Das Atemnotsyndrom (ANS) oder auch Respiratory-Distress-Syndrom beim Frühgeborenen ist eine häufige und lebensbedrohliche Komplikation, die primär durch einen Surfactantmangel in den unreifen Lungen verursacht wird. Surfactant ist eine oberflächenaktive Substanz, die die Alveolenkollapsneigung reduziert und die Atemarbeit erleichtert. Ohne ausreichenden Surfactant führt die erhöhte Oberflächenspannung zu einer verminderten Lungencompliance, was die Atmung erschwert und eine respiratorische Insuffizienz verursachen kann. Frühgeborene, insbesondere solche unter 32 Schwangerschaftswochen, sind besonders gefährdet. Die Therapie basiert auf der Verabreichung von exogenem Surfactant und Unterstützung durch CPAP oder mechanische Beatmung. Präventiv ist die Gabe von Kortikosteroiden vor der Geburt zur Lungenreifung entscheidend. Aktuelle Forschung zielt auf Optimierungen in der Prävention und nicht-invasiven Beatmungsstrategien ab, um langfristige respiratorische Komplikationen zu minimieren.
Definition
Das Atemnotsyndrom entsteht durch einen Surfactant-Mangel in der unreifen Lunge. Dieser Mangel führt zu Atelektasenund einer unzureichenden Belüftung der Lunge und damit unmittelbar postnatal oder innerhalb der ersten 6 Lebensstunden zu Atemproblemen, die unbehandelt nach 2–3 Tagen ihren Höhepunkt erreichen. Surfactant wird in der Lunge von Typ-II-Pneumozyten gebildet. Die Synthese ist jedoch erst ab der 35. Schwangerschaftswoche ausreichend, sodass Frühgeborene besonders häufig vom Atemnotsyndrom betroffen sind. Seit dem Ende des letzten Jahrhunderts steht Surfactant als Substitutionstherapie zur Verfügung, was einen entscheidenden Fortschritt in der Behandlung darstellt. Dadurch sank die Letalität auf unter 10 %, und auch die Häufigkeit der wichtigsten Spätkomplikation, der bronchopulmonalen Dysplasie, konnte reduziert werden.
Einflussfaktoren auf Surfactant
Surfactant-Mangel durch Unreife der Lunge bei Frühgeburtlichkeit
Glukokortikoide fördern die Surfactant-Produktion: Eine verminderte Glukokortikoid-Ausschüttung bei einem Kaiserschnitt (Sectio Caesarea) kann zu einem Surfactant-Mangel führen.
Insulin hemmt die Surfactant-Synthese: Bei schlecht eingestelltem maternalen Gestationsdiabetes oder Diabetes mellitus Typ I/II kommt es zu erhöhten Blutzuckerspiegeln beim Kind (etwa 75 % der maternalen Blutglukose). Dies führt zu einer erhöhten Insulinproduktion und in der Folge zu einem Surfactant-Mangel.
Bei intrauterinem Stress, wie etwa bei Übertragung (postterm Schwangerschaft), Plazentainsuffizienz oder fetalem Sauerstoffmangel, kann der Fetus Mekonium in das Fruchtwasser abgeben. Wird dieses Mekonium durch das Neugeborene in die Atemwege eingeatmet, spricht man von einem Mekonium-Aspirationssyndrom (MAS). Das Einatmen von Mekonium in die Lunge führt zu einer Verlegung und Verengung der Atemwege, was die Atmung erheblich behindert. Das Mekonium selbst hat zudem eine toxische und entzündungsfördernde Wirkung auf das Lungengewebe und kann das empfindliche Lungenepithel schädigen.
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Pathophysiologie
Der Surfactant-Mangel führt zu einer erhöhten Oberflächenspannung in den Alveolen, was ihre Entfaltung während der Einatmung erschwert und ihren Kollaps während der Ausatmung fördert. Dies begünstigt die Entstehung von Atelektasen, also kollabierten Lungenabschnitten, und führt zu einer verminderten Lungenbelüftung. Die daraus resultierende Hypoxämie, Hyperkapnie und Azidose aktivieren den Euler-Liljestrand-Mechanismus, der eine pulmonale Vasokonstriktion auslöst. Diese führt zu pulmonaler Hypertonie, wodurch ein intrapulmonaler Rechts-Links-Shunt entstehen kann – insbesondere bei offenen Shunts wie dem Foramen ovale oder Ductus arteriosus Botalli. Dies erhöht die alveolokapilläre Permeabilität und führt zu fibrinösem Exsudat in den Alveolen sowie zur Bildung hyaliner Membranen. Der Zyklus setzt sich fort, da die gestörte Surfactant-Synthese den Surfactant-Mangel weiter verschlimmert und somit den pathophysiologischen Circulus vitiosus des Atemnotsyndroms antreibt.
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Klinik
Vermehrte Atemarbeit
Nasenflügeln
Subkostale, interkostale und juguläre Einziehungen
Tachypnoe
Stöhnen oder Knorksen
Temperaturinstabilität
Marmoriertes, blass-graues bis zyanotisches Hautkolorit je nach Ausmaß der resp. Insuffizienz
Interkostale Einziehungen bei einem Neugeborenen sind ein klinisches Zeichen für Atemnot. Sie treten auf, wenn das Neugeborene Schwierigkeiten hat, ausreichend Luft in die Lungen zu ziehen. Dabei zieht sich die Haut zwischen den Rippen sichtbar nach innen, da sich das Neugeborene beim Einatmen stark anstrengt und vermehrt die Atemhilfsmuskulatur einsetzt. Dies führt zu einer auffälligen Vertiefung der Zwischenrippenräume.
Ursachen für interkostale Einziehungen bei Neugeborenen können sein:
Atemnotsyndrom (Hyaline Membrankrankheit): Tritt häufig bei Frühgeborenen auf und ist durch einen Mangel an Surfactant in den Lungen charakterisiert.
Infektionen der Atemwege wie z. B. eine Lungenentzündung.
Mekoniumaspirationssyndrom: Hierbei wird das Neugeborene durch das Einatmen von Mekonium belastet.
Herzfehler oder Lungenerkrankungen: Anomalien im Herz- oder Lungensystem können Atembeschwerden hervorrufen.
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Diagnostik
Kapnographie präduktal
Achtung
"Präduktal" bezeichnet anatomische Messungen, die vor dem Ductus arteriosus Botalli durchgeführt werden, einer fetalen Verbindung zwischen Aorta und Pulmonalarterie, die im normalen Kreislauf des Neugeborenen nicht mehr aktiv sein sollte. Präduktale Messungen erfolgen typischerweise an der rechten Hand oder am rechten Ohrläppchen, da diese Region unverfälschte Werte liefert. Persistiert der Ductus arteriosus nach der Geburt, kann es zur Vermischung von sauerstoffarmem Blut in der Aorta kommen, was zu einer Verfälschung der Kapnographie führt.
Blutgasanalyse
Respiratorische oder gemischt respiratorische-metabolische Azidose (pH < 7,35)
Hypoxämie
Hyperkapnie
Sonographie der Lunge
Röntgen-Thorax
“X-ray of infant respiratory distress syndrome (IRDS).png” von Mikael Häggström, M.D. Author info - Reusing images- Conflicts of interest: NoneMikael Häggström, M.D.Consent note: Written informed consent was obtained from a parent of the individual, including for online publication., CC0, via Wikimedia Commons
Atemnotsyndrom bei einem Säugling
Stadieneinteilung nach Giedion
Radiologische Auffäligkeiten
Stadium 1
Zeichnungsvermehrung bilateral
Verminderte Strahlentransparenz
Stadium 2
Alle Punkte von Stadium 1
Zztl. positives Aerobronchogramm
Herz- und Diaphragma-Konturen noch abgrenzbar
Stadium 3
Alle Punkte von Stadium 1 und 2
Herz- und Diaphragma-Konturen nicht mehr abgrenzbar
Zztl. Lungengewebe verdichtet
Stadium 4
„Weiße Lunge“ = Korrelat der kompletten Atelektasen
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Therapie
Therapieprinzip: Minimal Handling = Grundprinzip, bei dem das Neugeborene durch Diagnostik und Therapie möglichst wenig belastet wird.
Kausale Therapie: intratracheale Applikation von Surfactant
Symptomatische Therapie
Nicht-invasive Atemunterstützung: CPAP (PEEP von ca. 5 cm H2O) um den Kollaps der terminalen Sakkuli zu verhindern
Bei unzureichender Sättigung: Sauerstoffbeimischung zur Inspirationsluft mit Ziel SpO2 von 90-95 %
Therapieeskalation:Intubationund invasive Beatmung bei respiratorischem Versagen
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Prävention
Vermeidung drohender Frühgeburten durch optimale gynäkologische Betreuung
Bei drohender Frühgeburt <34. SSW: 2x pränatale Glucocorticoid-Gabe an die Mutter zur Lungenreife
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