Zusammenfassung
Die diabetische Retinopathie
Ursächlich ist eine chronisch erhöhte Blutzuckerkonzentration, die über Jahre zu einer Schädigung der retinalen Kapillaren
Klinisch unterscheidet man eine nicht-proliferative von einer proliferativen Form. Zusätzlich kann sich ein diabetisches Makulaödem entwickeln, das insbesondere die Sehschärfe
Die Diagnostik beginnt in der Regel mit einer gründlichen Anamnese, gefolgt von apparativen Untersuchungen wie der Bestimmung der Sehschärfe
Therapeutisch stehen verschiedene Optionen zur Verfügung. Dazu zählen konservative Maßnahmen, medikamentös Behandlungen wie intravitreale Injektionen
Grundsätzlich gilt: Je besser der Diabetes mellitus
Epidemiologie
Die diabetische Retinopathie
Rund 90 % aller Diabetiker:innen entwickeln innerhalb von 15 bis 20 Jahren nach Krankheitsbeginn eine Form der diabetischen Retinopathie.
In den kommenden Jahren werden folgende Zunahmen erwartet:
- Im Jahr 2010 litten weltweit etwa 126,6 Millionen Menschen an einer diabetischen Retinopathie
- Bis 2030 wird ein Anstieg auf 191 Millionen erwartet
- Die Zahl der Menschen mit sehbeeinträchtigen Form der diabetischen Retinopathie (VTDR, Vision-Threatening Diabetic Retinopathy) lag 2010 bei 37,2 Millionen - bis 2030 wird ein Anstieg auf 56,3 Millionen diagnostiziert
Ursache
MerkeDie Hauptursache der diabetischen Retinopathie ist die langjährig bestehende sowie schlecht eingestellte Hyperglykämie im Rahmen eines Diabetes mellitus
. Je länger der Diabetes
besteht, desto höher ist das Risiko für mikroangiopathische Veränderungen an der Netzhaut.
Der wichtigste Risikofaktor ist somit die Dauer der Erkrankung in Kombination mit einer unzureichenden Blutzuckereinstellung (chronischen Hyperglykämie).
Weitere Risikofaktoren
- Arterielle Hypertonie
: Verstärkung der Gefäßschädigung durch erhöhten Druck auf Kapillaren - Dyslipidämie (erhöhte Blutfette
): fördert die Bildung harter Exsudate in der Netzhaut - Rauchen: begünstigt oxidativen Gefäßschaden
- Schwangerschaft bei Diabetikerinnen: kann zu Progredienz der Retinopathie führen
- Ungenügende augenärztliche Kontrolle bei bekannter Diabete mellitus Diagnose
Einteilung
MerkeDie diabetische Retinopathie
wird in drei klinisch relevante Formen unterteilt:
- Nicht-proliferative diabetische Retinopathie
(NPDR)
- Frühform ohne Gefäßneubildungen
- Proliferative diabetische Retinopathie
(PDR)
- Spätform mit Gefäßneubildungen (Neovaskularisation)
- Diabetische Makulopathie / diabetisches Makulaödem
- Flüssigansammlung (Ödem
) aufgrund von undichten Blutgefäßen
Nicht-proliferative diabetische Retinopathie (NPDRP)
- Definition:
- Frühstadium der Retinopathie mit Veränderungen der kleinen Netzhautgefäße ohne Gefäßneubildungen
- Symptome:
- In der Regel asymptomatisch, besonders im Frühverlauf
- Gelegentlich verschwommenes Sehen
- Befund der Funduskopie:
- Mikroaneurysmen:
- Winzig Gefäßaussackungen
- Erste Zeichen für Gefäßwandschäden bzw. Gefäßveränderung
- Punktförmige Blutungen:
- Kleine Einblutungen in der Netzhaut
- Cotton-wool-Herde:
- Weißliche “Watteflecken”, entstehen durch Sauerstoffmangel in der Netzhaut
- Venenveränderungen:
- Verdickte, perlschnurartige Venenabschnitte durch gestörten Blutfluss
- Harte Exsudate
: - Gelbliche Ablagerungen von Lipiden
- Mikroaneurysmen:

“A sample retinal image with cotton wool spots and hemorrhages.png” von Renátó BesencziJános TóthAndrás Hajdu, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons. Die Abbildung ist ein Derivat der oben genannten Abbildung. Es wurde zugeschnitten, beschriftet.
Proliferative diabetische Retinopathie
- Definition:
- Fortgeschrittenes Stadium mit Gefäßneubildung (Neovaskularisation) infolge chronischer Netzhautischämie
- Häufigkeit:
- Tritt besonders häufig bei Typ-1-Diabetiker auf (meist nach längerer Erkrankungsdauer)
- Symptome:
- Plötzlicher Sehverlust (z.B. durch Glaskörpereinblutung)
- Verschwommenes Sehen
- Dunkle Schatten oder “Rußregen” im Gesichtsfeld
- In schweren Fällen: Erblindung möglich
- Befund der Funduskopie:
- Neovaskularisation:
- Bildung von neuen, instabilen Blutgefäßen, aufgrund von Durchblutungsstörungen (Ischämien) und als Reaktion auf Sauerstoffmangel
- Rubeosis irisids:
- Gefäßneubildung auf der Regenbogenhaut (Iris)
- Risiko für sekundäres Glaukom (z.B. akutes Winkelblockglaukom
)
- Blutungen:
- Glaskörperblutungen
- Präretinale Blutungen (vor der Netzhaut)
- Netzhautabhebung:
- Entsteht durch die Gefäßneubildung
- Neovaskularisation:

“Fundus Proliferative retinopathy EDA01.JPG” von http://www.nei.nih.gov/photo/eyedis/index.asp, Public domain, via Wikimedia Commons. Die Abbildung ist ein Derivat der oben genannten Abbildung. Es wurde zugeschnitten, beschriftet und Pfeile ergänzt.
Diabetische Makulopathie / diabetisches Makulaödem
- Definition:
- Flüssigkeitsansammlung (Ödem
) im Bereich der Makula durch undichte Blutgefäße
- Flüssigkeitsansammlung (Ödem
- Häufigkeit:
- Vor allem bei Typ 2
- Symptome:
- Verschwommenes, verzehrtes Sehen, reduzierte Sehschärfe
- Verschwommenes, verzehrtes Sehen, reduzierte Sehschärfe
- Befunde
- Funduskopie:
- Verdickung der Netzhaut im Bereich der Makula
- Harte Exsudate
(Fettablagerung) in Form eines Circinata-Figur (ringförmig angeordnet)
- Verdickung der Netzhaut im Bereich der Makula
- Funduskopie:

“Diabetic macular edema.jpg” von National Eye Institute, National Institutes of Health (photographer credit not given), Public domain, via Wikimedia Commons. Die Abbildung ist ein Derivat der oben genannten Abbildung. Es wurde zugeschnitten, beschriftet und Pfeile ergänzt.
- Optische Kohärenztomografie (OCT):
- Flüssigkeitsansammlungen innerhalb der Netzhautschichten
- Verdickung und strukturelle Veränderungen der Makula
- Fluoreszenzangiografie
: - Nachweis von Undichtigkeiten (Leckagen)
- Darstellung ischämischer Areale
Pathophysiologie
Die diabetische Retinopathie
Hauptursache ist eine langjährige bestehende Hyperglykämie (chronisch erhöhter Blutzucker), wie sie bei Diabetes mellitus
Frühe Phase - Folge der Hyperglykämie
In der Frühphase stehen funktionelle und strukturelle Schäden an den Kapillaren
- Verlust der Perizyten
- Perizyten stabilisieren die Kapillaren
(Schutzmantel) - Durch Hyperglykämie kommt es zum Perizytenverlust
- Folge:
- Gefäßinstabilität
- Erhöhte Durchlässigkeit der Gefäße (Leckagen)
- Störung der Blut-Retina
-Schranke
- Perizyten stabilisieren die Kapillaren
- Schädigung des Gefäßendothels
- Endothelzellen werden durch:
- Hyperglykämie
- ROS (reaktive Sauerstoffspezies) geschädigt
- Folge:
- Verstärkung der Barriere-Störung
- Flüssigkeitsaustritt
- Endothelzellen werden durch:
- Aktivierung von Immunzellen
- Die chronische Hyperglykämie aktiviert Immunzellen
- Folge:
- Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen
- Förderung von VEGF-Produktion
- Verstärkung der Schädigung von Endothelzellen und Perizyten
- Folge:
- Die chronische Hyperglykämie aktiviert Immunzellen
- Verdickung der Basalmembran
- Fibroblasten produzieren vermehrt Matrixbestandteile
- Folge:
- Verdickung der Kapillarwände
- Behinderung des Gasaustauschs
- Mikroaneurysmen
- Erste sichtbare Zeichen einer beginnenden Retinopathie
- Entstehen durch lokale Gefäßwand-Schwäche
- Begleitet von punktförmigen Blutungen

“Diabetic retinopathy.jpg” von Laredo F, Plebanski J and Tedeschi A, CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0, via Wikimedia Commons. Die Abbildung ist ein Derivat der oben genannten Abbildung. Es wurde zugeschnitten, beschriftet und Pfeile ergänzt.
Späte Phase - Folge der Hypoxie
Infolge der chronischen Kapillarschädigung und des Perizytenverlusts verschlechter sich die Mikrozirkulation, es kommt zur Netzhautischämie (Sauerstoffunterversorgung).
- Angiogenese / Neovaskularisation
- Ischämische Netzhautareale schütten vermehrt angiogene Faktoren aus, vor allem:
- VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor)
- Folge:
- Neubildung von instabilen, undichter Blutgefäße
- Gefahr:
- Präretinale Blutungen
- Glaskörperblutungen
- Rubiosis iridis (Gefäßneubildung auf der Iris)
- Ischämische Netzhautareale schütten vermehrt angiogene Faktoren aus, vor allem:
Klinik
Betroffene bleiben oft über lange Zeit völlig beschwerdefrei. Erst im fortgeschrittenen Stadium treten Sehstörungen auf, darunter:
- Verschwommes oder unscharfes Sehen
- Dunkle Flecken
oder Schatten im Gesichtsfeld - Nebelsehen
- Im schlimmsten Fall: plötzliche Erblindung

"Eye disease simulation, diabetic retinopathy.jpg" von National Eye Institute, National Institutes of Health, Public domain, via Wikimedia Commons. Die Abbildung ist ein Derivat der oben genannten Abbildung. Es wurde zugeschnitten.
Diagnostik
MerkeDie Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, gefolgt von apparativen Untersuchungen.
- (S) Symptome:
- Verschwommenes oder unscharfes Sehen
- Dunkle Flecken
oder Schatten im Gesichtsfeld ("Rußregen") - Nebelsehen
- Plötzlicher Sehverlust bis hin zur Erblindung
- (A) Allergien:
- Wichtig zur Vermeidung unerwünschter Reaktionen bei medikamentöser Therapie oder anstehender Operationen
- (M) Medikamenteneinnahme:
- Einnahme von Antidiabetika
(z.B. Meformin): Hinweis auf Grunderkrankung - Einnahme von Antihypertensiva
, Lipidsenkern: Beurteilung der Risikofaktoren - Medikamenten mit möglicher okulärer Nebenwirkung
- Einnahme von Antidiabetika
- (P) Patientenvorgeschichte:
- Bestehende Diabetes mellitus
(Typ 1 oder 2) - Andere internistische Vorerkrankungen (z.B. Hypertonie)
- Voroperationen oder -erkrankungen am Auge
- Bestehende Diabetes mellitus
- (L) Letzte/r:
- Letzte augenärztlicher Kontrolltermin
- Frühere Operationen oder Therapien am Auge
(z.B. Laserkoagulation, Injektionen )
- (E) Events:
- Plötzliche Sehverschlechterung oder Visusverlust
- Akute Blutzuckerentgleisung
- (R) Risikofaktoren:
- Diabetes mellitus
(Typ 1 oder 2) - Dauer der Erkrankung
- Bluthochdruck
, Rauchen, lange Diabetesdauer, Übergewicht - Schlechte Blutzuckereinstellung (HbA1c
> 7 %)
- Diabetes mellitus
- (S) Schwanger
- Als Risikofaktor
Apparative Diagnostik
Visusbestimmung
- Ziel: Erfassung der Sehschärfe
(Fern- und Nahvisus) - Befund:
- Reduzierter Visus
Spaltlampenuntersuchung
- Ziel: Beurteilung des vorderen und hinteren Augenabschnitts sowie Augendruckmessung
- Befunde:
- Glaskörpertrübungen, -blutungen, Netzhautveränderungen
Funduskopie
- Ziel: Beurteilung des Augenhintergrundes
- Befund:
- Mikroaneurysmen
- Cotton-wool-Herde
- Harte Exsudate
- Neovaskularisation
- Punktförmige Blutungen
Fluoreszenzangiografie
- Ziel: Darstellung der Durchblutung und Gefäße, Lokalisierung der Leckagen
- Befund:
- Ischämische Areale
- Gefäßneubildungen
Optische Kohärenz Tomografie (OTC)
- Ziel: Schnittbild
der Netzhaut sowie Verlaufskontrolle - Pathologischer Befund:
- Flüssigkeitsansammlungen (Makulaödem)
- Verdickungen
- Mikroaneurysmen
- Pathologischer Befund:
Differentialdiagnose
Bei Verdacht auf eine diabetische Retinopathie sollten auch andere Ursachen retinaler Gefäßveränderungen oder degenerativer Netzhautprozesse ausgeschlossen werden:
- Ischämische Optikusneuropathie
- Retinaler Venenverschluss
- Altersbedingte Makuladegeneration
Therapie
Konservativ
- Optimale Blutzuckereinstellung
- Zielwerte:
- Typ-1-Diabetes
: HbA1c < 7 % - Typ-2-Diabetes
: HbA1c < 6,5 %
- Typ-1-Diabetes
- Zielwerte:
- Blutdruckoptimierung
- Zielwerte: <140/90mmHg
- Optimale Einstellung der Hyperlipidämie
- Hohe Serumcholesterinwerte korrelieren mit vermehrter Exsudatbildung
- Lebensstilveränderungen
- Rauchstopp
- Gewichtsreduktion in Kombination mit Bewegung und gesunder Ernährung
Operativ
- Laserbehandlung
- Ziel: Fortschreiten der Ischämie verhindern
- Vorteil: Langzeitwirkung
- Nachteil: Verzögerter Wirkungseintritt
- Indikation:
- Diabetisches Makulaödem
- Proliferative diabetische Retinopathie
- Vitrektomie
- Indikation:
- Glaskörperblutungen
- Netzhautablösung (Traktionsamotio)
- Indikation:
Medikamentös
- Intravitreale Anti-VEGF-Injektionen
- Vorteil: schneller Wirkungseintritt
- Nachteil: zeitlich begrenzte Wirkung
- Wirkstoffe (Antikörper): Ranibizumab, Aflibercept, Bevacizumab
Prognose
MerkeJe besser ein Blutzuckerspiegel
eingestellt ist, desto später tritt eine diabetische Retinopathie bzw. ein Makulaödem auf. In vielen Fällen kann das Fortschreiten der Erkrankung sogar verhindert werden.
Prävention
AchtungIst ein Diabetes Mellitus
bekannt, ist eine kontinuierliche Augenkontrolle immens wichtig, da man sonst die betroffene Person der Erblindung fahrlässig aussetzt.
- Regelmäßige Augenuntersuchungen:
- Bei Typ-1-Diabetes
: ab dem 5 Jahr nach der Diagnose, dann jährlich - Bei Typ-2-Diabetes
: ab Diagnose, 1 x jährlich - Untersuchungen: Sehtestüberprüfung, Spaltlampe, Funduskopie, Fluoreszenzangiografie
, Optische Kohärenz-Tomografie (OCT)
- Bei Typ-1-Diabetes
- Vermeidung von Risikofaktoren:
- Gute Blutzuckereinstellung (HbA1c
< 7,5 %), Raucherstopp, Behandlung von hohem Blutdruck (arterielle Hypertonie ) sowie hohen Blutfetten (Hyperlipoprotinämie)
- Gute Blutzuckereinstellung (HbA1c
- Patient:innenschulung:
- Früherkennung von Symptomen
Quellen
- Lang et al: Augenheilkunde. Georg Thieme Verlag KG 2024. ISBN: 978-3-13-245444-6
- Dahlmann et al: BASICS Augenheilkunde Elsevier GmbH 2024. ISBN: 978-3-437-41254-7
- Zheng et al.: The worldwide epidemic of diabetic retinopathy. 2012 Sep-Oct;60(5):428–431. doi: 10.4103/0301-4738.100542
