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Blutstillung und Blutgerinnung (RD)

Hämostase, Koagulation, Gerinnungsprozess, Gerinnung
12 Minuten Lesezeit

Die Blutstillung (Hämostase) ist ein lebenswichtiger Prozess, bei dem eine Blutung durch die Bildung eines Blutgerinnsels (Thrombus) gestoppt wird. Dieser Vorgang läuft in zwei Phasen ab:

  1. Primäre Hämostase: Bildung eines vorläufigen Gerinnsels durch Anhaften und Zusammenklumpen von Thrombozyten an der Verletzungsstelle
  2. Sekundäre Hämostase: Bildung eines stabilen Blutgerinnsels durch die Vernetzung von Fibrin mit den aggregierten Thrombozyten. Das Fibrinpolymer stabilisiert das Gerinnsel, wodurch die Wunde langfristig abgedichtet wird. In diesem Fibrinnetz verfangen sich Erythrozyten, was das Gerinnsel zum sogenannten "roten Thrombus" macht.

Zur Regulation und zum Abbau der Blutgerinnung verhindern hemmende Faktoren wie Antithrombin und Protein C eine überschießende Gerinnung, während der entstandene Thrombus nach der Wundheilung durch Plasmin wieder abgebaut wird (Fibrinolyse).

 Info

Nach einer Gefäßverletzung und einem resultierenden Endotheldefekt kommt es zur primären Hämostase (primäre Blutstillung).

Die primäre Blutstillung kann in vier verschiedene Abschnitte unterteilt werden:

  1. Vaskuläre Blutstillung: 
    1. Vasokonstriktion vermindert Durchblutung und fördert Thrombozytenaggregation
  2. Thrombozytenadhäsion: 
    1. Thrombozyten binden an das subendotheliale Kollagen über Gp1a/2a (Gp = Glykoprotein) sowie über Gp1b und vWF (von Willebrand Faktor)
  3. Thrombozytenaktivierung: 
    1. Freisetzung von:
      1. ADP → Aktivierung Cyclooxygenase 1 (COX1) → vermehrte TXA2-Bildung
      2. Thromboxan A2 (TXA2) → Vasokonstriktion + aktiviert weitere Thrombozyten (positive Rückkopplung)
      3. Plättchenaktivierendem Faktor (PAF)
      4. Serotonin (5-HT)
  4. Thrombozytenaggregation
    1. Verknüpfung der Thrombozyten über Gp2b/3a und Fibrinogen → Bildung eines thrombozytenreichen „weißen Thrombus“
 Tipp

Thromboxan A₂, das von Thrombozyten freigesetzt wird, führt zu einer Gefäßverengung und fördert das Verklumpen der Blutplättchen.

Im Gegensatz dazu bewirkt Prostacyclin, das vom Endothel gebildet wird, eine Gefäßerweiterung und hemmt die Thrombozytenaggregation.

Primäre Blutstillung (Hämostase)
 Info

Das Ziel der sekundären Hämostase (sekundäre Blutstillung) ist die Bildung eines stabilen Gerinnsels. Dieses Gerinnsel besteht aus Thrombozyten und Fibrin. Da sich in diesem Netzwerk Erythrozyten verfangen, wird es als roter Thrombus bezeichnet.

Fibrin ist unlöslich und kann, verknüpft mit anderen Fibrinmonomeren, ein Fibrinnetzwerk bilden. Fibrin wird durch aktivierte Gerinnungsfaktoren aus dem unlöslichen Fibrinogen hergestellt.

Damit es zur Bildung von Fibrin kommt, müssen verschiedene Gerinnungsfaktoren im Rahmen einer Gerinnungskaskade aktiviert werden. Die Gerinnungsfaktoren bestehen aus Eiweißen, die durch eine Spaltung aktiviert werden.

Die Gerinnungskaskade besteht aus einem intrinsischen und einem extrinsischen Weg sowie einer gemeinsamen Endstrecke, an deren Ende die Verknüpfung der Fibrinmonomere steht.

Extrinsischer Weg

 Definition
Extrinsicher Weg

Aktivierungsweg der Blutgerinnung, der durch den Tissue Faktor (Faktor 3) ausgelöst wird

  1. Endothelverletzung → Tissue Faktor kommt in Kontakt mit Faktor 7 aus dem BlutAktivierung zu Faktor 7a
  2. Bildung der extrinsischen Tenase (Faktor 7a + Tissue Faktor + Ca²⁺ + Phospholipide) 
Extrinsischer Weg der Hämostase

Intrinsischer Weg

 Definition

Aktivierungsweg der Blutgerinnung, der mit der Aktivierung von Faktor 12 durch Kollagen, Kallikrein und Kininogen beginnt.

  1. Aktivierung von Faktor 12 → durch Kollagen, Kallikrein und hochmolekulares Kininogen
  2. Aktivierung von Faktor 11 → durch Faktor 12a und Thrombin (Faktor 2a)
  3. Aktivierung von Faktor 9 → durch Faktor 11a
  4. Aktivierung von Faktor 8 → durch Thrombin (Faktor 2a)
  5. Bildung der intrinsischen Tenase (Faktor 9a + Faktor 8a + Phospholipide + Ca²⁺)

Intrinsischer Weg der Hämostase

 Tipp
  • Extrinsisch = Auslöser kommt von außen (Gewebe)
  • Intrinsisch = alles passiert im Blut selbst

Gemeinsame Endstrecke

  1. Faktor 10 → wird durch die intrinsische und extrinsische Tenase aktiviert
  2. Faktor 5 → wird durch Thrombin (Faktor 2a) aktiviert
  3. Umwandlung von Prothrombin (Faktor 2) in Thrombin (Faktor 2a) → durch den Faktor-10a-5a-Komplex (Prothrombinase)
  4. Spaltung von Fibrinogen (Faktor I) → durch Thrombin (Faktor 2a)
  5. Aktivierung von Faktor 13 → durch Thrombin (Faktor 2a)
  6. Faktor 13a vernetzt die Fibrin-Monomere → stabiler, unlöslicher Fibrinthrombus („roter Thrombus“)

Gemeinsame Endstrecke der Hämostase

 Info
Die Blutgerinnung läuft als Kaskade mit verstärkenden Rückkopplungen ab. Damit es nicht zu einer übermäßigen Gerinnung kommt, ist ein Gegenspieler-System notwendig, das ein Gleichgewicht zwischen Gerinnung und Hemmung aufrechterhält. Diese Regulation erfolgt durch verschiedene Proteine aus Plasma und Endothelzellen.

Übersicht über gerinnungshemmende Stoffe:

FaktorFunktion
AntithrombinHemmt Thrombin (Faktor 2a) und Faktor 10a
Protein C + SHemmen Faktor 5a und 8a (antikoagulatorisch)
ThrombomodulinBindet Thrombin → aktiviert Protein C-System
α1-AntitrypsinHemmt Thrombin (2a) und Plasmin
α2-MakroglobulinHemmt Thrombin (2a), Plasmin und Kallikrein
Hemmung der Blutgerinnung
 Info
Blutgerinnung (Fibrinbildung) und Fibrinabbau (Fibrinolyse) finden im Gefäßsystem ständig gleichzeitig statt. Dabei sorgt das fibrinolytische System dafür, dass überschüssiges Fibrin kontinuierlich abgebaut wird.

Ablauf:

  1. Aktivierung des Enzyms Plasmin
  2. Plasmin baut Fibrin ab → es entstehen lösliche Abbauprodukte (D-Dimere)
  3. D-Dimere wirken zusätzlich hemmend auf Thrombin

Fibrinolyse

 Merke

Die Steuerung erfolgt über die Aktivierung bzw. Hemmung von Plasmin

Übersicht medikamentöse Gerinnungshemmung

WirkstoffgruppeUntergruppeBeispielpräparateWirkprinzip
ThrombozytenaggregationshemmerCOX-Inhibitor
  • Acetylsalicylsäure (ASS)
Hemmung COX1Thromboxan ↓ → Thrombozytenaggregation
ADP-Antagonisten
  • Clopidogrel
  • Prasugrel
Blockade des P2Y12-Rezeptors → ADP-abhängie Thrombozytenaktivierung ↓ → keine Quervernetzung
Gp2b/3a-Antagonisten
  • Tirofiban
  • Eptifibatid
Blockieren Gp2b/3a → keine Fibrinogenbindung
AntikoagulanzienUnfraktioniertes Heparin (UFH)
  • Heparin
Bindung an Antithrombin und Thrombin: Hemmung um das 1000-fache verstärkt → Thrombin- + Faktor-10a-Hemmung
Niedermolekulares/Fraktioniertes Heparin (NMH)
  • Enoxaparin 
  • Dalteparin
Verstärkt Antithrombin → v. a. Faktor-10a-Hemmung
Vitamin-K-Antagonisten
  • Phenprocoumon
  • Warfarin
Vitamin K-abhängie Faktoren 2, 7, 9, 10 ↓
DOAK / NOAK
  • Dabigatran
  • Apixaban
  • Rivaroxaban
  • Edoxaban
Direkte Hemmung von 2a oder 10a
FibrinolytikumGewebe-Plasminogen-Aktivator (tPA)
  • Tenecteplase
Aktiviert Plasmin → Fibrinabbau
Antifibrinolytika-
  • Tranexamsäure
Hemmt die Bindung von Plasminogen an Fibrin → verminderte Umwandlung zu Plasmin → Hemmung des Fibrinabbaus → Stabilisierung des Blutgerinnsels

Übersicht über die Wirkprinzipien der Antikoagulantien

Primäre Hämostase:

 Info

Nach einer Gefäßverletzung und einem resultierenden Endotheldefekt kommt es zur primären Hämostase (primäre Blutstillung).

Die primäre Blutstillung kann in vier verschiedene Abschnitte unterteilt werden:

  1. Vaskuläre Blutstillung: Vasokonstriktion vermindert Durchblutung und fördert Thrombozytenaggregation
  2. Thrombozytenadhäsion: Thrombozyten binden an das subendotheliale Kollagen 
  3. Thrombozytenaktivierung: mehr Thrombozyten (positive Rückkopplung)
  4. Thrombozytenaggregation: Bildung eines thrombozytenreichen „weißen Thrombus“

Sekundäre Hämostase:

 Info

Das Ziel der sekundären Hämostase (sekundäre Blutstillung) ist die Bildung eines stabilen Gerinnsels. Dieses Gerinnsel besteht aus Thrombozyten und Fibrin. Da sich in diesem Netzwerk Erythrozyten verfangen, wird es als roter Thrombus bezeichnet.

  • Extrinsischer Weg → ausgelöst durch Tissue Faktor (Faktor3)
  • Intrinsischer Weg → Aktivierung von Faktor 12 durch Kollagen, Kallikrein und Kininogen 
  • Gemeinsame Endstrecke Faktor 10 wird durch die intrinsische und extrinsische Tenase aktiviert → kaskadenartiger Ablauf der Gerinnungsfaktoren → Faktor 13a vernetzt die Fibrin-Monomere → stabiler, unlöslicher Fibrinthrombus („roter Thrombus“)
 Tipp
  • Extrinsisch = Auslöser kommt von außen (Gewebe)
  • Intrinsisch = alles passiert im Blut selbst

Physiologische Hemmung der Blutgerinnung:

 Info

Die Blutgerinnung läuft als Kaskade mit verstärkenden Rückkopplungen ab. Damit es nicht zu einer übermäßigen Gerinnung kommt, ist ein Gegenspieler-System notwendig, das ein Gleichgewicht zwischen Gerinnung und Hemmung aufrechterhält. Diese Regulation erfolgt durch verschiedene Proteine aus Plasma und Endothelzellen.

FaktorFunktion
AntithrombinHemmt Thrombin (Faktor 2a) und Faktor 10a
Protein C + SHemmen Faktor 5a und 8a (antikoagulatorisch)

Fibrinolyse:

 Info

Blutgerinnung (Fibrinbildung) und Fibrinabbau (Fibrinolyse) finden im Gefäßsystem ständig gleichzeitig statt. Dabei sorgt das fibrinolytische System dafür, dass überschüssiges Fibrin kontinuierlich abgebaut wird.

Ablauf:

  1. Aktivierung des Enzyms Plasmin
  2. Plasmin baut Fibrin ab → es entstehen lösliche Abbauprodukte (D-Dimere)
  3. D-Dimere wirken zusätzlich hemmend auf Thrombin

Verknüpfung Physiologie und Pharmakologie:

WirkstoffgruppeUntergruppeBeispielpräparateWirkprinzip
ThrombozytenaggregationshemmerCOX-Inhibitor
  • Acetylsalicylsäure (ASS)
Hemmung COX1Thromboxan ↓ → Thrombozytenaggregation
AntikoagulanzienUnfraktioniertes Heparin (UFH)
  • Heparin
Bindung an Antithrombin und Thrombin: Hemmung um das 1000-fache verstärkt → Thrombin- + Faktor-10a-Hemmung
Vitamin-K-Antagonisten
  • Phenprocoumon
  • Warfarin
Vitamin K-abhängie Faktoren 2, 7, 9, 10 ↓
DOAK / NOAK
  • Dabigatran
  • Apixaban
  • Rivaroxaban
  • Edoxaban
Direkte Hemmung von 2a oder 10a
FibrinolytikumGewebe-Plasminogen-Aktivator (tPA)
  • Tenecteplase
Aktiviert Plasmin → Fibrinabbau
Antifibrinolytika-
  • Tranexamsäure
Hemmt die Bindung von Plasminogen an Fibrin → verminderte Umwandlung zu Plasmin → Hemmung des Fibrinabbaus → Stabilisierung des Blutgerinnsels
 Tipp

Wenn ihr mehr wissen möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus der Vorklinik.

  • Hämostase (Physiologie)
  • Gerinnungswerte
  • Mensche, N., Biologie Anatomie Physiologie, Elsevier, 2016, ISBN: 978-3437268038
  • Flake, F., Dönitz, S., Mensch Körper Krankheit für den Rettungsdienst, Elsevier, 2018, ISBN: 978-3437462023
  • Koch, S., Schwarz, M., retten - Anatomie Physiologie, Elsevier, 2023, ISBN: 978-3132421172
  • Faller A, Schünke M: Der Körper des Menschen - Einführung in Bau und Funktion, 19., überarbeitete Auflage. Georg Thieme Verlag. 2024. ISBN: 9783132439368
  • Behrends J, Bischofberger J, Deutzmann R, Ehmke H, Frings S, Grissmer S, Hoth M, Kurtz A, Leipziger J et al: Duale Reihe Physiologie, 4., unveränderte Auflage. Georg Thieme Verlag. 2021. ISBN: 9783132438644
Zuletzt aktualisiert am 11.06.2026
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