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Antipsychotika

Neuroleptika
10 Minuten Lesezeit

Antipsychotika wurden früher auch Neuroleptika („nervenberuhigende Medikamente“) genannt. Die Bezeichnung ist mittlerweile obsolet. Die Antipsychotika sind eine heterogene Wirkstoffgruppe, welche mit verschiedensten Rezeptoren interagieren. Allen Antipsychotika gemeinsam ist jedoch ein kompetitiver Antagonismus am D2-Dopaminrezeptor.

  • Schizophrenie
  • Manie
  • Wahnzustände
  • Organisch bedingte Psychosen
  • Unruhezustände
  • Schlafstörungen
 Achtung

Cave:

  • Alle Antipsychotika senken die Krampfschwelle!
  • Antipsychotika machen nicht abhängig
  • Es besteht eine Antipsychotika-Überempfindlichkeit bei Patienten mit einer Lewy-Body-Demenz

Die Schizophrenie umfasst Erkrankungen, welche mit Psychosen einhergehen. Psychosen sind charakteristische psychische Störungen (bspw. Halluzinationen, Wahn, Ich-Störungen). Die Symptomatik der Schizophrenie wird grob in Positiv- und Negativsymptomatik unterteilt.

  • Positivsymptome kommen zur normalen Wahrnehmung hinzu und werden daher auch Plussymptome genannt
    • Plussymptome:
      • Halluzinationen (vor allem akustische Halluzinationen)
      • Wahnstörungen
      • Ich-Störungen
      • Formale Denkstörungen
  • Negativsymptome sind reduziert im Vergleich zum normalen Gefühlserleben und werden daher auch als Minussymptome bezeichnet
    • Negativsymptome (6 „A“s):
      • Affektverflachung (verringerte Schwingungsfähigkeit/emotionale Modulationsfähigkeit)
      • Alogie (Verarmung der Sprache)
      • Apathie (Teilnahmslosigkeit/Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und der Umwelt; Abwesenheit von Emotionen und Interessen)
      • Anhedonie (Verlust der Fähigkeit, Freude zu empfinden, in Situationen, die früher Freude bereitet haben)
      • Asozialität (Verhaltensweisen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen und der Gesellschaft (vermeintlich oder tatsächlich) schaden)
      • Aufmerksamkeitsstörung

Entsprechend des Wirkprofils werden typische von atypischen Antipsychotika unterschieden. Die typischen Antipsychotika können weiter nach der antipsychotischen Potenz in hoch- bzw. niedrigpotent klassifiziert werden.

Einteilung der Antipsychotika

Typische hochpotente Antipsychotika sind charakterisiert durch einen ausgeprägten D2-Antagonismus und eine gute Wirksamkeit auf die Plussymptomatik. Es besteht gleichzeitig ein erhöhtes Potential für extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS). Sie werden gerne im Rahmen der Notfalltherapie (bspw. bei aggressivem Verhalten) eingesetzt.

  • Wirkstoffe:
    • Haloperidol
    • Benperidol
    • Flupentixol
    • Fluphenazin
Wirkung Antipsychotika
  • Wirkung:
    • D2-Antagonismus
    • Reduktion der Positivsymptomatik
    • Keine Verbesserung der Negativsymptomatik
  • Nebenwirkungen:
    • Häufig extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS)
      → Durch Blockade der D2-Rezeptoren im nigrostriatalen System
    • Hyperprolaktinämie
      → Durch Blockade der D2-Rezeptoren im tuberoinfundibulären System
      → Führt zu einer Galaktorrhö bei Frauen und einer Gynäkomastie bei Männern
    • QT-Zeit-Verlängerung
    • Malignes neuroleptisches Syndrom (MNS)
 Definition

Extrapyramidalmotorische Störungen: Gruppe an Bewegungsstörungen, welche durch den D2-Antagonismus im nigrostriatalen System ausgelöst werden. Es werden 4 verschiedene Formen unterschieden (Übersicht auf der nächsten Seite). Ein besonders hohes Risiko für die Entstehung von extrapyramidalmotorischen Störungen besteht bei den typischen hochpotenten Antipsychotika. Das atypische Antipsychotikum Clozapin löst als einziger antipsychotischer Wirkstoff keine EPMS aus.

Übersicht über die extrapyramidalmotorischen Störungen

FormBeginn der SymptomeSymptomeTherapie
1. Frühdyskinesie
  • 7 Tage nach Therapiebeginn
  • Zungen- und Schlundkrämpfe
  • Torticollis („Schiefhaltung des Kopfes“)
  • Blickkrämpfe
  • Hyperkinesien der mimischen Muskulatur
  • Dosisreduktion
  • Umstellung auf anderes Antipsychotikum
  • Biperiden (Anticholinergikum)
2. Parkinsonoid
  • 1-8 Wochen nach Therapiebeginn
  • Rigor
  • Tremor  
  • Akinese
  • Dosisreduktion
  • Umstellung auf anderes Antipsychotikum
  • Biperiden
3. Akathisie
  • 1-8 Wochen nach Therapiebeginn
  • Sitzunruhe
  • Stehunruhe
  • Reizbarkeit
  • Dosisreduktion
  • Umstellung auf anderes Antipsychotikum
  • Propranolol

4. Spätdyskinesie

(potentiell irreversibel!)

  • Monate bis Jahre nach Therapiebeginn
  • Hyperkinetische Bewegungsstörung (vermehrte unwillkürliche Bewegungen)
  • Kau-, Saug- und Schmatzbewegungen
  • Umstellung auf Clozapin (keine EPMS)
  • Dosisreduktion oder Absetzen!

Typische niedrigpotente Antipsychotika binden nur mit niedriger Affinität an den D2-Rezeptor. Sie wirken daher erst bei hohen Dosen antipsychotisch. Bei dieser Wirkstoffgruppe ist daher der sedierende Effekt führend. Es handelt sich um „dirty drugs“, welche ebenfalls antihistaminerge, anti-⍺1-adrenerge und anticholinerge Nebenwirkungen besitzen.

  • Wirkstoffe:
    • Chlorpromazin („mittelpotent“)
    • Melperon
    • Pipamperon
    • Levomepromazin
    • Promethazin
  • Wirkung:
    • Kaum antipsychotisch
  • Nebenwirkungen:
    • Weniger EPMS & Hyperprolaktinämie
Nebenwirkungen der typischen niedrigpotenten Antipsychotika
  • Besonderheiten:
    • Melperon und Pipamperon werden aufgrund der sedierenden Wirkung als Schlafmittel in der Geriatrie eingesetzt
    • Promethazin wirkt überwiegend antihistaminerg und kann die Wirkung von Opioiden verstärken
      → Missbrauch: Kombination mit Codein-haltigem Hustensaft („purple drank“)

Atypische Antipsychotika sind eine heterogene Wirkstoffgruppe mit einem breiten Wirkspektrum. Abhängig vom jeweiligen Rezeptorprofil sollte der passende Wirkstoff ausgewählt werden. Sie besitzen eine antagonistische Wirkung an 5-HT-Rezeptoren sowie an Dopaminrezeptoren (D2, D3, D4).

 Merke

Allgemein:

  • Weniger EPMS & Hyperprolaktinämie
  • Bessere Wirksamkeit auf die primäre Negativsymptomatik
  • Alle atypischen Antipsychotika können zu einer QT-Zeit-Verlängerung führen

Übersicht

WirkstoffNebenwirkungenBesonderheit
Clozapin
  • Agranulozytose
  • Myokarditis
  • Verstärkter Speichelfluss
  • Gewichtszunahme
  • Metabolisches Syndrom (erhöhte Blutzucker-Konzentration, erhöhte Blutfettwerte)
  • Antihistaminerg, anti-⍺1-adrenerg, anticholinerg
  • Keine EPMS
  • Keine Hyperprolaktinämie
  • Wirksamkeit bei therapieresistenter Schizophrenie (keine wesentliche Besserung unter Therapie mit 2 verschiedenen Antipsychotika (mindestens 1 atypisches) in ausreichend hoher Dosierung über jeweils mindestens 6 Wochen)
  • Cave: bei Kombination mit Benzodiazepinen
Olanzapin  
  • Gewichtszunahme
  • Metabolisches Syndrom
 
Quetiapin
  • Metabolisches Syndrom
  • Sedierung führend
  • Zugelassen zur Augmentation (=Verstärkung) von Antidepressiva
  • Zweitniedrigstes EPMS-Risiko
Risperidon
  • EPMS (selten)
  • Hyperprolaktinämie
  • Bei anhaltender Aggression bei mäßig bis schwerer Alzheimer-Demenz (p.o.)
Aripiprazol  
  • EPMS (selten)
  • Partialagonist am D2-Rezeptor
  • Gilt als gewichtsneutral
 Info
Agranulozytose
  • Definition: starke Reduktion der Leukozyten im Blut (<500/µl)
  • Symptome: klassische Trias
    1. Stomatitis aphtosa
    2. Halsschmerzen (Angina agranulocytotica)
    3. Fieber

Ein malignes neuroleptisches Syndrom ist eine gefürchtete Komplikation der Antipsychotikatherapie. Es handelt sich um eine Nebenwirkung aller Antipsychotika. Sie tritt jedoch häufiger bei hochpotenten Antipsychotika auf. Das MNS ist unabhängig von Dauer und Dosierung des Antipsychotikums. Pathophysiologisch scheint ein Dopaminmangel in bestimmten Hirnregionen zugrunde zu liegen.

  • Symptome:
    • Vegetativ:
      1. Hohes Fieber
      2. Tachykardie
      3. Tachypnoe
    • Psychiatrisch:
      1. Vigilanzminderung (verminderte Wachheit)
      2. Stupor
      3. Verwirrtheit
      4. Mutismus
    • Extrapyramidalmotorisch:
      1. Rigor
      2. Tremor
      3. Akinesie
  • Diagnostik:
    • Erhöhte Kreatinkinase (CK)
    • Erhöhte Transaminasen
    • Leukozytose
    • Metabolische Azidose
  • Therapie:
    • Antipsychotika absetzen
    • Flüssigkeitssubstitution
    • Dopaminagonisten (Bromocriptin)
    • Dantrolen
    • Ultima Ratio: Elektrokonvulsionstherapie (EKT)
  • Differentialdiagnosen:
    • Serotonin-Syndrom
    • Maligne Hyperthermie (siehe Anästhetika)
    • Perniziöse Katatonie
 Achtung

Bei schwerem Verlauf ist eine intensivmedizinische Betreuung notwendig!

 Achtung

Katatones Dilemma: klinisch sind die perniziöse Katatonie und das MNS sehr ähnlich. Das Dilemma besteht darin, dass bei einer perniziösen Katatonie die Gabe von Antipsychotika notwendig ist während das MNS das sofortige Absetzen dieser Medikamente erfordert.

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 23.09.2024
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