Eine Anaphylaxie ist eine akut einsetzende, systemische und potenziell lebensbedrohliche Überempfindlichkeitsreaktion (= überschießende Reaktion des Immunsystems) auf einen normalerweise harmlosen Auslöser, z.B. Nahrungsmittel, Insektengifte oder Medikamente. Zu den typischen Frühzeichen zählen Juckreiz, Flush, Urtikaria und Angioödeme. Mit zunehmendem Schweregrad können zusätzlich gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit oder Erbrechen, respiratorische Symptome wie Dyspnoe oder Stridor sowie kardiovaskuläre Manifestationen wie Tachykardie, Hypotonie oder ein anaphylaktischer Schock auftreten.
Um schwere oder lebensbedrohliche Verläufe zu verhindern, sollte die Behandlung unverzüglich eingeleitet werden. Hierzu gehören insbesondere die frühzeitige Gabe von intramuskulärem Adrenalin ab Anaphylaxie Grad II als Medikament der ersten Wahl sowie das Beenden der weiteren Allergenexposition. Rettungssanitäter:innen erkennen die Notfallsituation, leiten die Basismaßnahmen ein und unterstützen das weiterbehandelnde Team bei Adrenalingabe, Zugang, Medikamenten sowie Transport und Übergabe.
Um den Einstieg in das Thema Anaphylaxie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
Stichwort: Anaphylaxie
Ort: Einfamilienhaus
Alarmzeit: 15:22 Uhr
Anrufer: Ehepartnerin
Zusatzinfo: Männlich, 34 Jahre alt, Patient hat eine bekannte Allergie gegen Erdnüsse
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes befindet sich der Patient in sitzender Position auf einem Stuhl und nimmt eine atemerleichternde Haltung mit nach vorn gebeugtem Oberkörper ein.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient wirkt deutlich ängstlich und zeigt eine ausgeprägte Atemnot
Eine verbale Kommunikation ist nur eingeschränkt möglich, Antworten erfolgen lediglich einsilbig
Zusätzlich besteht eine ausgeprägte Heiserkeit
Klinisch imponieren ein deutlicher inspiratorischer Stridor (= pfeifendes Geräusch beim Einatmen) sowie ein anhaltender Hustenreiz
Die Haut zeigt eine Urtikaria im Bereich von Gesicht und Armen
Darüber hinaus fällt eine Schwellung der Lippen im Sinne eines Angioödems auf
Die Ehefrau berichtet, dass der Patient versehentlich erdnusshaltige Bestandteile des Abendessens konsumiert habe
Wenige Minuten nach der Nahrungsaufnahme sei zunächst ein Kribbeln im Mundbereich aufgetreten
Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine rasch zunehmende Atemnot
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
x
Keine kritischen Blutungen
Kein x-Problem
A
Atemwege geschwollen
Schleimhäute insgesamt blass
Patient ist ansprechbar, antwortet aber nur einsilbig
Deutlich ausgeprägter inspiratorischer Stridor + Hustenreiz
Akutes A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion normal
Keine Verletzungen oder Abnormalitäten sichtbar
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Tachypnoe
Auskultatorisch:
Inspiratorischer Stridor
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 86%, schlecht ableitbar
Atemfrequenz: 27/min
Akutes B-Problem
C
Hautkolorit: Urtikaria
Insgesamt kaltschweißig
Rekap-Zeit: 3 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Medikamente: keine Dauermedikation, keine Akutmedikation
Patientengeschichte: keine Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit: vor 20 Minuten, Abendessen
Ereignis: Beginn nach Nahrungsaufnahme
Risikofaktoren: Allergie gegen Erdnüsse
Kein E-Problem
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Definition
Anaphylaxie
Anaphylaxie bezeichnet eine akute, systemische und potenzielllebensbedrohlicheReaktiondesImmunsystems auf normalerweise harmlose Allergene wie Nahrungsmittel, Insektengifte oder Medikamente.
Definition
Anaphylaktischer Schock
Schwere Anaphylaxie (Grad III) mit distributivem Schock infolge einer ausgeprägten Vasodilatation und erhöhten Gefäßpermeabilität, die zu einer relativen Hypovolämie, Hypotonie und Kreislaufinsuffizienz führt.
Einteilung nach Schweregrad
Grad
Haut und subjektive Allgemeinsymptome
Abdomen
Respirationstrakt
Herz-Kreislauf
I
Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
Keine
Keine
Keine
II
Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
Übelkeit, Krämpfe, Erbrechen
Rhinorrhö, Heiserkeit, Dyspnoe
Tachykardie, Hypotonie, Herzrhythmusstörungen
III
Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
Erbrechen, Defäkation (= Stuhlabgang)
Larynxödem (= Schwellung im Bereich des Kehlkopfs), Bronchospasmus, Zyanose
Schock
IV
Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
Erbrechen, Defäkation
Atemstillstand
Kreislaufstillstand
Info
Die Einteilung richtet sich nach den jeweils am stärksten ausgeprägten Symptomen. Das Auftreten einzelner Symptome ist dabei nicht zwingend erforderlich.
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Eine Anaphylaxie kann beispielsweise durch Nahrungsmittel, Insektengifte und Medikamente ausgelöst werden.
Zu den typischen Auslösern zählen:
Nahrungsmittel: Nüsse, Milch, Eier, Soja, Weizenprodukte, Fisch und Schalentiere. Erdnüsse zählen zu den häufigsten Auslösern schwerer und potenziell tödlicher anaphylaktischer Reaktionen
Insektengifte: Wespen- und Bienenstiche. Das Risiko schwerer Verläufe kann durch die Einnahme von Betablockern oder ACE-Hemmern erhöht sein
Medikamente: Antibiotika (insbesondere Penicilline und Cephalosporine), NSAR oder Kontrastmittel
Andere Ursachen bzw. Summationsfaktoren: intensive körperliche Belastung, Alkoholkonsum, Infektionen, Stress sowie gleichzeitige Allergenexposition
Merke
Bestimmte endogene und exogeneFaktoren können das Auftreten und den Schweregrad einer Anaphylaxie begünstigen. Sie können auch selbst der Auslöser sein.
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Bei der allergischen Anaphylaxie löst der Kontakt mit dem Allergen eine Mastzelldegranulation aus. Dabei werden vasoaktive Mediatoren freigesetzt, allen voran Histamin.
Auswirkungen von Histamin
Histamin ist der zentrale Mediator und wirkt auf drei Systeme:
Gefäßsystem: Vasodilatation, dadurch Sinken des systemischen Gefäßwiderstands und des Blutdrucks. Zugleich steigt die Gefäßpermeabilität. Plasma tritt ins Gewebe aus (Kapillarlecksyndrom) und es entsteht ein intravasaler Volumenmangel
Bronchialsystem: Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur, dadurch Bronchokonstriktion mit Giemen und Hypoxie
Nervensystem: Reizung sensibler Nervenendigungen in Haut und Schleimhäuten, dadurch Juckreiz und Brennen
Endotheliale Dysfunktion und Kapillarleck
Auswirkungen weiterer Entzündungsmediatoren
Neben Histamin werden weitere Mediatoren freigesetzt, darunter die Leukotriene. Sie wirken deutlich stärker und länger bronchokonstriktorisch als Histamin und verstärken so den Bronchospasmus. Im Magen-Darm-Trakt lösen sie eine Kontraktion der glatten Muskulatur aus, dadurch entstehen Bauchkrämpfe, Übelkeit und Erbrechen.
Systemische Auswirkungen
Daraus ergeben sich systemische Auswirkungen auf mehrere Organsysteme:
Gefäßsystem: Vasodilatation und Kapillarleck vermindern den venösen Rückstrom und damit das effektive Herzzeitvolumen. Es entsteht ein distributiv-hypovolämischer Schock
Respirationstrakt: Bronchospasmus und Larynxödem führen zu Atemwegsobstruktion, Hypoxie und respiratorischer Insuffizienz
Herz-Kreislauf-System: Die verminderte Vorlast und die Hypoxie schwächen die Pumpleistung des Herzens und können Herzrhythmusstörungen auslösen. Der Schock schreitet dadurch fort
Gastrointestinaltrakt und Haut: Bauchkrämpfe, Erbrechen und Diarrhö sowie Flush, Urtikaria und Ödembildung
Distributiver Schock
Achtung
Hauptverursacher tödlicher Verläufe:
Hypoxie bei Atemwegsverlegung
Anhaltender Schock
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme der Anaphylaxie
Systemische Vasodilatation + Kapillarleck
Bronchokonstriktion → Hypoxie
Angioödem
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Merke
Leitsymptom: plötzliche Hautreaktionen wie Juckreiz, Flush, Urtikaria oder Angioödem nach Allergenkontakt. Bei schweren Verläufen kommen Atemwegsbeschwerden (Dyspnoe, Stridor) oder Kreislaufreaktionen (Hypotonie, Kollaps) hinzu.
Je nach Schweregrad können weitere Organsysteme betroffen sein:
Atemwege: Heiserkeit, Dyspnoe, Tachypnoe, inspiratorischer Stridor. Bei schwerem Verlauf Larynxödem, Bronchospasmus und Zyanose
Herz-Kreislauf-System: Tachykardie, Hypotonie, Schwindel, Herzrhythmusstörungen. Bei schwerem Verlauf Schock mit anhaltender Hypotonie
Zentrales Nervensystem: Angst und Unruhe, Verwirrtheit, Vigilanzminderung
Info
Untypische Verläufe
Je nach Organbeteiligung können bei einer Anaphylaxie einzelne Symptome fehlen. Eine schwere allergische Reaktion kann auch ohne Hautveränderungen oder allgemeine Symptome auftreten.
Achtung
Red Flags
Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder inspiratorischer Stridor: Zeichen einer Schwellung der oberen Atemwege
Zyanose oder eine Sättigung, die unter Sauerstoffgabe nicht ansteigt
Schockzeichen: Hypotonie, Marmorierung der Haut, Kaltschweißigkeit, verlängerte Rekapillarisierungszeit
Vigilanzminderung, Verwirrtheit oder Kollaps
Rasch zunehmende Symptomatik nach der Allergenexposition
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
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Anamnese
S (Symptome): Je nach Schweregrad unterschiedlich
Haut und Allgemeinsymptome: Juckreiz, Flush (Hautrötung), Urtikaria (juckende Quaddel), Angioödem (Schleimhautschwellung, häufig an Lippen oder Augenliedern)
A (Allergien, Infektionen): bekannte Allergien gegen Insektengifte, Nahrungsmittel oder Medikamente, frühere allergische Reaktionen
M (Medikation): Einnahme von Risikomedikamenten (z.B. Betablocker, ACE-Hemmer, NSAR) sowie bereits verwendete Notfallmedikamente (z.B. Adrenalin-Autoinjektor)
P (Patientengeschichte): Asthma bronchiale, kardiovaskuläre Erkrankungen, frühere anaphylaktische Ereignisse
L (Letzte…): Zeitpunkt und Inhalt der letzten Nahrungsaufnahme, insbesondere bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie
E (Ereignis): Art und Zeitpunkt einer möglichen Allergenexposition (Insektenstich, Medikament, Nahrungsmittel)
R (Risiko): Asthma, kardiovaskuläre Erkrankungen, Mastozytose, höheres Lebensalter, Einnahme von Betablockern oder ACE-Hemmern
S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen beachten
Körperliche Untersuchung
Urtikaria
Inspektion:
Hautkolorit: Blässe oder Marmorierung als Hinweis auf eine periphere Minderperfusion beim anaphylaktischen Schock
Zyanose: Hinweis auf eine ausgeprägte Hypoxie
Erythem, Urtikaria und Angioödeme: typische Hautzeichen einer anaphylaktischen Reaktion
Palpation:
Rekapillarisierungszeit: eine Verlängerung spricht für eine eingeschränkte periphere Durchblutung bei Schockgeschehen
Angioödem
Hauttemperatur: kalte, feuchte Haut weist auf eine kompensatorische periphere Vasokonstriktion hin
Pulsqualität und Herzfrequenz: initial häufig Tachykardie, im fortgeschrittenen Stadium Bradykardie oder Herzrhythmusstörungen möglich
Perkussion:
Perkussionsbefund: in der Regel unauffällig
Auskultation:
Inspiratorischer Stridor: Hinweis auf eine obere Atemwegsobstruktion durch Schleimhautödem
Giemen oder exspiratorischer Stridor: Zeichen einer bronchialen Obstruktion infolge eines Bronchospasmus
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden bei einer Anaphylaxie engmaschig kontrolliert, weil sich der Zustand innerhalb von Minuten verschlechtern kann.
Parameter
Typischer Befund
Klinische Bedeutung
Atemfrequenz
Tachypnoe
Kompensatorische Reaktion auf Hypoxie oder respiratorische Beeinträchtigung
Sauerstoffsättigung (SpO₂)
Vermindert
Folge einer gestörten Oxygenierung durch Bronchospasmus, Atemwegsödem oder Hypoperfusion
Herzfrequenz
Initial erhöht (Tachykardie), im Spätstadium ggf. vermindert (Bradykardie)
Ausdruck der Kreislaufkompensation oder einer fortschreitenden Dekompensation
Blutdruck
Zunächst normwertig, später Hypotonie bis zum Schock
Folge systemischer Vasodilatation und Flüssigkeitsverschiebung in das Interstitium
EKG
Sinustachykardie, ggf. Herzrhythmusstörungen
Kann auf Hypoxie, hämodynamische Belastung oder medikamentöse Einflüsse zurückzuführen sein
Körpertemperatur
Meist normwertig
Keine primäre Störung der Thermoregulation zu erwarten
Blutzucker
In der Regel normwertig
Dient primär dem Ausschluss metabolischer Ursachen der Symptomatik
Orientierende neurologische Untersuchung
Blutdruckabfall und Hypoxie wirken sich früh auf das Bewusstsein aus. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.
Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Heiserkeit weist auf eine Schwellung im Bereich des Kehlkopfs hin
Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
Differenzialdiagnosen
Krankheitsbild
Was eher dafür spricht
Akuter Asthmaanfall
Bekanntes Asthma, exspiratorisches Giemen, keine Hautsymptome, keine Schwellung
Fremdkörperaspiration
Plötzlicher Beginn beim Essen mit Husten und inspiratorischem Stridor, keine Urtikaria, kein Angioödem
Hereditäres Angioödem
Schwellung ohne Juckreiz und ohne Urtikaria, langsamer Beginn, in der Familie bekannt
Vasovagale Synkope
Rasche Erholung im Liegen, keine Hautsymptome, keine Atemnot
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Basismaßnahmen
Info
Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
Allergenzufuhr stoppen: Entfernung beziehungsweise Unterbrechung der weiteren Allergenexposition (z.B. Insektenstachel entfernen, laufende Infusion stoppen)
Angepasste Lagerung: nach dem führenden Problem
Schocklagerung: bei Hypotonie oder Kreislaufversagen Hochlagerung der Beine um 30 bis 60° zur Verbesserung des venösen Rückstroms
Halb- oder Oberkörperhochlagerung: bei Dyspnoe oder Larynxödem zur Erleichterung der Atmung
Sauerstoffgabe: hochdosiert (10 bis 15 l/min) per Maske, ggf. im Verlauf angepasst
Vorbereiten: Adrenalin zur intramuskulären Gabe (Ampulle, Spritze, Kanüle) bereitlegen, Außenseite des Oberschenkels freimachen, Material für i.v.-Zugang und Infusion richten
Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen. Auskühlung verschlechtert den Kreislauf zusätzlich
Merke
Lagerung nach dem führenden Problem
Führt das Kreislaufproblem (Hypotonie, Schockzeichen), wird die betroffene Person in Schocklagerung gebracht. Führt das Atemproblem (Stridor, Heiserkeit, Dyspnoe), wird sie mit erhöhtem Oberkörper oder sitzend gelagert.
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jeder Anaphylaxie eingesetzt.
Merke
Ziel der Behandlung durch den Rettungsdienst ist die rasche Stabilisierung von Kreislauf und Atmung. Die intramuskuläre Gabe von Adrenalin in die Außenseite des Oberschenkels ist hierzu die wichtigste und wirksamste Therapiemaßnahme.
Medikament
Behandlungszweck
Wichtige Hinweise für die Unterstützung
Adrenalin intramuskulär 0,5 mg in die Außenseite des Oberschenkels, ggf. Wiederholung alle 5-10 Minuten
Medikament der ersten Wahl ab Grad II: stabilisiert den Kreislauf, erweitert die Bronchien, wirkt der Schwellung entgegen
Ampulle, Spritze und Kanüle vorbereiten, Oberschenkel freimachen.
Adrenalin intravenös bei persistierender Hypotonie <70 mmHG → 0,05mg alle 3-5 Minuten, max. 0,5 mg
Stabilisierung des Blutdrucks bei Hypotonie trotz Volumengabe und Adrenalin intramuskulär
Hochpotent, vorsichtig titrierte Gabe. Mögliche Aufziehmethode: 5 mg Adrenalin (5 ml) auf 95 ml NaCl 0,9 % → 0,05 mg/ml
Adrenalin inhalativ 4mg pur über Verneblermaske
Bei Schwellung der oberen Atemwege: wirkt örtlich abschwellend
Verneblermaske mit Sauerstoffanschluss vorbereiten. Sauerstoff-Flow von 6-10 Litern zur effektiven Verneblung nötig
Vollelektrolytlösung 500-1000 ml i.v.
Volumentherapie: gleicht den Volumenmangel durch das Kapillarleck aus
Zugang und Infusionssystem vorbereiten, bei der Anlage assistieren, Infusion anreichen
Salbutamol 2,5 - 5 mg mit 6-10 Litern O2 über Verneblermaske
Beta-2-Sympathomimetikum, erweitert die Bronchien bei Bronchospasmus
Verneblermaske vorbereiten, Sättigung weiter beobachten
H1-Antihistaminikum, z.B. Dimetinden 0,1 mg/kgKg i.v., max. 8 mg oder Clemastin 0,05 mg/kgKG i.v.
Blockieren Histamin, lindern ergänzend Juckreiz, Urtikaria und Angioödem
Ersetzen Adrenalin nicht, können müde machen
Ggf. Prednisolon 250 mg i.v.
Wirkt entzündungshemmend, soll verzögerte Reaktionen abschwächen
Verzögerter Wirkeintritt, ersetzt Adrenalin nicht. Siehe Hinweis unter der Tabelle
Info
Kortikosteroide: Nach den Leitlinien des ERC 2025 werden Kortikosteroide wie Prednisolon bei Erwachsenen in der Akuttherapie der Anaphylaxie nicht mehr routinemäßig empfohlen. Ob Prednisolon gegeben wird, bleibt eine individuelle Entscheidung des Teams vor Ort.
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Grundsätzlich sollte der Transport in eine Klinik mit internistischer Fachabteilung erfolgen, bei schweren Verläufen mit Schockraum und Intensivkapazität.
Nach initialer Stabilisierung ist eine klinische Überwachung zum Ausschluss eines biphasischen Verlaufs nötig, der bis zu 24 Stunden nach dem Ereignis auftreten kann.
Kein Gehen: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug. Durch die Vasodilatation besteht ein relativer Volumenmangel, beim Aufstehen sackt das Blut in die Beine ab und es droht ein Kreislaufkollaps. Die Lagerung richtet sich auch während des Transports nach dem führenden Problem
Kontinuierliches Monitoring: EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Bewusstseinslage bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen. Besonders auf Herzfrequenz und Herzrhythmusstörungen achten, vor allem nach Adrenalingabe, da Adrenalin Tachykardien und Arrhythmien auslösen kann
Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine erneute Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.
Für das aufnehmende Team sind diese Angaben besonders wichtig:
Art der Allergenexposition und Verlauf seit dem Kontakt
Atemwegs-, Kreislauf- und Hautmanifestationen und ihr Verlauf
Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen, einschließlich der Anzahl der Adrenalingaben
Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
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Das Team erkennt anhand von Urtikaria, Angioödem, Heiserkeit und inspiratorischem Stridor nach dem Verzehr von Erdnüssen eine Anaphylaxie mit führendem Atemproblem. Aufgrund des Larynxödems liegt Grad III vor. Über die Leitstelle wird das NEF nachgefordert.
Der Rettungssanitäter belässt den Patienten sitzend mit erhöhtem Oberkörper, gibt bei einer Sättigung von 86 % 15 l/min Sauerstoff über die Maske und schließt das Monitoring an. Anschließend bereitet er Adrenalin zur intramuskulären Gabe vor und macht die Außenseite des Oberschenkels frei. Die Notfallsanitäterin verabreicht 0,5 mg Adrenalin i.m. Parallel richtet der Rettungssanitäter die Verneblermaske sowie das Material für den venösen Zugang und die Vollelektrolytlösung. Die Notfallsanitäterin verabreicht 4 mg Adrenalin inhalativ, legt einen venösen Zugang und gibt 500 ml Vollelektrolytlösung sowie 8 mg Dimetinden i.v.
Innerhalb weniger Minuten lässt der Stridor nach, die Sättigung steigt auf 94 %, die Herzfrequenz sinkt auf 108/min und der Blutdruck liegt bei 115/75 mmHg. Nach Eintreffen der Notärztin bereitet der Rettungssanitäter den Transport vor: Der Patient wird im Tragestuhl zum Fahrzeug gebracht und mit erhöhtem Oberkörper transportiert, das Monitoring bleibt angeschlossen. Ziel ist eine Klinik mit Intensivkapazität. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem die Art der Allergenexposition, den Symptomverlauf und die Anzahl der Adrenalingaben.
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Tipp
Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Anaphylaxie (RD)
Schock (RD)
Akuter Asthmaanfall (RD)
Akut exazerbierte COPD (RD)
Lagerung (RD)
Terminologie (RD)
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