Spinaltrauma, Verletzung der Wirbelsäule, BWS-/LWS-Trauma
48 Minuten Lesezeit
Bei einem Wirbelsäulentrauma werden durch äußere Gewalteinwirkung Knochen, Bandscheiben oder Bänder der Wirbelsäule verletzt. Auch das Rückenmark oder einzelne Nervenwurzeln können betroffen sein. Häufige Ursachen sind Stürze aus größerer Höhe sowie Verkehrs-, Arbeits- und Sportunfälle. Ist die Wirbelsäule durch Osteoporose oder eine ankylosierende Erkrankung vorgeschädigt, können bereits geringe Krafteinwirkungen zu instabilen Verletzungen führen.
Die Beschwerden können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie reichen von lokalen Schmerzen, Druckempfindlichkeit und sichtbaren Verletzungszeichen bis hin zu Fehlstellungen, Gefühlsstörungen oder Lähmungen. Blasen- oder Mastdarmstörungen, zunehmende neurologische Ausfälle und Atemprobleme bei einer hohen Halsmarkverletzung sind wichtige Warnzeichen. Treten gleichzeitig ein niedriger Blutdruck und ein langsamer Puls auf, kann ein neurogener Schock vorliegen.
Präklinisch stehen die Sicherung der Vitalfunktionen und der Schutz vor weiteren neurologischen Schäden im Mittelpunkt. Die betroffene Person sollte möglichst achsengerecht und koordiniert bewegt, angemessen immobilisiert und kontinuierlich überwacht werden. Hinzu kommen eine bedarfsgerechte Sauerstoffgabe, Analgesie, Wärmeerhalt sowie wiederholte Kontrollen von Motorik und Sensibilität. Bei neurologischen Ausfällen sollte der Transport möglichst direkt und schonend in ein Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise erfolgen.
Um den Einstieg in das Thema Wirbelsäulentrauma etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Sturz aus großer Höhe, Wirbelsäulentrauma
Ort: Privatgrundstück, im Garten
Alarmzeit: 13:00 Uhr
Anrufer:in: Ehefrau
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 39 Jahre alt
Sturz aus 3 Meter Höhe
Starke Rückenschmerzen und Sensibilitätsstörung in den Beinen
Rettungshubschrauber ist ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird das Team von der Ehefrau des Patienten am Gartentor eines Einfamilienhauses in ländlicher Umgebung empfangen und direkt in den hinteren Garten geführt.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient liegtaufdemRücken auf einer Gartenwiese neben einer umgekippten Aluminiumleiter
Er ist wach und ansprechbar
Er gibt an, bei Gartenarbeiten von der Leiter gestürzt zu sein. Dabei sei er rücklingsauf den unebenenBodengefallen
Unmittelbar nach dem Sturz hat er einen stechenden Schmerz im mittleren Rücken gespürt
Er klagt über ein Kribbeln in beiden Oberschenkeln, die Beine kann er kaumnochbewegen
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Wirbelsäulentrauma aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute blass, feucht
Patient spricht selbstständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Inspektorisch unauffällig
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
Keine Krepitation spürbar
SpO2: 95 %
Atemfrequenz: 20/min
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Rekap-Zeit: 3 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk:
Rhythmisch
Schwach tastbar
Bradykard, 47/min
Akutes C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
BE-FAST unauffällig
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Sensibilitätsstörung in beiden Oberschenkel
Zunehmende Lähmungserscheinung in den Beinen
Akutes D-Problem
E
Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Stechender Schmerz im mittleren Rücken
Sensibilitätsstörung in beiden Oberschenkel
Zunehmende Lähmungserscheinung in den Beinen
Allergien / Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit: Frühstück, um ca. 09:00 Uhr
Ereignis: Sturz aus 3 Metern Höhe
Risikofaktoren: Keine
Kein E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Wirbelsäulentrauma
Ein Wirbelsäulentrauma bezeichnet eine durch äußere Gewalteinwirkung verursachte Verletzung der knöchernen und/oder diskoligamentären Strukturen der Wirbelsäule. Eine zusätzliche Schädigung des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln kann auftreten, ist jedoch nicht zwingend vorhanden.
Klassifikation von Frakturen der Wirbelsäule
nach Stabilität:
Stabile Verletzung: Die Wirbelsäule bleibt unter physiologischer Belastung funktionell stabil. Es kommt weder zu einer relevanten Deformierung noch zu einer neurologischen Schädigung oder strukturell bedingten Schmerzen
Instabile Verletzung: Verletzung von mindestens zwei der drei Säulender Wirbelsäule nach Denis mit Beeinträchtigung der mechanischen Stabilität
Hochgradig instabile Verletzung: Bereits durch Mobilisation oder Bewegung kann es zu einer neurologischen Verschlechterung kommen
Drei-Säulen-Modell nach Denis:
Säule
Wesentliche Strukturen
Ventrale Säule
Vorderes Längsband sowie die vorderen zwei Drittel von Wirbelkörper und Bandscheibe
Mittlere Säule
Hinteres Längsband sowie das hintere Drittel von Wirbelkörper und Bandscheibe
Dorsale Säule
Wirbelbögen, Wirbelfortsätze, Facettengelenke und der dorsale Bandapparat
Säulenmodell nach Denis
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Typische Ursachen
Sturz aus größerer Höhe: hohe Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule, insbesondere durch axiale Stauchung oder kombinierte Belastungen
Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überschläge oder Einklemmungen können zu komplexen und instabilen Wirbelsäulenverletzungen führen
Arbeits- und Sportunfälle: Stürze, direkte Gewalteinwirkungen oder hohe Beschleunigungs- und Rotationskräfte können knöcherne und ligamentäre Strukturen verletzen
Polytrauma: Bei schwer verletzten Patient:innen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für begleitende Verletzungen der Wirbelsäule
Bagatelltrauma bei vorgeschädigter Wirbelsäule: Bei ankylosierter Wirbelsäule oder Osteoporose können bereits geringe Krafteinwirkungen instabile Verletzungen verursachen
Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können die Wirbelsäule direkt schädigen, sind jedoch selten
Wichtige Verletzungsmechanismen
Axiale Kompression/Stauchung: Krafteinleitung entlang der Wirbelsäulenachse → Kompressions- oder Berstungsfrakturen
Flexion: Übermäßige Beugung der Wirbelsäule → Kompressions- oder Distraktionsverletzungen möglich
Hyperextension: Übermäßige Überstreckung der Wirbelsäule → Verletzung der ventralen Zuggurtung
Rotation: Torsionsbelastung der Wirbelsäule → Rotations- oder Translationsverletzungen
Distraktion: Auseinanderziehen ventraler und/oder dorsaler Strukturen → Verletzung der knöchernen oder ligamentären Zuggurtung
Translation/Scherung: Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten gegeneinander → vollständiger Stabilitätsverlust
Kombinierte Krafteinwirkung: gleichzeitige Wirkung von Kompression, Flexion, Extension und Rotation → komplexe und potenziell instabile Wirbelsäulenverletzungen
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Die Wirbelsäule (Columna vertebralis) bildet die zentrale Längsachse des Achsenskeletts und übernimmt Stütz-, Bewegungs- und Schutzfunktionen
Sie besteht aus 32–34 Wirbeln und gliedert sich in:
HWS: 7 Wirbel
BWS: 12 Wirbel
LWS: 5 Wirbel
Kreuzbein: 5 verwachsene Wirbel
Steißbein: 3–5 verwachsene Wirbel
Die physiologische Doppel-S-Form entsteht durch:
Lordosen der HWS und LWS
Kyphosen der BWS und des Kreuzbeins
Stabilisiert wird die Wirbelsäule durch Bandscheiben, Bänder und Muskulatur
Der Wirbelkanal wird durch die Wirbellöcher der einzelnen Wirbel gebildet und schützt das Rückenmark
Das Rückenmark (Medulla spinalis) verbindet die Körperperipherie mit dem Gehirn und dient als Schaltstelle spinaler Reflexe
Es endet beim Erwachsenen meist auf Höhe von LWK 1–2 als Conus medullaris; darunter verlaufen die Nervenwurzeln der Cauda equina
Aus den Rückenmarkssegmenten treten Spinalnerven aus, die sensible, motorische und vegetative Fasern enthalten
Beim Wirbelsäulentrauma entstehen die Beschwerden durch das Zusammenspiel von mechanischer Schädigung, Instabilität sowie einer möglichen Verletzung neuraler oder vaskulärer Strukturen.
Primäre mechanische Schädigung: Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions-, Rotations- oder Translationskräfte → Verletzung knöcherner, ligamentärer und ggf. neuraler Strukturen
Instabilität und Fehlstellung: Verlust der mechanischen Stabilität → Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten, Fehlstellung und mögliche Einengung des Spinalkanals
Primäre neurologische Schädigung: direkte Kontusion, Kompression, Zerrung oder Ausriss von Rückenmark oder Nervenwurzeln → unmittelbare neurologische Ausfälle
Vaskuläre und raumfordernde Schädigung: Rückenmarkischämie durch Minderperfusion oder spinales epidurales Hämatom → zusätzliche Schädigung bzw. Kompression neuraler Strukturen
Besondere Vulnerabilität: Osteoporose oder ankylosierte Wirbelsäule → bereits geringe Krafteinwirkungen können schwere und instabile Verletzungen verursachen
Primäre mechanische Schädigung
AO-Klassifikation der Wirbelsäulenfrakturen
Die primäre Schädigung entsteht unmittelbar durch die auf die Wirbelsäule einwirkenden Kräfte. Frakturen und ligamentäre Verletzungen können durch Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions- und Rotationskräfte sowie durch Kombinationen dieser Mechanismen entstehen.
Axiale Kompression: Stauchung entlang der Wirbelsäulenachse → kann Kompressions- oder Berstungsfrakturen verursachen
Flexion: Übermäßige Beugung der Wirbelsäule → kann je nach versagenden Strukturen zu Kompressions- oder Distraktionsverletzungen führen
Hyperextension: Übermäßige Überstreckung → kann insbesondere die ventralen ligamentären Strukturen und die ventrale Zuggurtung verletzen
Distraktion: Auseinanderweichen von Wirbelsäulenstrukturen → Verletzung der knöchernen oder ligamentären Zuggurtung
Rotation/Translation: Verdrehung oder Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten gegeneinander → gestörtes Alignment und häufig ausgeprägte Instabilität
Mögliche Verletzungsstrukturen: Wirbelkörper, Bandscheiben, Facettengelenke, Bänder, Nervenwurzeln und Rückenmark
Orientierung der Facettengelenke in der HWS, BWS und LWS
Instabilität und Fehlstellung
Durch die Verletzung knöcherner oder ligamentärer Strukturen kann die Wirbelsäule ihre normale Stellung unter physiologischer Belastung nicht mehr aufrechterhalten.
Mechanische Instabilität: Verlust der strukturellen Stabilität → mögliche Irritation oder Schädigung von Rückenmark und Nervenwurzeln
Fehlstellung: Verschiebung oder Deformierung verletzter Wirbelsäulenabschnitte → mögliche Einengung des Spinalkanals
Wirbelkörperbänder
Merke
Die Instabilität kann zu progredienter Fehlstellung, Nachsinterung oder segmentalem Funktionsverlust und sekundärerEinengung des Spinalkanals führen.
Primäre und sekundäre neurologische Schädigung
Eine Beteiligung von Rückenmark oder Nervenwurzeln kann unmittelbar während des Traumas oder sekundär im weiteren Verlauf entstehen.
Schädigung
Mechanismus
Mögliche Folgen
Primäre neurologische Schädigung
Unmittelbare traumatische Verletzung des Rückenmarks oder zugehöriger neuraler Strukturen
Sofortige motorische und sensible Ausfälle; abhängig von der Läsionshöhe zusätzlich autonome Funktionsstörungen möglich
Sekundäre neurologische Schädigung
Zunehmende Instabilität, Fehlstellung oder Kompression neuraler Strukturen im weiteren Verlauf
Direkte Verletzung oder Kompression einzelner Nervenwurzeln
Radikuläre Schmerzen, Sensibilitätsstörungen, Paresen sowie abgeschwächte oder erloschene Reflexe
Hohe zervikale Rückenmarksschädigung
Rückenmarkläsion auf Höhe von C4 oder darüber
Zwerchfellparese mit möglicher lebensbedrohlicher Ateminsuffizienz
Querschnittssyndrom:
Bei einer Rückenmarksschädigung kann ein inkomplettes oder komplettes Querschnittssyndrom entstehen.
Inkomplettes Querschnittssyndrom: Nur ein Teil der neurologischen Funktionen unterhalb der Läsion ist ausgefallen
Komplettes Querschnittssyndrom: Sämtliche afferenten und efferenten Funktionen unterhalb der Läsion sind betroffen
Läsion von Vorderhorn oder Nervenwurzel: segmentale schlaffe Parese möglich
Läsion absteigender motorischer Bahnen: initial schlaffe Lähmung, im weiteren Verlauf ggf. gesteigerte Reflexe und spastische Parese
Vaskuläre und raumfordernde Schädigung:
Neben der direkten mechanischen Verletzung können eine Minderperfusion des Rückenmarks oder raumfordernde Prozesse eine zusätzliche neurologische Schädigung verursachen.
Spinale Ischämie: akute oder anhaltende Minderperfusion des Rückenmarks → fokal-neurologische Defizite bis hin zur Paraplegie
Spinales epidurales Hämatom: Blutansammlung zwischen Dura mater und knöchernem Spinalkanal, häufig aus dem epiduralen Venenplexus
Kompression durch Hämatom: Druck auf Nervenwurzeln oder Rückenmark → radikuläre Ausfälle oder akutes Querschnittssyndrom
Möglicher Verlauf: Neurologische Symptome können progredient zunehmen
Rückenmarkshäute (Querschnitt)
Tipp
Spinaler Schock vs. neurogener Schock
Ein spinaler Schock und ein neurogener Schock sind zwei unterschiedliche klinische Phänomene, die zwar beide im Rahmen eines Wirbelsäulentraumas auftreten können, aber verschiedene Ursachen, Symptome und physiologische Hintergründe haben:
Spinaler Schock: beim spinalen Schock kommt es zum vorübergehenden Ausfall sämtlicher spinaler Funktionen (motorisch, sensorisch, reflexiv)
Neurogener Schock: Kreislaufversagen durch sympathischen Ausfall
Weitere Informationen zum neurogenen und spinalen Schock werden im Abschnitt: Besondere Situationen erläutert.
Vorgeschädigte Wirbelsäule
Bei strukturell vorgeschädigter Wirbelsäule können bereits geringe Krafteinwirkungen schwere Verletzungen verursachen.
Osteoporose: verminderte Knochenstabilität → erhöhte Frakturgefahr bereits bei Niedrigenergietraumata
Ankylosierte Wirbelsäule: veränderte Biomechanik und langstreckige Versteifung → erhöhte Frakturanfälligkeit und häufig instabile Verletzungsmuster
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem Wirbelsäulentrauma
Primäre Schädigung:
Verletzung knöcherner und/oder ligamentärer Strukturen der Wirbelsäule
Direkte Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
Sekundäre Rückenmarksschädigung:
Ödembildung und Schwellung
Minderperfusion und Ischämie
Zunehmende Kompression neuraler Strukturen
Funktionelle Folgen einer Rückenmarksläsion:
Spinaler Schock: Vorübergehender Ausfall spinaler Reflexe und motorischer Funktionen unterhalb der Läsion
Neurogener Schock: Bei hohen Rückenmarksläsionen, typischerweise oberhalb Th6 → Verlust sympathischer Gefäßregulation mit Hypotonie und häufig Bradykardie
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Info
Das klinische Bild von Wirbelsäulenverletzungen ist sehr variabel und reicht von bewegungsabhängigen Schmerzen bei gehfähigen Patient:innen bis zu Deformitäten, neurologischen Ausfällen und Ateminsuffizienz.
Da sich die Symptomatik im Verlauf verändern kann, ist eine regelmäßige Re-Evaluation wichtig, um Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen.
Typische Zeichen
Lokale Schmerzen entlang der Wirbelsäule, häufig bewegungsabhängig
Druck- oder Klopfschmerz über einzelnen Wirbelsäulenabschnitten
Paravertebrale Muskelverhärtung als mögliche schmerzhafte reflektorische Reaktion auf die Verletzung
Prellmarken, Hämatome oder Schürfungen als Hinweis auf eine relevante Krafteinwirkung
Fehlstellungen, Stufenbildungen oder auffällige Wirbelsäulenhaltung
Parästhesien oder Sensibilitätsstörungen unterhalb der Läsion
Paresen oder Plegien bei Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
Radikuläre Schmerzen bei Beteiligung einzelner Nervenwurzeln
Abgeschwächte oder erloschene Reflexe, insbesondere im Initialstadium
Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen bei Rückenmarks- oder Cauda-equina-Beteiligung
Dyspnoe oder Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Rückenmarksläsion
Merke
Bei einer QuerschnittssymptomatikkönnenSchmerzenfehlen, da die sensiblen Leitungsbahnen des Rückenmarks unterhalb der Läsion vollständig unterbrochen sein können.
Definition
Paravertebrale Verhärtungen
Paravertebrale Verhärtungen sind tastbare, meist druckschmerzhafte Muskelverspannungen oder tonische Reaktionen der autochthonen Rückenmuskulatur beidseits neben der Wirbelsäule. Sie treten oft reflektorisch als Schutzspannung nach einem Trauma auf und können ein indirektes Zeichen einer Wirbelsäulenverletzung sein.
Generalisierte Zeichen
TypischeBegleitverletzungen nach Trauma, z.B. Schürfwunden, Hämatome oder Prellungen
Vegetative oder unspezifische Symptome:
Übelkeit
Angst und Unruhe
Zittern
Schwitzen
Kreislaufinstabilität
Achtung
Red Flags
Neu aufgetretene Paresen oder Plegien
Ausgeprägte Sensibilitätsstörungen
Blasen- oder Mastdarmstörungen
Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Läsion
Hypotonie mit Bradykardie als Hinweis auf neurogenen Schock
Sichtbare Fehlstellung oder Stufenbildung der Wirbelsäule
Zunehmende neurologische Ausfälle im Verlauf
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Anamnese
Info
Spezielle Anamnese zum Wirbelsäulentrauma
Neben der standardisierten Anamnese ist eine explizite Anamnese zum Unfallhergang vonnöten, um die damit verbundene Kinetik korrekt einschätzen zu können. Das Verständnis der Energieübertragung und der Krafteinwirkung ermöglicht eine Einschätzung möglicher Verletzungsmuster.
Im hier dargestellten Fall sind folgende Faktoren entscheidend:
Traumamechanismus:
Sturz (aus welcher Höhe, auf welchen Körperteil?)
Verkehrsunfall (Front-, Seiten-, Überschlag-, Heckaufprall) → bei Zweirädern: Helm getragen? Zustand des Helmes?
Sportunfall (Kopfsprung ins Wasser)
Energieeinwirkung:
Hochrasanztrauma vs. Niedrigrasanztrauma?
Axiale Belastung? (z.B. Sturz auf Füße oder Gesäß)
Einwirkung von Scher- oder Rotationskräften?
S (Symptome): Rücken- oder Nackenschmerzen, Druck- oder Klopfschmerz, Bewegungsschmerz sowie neurologische Beschwerden wie Parästhesien, Sensibilitätsstörungen, Kraftminderung, Paresen oder Plegien erfragen. Auf Fehlstellungen, Stufenbildungen, Hämatome, Kontusionsmarken und Schürfwunden achten
Warnzeichen: radikuläre Schmerzen, Sensibilitätsausfälle, motorische Defizite sowie Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen
Hohe zervikale Läsion: Auf Dyspnoe oder Zeichen einer Ateminsuffizienz achten
Neurogener Schock: Hypotonie, Bradykardie, Hypothermie sowie motorische oder sensible Ausfälle
A (Allergien): Medikamentenallergien und frühere schwere allergische Reaktionen erfragen
M (Medikation): Dauermedikation sowie Zeitpunkt der letzten Einnahme erfassen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, Steroide, Medikamente mit Einfluss auf den Knochenstoffwechsel sowie zentral wirksame Substanzen
P (Patientengeschichte): Frühere Wirbelsäulenverletzungen oder Operationen, Osteoporose, ankylosierende Wirbelsäulenerkrankungen, Tumorerkrankungen, neurologische Vorerkrankungen, Gerinnungsstörungen sowie chronische Rücken- oder Nackenschmerzen erfragen
L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sowie ggf. der letzten Medikamenteneinnahme erfragen → relevant für eine mögliche Narkose- oder Operationsplanung
E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas erfassen. Relevant sind Sturzhöhe, Aufprall auf Kopf, Rücken oder Gesäß, axiale Stauchung, Hyperflexion, Hyperextension, Rotation, Verkehrsunfall, Überschlag, Ejektion, Einklemmung sowie penetrierende Verletzungen
R (Risiko): Höheres Lebensalter, Osteoporose, frühere Wirbelkörperfrakturen, ankylosierte Wirbelsäule, Tumorerkrankungen, Voroperationen, neurologische Vorerkrankungen, Alkohol- oder Drogenkonsum sowie gerinnungshemmende Medikation berücksichtigen
S (Schwangerschaft): Bestehende oder mögliche Schwangerschaft erfragen und bei Lagerung, Diagnostik und weiterer Versorgung berücksichtigen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein Wirbelsäulentrauma abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Spontaner Harn- oder Stuhlabgang → Hinweis auf eine sakrale oder Cauda-equina-Beteiligung
Fehlstellung oder Fehlhaltung: sichtbare Abweichung der normalen Wirbelsäulenachse → möglicher Hinweis auf eine relevante Verletzung
Stufenbildung oder Lücke: sichtbare Unregelmäßigkeit zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung oder Dislokation
Hämatome, Schwellungen, Kontusionsmarken oder Schürfungen: äußere Verletzungszeichen über der Wirbelsäule → Hinweis auf relevante Krafteinwirkung
Achsenabweichung oder Gibbusbildung: lokale Deformierung der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf strukturelle Verletzung
Erschwertes Kopfhalten: Patient:in kann den Kopf nur eingeschränkt oder nicht selbstständig halten → möglicher Hinweis auf eine HWS-Verletzung
Offene Wunden: Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf penetrierendes Trauma oder offene Wirbelsäulenverletzung
Begleitverletzungen: Kopf, Hals, Thorax, Abdomen, Becken und Extremitäten auf zusätzliche Traumafolgen untersuchen
Atemauffälligkeiten: Dyspnoe oder eingeschränkte Atmung → insbesondere an eine hohe zervikale Rückenmarksläsion denken
Palpation:
Druck-, Klopf- oder Stauchungsschmerz: lokaler Schmerz über den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf eine knöcherne Verletzung
Stufen oder Lücken: tastbare Unregelmäßigkeiten zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung, Dislokation oder Verletzung dorsaler Wirbelsäulenstrukturen
Paravertebraler Muskelhartspann: tastbare Verhärtung der wirbelsäulennahen Muskulatur → mögliche reflektorische Reaktion auf die Verletzung
Tipp
Zur Beurteilung der Wirbelsäule sollte die verunfallte Person nur einmal und achsengerecht en bloc gedreht werden. Nach Inspektion und gegebenenfalls vorsichtiger Palpation wird das geeignete Rettungsmittel in derselben Bewegung untergeschoben. Anschließend erfolgt die achsengerechte Lagerung und Fixierung.
Perkussion:
Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Der Auskultationsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Bei neurogenem Schock Bradykardie möglich
Ausfall sympathischer Efferenzen mit Überwiegen vagaler Einflüsse → Bradykardie
Blutdruck
Initial ggf. noch erhalten, bei neurogenem Schock Hypotonie möglich
Ausfall des sympathischen Nervensystems → peripherer Gefäßwiderstand ↓ und venöses Pooling → Preload ↓ → Hypotonie
Differenzialdiagnose der Hypotonie
Nach Trauma immer auch an einen hämorrhagischen Schock denken
Äußere oder innere Blutungen können ebenfalls eine Hypotonie verursachen → Blutungsquellen konsequent suchen und behandeln
Atemfrequenz und Atemmuster
Bei hoher zervikaler Läsion Ateminsuffizienz möglich
Läsionen oberhalb von C4 können eine Zwerchfellparese verursachen; bei hohen thorakalen Läsionen kann zusätzlich die Atemhilfsmuskulatur beeinträchtigt sein
Sauerstoffsättigung
Abfall der SpO₂ bei relevanter Ventilations- oder Oxygenierungsstörung möglich
Eingeschränkte Atemmuskelfunktion → Ventilation ↓; SpO₂ dient der Überwachung der Oxygenierung
Körpertemperatur
Bei neurogenem Schock Hypothermie möglich
Verminderter sympathischer Gefäßtonus und gestörte autonome Regulation → Wärmeabgabe ↑
Blutzucker
Bei Bewusstseinsstörung Blutzucker messen
Dient der orientierenden Notfalldiagnostik; ein spezifisches Muster bei isolierter Wirbelsäulenverletzung besteht nicht
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS, sowie Erfassung von Unruhe, Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen sind bei einem Thoraxtrauma ein Warnzeichen und können auf Hypoxämie, Schock oder Begleitverletzungen hinweisen
Mögliche neurologische Auffälligkeiten beim Wirbelsäulentrauma:
Motorik: Aktive Bewegung und Kraft aller Extremitäten beidseits prüfen → auf Kraftminderung, Paresen oder Plegien achten
Sensibilität: Berührungs-, Schmerz- und ggf. Temperaturempfinden seitenvergleichend entlang der Dermatome prüfen → Sensibilitätsausfälle können auf ein Läsionsniveau hinweisen
Radikuläre Symptome: Ausstrahlende Schmerzen, Kribbelparästhesien oder Taubheitsgefühle erfassen → möglicher Hinweis auf eine Nervenwurzelbeteiligung
Querschnittsymptomatik: Auf motorische und sensible Ausfälle unterhalb eines möglichen Läsionsniveaus achten
Blasen- und Mastdarmfunktion: Nach Harnverhalt, Inkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen fragen
Cauda-Syndrom: Bei entsprechendem Verdacht zusätzlich auf Reithosenanästhesie achten
Info
Eine vollständige Differenzierung zwischen kompletter und inkompletterQuerschnittlähmung ist präklinisch für das initiale Management nachrangig. Entscheidend sind die orientierendeErfassung von Läsionshöhe, sensomotorischerAusfallhöhe, Ausmaß und Verteilung der Paresen oder Plegien sowie die Beurteilung der Atemfunktion.
Tipp
Markierung der Querschnittslähmung
Bei Verdacht auf eine Querschnittslähmung sollte das kaudalste vollständig erhaltene sensomotorische Niveau bestimmt und auf der Haut sichtbar markiert werden. Zusätzlich sollte die Uhrzeit der Untersuchung dokumentiert werden.
Da sich neurologische Ausfälle im Verlauf, beispielsweise durch spinales Ödem oder eine Blutung, verändern können, sind regelmäßige Verlaufskontrollen erforderlich. Eine Verschiebung der sensiblen oder motorischen Grenze nach kranial spricht für eine neurologische Verschlechterung.
Beispiel:
Die erkrankte Person zeigt eine intakte Motorik und Sensibilität bis auf Höhe des Bauchnabels.
Markierung der entsprechenden Höhe auf der Haut, z. B. mit „13:20 Uhr“
Nach 15 Minuten erneute neurologische Kontrolle
Liegt die Sensibilitätsgrenze nun oberhalb der ursprünglichen Markierung, besteht der Verdacht auf eine progrediente neurologische Verschlechterung
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Bei auffälligem Herzrhythmus, hämodynamischer Instabilität, kardialen Beschwerden oder relevanten Herzerkrankungen durchführen → das EKG dient der ergänzenden Kreislaufdiagnostik
Bradykardie: kann bei hoher Rückenmarksläsion durch Ausfall sympathischer Efferenzen auftreten
Rhythmusstörungen: sind nicht typisch für das Wirbelsäulentrauma und sollten bei Auftreten an zusätzliche Ursachen oder Begleitverletzungen denken lassen
POCUS / eFAST: Bei Hochenergietrauma, Polytrauma oder hämodynamischer Instabilität zur Suche nach zusätzlichen lebensbedrohlichen Verletzungen einsetzen → bei einem isolierten Wirbelsäulentrauma nicht routinemäßig erforderlich
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das primäre Ziel beim Wirbelsäulentrauma ist die Vermeidung sekundärer neurologischer Schäden durch eine möglichst achsengerechte Bewegung, geeignete Immobilisation und einen schonenden Transport. Gleichzeitig stehen die Sicherung der Vitalfunktionen und die frühzeitige Behandlung lebensbedrohlicher Begleitprobleme im Vordergrund, insbesondere bei Ateminsuffizienz oder neurogenem Schock.
Basismaßnahmen
Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
Immobilisation: Je nach Verletzungsmuster und Zustand geeignete Maßnahmen zur Bewegungsreduktion der Wirbelsäule durchführen
Bei hämodynamischer Instabilität: Möglichst flache, achsengerechte Lagerung unter Berücksichtigung lebensbedrohlicher Begleitverletzungen
Umlagerung: Möglichst koordiniert und en bloc durchführen
Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
Intravenöser Zugang: Peripheren Venenzugang zur Analgesie, Medikamentengabe und Volumentherapie etablieren
Begleitverletzungen versorgen: Lebensbedrohliche Blutungen und weitere Verletzungen nach den üblichen Traumaprioritäten behandeln
Manuelle HWS-Immobilisation
Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits wiederholt prüfen und dokumentieren
Veränderungen des sensomotorischen Niveaus frühzeitig erkennen
Bei vorhandener Markierung des Läsionsniveaus Verlauf mit Uhrzeit dokumentieren
Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und möglichst Normothermie erhalten
Schonender Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Zielklinik unter kontinuierlicher Re-Evaluation von Vitalfunktionen und neurologischem Status
Spezifische Maßnahmen
Analgesie: Frühzeitig eine titrierte, dem Kreislaufzustand angepasste Analgesie durchführen, beispielsweise mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit einem Ziel-MAD von 70-90 mmHg. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
Bei neurogenem Schock:
Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
Symptomatische Bradykardie:Atropin0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen
Info
Da ein höherer arterieller Mitteldruck (MAD) den spinalen Perfusionsdruck steigern und dadurch die neurologische Erholung unterstützen kann, sollte ein ausreichender MAD angestrebt werden.
Immobilisation der Wirbelsäule
Ziel der Immobilisation ist es, unnötige Bewegungen der verletzten Wirbelsäule zu minimieren und dadurch Schmerzen sowie mögliche sekundäre neurologische Schäden zu vermeiden. Da mehrere Wirbelsäulenabschnitte betroffen sein können, sollte die Bewegungsreduktion grundsätzlich die gesamte Wirbelsäule einschließlich des Kopfes berücksichtigen.
Zur Immobilisation kommen insbesondere folgende Hilfsmittel infrage:
Vakuummatratze: Ermöglicht eine körperangepasste Ruhigstellung der gesamten Wirbelsäule. Der Kopf sollte dabei ebenfalls ausreichend fixiert werden
Zervikalstütze: Kann ergänzend zur Bewegungsreduktion der HWS eingesetzt werden, bietet allein jedoch keine vollständige Immobilisation. Bei begleitendem Schädel-Hirn-Trauma eher kritisch zu betrachten
Spineboard: Vor allem als Hilfsmittel zur Rettung und Umlagerung aus schwierigen Situationen geeignet. Eine längere Lagerung darauf ist gegenüber der Vakuummatratze meist weniger günstig
Kombinationsboard: Kann abhängig vom verwendeten System zur Rettung, Umlagerung oder als Bestandteil der Immobilisation eingesetzt werden
Eine allgemeingültige Empfehlung für ein einziges Hilfsmittel besteht nicht. Die Auswahl richtet sich nach Verletzungsmuster, Zustand der erkrankten Person, Rettungssituation und Transportdauer. Die S3-Leitlinie beschreibt die Vakuummatratze mit zusätzlicher Kopffixierung als besonders effektive Möglichkeit zur Ruhigstellung der gesamten Wirbelsäule. Spineboard und Schaufeltrage haben insbesondere bei der Rettung aus ungünstigen Situationen ihren Stellenwert.
Merkmal
Spineboard
Vakuummatratze
Rettung von Patient:innen
+
-
Transport
-
+
Schmerzarme Lagerung
-
+
Verursachung von Druckstellen
-
+
Komfort für Patient:innen
-
+
Anwendung bei ankylosierender Erkrankung (z.B. Morbus Bechterew)
-
+
Vorteile (+) und Nachteile (-) bei der Immobilisation mittels Spineboard vs. Vakuummatratze
Merke
Die Liegedauer auf einem Spineboard sollte 30 Minuten nicht überschreiten, da eine längere Immobilisation das Risiko für Druckstellen, Durchblutungsstörungen und Schmerzen erheblich erhöht. Nach Möglichkeit sollte daher, nach der technischen Rettung zügig auf eine Vakuummatratze umgelagert werden oder diese initiale genutzt werden.
Entscheidungshilfe zur präklinischen Wirbelsäulenimmobilisation (Immo-Ampel)Canadian C-Spine Rule: Entscheidungsregel für die Bildgebung bei HWS-Trauma
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Neurogener Schock
Definition
Neurogener Schock
Der neurogene Schock gehört zur Gruppe der distributiven Schockformen und beruht auf einer Fehlverteilung des zirkulierenden Blutvolumens. Er kann bei Wirbelsäulenverletzungen oberhalb des 6. Brustwirbelkörpers (Th6) auftreten. Ursache ist der Ausfall der sympathischen Innervation, wodurch es zu einem Überwiegen des Parasympathikus kommt. Klinisch zeigt sich dies in einer Vasodilatation mit Hypotonie und gleichzeitiger Bradykardie.
Pathophysiologie:
Die sympathische Innervation ist Teil des vegetativen Nervensystems (autonomes Nervensystem) und steuert lebenswichtige Körperfunktionen. Sie verläuft über Nervenfasern aus dem thorakalen und lumbalen Rückenmark.
Funktionen der sympathischen Innervation:
Herzfrequenzsteigerung
Blutdruckerhöhung (Vasokonstriktion)
Bronchodilatation
Pupillenerweiterung (Mydriasis)
Hemmung der Verdauung
Bedeutung bei Wirbelsäulentrauma:
Eine traumatische Läsion oberhalb des Rückenmarksegments Th6 kann zur Unterbrechung der zentralen sympathischen Bahnen führen, was eine dominante parasympathische Wirkung zur Folge hat
Ausfall Sympathikus → neurogener Schock mit peripherer Vasodilatation, Hypotonie und gleichzeitig vorliegender Bradykardie
Symptome:
Symptom / Befund
Pathophysiologischer Hintergrund
Typische Läsionshöhe
Hypotonie
Verlust des sympathischen Gefäßtonus → generalisierte Vasodilatation, venöses Pooling und verminderter venöser Rückstrom
Oberhalb Th6
Bradykardie
Ausfall des kardialen Sympathikustonus bei unopponierter parasympathischer Aktivität
Oberhalb Th1–Th4 (v. a. hohe zervikale Läsionen)
Warm-rosige Haut
Fehlende sympathisch vermittelte Vasokonstriktion → periphere Vasodilatation und ausbleibende Zentralisation
Oberhalb Th6
Hypothermie
Gestörte Thermoregulation durch Verlust des sympathischen Gefäßtonus und vermehrte Wärmeabgabe
Oberhalb Th6
Paralyse, Areflexie und Sensibilitätsstörungen
Unterbrechung motorischer, sensibler und vegetativer Leitungsbahnen im Rückenmark
Unterhalb der jeweiligen Läsion (z.B. thorakale Läsion → Paraplegie)
Priapismus (beim Mann)
Überwiegen der parasympathischen Aktivität infolge Ausfalls der sympathischen Innervation
Vor allem oberhalb Th6
Ateminsuffizienz / Zwerchfellparese
Schädigung der Segmente C3–C5 bzw. des N. phrenicus → eingeschränkte oder fehlende Zwerchfellfunktion
Sicherung der Oxygenierung und des Atemwegs, ggf. Beatmung
Wärmeerhalt zur Vermeidung einer Hypothermie
Volumensubstitution mit balancierten Vollelektrolytlösungen, angepasst an MAP 70-90 mmHg zur Sicherung der Rückenmarksperfusion
Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
Symptomatische Bradykardie:Atropin0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen
Achsgerechte Lagerung und Immobilisation der Wirbelsäule (z.B. Vakuummatratze)
Zeitnaher Transport in ein geeignetes neurochirurgisch-traumatologisches Zentrum
Spinaler Schock
Definition
Spinaler Schock
Der spinale Schock beschreibt das akute Versagen der Rückenmarksfunktion nach einer Schädigung. Unterhalb der Läsion kommt es zu einem vollständigen Funktionsverlust mit schlaffer Lähmung, Sensibilitätsstörungen und Areflexie. Dieses Bild ist typisch für die Anfangsphase eines Querschnittsyndroms und kann sich im Verlauf verändern.
Merkmale:
Schlaffe Lähmung unterhalb der Läsion
Sensibilitätsausfall unterhalb der Läsion
Areflexie (Reflexlosigkeit)
Blasen- und Mastdarmatonie (Urin- und Stuhlverhalt oder unkontrollierter Abgang)
Info
Der spinale Schock ist nicht mit dem neurogenen Schock zu verwechseln, bei dem es sich um eine hämodynamische Komplikation handelt. Allerdings besteht die Gefahr, dass ein spinalerSchockineinenneurogenenSchockübergeht.
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Zielkrankenhaus
Die Wahl der Zielklinik richtet sich insbesondere nach neurologischem Status, Verletzungsschwere, Begleitverletzungen und Kreislaufstabilität. Bei Wirbelsäulenverletzungen mit neurologischen Ausfällen sollte möglichst direkt ein geeignetes Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise angefahren werden.
Wirbelsäulenverletzung ohne neurologisches Defizit: Transport in eine geeignete Klinik mit zeitnah verfügbarer Bildgebung und unfallchirurgischer Beurteilung
Neurologische Ausfälle oder Querschnittssymptomatik: Primärer Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Expertise in der Wirbelsäulenchirurgie
Isoliertes schweres Wirbelsäulentrauma: Bei fehlender akuter Lebensbedrohung möglichst direkte Versorgung in einem Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Kompetenz, um Sekundärverlegungen zu vermeiden
Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein entsprechend geeignetes Traumazentrum
Kreislaufinstabilität oder andere akute Lebensbedrohung: Die nächstgelegene Klinik mit geeigneter traumatischer Versorgung kann Vorrang vor einem weiter entfernten spezialisierten Zentrum haben
Lange Transportstrecke bei neurologischen Ausfällen: Einsatz der Luftrettung erwägen, da sie insbesondere bei längeren Distanzen einen Zeitvorteil zum geeigneten überregionalen Zentrum bieten kann
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Vitalparameter sowie Durchblutung, Motorik und Sensibilität regelmäßig kontrollieren und dokumentieren
Analgesie: Ausreichende, dem Kreislaufzustand angepasste Schmerztherapie fortführen
Atemwegs- und Atemkontrolle: Während des Transports auf zunehmende Dyspnoe, flacher werdende Atmung, Hypoventilation, SpO₂-Abfall oder Zeichen einer respiratorischen Erschöpfung achten, hauptsächlich bei hoher zervikaler Läsion
Kreislaufkontrolle: Auf neu auftretende oder zunehmende Hypotonie, Bradykardie und Zeichen der Minderperfusion achten
Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits regelmäßig prüfen und Veränderungen des sensomotorischen Niveaus dokumentieren
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, etwa SINNHAFT oder ISOBAR
Relevante Informationen:
Unfallzeitpunkt und Verletzungsmechanismus
Initiale und aktuelle Vitalparameter
Lokalbefund der Wirbelsäule mit Schmerzen, Druckschmerz, Fehlstellungen oder äußeren Verletzungszeichen
Neurologischer Status mit Motorik, Sensibilität, Paresen/Plegien und ggf. dokumentiertem sensomotorischem Niveau
Veränderungen der neurologischen Symptomatik im Verlauf
Hinweise auf Ateminsuffizienz oder neurogenen Schock
Verdachtsdiagnosen und relevante Begleitverletzungen
Durchgeführte Analgesie, Volumentherapie und weitere verabreichte Medikamente
Besonderheiten wie Blasen-/Mastdarmstörungen oder Verdacht auf ein Cauda-equina-Syndrom
Bei neurologischen Ausfällen, progredienter Symptomatik, hoher zervikaler Läsion, Kreislaufinstabilität oder schwerem Wirbelsäulentrauma frühzeitig den Schockraum vorinformieren
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Definition
Definition
Wirbelsäulentrauma
Ein Wirbelsäulentrauma bezeichnet eine durch äußere Gewalteinwirkung verursachte Verletzung der knöchernen und/oder diskoligamentären Strukturen der Wirbelsäule. Eine zusätzliche Schädigung des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln kann auftreten, ist jedoch nicht zwingend vorhanden.
Stabile Verletzung: Die Wirbelsäule bleibt unter physiologischer Belastung funktionell stabil. Es kommt weder zu einer relevanten Deformierung noch zu einer neurologischen Schädigung oder strukturell bedingten Schmerzen
Instabile Verletzung: Es besteht eine Verletzung von mindestens zwei der drei Wirbelsäulensäulen, wodurch die mechanische Stabilität beeinträchtigt ist
Hochgradig instabile Verletzung: Bereits durch Mobilisation oder Bewegung kann es zu einer neurologischen Verschlechterung kommen
Ursachen
Sturz aus größerer Höhe: hohe Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule, insbesondere durch axiale Stauchung oder kombinierte Belastungen
Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überschläge oder Einklemmungen können zu komplexen und instabilen Wirbelsäulenverletzungen führen
Arbeits- und Sportunfälle: Stürze, direkte Gewalteinwirkungen oder hohe Beschleunigungs- und Rotationskräfte können knöcherne und ligamentäre Strukturen verletzen
Polytrauma: Bei schwer verletzten Patient:innen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für begleitende Verletzungen der Wirbelsäule
Bagatelltrauma bei vorgeschädigter Wirbelsäule: Bei ankylosierter Wirbelsäule oder Osteoporose können bereits geringe Krafteinwirkungen instabile Verletzungen verursachen
Penetrierende Verletzungen: Stich-, Schuss- oder andere penetrierende Verletzungen können die Wirbelsäule direkt schädigen, sind jedoch selten
Pathophysiologie
Beim Wirbelsäulentrauma entstehen die Beschwerden durch das Zusammenspiel von mechanischer Schädigung, Instabilität sowie einer möglichen Verletzung neuraler oder vaskulärer Strukturen.
Primäre mechanische Schädigung: Stauchungs-, Flexions-, Extensions-, Distraktions-, Rotations- oder Translationskräfte → Verletzung knöcherner, ligamentärer und ggf. neuraler Strukturen
Instabilität und Fehlstellung: Verlust der mechanischen Stabilität → Verschiebung von Wirbelsäulenabschnitten, Fehlstellung und mögliche Einengung des Spinalkanals
Primäre neurologische Schädigung: direkte Kontusion, Kompression, Zerrung oder Ausriss von Rückenmark oder Nervenwurzeln → unmittelbare neurologische Ausfälle
Vaskuläre und raumfordernde Schädigung: Rückenmarkischämie durch Minderperfusion oder spinales epidurales Hämatom → zusätzliche Schädigung bzw. Kompression neuraler Strukturen
Besondere Vulnerabilität: Osteoporose oder ankylosierte Wirbelsäule → bereits geringe Krafteinwirkungen können schwere und instabile Verletzungen verursachen
Klinischer Eindruck
Lokale Schmerzen entlang der Wirbelsäule, häufig bewegungsabhängig
Druck- oder Klopfschmerz über einzelnen Wirbelsäulenabschnitten
Paravertebrale Muskelverhärtung als mögliche schmerzhafte reflektorische Reaktion auf die Verletzung
Prellmarken, Hämatome oder Schürfungen als Hinweis auf eine relevante Krafteinwirkung
Fehlstellungen, Stufenbildungen oder auffällige Wirbelsäulenhaltung
Parästhesien oder Sensibilitätsstörungen unterhalb der Läsion
Paresen oder Plegien bei Schädigung von Rückenmark oder Nervenwurzeln
Radikuläre Schmerzen bei Beteiligung einzelner Nervenwurzeln
Abgeschwächte oder erloschene Reflexe, insbesondere im Initialstadium
Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen bei Rückenmarks- oder Cauda-equina-Beteiligung
Dyspnoe oder Ateminsuffizienz bei hoher zervikaler Rückenmarksläsion
Diagnostik
Inspektion:
Spontaner Harn- oder Stuhlabgang → Hinweis auf eine sakrale oder Cauda-equina-Beteiligung
Fehlstellung oder Fehlhaltung: sichtbare Abweichung der normalen Wirbelsäulenachse → möglicher Hinweis auf eine relevante Verletzung
Stufenbildung oder Lücke: sichtbare Unregelmäßigkeit zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung oder Dislokation
Hämatome, Schwellungen, Kontusionsmarken oder Schürfungen: äußere Verletzungszeichen über der Wirbelsäule → Hinweis auf relevante Krafteinwirkung
Achsenabweichung oder Gibbusbildung: lokale Deformierung der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf strukturelle Verletzung
Erschwertes Kopfhalten: Patient:in kann den Kopf nur eingeschränkt oder nicht selbstständig halten → möglicher Hinweis auf eine HWS-Verletzung
Offene Wunden: Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule → möglicher Hinweis auf penetrierendes Trauma oder offene Wirbelsäulenverletzung
Begleitverletzungen: Kopf, Hals, Thorax, Abdomen, Becken und Extremitäten auf zusätzliche Traumafolgen untersuchen
Atemauffälligkeiten: Dyspnoe oder eingeschränkte Atmung → insbesondere an eine hohe zervikale Rückenmarksläsion denken
Palpation:
Druck-, Klopf- oder Stauchungsschmerz: lokaler Schmerz über den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf eine knöcherne Verletzung
Stufen oder Lücken: tastbare Unregelmäßigkeiten zwischen den Dornfortsätzen → möglicher Hinweis auf Fehlstellung, Dislokation oder Verletzung dorsaler Wirbelsäulenstrukturen
Paravertebraler Muskelhartspann: tastbare Verhärtung der wirbelsäulennahen Muskulatur → mögliche reflektorische Reaktion auf die Verletzung
Orientierende neurologische Untersuchung:
Motorik: Aktive Bewegung und Kraft aller Extremitäten beidseits prüfen → auf Kraftminderung, Paresen oder Plegien achten
Sensibilität: Berührungs-, Schmerz- und ggf. Temperaturempfinden seitenvergleichend entlang der Dermatome prüfen → Sensibilitätsausfälle können auf ein Läsionsniveau hinweisen
Radikuläre Symptome: Ausstrahlende Schmerzen, Kribbelparästhesien oder Taubheitsgefühle erfassen → möglicher Hinweis auf eine Nervenwurzelbeteiligung
Querschnittsymptomatik: Auf motorische und sensible Ausfälle unterhalb eines möglichen Läsionsniveaus achten
Blasen- und Mastdarmfunktion: Nach Harnverhalt, Inkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen fragen
Cauda-Syndrom: Bei entsprechendem Verdacht zusätzlich auf Reithosenanästhesie achten
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
Immobilisation: Je nach Verletzungsmuster und Zustand geeignete Maßnahmen zur Bewegungsreduktion der Wirbelsäule durchführen
Bei hämodynamischer Instabilität: Möglichst flache, achsengerechte Lagerung unter Berücksichtigung lebensbedrohlicher Begleitverletzungen
Umlagerung: Möglichst koordiniert und en bloc durchführen
Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
Intravenöser Zugang: Peripheren Venenzugang zur Analgesie, Medikamentengabe und Volumentherapie etablieren
Begleitverletzungen versorgen: Lebensbedrohliche Blutungen und weitere Verletzungen nach den üblichen Traumaprioritäten behandeln
Neurologische Verlaufskontrolle: Motorik und Sensibilität beidseits wiederholt prüfen und dokumentieren
Veränderungen des sensomotorischen Niveaus frühzeitig erkennen
Bei vorhandener Markierung des Läsionsniveaus Verlauf mit Uhrzeit dokumentieren
Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und möglichst Normothermie erhalten
Schonender Transport: Frühzeitiger Transport in eine geeignete Zielklinik unter kontinuierlicher Re-Evaluation von Vitalfunktionen und neurologischem Status
Spezifische Maßnahmen:
Analgesie: Frühzeitig eine titrierte, dem Kreislaufzustand angepasste Analgesie durchführen, beispielsweise mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit einem Ziel-MAD von 70-90 mmHg. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
Bei neurogenem Schock:
Steigerung des Gefäßtonus und Erhalt des Perfusionsdrucks mittels Vasopressoren, z.B. Noradrenalin 0,1-1 µg/kgKG/min i.v.
Symptomatische Bradykardie:Atropin0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung, bei Therapieversagen Adrenalin 2-10 µg i.v. als Bolus bzw. transkutanes Pacing erwägen
Besondere Situationen
Definition
Neurogener Schock
Der neurogene Schock gehört zur Gruppe der distributiven Schockformen und beruht auf einer Fehlverteilung des zirkulierenden Blutvolumens. Er kann bei Wirbelsäulenverletzungen oberhalb des 6. Brustwirbelkörpers (Th6) auftreten. Ursache ist der Ausfall der sympathischen Innervation, wodurch es zu einem Überwiegen des Parasympathikus kommt. Klinisch zeigt sich dies in einer Vasodilatation mit Hypotonie und gleichzeitiger Bradykardie.
Definition
Spinaler Schock
Der spinale Schock beschreibt das akute Versagen der Rückenmarksfunktion nach einer Schädigung. Unterhalb der Läsion kommt es zu einem vollständigen Funktionsverlust mit schlaffer Lähmung, Sensibilitätsstörungen und Areflexie. Dieses Bild ist typisch für die Anfangsphase eines Querschnittsyndroms und kann sich im Verlauf verändern.
Transport
Die Wahl der Zielklinik richtet sich insbesondere nach neurologischem Status, Verletzungsschwere, Begleitverletzungen und Kreislaufstabilität. Bei Wirbelsäulenverletzungen mit neurologischen Ausfällen sollte möglichst direkt ein geeignetes Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Expertise angefahren werden.
Wirbelsäulenverletzung ohne neurologisches Defizit: Transport in eine geeignete Klinik mit zeitnah verfügbarer Bildgebung und unfallchirurgischer Beurteilung
Neurologische Ausfälle oder Querschnittssymptomatik: Primärer Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Expertise in der Wirbelsäulenchirurgie
Isoliertes schweres Wirbelsäulentrauma: Bei fehlender akuter Lebensbedrohung möglichst direkte Versorgung in einem Traumazentrum mit wirbelsäulenchirurgischer Kompetenz, um Sekundärverlegungen zu vermeiden
Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein entsprechend geeignetes Traumazentrum
Kreislaufinstabilität oder andere akute Lebensbedrohung: Die nächstgelegene Klinik mit geeigneter traumatischer Versorgung kann Vorrang vor einem weiter entfernten spezialisierten Zentrum haben
Lange Transportstrecke bei neurologischen Ausfällen: Einsatz der Luftrettung erwägen, da sie insbesondere bei längeren Distanzen einen Zeitvorteil zum geeigneten überregionalen Zentrum bieten kann
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Tipp
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Neurologische Untersuchung
Frakturen der Wirbelsäule
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