- Es gibt Bahnen, die Abschnitte innerhalb des Hirnstamms verbinden
- Es gibt Bahnen, die den Hirnstamm durchqueren
Fasciculus longitudinalis medialis:
- Besteht aus vielen auf- und absteigenden Fasern
- Verläuft zwischen Mesencephalon und Medulla oblongata
- Funktionen:
- Verbindung zwischen Augenmuskelkernen und Vestibulariskernen → ermöglicht vestibulookulären Reflex
- Verbindung der Augenmuskelkerne untereinander → koordiniert konjugierte Augenbewegungen
- Verbindung motorischer Kerne mit der Formatio reticularis → Reflexbögen wie Würgen oder Schlucken
Fasciculus longitudinalis posterior (Schütz-Bündel):
- Enthält auf- und absteigende Fasern
- Verläuft zwischen Hypothalamus und Medulla oblongata
- Verbindet vegetative Zentren des Hypothalamus mit dem restlichen Hirnstamm
- Wichtigste afferente und efferente Verbindung zwischen Hypothalamus und Hirnstamm
Lemniscus lateralis (laterale Schleifenbahn):
- Bestandteil der Hörbahn
- Verlauf von den Ncll. cochleares zum Colliculus inferior im Mesencephalon
Tractus tegmentalis centralis (zentrale Haubenbahn):
- Wichtigste absteigende Bahn des extrapyramidalmotorischen Systems
- Verlauf vom Mesencephalon zur unteren Olive
- Enthält die Fasern des Tractus reticuloolivaris und des Tractus rubroolivaris sowie des Striatum und Pallidum
- Führt zusätzlich aufsteigende gustatorische Fasern
Lemniscus medialis:
- Lage: Beginnt in der Medulla oblongata aus den Hinterstrangkernen (Ncl. gracilis und Ncl. cuneatus) und verläuft nach Kreuzung in der Decussatio lemnisci medialis zur Gegenseite in Richtung Thalamus (Ncl. ventralis posterolateralis (VPL))
- Funktion:
- Weiterleitung der epikritischen Sensibilität, dazu zählen: feine Berührung, Vibrationswahrnehmung, bewusste Gelenk- und Lagewahrnehmung (Propriozeption), räumliche Diskrimination (z. B. Zwei-Punkt-Test)
- Besonderheit:
- Sensible trigeminale Fasern steigen getrennt als Lemniscus trigeminalis / Tractus trigeminothalamicus auf; sie verlaufen im Hirnstamm in enger Nachbarschaft, sind aber anatomisch nicht identisch mit dem Lemniscus medialis
- Klinische Relevanz:
- Eine Läsion führt typischerweise zu kontralateralen Ausfällen der Fein- und Tiefensensibilität unterhalb der Läsionsebene
Tractus spinothalamicus (Vorderseitenstrangsystem)
- Verlauf: Zieht vom Rückenmark zum Thalamus (Ncl. ventralis posterolateralis (VPL)); die Kreuzung erfolgt bereits kurz nach Eintritt der sensiblen Fasern ins Rückenmark in der Commissura alba anterior
- Funktion: Leitung der protopathischen Sensibilität, insbesondere:
- Tractus spinothalamicus lateralis: Schmerz und Temperatur
- Tractus spinothalamicus anterior: Grober Druck
- Besonderheit:
- Im Hirnstamm verlaufen diese Fasern gemeinsam mit dem Tractus trigeminothalamicus (zum Ncl. ventralis posteromedialis (VPM)) und werden funktionell häufig als Lemniscus spinalis zusammengefasst
- Klinische Relevanz:
- Frühzeitige Kreuzung erklärt, warum Schmerz- und Temperaturempfinden meist kontralateral gestört sind
Tractus spinoreticularis
- Verlauf: Zieht vom Rückenmark zur Formatio reticularis im Hirnstamm
- Funktion:
- Vermittlung der unspezifischen Schmerzverarbeitung sowie Aktivierung vegetativer und motorischer Reaktionen
- Typische Reaktionen:
- Weckreaktion
- Vegetative Stressantwort
- Schutzbewegungen
→ Erklärt, warum Schmerz nicht nur lokal wahrgenommen wird, sondern auch Alarm- und Aktivierungsreaktionen des gesamten Organismus auslöst
Tractus spinocerebellaris anterior und posterior
→ Transport unbewusster propriozeptiver Informationen zum Kleinhirn zur Koordinationskontrolle
Tractus spinoolivaris
→ Weiterleitung sensibler Informationen zur Olive, wichtig für motorisches Lernen und Feinabstimmung von Bewegungen
Pyramidenbahnen
- Bestandteile:
- Tractus corticospinalis (Extremitäten- und Rumpfmotorik)
- Tractus corticonuclearis (Steuerung der Hirnnervenmotorik)
- Verlauf:
- Primärmotorischer Kortex (Gyrus praecentralis) → Crura cerebri → Pars basilaris pontis → Pyramiden der Medulla oblongata
- Die meisten Fasern (80-90%) kreuzen in der Decussatio pyramidum
- Danach entstehen:
- Tractus corticospinalis lateralis (gekreuzt, Hauptanteil)
- Tractus corticospinalis anterior (ungekreuzt, kleiner Anteil)
- Funktion:
- Steuerung der zielgerichteten, willkürlichen Bewegung, besonders der Feinmotorik
- Klinische Relevanz:
- Schädigungen oberhalb der Kreuzung verursachen kontralaterale Lähmungen
Kortikopontine Bahnen
- Verlauf: Vom Großhirn zu den Brückenkernen (Ncll. pontis)
- Funktion:
- Übermittlung motorischer Informationen an das Kleinhirn zur Koordination und Feinabstimmung von Bewegungen
- Besonderheit:
- Diese Fasern bleiben auf derselben Körperseite (keine Kreuzung)
MerkeDie wichtigsten Bahnsysteme
- Feinsensibilität → Hinterstrangsystem / Lemniscus medialis
- Schmerz, Temperatur, grober Druck → Tractus spinothalamicus
- Willkürmotorik → Pyramidenbahn
Weitere absteigende Bahnsysteme (Auswahl)
Diese Bahnen regulieren vor allem Muskeltonus, Haltung und automatische Bewegungsabläufe.
- Tractus rubrospinalis → Unterstützung der Beugebewegungen, motorische Feinregulation
- Tractus vestibulospinalis → Stabilisierung von Gleichgewicht und Körperhaltung
- Tractus reticulospinalis → Steuerung von Muskeltonus und vegetativen Bewegungsmustern
- Tractus tectospinalis → reflexartige Kopf- und Blickbewegungen auf visuelle oder akustische Reize