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Arzt-Patient-Interaktion in der Onkologie

onkologische Arzt-Patient-Kommunikation, MAC-Modell, SKIPES
EP
6 Minuten Lesezeit

Die Arzt-Patienten-Interaktion in der Onkologie ist durch besondere kommunikative Anforderungen geprägt, da häufig Diagnosen, Prognosen und Therapieentscheidungen mit hoher emotionaler Belastung besprochen werden. Eine patientenzentrierte Kommunikation berücksichtigt deshalb nicht nur medizinische Informationen, sondern auch das individuelle Informationsbedürfnis, die emotionale Reaktion und die persönlichen Vorstellungen der Patient:innen. Untersuchungen zeigen, dass viele Krebspatient:innen detaillierte Informationen über Erkrankung, Behandlung und Prognose wünschen, gleichzeitig aber selbst mitbestimmen möchten, wann, wie und in welchem Umfang diese Informationen vermittelt werden.

Für die Übermittlung schwerer Nachrichten wurde das SPIKES-Modell entwickelt. Zunächst werden ein geeigneter Gesprächsrahmen und das bisherige Verständnis der Patient:innen erfasst. Anschliessend wird geklärt, welche Informationen die Person erhalten möchte. Die Nachricht wird klar, verständlich und schrittweise vermittelt. Besondere Bedeutung hat der Umgang mit emotionalen Reaktionen: Ängste, Trauer oder Schock sollten wahrgenommen und empathisch aufgegriffen werden. Abschliessend werden die nächsten Schritte gemeinsam besprochen.

Bei der Krankheitsbewältigung lassen sich unterschiedliche Reaktionsmuster beschreiben. Das klassische Mental-Adjustment-to-Cancer-Modell unterscheidet unter anderem Kampfgeist, ängstliche Beschäftigung, Hilf- / Hoffnungslosigkeit, Fatalismus sowie Vermeidung bzw. Verleugnung. Diese Muster sind jedoch nicht als starre Kategorien zu verstehen. Bewältigung ist ein dynamischer Prozess, bei dem unterschiedliche Strategien abhängig von Situation, Krankheitsphase und individuellen Ressourcen eingesetzt werden können.

Eine gute onkologische Kommunikation bedeutet daher nicht, Patient:innen zu einer bestimmten „positiven“ Bewältigungsstrategie zu bewegen. Vielmehr sollte sie realistische Information, emotionale Unterstützung, Autonomie und Hoffnung miteinander verbinden. Hoffnung bedeutet dabei nicht zwangsläufig Heilung, sondern kann sich beispielsweise auf Behandlungsmöglichkeiten, Symptomkontrolle, Lebensqualität oder die weitere persönliche Begleitung beziehen.

 Merke

Schlechte Nachrichten klar und empathisch vermitteln, Informationsbedürfnisse individuell berücksichtigen und unterschiedliche Formen der Krankheitsbewältigung respektieren.

 Definition

Neben Routinegesprächen gehört auch das Überbringen schwieriger Botschaften zum Alltag vieler Ärzt:innen. Gerade zu Beginn sind derartige Gespräche für Mediziner:innen schwierig und herausfordernd. Als Orientierungskonzept hat sich das sogenannte SPIKES-Modell (siehe Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt) bewährt.

 Merke
Spikes-Modell

Setting: Vorbereitung und Umgebung

Perception: Wissensstand und Wahrnehmung erfragen

Invitation: Informationsbedürfnis klären

Knowledge: Informationsvermittlung

Empathy: Emotionen zulassen, benennen, anerkennen

Strategy and Summary: Planung und Zusammenfassung

SPIKES ist ein Kommunikationsmodell, keine starre Checkliste. Die einzelnen Schritte müssen an Situation, Patient:in und Gesprächsverlauf angepasst werden.

 Achtung

Die Patient:innen bevorzugten eine realistische und individuelle Kommunikation. Hoffnung wurde dabei nicht primär durch Beschönigung erzeugt, sondern unter anderem durch eine kompetente Behandlung, Symptomkontrolle, individuelle Betreuung und das Gefühl, weiterhin unterstützt zu werden.

 Definition

Eine Krebsdiagnose kann bei Betroffenen und Angehörigen eine existenzielle Krise auslösen: Die Zukunft wirkt unsicher, und Gefühle schwanken häufig zwischen Angst, Hoffnung, Belastung und Optimismus. Psychologisch besonders relevant ist Fatigue (krankheitsbezogene Erschöpfung), die bei Krebs häufig auftritt und multifaktoriell bedingt ist (Tumorerkrankung, Therapieeffekte, psychische Faktoren).

Im klassischen MAC-Modell werden insbesondere folgende Bewältigungsmuster unterschieden:

BewältigungsformCharakterisierung
Kampfgeist (fighting spirit)Aktive Auseinandersetzung mit der Erkrankung, Hoffnung und Bereitschaft zur Behandlung
Ängstliche Beschäftigung (anxious preoccupation)Ausgeprägte Sorge, Angst und gedankliche Beschäftigung mit der Erkrankung
Hilf- / Hoffnungslosigkeit (helplessness/hopelessness)Gefühl von Kontrollverlust, Verzweiflung und fehlender Einflussmöglichkeit
FatalismusAkzeptanz der Erkrankung als Schicksal bei eher passiver Haltung
Vermeidung / VerleugnungDistanzierung von oder Minimierung der Erkrankung
 Info

Die ursprüngliche Faktorstruktur des MAC-Modells konnte allerdings in späteren Untersuchungen nicht vollständig reproduziert werden. Deshalb sollte man diese Kategorien heute eher als Beschreibungen verschiedener Reaktionsmuster und nicht als strikt voneinander getrennte Persönlichkeitstypen verstehen.

 Achtung

Eine bestimmte Bewältigungsform sollte nicht als „richtig“ oder „falsch“ bewertet werden. Welche Strategie hilfreich ist, hängt von der Person und der jeweiligen Situation ab.

Sensitization vs. Repression (Umgang mit bedrohlicher Information):

Diese beiden Bewältigungsstile werden als relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale (Trait) verstanden und zeigen sich besonders im Umgang mit krankheitsbezogenen Informationen.

  • Sensitization (Informationssuche): Betroffene sammeln aktiv Informationen, sprechen häufig mit Angehörigen / Behandelnden über Erwartungen und Wissen und thematisieren die Erkrankung offen
  • Repression (Informationsvermeidung): Betroffene versuchen Konfrontation zu vermeiden, wollen möglichst wenig erinnert / „hineingezogen“ werden und halten Distanz zum Thema
 Merke

Beide Stile können „normal“ sein. Im ärztlichen Gespräch sollte das Informationsbedürfnis aktiv erfragt und die Aufklärung daran angepasst werden.

Modell der Krankheitsverarbeitung nach Heim:

Krankheitsbewältigung lässt sich als Prozess verstehen:

 Info
Krankheitsverarbeitung nach Heim:
  1. Wahrnehmung: Symptome / Veränderungen werden bemerkt
  2. Kognitive Verarbeitung: Die Person bewertet Bedeutung und Bedrohlichkeit („Ist das gefährlich?“)
  3. Bewältigung (Coping): Reaktionen auf drei Ebenen:

3.1) Handlungsbezogen (Handeln / Kompensation)

  • Sich etwas Gutes tun
  • Rückzug, Wut / Aggression
  • Zuwendung suchen
  • „Anpacken“ / aktiv werden
  • Anderen helfen (Altruismus)

3.2) Kognitiv

  • Dissimulation: Krankheit herunterspielen
  • Ablenkung, Thema vermeiden
  • Sich selbst aufwerten (Valorisieren)
  • Problemanalyse / Abwägen / Entscheiden, Relativieren („anderen geht’s noch schlechter“), Rumination (ständiges Grübeln)
  • Stoizismus („mit Fassung tragen“)

3.3) Intrapsychisch–emotional

  • Haltung bewahren / Selbstkontrolle
  • Aufgeben / Fatalismus, Auflehnung / Protest
  • Selbstbeschuldigung
  • Gefühle ausdrücken, Hinwendung zum Glauben

Kommunikationsproblem: Depression wird leicht übersehen:

Bei Krebserkrankungen werden depressive Episoden häufig nicht erkannt, z. B. weil:

  • Ärzt*innen nicht konsequent nach Stimmung / Befinden fragen, Betroffene psychische Belastungen nicht von selbst ansprechen
  • körperliche Beschwerden „nur“ der Krebserkrankung zugeschrieben werden, depressive Symptome als „normale Reaktion“ missverstanden werden

Psychotherapeutische/psychologische Unterstützung:

Hilfreiche Interventionen können die Krankheitsverarbeitung stabilisieren und Belastung reduzieren, z. B.:

  • Entspannungstraining: Angstreduktion, Unterstützung bei Schlafproblemen, Meditation / Achtsamkeit: Stresssenkung, besserer Umgang mit Schmerzen
  • Selbsthilfegruppen / Gruppe: Austausch, Validierung („verstanden werden“), soziale Unterstützung
  • Psychoonkologischer Liaison-Dienst: Direkte psychotherapeutische Mitbetreuung (z. B. auf onkologischer Station)
  • Kognitive Interventionen / Stressimpfung: Negative innere Aussagen erkennen und durch bewältigungsorientierte Selbstinstruktionen ersetzen (Schmerz / Belastung wirkt oft weniger überwältigend)
  • Baile WF, Buckman R, Lenzi R, Glober G, Beale EA, Kudelka AP. SPIKES-A six-step protocol for delivering bad news: application to the patient with cancer. Oncologist 2000;5(4):302-311. DOI: 10.1634/theoncologist.5-4-302.
  • Hagerty RG, Butow PN, Ellis PA, Lobb EA, Pendlebury S, Leighl N, Goldstein D, Lo SK, Tattersall MHN. Cancer patient preferences for communication of prognosis in the metastatic setting. J Clin Oncol 2004;22(9):1721-1730. DOI: 10.1200/JCO.2004.04.095.
  • Hagerty RG, Butow PN, Ellis PM, Lobb EA, Pendlebury SC, Leighl N, Goldstein D, Tattersall MHN.Communicating with realism and hope: incurable cancer patients' views on the disclosure of prognosis. J Clin Oncol2005;23(6):1278-1288. DOI: 10.1200/JCO.2005.11.138.
  • Greer S, Watson M. Mental adjustment to cancer: its measurement and prognostic importance. Cancer Surv1987;6(3):439-453.
  • Watson M, Greer S, Young J, Inayat Q, Burgess C, Robertson B. Development of a questionnaire measure of adjustment to cancer: the MAC scale. Psychol Med 1988;18(1):203-209. DOI: 10.1017/S0033291700002026.
Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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