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Demenz (RD)

Dementielle Symptome, Demenzsyndrom, Alzheimer, Alzheimer Demenz
11 Minuten Lesezeit

Der Begriff Demenz bezeichnet ein klinisches Syndrom, das durch einen fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Betroffen sind vor allem Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, Orientierung, Urteilsvermögen und Problemlösefähigkeit. Die Veränderungen gehen über die normale Altersvergesslichkeit hinaus und beeinträchtigen das tägliche Leben sowie die Selbstständigkeit. Die häufigste Ursache ist die Alzheimer-Krankheit, daneben gibt es weitere Formen wie gefäßbedingte oder frontotemporale Demenzen.

 Definition
Der Begriff Demenz bezeichnet ein klinisches Syndrom, das durch einen fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Betroffen sind vor allem Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, Orientierung, Urteilsvermögen und Problemlösefähigkeit
 Info

Diese Einbußen gehen über die altersbedingten Veränderungen hinaus und beeinträchtigen das Alltagsleben sowie die soziale und berufliche Funktionsfähigkeit der Betroffenen.

 Achtung

Demenz ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch unterschiedliche Ursachen entstehen können. 

Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit, gefolgt von vaskulären Demenzen, frontotemporalen und Lewy-Body-Disease. Charakteristisch ist ein chronisch-progredienter Verlauf, bei dem die Symptome über Monate bis Jahre zunehmen. Neben den kognitiven Defiziten können auch Verhaltensänderungen, emotionale Symptome und Einschränkungen in der Selbstständigkeit auftreten. Die Diagnose setzt voraus, dass die Störungen über mindestens sechs Monate bestehen, klinisch relevant sind und nicht durch akute Delirien, psychiatrische Erkrankungen oder andere reversible Ursachen erklärt werden können.

Demenz ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen, die zu einem fortschreitenden Abbau geistiger Fähigkeiten führen.

  • Häufigste Ursachen: Alzheimer-Krankheit (ca. 60–70 %), vaskuläre Demenz (Durchblutungsstörungen im Gehirn), Lewy-Körper-Demenz, frontotemporale Demenz
  • Seltenere Ursachen: Stoffwechselstörungen (z.B. Schilddrüse, Vitaminmangel), chronischer Alkoholmissbrauch, Hirnverletzungen
 Tipp

Nicht jede akute Verwirrtheit ist eine Demenz! Plötzliche Symptome sprechen eher für ein Delir, Schlaganfall oder eine Hypoglykämie. Hier ist sofortiges Handeln gefragt!

Man unterscheidet die primären Demenzformen von den sekundären Demenzformen.

Primäre Demenzformen

Neurodegenerative Formen:

  • Morbus Alzheimer
  • Frontotemporale Demenz
  • Demenz bei Morbus Parkinson
  • Lewy-Body-Demenz
  • Chorea Huntington
  • Creutzfeld-Jakob-Disease

Andere Formen:

  • Vaskuläre Demenz

Sekundäre Demenzformen

  • Hypoxische Hirnschäden
  • Kopftraumata
  • Schlaganfall (ischämisch oder hämorrhagisch)
  • Hirntumore
  • Metabolisch toxische Prozesse z.B. jahrelanger Alkoholabusus, Medikamente, Hypovitaminosen
  • Lebererkrankungen z.B. Morbus Wilson, hepatische Enzephalopathie
  • Delir
  • Psychiatrische Erkrankungen mit „Pseudodementiellen Symptomen“ z.B. Depression
 Info
Demenz vs. Pseudodemenz

Zunächst muss geklärt werden, ob es sich um eine „echte“ Demenz handelt. Eine Pseudodemenz kann z.B. durch Depressionen mit amnestischen Störungen einhergehen. 

Hinweise für eine echte Demenzerkrankung:

Hinweise für eine Pseudodemenz:

 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
  • Gedächtnisformen: Den verschiedenen Gedächtnistypen liegen unterschiedliche Formen der Gedächtnisspeicherung zugrunde. Ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen besteht in der Dauer der Informationsspeicherung
    • Ultrakurzzeitgedächtnis
      • Auch sensorisches Gedächtnis genannt, weil Eindrücke aus den Sinnesorganen verarbeitet werden
      • Keine Speichermöglichkeit, dauert nur wenige Sekunden
    • Kurzzeitgedächtnis
      • Selektion der Inhalte des Ultrakurzzeitgedächtnisses zur bewussten Wahrnehmung derer
      • Begrenzte Speicherkapazität, dauert nur etwa 20 Sekunden, wenn nur einmalig erkannt
    • Arbeitsgedächtnis
      • Verknüpfung und Verarbeitung der Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis
      • Speicherung nur solange sich der Mensch mit dem Geschehen befasst (Sekunden bis Minuten)
    • Langzeitgedächtnis
      • Konsolidierung (Bewahrung) der Inhalte aus dem Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis durch Wiederholung
      • Keine zeitliche Maximaldauer der gespeicherten Inhalte, allerdings können nicht unendlich viele Informationen gespeichert werden
  • Papez-Neuronen-Kreis wird als Ort der Speicherung von Gedächtnisinhalten angesehen
    • Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis werden in das Langzeitgedächtnis gebracht
  • Deklaratives Gedächtnis
    = Explizites Wissen
    • Episodisches Gedächtnis: eigene Biografie, eigene Erlebnisse
    • Semantisches Gedächtnis: Allgemeinwissen, Fakten
  • Prozedurales Gedächtnis
    = Implizites Wissen
    • Automatische Bewegungsabläufe, Fertigkeiten, etc. 
  • Alzheimer-Demenz: Eiweißablagerungen (Beta-Amyloid, Tau-Proteine) führen zu Nervenzellschäden (insbesondere der cholinergen Neuronen). Durch den Synapsenverlust kommt es zu einer Hirnatrophie, insbesondere im parieto-temporalen und frontalen Kortex
  • Frontotemporale Demenz: Abbau im Frontal- und Parietalcortex, häufig mit auffälligen Persönlichkeitsveränderungen
  • Lewy-Körper-Demenz: Eiweißablagerungen (histologisch: Lewy-Körperchen) in Nervenzellen stören Signalübertragung
  • Vaskuläre Demenz: Durchblutungsstörungen schädigen Gehirnareale, oft nach Schlaganfällen
    • Nach Mikroangiopathien
    • Nach strategischem Einzelinfarkt
    • Nach Multiinfarkten bei Makroangiopathien
    • Nach intra- oder extravertebraler Blutung
 Info

Für den Rettungsdienst ist die Pathophysiologie weniger entscheidend, wichtiger ist, das klinische Bild zu erkennen und akute Ursachen auszuschließen.

Wir beschränken uns im klinischen Eindruck auf die häufigsten Demenzformen:

Morbus Alzheimer:

  • Der Verlauf ist häufig schleichend und wellenartig zu Beginn
  • Frühsymptome:
    • Kurzzeitgedächtnisstörungen
    • Desorientiert in Zeit und Ort
    • Auffassungsstörungen, teilweise auch Konzentrationsstörungen
    • Schlafstörungen
    • Depressive Symptome
    • Antriebsminderung
  • Spätsymptome:
    • Langzeitgedächtnisstörungen
    • Desorientiert zur Person sowie zur Situation
    • Neurologische Auffälligkeiten: Apraxie, Akalkulie, Agnosie, Alexie
    • Neuropsychiatrische Symptome: Hyperaktive Symptome, Apathie, Mutismus, Wahn und Halluzinationen
    • Neurovegetative Symptome: Harn- und Stuhlinkontinenz, zunehmende Schlafstörungen

Frontotemporale Demenz:

  • Frontallappen-Typ (Morbus Prick): frühe Manifestation (40-50 Lebensjahr), familiäre Häufung, sexuelle Enthemmung, Appetitssteigerung, Kritikminderung und Antriebsstörung
  • Semantische Demenz (Temporallappen-Atrophie): Beeinträchtigung der Sprache, viele Floskeln werden verwendet, Benennungsstörung
  • Primär progressive, nicht flüssige Aphasie PPA (Temporallappen Atrophie links; Sylvische Fissur; Mesulam-Syndrom): Hoher Leidensdruck, ausgeprägte Sprachstörung mit angestrengtem, stockenden Redefluss. Telegrammstil. Lange Pausen zwischen einzelnen Wörtern

Lewy-Body-Disease:

  • Extrapyramidalmotorische Symptome z.B. Bradykinese, Rigor
  • Frühe kognitive, demenzielle Defizite
  • Frühe visuelle und akustische Halluzinationen
  • Häufig wahnhafte Episoden
  • Immunschwäche und Infektrisiko

Vaskuläre Demenz:

  • Variabler Verlauf mit stufenweise Progress
  • Die Symptome richten sich je nach der Lokalisation des Infarktes, sind somit nicht pauschalisierbar
 Tipp
  • Patientinnen können verwirrt, unruhig oder aggressiv wirken. Bleibt ruhig, sprecht langsam und einfach
  • Achtet auf Eigen- und Fremdgefährdung (z.B. Herd angelassen, Weglauftendenz, Sturzgefahr)
  • Angehörige sind oft wichtige Informationsquellen, fragt sie nach dem Baseline-Zustand („Wie ist er / sie sonst?“)

Im Rettungsdienst steht die orientierende Einschätzung im Vordergrund:

  • Anamnese (wenn möglich mit Angehörigen)
  • Klinischer Eindruck (Sprache, Orientierung, Verhalten, Schlaganfall-Zeichen, Delir-Zeichen)
  • Vitalzeichenkontrolle (Hypoglykämie, Hypoxie, Fieber, Kreislaufstörungen können Verwirrtheit auslösen oder verstärken)
 Info

Immer an die Unterscheidung einer Akutsituation vs. chronische Demenz denken. Patient:innen mit bekannter Demenz können zusätzlich ein Delir, eine Infektion oder einen Schlaganfall haben.

 Achtung

Da die Anamnese bei demenziell erkrankten Patient:innen erschwert sein kann, ist es besonders wichtig, organische Ursachen für eine Zustandsverschlechterung weitestgehend auszuschließen. Dabei ist eine genaue Erhebung der Vitalwerte, inkl. Blutzuckermessung und Messung der Körpertemperatur unerlässlich.

Demenz ist nicht heilbar, die Behandlung ist symptomorientiert.

  • Medikamente können den Verlauf verzögern
  • Wichtig sind Betreuung, Struktur, Sicherheit und Angehörigenunterstützung
 Merke
  • Klare, einfache Kommunikation („Ich helfe Ihnen, wir fahren jetzt ins Krankenhaus.“)
  • Stress und Hektik vermeiden, ruhige Atmosphäre schaffen
  • Patientinnen nie alleine lassen, Weglauftendenz

Tipps zur Gesprächsführung:

  • Geduld wahren
  • Patient:innen nicht zwingend in die Realität zurückholen. Wenn z.B. in einer Situation davon ausgegangen wird, dass man sich im Jahr 1960 befindet, muss das nicht verbessert und erklärt werden
  • Ängste nehmen
  • Möglichst Angehörige in das Gespräch einbeziehen, ggf. auch auf dem Transport mitnehmen, wenn möglich
  • Reizüberflutung vermeiden
  • Patient:innen nicht allein lassen: Weglauftendenz!
  • Eigenschutz beachten bei Aggression
 Info

Demenzen können mit anderen Krankheitszuständen einhergehen. So kann es z.B. sein, dass das vordergründige Problem nicht die Demenz selbst, sondern ein Sturzgeschehen, eine Exsikkose oder eine Infektion ist. Diese Probleme müssen, wie bei anderen Patient:innen auch, entsprechend behandelt werden. Eine angepasste Gesprächsführung erleichtert dabei die Behandlung

Akute Verwirrtheitszustände / Delir:

  • Häufig ausgelöst durch Infekte, Elektrolytstörungen, Dehydration, Hypoglykämie, Medikamente
  • Patient:innen wirken plötzlich deutlich verwirrter als üblich
 Achtung

Immer an akute Ursache denken, nicht nur „Demenz“ als Erklärung akzeptieren.

Weglauftendenz und Eigengefährdung:

  • Viele Demenzkranke verlassen unbemerkt ihre Wohnung und laufen orientierungslos umher
  • Gefahr: Unterkühlung, Verletzungen, Verkehrsunfälle
 Merke

Polizei kann hinzugezogen werden. Patient:in nie allein lassen.

Stürze und Verletzungen:

  • Sehr häufig, da Gleichgewicht, Orientierung und Urteilsvermögen eingeschränkt sind
  • Typisch: Hüftfrakturen, Schädel-Hirn-Trauma, Frakturen an Armen / Beinen
 Tipp

Auch bei unscheinbarem Sturz gründlich untersuchen. Angehörige fragen, ob ein Sturz gesehen wurde.

Fremd- oder Eigenaggression:

  • Demenz kann mit Unruhe, Aggression oder paranoiden Ideen einhergehen
  • Gefahr für Rettungsteam und Patient:in selbst
 Tipp

Deeskalierend kommunizieren, einfache Sätze, ruhiger Ton. Bei Gefährdung Polizei hinzuziehen.

Fehlende Medikamenteneinnahme oder Überdosierung:

  • Vergessene Einnahme → Dekompensation von Grunderkrankungen (z.B. Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus)
  • Doppelte Einnahme → Überdosierungen möglich
 Merke

Immer Medikamentenplan oder Blister mit ins Krankenhaus nehmen.

Infektionen und Dehydration:

  • Demenzkranke trinken oft zu wenig: Exsikkose, Elektrolytstörungen
  • Infekte (z.B. Harnwegsinfekte, Pneumonie): häufigste Ursachen für Delir
 Merke

Auf Vitalzeichen achten, Temperatur messen, Angehörige nach Trinkverhalten fragen.

Kommunikationsprobleme:

  • Patient:innen können Symptome oft nicht adäquat schildern
  • Gefahr: Symptome (z.B. Brustschmerz, Atemnot) werden übersehen
 Tipp

Körpersprache beachten, Angehörige als Übersetzer:innen nutzen, einfache Ja / Nein-Fragen stellen.

Akute internistische oder neurologische Notfälle:

  • Schlaganfall, Herzinfarkt, Hypoglykämie können maskiert oder fehlinterpretiert werden („Das ist halt die Demenz“)
 Merke

Bei akuter Verschlechterung immer an andere Notfälle denken und abklären!

 Achtung

Demenz erklärt den Grundzustand, nicht die akute Verschlechterung.

Definition:

  • Chronisch-progredientes Syndrom mit Abbau kognitiver Funktionen (Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Urteilsvermögen)
  • Führt zu Einschränkungen im Alltag und Verlust der Selbstständigkeit
 Achtung

Wichtig: Demenz ≠ akute Verwirrtheit / Delir!

Ursachen:

  • Alzheimer-Krankheit (ca. 60–70 %)
  • Frontotemporale Demenz (Verhaltensauffälligkeiten, Sprachstörungen)
  • Lewy-Körper-Demenz (Fluktuierende Symptome, Halluzinationen, Parkinson-Symptome)
  • Vaskuläre Demenz (Durchblutungsstörungen, Schlaganfälle)
  • Seltener: Alkohol, Vitaminmangel (B12), endokrin / metabolisch usw.
 Merke

Akute Verschlechterung bei bekannter Demenz immer an zusätzliche Auslöser denken (Infekt, Hypoglykämie, Schlaganfall, Elektrolytstörung).

Klinischer Eindruck:

  • Kognitiv: Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, Sprachprobleme
  • Verhalten: Unruhe, Aggression, Halluzinationen, Apathie
  • Funktion: Alltagskompetenz eingeschränkt (Essen, Hygiene, Medikamente)
 Tipp

Angehörige fragen: „Wie ist der übliche Zustand?“, hilft bei Abgrenzung Demenz vs. Delir.

Diagnostik im Rettungsdienst:

  • Vitalzeichenkontrolle (Blutzucker, O₂, Temperatur, Blutdruck, Puls)
  • Bewusstsein & Orientierung prüfen
  • Anamnese: Angehörige / Mitbewohner: Verlauf, Medikamente, Vorerkrankungen
  • Klinischen Eindruck dokumentieren, am besten mithilfe des psychopathologischen Befundes und des Neurostatus

Therapie – Grundprinzipien:

  • Keine Heilung möglich, nur Verlauf verzögerbar
  • Medikamente in der Klinik (z.B. Donepezil, Rivastigmin, Memantin)
 Info

Wichtig: Struktur, Sicherheit, Angehörigenarbeit.

 Tipp
  1. Ruhige, klare Kommunikation („Ich helfe Ihnen.“)
  2. Reizüberflutung vermeiden
  3. Patient:innen nicht allein lassen: Weglauftendenz!
  4. Eigenschutz beachten bei Aggression
  5. Medikamentenplan mitnehmen für die ärztlichen Kollegen im Krankenhaus

Besondere Situationen im Rettungsdienst:

  • Delir vs. Demenz: Akuter Beginn = Notfall!
  • Stürze: Häufig, Frakturen suchen
  • Aggression: Deeskalation, ggf. mit der Polizei
  • Weglaufen: Gefährdung, die Polizei einbeziehen
  • Polypharmazie: Viele Nebenwirkungen, Interaktionen möglich
 Tipp

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Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026
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