Verlust eines Körperteils, Extremitätenverlust durch Trauma
41 Minuten Lesezeit
Amputationsverletzungen sind vollständige oder teilweise traumatische AbtrennungeneinesKörperteils. Bei einer totalenAmputation ist der gesamte Gewebequerschnitt durchtrennt. Eine anatomische Verbindung zum abgetrennten Körperteil besteht nicht mehr. Bei einer subtotalenAmputation sind noch Gewebeverbindungen vorhanden, während kritische Strukturen wie Arterien oder Venen unterbrochen sein können.
Amputationsverletzungen können durch starkeBlutungen unmittelbar lebensbedrohlich sein. Präklinisch stehen daher Blutstillung, Analgesie, Kreislaufstabilisierung, Wärmeerhalt sowie die sterile Versorgung im Vordergrund.
Das Amputat wird steril und wasserdicht verpackt sowie ohne direkten Eis- oder Wasserkontakt indirektgekühlt. Der zügige Transport erfolgt, abhängig vom Zustand der verletzten Person, in ein geeignetes Replantations- oder Traumazentrum.
Um den Einstieg in das Thema Amputationsverletzungen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Amputation Hand
Ort: Schreinerei
Alarmzeit: 17:08 Uhr
Anrufer:in: Arbeitskollege des Betroffenen
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 45 Jahre alt
Amputation durch Kreissäge
RTH ist ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt einetwa 45-jähriger Patient, angelehnt an einer Werkbank. Die Finger der rechtenHand wurden teilweise durch eine Kreissägeamputiert. Ein Kollege hat bereits eine notdürftige Wundversorgung vorgenommen.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist ansprechbar,aber desorientiert
Er hat starke Schmerzen
Der Patient ist blass und kaltschweißig
Die Wunde ist mit einem provisorischen Druckverband versorgt, es besteht dennoch eine sichtbare Blutung durch den Verband
Die Umgebung ist stark mitBlutverunreinigt
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer Amputationsverletzung aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hintenangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Lebensbedrohliche, äußere Blutung an der rechten Hand sichtbar
Akutes x-Problem
A
Atemwege frei
Schleimhäute blass
Patient spricht selbstständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 95 %
Atemfrequenz: 24/min
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Rekap-Zeit: 4 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses an der A. radialis nicht tastbar
Zentraler Puls:
Rhythmisch
Schwach tastbar
Tachykard, 134/Minute
Akutes C-Problem
D
Ansprechbar, desorientiert
GCS 13
Öffnen der Augen: 3
Beste verbale Reaktion: 4
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Weit
Lichtreagibel
Mittelbares D-Problem
E
Keineweitere Verletzungen ersichtlich
Allergien / Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit: Mittagessen, um ca. 13:00 Uhr
Ereignis: Teilweise Amputation der Finder von der rechten Hand mit Kreissäge
Risikofaktoren: Keine
Kein E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einer Amputationsverletzung. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Definition
Amputationsverletzungen
Amputationsverletzungen bezeichnen die vollständige oder teilweise Abtrennung einer Gliedmaße oder eines Körperteils infolge eines Traumas.
Klassifikation
Totale und subtotale Amputation:
Totale Amputation: vollständige Durchtrennung des gesamten Gewebequerschnitts → keine anatomische Verbindung mehr zwischen proximalem und distalem Abschnitt
Subtotale Amputation: Gewebeverbindungen (z. B. Haut, Sehnen, Nerven) bestehen noch, jedoch sind kritische Strukturen wie Arterien oder Venen unterbrochen
Makro- und Mikroamputation:
Makroamputation: Amputationen proximal des Hand- oder Sprunggelenks (z. B. Unterarm-, Unterschenkel-, Oberschenkelamputationen)
Mikroamputation: Amputationen distal des Hand- oder Sprunggelenks. Im weiteren Sinne werden gelegentlich auch Amputationen kleiner peripherer Strukturen (z. B. Nase, Ohr, Lippe, Zunge) dazugerechnet
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Typische Ursachen
Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überrollungen und Einklemmungen können totale oder subtotale Amputationen verursachen
Arbeits- und Maschinenunfälle: Maschinen, Pressen, Sägen und andere Arbeitsgeräte können Körperteile durchtrennen, quetschen oder abreißen
Landwirtschaftliche Unfälle: Landwirtschaftliche Maschinen können durch Einzug, Quetschung oder Abriss zu schweren Amputationsverletzungen führen
Haus- und Freizeitunfälle: Werkzeuge, Sägen, Rasenmäher oder andere Geräte können insbesondere Finger, Hände oder Füße abtrennen
Explosionen und Schussverletzungen: Druckwellen, Splitter, Trümmer und Geschosse können komplexe Gewebezerstörungen und traumatische Amputationen verursachen
Wichtige Verletzungsmechanismen
Scharfe Durchtrennung: Scharfe Gegenstände durchtrennen Haut, Sehnen, Muskulatur, Gefäße und Nerven → häufig glatt begrenzte Wundränder
Quetschung: Stumpfe Gewalteinwirkung komprimiert und zerstört Knochen und Weichteile → ausgedehnte Gewebeschädigung möglich
Abriss- und Zugverletzung: Starker Zug zerreißt Gewebe → häufig unregelmäßige Wundränder und weitreichende Gefäß-, Nerven- und Weichteilschäden
Überrollung und Einklemmung: hohe Druck- und Scherkräfte → schwere Weichteilverletzungen bis hin zur Amputation
Explosions- und Geschosswirkung: Druckwellen, Splitter, Trümmer oder Geschosse → komplexe Verletzungen mit möglicher traumatischer Amputation
Kombinierte Krafteinwirkung: Bei schweren Verletzungen können Durchtrennung, Quetschung, Zug und Scherkräfte gleichzeitig wirken
Tipp
Nice to know
Mikroamputationen treten etwa 14-mal häufiger auf als Makroamputationen
90 % aller Amputationsverletzungen betreffen die obere Extremität
Beidseitige Makroamputationen sind extrem selten
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Merke
Reminder: Anatomische und physiologische Grundlagen
Anatomische Grundlagen:
Haut und Subkutis: Barrierefunktion, enthält Blutgefäße, Schmerz- und Thermorezeptoren
Muskulatur: Sehr stoffwechselaktiv, hohe Sauerstoff- und Energieabhängigkeit → empfindlich gegenüber Ischämie
Gefäße: Arterien transportieren sauerstoffreiches Blut, Venen führen Blut ab – bei Durchtrennung Gefahr starker, lebensbedrohlicher Blutung
Nerven: Sensible und motorische Leitungsbahnen → Ausfallerscheinungen und intensive nozizeptive Reize bei Läsion
Knochen: Mechanische Stabilität der Extremität, dient als Ansatzpunkt für Sehnen und Muskelursprünge
Physiologische Grundlagen:
Gewebeperfusion: Voraussetzung für Zellstoffwechsel; bei Amputation sofortige Unterbrechung der Perfusion → Sauerstoffmangel
ATP-Verbrauch: nach Amputation rascher Verbrauch von ATP, Übergang zu anaerobem Stoffwechsel → Laktatbildung, Azidose
Entzündungsantwort: Zell- und Gewebetrauma → Freisetzung von Zytokinen und Prostaglandinen → Vasodilatation, Ödem, Schmerz
Ischämietoleranz: Abhängig von Gewebeart und Temperatur → Muskulatur toleriert Ischämie schlechter als Sehnen oder Haut
Spontane Blutstillung bei arteriellen Verletzungen:
Nach kompletter Durchtrennung einer Arterie kann es zur vorübergehenden, spontanen Blutstillung kommen
Die wichtigsten Mechanismen dabei sind:
Retraktion des Gefäßes: Die durchtrennten Arterien ziehen sich aufgrund ihrer muskulären Wandstruktur reflexartig zurück, oft tief ins umgebende Gewebe
Vasospasmus: Die glatte Muskulatur der Arterien kontrahiert als Reaktion auf die Verletzung, was den Blutfluss weiter reduziert
Einrollen der Intima: Die innere Gefäßschicht (Tunica intima) klappt sich nach innen ein und kann das Lumen teilweise verschließen → ähnlich einem natürlichen Verschlussmechanismus
Thrombozytenaggregation: An der verletzten Intima lagern sich Thrombozyten an → erste Schritte der primären Hämostase
Bei einer traumatischen Amputation werden Gewebe und anatomische Strukturen teilweise oder vollständigdurchtrennt. Präklinisch stehen insbesondere Blutverlust, Ischämie im Vordergrund.
Gewebeschädigung
Scharfe Durchtrennung: direkte Trennung der betroffenen Gewebestrukturen
Quetschverletzung: Kompression des Gewebes → Schädigung insbesondere von Muskulatur und Weichteilen
Abrissverletzung: Zug- und Scherkräfte → Zerreißung unterschiedlicher Gewebestrukturen
Blutung und hämorrhagischer Schock
Die Verletzung von Gefäßen kann zu einem erheblichen äußeren Blutverlust führen.
Traumatische Blutung: Gefäßverletzung → Verlust von Plasma und Erythrozyten → Abnahme des zirkulierenden Blutvolumens
Kompensation: Sympathikusaktivierung → Tachykardie, Vasokonstriktion und Kreislaufzentralisation
Dekompensation: Fortbestehender Blutverlust → hämodynamische Instabilität und mögliche Bewusstseinsstörung
Folge: hämorrhagischer Schock mit unzureichender Gewebeperfusion
Tipp
Spontane Blutstillung bei arteriellen Verletzungen:
Nach kompletter Durchtrennung einer Arterie kann es zur vorübergehenden, spontanen Blutstillung kommen
Die wichtigsten Mechanismen dabei sind:
Retraktion des Gefäßes: Die durchtrennten Arterien ziehen sich aufgrund ihrer muskulären Wandstruktur reflexartig zurück, oft tief ins umgebende Gewebe
Vasospasmus: Die glatte Muskulatur der Arterien kontrahiert als Reaktion auf die Verletzung, was den Blutfluss weiter reduziert
Einrollen der Intima: Die innere Gefäßschicht (Tunica intima) klappt sich nach innen ein und kann das Lumen teilweise verschließen → ähnlich einem natürlichen Verschlussmechanismus
Thrombozytenaggregation: An der verletzten Intima lagern sich Thrombozyten an → erste Schritte der primären Hämostase
Ischämische Gewebeschädigung
Die Unterbrechung der Gefäßversorgung führt zu einer fortschreitenden Schädigung des nicht ausreichend perfundierten Gewebes.
Perfusionsverlust: Unterbrechung der Gefäßversorgung → Ischämie und Hypoxie
Energiemangel: Sauerstoffmangel → gestörte mitochondriale Funktion und abnehmende ATP-Bildung
Verlust der Homöostase: ATP-Mangel → Störung energieabhängiger Zellfunktionen und Ödembildung
Fortschreitende Schädigung: Endothelschädigung und Anreicherung toxischer Metaboliten → zunehmende Zell- und Gewebeschädigung
Folge: Überschreiten der Ischämietoleranz → irreversible Zellschädigung und Nekrose
Info
Eine adäquate Kühlung verlangsamt den Zellstoffwechsel und verlängert die ischämischeToleranzzeit des Amputats.
Nervenverletzung
Nervenschädigung: Durchtrennung, Zug oder Kompression peripherer Nerven → teilweise oder vollständige Beeinträchtigung der Nervenfunktion
Mögliche Spätfolge: Endet ein durchtrennter Nerv ohne distalen Anschluss, kann sich ein Stumpfneurom entwickeln
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei Amputationsverletzungen:
Gefäßverletzung und Blutung → Gefahr hämorrhagischen Schocks
Weichteiltrauma und Entzündungsreaktion
Neurovaskuläre Beteiligung und Schmerzen
Ischämie-bedingte Schäden am Amputat
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Typische Zeichen
Amputationsstumpf: Offener und meist tief reichender Gewebedefekt
Äußere Blutung: Je nach verletzten Gefäßen kann es zu einer erheblichen Blutung kommen
Freiliegende Strukturen: Knochen, Muskulatur, Sehnen, Gefäße oder Nerven können sichtbar sein
Scharfe Durchtrennung: häufig vergleichsweise glatte Wundränder
Riss- oder Quetschverletzung: meist unregelmäßige, zerfetzte oder stark geschädigte Wundränder
Wundumgebung: Schwellungen, Hämatome, Quetschungen und Verunreinigungen möglich
Schmerzen: Häufig ausgeprägt durch die Verletzung von Haut, Muskulatur und gegebenenfalls Nerven
Funktionsverlust bei subtotaler Amputation: Bewegung und Sensibilität des betroffenen Körperteils sind eingeschränkt oder vollständig aufgehoben
Generalisierte Zeichen
Tachypnoe durch Schmerz, Angst oder Schock
Tachykardie und Hypotonie: mögliche Leitbefunde eines hämorrhagischen Schocks
Blässe, Kaltschweißigkeit und Unruhe: mögliche Zeichen einer zunehmenden Kreislaufbeeinträchtigung
Vigilanzminderung: Bei fortschreitender Kreislaufinsuffizienz möglich
Unruhe, Angst, Panikreaktion: durch visuelle Eindrücke oder Schmerzen
Achtung
Red Flags:
Starke oder nicht kontrollierbare Blutung
Hämodynamische Instabilität
Vigilanzminderung
Fehlende oder abnehmende pDMS distal einer subtotalen Amputation
Ausgedehnte Quetsch-, Abriss- oder Weichteilverletzung
Hinweise auf weitere schwere Verletzungen oder ein Polytrauma
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Anamnese
S (Symptome): Schmerzen, Blutung, fehlendes Körperglied
Totale Amputation: Vollständige Abtrennung des Körperglieds, Amputationsstumpf, Blutung und freiliegende Gewebestrukturen erfassen
Subtotale Amputation: Verbleibende Gewebebrücke beurteilen und pDMS distal der Verletzung kontrollieren
Wundverhältnisse: Quetschung, Abriss, Verschmutzung, Fremdkörper und freiliegende Knochen, Sehnen, Gefäße oder Nerven erfassen
Warnzeichen: ausgeprägte Tachykardie, Hypotonie, Vigilanzminderung oder andere Schockzeichen sowie eine fehlende oder abnehmende pDMS bei subtotaler Amputation
A (Allergien): Medikamentenallergien und bekannte schwere allergische Reaktionen erfragen
M (Medikation): Dauermedikation sowie Zeitpunkt und Dosis der letzten Einnahme erfassen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer
P (Patientengeschichte): Gerinnungsstörungen, Diabetes mellitus, periphere Gefäßerkrankungen, neurologische Vorerkrankungen und frühere Verletzungen oder Operationen der betroffenen Extremität erfragen. Impfstatus, insbesondere Tetanusschutz, berücksichtigen
L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen → relevant für eine mögliche Narkose und operative Versorgung
E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus der Amputation erfassen. Relevant sind scharfe Durchtrennung, Quetschung, Abriss, Einklemmung, Maschinen-, Verkehrs- oder Explosionsverletzungen sowie die Dauer einer möglichen Ischämie
Amputat: Verbleib und bisherige Versorgung des abgetrennten Körperteils erfragen, insbesondere Zeitpunkt der Bergung, Verpackung und Kühlung
R (Risiko): Ausgedehnte Quetsch- und Weichteilschäden, starke Kontamination, längere Ischämiezeit, Hochenergietrauma, Antikoagulation, Gerinnungsstörungen und relevante Gefäßerkrankungen berücksichtigen
S (Schwangerschaft): Bestehende oder mögliche Schwangerschaft sowie die Schwangerschaftswoche erfragen. Schwangerschaft bei Lagerung, Medikamentengabe und Wahl der Zielklinik berücksichtigen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einer Amputationsverletzung abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Totale vs. subtotale Mikroamputation der Finger
Inspektion
Allgemeinzustand und Hautkolorit: auf Blässe, Kaltschweißigkeit, marmorierte Haut und weitere Zeichen einer Kreislaufinsuffizienz achten
Atmung: Atemfrequenz und Atemmuster beurteilen → eine Tachypnoe kann auf Schmerzen, Stress oder eine beginnende Schocksymptomatik hinweisen
Art und Höhe der Amputation: zwischen totaler und subtotaler Amputation unterscheiden und die betroffene anatomische Region erfassen
Verletzungsmuster: Auf glatte Durchtrennung, Quetschung, Abriss, Gewebezerstörung, Kontamination und Fremdkörper achten
Blutung: Ausmaß und Lokalisation der Blutung beurteilen → auf aktive arterielle oder venöse Blutungen sowie eine erneute Blutung nach zunächst spontaner Sistierung achten
Amputat: Vollständigkeit und Zustand des Amputats sowie die bisherige Verpackung und Kühlung beurteilen → keinen direkten Kontakt mit Eis oder Wasser zulassen
Begleitverletzungen: Bei passendem Unfallmechanismus nach weiteren Wunden, Frakturen, Quetschungen suchen
Palpation:
Kreislaufstatus: Pulsfrequenz, Pulsqualität, Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit beurteilen
Bei subtotaler Amputation:
Durchblutung: distale Pulse, Rekapillarisierungszeit, Hauttemperatur und Hautkolorit prüfen
Motorik: aktive Bewegungsfähigkeit distal der Verletzung untersuchen, sofern ohne zusätzliche Schädigung möglich
Sensibilität: Berührungsempfinden, Taubheitsgefühl und Parästhesien distal der Verletzung erfassen
Perkussion:
Die Perkussion besitzt bei einer isolierten Amputationsverletzung keinen relevanten diagnostischen Stellenwert. Sie wird nur bei Verdacht auf Begleitverletzungen im Rahmen der entsprechenden körperlichen Untersuchung eingesetzt
Auskultation:
Auch die Auskultation liefert bei der lokalen Beurteilung einer Amputationsverletzung in der Regel keine wegweisenden Befunde. Eine Auskultation von Herz und Lunge erfolgt abhängig vom Allgemeinzustand, Unfallmechanismus und möglichen Begleitverletzungen
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund oder Verlauf
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Häufig Tachykardie
Schmerzen, Stress und Blutverlust führen zur Sympathikusaktivierung
Blutdruck
Anfangs möglicherweise normwertig. Bei zunehmendem Blutverlust Hypotonie
Blutung aus verletzten Gefäßen vermindert das zirkulierende Blutvolumen. Kompensatorische Vasokonstriktion kann den Blutdruck zunächst aufrechterhalten
Atemfrequenz und Atemmuster
Tachypnoe möglich. Bei isolierter Amputationsverletzung kein spezifisches Atemmuster
Schmerzen, Stress und Kreislaufstörung können die Atemfrequenz erhöhen
Körpertemperatur
Anfangs häufig normwertig. Bei größerem Blutverlust, längerer Exposition Hypothermie möglich
Blutverlust, Schock und Wärmeverlust durch entkleidete oder feuchte Körperoberflächen begünstigen die Auskühlung. Hypothermie beeinträchtigt die Gerinnung und kann die Blutung verstärken
Sauerstoffsättigung
Bei isolierter Amputationsverletzung meist normwertig. Im Schock kann die Messung aufgrund einer verminderten peripheren Perfusion unzuverlässig sein
Die SpO₂ beschreibt die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins, nicht die vorhandene Hämoglobinmenge. Ein Abfall spricht eher für eine zusätzliche Störung der Oxygenierung
Blutzucker
Keine amputationsspezifische Veränderung. Bei Bewusstseinsstörung Blutzucker bestimmen
Eine Hypoglykämie muss als alternative oder zusätzliche Ursache einer Bewusstseinsstörung ausgeschlossen werden
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Bewusstseinslage beispielsweise mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS) beurteilen und im Verlauf dokumentieren. Eine Amputationsverletzung verursacht nicht unmittelbar eine Bewusstseinsstörung. Eine Vigilanzminderung kann jedoch auf einen erheblichen Blutverlust oder Begleitverletzungen hinweisen
pDMS-Kontrolle:
Totale Amputation: Eine distale pDMS-Kontrolle ist nicht möglich. Durchblutung, Motorik und Sensibilität des verbleibenden Extremitätenabschnitts untersuchen
Subtotale Amputation: pDMS distal der Verletzung prüfen
Verlaufskontrolle: pDMS vor und nach Blutstillung, Reposition, Verbandanlage und Immobilisation sowie wiederholt während des Transports kontrollieren und dokumentieren
Mögliche Ursachen neurologischer Auffälligkeiten:
Direkte Nervenschädigung: Durchtrennung, Quetschung, Überdehnung oder Abriss peripherer Nerven → Sensibilitätsverlust, Parästhesien oder motorische Ausfälle
Gefäßverletzung und Ischämie: Unterbrochene oder unzureichende Durchblutung des subtotal abgetrennten Körperteils → zunehmender Funktions- und Sensibilitätsverlust
Hämorrhagischer Schock: Unruhe, Verwirrtheit oder Vigilanzminderung infolge eines erheblichen Blutverlusts
Begleitendes Schädel-Hirn-Trauma: Amnesie, Desorientierung, Erbrechen, Pupillenstörungen oder abnehmender GCS-Wert
Hypoxie oder Hypoglykämie: Bei einer Bewusstseinsstörung als alternative oder zusätzliche Ursache berücksichtigen
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Bei auffälligem Herzrhythmus, kardialen Beschwerden oder relevanten Herzerkrankungen durchführen → dient der ergänzenden Kreislaufdiagnostik
Sinustachykardie: unspezifischer Befund, beispielsweise bei Schmerzen, Stress oder relevantem Blutverlust
POCUS / eFAST: Bei Polytrauma oder passendem Unfallmechanismus zur Suche nach zusätzlichen lebensbedrohlichen Verletzungen einsetzen → bei einer isolierten Amputationsverletzung nicht routinemäßig erforderlich
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Die präklinische Versorgung von Amputationsverletzungen orientiert sich am sogenannten Drei-Säulen-Konzept:
Blutungskontrolle: Priorität hat die rasche Blutstillung durch Druckverband oder Tourniquet sowie die sterile Abdeckung des Wundgebiets
Sachgerechte Versorgung des Amputats: Keimarme Lagerung, trockene Kühlung und Vermeidung von direktem Eis-Kontakt zur Erhaltung der Replantationsfähigkeit
Überwachung der Ischämiezeit: Dokumentation des Zeitpunkts der Amputation und Einschätzung der maximal tolerablen Ischämiedauer zur Optimierung der klinischen Replantationschancen
Basismaßnahmen
Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
Bei hämodynamischer Instabilität: möglichst flach lagern
Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht verabreichen
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
Gefäßzugang: Bei relevantem Blutverlust, hämodynamischer Instabilität oder intravenöser Medikamentengabe einen großlumigen peripheren Venenzugang etablieren. Die Blutstillung darf dadurch nicht verzögert werden
Druckverband, möglichst in Kombination mit einem Hämostyptikum
Tourniquet bei lebensbedrohlicher Blutung, die mit anderen Maßnahmen nicht zeitgerecht kontrolliert werden kann
Wirksamkeit und mögliche Nachblutungen regelmäßig kontrollieren
Stumpfversorgung: Amputationsstumpf steril abdecken, verbinden und stabil schienen
pDMS-Kontrolle: Bei einer subtotalen Amputation die Durchblutung, Motorik und Sensibilität distal der Verletzung prüfen und im Verlauf dokumentieren. Bei einer totalen Amputation ist distal keine pDMS-Kontrolle möglich
Wärmeerhalt: Eine Auskühlung der verletzten Person vermeiden und Normothermie anstreben
Transport: Zügiger Transport in eine Klinik mit geeigneter Unfall-, Hand- oder replantationschirurgischer Versorgung
Info
Druckverband
Sterile Kompresse auf die Wunde legen
Zweimal mit einer Mullbinde umwickeln
Nicht saugfähiges Druckpolster auf die Wunde legen (größer als die Wunde)
Restliche Mullbinde umwickeln
Enden der Mullbinde verknoten
Anlage eines Tourniquets
Achtung
Die Eskalation zur Blutstillung ist keinstarresSchema. Ein Tourniquet wird unmittelbarangelegt, wenn bereits eine offensichtlichlebensbedrohlicheBlutung vorliegt und jede Verzögerung vermieden werden muss, wenn gleichzeitig ein kritisches A-, B- oder C-Problem zu versorgen ist und deshalb keine dauerhafte manuelle Kompression möglich ist
Merke
Nach der Anlage wird überprüft, ob die Blutung vollständig sistiert. Ein zu locker sitzendes Tourniquet unterbricht nur den venösen Rückstrom und kann die Blutung verstärken.
Allgemeine spezifische Maßnahmen
Analgesie: Frühzeitig eine titrierte, dem Kreislaufzustand angepasste Analgesie durchführen, beispielsweise mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.
Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit dem Ziel der Normotonie. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
Versorgung des Amputas
Das Amputat soll möglichst frühzeitig sachgerecht verpackt und gekühlt werden, um zusätzliche Gewebeschäden zu vermeiden und die Voraussetzungen für eine mögliche Replantation zu verbessern.
Doppelbeutelmethode Amputatversorgung
Die Versorgung erfolgt nach der Doppelbeutelmethode:
Amputat vorbereiten:
Grobe Verschmutzungen vorsichtig entfernen
Amputat nicht intensiv reinigen, desinfizieren oder mechanisch bearbeiten
In sterile, ggf. mit NaCl 0,9 % angefeuchtete Kompressen einwickeln
Innenbeutel verschließen:
Das eingewickelte Amputat in einen sauberen, wasserdichten Plastikbeutel legen
Den Beutel sicher und wasserdicht verschließen
Kühlmedium vorbereiten:
Einen zweiten, größeren Beutel mit etwa einem Drittel Eiswürfeln oder Kühlpacks und zwei Dritteln Wasser füllen
Amputat indirekt kühlen:
Den verschlossenen Innenbeutel in den Außenbeutel mit Eiswasser legen
Direkten Kontakt des Amputats mit Eis, Kühlpacks oder Wasser unbedingt vermeiden
Außenbeutel verschließen:
Den äußeren Beutel sicher verschließen und auf Dichtigkeit kontrollieren
Transportbehälter kennzeichnen:
Name der verletzten Person
Zeitpunkt der Kühlung
Gegebenenfalls Art beziehungsweise Bezeichnung des enthaltenen Körperteils
Achtung
Häufige Fehler im Umgang mit Amputaten
Direkter Kontakt zwischen Amputat und Eis → Gefahr von Kälteschäden
Lagerung des Amputats in Flüssigkeiten → Risiko von Aufquellen des Gewebes
Desinfektion des Amputats → Zusätzliche Gewebeschädigung
Einfrieren des Amputats → Irreversible Zellschäden
Unzureichend verschlossener Innenbeutel → Eindringen von Wasser oder Keimen möglich
Tipp
Replantation-Sets
Im Rettungsdienst stehen zur Amputatversorgung alternativ spezielle Replantations-Sets in 3 Ausführungen (Hand, Arm, Bein) zur Verfügung. Diese Sets bestehen aus einem doppelwandigen, fest verschließbaren Beutel, bei dem Innen- und Außenbeutel wasserdicht und fest miteinander verbunden sind, sowie der nötigenMengeanKältekompressen zur Kühlung.
Merke
„Life before limb“
„Life before limb“ ist ein präklinisches und klinisches Grundprinzip in der Traumaversorgung und bedeutet übersetzt: Das Leben hat Vorrang vor der Extremität.
Dieses Prinzip besagt, dass die Stabilisierung vitaler Funktionen (z.B. Atemwegssicherung, Kreislaufstabilisierung, Blutungskontrolle bei zentralen Verletzungen) immer oberste Priorität hat.
Versorgung einer subtotalen Amputation:
Auch bei einer subtotalen Amputation hat die BlutstillungoberstePriorität, gefolgt von der Immobilisation der betroffenen Extremität, um weitere Gewebeschädigungen zu vermeiden.
Auf Folgendes soll bei der Versorgung von subtotalen Amputationen geachtet werden:
Teilabgetrenntes Gewebe belassen und nicht durchtrennen!
Schienung in funktionsgerechter Position zur Vermeidung von Zug oder Verdrehung
Weich gepolsterte Immobilisation, ggf. mit Vakuumschiene oder einer formbaren Aluminiumschiene
Hochlagerung der betroffenen Extremität zur Blutungsreduktion
Überwachung der Ischämiezeit
Die Ischämiezeit bezeichnet die Zeitspanne vom Moment der Amputation bis zum Wiederanschluss der Blutgefäße und der damit verbundenen Revaskularisation des Amputats.
Merke
Formen der Ischämiezeit und beeinflussende Faktoren
Man unterscheidet zwei Formen:
Warme Ischämiezeit: Zeitraum ohne Durchblutung bei Körpertemperatur
Kalte Ischämiezeit: Zeitraum ohne Durchblutung bei gekühltem Amputat (ca. +4 °C)
Die Ischämietoleranz hängt entscheidend von zwei Faktoren ab:
Anteil des muskulären Gewebes des Amputats
Temperatur des Amputats
Je weniger Muskulatur vorhanden ist, wie z.B. bei Mikroamputationen, desto länger ist die Gewebetoleranz gegenüber Ischämie. Eine adäquate Kühlung verlängert die tolerierbare Ischämiedauer zusätzlich.
Art des Amputats
Warme Ischämiezeit
Kalte Ischämiezeit bei etwa 4 °C
Fingeramputate beziehungsweise Amputate ohne relevante Muskelmasse
möglichst unter 12 Stunden
möglichst unter 24 Stunden
Große Extremitätenamputate mit relevanter Muskelmasse
möglichst unter 4–6 Stunden
möglichst unter 8–12 Stunden
Info
Die genannten Zeiten sind Orientierungswerte und keine absoluten Ausschlussgrenzen. Das Amputat soll unabhängig von der vermuteten Ischämiedauer sachgerecht verpackt, indirekt gekühlt und gemeinsam mit der verletzten Person in ein geeignetes Replantationszentrum transportiert werden. Über eine Replantation entscheidet die Fachklinik anhand des Gesamtzustands, der Amputationshöhe, des Verletzungsmechanismus, der Gewebequalität, der Kontamination und der tatsächlichen Ischämiedauer.
Achtung
Erfolgskritische Faktoren für die Replantation
Das präklinische Zeitmanagement spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg einer Replantation. Es beginnt mit der gezielten Erstbehandlung, umfasst die korrekte Versorgung des Amputats unter adäquater Kühlung, eine möglichst kurze Transportzeit sowie die gezielte Auswahl einer geeigneten Zielklinik mit Replantationsmöglichkeit.
Nur durch koordiniertes, schnelles und fachgerechtes Vorgehen kann die Chance auf eine erfolgreiche Replantation deutlich erhöht werden.
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Miniamputationen
Kleinste Amputationen, etwa der Nasenspitze, von TeilendesOhrläppchens, der Fingerkuppe oder anderer Gewebeteile im Gesichtsbereich sind grundsätzlich wie größere Amputationen zu behandeln. Das abgetrennte Gewebe muss steril und gekühlt asserviert werden, wie bei anderen Amputationen beschrieben.
Tipp
Auch scheinbar irreparabel wirkende Miniamputate können, insbesondere im Gesichtsbereich, bei adäquater präklinischer Versorgung erfolgreich replantiert werden. Die Ergebnisse sind häufig sowohl funktionell als auch ästhetisch zufriedenstellend.
Penisamputation
Diese seltene, aber schwere Verletzungsform tritt meist im Kontext psychiatrischer Erkrankungen mit autoaggressivem Verhalten auf. Trotz der Komplexität ist die Replantation des Penis mikrochirurgisch häufig erfolgreich, insbesondere hinsichtlich der Wiederherstellung von erektiler Funktion und Sensibilität.
Das präklinische Management erfolgt analog zur Extremitätenamputation: sterile Versorgung, blutstillende Maßnahmen, korrekte Asservierung und rascher Transport in ein geeignetes Zentrum sind entscheidend.
Amputationsverletzungen bei Polytrauma
Häufig liegt eine Kombination aus Amputation und weiteren schweren Verletzungen vor, sodass das klinische Bild dem eines Polytraumas entspricht.
Die präklinischeVersorgung solcher Patient:innen stellt eine erheblicheHerausforderung dar. Dabei kann es jenachPriorisierung zu entgegengesetztenVersorgungsstrategien kommen:
Einerseits neigen manche Teams dazu, die AmputationsverletzungalsführendesProblem zu betrachten und in der Erstversorgung am Unfallort unverhältnismäßig viel Zeit auf deren Versorgung zu verwenden, mit der Folge einer Verzögerung der notfallchirurgischen und intensivmedizinischen Behandlung
Andererseits kann ein starkerFokusaufdieintensivmedizinischeStabilisierungdesPolytraumas dazu führen, dass eine adäquate Versorgung des Amputats oder die rechtzeitige Ischämiekontrolle vernachlässigt wird
Merke
Grundsätzlich gilt bei Polytrauma + Amputationsverletzung das Prinzip des „Damage Control“
Eine aufwendigeBergungoderlangwierigeSuche nach dem AmputatamUnfallort ist zu unterlassen → Hier andere Ressourcen einbinden, z.B. Suche des Amputats durch Kräfte der Feuerwehr
In Extremfällen, etwa bei eingeklemmten Patient:innen oder nicht zu bergenden Gliedmaßen, kann es notwendig sein, eine subtotale Amputation unmittelbar zu komplettieren, um eine rasche und lebensrettende Weiterbehandlung zu ermöglichen → Absolute Ausnamesituation!
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Zielkrankenhaus
Die Wahl der Zielklinik richtet sich nach Kreislaufstabilität, Blutungskontrolle, Amputationshöhe, Begleitverletzungen und möglicher Replantationsfähigkeit.
Isolierte Amputationsverletzung ohne vitale Gefährdung: frühzeitige Rücksprache mit einem Replantationszentrum und bei zeitgerechter Erreichbarkeit direkter Transport
Amputation von Daumen, mehreren Fingern oder größeren Extremitätenabschnitten: Möglichst direkte Versorgung in einem Zentrum mit hand-, unfall-, plastisch-rekonstruktiver und mikrochirurgischer Kompetenz
Subtotal amputierte Extremität: zügiger Transport in ein Zentrum mit Möglichkeit zur Gefäßrekonstruktion, Frakturstabilisierung und rekonstruktiven Versorgung
Hämodynamische Instabilität oder unkontrollierte Blutung: Transport in das nächstgelegene geeignete Traumazentrum zur lebensrettenden Blutungskontrolle → der Extremitätenerhalt ist nachrangig
Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein geeignetes regionales oder überregionales Traumazentrum
Tipp
Bei längerer Entfernung zu einem geeigneten Replantationszentrum den Transport mit einem Rettungshubschrauber erwägen, sofern dadurch ein relevanterZeitvorteil entsteht.
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Vitalparameter sowie Durchblutung, Motorik und Sensibilität regelmäßig kontrollieren und dokumentieren
Verlaufskontrolle: Auf Blutung, zunehmende Schmerzen, Schwellung sowie neurovaskuläre Verschlechterung achten
Analgesie: Ausreichende, dem Kreislaufzustand angepasste Schmerztherapie fortführen
Wärmeerhalt: Auskühlung der betroffenen Person vermeiden
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, etwa SINNHAFT oder ISOBAR
Relevante Informationen:
Unfallzeitpunkt und Verletzungsmechanismus
Amputationshöhe und betroffene Körperseite
Totale oder subtotale Amputation
Art der Krafteinwirkung, etwa scharfe Durchtrennung, Quetschung oder Abriss
Ausmaß von Verschmutzung und Weichteilschädigung
Initiale und aktuelle Vitalparameter einschließlich Verlauf
Geschätzter Blutverlust und durchgeführte Blutstillungsmaßnahmen
Bei Tourniquet: Position, Anlagezeit und Blutungskontrolle
Bei subtotaler Amputation: pDMS vor und nach Immobilisation
Zustand, Vollständigkeit, Verpackung und Kühlung des Amputats
Unfallzeitpunkt sowie Beginn der Amputatkühlung
Begleitverletzungen, Vorerkrankungen und gerinnungswirksame Medikation
Durchgeführte Maßnahmen und verabreichte Medikamente
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Definition
Definition
Amputationsverletzungen
Amputationsverletzungen bezeichnen die vollständige oder teilweise Abtrennung einer Gliedmaße oder eines Körperteils infolge eines Traumas.
Totale Amputation: Vollständige Durchtrennung des gesamten Gewebequerschnitts → keine anatomische Verbindung mehr zwischen proximalem und distalem Abschnitt
Subtotale Amputation: Gewebeverbindungen (z. B. Haut, Sehnen, Nerven) bestehen noch, jedoch sind kritische Strukturen wie Arterien oder Venen unterbrochen
Makroamputation: Amputationen proximal des Hand- oder Sprunggelenks (z. B. Unterarm-, Unterschenkel-, Oberschenkelamputationen)
Mikroamputation: Amputationen distal des Hand- oder Sprunggelenks. Im weiteren Sinne werden gelegentlich auch Amputationen kleiner peripherer Strukturen (z. B. Nase, Ohr, Lippe, Zunge) dazugerechnet
Ursachen
Verkehrsunfälle: Hochenergetische Kollisionen, Überrollungen und Einklemmungen können totale oder subtotale Ampuationen verursachen
Arbeits- und Maschinenunfälle: Maschinen, Pressen, Sägen und andere Arbeitsgeräte können Körperteile durchtrennen, quetschen oder abreißen
Landwirtschaftliche Unfälle: Landwirtschaftliche Maschinen können durch Einzug, Quetschung oder Abriss zu schweren Amputationsverletzungen führen
Haus- und Freizeitunfälle: Werkzeuge, Sägen, Rasenmäher oder andere Geräte können insbesondere Finger, Hände oder Füße abtrennen
Explosionen und Schussverletzungen: Druckwellen, Splitter, Trümmer und Geschosse können komplexe Gewebezerstörungen und traumatische Amputationen verursachen
Pathophysiologie
Bei einer traumatischen Amputation werden Gewebe und anatomische Strukturen teilweise oder vollständigdurchtrennt. Präklinisch stehen insbesondere Blutverlust, Ischämie im Vordergrund.
Gewebeschädigung:
Scharfe Durchtrennung: direkte Trennung der betroffenen Gewebestrukturen
Quetschverletzung: Kompression des Gewebes → Schädigung insbesondere von Muskulatur und Weichteilen
Abrissverletzung: Zug- und Scherkräfte → Zerreißung unterschiedlicher Gewebestrukturen
Blutung und hämorrhagischer Schock:
Die Verletzung von Gefäßen kann zu einem erheblichen äußeren Blutverlust führen.
Traumatische Blutung: Gefäßverletzung → Verlust von Plasma und Erythrozyten → Abnahme des zirkulierenden Blutvolumens
Kompensation: Sympathikusaktivierung → Tachykardie, Vasokonstriktion und Kreislaufzentralisation
Dekompensation: Fortbestehender Blutverlust → hämodynamische Instabilität und mögliche Bewusstseinsstörung
Folge: hämorrhagischer Schock mit unzureichender Gewebeperfusion
Ischämische Gewebeschädigung:
Die Unterbrechung der Gefäßversorgung führt zu einer fortschreitenden Schädigung des nicht ausreichend perfundierten Gewebes.
Perfusionsverlust: Unterbrechung der Gefäßversorgung → Ischämie und Hypoxie
Energiemangel: Sauerstoffmangel → gestörte mitochondriale Funktion und abnehmende ATP-Bildung
Verlust der Homöostase: ATP-Mangel → Störung energieabhängiger Zellfunktionen und Ödembildung
Fortschreitende Schädigung: Endothelschädigung und Anreicherung toxischer Metaboliten → zunehmende Zell- und Gewebeschädigung
Folge: Überschreiten der Ischämietoleranz → irreversible Zellschädigung und Nekrose
Klinischer Eindruck
Amputationsstumpf: Offener und meist tief reichender Gewebedefekt
Äußere Blutung: Je nach verletzten Gefäßen kann es zu einer erheblichen Blutung kommen
Freiliegende Strukturen: Knochen, Muskulatur, Sehnen, Gefäße oder Nerven können sichtbar sein
Scharfe Durchtrennung: häufig vergleichsweise glatte Wundränder
Riss- oder Quetschverletzung: meist unregelmäßige, zerfetzte oder stark geschädigte Wundränder
Wundumgebung: Schwellungen, Hämatome, Quetschungen und Verunreinigungen möglich
Schmerzen: Häufig ausgeprägt durch die Verletzung von Haut, Muskulatur und gegebenenfalls Nerven
Funktionsverlust bei subtotaler Amputation: Bewegung und Sensibilität des betroffenen Körperteils sind eingeschränkt oder vollständig aufgehoben
Diagnostik
Inspektion
Allgemeinzustand und Hautkolorit: auf Blässe, Kaltschweißigkeit, marmorierte Haut und weitere Zeichen einer Kreislaufinsuffizienz achten
Atmung: Atemfrequenz und Atemmuster beurteilen → eine Tachypnoe kann auf Schmerzen, Stress oder eine beginnende Schocksymptomatik hinweisen
Art und Höhe der Amputation: zwischen totaler und subtotaler Amputation unterscheiden und die betroffene anatomische Region erfassen
Verletzungsmuster: Auf glatte Durchtrennung, Quetschung, Abriss, Gewebezerstörung, Kontamination und Fremdkörper achten
Blutung: Ausmaß und Lokalisation der Blutung beurteilen → auf aktive arterielle oder venöse Blutungen sowie eine erneute Blutung nach zunächst spontaner Sistierung achten
Amputat: Vollständigkeit und Zustand des Amputats sowie die bisherige Verpackung und Kühlung beurteilen → keinen direkten Kontakt mit Eis oder Wasser zulassen
Begleitverletzungen: Bei passendem Unfallmechanismus nach weiteren Wunden, Frakturen, Quetschungen suchen
Palpation:
Kreislaufstatus: Pulsfrequenz, Pulsqualität, Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit beurteilen
Bei subtotaler Amputation:
Durchblutung: distale Pulse, Rekapillarisierungszeit, Hauttemperatur und Hautkolorit prüfen
Motorik: aktive Bewegungsfähigkeit distal der Verletzung untersuchen, sofern ohne zusätzliche Schädigung möglich
Sensibilität: Berührungsempfinden, Taubheitsgefühl und Parästhesien distal der Verletzung erfassen
Perkussion:
Die Perkussion besitzt bei einer isolierten Amputationsverletzung keinen relevanten diagnostischen Stellenwert. Sie wird nur bei Verdacht auf Begleitverletzungen im Rahmen der entsprechenden körperlichen Untersuchung eingesetzt
Auskultation:
Auch die Auskultation liefert bei der lokalen Beurteilung einer Amputationsverletzung in der Regel keine wegweisenden Befunde. Eine Auskultation von Herz und Lunge erfolgt abhängig vom Allgemeinzustand, Unfallmechanismus und möglichen Begleitverletzungen
Therapie
Merke
Die präklinische Versorgung von Amputationsverletzungen orientiert sich am sogenannten Drei-Säulen-Konzept:
Blutungskontrolle: Priorität hat die rasche Blutstillung durch Druckverband oder Tourniquet sowie die sterile Abdeckung des Wundgebiets
Sachgerechte Versorgung des Amputats: Keimarme Lagerung, trockene Kühlung und Vermeidung von direktem Eis-Kontakt zur Erhaltung der Replantationsfähigkeit
Überwachung der Ischämiezeit: Dokumentation des Zeitpunkts der Amputation und Einschätzung der maximal tolerablen Ischämiedauer zur Optimierung der klinischen Replantationschancen
Lagerung: An Kreislaufzustand, Begleitverletzungen und Beschwerden anpassen
Bei hämodynamischer Instabilität: möglichst flach lagern
Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht verabreichen
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Monitoring und Basisdiagnostik: EKG, SpO₂, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur wiederholt und kontinuierlich überwachen. Ggf. zusätzlich eine kontinuierliche Kapnografie durchführen
Gefäßzugang: Bei relevantem Blutverlust, hämodynamischer Instabilität oder intravenöser Medikamentengabe einen großlumigen peripheren Venenzugang etablieren. Die Blutstillung darf dadurch nicht verzögert werden
Druckverband, möglichst in Kombination mit einem Hämostyptikum
Tourniquet bei lebensbedrohlicher Blutung, die mit anderen Maßnahmen nicht zeitgerecht kontrolliert werden kann
Wirksamkeit und mögliche Nachblutungen regelmäßig kontrollieren
Stumpfversorgung: Amputationsstumpf steril abdecken, verbinden und stabil schienen
pDMS-Kontrolle: Bei einer subtotalen Amputation die Durchblutung, Motorik und Sensibilität distal der Verletzung prüfen und im Verlauf dokumentieren. Bei einer totalen Amputation ist distal keine pDMS-Kontrolle möglich
Wärmeerhalt: Eine Auskühlung der verletzten Person vermeiden und Normothermie anstreben
Transport: Zügiger Transport in eine Klinik mit geeigneter unfall-, hand- oder replantationschirurgischer Versorgung
Besondere Situationen
Miniamputate: Auch kleinste abgetrennte Gewebeteile, insbesondere im Gesichtsbereich, niemals verwerfen → steril verpacken, indirekt kühlen und mittransportieren
Penisamputation: Blutung kontrollieren, Amputat fachgerecht asservieren und rasch in ein mikrochirurgisch geeignetes Zentrum transportieren
Amputation beim Polytrauma: Es gilt „Life before limb“ → lebensbedrohliche Störungen nach xABCDE behandeln; die Amputatversorgung darf den Transport nicht verzögern
Suche nach dem Amputat: Wenn möglich an weitere Einsatzkräfte delegieren
Komplettierung einer subtotalen Amputation: ausschließlich als ärztliche Ultima Ratio, wenn eine lebensrettende Rettung andernfalls nicht möglich ist
Transport
Die Wahl der Zielklinik richtet sich nach Kreislaufstabilität, Blutungskontrolle, Amputationshöhe, Begleitverletzungen und möglicher Replantationsfähigkeit.
Isolierte Amputationsverletzung ohne vitale Gefährdung: frühzeitige Rücksprache mit einem Replantationszentrum und bei zeitgerechter Erreichbarkeit direkter Transport
Amputation von Daumen, mehreren Fingern oder größeren Extremitätenabschnitten: Möglichst direkte Versorgung in einem Zentrum mit hand-, unfall-, plastisch-rekonstruktiver und mikrochirurgischer Kompetenz
Subtotal amputierte Extremität: zügiger Transport in ein Zentrum mit Möglichkeit zur Gefäßrekonstruktion, Frakturstabilisierung und rekonstruktiven Versorgung
Hämodynamische Instabilität oder unkontrollierte Blutung: Transport in das nächstgelegene geeignete Traumazentrum zur lebensrettenden Blutungskontrolle → der Extremitätenerhalt ist nachrangig
Polytrauma oder schwere Begleitverletzungen: Transport in ein geeignetes regionales oder überregionales Traumazentrum
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.
Tipp
Wenn ihr mehrInformationen und weiteretherapeutischeMaßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinktenArtikel aus dem klinischenBereich.
Anlegen eines Tourniquets
Tranexamsäure
Bitte einloggen
Damit wir Dir weiterhin Inhalte in hoher Qualität bieten können, ist dieser Teil des Artikels nur für registrierte Nutzer:innen zugänglich. Logge dich ein oder teste Mediknow jetzt kostenlos.