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Code Uro - Erkrankungen jenseits der Notfallroutine

Harnverhalt, Harnwegsinfektionen, Priapismus, Paraphimose, Nierenfunktionsstörung
30 Minuten Lesezeit

Im Rettungsdienst stehen kardiale, neurologische und traumatologische Notfälle im Vordergrund. Dennoch werden Notfallsanitäter:innen immer wieder mit urologischen und nephrologischen Krankheitsbildern konfrontiert, die ein rasches Erkennen und konsequentes Handeln erfordern. Hierzu zählen unter anderem Harnverhalt, Harnwegsinfektionen, Priapismus, Paraphimose sowie die akute und chronische Nierenfunktionsstörung.

Obwohl diese Erkrankungen im rettungsdienstlichen Alltag vergleichsweise selten auftreten, können sie mit schwerwiegenden Komplikationen wie Sepsis, lebensbedrohlichen Elektrolytstörungen, Nierenversagen oder irreversiblen Gewebeschäden einhergehen. Gleichzeitig sind insbesondere Erkrankungen des Urogenitaltrakts häufig mit einem ausgeprägten Schamgefühl verbunden, sodass eine empathische Kommunikation und der Schutz der Intimsphäre einen hohen Stellenwert einnehmen.

Dieser Artikel vermittelt einen praxisorientierten Überblick über die wichtigsten urologischen und nephrologischen Notfälle. Im Fokus stehen die Pathophysiologie, typische Leitsymptome, präklinische Diagnostik, rettungsdienstliche Maßnahmen sowie mögliche Komplikationen, um Notfallsanitäter:innen auf diese Einsatzsituationen vorzubereiten.

Definition und Klassifikation

 Definition
Harnverhalt 

Der Harnverhalt (Ischurie) ist eine Störung der Blasenentleerung, bei der eine gefüllte Harnblase trotz möglichem oder bestehendem Harndrang nicht willkürlich entleert werden kann.

  • Akuter Harnverhalt: plötzlich auftretende, vollständige Unfähigkeit zur Blasenentleerung bei stark gefüllter Harnblase. Typisch sind ausgeprägte suprapubische Schmerzen sowie mögliche vegetative Begleitsymptome wie Unruhe, Blässe oder Schweißausbruch
  • Chronischer Harnverhalt: schleichend entstehende Störung der Blasenentleerung mit hohen Restharnmengen (meist > 300 mL). Aufgrund der langsamen Entwicklung verläuft er häufig schmerzlos. Mögliche Folgen sind eine Überlaufinkontinenz sowie bei längerem Bestehen ein postrenales Nierenversagen

Pathophysiologie

 Merke

Ein Harnverhalt entsteht durch eine Störung der Blasenentleerung infolge einer mechanischen Obstruktion oder einer gestörten Koordination zwischen Blasenmuskulatur und Sphinkterapparat. Die Folge sind Harnstau, Druckanstieg in der Harnblase und bei anhaltender Obstruktion ein Rückstau bis in die Nieren.

Sagittale CT des Abdomens und Beckens mit deutlicher Überdehnung der Harnblase
Sagittale CT des Abdomens und Beckens mit deutlicher Überdehnung der Harnblase
  • Entstehung:
    • Mechanische Obstruktion: Ein erhöhter Auslasswiderstand verhindert den Harnabfluss.
      → Ursachen sind beispielsweise Prostatahyperplasie, Harnröhrenstrikturen, Harnsteine, Koagel oder Tumoren
    • Neurologische Funktionsstörung: Eine gestörte Koordination zwischen M. detrusor und Sphinkterapparat verhindert die physiologische Miktion
      → Möglich sind eine Detrusorunteraktivität, eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie oder eine Blasenhals-Dyskoordination
    • Medikamentöse Auslöser: Anticholinergika, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine, Calciumkanalblocker und Opioide können die Kontraktion des Detrusors hemmen oder den Sphinktertonus erhöhen und dadurch die Blasenentleerung erschweren
  • Druckanstieg und Blasenüberdehnung: Durch die anhaltende Harnretention steigt der intravesikale Druck an. Die Harnblase überdehnt sich zunehmend, wodurch der M. detrusor ermüdet und langfristig eine Detrusoratonie entstehen kann
  • Begleitreaktionen:
    • Schmerzen: Akuter Harnverhalt verursacht starke suprapubische Schmerzen mit ausgeprägtem Harndrang
    • Vegetative Symptome: Unruhe, Übelkeit, Blässe und Schweißausbruch können als Folge der starken Schmerzreize auftreten
    • Überlaufinkontinenz: Beim chronischen Harnverhalt kann trotz gefüllter Harnblase unwillkürlich Urin abgehen
    • Restharnbildung: Verbleibender Urin begünstigt die bakterielle Besiedelung und erhöht das Risiko für Harnwegsinfektionen
  • Folgen:
    • Detrusoratonie durch chronische Überdehnung der Harnblase
    • Hydronephrose infolge eines Druckanstiegs mit Rückstau in Harnleiter und Nierenbecken
    • Postrenale Niereninsuffizienz bei länger bestehender Abflussbehinderung
    • Rezidivierende Harnwegsinfektionen durch persistierenden Restharn

Symptome

SymptomgruppeAkuter HarnverhaltChronischer Harnverhalt
BeginnPlötzlicher SymptombeginnSchleichender Beginn, häufig lange asymptomatisch
LeitsymptomeUnfähigkeit zur Miktion trotz ausgeprägtem HarndrangUnvollständige Blasenentleerung, schwacher Harnstrahl, Startschwierigkeiten
SchmerzenStarke suprapubische Schmerzen und Druckgefühl im UnterbauchMeist schmerzlos oder lediglich leichtes Druckgefühl suprapubisch
Klinischer BefundPrall gefüllte, druckschmerzhafte Harnblase als tastbarer UnterbauchtumorGgf. tastbare Harnblase bei ausgeprägtem Restharn
Vegetative SymptomeBlässe, Schweißausbruch und UnruheIn der Regel keine vegetativen Begleitsymptome
BlasenentleerungVollständige Unfähigkeit zur MiktionRestharngefühl, häufige Miktion kleiner Urinmengen, Überlaufinkontinenz oder nächtliche Enuresis
KomplikationenAkutes Abdomen bei ausgeprägter BlasenüberdehnungRezidivierende Harnwegsinfekte, Hydronephrose, postrenale Niereninsuffizienz und atone Blase

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von fehlender oder erschwerter Miktion, Harndrang, suprapubischen Schmerzen oder Druckgefühl, Beginn und Verlauf der Beschwerden sowie bekannten urologischen, neurologischen oder internistischen Grunderkrankungen und der Medikamenteneinnahme
    • Beschwerdecharakter: Akut typischerweise plötzliche Unfähigkeit zur Miktion trotz ausgeprägtem Harndrang; chronisch häufig abgeschwächter Harnstrahl, Startschwierigkeiten, Restharngefühl oder Überlaufinkontinenz
    • Warnzeichen erkennen: Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerzen, neurologische Ausfälle oder Zeichen einer Sepsis können auf einen komplizierten Verlauf mit Harnwegsinfektion, Urosepsis oder postrenalem Nierenversagen hinweisen
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Temperatur mit besonderem Augenmerk auf Infektions-, Schmerz- oder Schockzeichen
  • Körperliche Untersuchung: Beurteilung des Allgemeinzustands sowie des Abdomens, und ggf. des neurologischen Status
    • Inspektion: Sichtbare Vorwölbung des Unterbauchs bei ausgeprägter Blasenüberdehnung; Beurteilung auf Zeichen einer Infektion oder Sepsis
    • Palpation: tastbare, prall gefüllte und druckschmerzhafte Harnblase als Hinweis auf einen Harnverhalt, ggf. Klopfschmerz über den Nierenlagern bei Harnstau
    • Neurologische Untersuchung: Prüfung von Sensibilität im Perinealbereich und Reflexstatus bei Verdacht auf eine neurogene Blasenentleerungsstörung (z.B. Cauda-equina-Syndrom)

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Schmerzintensität 
  • Analgesie: Bedarfsweise Schmerztherapie, z.B. mit Metamizol 0,5-1 g i.v. oder Paracetamol 1000 mg i.v. 
  • Keine routinemäßige Volumentherapie
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie oder relevanter respiratorischer oder hämodynamischer Beeinträchtigung
  • Zielklinik: Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung. Bei Verdacht auf neurologische Ursache (z.B. Cauda-equina-Syndrom) oder kompliziertem Verlauf frühzeitige Voranmeldung und Transport in ein geeignetes Zentrum.
 Achtung

Die Entlastung der Harnblase ist die kausale Therapie des akuten Harnverhalts. Eine transurethrale Blasenkatheterisierung sollte präklinisch nur bei ausreichender Erfahrung und sicherer Durchführung erwogen werden.

 Tipp

Bei therapierefraktären Schmerzen können Opioide erforderlich sein. Aufgrund ihrer hemmenden Wirkung auf den Miktionsreflex sollten sie jedoch nur zurückhaltend und unter engmaschiger Reevaluation eingesetzt werden.

 Merke

Eine empathische und respektvolle Kommunikation sowie der Schutz der Intimsphäre sind essenziell, da Erkrankungen des Genitalbereichs häufig mit einem ausgeprägten Schamgefühl einhergehen.

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Hydronephrose und postrenale Niereninsuffizienz: Rückstau des Urins in Harnleiter und Nieren durch anhaltende Abflussbehinderung. Kann zu einer akuten oder chronischen Einschränkung der Nierenfunktion bis zum Nierenversagen führen
  • Postobstruktive Diurese: Nach Entlastung der Harnblase kann es zu einer ausgeprägten Harnausscheidung kommen. Gefahr von Hypovolämie, Elektrolytstörungen und Kreislaufdekompensation, insbesondere bei unzureichendem Flüssigkeitsausgleich
  • Überlaufinkontinenz (Ischuria paradoxa): tröpfchenweiser Urinabgang trotz stark gefüllter Harnblase infolge einer chronischen Überdehnung
  • Atone Harnblase: chronische Überdehnung kann zu einer irreversiblen Schädigung des M. detrusor mit dauerhaft eingeschränkter Blasenentleerung führen
  • Harnwegsinfektionen und Urosepsis: Restharn begünstigt bakterielle Besiedelung und rezidivierende Harnwegsinfektionen. Schwere Verläufe können in eine Pyelonephritis oder Urosepsis übergehen
  • Urolithiasis: chronischer Restharn und wiederkehrende Infektionen fördern die Bildung von Harnsteinen
  • Hämaturie und Hypotonie nach Blasenentlastung: vorübergehende Makro- oder Mikrohämaturie sowie Blutdruckabfall können nach rascher Blasenentleerung durch Schleimhaut- oder Gefäßverletzungen auftreten
  • Starke Schmerzen und vegetative Reaktionen: akuter Harnverhalt führt durch die ausgeprägte Blasenüberdehnung häufig zu starken suprapubischen Schmerzen, Unruhe, Blässe und Schweißausbruch
DBRD Algorithmus: Dislozierter oder funktionsgestörter transurethraler Blasenkatheter

Definition und Klassifikation

 Definition
Harnwegsinfekt

Ein Harnwegsinfekt (HWI) ist eine infektiöse Entzündung der ableitenden Harnwege. Je nach Lokalisation können der untere Harntrakt (Urethritis, Zystitis) oder der obere Harntrakt (Pyelonephritis) betroffen sein. 

Die Infektion wird meist durch uropathogene Darmbakterien, insbesondere Escherichia coli, verursacht, die über die Harnröhre aufsteigen und sich bis zum Nierenbecken und Nierenparenchym ausbreiten können.

Harnwegsinfekte werden eingeteilit in: 

  • Risikoprofil:
    • Unkomplizierter Harnwegsinfekt: Infektion der Harnwege ohne strukturelle oder funktionelle Auffälligkeiten sowie ohne relevante Grunderkrankungen der Harnwege
    • Komplizierter Harnwegsinfekt: Infektion bei Vorliegen prädisponierender Faktoren wie Harnabflussstörungen, Harnsteinen, Blasenkatheter, benigner Prostatahyperplasie oder Immunsuppression. Diese Verläufe sind mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen verbunden
  • Lokalisation:
    • Urethritis: Entzündung der Harnröhre, meist durch sexuell übertragbare Erreger wie Chlamydia trachomatis oder Neisseria gonorrhoeae verursacht
    • Zystitis (Urozystitis): Bakterielle Infektion der Harnblase mit typischen Symptomen wie Dysurie, Pollakisurie und imperativem Harndrang
    • Pyelonephritis: akute bakterielle Entzündung des Nierenbeckens und Nierenparenchyms, die sich typischerweise mit Fieber, Flankenschmerzen und einer systemischen Entzündungsreaktion manifestiert

Pathophysiologie

 Merke

Ein Harnwegsinfekt entsteht durch das aszendierende Eindringen uropathogener Bakterien über die Harnröhre. Nach dem Anhaften an das Uroepithel vermehren sich die Erreger und können sich entlang der Harnwege bis in das Nierenbecken ausbreiten.

  1. Keimeintritt: Meist gelangen uropathogene Darmbakterien über die Harnröhre in die ableitenden Harnwege. Frauen sind aufgrund der kurzen Harnröhre und der anatomischen Nähe zum Analbereich häufiger betroffen.
  2. Bakterielle Adhärenz: Uropathogene Bakterien haften mithilfe von Fimbrien an der Uroepithelschicht an und entgehen dadurch dem Ausspülen durch den Urin
  3. Aufsteigende Ausbreitung:
    1. Unterer Harntrakt: Zunächst Besiedlung der Harnröhre (Urethritis) und anschließend der Harnblase (Zystitis)
    2. Oberer Harntrakt: Bei weiterem Aufstieg Befall von Nierenbecken und Nierenparenchym (Pyelonephritis)
    3. Begünstigende Faktoren: Restharnbildung, vesikoureteraler Reflux, Harnabflussstörungen oder Blasenkatheter erleichtern die Ausbreitung der Erreger
  4. Entzündungsreaktion: Die bakterielle Besiedlung aktiviert die lokale Immunabwehr mit Leukozytenrekrutierung und Aktivierung des Komplementsystems. Freigesetzte Entzündungsmediatoren führen zu den typischen Beschwerden
  5. Klinische Folgen:
    • Unterer Harnwegsinfekt: Dysurie, Pollakisurie, imperativer Harndrang und suprapubische Schmerzen
    • Oberer Harnwegsinfekt: Fieber, Flankenschmerzen und systemische Entzündungszeichen
  6. Komplikationen: Unbehandelt kann sich die Infektion auf die oberen Harnwege ausbreiten und zu Pyelonephritis, Harnstau, Urosepsis oder einer parenchymatösen Nierenschädigung führen

Symptome

Unterer HarnwegsinfektOberer Harnwegsinfekt Altersspezifische Besonderheiten
Dysurie/Algurie: Brennen oder Schmerzen beim WasserlassenFieber: meist > 38 °C mit Schüttelfrost und ausgeprägtem KrankheitsgefühlSäuglinge/Neugeborene: unspezifische Symptome wie Fieber, Trinkschwäche, Erbrechen oder graue Hautfarbe; Dysurie meist nicht erkennbar
Pollakisurie: häufiger Harndrang mit Entleerung kleiner UrinmengenFlankenschmerzen: meist einseitig mit klopfschmerzhaftem NierenlagerKinder: Unterbauchschmerzen, neu aufgetretene Inkontinenz oder sekundäre Enuresis nocturna
Imperativer Harndrang: plötzlicher, kaum unterdrückbarer Harndrang, ggf. mit UrinverlustSymptome des unteren HWI: häufig zusätzlich Dysurie, Pollakisurie oder imperativer HarndrangÄltere Menschen: häufig atypische Symptomatik mit Verwirrtheit, Abgeschlagenheit, Inappetenz oder allgemeiner Verschlechterung des Zustands
Suprapubische Schmerzen: Druck- oder Schmerzgefühl oberhalb der SymphyseSystemische Entzündungsreaktion: Gefahr einer Urosepsis mit notfallmedizinischer Relevanz
Urinveränderungen: trüber Urin, ggf. Hämaturie oder auffälliger Geruch
Allgemeinzustand: meist nur gering beeinträchtigt

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von Dysurie, Pollakisurie, imperativem Harndrang, suprapubischen Schmerzen, Flankenschmerzen, Fieber, Schüttelfrost sowie vorausgegangenen Harnwegsinfekten, Harnsteinen, Kathetern oder urologischen Grunderkrankungen
    • Beschwerdecharakter: Dysurie und Pollakisurie sprechen für einen unteren Harnwegsinfekt; Fieber, Flankenschmerzen und reduzierter Allgemeinzustand weisen auf eine Pyelonephritis hin
    • Warnzeichen erkennen: Hypotonie, Tachykardie, Fieber, Schüttelfrost, Vigilanzminderung oder Oligurie können auf eine Urosepsis oder einen komplizierten Verlauf hinweisen
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Körpertemperatur mit besonderem Augenmerk auf Sepsis- oder Schockzeichen
  • Körperliche Untersuchung: Beurteilung des Allgemeinzustands sowie Untersuchung von Abdomen und Nierenlagern
    • Inspektion: Beurteilung des Allgemeinzustands und möglicher Zeichen einer systemischen Infektion
    • Palpation: Druckschmerz suprapubisch als Hinweis auf eine Zystitis
    • Klopfschmerz: Klopfschmerzhaftes Nierenlager als typischer Hinweis auf eine Pyelonephritis

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Temperatur mit besonderem Augenmerk auf Zeichen einer Sepsis oder hämodynamischer Verschlechterung.
  • Analgesie: Ausreichende Schmerztherapie z.B. mit Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5-1 g i.v
  • Antipyrese: Bei hohem Fieber und ausgeprägtem Krankheitsgefühl Gabe antipyretisch wirksamer Analgetika unter Berücksichtigung möglicher Kontraindikationen
  • Volumentherapie: abhängig vom klinischen Verlauf
    • Unkomplizierter Harnwegsinfekt: In der Regel keine Volumentherapie erforderlich
    • Komplizierter Harnwegsinfekt: Bei Exsikkose oder beginnender hämodynamischer Beeinträchtigung moderate Volumengabe mit balancierter Vollelektrolytlösung 250–500 ml i.v., angepasst an klinische Situation
    • Urosepsis mit Schockzeichen: Volumentherapie mit balancierter Vollelektrolytlösung 30 ml/kgKG i.v. in den ersten 3 Stunden 
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie oder relevanter respiratorischer bzw. hämodynamischer Beeinträchtigung
  • Sepsis erkennen: Bei Fieber, Schüttelfrost, Hypotonie, Tachykardie, Tachypnoe oder Vigilanzminderung frühzeitig an eine Urosepsis denken und eine leitliniengerechte Sepsisversorgung einleiten
  • Antibiotikatherapie: Präklinisch in der Regel keine routinemäßige Antibiotikagabe. Bei Verdacht auf Urosepsis oder septischen Schock kann, entsprechend regionaler SOP, eine frühzeitige Antibiotikatherapie indiziert sein
  • Zielklinik: 
    • Unkomplizierte Harnwegsinfekte: können ggf. ambulant behandelt werden. 
    • Bei Pyelonephritis, Urosepsis, Harnabflussstörung, relevanten Komorbiditäten oder reduziertem Allgemeinzustand: Transport in eine Klinik mit internistischer bzw. urologischer Versorgung

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Pyelonephritis: aufsteigende Infektion der oberen Harnwege mit Befall von Nierenbecken und Nierenparenchym. Geht häufig mit Fieber, Flankenschmerzen und systemischen Entzündungszeichen einher
  • Urosepsis: lebensbedrohliche systemische Infektion mit Organdysfunktion infolge einer Harnwegsinfektion. Unbehandelt drohen septischer Schock, Multiorganversagen und eine hohe Mortalität
  • Nierenabszess: lokalisierte Eiteransammlung im Nierenparenchym oder perinephritischen Gewebe als Folge einer fortgeschrittenen Pyelonephritis
  • Chronische Nierenschädigung: wiederkehrende oder unbehandelte Infektionen können zu Parenchymnarben, einer chronischen Einschränkung der Nierenfunktion bis zum Nierenversagen führen
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen: wiederholte Infektionen begünstigen chronische Beschwerden und erhöhen das Risiko für strukturelle Veränderungen der Harnwege

Definition und Klassifikation

 Definition
Priapismus

Ein Priapismus ist eine länger als 4 Stunden anhaltende, meist schmerzhafte Erektion ohne sexuelle Ursache. Aufgrund der Gefahr einer irreversiblen Schädigung des Schwellkörpergewebes handelt es sich um einen urologischen Notfall.

  • Low-Flow-Priapismus: gestörter venöser Blutabfluss → Ischämiestarken Schmerzen 
  • High-Flow-Priapismus: gesteigerter arterieller Bluteinstrom → meist schmerzlos und ohne Ischämie

Pathophysiologie

 Merke

Ein Priapismus entsteht durch eine Störung des Gleichgewichts zwischen arteriellem Bluteinstrom und venösem Blutabfluss aus den Schwellkörpern.

  • Normale Erektion: Während der Erektion steigt der arterielle Bluteinstrom in die Corpora cavernosa an. Gleichzeitig wird der venöse Abfluss vorübergehend vermindert. Nach Ende der sexuellen Stimulation normalisiert sich der Gefäßtonus, das Blut fließt ab und der Penis erschlafft 
  • Low-Flow-Priapismus (ischämisch):
    • Gestörter venöser Blutabfluss → Blutstau in den Corpora cavernosa → ↑ intrakavernöser Druck → ↓ arterieller Bluteinstrom → Hypoxie + Hyperkapnie + Azidose
    • Anhaltende Ischämie → Schädigung der glatten Schwellkörpermuskulatur → weitere Verschlechterung des venösen Abflusses → Teufelskreis der Ischämie
    • Persistierende Ischämie (> 4–6 Stunden) → Fibrosierung der Schwellkörper → irreversible erektile Dysfunktion
  • High-Flow-Priapismus (nicht-ischämisch):
    • Trauma → arteriokavernöser Shunt → ↑ arterieller Bluteinstrom → anhaltende Erektion bei erhaltenem venösen Abfluss → keine relevante Ischämie
    • Erhaltene Gewebeperfusion → meist schmerzlose Erektion → geringes Risiko für bleibende Schwellkörperschäden

Symptome

Allgemeine SymptomeLow-Flow-Priapismus High-Flow-Priapismus 
Erektionsdauer: Anhaltende Erektion > 4 Stunden ohne sexuelle StimulationSchmerzen: Ausgeprägte, zunehmende PenisschmerzenSchmerzen: Meist keine oder nur geringe Schmerzen
Druckgefühl: Spannungs- oder Druckgefühl im PenisSchwellkörper: Harte, pralle Erektion der Corpora cavernosaSchwellkörper: Weniger rigide Dauererektion
Verlauf: Zunehmende Schwellung und DruckschmerzDurchblutung: livide oder dunkel verfärbter Penis als Zeichen der IschämieDurchblutung: Normale Hautfarbe und erhaltene Perfusion

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von Beginn, Dauer und Schmerzintensität der Erektion sowie möglicher Auslöser wie Trauma, Medikamente (z.B. PDE-5-Hemmer, intrakavernöse Injektionstherapie), Drogenkonsum oder hämatologische Grunderkrankungen (z.B. Sichelzellkrankheit)
    • Beschwerdecharakter: Schmerzhafte, harte Dauererektion spricht für einen Low-Flow-Priapismus; schmerzlose Dauererektion nach Trauma eher für einen High-Flow-Priapismus.
    • Warnzeichen erkennen: Erektionsdauer > 4 Stunden, livide Verfärbung oder zunehmende Schmerzen weisen auf einen ischämischen Priapismus und damit auf einen urologischen Notfall hin
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Temperatur. Besonderes Augenmerk auf Kreislaufstabilität und Begleitverletzungen nach Trauma
  • Körperliche Untersuchung: Inspektion und Palpation des Penis sowie Beurteilung des Allgemeinzustands
    • Inspektion: Beurteilung von Schwellung, Hautfarbe, Traumazeichen oder Hämatomen
    • Palpation: 
      • Beim Low-Flow-Priapismus ist der Penis meist prall, hart und druckschmerzhaft
      • Beim High-Flow-Priapismus ist der Penis etwas weniger steif und nicht schmerzhaft

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Schmerzintensität sowie regelmäßige Reevaluation des klinischen Zustands
  • Kühlung: intermittierende lokale Kühlung (10–15 Minuten mit Pausen) kann unterstützend erwogen werden
  • Analgesie: Ausreichende Schmerztherapie, insbesondere beim Low-Flow-Priapismus, z.B. mit Metamizol 0,5-1 g i.v. oder Paracetamol 1.000 mg i.v.
    • Bei starken Schmerzen kann eine titrierte Opioidgabe erforderlich sein, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Lagerung: Schonende Lagerung und Vermeidung unnötiger Manipulationen am Penis. Enge Kleidung oder einschnürende Gegenstände entfernen
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie oder im Rahmen einer Sichelzellenkrankheit
  • Zielklinik: Unverzüglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung.

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Schwellkörperischämie: beim Low-Flow-Priapismus führt die anhaltende Minderdurchblutung zu zunehmenden Schmerzen und einer fortschreitenden Gewebeschädigung
  • Schwellkörperthrombose: der anhaltende Blutstau begünstigt die Bildung von Thromben innerhalb der Schwellkörper
  • Fibrosierung der Schwellkörper: bereits nach mehreren Stunden kann die Ischämie zu einer irreversiblen Vernarbung des Schwellkörpergewebes mit Elastizitätsverlust führen
  • Erektile Dysfunktion: Unbehandelt oder bei verzögerter Therapie droht eine dauerhafte Einschränkung der Erektionsfähigkeit infolge der Schwellkörperschädigung
 Definition
Paraphimose

Die Paraphimose ist eine Einklemmung der hinter die Glans penis zurückgezogenen Vorhaut. Dadurch wird zunächst der venöse Blutabfluss behindert, was zu einer zunehmenden Schwellung und unbehandelt zu einer Ischämie der Glans führen kann.

Eine einheitliche Klassifikation der Paraphimose existiert nicht. Klinisch erfolgt die Einteilung anhand der Reponierbarkeit und des Ausmaßes der ischämischen Gewebeschädigung.

  • Reponierbare Paraphimose: Ödem der Vorhaut und venöse Stauung ohne irreversible Gewebeschädigung. Eine manuelle Reposition ist noch möglich
  • Nicht reponierbare Paraphimose: Ausgeprägte Schwellung mit drohender oder bereits bestehender Ischämie der Glans. Eine operative Dekompression ist erforderlich

Pathophysiologie

 Merke

Eine Paraphimose entsteht durch die Einklemmung einer zurückgezogenen Vorhaut hinter der Glans penis. Die daraus resultierende venöse und lymphatische Abflussstörung führt zu einer zunehmenden Schwellung, die unbehandelt in eine Ischämie und Nekrose der Glans übergehen kann.

  1. Retraktion der Vorhaut: Zurückziehen einer engen Vorhaut hinter die Glans penis → Fixierung durch den engen Präputialring.
  2. Venöse und lymphatische Abflussstörung: Kompression der Venen und Lymphgefäße → ↓ venöser Rückfluss und ↓ Lymphabfluss → Ödembildung von Glans und Vorhaut
  3. Arterielle Minderperfusion: Anhaltende Kompression → ↓ arterieller Bluteinstrom → Ischämie der Glans penis
  4. Gewebeschädigung: Persistierende Ischämie → Nekrose der Glans mit drohendem Gewebeverlust und dauerhaftem Funktionsverlust

Symptomatik

SymptomgruppeTypische BefundeBesonderheiten / Hinweise
SchmerzenAusgeprägte Schmerzen an Glans penis und VorhauNehmen mit zunehmender Ischämie meist deutlich zu
SchwellungDeutliches Ödem von Vorhaut und Glans mit praller, gespannter HautDie Schwellung erschwert oder verhindert die manuelle Reposition.
Klinischer BefundZurückgezogene Vorhaut mit einschnürendem Präputialring hinter der Glans („spanischer Kragen“)Pathognomonischer Befund der Paraphimose
DurchblutungLivide bis rötlich-bläuliche Verfärbung der GlansHinweis auf eine venöse Abflussstörung, dunkle oder schwarze Verfärbung spricht für eine fortgeschrittene Ischämie
MiktionGgf. Harnverhalt bei ausgeprägter SchwellungSelten, tritt meist bei erheblichem Ödem des Meatus urethrae auf
KomplikationenUnbehandelt Ischämie bis hin zur Nekrose der Glans penisEine rasche Reposition ist entscheidend, um bleibende Gewebeschäden zu verhindern

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von Beginn und Dauer der Beschwerden, vorangegangener Retraktion der Vorhaut (z.B. nach Katheterisierung, Intimhygiene oder Geschlechtsverkehr), bekannter Phimose sowie zunehmenden Schmerzen oder Schwellungen
    • Beschwerdecharakter: akut einsetzende Schmerzen, Schwellung der Glans und Unfähigkeit, die zurückgezogene Vorhaut wieder über die Glans zu führen
    • Warnzeichen erkennen: zunehmende Schmerzen, livide oder dunkel verfärbte Glans sowie Sensibilitätsstörungen weisen auf eine fortschreitende Ischämie hin
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Temperatur. Bei unkomplizierter Paraphimose meist unauffällig
  • Körperliche Untersuchung: Inspektion und Palpation des Penis zur Beurteilung der Schwellung und Durchblutung.
    • Inspektion: Zurückgezogene Vorhaut mit einschnürendem Präputialring, ödematöse Glans sowie Beurteilung von Hautfarbe und Durchblutung.
    • Palpation: ggf. Beurteilung von Schmerzhaftigkeit, Konsistenz der Glans 

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Schmerzintensität sowie regelmäßige Reevaluation des klinischen Zustands
  • Analgesie: Bei Bedarf Schmerztherapie, z.B. mit Paracetamol 1.000 mg i.v. oder Metamizol 0,5-1 g i.v.
    • Bei starken Schmerzen kann eine titrierte Opioidgabe erforderlich sein, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Ödemreduktion: Lokale Kühlung (10–15 Minuten, intermittierend) kann unterstützend zur Abschwellung beitragen und eine spätere Reposition erleichtern
  • Manipulation vermeiden: Forcierte Repositionsversuche oder wiederholte Manipulationen vermeiden, da sie zusätzliche Gewebeschäden verursachen können
  • Harnverhalt erkennen: Bei ausgeprägter Schwellung auf eine mögliche Beeinträchtigung der Miktion achten
  • Zielklinik: Unverzüglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Ischämie und Nekrose der Glans: Die anhaltende Einschnürung führt zunächst zu einer venösen und lymphatischen Abflussstörung, später auch zu einer arteriellen Minderperfusion mit drohendem Gewebeuntergang
  • Harnverhalt: Ausgeprägte Schwellung und Schmerzen können den Harnabfluss behindern und eine Blasenentleerung erschweren
  • Infektionen: Die gestörte Gewebedurchblutung begünstigt bakterielle Superinfektionen, insbesondere Balanitis oder Balanoposthitis
  • Narbenphimose: Nach ausgeprägter Gewebeschädigung oder operativer Therapie kann es zu einer narbigen Verengung der Vorhaut mit erneuten Beschwerden kommen
  • Gewebeverlust und Penisdeformation: Fortgeschrittene Ischämien können zu einer partiellen Nekrose der Glans mit bleibenden funktionellen und kosmetischen Defekten führen
 Definition
Penisfraktur 

Eine Penisfraktur (Penisruptur) ist ein urologischer Notfall, bei dem es infolge eines Biegetraumas des erigierten Penis zu einem Riss der Tunica albuginea (feste Bindegewebsschicht der Schwellkörper) kommt.

Die Penisfraktur wird anhand des Ausmaßes der Ruptur der Tunica albuginea eingeteilt:

  • Partielle Penisfraktur: unvollständiger Einriss der Tunica albuginea, meist auf einen begrenzten Abschnitt des Schwellkörpers beschränkt
  • Komplette Penisfraktur: vollständige Ruptur der Tunica albuginea, häufig mit ausgeprägter Hämatombildung und Penisdeviation

Pathophysiologie

 Merke

Eine Penisfraktur entsteht durch ein Biegetrauma des erigierten Penis. Dabei reißt die stark gespannte Tunica albuginea, wodurch Blut aus den Schwellkörpern austritt und ein rasch zunehmendes Hämatom entsteht.

  1. Biegetrauma: traumatische Überdehnung des erigierten Penis → Überschreiten der Elastizitätsgrenze der Tunica albuginea.
  2. Ruptur der Schwellkörper: Einriss der Tunica albuginea → Austritt von arteriellem Blut aus den Corpora cavernosaHämatombildung.
  3. Hämatomentwicklung: Blutansammlung im umgebenden Gewebe → rasch zunehmende Schwellung, Verfärbung und Penisdeformation
  4. Detumeszenz: Druckabfall in den Corpora cavernosa → sofortige Erschlaffung (Detumeszenz) des Penis
  5. Begleitverletzungen: Ausdehnung der Ruptur → Beteiligung des Corpus spongiosum oder der Harnröhre → Urethrablutung, Makrohämaturie oder Harnverhalt
  6. Gewebeschädigung: Unbehandelte Ruptur → Fibrosierung, Penisdeviation und erektile Dysfunktion

Symptome

SymptomgruppeTypische BefundeBesonderheiten / Hinweise
SchmerzereignisPlötzlich einschießender Schmerz während des Geschlechtsverkehrs oder eines Biegetraumas des erigierten PenisTypischerweise unmittelbar nach dem Trauma auftretend
VerletzungsmechanismusHör- oder fühlbares „Knacken“ bzw. „Schnappen“Hochgradig verdächtig auf eine Ruptur der Tunica albuginea
ErektionSofortige Detumeszenz des PenisKlassischer Leitsymptomkomplex der Penisfraktur
SchwellungRasch zunehmendes Penishämatom mit ausgeprägter Schwellung und violett-bläulicher VerfärbungHäufig als „Auberginen- oder Eggplant-Deformität“ bezeichnet
PenisformDeviation des Penis zur Gegenseite („Bananen-Deformität“)Hinweis auf die Lokalisation der Ruptur
BegleitverletzungenSkrotalhämatom oder Blutung aus der HarnröhreBlutung aus der Urethra oder Harnverhalt sprechen für eine Harnröhrenverletzung und erfordern eine weiterführende urologische Abklärung

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von Unfallmechanismus, Zeitpunkt des Traumas sowie dem Auftreten eines hör- oder fühlbaren „Knackens“, plötzlicher Schmerzen und einer sofortigen Detumeszenz
    • Beschwerdecharakter: typischerweise plötzlich einschießende Schmerzen, rasch zunehmende Schwellung und Hämatombildung nach einem Biegetrauma des erigierten Penis
    • Warnzeichen erkennen: Blutung aus der Harnröhre, Makrohämaturie oder Harnverhalt sprechen für eine Begleitverletzung der Harnröhre
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Temperatur. Bei isolierter Penisfraktur meist unauffällig.
  • Körperliche Untersuchung: Inspektion und Palpation des Penis sowie Beurteilung des Ausmaßes der Verletzung
    • Inspektion: Beurteilung von Hämatom, Schwellung, Penisdeviation und Blutung aus dem Meatus urethrae
    • Palpation: Druckschmerz, tastbare Rupturstelle sowie Beurteilung der Schwellung und Hämatomausdehnung

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Schmerzintensität sowie regelmäßige Reevaluation des klinischen Zustands
  • Analgesie: Bei Bedarf Schmerztherapie, z.B. mit Paracetamol 1.000 mg i.v. oder Metamizol 0,5-1 g i.v.
    • Bei starken Schmerzen kann eine titrierte Opioidgabe erforderlich sein, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Schonende Lagerung: Manipulationen am Penis vermeiden. Ggf. sterile, lockere Abdeckung der Verletzung 
  • Kühlung: Eine intermittierende lokale Kühlung (10–15 Minuten mit Pausen) kann zur Schmerzlinderung und Abschwellung erwogen werden
  • Begleitverletzungen erkennen: Auf Zeichen einer Harnröhrenverletzung (Blutung aus dem Meatus urethrae, Makrohämaturie oder Harnverhalt) achten
  • Zielklinik: Unverzüglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung, da die operative Versorgung innerhalb der ersten 24 Stunden, idealerweise innerhalb von 8 Stunden, die besten funktionellen Ergebnisse erzielt

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Penisdeviation: narbige Heilung der Tunica albuginea kann zu einer dauerhaften Verkrümmung des Penis mit funktionellen und kosmetischen Beeinträchtigungen führen
  • Erektile Dysfunktion: Schädigung der Corpora cavernosa oder ausgeprägte Fibrosierung können zu einer dauerhaft eingeschränkten Erektionsfähigkeit führen
  • Harnröhrenverletzung: begleitende Rupturen des Corpus spongiosum oder der Harnröhre können Harnröhrenstrikturen, Dysurie oder einen abgeschwächten Harnstrahl verursachen
  • Schwellkörperfibrose: unbehandelte oder verzögert versorgte Rupturen können zu einer narbigen Umwandlung des Schwellkörpergewebes mit bleibenden Funktionsstörungen führen
  • Wundkomplikationen: nach operativer Versorgung können Nachblutungen, Wundinfektionen oder persistierende Schwellungen auftreten

Definition und Klassifikation

 Definition
Nierenfunktionsstörung

Unter einer Nierenfunktionsstörung werden sowohl die akute Nierenschädigung (AKI) als auch die chronische Nierenerkrankung (CKD) zusammengefasst. Beide gehen mit einer eingeschränkten Fähigkeit der Nieren einher, harnpflichtige Substanzen auszuscheiden sowie den Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt zu regulieren.

  • Die akute Nierenschädigung entwickelt sich innerhalb von Stunden bis Tagen und ist bei rechtzeitiger Behandlung häufig reversibel
  • Die chronische Nierenerkrankung schreitet über Monate bis Jahre fort und führt meist zu einem irreversiblen Verlust der Nierenfunktion

Risikofaktoren (akut und chronisch)

  • Diabetes mellitus
  • Arterielle Hypertonie
  • Kardiovaskuläre Vorerkrankungen
  • Alter
  • Nephrotoxische Medikamente

Symptome

Gemeinsame FrühsymptomeAkute NierenschädigungChronische Nierenerkrankung
Urinveränderungen: verminderte Urinmenge, Proteinurie oder HämaturieDiurese: Oligurie (< 500 mL/24 h) oder Anurie (< 100 mL/24 h)Überwässerung: periphere Ödeme, Pleuraergüsse oder Lungenödem
Ödeme: Häufig zunächst an den Augenlidern oder UnterschenkelnFlüssigkeitsretention: Gewichtszunahme, periphere Ödeme oder Dyspnoe durch LungenödemUrämie: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, urämischer Foetor, Juckreiz oder neurologische Symptome
Hypertonie: Frühes Zeichen einer gestörten FlüssigkeitsregulationUrämie: Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit sowie Verwirrtheit bis KrampfanfälleElektrolytstörungen: Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hypokalzämie und metabolische Azidose
Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und LeistungsminderungKreislauf: Hypertonie bei Flüssigkeitsretention oder Hypotonie bei VolumenmangelRenale Anämie: Blässe, Leistungsminderung und Tachykardie
Elektrolytstörungen: Hyperkaliämie und metabolische AzidoseRenale Osteopathie: Knochen- und Gelenkschmerzen sowie erhöhte Frakturgefahr
Verlauf: initial häufig asymptomatisch, anschließend oligurische/anurische und später polyurische ErholungsphaseVerlauf: Langsam progredient über Monate bis Jahre mit zunehmender Einschränkung der Nierenfunktion

Diagnostik

  • Anamnese: Erfragen von verminderter Urinausscheidung, Veränderungen der Urinfarbe oder -menge, Müdigkeit, Übelkeit, Juckreiz sowie möglicher Auslöser
    • Risikofaktoren: bekannte chronische Nierenerkrankung, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Infektionen oder Autoimmunerkrankungen
    • Medikamente: Einnahme potenziell nephrotoxischer Substanzen (z.B. NSAR, ACE-Hemmer, Antibiotika oder Kontrastmittel)
    • Flüssigkeitshaushalt: Hinweise auf Dehydratation (Erbrechen, Durchfall, verminderte Trinkmenge) oder Überwässerung erfragen
  • Beschwerdecharakter: Differenzierung zwischen akutem und chronischem Verlauf
    • AKI: plötzlich verminderte Urinausscheidung, rasche Gewichtszunahme, Dyspnoe oder Vigilanzminderung
    • CKD: langsam progrediente Leistungsminderung, Juckreiz, Appetitlosigkeit oder Zeichen einer renalen Anämie
  • Warnzeichen erkennen: Hyperkaliämie (Muskelschwäche, Herzrhythmusstörungen), Lungenödem (Dyspnoe, Tachypnoe), urämische Enzephalopathie (Verwirrtheit, Krampfanfälle) sowie Makrohämaturie oder Harnverhalt als Hinweis auf eine postrenale Ursache
  • Vitalparameter: Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Körpertemperatur
    • Besonderheiten: Hypertonie bei Flüssigkeitsretention, Hypotonie bei Volumenmangel sowie Tachypnoe als Hinweis auf ein Lungenödem oder eine metabolische Azidose
  • Körperliche Untersuchung: Beurteilung des Volumenstatus sowie Suche nach Zeichen einer Nierenfunktionsstörung
    • Inspektion: periphere oder periorbitale Ödeme, Hautblässe, urämischer Foetor oder Kratzspuren bei urämischem Pruritus
    • Palpation/Auskultation: Klopfschmerz der Nierenlager, Halsvenenstauung oder pulmonale Rasselgeräusche als Hinweis auf Flüssigkeitsüberladung
  • Weiterführende Diagnostik (klinisch): Labordiagnostik mit Bestimmung von Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyten und Säure-Basen-Status sowie Urinuntersuchung. Sonografie der Nieren und ableitenden Harnwege bei Verdacht auf eine postrenale Ursache

Maßnahmen im Einsatz

  • Kontinuierliches Monitoring: Engmaschige Überwachung von Bewusstseinslage, Vitalparametern und Urinausscheidung sowie regelmäßige Reevaluation des klinischen Zustands
    • Besonderheiten: Auf Zeichen einer Hyperkaliämie (Herzrhythmusstörungen), eines Lungenödems (Dyspnoe, Tachypnoe) sowie einer urämischen Enzephalopathie (Verwirrtheit, Somnolenz) achten
  • Nephrotoxische Medikamente vermeiden: NSAR sollten bei Verdacht auf eine Nierenfunktionsstörung nicht verabreicht werden, da sie die Nierenperfusion zusätzlich verschlechtern können
  • Flüssigkeitstherapie: Orientierung am Volumenstatus
    • Hypovolämie: vorsichtige Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen unter klinischer Reevaluation
    • Hypervolämie: Keine routinemäßige Volumengabe. Bei Zeichen eines Lungenödems symptomorientierte Therapie 
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie oder respiratorischer Beeinträchtigung
  • Zielklinik: Transport in eine Klinik mit nephrologischer Versorgung. Bei Hyperkaliämie, Lungenödem, urämischer Enzephalopathie, schwerer Azidose oder Sepsisverdacht sollte eine Klinik mit Dialysemöglichkeit gewählt werden
 Merke

Bei einer akuten Nierenschädigung stehen die Beseitigung der auslösenden Ursache, die Optimierung des Volumenstatus sowie das frühzeitige Erkennen lebensbedrohlicher Komplikationen wie Hyperkaliämie, Lungenödem oder urämischer Enzephalopathie im Vordergrund.

Mögliche Komplikationen und Folgeschäden

  • Lungenödem: Ausgeprägte Flüssigkeitsretention kann zu einer akuten respiratorischen Insuffizienz mit schwerer Dyspnoe führen
  • Hyperkaliämie: Erhöhte Kaliumspiegel können lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bis zum Herz-Kreislauf-Stillstand verursachen
  • Metabolische Azidose: Die verminderte Säureausscheidung führt zu einer metabolischen Azidose mit respiratorischer Kompensation und hämodynamischer Beeinträchtigung
  • Urämische Enzephalopathie: Die Anreicherung harnpflichtiger Substanzen kann zu Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen und Koma führen
  • Chronische Niereninsuffizienz: Eine akute Nierenschädigung kann in eine chronische Nierenerkrankung übergehen und langfristig eine Dialysepflicht erforderlich machen
  • Kardiovaskuläre Komplikationen: Chronische Nierenfunktionsstörungen erhöhen das Risiko für Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Myokardinfarkt und Schlaganfall
Zuletzt aktualisiert am 06.07.2026
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