelmäßig kontrollieren und dokumentieren
  • Analgesie: Ausreichende, dem Kreislaufzustand angepasste Schmerztherapie fortführen
  • Atemwegs- und Atemkontrolle: Während des Transports auf zunehmende Dyspnoe, flacher werdende Atmung, Hypoventilation, SpO₂-Abfall oder Zeichen einer respiratorischen Erschöpfung achten, hauptsächlich bei hoher zervikaler Läsion
  • Kreislaufkontrolle: Auf neu auftretende oder zunehmende Hypotonie, Bradykardie und Zeichen der Minderperfusion achten
  • Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits regelmäßig prüfen und Veränderungen des sensomotorischen Niveaus dokumentieren

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, etwa SINNHAFT oder ISOBAR
  • Relevante Informationen:
    • Unfallzeitpunkt und Verletzungsmechanismus
    • Initiale und aktuelle Vitalparameter
    • Lokalbefund der Wirbelsäule mit Schmerzen, Druckschmerz, Fehlstellungen oder äußeren Verletzungszeichen
    • Neurologischer Status mit Motorik, Sensibilität, Paresen/Plegien und ggf. dokumentiertem sensomotorischem Niveau
    • Veränderungen der neurologischen Symptomatik im Verlauf
    • Hinweise auf Ateminsuffizienz oder neurogenen Schock
    • Verdachtsdiagnosen und relevante Begleitverletzungen
    • Durchgeführte Analgesie, Volumentherapie und weitere verabreichte Medikamente
    • Besonderheiten wie Blasen-/Mastdarmstörungen oder Verdacht auf ein Cauda-equina-Syndrom
  • Bei neurologischen Ausfällen, progredienter Symptomatik, hoher zervikaler Läsion, Kreislaufinstabilität oder schwerem Wirbelsäulentrauma frühzeitig den Schockraum vorinformieren

Definition

 Definition
Wirbelsäulentrauma

Ein Wirbelsäulentrauma bezeichnet eine durch äußere Gewalteinwirkung verursachte Verletzung der knöchernen und/oder diskoligamentären Strukturen der Wirbelsäule. Eine zusätzliche Schädigung des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln kann auftreten, ist jedoch nicht zwingend vorhanden.

  • Stabile Verletzung: Die Wirbelsäule bleibt unter physiologischer Belastung funktionell stabil. Es kommt weder zu einer relevanten Deformierung noch zu einer neurologischen Schädigung oder strukturell bedingten Schmerzen
  • Instabile Verletzung: Es besteht eine Verletzung von mindestens zwei der drei Wirbelsäulensäulen, wodurch die mechanische Stabilität beeinträchtigt ist
  • Hochgradig instabile Verletzung: Bereits durch Mobilisation oder Bewegung kann es zu einer neurologischen Verschlechterung kommen

Ursachen

  • Sturz aus größerer Höhe: hohe Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule, insbesondere durch axiale Stauchung oder kombinierte Belastungen
  • Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überschläge oder Einklemmungen können zu komplexen und instabilen Wirbelsäulenverletzungen führen
  • Arbeits- und Sportunfälle: Stürze, direkte Gewalteinwirkungen oder hohe Beschleunigungs- und Rotationskräfte können knöcherne und ligamentäre Strukturen verletzen
  • Polytrauma: Bei schwer verletzten Patient:innen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für begleitende Verletzungen der Wirbelsäule
  • Bagatelltrauma bei vorgeschädigter Wirbelsäule: Bei ankylosierter Wirbelsäule oder Osteoporose können bereits geringe Krafteinwirkungen instabile Verletzungen verursachen
  • Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können die Wirbelsäule direkt schädigen, sind jedoch selten

Pathophysiologie

Beim Wirbelsäulentrauma entstehen die Beschwerden durch das Zusammenspiel von mechanischer Schädigung, Instabilität sowie einer möglichen Verletzung neuraler oder vaskulärer Strukturen.

  • Primäre mechanische Schädigung: Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions-, Rotations- oder Translationskräfte → Verletzung knöcherner, ligamentärer und ggf. neuraler Strukturen
  • Instabilität und Fehlstellung: Verlust der mechanischen Stabilität → Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten, Fehlstellung und mögliche Einengung des Spinalkanals
  • Primäre neurologische Schädigung: direkte Kontusion, Kompression, Zerrung oder Ausriss von Rückenmark oder Nervenwurzeln → unmittelbare neurologische Ausfälle
  • Sekundäre neurologische Schädigung: zunehmende Instabilität, Fehlstellung oder Kompression neuraler Strukturen → mögliche progrediente neurologische Verschlechterung
  • Vaskuläre und raumfordernde Schädigung: Rückenmarkischämie durch Minderperfusion oder spinales epidurales Hämatom → zusätzliche Schädigung bzw. Kompression neuraler Strukturen
  • Besondere Vulnerabilität: Osteoporose oder ankylosierte Wirbelsäule → bereits geringe Krafteinwirkungen können schwere und instabile Verletzungen verursachen

Klinischer Eindruck

  • Lokale Schmerzen entlang der Wirbelsäule, häufig bewegungsabhängig
  • Druck- oder Klopfschmerz über einzelnen Wirbelsäulenabschnitten
  • Paravertebrale Muskelverhärtung als mögliche schmerzhafte reflektorische Reaktion auf die Verletzung
  • Prellmarken, Hämatome oder Schürfungen als Hinweis auf eine relevante Krafteinwirkung
  • Fehlstellungen, Stufenbildungen oder auffällige Wirbelsäulenhaltung
  • Parästhesien oder Sensibilitätsstörungen unterhalb der Läsion
  • Paresen oder Plegien bei Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
  • Radikuläre Schmerzen bei Beteiligung einzelner Nervenwurzeln
  • Abgeschwächte oder erloschene Reflexe, insbesondere im Initialstadium
  • Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen bei Rückenmarks- oder Cauda-equina-Beteiligung
  • Dyspnoe oder Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Rückenmarksläsion

Diagnostik

Inspektion:

  • Spontaner Harn- oder Stuhlabgang → Hinweis auf eine sakrale oder Cauda-equina-Beteiligung
  • Fehlstellung oder Fehlhaltung: sichtbare Abweichung der normalen Wirbelsäulenachse → möglicher Hinweis auf eine relevante Verletzung
  • Stufenbildung oder Lücke: sichtbare Unregelmäßigkeit zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung oder Dislokation
  • Hämatome, Schwellungen, Kontusionsmarken oder Schürfungen: äußere Verletzungszeichen über der Wirbelsäule → Hinweis auf relevante Krafteinwirkung
  • Achsenabweichung oder Gibbusbildung: lokale Deformierung der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf strukturelle Verletzung
  • Erschwertes Kopfhalten: Patient:in kann den Kopf nur eingeschränkt oder nicht selbstständig halten → möglicher Hinweis auf eine HWS-Verletzung
  • Offene Wunden: Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf penetrierendes Trauma oder offene Wirbelsäulenverletzung
  • Begleitverletzungen: Kopf, Hals, Thorax, Abdomen, Becken und Extremitäten auf zusätzliche Traumafolgen untersuchen
  • Atemauffälligkeiten: Dyspnoe oder eingeschränkte Atmung → insbesondere an eine hohe zervikale Rückenmarksläsion denken

Palpation:

  • Druck-, Klopf- oder Stauchungsschmerz: lokaler Schmerz über den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf eine knöcherne Verletzung
  • Stufen oder Lücken: tastbare Unregelmäßigkeiten zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung, Dislokation oder Verletzung dorsaler Wirbelsäulenstrukturen
  • Paravertebraler Muskelhartspann: tastbare Verhärtung der wirbelsäulennahen Muskulatur → mögliche reflektorische Reaktion auf die Verletzung

Orientierende neurologische Untersuchung:

  • Motorik: Aktive Bewegung und Kraft aller Extremitäten beidseits prüfen → auf Kraftminderung, Paresen oder Plegien achten
  • Sensibilität: Berührungs-, Schmerz- und ggf. Temperaturempfinden seitenvergleichend entlang der Dermatome prüfen → Sensibilitätsausfälle können auf ein Läsionsniveau hinweisen
  • Radikuläre Symptome: Ausstrahlende Schmerzen, Kribbelparästhesien oder Taubheitsgefühle erfassen → möglicher Hinweis auf eine Nervenwurzelbeteiligung
  • Querschnittsymptomatik: Auf motorische und sensible Ausfälle unterhalb eines möglichen Läsionsniveaus achten
  • Blasen- und Mastdarmfunktion: Nach Harnverhalt, Inkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen fragen
  • Cauda-Syndrom: Bei entsprechendem Verdacht zusätzlich auf Reithosenanästhesie achten

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
    • Immobilisation: Je nach Verletzungsmuster und Zustand geeignete Maßnahmen zur Bewegungsreduktion der Wirbelsäule durchführen
    • Bei hämodynamischer Instabilität: Möglichst flache, achsengerechte Lagerung unter Berücksichtigung lebensbedrohlicher Begleitverletzungen
    • Umlagerung: Möglichst koordiniert und en bloc durchführen
  • Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
  • Intravenöser Zugang: Peripheren Venenzugang zur Analgesie, Medikamentengabe und Volumentherapie etablieren
  • Begleitverletzungen versorgen: Lebensbedrohliche Blutungen und weitere Verletzungen nach den üblichen Traumaprioritäten behandeln
  • Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits wiederholt prüfen und dokumentieren
    • Veränderungen des sensomotorischen Niveaus frühzeitig erkennen
    • Bei vorhandener Markierung des Läsionsniveaus Verlauf mit Uhrzeit dokumentieren
  • Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und möglichst Normothermie erhalten
  • Schonender Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Zielklinik unter kontinuierlicher Re-Evaluation von Vitalfunktionen und neurologischem Status

Spezifische Maßnahmen:

  • Analgesie: Frühzeitig eine titrierte, dem Kreislaufzustand angepasste Analgesie durchführen, beispielsweise mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
  • Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure 1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
  • Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit einem Ziel-MAD von 70-90 mmHg. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
  • Bei neurogenem Schock:
    • Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
    • Symptomatische Bradykardie: Atropin 0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen

Besondere Situationen

 Definition
Neurogener Schock

Der neurogene Schock gehört zur Gruppe der distributiven Schockformen und beruht auf einer Fehlverteilung des zirkulierenden Blutvolumens. Er kann bei Wirbelsäulenverletzungen oberhalb des 6. Brustwirbelkörpers (Th6) auftreten. Ursache ist der Ausfall der sympathischen Innervation, wodurch es zu einem Überwiegen des Parasympathikus kommt. Klinisch zeigt sich dies in einer Vasodilatation mit Hypotonie und gleichzeitiger Bradykardie.

 Definition
Spinaler Schock

Der spinale Schock beschreibt das akute Versagen der Rückenmarksfunktion nach einer Schädigung. Unterhalb der Läsion kommt es zu einem vollständigen Funktionsverlust mit schlaffer Lähmung, Sensibilitätsstörungen und Areflexie. Dieses Bild ist typisch für die Anfangsphase eines Querschnittsyndroms und kann sich im Verlauf verändern.

Transport

Die Wahl der Zielklinik richtet sich insbesondere nach neurologischem Status, Verletzungsschwere, Begleitverletzungen und Kreislaufstabilität. Bei Wirbelsäulenverletzungen mit neurologischen Ausfällen sollte möglichst direkt ein geeignetes Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise angefahren werden. 

  • Wirbelsäulenverletzung ohne neurologisches Defizit: Transport in eine geeignete Klinik mit zeitnah verfügbarer Bildgebung und unfallchirurgischer Beurteilung
  • Neurologische Ausfälle oder Querschnittssymptomatik: Primärer Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Expertise in der Wirbelsäulenchirurgie
  • Isoliertes schweres Wirbelsäulentrauma: Bei fehlender akuter Lebensbedrohung möglichst direkte Versorgung in einem Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Kompetenz, um Sekundärverlegungen zu vermeiden
  • Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein entsprechend geeignetes Traumazentrum
  • Kreislaufinstabilität oder andere akute Lebensbedrohung: Die nächstgelegene Klinik mit geeigneter traumatischer Versorgung kann Vorrang vor einem weiter entfernten spezialisierten Zentrum haben
  • Lange Transportstrecke bei neurologischen Ausfällen: Einsatz der Luftrettung erwägen, da sie insbesondere bei längeren Distanzen einen Zeitvorteil zum geeigneten überregionalen Zentrum bieten kann
 Tipp

Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.

  • Neurologische Untersuchung
  • Frakturen der Wirbelsäule
Zuletzt aktualisiert am 25.09.2026
Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen (RD)
Abdominaltrauma (RD)
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz