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Bedrohliche Bradykardie (RettSan)

hämodynamisch relevante Bradykardie, instabile Bradykardie
27 Minuten Lesezeit

Die Bradykardie bezeichnet eine verlangsamte Herzfrequenz von unter etwa 50 bis 60/min. Notfallmedizinisch relevant wird sie vor allem bei Frequenzen unter 40/min. 

Ursache ist meist eine Störung der Erregungsbildung oder der Erregungsleitung. Bei einer Störung der Erregungsbildung erzeugt der Sinusknoten, der normalerweise die elektrischen Impulse für den Herzschlag vorgibt, zu wenige Impulse. Bei einer Störung der Erregungsleitung entstehen die Impulse zwar regelrecht, werden aber verzögert oder gar nicht an die Herzkammern weitergeleitet. Das betrifft überwiegend den AV-Knoten, der zwischen Vorhöfen und Kammern liegt. In beiden Fällen ziehen sich die Kammern seltener zusammen und die Herzfrequenz sinkt.

Hinweise darauf, dass die Bradykardie den Kreislauf beeinträchtigt, sind vor allem Thoraxschmerzen, Zeichen einer Herzinsuffizienz, Schocksymptomatik sowie Synkope oder Präsynkope.

Für eine schnelle und gezielte Therapie sind die frühzeitige Ableitung eines 12-Kanal-EKGs und ein kontinuierliches Monitoring essenziell. Präklinisch wird die Bradykardie zunächst übergangsweise medikamentös oder mit einem transkutanen Schrittmacher behandelt. Die definitive Therapie erfolgt in der Klinik, zum Beispiel durch die Implantation eines Herzschrittmachers.

Um den Einstieg in das Thema Bradykardie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Bewusstseinsstörung, bradykarde Herzrhythmusstörung
  • Ort: Rehaklinik, Patientenzimmer
  • Alarmzeit: 14:18 Uhr
  • Anrufer:in: Pflegekraft der Rehaklinik
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 47 Jahre alt
    • Zustand nach Herzinfarkt vor 3 Wochen
    • Berichtet über Schwindel und wiederholte Synkopen

Lageeinweisung vor Ort:

Der Patient wird bei Eintreffen des Rettungsdienstes in einem Überwachungszimmer im Bett liegend vorgefunden. Die Pflegekraft berichtet, dass der Patient heute über Schwindel und allgemeine Schwäche klagte. Vor 30 Minuten sei er auf dem Weg zur Toilette kollabiert.

Die Lage ist wie folgt:

  • Auf Ansprache fixiert euch der Patient, allerdings ist er desorientiert
  • Er ist blass, stark verschwitzt und wirkt schwach
  • Ein EKG wurde durch den diensthabenden Arzt der Rehaklinik abgeleitet und zeigt einen AV-Block 3. Grades mit einer Frequenz von 32 Schlägen pro Minute
  • Die bisher erfolgte Gabe von insgesamt 1 mg Atropin war erfolglos
Fallbeispiel: Bedrohliche Bradykardie (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

  • Keine kritischen Blutungen

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute blass
  • Patient spricht selbständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits unauffällig
    • Keine Zyanose sichtbar
    • Tachypnoe: 21/Minute
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits normales Atemgeräusch
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 94 %

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Rekap-Zeit: 4 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis) nicht tastbar
  • Zentraler Puls (= Puls an der Halsschlagader oder in der Leiste):
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Bradykard, 32/Minute
  • Blutdruck: 85/55 mmHg

Akutes
C-Problem

D

  • Auf Ansprache erweckbar, desorientiert
  • GCS 13
    • Öffnen der Augen: 3
    • Beste verbale Reaktion: 4
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Mittelbares
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Temperatur: 37,1 °C
  • Symptome:
    • Bradykardie
    • Synkope
    • Hypotonie
    • Schwindel
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Rosuvastatin, Metoprolol, Ramipril, ASS, Clopidogrel
  • Patientengeschichte: Herzinfarkt mit Stentimplantation vor 3 Wochen
  • Letzte Mahlzeit: Heute Morgen gegen 08:00 Uhr
  • Ereignis:
    • Schwindel und Unwohlsein
    • Synkope vor 30 Minuten
  • Risikofaktoren: Z.n. Herzinfarkt

Kein
E-Problem

 Definition
Bradykardie

Als Bradykardie bezeichnet man eine Herzfrequenz von unter 50-60 Schlägen pro Minute beim Erwachsenen. Pathologische Bradykardien können durch Störungen des Sinusknotens, des AV-Knotens oder der Überleitung im Reizleitungssystem verursacht werden. Symptomatische Bradykardien können unter anderem mit Schwindel, Synkopen, Zeichen einer Herzinsuffizienz, Atemnot oder einem Schockzustand einhergehen.

Es werden folgende Formen der Bradykardie unterschieden:

  • Sinusbradykardie: der Sinusknoten gibt den Takt zu langsam vor
  • Bradyarrhythmien bei Vorhofflimmern: langsamer und unregelmäßiger Herzschlag bei ungeordneter Erregung der Vorhöfe
  • Höhergradige sinuatriale Leitungsstörungen: die Erregung gelangt nicht vom Sinusknoten in die Vorhöfe
  • Atrioventrikuläre Leitungsstörungen: die Erregung wird verzögert oder gar nicht auf die Kammern übergeleitet 

Die Ursachen einer Bradykardie lassen sich in kardiale (= vom Herzen ausgehende) und extrakardiale Faktoren (= außerhalb des Herzens liegende) unterteilen:

Kardiale UrsachenExtrakardiale Ursachen
SinusbradykardieHypoxie 
Sinuatriale Blockierungen (SA-Block) / Sick-Sinus-Syndrom Hypothermie 
Bradyarrhythmie bei VorhofflimmernMedikamente, beispielsweise Betablocker, Kalziumkanalblocker, Digitalis, Opioide
Elektrolytstörungen, z.B. Hyperkaliämie, Hypokalzämie 
AV-BlockierungenErhöhter Vagustonus
Hormonelle Ursachen, z.B. Hypothyreose
Bradykarde Herzrhythmusstörungen - Ein Überblick
Diese Grafik illustriert verschiedene Typen bradykarder Herzrhythmusstörungen
 Merke

Bedrohliche Bradykardien können auch aufgrund einer akuten Herzerkrankung entstehen, z.B. einem akuten Koronarsyndrom oder einer dekompensierten Herzinsuffizienz.

Die Herzfrequenz ist ein zentraler Faktor für das Herzzeitvolumen, das sich aus Herzfrequenz und Schlagvolumen zusammensetzt. Der Parasympathikus senkt die Herzfrequenz, der Sympathikus steigert sie.

Pathophysiologische Mechanismen

Normalerweise gibt der Sinusknoten den Takt vor, der AV-Knoten leitet jeden Impuls an die Herzkammern weiter. Eine Bradykardie entsteht, wenn der Sinusknoten zu selten Impulse bildet (gestörte Erregungsbildung) oder wenn die Impulse auf dem Weg zu den Kammern verzögert oder blockiert werden (gestörte Erregungsleitung).

Dafür gibt es verschiedene Mechanismen:

  • Stark aktivierter Vagusnerv: Der Vagusnerv bremst das Herz. Ist er stark aktiviert, bildet der Sinusknoten weniger Impulse und der AV-Knoten leitet sie langsamer weiter
  • Strukturelle oder ischämische Schädigung (= Schädigung durch Umbau oder Minderdurchblutung): bei einem Myokardinfarkt kann es zu Funktionsstörungen von Sinus- oder AV-Knoten kommen
  • Stoffwechselbedingte und medikamentöse Ursachen: Hyperkaliämie, Hypothyreose, Hypoxie, Hypothermie sowie Medikamente, die die Herzfrequenz senken
  • Sick-Sinus-Syndrom: verschleißbedingte Veränderungen des Sinusknotens mit zeitweisen Bradykardien oder Aussetzern des Sinusknotens

Folgen für den Kreislauf

Sinkt die Herzfrequenz deutlich ab, insbesondere unter etwa 40/min, kann das Herzzeitvolumen nicht mehr ausreichend aufrechterhalten werden. Dadurch kommt es zu einer verminderten Organperfusion:

  • Hypotonie und Minderdurchblutung: Das Herz schlägt so langsam, dass es zu wenig Blut in den Kreislauf pumpt. Der Blutdruck sinkt, lebenswichtige Organe wie Gehirn, Herz und Nieren bekommen zu wenig Blut und Sauerstoff
  • Zentralisation: Der Körper verengt die Blutgefäße in Haut, Armen und Beinen, damit Herz und Gehirn mehr Blut bekommen. Die Haut wird dadurch blass und kalt
  • Schockspirale: Bekommt das Gewebe zu wenig Sauerstoff, entsteht Säure und das Blut übersäuert (= metabolische Azidose). Die Säure schwächt das Herz zusätzlich, es pumpt noch weniger Blut. So verschlechtert sich der Kreislauf immer weiter, bis das Herz den Körper nicht mehr versorgen kann (= kardiogener Schock)
 Achtung
Asystolie

Eine bedrohliche Bradykardie kann jederzeit in einen Kreislaufstillstand übergehen. Hinweise darauf sind breite Kammerkomplexe, Pausen ohne Herzaktion und wechselnde Ersatzrhythmen (= unterschiedlich aussehende Kammerkomplexe). Monitoring und Defibrillator bleiben deshalb angeschlossen.

 Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme einer bedrohlichen Bradykardie
  • Reduziertes Herzzeitvolumen: Minderdurchblutung der Organe bis zum kardiogenen Schock
  • Herzrhythmusinstabilität: Risiko für Asystolie
  • Minderdurchblutung des Gehirns: Schwindel, Synkope, Vigilanzminderung
 Merke

Leitsymptom: ein langsamer Puls mit Zeichen der Minderperfusion wie Schwindel, Synkope, Bewusstseinseintrübung oder Schocksymptomatik.

Die klinische Symptomatik einer Bradykardie variiert je nach Ursache und möglichen Begleiterkrankungen, wie Myokardinfarkt oder Intoxikationen.

Je nach Ausprägung können weitere Zeichen auftreten:

  • Zeichen der Herzinsuffizienz bis zum kardiogenen Schock: Blässe, Kaltschweißigkeit, verlängerte Rekap-Zeit, Hypotonie
  • Thoraxschmerzen, ggf. mit Veränderungen im 12-Kanal-EKG
  • Dyspnoe
  • Bewusstseinseintrübung und Synkope
  • Zeichen zerebraler Minderperfusion: Müdigkeit, Apathie, Schwindel, kognitive Störungen
  • Generalisierte Zeichen: Unwohlsein, Übelkeit, Schwitzen, Kollapsneigung
 Info
Untypische Verläufe

In schweren Fällen kann das Gehirn so wenig durchblutet werden, dass es zu Krampfanfällen kommt.

Treten enge Pupillen, eine verlangsamte und flache Atmung und eine Bewusstseinsminderung gemeinsam auf, kann eine Opioidintoxikation die Ursache sein. Die Bradykardie ist dabei häufig eine Folge des Sauerstoffmangels. Hinweise am Einsatzort sind zum Beispiel Schmerzpflaster, Spritzen oder leere Tablettenpackungen.

 Achtung
Red Flags
  • Schocksymptomatik: Blässe, Kaltschweißigkeit, Rekap-Zeit über 2 Sekunden, Hypotonie, peripherer Puls nicht tastbar
  • Synkope oder Präsynkope
  • Thoraxschmerzen
  • Zeichen der Herzinsuffizienz: Atemnot, gestaute Halsvenen, feuchte Rasselgeräusche
  • Bewusstseinseintrübung oder zunehmende Vigilanzminderung
  • Herzfrequenz unter 40/min, Pausen im Monitor-EKG, breite Kammerkomplexe

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Nicht die Herzfrequenz allein entscheidet, sondern das Gesamtbild aus Frequenz, Rhythmus und Symptomen. Eine Bradykardie erfordert nur dann eine therapeutische Intervention, wenn sie mit klinischen Symptomen einhergeht, Sportler:innen können z.B. bradykarde Herzrhythmen ohne Therapiebedürftigkeit aufweisen. Bedrohlich ist sie bei Schocksymptomatik, Synkope, Thoraxschmerzen oder Herzinsuffizienz.

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema. Da Bradykardien zahlreiche Ursachen haben, ist eine strukturierte Anamnese wichtig, um Auslöser zu identifizieren:

  • S (Symptome): Schocksymptomatik, Synkope, Bewusstseinstrübung, Schwindel, Zeichen der Herzinsuffizienz
  • A (Allergien/Infektionen): Allergien? Hinweise auf eine Infektion?
  • M (Medikation): Betablocker, Kalziumantagonisten, Digitalis, Amiodaron 
  • P (Patientengeschichte): koronare Herzkrankheit, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, Sick-Sinus-Syndrom, AV-Block, Hypothyreose
  • L (Letzte…): letzte Mahlzeit? Einnahme der Medikation?
  • E (Ereignis): plötzlich oder schleichend? Hinweise auf Intoxikation oder auslösende Erkrankung, z.B. ACS
  • R (Risiko): Herzerkrankungen, herzfrequenzsenkende Medikamente
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen

Körperliche Untersuchung

Marmorierung der Haut (Mottling)
Marmorierung der Haut (Mottling)

Inspektion

  • Hautkolorit: 
    • Blässe bei Schock
    • Zyanose bei Hypoxie
    • Marmorierte Haut bei Perfusionsstörung
  • Ggf. gestaute Halsvenen und Beinödeme bei kardialer Dekompensation

Palpation

  • Pulsstatus: peripher oft schwach tastbar, langsam, ggf. arrhythmisch
    • Ist der Puls am Handgelenk nicht tastbar, den zentralen Puls tasten
  • Haut: kaltschweißig
  • Rekap-Zeit verlängert bei Minderperfusion

Perkussion

Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen.

Auskultation

  • Lunge: ggf. feuchte Rasselgeräusche bei Lungenödem

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden bei der bedrohlichen Bradykardie engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzNormal bis erhöht Eine Tachypnoe ist ein Zeichen der Kreislaufbelastung, zusammen mit Dyspnoe und feuchten Rasselgeräuschen ein Hinweis auf ein Lungenödem. Ausgangswert und Verlauf unter der Sauerstoffgabe beachten
Sauerstoffsättigung (SpO₂)Normal oder erniedrigtErniedrigt bei Lungenödem oder zunehmender Kreislaufschwäche. Bei kalten, schlecht durchbluteten Fingern ist der Messwert unzuverlässig. Ausgangswert und Verlauf unter der Sauerstoffgabe beachten
HerzfrequenzUnter 50 bis 60/min, bedrohlich unter 40/minDie Frequenz am Monitor mit dem getasteten Puls vergleichen. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Frequenz, Rhythmus und Symptomen
BlutdruckNormal bis erniedrigt Eine Hypotonie ist ein Zeichen der Instabilität. Ziel ist ein arterieller Mitteldruck über 65 mmHg
EKGBradykarder Rhythmus, ggf. unregelmäßig, mit Pausen oder breiten KammerkomplexenDas 12-Kanal-EKG ist entscheidend, um die Ursache der Bradykardie zu erkennen. Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
KörpertemperaturIn der Regel normwertigEine Hypothermie kann Ursache der Bradykardie sein
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen
 Info
Das EKG im Überblick

Für den ersten Eindruck helfen drei Fragen: 

  1. Wie schnell ist die Herzfrequenz?
  2. Ist der Rhythmus regelmäßig oder unregelmäßig?
  3. Folgt auf jede P-Welle (= Erregung der Vorhöfe im EKG) ein QRS-Komplex (= Erregung der Kammern im EKG)?

Die letzte Frage führt zu den AV‑Blockierungen. Sie werden danach eingeteilt, wie gut die Erregung noch von den Vorhöfen auf die Kammern übergeleitet wird:

  • AV-Block 1. Grades: Die Überleitung ist verzögert, der Abstand zwischen P-Welle und QRS-Komplex ist verlängert. Jede Vorhoferregung erreicht aber die Kammern
  • AV-Block 2. Grades Typ I (Wenckebach): Der Abstand zwischen P-Welle und QRS-Komplex wird von Schlag zu Schlag länger, bis eine Vorhoferregung nicht mehr übergeleitet wird und ein QRS-Komplex ausfällt. Danach beginnt der Ablauf von vorn
  • AV-Block 2. Grades Typ II (Mobitz): Der Abstand zwischen P-Welle und QRS-Komplex bleibt gleich, aber einzelne Vorhoferregungen werden plötzlich nicht übergeleitet. Auf diese P-Wellen folgt kein QRS-Komplex. Dieser Typ kann unvermittelt in einen AV-Block 3. Grades übergehen
  • AV-Block 3. Grades: Keine Vorhoferregung erreicht mehr die Kammern. Vorhöfe und Kammern schlagen unabhängig voneinander, die Kammern nur in einem langsamen Ersatzrhythmus
AV-Blöcke
AV-Blöcke im EKG

Orientierende neurologische Untersuchung

Sinkt das Herzzeitvolumen bei einer bedrohlichen Bradykardie, zeigt sich das früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen

Enge Pupillen zusammen mit einer verlangsamten, flachen Atmung weisen auf eine Opioidintoxikation hin.

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
Akutes KoronarsyndromBrustschmerz mit Ausstrahlung, Ischämiezeichen im 12-Kanal-EKG, kann zugleich Ursache der Bradykardie sein
MedikamentenintoxikationHerzfrequenzsenkende Medikamente in zu hoher Dosis, leere Packungen, Verwirrtheit
HypothermieKälteexposition, niedrige Körpertemperatur
ReflexsynkopeAuslöser wie Schmerz oder langes Stehen, rasche Erholung im Liegen
HypoglykämieBekannter Diabetes mellitus, niedriger Blutzucker, Besserung nach Glukosegabe

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung:
    • Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung
    • Hämodynamisch instabil: Flach- oder Schocklagerung nach Ausschluss der Kontraindikationen
    • Bei kardialem Lungenödem: wenn möglich Herzbettlagerung
  • Beruhigen: die betroffene Person beruhigen und beengende Kleidung öffnen
  • Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
  • Sauerstoffgabe: angepasste Sauerstoffgabe mittels Maske
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente und Maßnahmen werden bei jeder bedrohlichen Bradykardie eingesetzt. Die Reihenfolge ist in der Regel: Atropin, bei fehlender Wirkung Adrenalin, bei anhaltender Instabilität oder Asystoliegefahr der transkutane Schrittmacher.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Atropin 0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung bis Erfolg, max. 3 mgHemmt den Parasympathikus und steigert so die Herzfrequenz, erste Wahl bei bedrohlichen AnzeichenZugang und Material vorbereiten, Ampulle anreichen, nach jeder Gabe Herzfrequenz und Blutdruck beobachten. Kontraindiziert nach Herztransplantation und bei AV-Blockierungen mit breiten QRS-Komplexen
Adrenalin als Push-Dose-Pressor 2 bis 10 µg i.v., nach Wirkung titriertRasche Steigerung von Herzfrequenz und Blutdruck bei Versagen oder Kontraindikation von Atropin, Überbrückung bis zur Spritzenpumpe oder zum SchrittmacherVerdünnung nach lokaler Vorgabe vorbereiten, Spritze eindeutig mit Wirkstoff und Konzentration beschriften, nach jeder Gabe Herzfrequenz und Blutdruck beobachten
Adrenalin über Spritzenpumpe 2 bis 10 µg/minKontinuierliche Kreislaufstabilisierung, wenn einzelne Gaben nicht ausreichen, Überbrückung bis zum Schrittmacher oder zur KlinikSpritze nach lokaler Vorgabe aufziehen und beschriften, Spritzenpumpe und Leitung vorbereiten und entlüften, Herzfrequenz und Blutdruck engmaschig kontrollieren
Transkutaner Schrittmacher Elektrische Stimulation nach erfolgloser medikamentöser Therapie, bei extremer Instabilität oder AsystoliegefahrDefipatches aufkleben, zusätzlich 4-Pol-EKG anbringen. Analgosedierung oder Analgesie notwendig, da die Stimulation schmerzhaft ist und Betroffene bei Erfolg wieder wach werden. Beatmungsbeutel mit Sauerstoff und Absaugung bereithalten.

Das Zielkrankenhaus sollte über eine kardiologische Abteilung verfügen und eine Notaufnahme mit einem Schockraum vorweisen. Je nach Zustand ist eine intensivmedizinische Überwachung notwendig.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da jede Belastung den Sauerstoffbedarf erhöht und bei vermindertem Herzzeitvolumen eine erneute Synkope droht.
  • Lagerung während der Fahrt:
    • Kreislaufstabil: mit erhöhtem Oberkörper
    • Kreislaufinstabil: flach
  • Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG, SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
    • Besonders auf Herzfrequenz, Pausen und Arrhythmien achten, da eine bedrohliche Bradykardie jederzeit in eine Asystolie übergehen kann
  • Spritzenpumpe: Läuft eine Spritzenpumpe, wird sie sicher befestigt, Batterieladung und Laufrate werden geprüft und Adrenalin als Push Dose wird bereitgehalten
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Bedrohliche Bradykardie und den vom Team befundeten Rhythmus klar benennen
  • Herzfrequenz, Rhythmus und Blutdruck im Verlauf, Instabilitätszeichen
  • EKG-Ausdrucke vom Einsatzort und aus dem Verlauf
  • Vorerkrankungen, Dauermedikation, Allergien, besonders Herzinfarkt und herzfrequenzsenkende Medikamente
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen, bei Schrittmachertherapie die Einstellungen
  • Sauerstofftherapie
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt an der Herzfrequenz von 32/min, der Hypotonie, der verlängerten Rekapillarisierungszeit und der Synkope eine bedrohliche Bradykardie mit Schocksymptomatik.

Der Rettungssanitäter lagert den Patienten flach, legt das Monitoring an und gibt Sauerstoff über eine Maske. Die Notfallsanitäterin fordert über die Leitstelle die Notärztin nach. Anschließend leitet der Rettungssanitäter ein 12-Kanal-EKG ab und druckt es aus. Die Notfallsanitäterin befundet einen AV-Block 3. Grades mit breiten Kammerkomplexen und einer Kammerfrequenz von 30/min.

Der Rettungssanitäter richtet das Material für den intravenösen Zugang, die Notfallsanitäterin legt den Zugang. Da Atropin bei breiten Kammerkomplexen meist unwirksam ist, gibt sie 6 µg Adrenalin als Push-Dose. Der Rettungssanitäter hat die Spritze zuvor vorbereitet und beschriftet. Herzfrequenz und Blutdruck steigen nur kurz und geringfügig an. Parallel klebt der Rettungssanitäter die Defipatches auf und bringt die 4-Pol-EKG-Ableitung an.

Wegen des unzureichenden Ansprechens auf Adrenalin startet das Team den transkutanen Schrittmacher im Demand-Modus mit 70/min. Der Rettungssanitäter tastet zur Kontrolle den Puls am Hals: Jeder Stimulationsimpuls erzeugt einen tastbaren Herzschlag. Der Blutdruck steigt auf 110/70 mmHg und die Rekapillarisierungszeit sinkt auf 2 Sekunden. Mit der besseren Durchblutung wird der Patient zunehmend wach und gibt Schmerzen durch die Stimulation an. 

Die mittlerweile eingetroffene Notärztin leitet daraufhin eine Analgesie mit 0,15 mg Fentanyl ein. Danach ist der Patient schmerzarm. 

Für den Transport wird der Patient auf der Trage zum Fahrzeug gebracht und dort mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert.

 Ziel ist eine Klinik mit kardiologischer Abteilung und Schockraum. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Verlauf von Herzfrequenz und Blutdruck, die EKG-Ausdrucke, die Adrenalingabe mit unzureichendem Ansprechen, die Fentanylgabe und die Schrittmachereinstellungen.

Definition

 Definition
Bradykardie

Als Bradykardie bezeichnet man eine Herzfrequenz von unter 50-60 Schlägen pro Minute beim Erwachsenen. Pathologische Bradykardien können durch Störungen des Sinusknotens, des AV-Knotens oder der Überleitung im Reizleitungssystem verursacht werden. Symptomatische Bradykardien können unter anderem mit Schwindel, Synkopen, Zeichen einer Herzinsuffizienz, Atemnot oder einem Schockzustand einhergehen.

  • Bedrohlich: unter 40/min mit Symptomen, entscheidend ist das Gesamtbild

Ursachen

  • Kardial: Sinusbradykardie, SA-Block, Sick-Sinus-Syndrom, Vorhofflimmern, AV-Blockierungen, ACS, Herzinsuffizienz
  • Extrakardial: Hypoxie, Hypothermie, Medikamente, Elektrolytstörungen, erhöhter Vagustonus, Hypothyreose

Pathophysiologie

  • Herzzeitvolumen: Herzfrequenz mal Schlagvolumen, unter 40/min reicht es nicht mehr aus
  • Folgen: Minderperfusion, Zentralisation, Schockspirale bis zum kardiogenen Schock
  • Asystoliegefahr: breite Kammerkomplexe, Pausen, wechselnde Ersatzrhythmen

Symptome

  • Leitsymptom: langsamer Puls unter 50 bis 60/min, bedrohlich unter 40/min, mit Zeichen der Minderperfusion
  • Begleitzeichen: Herzinsuffizienz bis zum kardiogenen Schock, Thoraxschmerzen, Dyspnoe, Bewusstseinseintrübung, Synkope
  • Untypisch: kardiogene zerebrale Krampfanfälle; enge Pupillen, verlangsamte Atmung und Bewusstseinsminderung bei Opioidintoxikation
 Achtung
Red Flags
  • Schocksymptomatik, Synkope, Thoraxschmerzen, Herzinsuffizienz
  • Bewusstseinseintrübung
  • Unter 40/min, Pausen, breite Kammerkomplexe

Diagnostik

  • Anamnese nach SAMPLER(S): herzfrequenzsenkende Medikamente, Herzerkrankungen, Beginn, Hinweise auf Intoxikation
  • Körperliche Untersuchung: Blässe, Zyanose, marmorierte Haut; Puls schwach, langsam, ggf. arrhythmisch; Rekap-Zeit; feuchte Rasselgeräusche
  • Vitalparameter: Herzfrequenz, Blutdruck (Ziel MAD über 65 mmHg), SpO₂, Temperatur, Blutzucker. 12-Kanal-EKG anlegen und ausdrucken, die Befundung übernimmt das Team
  • EKG im Überblick: Frequenz, regelmäßig oder unregelmäßig, jede P-Welle mit QRS-Komplex oder nicht. AV-Block 1. Grades: verzögert; 2. Grades: einzelne Ausfälle; 3. Grades: Vorhöfe und Kammern unabhängig
  • Differenzialdiagnosen: akutes Koronarsyndrom, Medikamentenintoxikation, Hypothermie, Reflexsynkope, Hypoglykämie

Therapie

  • Basismaßnahmen: kreislaufstabil Oberkörper hoch, instabil Flach- oder Schocklagerung nach Ausschluss der Kontraindikationen; Monitoring; angepasste Sauerstoffgabe mittels Maske; 12-Kanal-EKG anlegen; bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern; Wärmeerhalt
  • Weitere Versorgung: Atropin 0,5 mg i.v., ggf. Wiederholung bis Erfolg, max. 3 mg (nicht bei breiten QRS-Komplexen); Adrenalin 2 bis 10 µg i.v. als PushDose Pressor, im Verlauf 2 bis 10 µg/min über Spritzenpumpe; transkutaner Schrittmacher im Demand-Modus 

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: Kardiologie mit Schockraum
  • Lagerung und Monitoring: nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen; EKG-Überwachung mit Herzfrequenz und Arrhythmien; Spritzenpumpe sichern
  • Übergabe nach SINNHAFT: Verlauf von Herzfrequenz und Blutdruck, EKG-Ausdrucke, Medikamente und Maßnahmen, Schrittmachereinstellungen, Sauerstofftherapie
Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Bedrohliche Bradykardie (NotSan)
  • Instabile Tachykardien (NotSan)
  • EKG interpretieren (RD)
  • Synkope (NotSan)
  • Reanimation
  • Akutes Koronarsyndrom (RD)
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 26.10.2026
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