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xABCDE-Schema

cABCDE-Schema
32 Minuten Lesezeit

Das xABCDE-Schema (oder cABCDE-Schema) wird verwendet, um schwerverletzte Patient:innen strukturiert zu untersuchen und zu behandeln. Dabei erfolgt eine Priorisierung nach absteigender Lebensgefahr. Der Untersuchungsgang sollte insgesamt maximal 60-90 Sekunden dauern und durch eine Person angeleitet werden. Probleme sollten möglichst sofort behoben werden. Bei einer Zustandsänderung ist erneut nach dem xABCDE-Schema vorzugehen.

xABCDE bzw. cABCDE

Exsanguination/Critical bleeding

  • Bedeutung:
    • Identifikation lebensbedrohlicher äußerer Blutungen, Schuss- oder Stichwunden
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Blutungskontrolle durch Druckverband, Tourniquet oder Woundpacking

Airway (Atemwege)

  • Bedeutung:
    • Inspektion der oberen Atemwege
    • Identifikation einer Atemwegsverlegung (Stridor, Trachealverschiebung)
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Freimachen der Atemwege (Kopfreklination, Fremdkörperentfernung, CAVE: HWS-Trauma)
    • Absaugbereitschaft
    • Ggf. Atemwegssicherung

Breathing (Belüftung/Atmung)

  • Bedeutung:
    • Atemarbeit beurteilen: hören, fühlen, sehen (Thoraxexkursionen, Einsatz von Atemhilfsmuskulatur?)
    • Auskultation, Perkussion
    • Atemfrequenz bestimmen
    • Sauerstoffsättigung messen (Pulsoxymetrie)
    • Identifikation einer oberen Einflussstauung (Stauung Halsvenen, Zungenuntervene)
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Sauerstoffgabe
    • Assistierte/kontrollierte Beatmung
    • Ggf. Entlastungspunktion/ Thoraxdrainage / Thoraxpflaster

Circulation (Kreislauffunktion)

  • Bedeutung:
    • Beurteilung von Herzfrequenz, Pulsqualität, Blutdruck
    • Beurteilung der Rekapillarisierungszeit
    • Beurteilung der Haut: Kolorit, Temperatur, Feuchtigkeit
    • Überprüfung der Herzaktivität mittels EKG
    • Überprüfung der großen Blutungsräume (STU, eFAST)
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Lagerung
    • Peripher-venöser Zugang
    • Volumentherapie
    • Blutstillung

Disability (neurologische Dysfunktionen)

  • Bedeutung:
    • Kontrolle der Pupillenfunktion
    • Anwendung der Glasgow Coma Scale
    • BEFAST-Schema
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Blutzucker messen

Exposure (Umfeldkontrolle)

  • Bedeutung:
    • Analyse des Patient:innenumfeldes/äußere Einflüsse
    • Messung der Körpertemperatur
    • Identifikation von Begleitsymptomen und Begleitverletzungen mittels Body Check - strukturierte Ganzkörperuntersuchung
  • Handlungsmaßnahmen:
    • Entkleidung
    • Wärmeerhalt
    • Schutz vor Umwelteinflüssen
    • Ggf. Analgesie

Das ursprüngliche ABCDE-Schema wurde um das c - Critical Bleeding erweitert, da posttraumatische Blutungen zu den häufigsten Todesursachen gehören und noch vor der weiteren Diagnostik und Therapie behandelt und gestillt werden sollten. Kritische Blutungen werden hierbei nicht erst unter dem Punkt C - Circulation behandelt, sondern direkt zu Beginn. Leichte Blutungen sollten das ABCDE-Schema nicht verzögern und daher erst später behandelt werden.

 Info
cABCDE oder xABCDE

Während das c des cABCDE-Schemas für Critical Bleeding (engl. für kritische Blutung) steht, findet man in der Literatur alternativ auch ein x statt des c als xABCDE-Schema. Das x steht dort für Exsanguination (engl. für Ausbluten). 

Da es beim cABCDE-Schema häufig zu Verwechslungen zwischen großem und kleinem "C", verwenden wir in der Plattform das xABCDE-Schema.

Zu den kritischen Blutungen gehören alle kreislaufrelevanten Blutungen, wobei insbesondere Rumpf- und Kopfblutungen sowie Blutungen bei Beckenfrakturen ein besonders großes Risiko darstellen.

Folgendes Vorgehen hat sich bei der Versorgung kritischer Blutungen bewährt:

Vorgehen bei kritischer Extremitätenblutung
  1. Hochlagerung: bei Extremitätenblutungen
  2. Kompression
    • Initial manuell mit Handschuhen
    • Im Verlauf: Druckverband
  3. Wound Packing: Einbringen von Verbandsmaterial ggf. mit Hämostypika (blutstillende Substanzen) in tiefe Wunden, sofern Druckverband keine ausreichende Blutstillung ermöglicht
  4. Anlage eines Tourniquet (Abbindungssystem, ähnlich wie ein Gürtel) bei Extremitätenblutungen oder eines Beckengurts bei Beckenfrakturen
  5. Permissive Hypotonie: geringer Blutdruck wird von Behandler:in bei massiver nicht komprimierbarer Blutung toleriert

Je nach klinischem Befund kann von diesem Schema abgewichen werden.

 Info
Druckverband
  1. Sterile Kompresse auf die Wunde legen
  2. Zweimal mit einer Mullbinde umwickeln
  3. Nicht saugfähiges Druckpolster auf die Wunde legen (größer als die Wunde)
  4. Restliche Mullbinde umwickeln
  5. Enden der Mullbinde verknoten
Druckverband
Tourniquet
  • Anlageort: 5 cm proximal der Wunde
  • Faustregel: So weit distal wie möglich → Um so viel gesundes Gewebe wie möglich zu schonen
  • Nicht über Gelenke, Wunden oder Frakturen anbringen
  • Ausreichende Analgesie sicherstellen (CAVE: Analgesie darf die Anlage nicht verzögern)
  • Um die Extremität legen und unter Druck schließen (Puls sollte nicht mehr tastbar sein)
  • Regelmäßige Reevaluation 
  • Anlagedauer sollte im zivilen Umfeld 2 Stunden nicht überschreiten

Unter dem Buchstaben A - Airway wird die Beurteilung der Atemwege und die Therapie von Störungen im Zusammenhang mit den Atemwegen behandelt.

Zunächst muss das Bewusstsein der Person beurteilt werden. Bei Bewusstlosigkeit und insuffizienter Atmung sollte unverzüglich mit der Reanimation begonnen werden.

Nach der Behandlung oder dem Ausschluss einer kritischen Blutung werden die Atemwege untersucht. Hierbei werden Atemwegsobstruktionen beurteilt. Spricht die Person normal, ist eine kritische Atemwegsobstruktion unwahrscheinlich. Für eine Atemwegsobstruktion sprechen laute Atemgeräusche, inspiratorischer Stridor, paradoxe Atembewegungen und verstärkte Atembewegungen mit dem Einsatz der Atemhilfsmuskulatur. Im Falle einer kritischen Obstruktion, die zu einer Hypoxie führt/führen kann, ist eine Sicherung der Atemwege erforderlich.

Patient:innen ohne Bewusstsein

Atemwege freimachen und erweitern:

Bei Patient:innen ohne Bewusstsein sollte zuerst der Mund geöffnet werden. Anschließend sollten sichtbare Fremdkörper entfernt bzw. Schleim abgesaugt werden. Um die Atemwege zu erweitern, wird der Nacken überstreckt (nicht bei HWS-Traumata) und das Kinn angehoben.

Kopf überstrecken
Atemwege öffnen (Head tilt chin lift maneuver):

Atemwege offenhalten:

Die Atemwege sollten anschließend durch den Esmarch-Handgriff (manuelles Vorschieben des Unterkiefers) offengehalten werden. Weiterhin sollte eine Sauerstoffgabe und bei insuffizienter Spontanatmung eine Maskenbeatmung erfolgen.

 

Esmarch Handgriff
Atemwege offen halten (Esmarch-Handgriff):

Patient:innen mit erhaltenem Bewusstsein

Patient:innen mit erhaltenem Bewusstsein sollten beruhigt und in eine aufrechte Körperhaltung gebracht werden.

Außerdem sollte eine Inspektion und Fremdkörperentfernung erfolgen. Zu Beginn kann ein Hustenversuch erwogen werden. Bei Verdacht auf eine Fremdkörperaspiration kann dem/der Patient:in fünfmal auf den Rücken zwischen die Schulterblätter geschlagen werden. Weiterhin kann das Heimlich-Manöver durchgeführt werden.

Oberbauchkompressions-Manöver
Oberbauchkompressions-Manöver

Nach Entfernung des Fremdkörpers oder Beseitigung der Obstruktion sollte eine Sauerstoffgabe (bei Oxygenierungsproblemen) und je nach Status der Blutgase eine nicht-invasive Beatmung (NIV: bei Ventilationsproblemen) erwogen werden.

Ursachen

Nach der initialen Atemwegssicherung sollte eine kausale Therapie erfolgen. Bei einer Atemwegsverlegung müssen verschiedene Ursachen differentialdiagnostisch erwogen werden:

  • Atemwegsverlegung durch die Zunge (z.B. bei Bewusstseinsverlust, Zungenbiss)
  • Fremdkörperaspiration
  • Infektionen (Krupp-Syndrom)
  • Weichteilschwellung (Anaphylaxie, Angioödem, Entzündung, Hämatom etc.)
  • Beidseitige Rekurrensparese
  • Tumor

Beurteilung der Halswirbelsäule (HWS)

Hochrisikofaktoren für eine Verletzung der Halswirbelsäule (HWS)

Im Rahmen von Unfallereignissen muss frühzeitig am Unfallort beurteilt werden, ob es zu einer Verletzung der Halswirbelsäule gekommen ist. Hierzu wurden Scores, wie die Canadian C-Spine Rule (CCR) oder die NEXUS-Kriterien entwickelt. Aufgrund des Risikos einer Querschnittslähmung sollte bei unklarem Befund stets eine Immobilisation erfolgen.

Zu den Kriterien, die eine Verletzung der HWS wahrscheinlicher machen, zählen unter anderem unfallbedingte Nackenschmerzen oder sichtbare Verletzungen oberhalb der Clavicula.

Liegt mehr als ein High-Risk-Factor (Alter über 65 Jahre, Parästhesien der unteren Extremitäten, gefährlicher Unfallmechanismus) vor, sollte eine Bildgebung erfolgen.

 Achtung

Bei dem Verdacht auf eine Verletzung der HWS sollte eine Immobilisation erfolgen! Auch bei der Anwendung des Esmarch-Handgriffs sollte der Kopf nicht rekliniert werden.

Zervikalstütze zur Immobilisierung der Halswirbelsäule
Zervikalstütze zur Immobilisierung der Halswirbelsäule
Canadian C-Spine Rule: Entscheidungsregel für die Bildgebung bei HWS-Trauma
Canadian C-Spine Rule
Algorithmus- Wirbelsäulenimmobilisation (RD)

Im Falle einer schwerwiegenden Atemwegsobstruktion sollten die Atemwege gesichert werden. Hierbei werden vier Möglichkeiten unterschieden: 

  • Assistierte Atmung über Gesichtsmaske
  • Supraglottische Atemwegshilfen
  • Endotracheale Intubation
  • Koniotomie

Maskenbeatmung

Eine reine Maskenbeatmung (nicht-invasive Ventilation) kann bei kurzzeitiger respiratorische Insuffizienz und vor oder zwischen Intubationsversuchen erfolgen. Bei mechanischer Verlegung der oberen Atemwege oder hohem Aspirationsrisiko sollte sie jedoch nicht durchgeführt werden.

Maskenbeatmung

Zur Optimierung der Maskenbeatmung kann die Einlage eines nasopharyngealen (Wendl-) Tubus oder eines oropharyngealen (Guedel-) Tubus erfolgen.

Wendl-Tubus:

Der Wendl-Tubus wird bei leicht eingeschränkter Vigilanz zum Offenhalten der Atemwege verwendet. Dieser sollte nicht bei Nasenblutungen, Nasenverletzungen oder Schädelbasisfraktur gelegt werden.

Wendl-Tubus
Wendl-Tubus

Guedel-Tubus:

Der Guedel-Tubus wird bei tief bewusstlosen Patient:innen verwendet, um die Maskenbeatmung zu verbessern. Bei vorhandenen Abwehrreflexen sollte er aufgrund der Aspirationsgefahr nicht gelegt werden. 

Guedel-Tubus
Guedel-Tubus

Supraglottische Atemwegshilfen

Zu den supraglottischen Atemwegshilfen gehören die Larynxmaske, i-gel® und der Larynxtubus. Diese werden insbesondere zur Atemwegssicherung bei geringem Aspirationsrisiko eingesetzt. Da die Applikation im Vergleich zur endotrachealen Intubation einfacher ist, eignen sich die supraglottischen Atemwegshilfen auch für Anfänger mit wenig Intubationserfahrung. Sie werden daher häufig in der Notfallmedizin verwendet. Allerdings ist das Aspirationsrisiko im Vergleich zum endotrachealen Tubus höher, da der Larynxeingang durch supraglottische Atemwegshilfen nicht vollständig abgedichtet werden kann.

Larynxmaske 2. Generation
Larynxmaske
Larynxtubus
Laryxntubus

Endotracheale Intubation

Die endotracheale Intubation ist im Vergleich zu den anderen Maßnahmen deutlich invasiver und schwieriger. Bei einer akuten respiratorischen Insuffizienz sollte sie nur dann erfolgen, wenn eine nicht-invasive Ventilation nicht möglich ist. Die Intubation sollte nur von Helfer:innen mit ausreichender Erfahrung und Routine in diesem Verfahren durchgeführt werden. Bei bewusstlosen Patient:innen mit erhöhtem Aspirationsrisiko, polytraumatisierten Patient:innen mit einem Glasgow-Coma-Scale unter 9, hämodynamischer Instabilität oder einer Sauerstoffsättigung unter 90 % trotz Sauerstoffgabe ist eine endotracheale Intubation indiziert.

Endotracheale Intubation
Endotracheale Intubation

Koniotomie

Bei der Koniotomie wird das Ligamentum cricothyreoideum medianum durchtrennt, um einen künstlichen Atemweg zu schaffen. Diese kommt zum Einsatz, wenn eine schwerwiegende Atemwegsobstruktion vorliegt und die Patient:innen nicht beatmet und intubiert („cannot ventilate, cannot intubate“) werden können.

Durchführung einer Koniotomie
  1. Schildknorpel fixieren
  2. Mit Zeigefinger Ligamentum cricothyreoideum (Ligamentum conicum) ertasten
  3. Haut vertikal durchtrennen
  4. Ligamentum cricothyroideum horizontal durchtrennen
  5. Tubus platzieren
Atemwegsmanagement

Unter dem Buchstaben B - Breathing ((Be-)Atmung) wird die Untersuchung der Atmung und die Behebung von Ventilations- und Gasaustauschstörungen behandelt. Eine genaue Unterscheidung zwischen A (Airway) und B (Breathing) ist nicht immer möglich.

Eine Störung der Atmung kann oft schon durch die Inspektion festgestellt werden. Die Patient:innen beschreiben das subjektive Gefühl der Dyspnoe. Die Atemfrequenz ist vermindert oder erhöht. Außerdem kommt es häufig zum Einsatz der Atemhilfsmuskulatur. Es besteht eine verminderte Sauerstoffsättigung in der Pulsoxymetrie und ein verminderter Sauerstoffpartialdruck (Hypoxie) sowie ggf. ein erhöhter Kohlendioxidpartialdruck (Hyperkapnie) in der Blutgasanalyse (BGA).

Ursachen

  • Atemwegsobstruktion
  • Luft oder Flüssigkeit im Pleuraspalt (Luft: Pneumothorax, Flüssigkeit: Pleuraerguss)
  • Thoraxtrauma
  • Lungenarterienembolie
  • Stoffwechselstörungen, Intoxikationen etc.

Anamnestisch (bzw. fremdanamnestisch) sollten insbesondere der Verlauf der Symptome, Allergien, Nikotinkonsum, Vorerkrankungen (COPD, Asthma, Herzinsuffizienz etc.) und die letzte Nahrungsaufnahme erfragt werden.

Bei einem Atemstillstand oder einer Schnappatmung sollte mit der Reanimation begonnen werden. Im Falle einer Atemwegsobstruktion sind mögliche Fremdkörper zu entfernen und ggf. ein erweitertes Atemwegsmanagement durchzuführen.

Untersuchung

Atemfrequenz
Atemmuster
Pulsoxymetrie
  • Spontanatmung: Sauerstoffgabe
  • Insuffiziente Atmung: Maskenbeatmung, ggf. endotracheale Intubation
Auskultation
Perkussion
  • Bronchiale Obstruktion: ß2-Sympathomimetika
  • Anaphylaxie: Adrenalin i.m.
Inspektion
Thoraxtrauma
FAST-Sono
  • Spannungspneumothorax: Entlastungspunktion/Thoraxdrainage
  • Stichverletzung: 
    • Fremdkörper vorhanden: belassen → Erst intraoperative Entfernung
    • Kein Fremdkörper vorhanden: Thoraxpflaster

Sauerstoffgabe

Im Falle einer Hypoxie bei vorhandener Spontanatmung sollte eine Sauerstoffgabe erfolgen. Eine übermäßige Sauerstoffgabe ist dabei jedoch zu vermeiden. Liegt eine chronische Hypoxie vor (z.B. im Rahmen einer COPD), kann auch eine geringere Sauerstoffsättigung um die 90% toleriert werden. Die Sauerstoffgabe sollte an das subjektive Empfinden der Patient:innen und an die Sauerstoffsättigungswerte angepasst werden. Im Falle einer Hypoxie oder Hyperkapnie sollten außerdem regelmäßige Blutgasanalysen durchgeführt werden. Bei Patient:innen mit einer COPD und einer Hyperkapnie sollte die Indikation für eine NIV-Therapie evaluiert werden.

  • Bei einer gering ausgeprägten Hypoxie kann die Sauerstoffgabe über eine Nasenbrille erfolgen. Die inspiratorische Sauerstofffraktion wird hierdurch je nach Zufuhr auf bis zu 40% gesteigert (FiO2 0,24-0,4).
  • Ist eine Sauerstoffgabe von über 5 Litern erforderlich, so sollte eine Maske appliziert werden. Die Maske sollte den Nasenrücken bedecken und nicht über das Kinn hinausragen.
  • Ist die Sauerstoffzufuhr weiterhin unzureichend, sollte bei einem Sauerstoffbedarf von mehr als 10 Litern eine Sauerstoffmaske mit Reservebeutel verwendet werden. Hierdurch kann ein FiO2 von 0,6-1,0 erreicht werden.
Sauerstoffgabe

Nicht-invasive Ventilation/Beatmung (NIV)

Bei der NIV erfolgt die Beatmung nicht über einen invasiven Beatmungszugang (z.B. Endotrachealtubus), sondern über eine sehr eng anliegende Maske mit anpassbaren Beatmungsdrücken. Im Gegensatz zur invasiven Beatmung ist bei der NIV keine tiefe Analgosedierung notwendig. Der Nachteil ist jedoch eine erhöhte Aspirationsgefahr. Die NIV sollte nicht bei fehlender Spontanatmung, Verlegung der Atemwege, Koma, schweren Hypoxien oder einer ausgeprägten Azidose (pH <7,1) angewendet werden.

Indikationen:

  • Akut exazerbierte COPD mit Hyperkapnie
  • Akute respiratorische Insuffizienz (z.B. bei neuromuskulären Erkrankungen)
  • Kardiales Lungenödem (verbessert die Oxygenierung durch Dilatation der Alveolen)
Nicht-invasive Beatmung (NIV) bei Lungenödem

Diagnostik

  • Körperliche Untersuchung
  • Arterielle Blutgasanalyse (siehe BGA)
  • Pulsoxymetrie + venöse BGA
  • FAST-Sonographie
  • Labordiagnostik: Entzündungswerte, Elektrolyte etc.
  • Blutkulturen bei Verdacht auf einen Infekt vor Antibiotikagabe
  • Bei Polytrauma: Ganzkörper-CT
  • Ggf. Röntgen-Thorax

Differentialdiagnosen Dyspnoe

Für das Leitsymptom Dyspnoe gibt es einige Differentialdiagnosen, die es zu bedenken und abzuklären gilt. In der Übersicht findet ihr stark vereinfacht (!) die wichtigsten Differentialdiagnosen, deren Leitsymptome und Therapie.

DiagnoseSymptomeTherapie
COPDChronischer Hustenß2-Sympathomimetika, Parasympatholytika Glucocorticoide, ggf. Antibiotika, O2, ggf. NIV
AsthmaGiemenGlucocorticoide, ß2-Sympathomimetika
PneumonieFieber, HustenAntibiotika
IntoxikationMiosis, Mydriasisz.B. Opioide: Naloxon
AnaphylaxieÖdem/SchwellungAdrenalin, Antihistaminika
TraumaBlutungBlutstillung, Operation, Thoraxpflaster
AnämieBlässeTransfusion
Erhöhter intrakranieller DruckAnisokorieGgf. operative Versorgung
HerzinsuffizienzUnterschenkelödemeDiuretika
FremdkörperaspirationPlötzlicher Beginn, StridorSiehe Atemwegsmanagement
LungenembolieAtemabhängige SchmerzenAntikoagulation, Thrombolyse
Diabetische KetoazidoseExsikkose, Polyurie, PolydipsieInsulin, Flüssigkeit
PleuraergussAbgeschwächter KlopfschallDiuretika, Pleurapunktion
SpannungspneumothoraxGestaute Halsvenen, atemabhängige SchmerzenEntlastungspunktion, Thoraxdrainage

Der Buchstabe C - Circulation umfasst die Untersuchung des Herz-Kreislauf-Systems und die Behandlung von Störungen des Herz-Kreislauf-Systems. Hierunter fallen auch Blutungen, die nicht bereits unter c (Critical Bleeding) behandelt wurden.

Wie immer werden bei der Beurteilung des Kreislaufs zuerst Bewusstsein, Atmung und Puls der Patient:innen überprüft. Bei fehlender Atmung oder Pulslosigkeit sollte im Fall einer Bewusstlosigkeit mit der Reanimation begonnen werden.

Ist dies nicht der Fall, sollte nach Ausschluss bzw. Therapie eines A- oder B-Problems der Kreislauf untersucht werden. Mögliche Hinweise auf eine Minderdurchblutung:

  • Kalte Extremitäten
  • Tachykardie
  • Blasses/marmoriertes Hautkolorit
  • Vigilanzminderung
  • Äußere Blutung oder Hämatom als Hinweis auf eine innere Blutung

Diagnostik

Zur Objektivierung und weiteren Abklärung der Befunde sollte folgende Diagnostik erfolgen:

  • Blutdruck:
    • Normwert: 120-139 mmHg systolisch und 80-89 mmHg diastolisch. Bei einer Herzinsuffizienz können auch niedrigere Werte bis um die 100 mmHg systolisch toleriert werden. Die Werte sollten in Zusammenschau mit den klinischen Befunden und Vorwerten der Patient:innen interpretiert werden.
  • Puls:
    • Normwert: 60-100 Schläge/Minute
    • <60/min: Bradykardie
    • >100/min: Tachykardie
  • Elektrokardiogramm
  • Pulsoxymetrie
  • Rekapillarisierungszeit
  • Schnelle Trauma-Untersuchung (STU)
    • Palpation der großen Blutungsräume (Bauch, Becken, Oberschenkel)
Rekapillarisierungszeit
Überprüfung der Rekapillarisierungszeit

Unter dem Buchstaben D - Disability werden die Untersuchung des neurologischen und psychiatrischen Status und die Behandlung neurologischer oder psychiatrischer Probleme beschrieben.

Basisdiagnostik

Zur weiteren Abklärung neurologischer oder psychiatrischer Auffälligkeiten sollte, sofern nicht bereits unter A, B oder C erfolgt, eine Basisdiagnostik durchgeführt werden:

  • Neurologische Untersuchung: fokal neurologisches Defizit? Epileptischer Anfall? Hirnstammreflexe, Hirnnerven, Meningismus, BE-FAST, …
  • Blutzuckermessung: Erkennen von Blutzuckerentgleisungen
 Info
Ausblick in die Klinik:
  • BGA: Glucose (Hypoglykämie kann einen Schlaganfall vortäuschen); Elektrolyte (insbesondere Hyponatriämie und Hypercalcämie)
  • Drogentests/Abklärung einer möglichen Intoxikation (z.B. Bestimmung von Atemalkohol und Ethanol im Serum)
  • Labordiagnostik: kleines Blutbild, Transaminasen, Ammoniak (hepatische Enzephalopathie), Kreatinin (Nierenversagen), CRP (Infektion), Blutkulturen bei Infektionsverdacht (vor dem Beginn einer Antibiose)
  • Bei ungeklärter Ursache nach Sichtung der Basisdiagnostik: CT-Angiographie, Schädel-CT (cCT)
  • Bei fehlenden radiologischen Hinweisen auf einen erhöhten Hirndruck ggf.: Lumbalpunktion
 Tipp

Eine fokussierte neurologische Untersuchung kann wichtige differentialdiagnostische Hinweise geben und sollte von allen Fachdisziplinen beherrscht werden.

 Tipp

Neben einem Schlaganfall sollte differenzialdiagnostisch auch immer an eine Hypoglykämie, Intoxikation oder Drogeneinnahme gedacht werden.

Quantitative Bewusstseinsstörung

Bei den quantitativen Bewusstseinsstörungen wird die Wachheit (Vigilanz) der Patient:innen beurteilt:

  • Somnolenz: Patient:in erweckbar, bleibt bei Ansprache wach, rasches Einschlafen
  • Sopor: Patient:in erweckbar, bleibt bei Ansprache nicht wach
  • Koma: Patient:in nicht erweckbar

Zur objektiven Klassifikation bei Schädel-Hirn-Traumata (SHT) wurde die Glasgow-Coma-Scale (GCS) entwickelt. Bei dieser werden drei Kategorien (Augenöffnen, verbale Reaktion und motorische Reaktion) getestet. Die Punkte der besten jeweiligen Reaktion werden addiert (3-15 Punkte). Je geringer die Punktzahl, desto schwerwiegender die Vigilanzminderung.

Glasgow Coma Scale (GCS)

Im Falle einer Vigilanzminderung steht die Optimierung der Vitalparameter an erster Stelle. Liegt eine schwerwiegende Bewusstseinsstörung ohne Atmung oder Puls vor, sollte mit der Reanimation begonnen werden.

Bei einer quantitativen Bewusstseinsstörung sollte die zuvor dargestellte Basisdiagnostik und anschließend eine zielgerichtete Therapie erfolgen.

Qualitative Bewusstseinsstörung

Bei einer qualitativen Bewusstseinsstörung liegt eine Beeinträchtigung der Psyche ohne Vigilanzminderung vor.

OrientierungZeit
Ort
Person
Situation
Merk- und Erinnerungsfähigkeit3 Begriffe merken und nach 3 Minuten abfragen
Wiederkehrende Fragen der Person
PsychomotorikHyperaktivität
Hypoaktivität
WahrnehmungsstörungenHalluzinationen
Denkstörungenz.B. Wahnideen, Ideenflucht

Qualitative Bewusstseinsstörungen können psychiatrische, aber auch diverse internistische Ursachen haben. Stehen Wahrnehmungs- und Denkstörungen im Vordergrund, spricht dies für das Vorliegen einer Psychose. Eine Eigen- oder Fremdgefährdung sollte abgeklärt werden. Besteht eine internistische Erkrankung (z.B. Infekt), kann dies auf ein Delir hindeuten. In diesem Fall sollte die ursächliche Grunderkrankung therapiert werden.

 Info
Prüfung der Orientierung (ZOPS)

Für eine grobe Prüfung der Orientierung empfiehlt sich die Abfrage von Zeit, Ort, Person und Situation (ZOPS). Folgende Fragen können gestellt werden:

  • Welches Datum haben wir heute/Wochentag/Jahreszeit?
  • Wo sind wir grade? Wie heißt das Krankenhaus? In welcher Stadt befinden wir uns?
  • Könnten Sie mir bitte einmal Ihren Vor- und Nachnamen und Ihr Geburtsdatum nennen?
  • Warum sind Sie zu uns gekommen?

Hierbei sollte der/die Patient:in respektvoll gefragt werden. Beispielsweise kann erwähnt werden, dass dies Standardfragen sind.

Eigengefährdung oder Fremdgefährdung:

Bei dem Verdacht auf eine Eigengefährdung sollte gezielt nach Suizidalität, selbstverletzendem Verhalten und Substanzmissbrauch gefragt werden. Es sollte weiterhin auf eine Fremdgefährdung geachtet werden. Hierbei gilt es, neben dem Schutz anderer Patient:innen auch auf den Eigenschutz zu achten.

Akutes fokal-neurologisches Defizit

Ein fokal-neurologisches Defizit beschreibt einen Funktionsverlust des Nervensystems, der sich fokal, also im Seiten- oder Höhenvergleich, zeigen kann. Das Defizit kann dem Innervationsgebiet eines Nervs oder einem Kortexareal zugeordnet werden. Tritt der Funktionsverlust akut auf und kann einer Läsion des ZNS zugeordnet werden, sollte so schnell wie möglich eine Diagnostik erfolgen. 

Bei einem fokal-neurologischen Defizit spielt die neurologische Untersuchung eine wichtige Rolle. Die Befunde sollten immer im Seitenvergleich interpretiert werden. Ein einseitig pathologischer Befund spricht für eine Schädigung im Gehirn, während eine beidseitige Symptomatik auf eine Rückenmarksschädigung hinweist.

SpracheArtikulation und SprachverständnisAphasie (= keine Sprachproduktion), Dysarthrie (= gestörte Artikulation)
SehenFingerperimetrieVisusausfall, Homonyme Hemianopsie
OkulomotorikPupillengröße, Blickstellung, willkürliche AugenbewegungenMiosis, Mydriasis, Anisokorie (=Seitendifferenz der Pupillendurchmesser), Blicklähmung
Gesichts-mukulaturStellung der Mundwinkel, Stirnrunzeln, Lidschluss, LippenmotorikFazialisparese
Hirnstamm-reflexePupillenreflex, Kornealreflex, vestibulo-okulärer ReflexReflexausfall
Zerebelläre FunktionenFinger-Nase-Versuch, Knie-Hacke-VersuchDysmetrie (pathologische Zielbewegungen), ataktische Bewegungen (z.B. Zieltremor), sakkadierte Blickfolgen
KraftprüfungArmhalteversuch, BeinhalteversuchFallen/Absinken einer Extremität
MuskeltonusPassives Durchbewegen der GelenkeSchlaffer Muskeltonus, spastisch gesteigerter Muskeltonus
SensibilitätBestreichen der KörperregionenHypästhesie
ReflexeBizepssehnenreflex, Bauchhautreflexe, Babinski-ReflexReflexe abgeschwächt oder gesteigert, positiver Babinski-Reflex
Stand- und GangprüfungRomberg-StehversuchSchwanken oder Fallneigung

Die ausführliche neurologische Untersuchung erfordert viel Erfahrung. Mit ein wenig Übung lassen sich akut behandlungsbedürftige Krankheitsbilder jedoch auch als Anfänger:in erkennen.

Der Armhalteversuch eignet sich zur groben Einschätzung bei Verdacht auf einen Schlaganfall. Hierbei hält der/die Patient:in beide Arme mit den Handflächen nach oben ausgestreckt vor sich. Das Absinken eines Armes oder die Pronation einer Hand sind Anlass zur weiteren Abklärung.

Unter dem Buchstaben E - Exposure oder auch Environment werden mehrere allgemeine Punkte zusammengefasst. Nachdem akut lebensbedrohliche Zustände ausgeschlossen wurden (cABCD), gilt es, die Untersuchungen zu vervollständigen und die Verdachtsdiagnose(n) zu hinterfragen. Bei einer Verschlechterung des Patient:innenenzustandes sollte das Schema erneut durchgeführt werden.

  • Entkleiden: komplette Entkleidung der Person zur Ganzkörperuntersuchung
    • Reevaluation der Verdachtsdiagnose(n)
    • Identifikation von Begleitverletzungen und weiteren Befunden
    • Sterile Versorgung von Wunden
  • Environment: Schutz vor Umwelteinflüssen
    • Wärmeerhalt: z.B. Wärmedecken zur Vermeidung oder Therapie einer Hypothermie oder Kühlung bei Hyperthermie
    • Analgesie: ausreichende Schmerztherapie
    • Sicherung der Unfallstelle/Eigenschutz: Straßensperrung, Chemikalien sichern, Infektionsschutzmaßnahmen etc.
  • Ausführliche Eigen- und Fremdanamnese: siehe SAMPLERS-Schema und OPQRST-Schema
xABCDE-Schema - E: Exposure

Als Einstieg in die Krankheitsbilder findest du im Bereich Rettungsdienst regelmäßig Fallbeispiele, in denen das xABCDE-Schema genutzt wird. Diese veranschaulichen das Schema anhand eines konkreten Behandlungsanlasses und machen es leicht, es für die spätere Anwendung zu lernen

Zuletzt aktualisiert am 06.07.2026
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