Ein akutes Koronarsyndrom (= ACS) umfasst mehrere Krankheitsbilder, die auf eine unzureichendeSauerstoffversorgungdesHerzens zurückzuführen sind.
Es umfasst die drei Krankheitsbilder ST-Hebungsinfarkt kurz STEMI, Nicht-ST-Hebungsinfarkt kurz NSTE-ACS und instabileAnginapectoris.
In den meistenFällen liegt die Ursache in einer Plaqueruptur mit nachfolgender Thrombenbildung, die zu einem teilweisen oder vollständigenVerschlusseinerKoronararterie führt. Dabei kommt es zu einer akuten Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff. Ursache hierfür ist entweder eine verminderte Sauerstoffzufuhr (z.B. durch Gefäßverschluss) oder ein erhöhter Sauerstoffbedarf der Herzmuskelzellen, den das Herz nicht mehr decken kann.
Das Leitsymptom eines ACS ist ein retrosternaler Druckschmerz oder Engegefühl, häufig als „Vernichtungsschmerz“ beschrieben, der länger als 20 Minuten anhält und typischerweise in Ruhe auftritt.
Eine schnelle EKG-Diagnostik innerhalb der ersten 10 Minuten nach Patientenkontakt ist entscheidend, um zwischen den verschiedenen Formen des ACS (z.B. STEMI oder NSTE-ACS) unterscheiden zu können.
Das oberste Ziel ist die Identifikation behandlungsbedürftiger Situationen, insbesondere eines STEMI. Hierzu ist die schnellstmögliche Ableitung und Befundung eines 12-Kanal-EKGs notwendig. Bei STEMI-Nachweis sollte ein zügiger Transport in ein Krankenhaus mit Herzkatheterlabor erfolgen, mit dem Ziel, die Behandlung innerhalb von 90 Minuten nach Erstkontakt zu beginnen. Zusätzlich ist die Einleitung einer antithrombotischen Therapie mit ASS und Heparin essenzieller Bestandteil der leitliniengerechten Versorgung im Rettungsdienst.
Um den Einstieg in das Thema akutes Koronarsyndrom etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Akuter Thoraxschmerz
Ort: Einfamilienhaus
Alarmzeit: 09:32 Uhr
Anrufer:in: Ehefrau
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 63 Jahre alt
Patient klagt über starke Brustschmerzen
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird die Tür von der Ehefrau geöffnet. Der Patient sitzt auf einem Sofa im Wohnzimmer und wirktsichtlichängstlich.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist wach und reagiert gezielt auf Ansprache
Bei der Atemkontrolle wird eine regelmäßige Atemfrequenz von 22/min festgestellt
Der Patient zeigt eine ausgeprägte Kaltschweißigkeit
Die Ehefrau, die den Notruf abgesetzt hat, berichtet, dass ihr Mann seit ungefähr 30 Minuten über plötzlich einsetzende Schmerzen in der Brust klagt
Es sind keine äußeren Verletzungen erkennbar
Dieses Bild wurde mit der KI-Software DALL·E (OpenAI) erstellt. Es wurde automatisch generiert und dient ausschließlich illustrativen Zwecken.
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
Abbildung verwendet gemäß Flaticon-Premium-Lizenz. Dieses Bild darf ggf. nur mit einer entsprechenden Flaticon-Premium-Lizenz außerhalb der Medi Know-Materialien verwendet werden.
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patient spricht selbstständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Palpatorisch:
Keine Krepitation spürbar
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 94 %
Atemfrequenz: 22/min, regelmäßig
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt kaltschweißig
Rekap-Zeit: 3 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Gut tastbar
Tachykard, 119/min
Akutes C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion:5
Beste motorische Reaktion:6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine weiteren Verletzungen sichtbar
Temperatur: 37,1 °C
Symptome:
Brustschmerzen
Angst
Übelkeit
Allergien / Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Ramipril, Insulin, Atorvastatin
Patientengeschichte: Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 1, Adipositas, Nikotinabusus, Hyperlipidämie
Letzte Mahlzeit: Frühstück 07:30 Uhr
Ereignis: Plötzliches Einsetzen der Symptomatik in Ruhe
Risikofaktoren: Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 1, Adipositas, Nikotinabusus, Hyperlipidämie
Kein E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Definition
Ein akutes Koronarsyndrom (= ACS) umfasst mehrere Krankheitsbilder, die auf eine unzureichendeSauerstoffversorgungdesHerzens zurückzuführen sind.
Es umfasst folgende drei Krankheitsbilder:
ST-Hebungsinfarkt (STEMI)
Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI)
InstabileAnginapectoris
Der STEMI und der NSTEMI können zum akuten Myokardinfarkt zusammengefasst werden. Die Krankheitsbilder sind nicht anhand der Symptomatik unterscheidbar.
Die instabile Angina pectoris und der NSTEMI werden als NSTE-ACS bezeichnet. Nur auf Grundlage von Laborwerten sind diese zu differenzieren.
Um die Definition des akuten Koronarsyndroms zu erfüllen, müssen die Patienten in jedem Fall Beschwerden im Sinne einer instabilen Anginapectoris haben. Die Kriterien eines NSTEMIs sind erfüllt, wenn zusätzlich die Herzenzyme eine Dynamik aufweisen. Ein STEMI liegt vor, wenn eine instabile Angina pectoris besteht und im EKG signifikante ST-Streckenhebungen in mindestens zwei regional benachbarten Ableitungen vorliegen.
Angina pectoris ist ein plötzlich auftretendes, meist belastungsabhängiges Brustschmerz- oder Druckgefühl infolge einer vorübergehenden Minderdurchblutung des Herzmuskels. Sie ist ein typisches Leitsymptom der koronaren Herzkrankheit (KHK) und kann in stabile und instabile Formen unterteilt werden.
Stabile Angina pectoris:
Brustschmerz, der typischerweise bei körperlicher Belastung auftritt
Verursacht durch einen stabilen Plaque mit >70% Stenose eines Koronargefäßes
Schmerzdauer meist unter 10 Minuten, mit Beschwerdefreiheit in Ruhe
Spricht auf Nitroglycerin an und zeigt keinen Anhalt für klinische Progression
Instabile Angina pectoris:
Brustschmerz tritt in Ruhe oder bei minimaler Belastung auf
Verursacht durch eine Myokardischämie infolge einer Plaqueruptur
Schmerzdauer ist häufig länger als 20 Minuten
Spricht nicht auf Nitroglycerin an und es gibt Anzeichen für klinische Progression
Plaqueruptur mit Thrombenbildung → Häufigste Ursache (~70–80 %): Eine instabile atherosklerotische Plaque in den Koronararterien reißt ein, woraufhin sich ein Thrombus bildet, der das Gefäß teilweise oder vollständig verschließt
Plaqueerosion mit Thrombusbildung → Zweithäufigste Ursache: Endothelverlust ohne Ruptur, ebenfalls mit Thrombozytenaggregation und nachfolgendem Gefäßverschluss verbunden
Koronarspasmus (vasospastische Angina / Prinzmetal-Angina): Transiente Myokardischämie durch reversible Gefäßverengung
Koronare mikrovaskuläre Dysfunktion: Funktionelle Durchblutungsstörung, z.B. bei diabetischer Angiopathie
Koronare Embolien: Beispielsweise bei Vorhofflimmern, Endokarditis oder mechanischen Herzklappen
Aortenklappenvitien (z.B. schwere Aortenstenose): Verminderte koronare Perfusion durch Drucküberlastung oder reduzierten diastolischen Fluss
Erhöhter O₂-Bedarf: Beispielsweise bei Tachykardie, Anämie, Hypotonie oder hypertensiver Krise, besonders bei vorbestehender KHK
Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Sauerstoffangebot vs. Sauerstoffbedarf:
Myokardischämie entsteht, wenn das Sauerstoffangebot (z.B. bei Koronarverschluss) den Sauerstoffbedarf des Herzens (z.B. bei Tachykardie, Hypertonie) nicht decken kann
Der Herzmuskel ist hochgradig auf kontinuierliche Perfusion angewiesen, da er keine relevanten Energiespeicher besitzt
Koronare Autoregulation:
GesundeKoronargefäße können sich an veränderteBedürfnisseanpassen (Vasodilatation bei erhöhtem O2-Bedarf)
Bei Arteriosklerose ist diese Autoregulation gestört, was in Belastung oder auch in Ruhe zur Ischämie führen kann
Info
Das akute Koronarsyndrom entsteht durch eine plötzlichverminderteDurchblutungdesHerzmuskels. Ursache ist meist der akuteVerschluss einer Koronararterie infolgeeinerPlaqueruptur oder Plaqueerosionmit anschließender Thrombusbildung.
1. Beginn des akuten Koronarsyndroms: Plaqueschädigung der Koronararterie
Der wichtigstepathophysiologischeAuslöser des akuten Koronarsyndroms ist die SchädigungeineratherosklerotischenPlaque, bei der entweder die fibröseKappeeinreißt (Plaqueruptur) oder das schützendeEndothelverlorengeht (Plaqueerosion).
Plaqueruptur: Die dünne fibröse Kappe der Plaque reißt ein → Freilegung von thrombogenem Material wie Lipiden, Kollagen und Tissue-Factor
Plaqueerosion: Das Endothel der Plaque wird geschädigt oder geht verloren, ohne dass die Plaque vollständig einreißt. Dies tritt häufiger bei lipidarmen Plaques auf und wird durch mechanischen Stress oder endotheliale Dysfunktion begünstigt
Beide Mechanismen führen dazu, dass thrombogen wirkende Strukturen plötzlich mit dem Blutstrom in Kontakt kommen und dadurch die Blutgerinnung aktiviert wird → dies markiert den Beginn des akuten Koronarsyndroms
2. Thrombusbildung und Verschluss der Koronararterie
Nach der Schädigung oder Ruptur der Plaque werden innerhalb kurzer Zeit mehrere Gerinnungsprozesse aktiviert:
Thrombozyten lagern sich an die freigelegten Kollagenfasern der Gefäßwand an
Die aktivierten Thrombozyten setzen Botenstoffe wie ADP, Thromboxan A₂ und Serotonin frei → weitere Thrombozyten werden angelockt und aktiviert
Gleichzeitig wird die Gerinnungskaskade aktiviert → dabei entsteht Fibrin, das den Thrombozytenpfropf stabilisiert und zur Ausbildung eines festen Thrombus führt
Info
Je nach Größe des Thrombus kommt es zu unterschiedlichen Formen des akuten Koronarsyndroms:
Vollständiger Gefäßverschluss → ST-Hebungsinfarkt (STEMI) mit transmuralerIschämie und SchädigungallerHerzwandschichten
Teilweiser oder vorübergehender Gefäßverschluss → Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTE-ACS) oder instabile Angina pectoris mit überwiegend subendokardialerIschämie der inneren Herzmuskelschichten
Durch die fortschreitendeEinengung oder den VerschlussderKoronararterie entsteht ein MissverhältniszwischenO2-Angebot und O2-Bedarf des Herzmuskels.
O2-Angebot ↓durch verminderte Durchblutung der Koronararterien und den reduzierten Koronarfluss
O2-Bedarf ↑ durch Tachykardie, arterielle Hypertonie oder erhöhte Kontraktionskraft des Herzens
Achtung
Dadurch entwickelt sich eine akute Myokardischämie mit zunehmender Funktionsstörung der Kardiomyozyten und reduzierter Kontraktilität des Myokards → Abfall von Schlagvolumen und Herzzeitvolumen bis zum akuten Pumpversagen.
4. Zelluläre und metabolische Veränderungen
Durch die myokardialeMinderperfusioninfolge des Sauerstoffmangels entstehen charakteristische zelluläre und metabolischeVeränderungen.
Irreversible Zellschäden mit Membranzerstörung und Proteinabbau
Beginn der Koagulationsnekrose (irreversibler Zelluntergang)
Achtung
Herzrhythmusstörungen in der Frühphase
Die myokardialeIschämieverändert das MembranpotenzialderKardiomyozyten und führt zu einer elektrischenInstabilität des Herzens. Dadurch werden ventrikuläreArrhythmien, Ersatzrhythmen und insbesondereKammerflimmernbegünstigt, welches die häufigsteTodesursacheinderFrühphase des akuten Koronarsyndroms darstellt.
5. Entzündliche Reaktion nach dem Koronarverschluss
Der akute Verschluss einer Koronararterie löst eine starke Entzündungsreaktion im geschädigten Myokard aus.
NeutrophileGranulozyten und Makrophagen wandern in das geschädigte Gewebe ein
Diese Zellen setzen Entzündungsmediatoren, Zytokine und Proteasenfrei → Zellschädigung, die Nekroseausdehnung und Mikrogefäßschäden werden zusätzlich verstärkt
M1-Makrophagenfördern und erhalten die Entzündungsreaktion aufrecht
M2-Makrophagen leiten anschließend Reparatur- und Heilungsprozesse ein
Merke
Im weiteren Verlauf wird das abgestorbeneMyokarddurchkollagenreichesBindegewebeersetzt, wodurch eine fibrotischeNarbe entsteht.
Zusammenfassung der pathophysiologischen Vorgänge
Phase
Pathophysiologischer Vorgang
Folge
Plaqueruptur oder Plaqueerosion
Freilegung thrombogenen Materials der Plaque
Aktivierung von Thrombozyten und Gerinnungssystem
Thrombusbildung
Thrombozytenadhäsion, Aggregation und Fibrinbildung
Partieller oder vollständiger Verschluss der Koronararterie
Koronarverschluss
Verminderte Durchblutung und Sauerstoffmangel im Myokard
Beginn der Myokardischämie
Metabolische Störung
ATP-Abfall, anaerober Stoffwechsel und Laktatanstieg
Azidose, gestörte Erregungsleitung und Arrhythmierisiko
Ausfall der Ionenpumpen
Funktionsverlust ATP-abhängiger Na⁺/K⁺- und Ca²⁺-Pumpen
Zellschwellung und intrazelluläre Kalziumüberladung
Irreversible Zellschädigung
Membranzerstörung und enzymatische Zellschädigung
Beginn der Koagulationsnekrose
Entzündung und Heilung
Einwanderung von Entzündungszellen und Aktivierung von Makrophagen
Fibrosierung und Bildung einer Myokardnarbe
Weitere Pathomechanismen des akuten Koronarsyndroms
Neben der klassischen thrombotischen GefäßokklusiondurchPlaqueruptur (Typ 1) können auch andereMechanismen ein akutes Koronarsyndrom auslösen.
Ein Koronarspasmus kann zu einer vorübergehenden starken Gefäßverengung und damit zu einer Minderdurchblutung des Myokards führen
Thromboembolien aus proximalen Gefäßen oder den Herzvorhöfen können Koronararterien akut verschließen
Bei einer spontanen Koronardissektion (SCAD) entsteht ein Einriss der Gefäßwand mit intramuralem Hämatom und Lumeneinengung
Auch ein ausgeprägtesMissverhältniszwischenSauerstoffangebotundSauerstoffbedarf, z.B. bei Anämie, Schock, respiratorischer Insuffizienz oder hypertensiver Entgleisung, kann einen Myokardinfarkt (Typ 2) verursachen
Zusammenfassung: die kritischen Probleme des akuten Koronarsyndroms
Akuter Koronarverschluss: verminderte oder unterbrochene Myokardperfusion → Sauerstoffmangel des Herzmuskels
Myokardischämie: Missverhältnis O₂-Angebot und O₂-Bedarf → energetisches Defizit der Kardiomyozyten
Metabolische Entgleisung: ATP ↓, anaerober Stoffwechsel und Laktatanstieg → metabolische Azidose und Funktionsverlust der Herzmuskelzellen
Elektrische Instabilität: gestörter Ionenhaushalt und Veränderung des Membranpotenzials → ventrikuläre Arrhythmien und Kammerflimmern
Pumpversagen: reduzierte Kontraktilität des Myokards → Abfall von Schlagvolumen und Herzzeitvolumen
Irreversible Zellschädigung: anhaltende Ischämie → Koagulationsnekrose und Untergang von Kardiomyozyten
Entzündungsreaktion und Remodelling: Einwanderung von Entzündungszellen und Fibrosierung → Bildung einer nicht kontraktilen Myokardnarbe
Langzeitfolgen: struktureller Umbau des Ventrikels → chronische Herzinsuffizienz und erhöhte Arrhythmieneigung
Definition
Die Arteriosklerose bezeichnet eine Verhärtung und Elastizitätsminderung der Arterienwand unabhängig von ihrer Ursache. Die häufigste Form ist die Atherosklerose, bei der es zu lipidreichen Plaqueablagerungen in der Intima der Gefäßwand kommt.
Durch das Fortschreiten dieser Plaques verengt sich das Gefäßlumen, wodurch die Durchblutung nachgeschalteter Gewebe eingeschränkt werden kann. Die daraus resultierende Minderperfusion kann zu Ischämien und verschiedenen kardiovaskulären Erkrankungen führen, darunter die koronare Herzkrankheit (KHK), die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), der ischämische Schlaganfall sowie Aortenaneurysmen.
Pathophysiologie
Chronische Endothelbelastung:
Die chronische Endothelbelastung führt zu einer dauerhaften Schädigung des Gefäßendothels und bildet die Grundlage für die Entstehung atherosklerotischer Plaques
1.1. Hämodynamische Belastung:
Es kommt insbesondere lokal an Stellen mit ungeordneten bzw. besonderen Strömungsverhältnissen, wie z.B. an Gefäßgabelungen, zu einer Belastung des Endothels
Durch eine arterielle Hypertonie wird das gesamte Gefäßsystem belastet
1.2. Biochemisch-toxische Belastung:
Dyslipidämie mit erhöhten LDL-Konzentrationen
LDL innerhalb der Intima locken Makrophagen in die geschädigte Gefäßwand
Oxidiertes LDL wird von den Monozyten/Makrophagen mittels des Scavanger-Rezeptors phagozytiert. Aufgrund fehlender Feedbackmechanismen kommt es zu einer exzessiven LDL-Phagozytose und zu einer Transformation der Makrophagen zu sogenannten Schaumzellen. Diese werden zusammen mit extrazellulären Lipidablagerungen ab einem gewissen Stadium als Fatty Streaks makroskopisch sichtbar
Im Verlauf nekrotisieren die Schaumzellen und geben die phagozytierten Lipide frei
Es resultiert eine Schädigung der Gefäße durch die direkte Zytotoxizität der oxidierten Lipoproteine und die chronische Entzündungs- und Immunreaktion. Wachstumsfaktoren und proinflammatorischen Zytokine werden freigesetzt. Weiterhin werden weitere Monozyten und Leukozyten rekrutiert und es kommt zu einem Teufelskreis
Interleukine stimulieren die Einwanderung von Myofibroblasten aus der Media
Die Myofibroblasten werden zu Fibrozyten und bilden eine atheromatöse Kappe
Im Verlauf fällt Calcium aus, das zu einer Verhärtung der Gefäßwand führt
Neben der erhöhten LDL-Konzentration spielen auch verminderte HDL-Werte und erhöhte Werte von Lipoprotein (a) (= Lp(a)) eine Rolle in der Pathogenese der Atherosklerose
Homocysteinämie: erhöhte Homocystin-Konzentrationen bewirken eine Dysregulation des Lipidstoffwechsels, da sie die Apoptose fördern
Vorbestehende chronisch-entzündliche Erkrankungen wie z.B. rheumatoide Arthritis oder (aktuell noch nicht gänzlich erforscht) Infektionen
Exogene Toxine: insbesondere das Rauchen führt aufgrund einer Erhöhung freier Radikale und somit des oxidativen Stresses zu einer Atherosklerose
2. Chronische endotheliale Dysfunktion:
Aufgrund einer Insuffizienz der endothelialen NO-Synthase (= eNOS) und aufgrund des oxidativen Stresses (NO reagiert mit Sauerstoffsuperoxid zu Peroxinitrit) resultiert ein NO-Mangel
Aufgrund des NO-Mangels kommt es zu einer Störung der Funktionen des Gefäßendothels und somit der Thrombozytenaggregation und –adhäsion, der Monozyten- und Leukozytenadhäsion und der Regulierung der Gefäßpermeabilität und der Gefäßweite
3. Komplikationen:
Chronische Stenosierung: aufgrund des zunehmenden Wachstums der Plaques kommt es zu einer Verminderung des Gefäßdurchmessers
Akute Verschlüsse: akute Ruptur/Ulceration des Plaques führt zu einer Freilegung des nekrotischen Kerns und zu einer lokalen Thrombose oder einer Embolie
Kalzifikation: Störung der Hämodynamik aufgrund einer Versteifung der Arterie
Aneurysma: durch eine Atrophie der Media und einem Verlust elastischer Fasern kann es zu einer Wandschwäche mit der Ausbildung eines Aneurysmas kommen
Info
Die instabilen Plaques liegen meistens bei einem Stenosegrad unter 50 % vor. Sie weisen jedoch ein hohes Risiko für Ulceration oder Ruptur auf und führen daher häufiger zu akuten Gefäßverschlüssen, z.B. im Rahmen eines ST-Strecken-Hebungsinfarktes (STEMI).
Die stabilen Plaques weisen meist einen Stenosegrad über 50 % auf und besitzen ein geringeres Rupturrisiko. Dennoch können sie bei hochgradiger Stenose zu einer koronaren Herzkrankheit (KHK) und einer kardialen Ischämie führen.
Die koronare Herzkrankheit (= KHK) ist eine der am häufigsten auftretenden Volkskrankheiten und stellt weltweit die führende Ursache für kardiovaskuläre Todesfälle dar. Die koronare Herzkrankheit manifestiert sich in der Regel infolge einer Atherosklerose der Koronargefäße und bedingt eine Verengung (= Stenose) der Koronargefäße. Dies resultiert in einer verminderten Perfusion des distalen Gewebes nach der Stenose, was wiederum eine Unterversorgung des nachgeschalteten Herzgewebes zur Folge hat.
Die koronare Herzkrankheit ist durch eine Manifestation der Atherosklerosean den Herzkranzgefäßen verursacht. Dies führt zu einer Verhärtung, einem Elastizitätsverlust und einer Verengung der Herzkranzgefäße. Es resultiert eine Minderperfusion des nachgeschalteten Herzgewebes und somit eine Diskrepanz zwischen O2-Versorgung und O2-Bedarf des Myokards. Man unterscheidet ein chronisches Koronarsyndrom (früher auch als stabile KHK bezeichnet) von einem akuten Koronarsyndrom. Hiervon lässt sich weiterhin die asymptomatische KHK abgrenzen, die laut der ESC-Leitlinie 2019 auch zum chronischen Koronarsyndrom gezählt wird, formal als asymptomatischer Zustand jedoch kein Syndrom ist.
Das Leitsymptom eines akutenKoronarsyndrom ist ein retrosternaler Druck oderein Engegefühl, oft beschrieben als „Vernichtungsschmerz“, der länger als 20 Minuten anhält und in Ruhe auftritt.
Häufig wird der Schmerz von einem oder mehreren der folgenden Zeichen begleitet:
Ausstrahlung der Schmerzen in einen oder beide Arme, häufig linksseitig
Ausstrahlung der Schmerzen in Kiefer, Rücken oder in den Oberbauch
Brustschmerzen in Kombination mit vegetativen Symptomen wie kaltem Schweiß, Übelkeit oder Erbrechen
Schmerzverstärkung unter körperlicher Belastung oder emotionalem Stress
Schmerz ist nicht auslösbar
Merke
Unspezifische Beschwerden
Insbesondere älterePersonen, Diabetiker:innen oder Frauen präsentieren sich teilweise mit unspezifischen Beschwerden. Folgende Befunde können hier als alleiniges, körperlichesSymptom auftreten:
Dyspnoe
Oberbauchbeschwerden bzw. Bauchschmerzen
Übelkeit
Weitere Informationen zu den Charakteristika des akuten Koronarsyndroms (ACS) bei Diabetiker:innen finden sich im Abschnitt: Besondere Situationen.
Mögliche Unterschiede in der Symptomatik - Männer vs. Frauen:
Frauen
Männer
Ausgeprägte Übelkeit, teils mit Erbrechen
Rückenschmerzen, besonders zwischen oder unter den Schulterblättern
Ein- oder Durchschlafstörungen ohne erkennbare Ursache
Diffuses Angst- oder Bedrohungsgefühl
Herzklopfen oder Herzstolpern (Palpitationen)
Ungewöhnliche körperliche Erschöpfung (Fatigue)
Ziehende oder drückende Nackenschmerzen
Belastungsabhängige oder plötzlich einsetzende Kurzatmigkeit
Angina pectoris, ggf. mit Ausstrahlung in Arme, Rücken, Hals oder Kiefer
Appetitlosigkeit ohne erkennbare Ursache
Plötzlicher Schweißausbruch (Diaphorese), auch in Ruhe
S (Symptome): Brustschmerzen (evtl. mit Ausstrahlung in linken Arm, Kiefer, Oberbauch, Rücken), Dyspnoe, Angst, Schwindel, Kaltschweißigkeit, Übelkeit
A (Allergien, Infektionen): Gibt es Hinweise auf Allergien oder Infektionen?
M (Medikation): insbesondere Thrombozytenaggregationshemmer und Antikoagulantien (NOAK, DOAK, …), Antihypertensiva, Antiarrhythmika, Statine, PDE5-Hemmer
P (Patientengeschichte):
KardiovaskuläreVorerkrankungen, zum Beispiel:
Koronare Herzkrankheit (KHK)
Herzklappenerkrankungen
Arterielle Hypertonie
Vorhofflimmern
Gefäßerkrankungen (z.B. pAVK)
Nierenerkrankungen
Diabetes mellitus
Adipositas
L (Letzte…):
Letzte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme?
Einnahme der Medikation?
E (Ereignis): Gab es einen bestimmten Auslöser?
Auftreten der Symptome in Ruhe oder unter Belastung?
R (Risiko): PositiveFamilienanamnese, hohes Alter, bekannter Bluthochdruck, Nikotin- und Alkoholabusus, Adipositas, Dyslipidämie
S (Schwangerschaft): Mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Hautkolorit:
Blasse, kaltschweißige Haut
Ggf. Zyanose
Körperhaltung:
Unruhige, schmerzgeplagte Lagerung
Thoraxumfassende Haltung („Levine-Zeichen“ → Faust auf Brust als Ausdruck intensiven Druckgefühls)
Atmung:
Tachypnoe oder Dyspnoe
Verhalten / Bewusstseinslage:
Angst, Unruhe oder Panik (häufiges Frühzeichen)
Vigilanzminderung oder Synkope (z. B. bei kardiogenem Schock oder Herzrhythmusstörungen)
Palpation:
Bestimmung der Rekapillarisierungszeit
Palpation des Pulses:
Tachykardie oder Bradykardie
Gegebenenfalls schwach tastbarer Puls
Schmerz auslösbar?
Perkussion:
Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Der Auskultationsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Ggf. feuchte Rasselgeräusche, Giemen bei einem Lungenödem
Vitalparameter:
Atemfrequenz: Erhöht
Sauerstoffsättigung: Normal bis verringert
Herzfrequenz: Tachykardie oder Bradykardie
Blutdruck: Hypertonie bis Hypotonie
Temperatur: Normal
Blutzucker: Normal
12-Kanal-EKG
Achtung
Innerhalb der ersten 10 Minuten nach Eintreffen des Rettungsdienstes ist eine schnelle EKG-Diagnostik essenziell, um zwischen den verschiedenen Formen des akuten Koronarsyndroms zu unterscheiden.
Besonders wichtig ist die Frage nach ST-Streckenhebungen, die auf einen STEMI hinweisen können und eine sofortige Reperfusionstherapie erfordern.
Merke
Übermittlung EKG an Zielklinik
Die meisten Rettungsdienste verfügen heute über die technische Möglichkeit, 12-Kanal-EKGs direkt an die Zielklinik zu übermitteln.
Vorteile der EKG-Übermittlung im Überblick:
Frühzeitige Beurteilung des EKGs, noch vor Ankunft in der Klinik
Schnellere Aktivierung des Herzkatheterteams
Verkürzung der Zeit bis zur Reperfusion (Door-to-Balloon-Time)
Optimierte Behandlungsplanung und Ressourcenvorbereitung
Tipp
Zusammenfassung Kriterien STEMI:
ST-Streckenhebung in 2benachbartenAbleitungen:
Höhe ab dem J-Punkt von über 0,1 mV (außer V2 + V3)
In den Ableitungen V2 + V3:
Männer unter 40 Jahren → ≥ 0,25 mV
Männer über 40 Jahren → ≥ 0,2 mV
Frauen → > 0,15 mV
Linksschenkelblock + Symptomatik
Rechtsschenkelblock mit anhaltenden Ischämiesymptomen
STEMI:
Signifikante ST-Streckenhebungen:
Höhe ab dem J-Punkt von über 0,1 mV
In den Brustwandableitungen V2 und V3 können ST-Strecken-Hebungen bei Männern unter 40 Jahren bis 0,25 mV, bei Männern über 40 Jahren bis 0,2 mV und bei Frauen bis 0,15 mV noch physiologisch sein
Abgang der Hebungen aus dem absteigendem R
Regionale Zuordnung: in mindestens 2 benachbarten Ableitungen
Bei Bedarf können zusätzlich die Ableitungen V3r-V6r und V7-V9 angewandt werden, um ST-Strecken-Hebungen zu erfassen, die nicht im 12-Kanal-EKG dargestellt werden
Bestimmte Krankheitsbilder können einen STEMI kaschieren oder vortäuschen. Anhand bestimmter Kriterien sollte bewertet werden, ob die EKG-Befunde durch eine kardiale Ischämie bedingt sind und eine Koronarangiografie notwendig ist. In diesem Fall werden die Befunde als STEMI-Äquivalente bezeichnet:
Linksschenkelblock (= LSB):
Bei einem Schenkelblock kommt es zu einer veränderten Erregungsrückbildung. Bei einem STEMI können daher die ST-Streckenhebungen durch einen Schenkelblock maskiert werden
Ein neuaufgetretenerLinksschenkelblock+Symptomatik sollte wieeinSTEMI behandelt werden
Das aktuelle EKG sollte mit Vor-EKGsverglichen werden
Anhand der modifizierten Sgarbossa-Kriterien lässt sich das Risiko für eine kardiale Ischämie bei vorhandenem Linksschenkelblock bewerten:
Die modifizierten Sgarbossa-Kriterien sind auch bei einer ventrikulären Schrittmacher-Stimulation und dem Verdacht auf einen Herzinfarkt hilfreich
Rechtsschenkelblock (RSB): auch bei einem neuaufgetretenenRechtsschenkelblock+ typischer Symptomatik sollte an eine myokardiale Ischämie gedacht werden. Differenzialdiagnostisch sollte ebenfalls eine Lungenembolie (LAE) ausgeschlossen werden
„Erstickungs-T“ (spitze, symmetrische T-Welle als Frühzeichen)
Achtung
Ein normales EKG schließt einen NSTE-ACS nicht aus. Entscheidend sind die typischeKlinik und die Troponin-Dynamik.
Merke
NSTE-ACS mit sehr hohem Risiko:
Bei Patient:innen mit einem NSTE-ACS und sehr hohem Risiko wird eine sofortige Herzkatheteruntersuchung empfohlen. Hinweise auf ein sehr hohes Risiko sind:
Hämodynamische Instabilität oder kardiogener Schock
Wiederkehrende oder anhaltende thorakale Schmerzen trotz medikamentöser Therapie
Akute Herzinsuffizienz infolge einer anhaltenden Myokardischämie
Lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen oder Herzstillstand nach Erstvorstellung
Mechanische Komplikationen des Myokards
Wiederkehrende dynamische EKG-Veränderungen als Zeichen einer Ischämie, insbesondere intermittierende ST-Strecken-Hebungen
Achtung
STEMI-Äquivalente und hochgradig ischämische EKG-Veränderungen:
Folgende EKG-Befunde können auf einen akuten Koronarverschluss hinweisen, auch wenn keine klassischen ST-Hebungen vorliegen:
„Semi-STEMI“ mit noch nicht eindeutig ausgeprägten ST-Hebungen
Hyperakute T-Wellen als frühes Zeichen einer transmuralen Ischämie
De-Winter-Zeichen
Wellens-Zeichen
Shark-Fin-Zeichen
Neu aufgetretener Linksschenkelblock
Neu aufgetretener Rechtsschenkelblock
Hoher Lateralinfarkt mit ST-Hebungen in aVL und V2, ggf. zusätzlich in I sowie ST-Senkung in III („South African Flag Sign“)
Aslanger-Zeichen mit isolierter ST-Hebung in III, ST-Senkungen in mindestens einer Ableitung V4–V6 und positiver bzw. terminal positiver T-Welle
„Hauptstamm-EKG“ mit ST-Hebung in aVR und ST-Senkungen in ≥ 6 Ableitungen als Hinweis auf eine schwere globale Ischämie (Differenzialdiagnose: diffuse subendokardiale Ischämie bei Schock oder Typ-2-Myokardinfarkt)
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnose
Typische Merkmale
Abgrenzung zum ACS
Akutes Aortensyndrom (Aortendissektion)
Plötzlich einsetzender, sehr starker „reißender“ Thorax- oder Rückenschmerz
Schmerzmaximum meist sofort
Blutdruckdifferenzen, Pulsdefizite
Neurologische Symptome möglich
Lungenembolie
Akute Dyspnoe
Tachykardie
Pleuritischer Thoraxschmerz
Rechtsherzbelastungszeichen
Atemabhängige Beschwerden
Spannungspneumothorax
Akuter einseitiger Thoraxschmerz
Dyspnoe
Rasche, progriende Verschlechterung
Gestaute Halsvenen
Abgeschwächtes Atemgeräusch
Hypersonorer Klopfschall
Ösophagusruptur (Boerhaave-Syndrom)
Heftiger retrosternaler oder thorakoabdomineller Schmerz nach Erbrechen
Schmerzen nach Erbrechen
Schluckschmerzen
Oft fehlende Ischämiezeichen im EKG
Perikarditis
Stechender, lage- und atemabhängiger Schmerz
Ggf. Besserung im Sitzen/Vorneigen
Diffuse ST-Hebungen möglich
Myokarditis
Thoraxschmerz
Dyspnoe
Oft nach Infekt
Ggf. durch Anamnese (Infekt) richtungsweisend
Takotsubo-Kardiomyopathie
ACS-ähnliche Beschwerden häufig nach emotionalem Stress
Präklinisch nicht zu differenzieren
Hypertensiver Notfall
Thoraxschmerz
Dyspnoe
Ggf. neurologische Symptome
Bekannte Hypertonie
Nach RR-Senkung → Besserung der Symptomatik
Pneumonie / Pleuritis
Fieber
Husten
Pleuritischer Schmerz
Infektzeichen und pulmonale Symptome dominieren
Koronarspasmus (Prinzmetal-Angina)
Anfallsartige AP-Beschewerden in Ruhe
Oft nach Substanzmissbrauch (Amphetamine, Kokain)
Präklinisch nicht zu differenzieren
Gastroösophagealer Reflux / Ösophagusspasmus
Brennender retrosternaler Schmerz
Oft nach Mahlzeiten
Zusammenhang mit Nahrung oder Lagewechsel
Keine typischen Ischämiezeichen
Muskuloskelettale Thoraxschmerzen
Bewegungs- oder atemabhängige Schmerzen
Schmerz häufig durch Palpation reproduzierbar
Psychogene Ursachen / Panikattacke
Thoraxenge
Hyperventilation
Angstgefühl
Ausschlussdiagnose nach organischer Abklärung
Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Ziel ist die Identifikation behandlungsbedürftiger Situationen, insbesondere eines STEMI. Hierzu sind die schnellstmögliche Ableitung und Befundung eines 12-Kanal-EKGs, notwendig. Bei Nachweis eines STEMI sollte umgehend der zügige Transport in ein Krankenhaus mit einem Herzkatheterlabor erfolgen, idealerweise mit Behandlungsbeginn innerhalb von 90 Minuten nach Erstkontakt.
Basismaßnahmen
Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 90 % sowie unabhängig von der Sauerstoffsättigung bei ausgeprägter Dyspnoe → Anpassung der Sauerstofftherapie im weiteren Verlauf entsprechend der klinischen Situation und Oxygenierung.
Angepasste Lagerung:
Hämodynamisch stabil → Oberkörperhochlagerung
Hämodynamisch instabil → Flachlagerung erwägen
Vollständiges Monitoring anlegen
Frühzeitig 12-Kanal-EKG, ggf. Telemetrie zur Zielklinik
Beruhigung, ggf. beengte Kleidung öffnen
Ggf. Reanimationsbereitschaft herstellen
Medikamentöse Therapie
Aspirin250 mg i.v., alternativ 150-300 mg p.o. → hemmt Thrombozytenaggregation und verhindern die weitere Thrombusbildung in der Koronararterie
Heparin70-100 IE/kgKG i.v., i.d.R. max. 5000 IE → hemmt die Gerinnungskaskade und reduziert damit die weitere Ausbildung bzw. Ausdehnung des intrakoronaren Thrombus
Morphin 2 mg i.v. titriert, Wiederholung alle 2 Minuten bis NRS <4, max 10 mg → reduziert Schmerzen, Angst und die sympathische Stressreaktion → Senkung von Herzfrequenz, Blutdruck und myokardialem Sauerstoffbedarf
Glyceroltrinitrat0,4 - 1,2 mg s.l. → Vasodilatation mit Senkung der Vor- und Nachlast = Reduktion des myokardialen Sauerstoffbedarfs → Verbesserung der koronaren Perfusion und Symptomlinderung bei Angina pectoris
Keine routinemäßige Anwendung bei STEMI
Metoprolol2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mg → reduzieren die myokardiale Arbeit (Herzfrequenz ↓, Kontraktilität ↓, Blutdruck ↓) und senken so den O2-Verbrauch des Herzens
Ondansetron4 mg i.v. → antagonisiert zentrale 5-HT₃-Rezeptoren und reduziert Übelkeit sowie Erbrechen, z.B. unter Opioidtherapie oder vegetativer Symptomatik beim akuten Koronarsyndrom
Bei starkem Erregungszustand/Aggitiertheit → Benzodiazepine erwägen, z.B. Midazolam 1-4 mg i.v. oder Diazepam 2-5 mg i.v.
Bei persistierender Hypotonie/kardiogenem Schock → Noradrenalin erwägen 0,2–1 μg/kgKG/min i.v. über Spritzenpumpe
Achtung
Nitrate sollen nicht routinemäßig verabreicht werden, sondern nur bei entsprechender klinischer Indikation eingesetzt werden.
Tipp
Heparingabe:
STEMI → Heparingabeimmer indiziert
NSTE-ACS und instabile Angina pectoris → Die Heparingabe sollte kritisch abgewogen werden. Eine Verabreichung erfolgt nur bei hohem ischämischem Risiko und gleichzeitig niedrigem Blutungsrisiko. Gegebenenfalls sollte eine telefonische Rücksprache mit der aufnehmenden Kardiologin bzw. dem aufnehmenden Kardiologen erfolgen
Merke
Anwendung von Betablockern
Intravenöse Betablocker, vorzugsweise Metoprolol, können bei Patient:innen mit geplanter Herzkatheteruntersuchung erwogen werden, sofern keineakuteHerzinsuffizienz, keine weiteren Kontraindikationen und ein systolischerBlutdruckvonmindestens 120 mmHg vorliegen.
DBRD - Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V., Musteralgorithmen 2026, Version 11, Stand: 27.02.2026
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Die vasospastische Angina pectoris (auch Prinzmetal-Angina) ist eine Form der Angina pectoris, die durch einen vorübergehenden Krampf (Spasmus) der Koronararterien verursacht wird. Dadurch kommt es zu einer kurzzeitigen Minderdurchblutung des Herzmuskels, meist in Ruhe und unabhängig von körperlicher Belastung. Häufig tritt sie in Verbindung mit Drogenkonsum (z.B. Kokain oder Amphetamin) auf.
Pathophysiologie:
Bei bestimmten Substanzen, vor allem Kokain, Amphetaminen kann es zu einer intensiven Sympathikusaktivierung kommen. Diese führt zu:
Koronarspasmus (plötzliche, reversible Vasokonstriktionen der Koronararterien) → transmurale Myokardischämie
Dieser Mechanismus kann ebenfalls eine Angina pectoris-Symptomatik mit ST-Streckenhebungen im EKG verursachen
Besonderheiten bei Diabetiker:innen
Bei Diabetiker:innen kann sich das akute Koronarsyndrom durch untypischeklinischeZeichen äußern, wobei die diabetischePolyneuropathie als Hauptursachefür diese veränderte Symptomatik gilt.
Die diabetischePolyneuropathieschädigt Schmerz- und vegetative Fasern. Dadurch fehlen typische Warnsignale des Herzinfarkts, sodass Patient:innen statt Brustschmerz nur unspezifische Symptome zeigen. Das macht die Diagnoseschwieriger und erfordert erhöhte Wachsamkeit bei Diabetiker:innen.
Merke
Diabetesbedingte Polyneuropathie und ihre Bedeutung für die ACS-Diagnostik
Betroffene Nervenfasern:
Somatische Fasern: Beeinträchtigung der Schmerzleitung → Schmerzen (z. B. aus Haut oder Muskeln) werden abgeschwächt oder gar nicht mehr wahrgenommen
Autonome Fasern: Störung der sympathischen und parasympathischen Innervation → vegetative Begleitsymptome (z. B. Übelkeit, Schweißausbruch, Tachykardie) können verändert oder vollständig fehlen
Viszerale Afferenzen: Weiterleitung des Herzschmerzes aus dem Myokard gestört
Veränderungen durch Polyneuropathie:
Schmerzempfindung reduziert oder fehlt → Herzinfarkt kann ohne typische Brustschmerzen ablaufen
Vegetative Begleitsymptome vermindert oder verändert → weniger Warnzeichen (z. B. kein Schwitzen, keine Übelkeit)
Klinische Folgen:
Stumme Ischämie: Infarkt ohne Brustschmerz
Stattdessen oft unspezifische Symptome: Dyspnoe, Müdigkeit, Schwindel, Synkope, Übelkeit
Tipp
Exkurs: Physiologie der Schmerzweiterleitung bei ACS
Normale Ischämie: Schmerzleitung über viszerale Afferenzen (verlaufen mit sympathischen Fasern ins Rückenmark)
Konvergenz im Rückenmark → übertragener Schmerz (z. B. in Arm oder Kiefer)
Vegetative Begleitsymptome (Übelkeit, Schweißausbruch, Tachykardie) unterstützen normalerweise die Diagnose
Kardiogener Schock
Der kardiogene Schock ist eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation beim akuten Koronarsyndrom (ACS). Er entsteht meist infolge eines ausgedehnten Myokardinfarkts, bei dem große Teile des Herzmuskels nicht mehr kontrahieren können. Dadurch sinkt das Herzzeitvolumen drastisch, und es kommt zu einer kritischen Minderperfusion lebenswichtiger Organe.
Reanimation
Beim akuten Koronarsyndrom (ACS) kann es präklinisch zu einem plötzlichen Kreislaufstillstand kommen, größtenteils infolge einer ventrikulären Tachykardie oder Kammerflimmern infolge myokardialer Ischämie.
Achtung
Anzeichen für drohenden Kreislaufstillstand bei ACS:
Bewusstseinsstörungen oder zunehmende Somnolenz
Plötzlicher Abfall des Blutdrucks
Tachykarde oder bradykarde Herzrhythmusstörungen
Synkope
EKG-Veränderungen: z.B. Breitkomplextachykardien oder Bradykardien, ventrikuläre Extrasystolen
Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Das Zielkrankenhaus sollte über eine internistische / kardiologische Abteilung mit der Möglichkeit zur Durchführung einer Herzkatheteruntersuchung + intensivmedizinischen Überwachung verfügen und eine Notaufnahme mit einem Schockraum vorweisen.
Bei spontan atmenden Patient:innen soll auf freie Atemwege geachtet werden und eine ständige Überwachung der Vitalparameter erfolgen
Bei instabiler Kreislaufsituation soll der Transport unter kontinuierlicher Kreislaufüberwachung und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung erfolgen
Vor dem Transport an die telemedizinischeÜbermittlungdesEKGsan die Zielklinik denken. Hier lokale Vorgaben beachten
Bei kardiogenemSchock oder Auftreten von Herzrhythmusstörungen → Herstellen der Reanimationsbereitschaft
ZügigenTransport anstreben → Zeitfenster bis PCI: 90 Minuten
KardiogenerSchock oder Herzrhythmusstörungen → Reanimationsbereitschaft
ZügigenTransport anstreben → Zeitfenster bei STEMI bis PCI: 90 Minuten
Definition:
Definition
Ein akutes Koronarsyndrom (= ACS) umfasst mehrere Krankheitsbilder, die auf eine unzureichendeSauerstoffversorgungdesHerzens zurückzuführen sind.
Es umfasst folgende drei Krankheitsbilder:
ST-Hebungsinfarkt (STEMI)
Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI)
InstabileAnginapectoris
Der STEMI und der NSTEMI können zum akuten Myokardinfarkt zusammengefasst werden. Die Krankheitsbilder sind nicht anhand der Symptomatik unterscheidbar.
Die instabile Angina pectoris und der NSTEMI werden als NSTE-ACS bezeichnet. Nur auf Grundlage von Laborwerten sind diese zu differenzieren.
Ursachen:
Instabile atherosklerotische Plaque mit Erosion oder Ruptur
MyokardialeIschämie durch vermindertes Sauerstoffangebot oder erhöhten Sauerstoffbedarf (z.B. bei Koronarstenose, Koronarspasmus, Tachykardie)
Pathophysiologie:
Phase
Pathophysiologischer Vorgang
Folge
Plaqueruptur oder Plaqueerosion
Freilegung thrombogenen Materials der Plaque
Aktivierung von Thrombozyten und Gerinnungssystem
Thrombusbildung
Thrombozytenadhäsion, Aggregation und Fibrinbildung
Partieller oder vollständiger Verschluss der Koronararterie
Koronarverschluss
Verminderte Durchblutung und Sauerstoffmangel im Myokard
Beginn der Myokardischämie
Metabolische Störung
ATP-Abfall, anaerober Stoffwechsel und Laktatanstieg
Azidose, gestörte Erregungsleitung und Arrhythmierisiko
Ausfall der Ionenpumpen
Funktionsverlust ATP-abhängiger Na⁺/K⁺- und Ca²⁺-Pumpen
Zellschwellung und intrazelluläre Kalziumüberladung
Irreversible Zellschädigung
Membranzerstörung und enzymatische Zellschädigung
Beginn der Koagulationsnekrose
Entzündung und Heilung
Einwanderung von Entzündungszellen und Aktivierung von Makrophagen
Fibrosierung und Bildung einer Myokardnarbe
Klinischer Eindruck:
Leitsymptom: Retrosternaler Druck oder Engegefühl, oft beschrieben als „Vernichtungsschmerz“, der länger als 20 Minuten anhält und in Ruhe auftritt.
Häufig wird der Schmerz von einem oder mehreren der folgenden Zeichen begleitet:
Ausstrahlung der Schmerzen in einen oder beide Arme, häufig linksseitig
Ausstrahlung der Schmerzen in Kiefer, Rücken oder in den Oberbauch
Brustschmerzen in Kombination mit vegetativen Symptomen wie kaltem Schweiß, Übelkeit oder Erbrechen
Schmerzverstärkung unter körperlicher Belastung oder emotionalem Stress
Schmerz ist nicht auslösbar
An unspezifische Beschwerden bei z.B. Frauen und Patient:innen mit Diabetes mellitus denken
Diagnostik:
Inspektion:
Blasse, kaltschweißige Haut
Ggf. Zyanose
Unruhige, schmerzgeplagte Lagerung
Thoraxumfassende Haltung („Levine-Zeichen“ → Faust auf Brust als Ausdruck intensiven Druckgefühls)
Palpation:
Bestimmung der Rekapillarisierungszeit
Palpation des Pulses:
Tachykardie oder Bradykardie
Gegebenenfalls schwach tastbarer Puls
Achtung
Innerhalb der ersten 10 Minuten nach Eintreffen des Rettungsdienstes ist eine schnelle EKG-Diagnostik essenziell, um zwischen den verschiedenen Formen des akuten Koronarsyndroms zu unterscheiden.
Therapie:
Basismaßnahmen:
Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 90 % sowie unabhängig von der Sauerstoffsättigung bei ausgeprägter Dyspnoe → Anpassung der Sauerstofftherapie im weiteren Verlauf entsprechend der klinischen Situation und Oxygenierung.
Angepasste Lagerung:
Hämodynamisch stabil → Oberkörperhochlagerung
Hämodynamisch instabil → Flachlagerung erwägen
Vollständiges Monitoring anlegen
Frühzeitig 12-Kanal-EKG, ggf. Telemetrie zur Zielklinik
Beruhigung, ggf. beengte Kleidung öffnen
Ggf. Reanimationsbereitschaft herstellen
Medikamentöse Therapie:
Aspirin 250 mg i.v., alternativ 150-300 mg p.o. → hemmt Thrombozytenaggregation und verhindern die weitere Thrombusbildung in der Koronararterie
Heparin: 70-100 IE/kgKG i.v., i.d.R. max. 5000 IE → hemmt die Gerinnungskaskade und reduziert damit die weitere Ausbildung bzw. Ausdehnung des intrakoronaren Thrombus
Morphin2 mg i.v. titriert, Wiederholung alle 2 Minuten bis NRS <4, max 10 mg → reduziert Schmerzen, Angst und die sympathische Stressreaktion → Senkung von Herzfrequenz, Blutdruck und myokardialem Sauerstoffbedarf
Glyceroltrinitrat 0,4 - 1,2 mg s.l. → Vasodilatation mit Senkung der Vor- und Nachlast = Reduktion des myokardialen Sauerstoffbedarfs → Verbesserung der koronaren Perfusion und Symptomlinderung bei Angina pectoris
Keine routinemäßige Anwendung bei STEMI
Metoprolol 2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mg → reduzieren die myokardiale Arbeit (Herzfrequenz ↓, Kontraktilität ↓, Blutdruck ↓) und senken so den O2-Verbrauch des Herzens
Ondansetron 4 mg i.v. → antagonisiert zentrale 5-HT₃-Rezeptoren und reduziert Übelkeit sowie Erbrechen, z.B. unter Opioidtherapie oder vegetativer Symptomatik beim akuten Koronarsyndrom
Bei starkem Erregungszustand/Aggitiertheit → Benzodiazepine erwägen, z.B. Midazolam 1-4 mg i.v. oder Diazepam 2-5 mg i.v.
Bei persistierender Hypotonie/kardiogenem Schock → Noradrenalin erwägen 0,2–1 μg/kgKG/min i.v. über Spritzenpumpe
Transport:
Zielkrankenhaus: internistische/kardiologische Abteilung + Möglichkeit einer Herzkatheteruntersuchung + intensivmedizinische Überwachung
Frühzeitige ÜbermittlungEKG an Zielklinik
KardiogenerSchock oder Herzrhythmusstörungen → Reanimationsbereitschaft
ZügigenTransport anstreben → Zeitfenster bei STEMI bis PCI: 90 Minuten
Tipp
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