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Akutes Koronarsyndrom (RS)

ACS, Herzinfarkt, Myokardinfarkt
30 Minuten Lesezeit

Ein akutes Koronarsyndrom (ACS) ist eine plötzliche Minderdurchblutung des Herzmuskels. Ursache ist meist ein Blutgerinnsel, das ein Herzkranzgefäß teilweise oder vollständig verschließt.

Zum ACS gehören der ST-Hebungsinfarkt (STEMI), der Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) und die instabile Angina pectoris. Anhand der Beschwerden lassen sie sich nicht sicher unterscheiden. Leitsymptom ist ein Druck, eine Enge oder ein Brennen hinter dem Brustbein, häufig mit Ausstrahlung in Arme, Hals oder Kiefer, begleitet von Kaltschweißigkeit und Übelkeit.

Entscheidend ist das 12-Kanal-EKG, das innerhalb von 10 Minuten nach dem ersten Kontakt geschrieben wird, denn nur so lässt sich ein STEMI erkennen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören außerdem die Überwachung mit Reanimationsbereitschaft, die Gabe von ASS und ggf. Heparin sowie bei Bedarf Nitraten und Analgetika. Bei einem STEMI wird die betroffene Person schnellstmöglich in eine Klinik mit Herzkatheterlabor gebracht.

Um den Einstieg in das Thema akutes Koronarsyndrom etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Akuter Thoraxschmerz
  • Ort: Einfamilienhaus
  • Alarmzeit: 09:32 Uhr
  • Anrufer:in: Ehefrau
  • Zusatzinfo: männlich, 63 Jahre, starke Brustschmerzen

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird die Tür von der Ehefrau geöffnet. Der Patient sitzt auf einem Sofa im Wohnzimmer und wirkt sichtlich ängstlich.

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient ist wach und reagiert gezielt auf Ansprache
  • Bei der Atemkontrolle wird eine regelmäßige Atemfrequenz von 22/min festgestellt
  • Der Patient zeigt eine ausgeprägte Kaltschweißigkeit
  • Die Ehefrau, die den Notruf abgesetzt hat, berichtet, dass ihr Mann seit ungefähr 30 Minuten über plötzlich einsetzende Schmerzen in der Brust klagt
  • Es sind keine äußeren Verletzungen erkennbar
Fallbeispiel: Akutes Koronarsyndrom (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

  • Keine starke Blutung

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patient spricht selbstständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
  • Palpatorisch:
    • Keine Krepitation spürbar
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 94 %
  • Atemfrequenz: 22/min, regelmäßig

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Insgesamt kaltschweißig
  • Rekap-Zeit: 3 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard, 119/min

Akutes
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen sichtbar
  • Temperatur: 37,1 °C
  • Symptome: Brustschmerzen, Angst, Übelkeit
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Ramipril, Insulin, Atorvastatin
  • Patientengeschichte: Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 1, Adipositas, Nikotinabusus, Hyperlipidämie
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück 07:30 Uhr
  • Ereignis: Plötzliches Einsetzen der Symptomatik in Ruhe
  • Risikofaktoren: Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 1, Adipositas, Nikotinabusus, Hyperlipidämie

Kein
E-Problem

 Definition
Akutes Koronarsyndrom

Ein akutes Koronarsyndrom umfasst mehrere Krankheitsbilder, die auf eine unzureichende Sauerstoffversorgung des Herzens zurückzuführen sind. 

Es umfasst folgende drei Krankheitsbilder:

  • ST-Hebungsinfarkt (STEMI)
  • Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI)
  • Instabile Angina pectoris 

Der STEMI und der NSTEMI können zum akuten Myokardinfarkt zusammengefasst werden. Die Krankheitsbilder sind nicht anhand der Symptomatik unterscheidbar.

Die instabile Angina pectoris und der NSTEMI werden als NSTE-ACS bezeichnet. Nur auf Grundlage von Laborwerten sind diese zu differenzieren.

Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Einteilung des akuten Koronarsyndroms
 Merke

NSTEMI und instabile Angina pectoris lassen sich präklinisch nicht voneinander unterscheiden. Die Differenzierung gelingt erst laborchemisch, anhand des Troponinverlaufs im Krankenhaus. 

 Info
Alternative Einteilung: OMI und NOMI

Die Einteilung in OMI und NOMI orientiert sich daran, ob ein akuter Koronarverschluss eine sofortige Reperfusion erfordert:

  • OMI (Occlusion Myocardial Infarction): Myokardinfarkt durch einen akuten oder nahezu vollständigen Koronarverschluss. Ein OMI kann sich als klassischer STEMI, aber auch ohne die dafür erforderlichen ST-Hebungen zeigen
  • NOMI (Non-Occlusion Myocardial Infarction): Myokardinfarkt ohne akuten, unmittelbar reperfusionspflichtigen Koronarverschluss. Das weitere Vorgehen richtet sich nach Klinik, Risikoprofil sowie EKG- und Troponinverlauf

OMI ist nicht mit STEMI und NOMI nicht mit NSTEMI gleichzusetzen: Auch hinter einer NSTEMI-Konstellation kann sich ein akuter Koronarverschluss verbergen.

Angina pectoris

 Definition
Angina pectoris 

Angina pectoris ist ein plötzlich auftretendes, meist belastungsabhängiges Brustschmerz- oder Druckgefühl infolge einer vorübergehenden Minderdurchblutung des Herzmuskels. Sie ist ein typisches Leitsymptom der koronaren Herzkrankheit (KHK) und kann in stabile und instabile Formen unterteilt werden.

Stabile Angina pectorisInstabile Angina pectoris
Brustschmerz, der typischerweise bei körperlicher Belastung auftrittBrustschmerz tritt in Ruhe oder bei minimaler Belastung auf
Verursacht durch einen stabilen Plaque mit >70% Stenose eines KoronargefäßesVerursacht durch eine Myokardischämie infolge einer Plaqueruptur
Schmerzdauer meist unter 10 Minuten, mit Beschwerdefreiheit in RuheSchmerzdauer ist häufig länger als 20 Minuten
Spricht in der Regel auf Nitrate an und zeigt keinen Anhalt für klinische ProgressionSpricht nicht auf Nitrate an und es gibt Anzeichen für klinische Progression
 Info

Ein ACS entsteht, wenn der Herzmuskel weniger Sauerstoff erhält, als er braucht. Die Ursachen lassen sich orientierend in ein vermindertes Sauerstoffangebot und einen erhöhten Sauerstoffbedarf einteilen.

Die häufigste Ursache ist die Arteriosklerose der Herzkranzgefäße.

Seltener entsteht ein ACS ohne Gerinnsel, zum Beispiel durch einen Krampf eines Herzkranzgefäßes oder wenn der Sauerstoffbedarf des Herzens das Angebot übersteigt.

Vermindertes SauerstoffangebotErhöhter Sauerstoffbedarf
Arteriosklerose mit PlaquerupturTachykardie
Krampf eines Herzkranzgefäßes (Koronarspasmus)Hypertensiver Notfall
Sauerstoffmangel im Blut (Hypoxie)Fieber
Blutarmut (Anämie)Körperliche Belastung
Blutdruckabfall (Hypotonie)Schilddrüsenüberfunktion
Pathophysiologie des akuten Koronarsyndrom
Sauerstoffbedarf und Angebot am Herzmuskel

Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem:

  • Rauchen
  • Arterielle Hypertonie 
  • Diabetes mellitus 
  • Fettstoffwechselstörung
  • Familiäre Häufung

Plaqueschädigung

Der häufigste Auslöser ist eine Verletzung einer Plaque in der Gefäßwand. Entweder reißt ihre dünne Deckschicht auf (= Plaqueruptur), oder ihre Oberfläche wird beschädigt, ohne dass sie ganz aufreißt (= Plaqueerosion). 

Pathophysiologie der Angina pectoris
Pathophysiologie der Angina pectoris

In beiden Fällen kommt Material aus dem Inneren der Plaque mit dem Blut in Kontakt. Das aktiviert die Blutgerinnung, und damit beginnt das akute Koronarsyndrom.

Thrombusbildung

Der Körper reagiert wie bei jeder Gefäßverletzung, nur verschließt die Gerinnung hier das eigene Gefäß von innen:

  1. Thrombozyten lagern sich an der verletzten Stelle an
  2. Sie setzen Botenstoffe frei, die weitere Thrombozyten anlocken und aktivieren
  3. Gleichzeitig wird die Gerinnungskaskade aktiviert. Dabei entsteht Fibrin, das die Thrombozyten wie ein Netz zusammenhält. So entsteht ein fester Thrombus 

Gefäßverschluss

Je nach Größe des Thrombus entstehen unterschiedliche Formen des ACS:

  • Vollständiger Verschluss: Der Herzmuskel hinter dem Verschluss wird gar nicht mehr durchblutet. Die Schädigung betrifft alle Schichten der Herzwand. Das ist der STEMI
  • Teilweiser oder vorübergehender Verschluss: Es fließt noch teilweise Blut am Thrombus vorbei, aber nicht ausreichend. Betroffen sind vor allem die inneren Schichten der Herzwand. Das ist der NSTEMI oder die instabile Angina pectoris
ST-Streckenhebungen Pathophysiologie
STEMI vs. NSTEMI

Sauerstoffmangel am Herzmuskel

Der Herzmuskel hat keine Sauerstoffreserven und ist auf eine ständige Versorgung angewiesen. Wird ein Gefäß verschlossen, entsteht in den betroffenen Zellen innerhalb von Sekunden eine Ischämie. Steigt gleichzeitig der Sauerstoffbedarf, etwa durch einen schnellen Puls oder hohen Blutdruck, verschärft sich das Missverhältnis weiter.

Der Sauerstoffmangel hat drei Folgen:

  • Schmerz: Die Zellen schütten Stoffe aus, die den typischen Brustschmerz auslösen
  • Pumpschwäche: Der betroffene Herzmuskel zieht sich schlechter zusammen. Das Herz pumpt pro Schlag weniger Blut aus, dadurch sinkt das Herzzeitvolumen. Der Blutdruck kann fallen und Blut kann sich in die Lunge zurückstauen.
  • Rhythmusstörungen: Die elektrische Steuerung des Herzens gerät durcheinander

Nach etwa 20 bis 40 Minuten beginnen die Herzmuskelzellen abzusterben (= Myokardnekrose). Das betroffene Areal wird narbig umgebaut und trägt zur Pumpleistung nicht mehr bei.

 Achtung
Kardiogener Schock

Ist ein großer Teil des Herzmuskels betroffen, reicht die Pumpleistung nicht mehr aus, um den Körper mit Blut zu versorgen. Es entsteht ein kardiogener Schock.

 Tipp
Kammerflimmern oder andere Herzrhythmusstörungen

Der Sauerstoffmangel bringt die elektrische Steuerung des Herzens durcheinander. Das kann jederzeit passieren, auch wenn die betroffene Person gerade noch gesprochen hat. Deshalb immer daran denken und auf eine Reanimation eingestellt sein. 

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme beim akuten Koronarsyndrom
  • Verschluss eines Herzkranzgefäßes: Thrombus nach Plaqueverletzung → Sauerstoffmangel im Herzmuskel
  • Herzrhythmusstörungen: gestörte elektrische Steuerung → Kammerflimmern jederzeit möglich
  • Pumpschwäche: verminderte Kontraktion → Abfall des Herzzeitvolumens bis zum kardiogenen Schock
  • Zeitfaktor: fortschreitender Untergang von Herzmuskelzellen → je schneller die Reperfusion, desto geringer der Schaden
Angina pectoris
Angina pectoris
 Merke

Leitsymptom: ein Druck, eine Enge oder ein Brennen hinter dem Brustbein, oft als „Vernichtungsschmerz" beschrieben. Er ist nicht atemabhängig und lässt sich nicht durch Bewegung auslösen.

Häufig treten weitere Begleitzeichen auf:

  • Ausstrahlung in einen oder beide Arme, in Kiefer, Hals, Rücken oder Oberbauch
  • Kalter Schweiß, Blässe, Übelkeit, Erbrechen
  • Atemnot, auch ohne Schmerz
  • Angst und Unruhe, oft ein Gefühl von Todesangst
  • Herzklopfen, Schwindel, Schwäche
 Tipp
Nicht jeder Herzinfarkt tut in der Brust weh

Bei Frauen, älteren Menschen und Menschen mit Diabetes zeigt sich ein Herzinfarkt oft untypisch, etwa durch Übelkeit, Atemnot, Oberbauch- oder Rückenschmerzen, Schwäche oder Verwirrtheit. Bei Diabetes kann der Brustschmerz durch eine Schädigung der Nerven sogar ganz fehlen. 

 Achtung
Red Flags
  • Die Vigilanz nimmt ab
  • Der Blutdruck fällt plötzlich, der Puls wird schwach
  • Der Puls wird schnell, langsam oder unregelmäßig
  • Am Monitor erscheinen neue Herzrhythmusstörungen, zum Beispiel breite, verformte Herzschläge
  • Die Atemnot nimmt zu

Anamnese

  • S (Symptome): Druck, Enge oder Brennen hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in Arme, Hals, Kiefer oder Oberbauch, Kaltschweißigkeit, Übelkeit, Atemnot
  • A (Allergien): Allergie gegen ASS oder Heparin?
  • M (Medikation): Blutverdünner? Potenzmittel? Eigenes Nitrospray?
  • P (Patientengeschichte): Bekannte Herzerkrankung? Früherer Infarkt oder Stent? Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfall?
  • L (Letzte…): Letzte Mahlzeit? Letzte Medikamenteneinnahme?
  • E (Ereignis): Beginn in Ruhe oder bei Belastung? Verlauf der Beschwerden?
    • Hinweise auf eine andere Ursache? → Aortendissektion, Lungenembolie, Pneumothorax
  • R (Risiko): Rauchen? Bluthochdruck? Diabetes? Fettstoffwechselstörung? Familiäre Häufung?
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen

Körperliche Untersuchung

Inspektion

  • Haut: blass, kalt, verschwitzt, manchmal bläuliche Lippen
  • Haltung: unruhig, oft an die Brust greifend 
  • Atmung: schnell, angestrengt

Palpation

  • Puls: oft schnell, manchmal langsam oder schwach. Rekap-Zeit messen

Perkussion

  • Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden

Auskultation

  • Lunge: feuchte Rasselgeräusche können auf ein begleitendes Lungenödem hinweisen
 Merke

Blutdruck immer an beiden Armen messen. Eine deutliche Differenz zwischen den Armen kann auf eine Aortendissektion hinweisen.

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden beim Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzNormal bis erhöhtSteigt bei Angst und Schmerz. Zunehmende Atemnot mit feuchten Rasselgeräuschen spricht für eine beginnende Linksherzinsuffizienz
Sauerstoffsättigung (SpO₂)Meist normalSauerstoffgabe bei einem Wert unter 90 %. Keine routinemäßige Gabe bei SpO₂ ≥ 90 %, auch nicht allein wegen subjektiver Atemnot
HerzfrequenzNormal, erhöht oder erniedrigtRhythmus und Tastbarkeit des Pulses werden mitbeurteilt. Auf neu auftretende Arrhythmien achten
BlutdruckHäufig erhöht durch Stress und SchmerzAn beiden Armen messen. Ein Abfall gehört zu den Red Flags und weist auf einen kardiogenen Schock hin
EKGST-Hebungen, ggf. HerzrhythmusstörungenDas 12-Kanal-EKG ist die einzige Untersuchung am Einsatzort, die einen STEMI erkennt. Ein normales EKG schließt ein ACS nicht aus
KörpertemperaturMeist normwertigFieber erhöht den Sauerstoffbedarf des Herzens und kann auf eine andere Ursache hinweisen
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen
EKG-Fallbeispiel: STEMI der lateralen Vorderwand
STEMI der linken lateralen Vorderwand 

Orientierende neurologische Untersuchung

Eine verminderte Pumpleistung des Herzens zeigt sich früh am Bewusstsein, weil auch das Gehirn schlechter durchblutet wird. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient klar und in ganzen Sätzen?
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall nicht zu übersehen. Brustschmerz zusammen mit neurologischen Ausfällen kann außerdem auf eine Aortendissektion hinweisen

12-Kanal-EKG anlegen

 Achtung

Das 12-Kanal-EKG soll innerhalb von 10 Minuten nach dem ersten Kontakt geschrieben sein. 

Ein EKG zeichnet die elektrische Aktivität des Herzens auf. Das 12-Kanal-EKG betrachtet das Herz aus zwölf Richtungen. Rettungssanitäter:innen legen es an und sorgen für eine saubere Aufzeichnung ohne Störungen. Die Beurteilung übernehmen Notfallsanitäter:innen oder Notärzt:innen. Auffälligkeiten können angesprochen werden.

  • Arme und Beine: rot rechter Arm, gelb linker Arm, grün linkes Bein, schwarz rechtes Bein. Alternativ auf Schultern beziehungsweise Oberarmen und Unterbauch
  • V1 und V2: rechts und links neben dem Brustbein im 4. Zwischenrippenraum 
  • V4: 5. Zwischenrippenraum, senkrecht unter der Mitte des Schlüsselbeins
  • V3: genau zwischen V2 und V4
  • V5 und V6: auf Höhe von V4 weiter außen, vordere und mittlere Achsellinie 

Vor der Anlage wird die betroffene Person ruhig gelagert, die Haut trocken gewischt, bei Bedarf rasiert und die Elektroden fest aufgeklebt. 

12-Kanal-EKG
12-Kanal-EKG
 Tipp
EKG-Extremitätenableitungen: Farben wie bei der Ampel

Beginne am rechten Arm und gehe im Uhrzeigersinn um die Patientin oder den Patienten herum: Rot - Gelb - Grün, also genau die Reihenfolge der Ampel. Die schwarze Elektrode kommt ans rechte Bein, sie dient als Erdung.

  • Rot: rechter Arm
  • Gelb: linker Arm
  • Grün: linkes Bein
  • Schwarz: rechtes Bein

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
LungenemboliePlötzliche Atemnot, atemabhängiger Brustschmerz, schneller Puls, einseitig geschwollenes Bein, Risikofaktoren wie Immobilisation, Operation oder Langstreckenflug
AortendissektionReißender oder wandernder Schmerz, Schmerz zwischen den Schulterblättern, Blutdruckunterschied von mehr als 20 mmHg zwischen den Armen, ggf. neurologische Ausfälle
(Spannungs-)PneumothoraxPlötzlicher stechender Schmerz, Atemnot, einseitig abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch. Beim Spannungspneumothorax zusätzlich gestaute Halsvenen, Blutdruckabfall und Vigilanzminderung
ÖsophagusrupturHeftiger Schmerz hinter dem Brustbein oder im Oberbauch nach starkem Erbrechen, ggf. Knistern unter der Haut am Hals
PerikardtamponadeBlutdruckabfall, gestaute Halsvenen, leise Herztöne, z.B. nach Thoraxtrauma, Herzoperation oder Aortendissektion
PerikarditisSchmerz im Liegen stärker, im Sitzen und beim Vornüberbeugen schwächer, oft nach einem Infekt
Muskulärer BrustschmerzSchmerz eng umschrieben, durch Druck auf den Brustkorb oder durch Bewegung auslösbar
RefluxkrankheitBrennen hinter dem Brustbein, Zusammenhang mit Mahlzeiten, saures Aufstoßen

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Körperliche Anstrengung vermeiden: Jede Anstrengung erhöht den Sauerstoffbedarf des Herzens zusätzlich
  • Angepasste Lagerung: 
    • Hämodynamisch stabil → Oberkörperhochlagerung
    • Hämodynamisch instabil → Flachlagerung erwägen
  • Beruhigen und beengende Kleidung öffnen
  • Monitoring anlegen: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck. Messungen regelmäßig wiederholen
  • Sauerstoffgabe bei SpO₂ unter 90 %: Anpassung der Sauerstofftherapie im weiteren Verlauf entsprechend der klinischen Situation 
  • Reanimationsbereitschaft bei instabilen Patient:innen vorbereiten
  • 12-Kanal-EKG anlegen und schreiben
  • Nachfordern: bei Warnzeichen frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen

Weitere Versorgung

 Merke

Ziel ist die Identifikation behandlungsbedürftiger Situationen, insbesondere eines STEMI. Hierzu sind die schnellstmögliche Ableitung und Befundung eines 12-Kanal-EKGs, notwendig. Bei Nachweis eines STEMI sollte umgehend der zügige Transport in ein Krankenhaus mit einem Herzkatheterlabor erfolgen.

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jedem Lungenödem eingesetzt.

MedikamentBehandlungszweckWichtige Hinweise 
Aspirin 250 mg i.v., alternativ 150-300 mg p.o. Hemmt die Thrombozytenaggregation und begrenzt die weitere ThrombusbildungDarreichungsform beachten. Die Trockensubstanz wird mit 5 ml Aqua aufgelöst, dafür einen Air Spike verwenden
Heparin 70-100 IE/kgKG i.v., i.d.R. max. 5000 IEHemmt die Blutgerinnung und begrenzt die Ausdehnung des ThrombusWird abhängig von Befund, Behandlungsstrategie und Blutungsrisiko eingesetzt. Nicht alle Patient:innen mit ACS erhalten es
Glyceroltrinitrat 0,4-1,2 mg, = 2-3 Hübe sublingualErweitert die Gefäße und kann pektanginöse Beschwerden lindernBlutdruck engmaschig kontrollieren. Kontraindikationen beachten, insbesondere Hypotonie und die vorausgegangene Einnahme von PDE-5-Hemmern
Morphin 2 mg i.v. titriert, Wiederholung alle 2 Minuten bis NRS <4, max 10 mgZur Behandlung anhaltender starker Schmerzen und Reduzierung der AngstAtemdepression möglich: Atmung, Sauerstoffsättigung und Vigilanz überwachen. Je nach lokaler Regelung nur auf dem NEF verfügbar. Mögliche Aufziehmethode: 10 mg Morphin (1 ml) auf 9 ml NaCl 0,9 % → 1 mg/ml
Metoprolol 2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mgSenkt Herzfrequenz und myokardialen SauerstoffbedarfNur bei ausgewählten Patient:innen. Herzfrequenz, Rhythmus und Blutdruck überwachen
Ondansetron 4 mg i.v.Behandelt Übelkeit und ErbrechenWirkung und mögliche Nebenwirkungen beobachten
Midazolam 1-4 mg i.v. oder Diazepam 2-5 mg i.v.Bei ausgeprägter Angst und Unruhe.Keine routinemäßige Gabe, nur bei sehr ängstlichen Patient:innen. Bei Angst durch starke Schmerzen ist Morphin besser geeignet. Atemdepression und Blutdruckabfall möglich, besonders zusammen mit Morphin

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach dem individuellen Fall. Idealerweise wird eine Klinik mit Herzkatheterlabor und Intensivstation angesteuert. Bei einem STEMI soll die Reperfusion schnellstmöglich nach der Diagnose erfolgen. Die Klinik wird deshalb frühzeitig informiert, im Idealfall mit Übertragung des EKGs per Telemetrie. 

Während des Transports sollte eine ständige Überwachung der Vitalparameter erfolgen. Bei einem STEMI ist eine telefonische Voranmeldung zwingend notwendig.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen werden getragen und gehen nicht selbst zum Fahrzeug, auch nicht für eine kurze Strecke, da jede Belastung den Sauerstoffbedarf des Herzens erhöht
  • Kontinuierliches Monitoring: Sättigung, Blutdruck, Herzfrequenz und EKG bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen, der Defibrillator ist griffbereit. Besonders auf neu auftretende Herzrhythmusstörungen und einen Blutdruckabfall achten
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

Für das Herzkatheterteam sind diese Angaben besonders wichtig:

  • Uhrzeiten: Beginn der Beschwerden, erster Kontakt, erstes EKG
  • EKG-Befund und Verlauf der Beschwerden
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
  • Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, besonders Blutverdünner
  • Verlauf der Werte und aufgetretene Rhythmusstörungen
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt anhand der Brustschmerzen in Ruhe, der Kaltschweißigkeit und der Tachykardie bei bekannten Risikofaktoren ein mögliches akutes Koronarsyndrom. Wegen des akuten C-Problems wird über die Leitstelle das NEF nachgefordert.

Der Rettungssanitäter lagert den Patienten mit erhöhtem Oberkörper und schließt das Monitoring an. Bei einer Sättigung von 94 % erhält der Patient keinen Sauerstoff. Wegen des bekannten Diabetes misst er zusätzlich den Blutzucker, der mit 145 mg/dl im Normbereich liegt.

Das 12-Kanal-EKG liegt sieben Minuten nach dem ersten Kontakt vor. Die Notfallsanitäterin sieht ST-Hebungen in den Ableitungen II, III und aVF und stellt die Verdachtsdiagnose STEMI der Hinterwand. Sie lässt das EKG per Telemetrie an die Klinik senden und meldet den Patienten im Herzkatheterlabor an.

Der Rettungssanitäter misst den Blutdruck an beiden Armen: 148/88 und 145/86 mmHg, kein relevanter Unterschied. Der Patient verneint Blutverdünner, Allergien und Potenzmittel. Parallel richtet der Rettungssanitäter das Material für den intravenösen Zugang. Die Notfallsanitäterin legt den Zugang und verabreicht 250 mg ASS i.v. und 5.000 IE Heparin i.v. Auf Nitrospray verzichtet sie, weil bei einem Hinterwandinfarkt der rechte Ventrikel beteiligt sein kann und der Blutdruck dann stark abfallen könnte. Gegen die Übelkeit erhält der Patient 4 mg Ondansetron i.v.

Kurz darauf trifft das NEF ein. Es erfolgt eine kurze Übergabe an die Notärztin durch die Notfallsanitäterin. Wegen anhaltender starker Brustschmerzen fraktioniert die Notärztin insgesamt 5 mg Morphin i.v., die der Rettungssanitäter vorbereitet hat. Darunter lassen die Schmerzen deutlich nach.

Der Patient wird mit dem Tragestuhl zum Fahrzeug befördert und dort mit erhöhtem Oberkörper auf der Trage gelagert. Der Transport erfolgt unter engmaschiger Kontrolle der Vitalwerte. 

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Beginn der Beschwerden, die Uhrzeit des ersten EKGs, den EKG-Befund und die verabreichten Medikamente.

EKG-Fallbeispiel: STEMI der Unterwand bei RCA-Verschluss
Das EKG des Patienten: STEMI der Hinterwand mit ST-Hebungen in II, III und aVF
 Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Akutes Koronarsyndrom (RD)
  • Schock (RD)
  • 12-Kanal-EKG schreiben
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026
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