Pädiatrische Notfälle gehören zu den emotional anspruchsvollsten Einsatzsituationen im Rettungsdienst. Für Notfallsanitäter:innen ist ein sicherer Umgang mit Kindern daher essenziell, auch da es sich bei Notfällen um Extremsituation für die Betroffenen handeln kann.
Der Leitsatz lautet: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.“ Ihre Anatomie, Physiologie, Kommunikation und Reaktionen auf Notfallsituationen unterscheiden sich fundamental. Dieser Artikel vermittelt die wichtigsten Besonderheiten, praktische Fertigkeiten und taktischen Grundsätze für die pädiatrische Notfallversorgung.
Atemwege:
Der kindliche Atemweg ist enger, weicher und stärker gefährdet, zu kollabieren. Eine große Zunge, ein hoher Kehlkopf und ausgeprägte Adenoide (Rachenmandel) erschweren die Atemwegssicherung.
Neben den Atemwegen unterscheiden sich auch die Umgebungsstrukturen bei Kindern. Durch den verhältnismäßig großen Kopf im Vergleich zu Erwachsenen darf der Kopf bei der Maskenbeatmung nicht überstreckt werden, um die Atmung nicht durch Verlegung der Atemwege zu behindern.
Atmung und Lunge:
Kinder haben einen deutlich höheren Sauerstoffverbrauch und eine geringere funktionelle Residualkapazität. Dadurch entwickeln sie eine Hypoxie wesentlich schneller.
Außerdem reagiert der kindliche Organismus auf Manipulationen innerhalb der Atemwege schnell mit Schwellung. Welche in einer Verlegung der Atemwege mit lebensbedrohlicher Hypoxie resultieren kann.
MerkeKinder kompensieren Atemnot oder eine Sauerstoffunterversorgung lange durch Tachypnoe, eine Dekompensation tritt dann meist abrupt ein.
Ein Herz-Kreislauf-Stillstand ist bei Kindern meist durch eine Hypoxie bedingt, während bei Erwachsenen in der Regel kardiovaskuläre Ursachen in einem Herz-Kreislauf-Stillstand resultieren. Die Oxygenierung eines Kindes sollte also immer oberste Priorität haben.
Kreislauf und Schock:
Bei Dekompensation des Kreislaufs zeigen sich im Kindesalter vor allem eine Tachykardie und eine verlängerte Rekapillarisierungszeit. Die Blutdruckwerte und die Herzfrequenz müssen altersadaptiert bewertet werden.
Das Hautkolorit von Kindern zeigt sich physiologisch rosig. Im Falle einer Kreislaufdekompensation kann eine gräuliche Färbung der Haut resultieren. Zyanosen sind bei hypoxischen Zuständen ebenso möglich.
| Alter | Gewicht (kg) | Größe (cm) | Puls (/min) | Blutdruck (mmHg) | Atem-frequenz (/min) | Atemzug-volumen (ml) |
| Neugeboren (0–28 T) | 3–4 | 50–52 | 120–160 | 60–80 / 35–50 | 40–60 | 20–30 |
| Säugling (1–12 M) | 5–10 | 60–75 | 110–150 | 70–90 / 40–55 | 30–50 | 30–60 |
| Kleinkind (1–3 J) | 10–15 | 75–95 | 100–140 | 80–100 / 45–60 | 25–40 | 60–100 |
| Vorschulkind (4–6 J) | 15–20 | 95–115 | 90–120 | 90–105 / 50–65 | 20–30 | 100–150 |
| Schulkind (7–12 J) | 20–40 | 115–150 | 80–110 | 100–115 / 55–75 | 15–25 | 150–300 |
| Jugendliche (>12 J) | 40–70 | 150–180 | 60–100 | 110–130 / 65–85 | 12–20 | 300–500 |
Thermoregulation:
Aufgrund des ungünstigen Verhältnisses von Körperoberfläche (↑) zu Volumen (↓) verlieren Kinder schnell Wärme. Je jünger das Kind, desto größer ist der Kopf im Vergleich zum Körper. Insbesondere bei Neugeborenen muss also auch der Kopf vor dem Auskühlen geschützt werden.
Bei Kleinkindern erfolgt die Thermogenese (Wärmeerzeugung) nicht primär über Muskelzittern, sondern überwiegend über das braune Fettgewebe. Dieses spezielle Fettgewebe ist reich an Mitochondrien und ermöglicht eine Thermogenese, bei der Wärme direkt im Fettgewebe erzeugt wird. Da das Kältezittern als Warnzeichen fehlt oder nur gering ausgeprägt ist, kann eine Hypothermie bei Kindern leicht übersehen werden, obwohl bereits ein relevanter Wärmeverlust vorliegt
AchtungHypothermieprävention ist bei jedem pädiatrischen Notfall Pflicht.
Meilensteine der Entwicklung
Zur Beurteilung der altersgerechten Entwicklung eines Kindes werden entwicklungsneurologische Meilensteine herangezogen, die typischerweise innerhalb definierter Altersspannen erreicht werden. Diese Meilensteine sind auch für die Plausibilitätsprüfung eines Notfallgeschehens von hoher Bedeutung. So ist es beispielsweise unwahrscheinlich, dass ein Kind, das noch nicht in der Lage ist, sich selbstständig zu drehen, ohne äußere Einwirkung vom Bett auf den Boden gefallen ist.
In der nachfolgenden Tabelle sind zentrale Entwicklungsmeilensteine den jeweiligen Altersstufen zugeordnet. Zu berücksichtigen ist, dass die kindliche Entwicklung individuell variieren kann und Abweichungen vom Durchschnitt nicht zwangsläufig pathologisch sind. Die für den Rettungsdienst besonders relevanten Aspekte sind fett markiert.
| Alter | Meilensteine der Entwicklung |
| 4 Wochen |
|
| 6 Wochen |
|
| 3 Monate |
|
| 5-6 Monate |
|
| 7 Monate |
|
| 9 Monate |
|
| 12 Monate |
|
| Grobmotorik ist ab 1. Lebensjahr weitestgehend entwickelt, ab 2. Lebensjahr Ausbau feinmotorischer Fähigkeiten. | |
| 18 Monate |
|
| 2 Jahre |
|
| 2,5 Jahre |
|
| 3 Jahre |
|
| 4 Jahre |
|
| 5 Jahre |
|
| 6 Jahre |
|
Sicherheits- und Entscheidungsprinzipien:
Ein strukturierter First Look (TICLS: Tone, Interactiveness, Consolability, Look/ Gaze, Speech/ Cry) kann innerhalb von Sekunden Hinweise auf die Schwere liefern.
Das xABCDE-Schema bleibt Leitlinie, jedoch mit stärkerem Fokus auf Airway und Breathing.
Tipp„Ein schreiendes Kind ist ein atmendes Kind“
Wenn an der Einsatzstelle das Kind schreit, ist das primär ein sehr gutes Zeichen. Da eine Unterversorgung mit Sauerstoff in schweren Fehlregulationen der Atmung sowie des Kreislaufs resultieren kann, hat das Management von A- und B-Problemen oberste Priorität.
Kinder reagieren besonders empfindlich auf Stress. Da Notfallsituationen für die Betroffenen und deren Angehörige eine akute Ausnahmesituation darstellen, ist der Aufbau eines tragfähigen Vertrauensverhältnisses essenziell.
Ein ruhiges, strukturiertes Vorgehen ist häufig effektiver als ein sofortiges Einleiten invasiver Maßnahmen. Das Prinzip des Hands-off-Assessment: zuerst beobachten, dann handeln, hat hierbei einen hohen Stellenwert und darf mehrere Minuten in Anspruch nehmen.
Die Einbindung von Vertrauenspersonen wie Eltern oder Erzieher:innen kann die Beurteilung und Versorgung deutlich erleichtern. Eine Entkleidung des Kindes sollte nur bei klarer dringlicher Indikation erfolgen und kann – sofern notwendig – durch die Vertrauensperson durchgeführt werden
TippNur die Kleidungsstücke entfernen, die entfernt werden müssen. Eine Decke schützt sowohl die Privatsphäre als auch vor dem Auskühlen.
Transport- und Lagerungstaktik:
Eltern stellen im pädiatrischen Notfalleinsatz eine zentrale Ressource dar und sollten – sofern möglich – aktiv in den Einsatz eingebunden bleiben. Da das Kind bereits an der Einsatzstelle in einer vertrauten Umgebung mit fremden Personen wie dem Rettungsteam konfrontiert wird, kann eine Betreuungsperson Stabilität und Sicherheit vermitteln.
Im weiteren Verlauf werden im Krankenhaus erneut andere Personen in die Behandlung eingebunden. Aus diesem Grund sowie zur kontinuierlichen Informationsweitergabe und zur gesicherten Betreuung des Kindes sollte die Betreuungsperson den Transport begleiten.
Die Entscheidung, ob die Begleitperson im Patient:innenraum oder auf dem Beifahrersitz mitfährt, erfolgt gemeinsam durch Fahrer:in und Transportführer:in. Insbesondere bei jüngeren Kindern ist eine Mitfahrt im Patient:innenraum in Sichtweite des Kindes anzustreben
| Vorteile | Nachteile | |
| Betreuungsperson vorne getrennt vom Kind |
|
|
| Betreuungsperson hinten beim Kind |
|
|
Zur sicheren Fixierung und Lagerung von Kindern sind häufig spezielle Hilfsmittel erforderlich, die alters-, größen- und gewichtsadaptiert ausgewählt werden müssen. Dazu zählen Kindersitze, Baby-Rückhaltesysteme sowie Vakuummatratzen in kindgerechter Größe.
Je nach regionaler Organisation können diese Hilfsmittel als Zusatzausstattung durch externe Kräfte zur Einsatzstelle gebracht werden. Alternativ kann bei korrekter und sicherer Fixierung der Kindersitz der Eltern genutzt werden, was zugleich einen sicheren Rücktransport nach der klinischen Versorgung ermöglicht
Medikamentengabe & Dosierung:
Die Medikamentengabe bei Kindern ist im präklinischen Setting häufig mit Unsicherheiten verbunden und stellt eine besondere Herausforderung dar. Verstärkt wird dies durch die geringe Einsatzfrequenz pädiatrischer Notfälle, wodurch Routine fehlt.
InfoAuf einzelne Medikamente wird in diesem Artikel nicht eingegangen. Detaillierte Angaben finden sich in den jeweiligen substanzspezifischen Artikeln.
Die Pharmakokinetik und -dynamik kann sich bei Kindern deutlich von der Erwachsener unterscheiden und beeinflusst Applikation, Wirkungseintritt und Wirkdauer. Während bei Erwachsenen meist mit Standarddosierungen gearbeitet wird, erfolgt die Dosierung bei Kindern gewichtsadaptiert, wobei für jedes Medikament eigene Berechnungsformeln gelten.
Da das Körpergewicht im Notfall häufig nicht bekannt ist, dient das Alter als Orientierungsgröße. Eine bewährte Rückfallebene stellen Kinder-Notfalllineale dar. Diese ermöglichen über die Körpergröße eine Gewichtsschätzung und enthalten häufig vordefinierte Dosierungen gängiger Medikamente, was die Handlungssicherheit erhöht.
Zusätzlich sind Über- oder Untergewicht zu berücksichtigen und die Dosis entsprechend anzupassen. Webbasierte Anwendungen wie das Kinderformularium sowie appbasierte Tools bieten eine schnell verfügbare Übersicht pädiatrischer Dosierungen mit Indikationen und können die sichere Entscheidungsfindung im Einsatz wesentlich unterstützen
TippDas offene Kommunizieren von Unsicherheiten ermöglicht einen fachlichen Austausch im Team, auch in der Akutsituation. Dadurch können gemeinsame Entscheidungsfindung, eine gezielte Recherche sowie die frühzeitige Einbindung weiterer Unterstützungsstrukturen, beispielsweise über die Leitstelle, strukturiert und effizient durchgeführt werden.
Atemwegsmanagement
Viele pädiatrische Krankheitsbilder gehen mit einer respiratorischen Dekompensation einher. Wird ein Atemwegsmanagement erforderlich, sind spezifische Besonderheiten zu beachten, die sich deutlich vom Erwachsenen unterscheiden.
Die Maskenbeatmung stellt den zentralen Basisskill dar. Sie ist minimalinvasiv und zugleich die entscheidende Rückfallebene bei einer misslungenen Intubation.
Voraussetzungen für eine effektive Maskenbeatmung:
- Richtige Kopfposition: Schnüffelposition
- Gutes Masken-Handling
- Behutsame Beatmungsdrücke: Vermeidung von Barotrauma
Die Schnüffelposition bedeutet, dass der Kopf bis etwa ins Schulkindalter nicht überstreckt wird. Ziel ist eine achsennahe Ausrichtung von Mund, Pharynx und Trachea. Klinisch entsteht der Eindruck, als würde das Kind intensiv an etwas riechen, da die Nase leicht höher steht als in neutraler Rückenlage. Diese Position optimiert die Maskenabdichtung und verbessert die Ventilation bei geringem Druck.
Eine korrekte Maskenpositionierung ist auch bei Kindern essenziell. Die Maske wird zunächst an der Nasenwurzel angesetzt und anschließend nach kaudal auf Mund und Kinn aufgelegt, um eine dichte Abdichtung zu erreichen.
Aufgrund der kindlichen Anatomie sind tropfenförmige Masken oft weniger geeignet. Insbesondere im Säuglingsalter erzielen kreisrunde Masken eine bessere Dichtigkeit.
Zur Vermeidung einer Überblähung der Lunge ist ein adaptiertes Atemzugvolumen erforderlich. Innerklinisch wird meist druckkontrolliert, präklinisch häufig volumenkontrolliert beatmet.
MerkeGrundsatz für das Atemzugvolumen
6-10 ml/kg KG
Bei einem 10 kg schweren Kind, sollte also ein Atemzugvolumen von 60 bis 100 ml gewählt werden.
Die endotracheale Intubation sollte Spezialist:innen vorbehalten bleiben, da kindliche Atemwege auf Manipulationen häufig mit Schwellung reagieren. Nach frustranen Versuchen ist der Atemweg weiter verengt. Supraglottische Atemwegshilfen stellen hier eine sichere Alternative dar
Gefäßzugang beim Kind
Die Anlage eines peripher-venösen Zugangs ist bei Kindern häufig erschwert. Tief liegende Venen, ein ausgeprägtes Unterhautfettgewebe sowie Stress und Abwehrbewegungen beeinträchtigen die Punktion. Eine konsequente Fixierung der Extremität durch ein zusätzliches Teammitglied ist daher sinnvoll. Straffung der Haut proximal der Punktionsstelle sowie eine Überstreckung der Hand in Palmarflexion verbessern häufig die Punktionsbedingungen.
Der intraossäre Zugang ist beim pädiatrischen Notfall frühzeitig zu erwägen, wenn ein peripher-venöser Zugang nicht rasch (z. B. nach 2–3 Versuchen oder innerhalb kurzer Zeit) etabliert werden kann.
Geeignete Punktionsstellen sind die proximale Tibia, die distale Tibia, der distale Femur sowie der proximale Humerus. Der i.o.-Zugang ist mechanisch stabil, weniger dislokationsgefährdet als periphere Venenverweilkanülen und weist eine hohe Erfolgsrate auf.
AchtungDas Spülen eines intraossären Zugangs mit Lidocain ist nicht mehr empfohlen. Bei pädiatrischen Patient:innen ist der i.o.-Einsatz von Lidocain kontraindiziert, da schwere systemische Nebenwirkungen bis hin zu Krampfanfällen und kardialen Komplikationen auftreten können.
Zur Schmerzreduktion ist eine systemische Analgesie oder Sedierung zu bevorzugen.
Immobilisation
Die Immobilisation muss schonend und zugleich effektiv erfolgen. Anstelle einer vollständigen Vakuummatratze kann bei Kleinkindern beispielsweise eine Vakuum-Beinschiene verwendet werden. Für viele Verletzungen eignen sich Aluminium-Schienen, die körpergerecht angepasst werden können
MerkeEine altersgerechte, verständliche Erklärung geplanter Maßnahmen ist essenziell für die Kooperation zwischen Behandler:in und Kind. Der Einbezug von Vertrauenspersonen, insbesondere der Eltern, ist hierbei gut möglich und häufig hilfreich.
In akuten Situationen kann eine Sedierung erforderlich sein, um eine sichere und effektive Immobilisation zu ermöglichen.
Temperaturmanagement
Der konsequente Wärmeerhalt hat oberste Priorität. Je nach Alter eignen sich Patientendecken, Rettungsdecken oder Silberwindeln. Zusätzlich kann die Heizung des RTW bereits auf der Anfahrt zur Einsatzstelle aktiviert werde
Kommunikation mit dem Kind
Die Kommunikation muss alters- und entwicklungsgerecht erfolgen. Während vereinfachte Sprache bei Kleinkindern sinnvoll sein kann, ist sie bei älteren Kindern und Jugendlichen unangemessen (z.B. „Wo ist denn dein Aua?“). Ziel ist eine klare, verständliche und respektvolle Kommunikation.
Grundsätze der Kommunikation:
- Kurze Sätze
- Einfache, konkrete Begriffe
- Zeigen statt erklären
- Bekannte Rituale benennen: z. B. „Abhören wie beim Kinderarzt“
Neben der verbalen Kommunikation liefern nonverbale Zeichen entscheidende Hinweise zu Schmerz, Angst und Bewusstseinslage. Eine kontinuierliche Beobachtung der Körpersprache ist essenziell und muss stets in die Beurteilung einbezogen werden.
MerkeKlassisches Bauchweh gibt es nicht
Bauchschmerzen werden häufig unspezifisch angegeben, unabhängig vom tatsächlichen Verletzungs- oder Krankheitsmuster. Eine exakte Lokalisation ist oft nicht möglich, da die Schmerzdifferenzierung noch unreif ist.
Bei Angabe von Bauchschmerzen sind daher Anamnese und Untersuchung stets erweitert durchzuführen und weitere Körperregionen sowie Differenzialdiagnosen einzubeziehen
KASPERLE-Schema:
Das KASPERLE-Schema dient einer kindgerechten, strukturierten Kommunikation im medizinischen Kontext. Ziel ist der Aufbau von Vertrauen, die Reduktion von Angst und die aktive Einbindung des Kindes, um Kooperation und Compliance zu verbessern.

InfoDurch dieses strukturierte Vorgehen fühlt sich das Kind ernst genommen, sicher und aktiv beteiligt, was Untersuchungen und Behandlungen erleichtert.
Kommunikation mit den Eltern
Eltern sind in Notfallsituationen häufig hoch emotional belastet. Angst, Schuldgefühle oder Scham können sich auf das Kind übertragen und die Situation zusätzlich erschweren. Gleichzeitig können Eltern eine stabilisierende und schützende Rolle einnehmen und zur Beruhigung beitragen.
Eine klare Erklärung der aktuellen Situation, das Benennen zentraler Maßnahmen sowie die Einbindung der Eltern in den Behandlungsprozess fördern Vertrauen und Kooperation. Ein ruhiges, sicheres Auftreten wirkt dabei deeskalierend.
AchtungEltern grundsätzlich nicht ausschließen – außer, sie gefährden den Ablauf oder die Sicherheit.
In bestimmten Situationen kann eine Untersuchung oder Befragung ohne Eltern sinnvoll oder notwendig sein, etwa bei Verdacht auf körperlichen oder sexuellen Missbrauch oder Substanzkonsum. Auch Angst vor Sanktionen im Elternhaus kann dazu führen, dass Kinder relevante Informationen zurückhalten. Hier ist eine einfühlsame, wertfreie Gesprächsführung mit besonderer Sensibilität erforderlich
AchtungExamensrelevante Aspekte
In Prüfungssituationen treten besonders häufig auf:
- Atemnot bei Kleinkindern
- Reanimation / Fremdkörperaspiration
- Febriler Krampfanfall
Geprüfte Skills umfassen am ehesten:
- Maskenbeatmung
- Dosierungsberechnung
- i.o.-Zugang simulieren
- Strukturierte Erstbeurteilung (ABCDE, TICLS)
Typische Fehler:
- Falsche Dosierungen
- Unzureichende Atemwegssicherung
- Mangelnde Kommunikation mit Eltern
- Stressbedingte Hektik
Anatomisch-physiologische Besonderheiten:
- Atemwege:
- Kindliche Atemwege sind enger, weicher und kollapsgefährdeter als bei Erwachsenen
- Große Zunge, hochstehender Kehlkopf und vergrößerte Adenoide erschweren die Atemwegssicherung
- Laryngoskopie ist aufgrund der anatomischen Gegebenheiten erschwert
- Verhältnis von Kopf zu Körper ist größer → besondere Kopfpositionierung bei Maskenbeatmung erforderlich
- Falsche Lagerung kann zu Verlegung der Atemwege führen
- Atmung und Lunge:
- Kinder haben einen höheren Sauerstoffverbrauch
- Geringere funktionelle Residualkapazität als Erwachsene
- Hypoxie entwickelt sich daher deutlich schneller
- Kindlicher Organismus reagiert rasch mit Schwellung auf Manipulation
- Atemwegsverlegung kann schnell zu bedrohlicher Hypoxie führen
- Mögliche Folgen: Bradykardie bis hin zum Herz-Kreislauf-Stillstand
- Kinder kompensieren Atemnot lange durch Tachypnoe, Dekompensation erfolgt abrupt
- Herz-Kreislauf-Stillstand bei Kindern ist häufig hypoxisch bedingt, nicht primär kardial
- Thermoregulation:
- Ungünstiges Verhältnis von Körperoberfläche zu Volumen → schneller Wärmeverlust
- Je jünger das Kind, desto größer der Kopf im Verhältnis zum Körper
- Besonders bei Neugeborenen muss der Kopf vor Auskühlung geschützt werden
- Kleinkinder besitzen braunes Fettgewebe zur Thermogenese
- Braunes Fettgewebe enthält Mitochondrien → Wärmeproduktion ohne Muskelzittern
- Fehlendes Muskelzittern kann dazu führen, dass Auskühlung übersehen wird
- Hypothermieprävention ist bei jedem pädiatrischen Notfall erforderlich
Taktische Besonderheiten:
- Sicherheits- und Entscheidungsprinzipien:
- Pädiatrische Notfälle sind emotional besonders anspruchsvoll
- Strukturierter First Look (TICLS) ermöglicht innerhalb von Sekunden eine Einschätzung der Schwere:
- Tone
- Interactiveness
- Consolability
- Look/ Gaze
- Speech/ Cry
- Das xABCDE-Schema bleibt Leitlinie → besonderer Fokus auf Airway (A) und Breathing (B)
- Kinder reagieren sehr empfindlich auf Stress
- Aufbau eines Vertrauensverhältnisses ist essenziell
- Ruhiges, überlegtes Vorgehen oft effektiver als sofortige invasive Maßnahmen
- Hands-off-Assessment: zunächst beobachten, dann handeln
- Beobachtungsphase kann mehrere Minuten dauern
- Einbeziehung von Vertrauenspersonen (z.B. Eltern, Erzieher:innen) ist hilfreich
- Entkleidung des Kindes nur bei klarer Indikation
- Falls notwendig, Entkleidung möglichst durch die Vertrauensperson durchführen lassen
Tipp„Ein schreiendes Kind ist ein atmendes Kind“
Wenn an der Einsatzstelle das Kind schreit, ist das primär ein sehr gutes Zeichen. Da eine Unterversorgung mit Sauerstoff in schweren Fehlregulationen der Atmung sowie des Kreislaufs resultieren kann, hat das Management von A- und B-Problemen oberste Priorität.
- Transport- und Lagerungstaktik:
- Eltern/ Bezugspersonen sind wichtige Ressourcen im Einsatz → vertraute Personen geben dem Kind Sicherheit und Halt
- Begleitung der Vertrauensperson während des Transports empfohlen:
- Zur emotionalen Stabilisierung des Kindes
- Zur sicheren Informationsweitergabe
- Zur kontinuierlichen Betreuung
- Sitzplatz der Begleitperson (Patient:innenraum vs. Beifahrersitz) wird gemeinsam entschieden
- Insbesondere bei kleinen Kindern: Sichtkontakt im Patient:innenraum bevorzugt
- Für den Transport sind spezielle Sicherungssysteme erforderlich → angepasst an Größe, Gewicht und Alter
- Medikamentengabe und Dosierung:
- Medikamentengabe bei Kindern stellt eine besondere Herausforderung dar
- Unsicherheiten entstehen durch:
- Seltene Anwendung
- Fehlende Routine
- Verstoffwechselung kann sich deutlich von Erwachsenen unterscheiden
- Keine Standarddosierung wie bei Erwachsenen
- Dosierung erfolgt gewichtsadaptiert, medikamentenspezifisch
- Gewicht ist im Notfall oft nicht bekannt → Orientierung am Alter als Näherungswert möglich
- Kinder-Notfalllineal als Denkhilfe:
- Abschätzung des Körpergewichts über Körpergröße
- Anzeige passender Medikamentendosierungen
- Berücksichtigung von Über- oder Untergewicht notwendig
- Unterstützung durch digitale Hilfsmittel möglich:
- Kinderformularium
- Web- oder App-basierte Anwendungen
- Kommunikation von Unsicherheiten im Team ist wichtig
- Gemeinsame Recherche oder Nachforderung weiterer Hilfe (z. B. Leitstelle) möglich und sinnvoll
Praktische Fertigkeiten:
- Atemwegsmanagement:
- Viele pädiatrische Krankheitsbilder gehen mit einer respiratorischen Dekompensation einher
- Maskenbeatmung ist der wichtigste Skill:
- Minimalinvasiv
- Rückfallebene bei frustraner Intubation
- Voraussetzungen für effektive Maskenbeatmung:
- Richtige Kopfposition (Schnüffelposition)
- Korrektes Maskenhandling
- Behutsame Beatmungsdrücke zur Vermeidung eines Barotraumas
Schnüffelposition:

- Kopf wird bis ins Schulkindalter nicht überstreckt
- Nase steht etwas höher als üblich in Rückenlage
- Erleichtert Beatmung und Airwaymanagement
- Maskenhandling:
- Maske zuerst an der Nasenwurzel, dann auf das Gesicht aufsetzen
- Tropfenförmige Masken passen bei Kindern oft schlechter
- Im Säuglingsalter sind kreisrunde Masken besser geeignet → bessere Dichtigkeit
- Beatmung:
- Überblähung der Lunge vermeiden
- Atemzugvolumen: 6–10 ml/kg Körpergewicht
- Bei maschineller Beatmung:
- Innerklinisch häufig druckkontrolliert
- Präklinisch meist volumenorientierte Steuerung
- Intubation:
- Endotracheale Intubation sollte Spezialist:innen vorbehalten bleiben
- Kindliche Atemwege reagieren auf Manipulation oft mit Schwellung
- Nach frustraner Intubation: Atemwegsdurchmesser reduziert → erneute Intubation erschwert
- Supraglottische Atemwegshilfen sind eine gute Notfallalternative
- Gefäßzugang bei Kindern
- Venen bei Kindern oft schwer auffindbar
- Venen liegen häufig tief im Unterhautfettgewebe
- Kinder sind oft aufgeregt und wehren sich gegen Maßnahmen
- Fixierung der Extremität durch ein weiteres Teammitglied empfohlen
- Punktionsbedingungen verbessern sich durch:
- Straffung der Haut oberhalb der Punktionsstelle
- Überstreckung der Hand in Palmarflexion
- Intraossärer Zugang:
- Frühzeitig indiziert
- Mögliche Punktionsstellen:
- Proximale Tibia
- Distale Tibia
- Distaler Femur
- Proximaler Humerus
- Vorteile:
- Sicherer Zugangsweg
- Geringe Dislokationsrate
- Oft gute Toleranz durch Kinder
- Immobilisation:
- Kinder sollen schonend und effektiv immobilisiert werden
- Alternativen zur Vakuummatratze:
- Vakuum-Beinschiene (v. a. bei Kleinkindern)
- Aluminium-Schiene, individuell anpassbar durch Biegen
- Temperaturmanagement:
- Kinder kühlen aufgrund der großen Körperoberfläche schneller aus als Erwachsene
- Thermogenese verläuft anders und ist nicht immer mit Muskelzittern verbunden
- Unterkühlung kann daher unauffällig beginnen und übersehen werden
- Wärmeerhalt hat oberste Priorität
- Gesprächsführung und Interaktion:
- Kindgerechte, ausführliche Erklärung der Maßnahmen ist zwingend notwendig
- Fördert die Zusammenarbeit zwischen Kind und Behandler:in
- Einbezug von Vertrauenspersonen (z. B. Eltern) ist hilfreich und sinnvoll
- In Notfällen kann eine Sedierung erforderlich sein, um Maßnahmen wie Immobilisation korrekt durchführen zu können
Gesprächsführung und Interaktion:
- Kommunikation mit dem Kind:
- Kommunikation muss alters- und entwicklungsgerecht erfolgen
- „Babysprache“ ist bei Kindergartenkindern möglich, bei Jugendlichen in der Pubertät jedoch ungeeignet
- Allgemeine Grundsätze der Kinderkommunikation:
- Kurze Sätze
- Einfache Begriffe
- Zeigen statt erklären
- Bekannte Rituale benennen (z. B. Untersuchungen vom Kinderarzt)
- Nonverbale Zeichen liefern wichtige Hinweise auf:
- Schmerz
- Angst
- Bewusstseinszustand
- Körpersprache muss kontinuierlich beobachtet und in die Situationsbewertung einbezogen werden
- KASPERLE-Schema:
- Strukturierte, kindgerechte Kommunikationshilfe im medizinischen Kontext
- Ziel: Vertrauen aufbauen und aktive Einbindung des Kindes
- Bestandteile:
- Kontakt aufnehmen
- Angst abbauen
- Sprache anpassen
- Personen einbeziehen (Eltern, Geschwister)
- Entscheidungen ermöglichen/ Wahlmöglichkeiten geben
- Ruhe ausstrahlen
- Lieblingskuscheltier oder vertraute Gegenstände einbeziehen
- Ehrlichkeit
- Ergebnis:
- Kind fühlt sich ernst genommen und sicher
- Untersuchungen und Behandlungen werden erleichtert
- Compliance steigt
- Kommunikation mit den Eltern:
- Eltern sind häufig emotional stark belastet
- Mögliche Gefühle:
- Angst
- Schuld
- Scham
- Emotionen der Eltern können sich auf das Kind übertragen
- Eltern können gleichzeitig eine stabilisierende und schützende Wirkung haben
- Wichtige Maßnahmen:
- Erklärung zentraler Aspekte der aktuellen Situation
- Einbindung der Eltern in den Behandlungsprozess
- Ruhiges und sicheres Auftreten fördert die Kooperation
- Besondere Gesprächssituationen:
- In bestimmten Fällen ist eine Untersuchung ohne Eltern sinnvoll:
- Verdacht auf sexuellen oder körperlichen Missbrauch
- Möglicher Drogenkonsum
- Kinder können Informationen zurückhalten aus:
- Angst vor Konsequenzen
- Strengen Regeln im Elternhaus
- Erforderlich ist dann eine:
- Einfühlsame Gesprächsführung
- Offene Haltung
- Hohes Maß an Verständnis
- In bestimmten Fällen ist eine Untersuchung ohne Eltern sinnvoll:
- S2k-Leitlinie Medikamentensicherheit bei Kindernotfällen, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)
- Uniklinikum Erlangen, Kinderformularium, Stand. 2025 (Zugriff am 17.12.2025)
- Mensche, N., Biologie Anatomie Physiologie, Elsevier, 2016, ISBN: 978-3437268038
- Flake, F., Dönitz, S., Mensch Körper Krankheit für den Rettungsdienst, Elsevier, 2018, ISBN: 978-3437462023
- Koch, S., Schwarz, M., retten - Anatomie Physiologie, Elsevier, 2023, ISBN: 978-3132421172


