Stromunfälle entstehen durch den Kontakt mit elektrischem Strom, Lichtbögen oder Blitzschlag. Das Verletzungsspektrum reicht von oberflächlichen Hautveränderungen bis zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen, tiefen Verbrennungen und schweren Organverletzungen. Für den Rettungsdienst hat zunächst der Eigenschutz oberste Priorität. Eine Versorgung darf erst erfolgen, wenn eine Gefährdung durch elektrischen Strom sicher ausgeschlossen wurde.
Die Schwere eines Stromunfalls hängt primär von Stromstärke, Spannung, Stromart, Einwirkdauer, Stromweg und dem elektrischen Widerstand des Körpers ab. Besonders gefährlich sind Stromwege durch den Thorax sowie Hochspannungsunfälle und Blitzverletzungen, da sie schwere kardiale, neurologische und thermische Schäden verursachen können.
Die präklinische Versorgung umfasst eine strukturierte Anamnese, die gezielte Untersuchung auf Strommarken, Verbrennungen und Begleitverletzungen sowie die Ableitung eines 12-Kanal-EKGs. Im Mittelpunkt der Therapie stehen die Sicherung der Vitalfunktionen, ein kontinuierliches EKG-Monitoring, eine sterile Wundversorgung, der Wärmeerhalt und eine bedarfsgerechte Analgesie. Patient:innen mit Risikofaktoren benötigen eine weiterführende klinische Abklärung und Überwachung. Bei schweren Verbrennungen sollte frühzeitig der Transport in ein Verbrennungszentrum erfolgen.
Um den Einstieg in das Thema Elektrounfälle etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
- Stichwort: "Elektrounfall"
- Ort: Wohnung, 3. OG
- Alarmzeit: 16:32
- Anrufer:in: Ehefrau
- Anzahl der betroffenen Personen: 1
- Zusatzinfo:
- Männlicher Patient, 45 Jahre
- Beim Wechseln einer Glühbirne Kontakt zu Strom gehabt
- Seitdem Schmerzen in der Hand und Schwindel
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht die Ehefrau an der Wohnungstür und weist euch den Weg in die Wohnung.
Die Lage ist wie folgt:
- Der Patient sitzt auf einem Stuhl im Wohnzimmer
- Er ist blass, aber ansprechbar
- Die rechte Hand zeigt eine kleine Eintrittsstelle an Daumen und Zeigefinger
- Er berichtet, bei Arbeiten an der Stromleitung der Deckenlampe einen heftigen Schlag gespürt zu haben
- Seitdem klagt er über ein Kribbeln in der rechten Hand und Schwindel
- Die Ehefrau gibt an, der Strom sei nicht abgeschaltet gewesen. Er sei nicht gestürzt
- Der Patient war zu keinem Zeitpunkt bewusstlos, fühlt sich aber „benommen“

Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten nach einem Elektrounfall aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x |
|
|
A |
| Kein |
B |
| Kein |
C |
| Mittelbares |
D |
| Kein |
E |
| Kein |
AchtungDas hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
DefinitionStromunfall
Ein Stromunfall ist ein medizinischer Notfall, welcher entsteht, wenn elektrischer Strom durch den menschlichen Körper fließt oder in unmittelbarer Nähe eine elektrische Entladung (z.B. Lichtbogen, Blitzschlag) erfolgt und dadurch Schädigungen des Gewebes oder lebenswichtiger Organe verursacht werden.
Die Wirkung des Stroms hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem von:
- Stromstärke
- Spannung
- Stromart (Wechsel- oder Gleichstrom)
- Einwirkdauer
- Stromweg durch den Körper
- Individuellem Körperwiderstand
Typische Folgen sind thermische Verletzungen, Herzrhythmusstörungen, neurologische Ausfälle, Muskelverletzungen und Organschäden durch Stromfluss oder Lichtbogenwirkung.
Klassifikation
| Form | Definition / Charakteristika |
|---|---|
| Niederspannungsunfall |
|
| Hochspannungsunfall |
|
| Blitzunfall |
|
| Lichtbogenverletzung |
|
Direkter Kontakt mit spannungsführenden Gegenständen
Im häuslichen Bereich:
- Kind steckt Finger oder metallische Gegenstände (z.B. Gabel, Schlüssel) in die Steckdose
- Defekte Haushaltsgeräte mit beschädigten Kabeln oder Steckern
- Lampe oder Leuchtmittel wechseln, ohne die Stromzufuhr auszuschalten
- Arbeiten an Steckdosen oder Leitungen, ohne die Sicherung abzuschalten
Im beruflichen / industriellen Bereich:
- Arbeiten an elektrischen Anlagen ohne ausreichende Sicherungsmaßnahmen
- Kontakt mit defekten Leitungen oder unisolierten Kabeln
- Beschädigte Werkzeuge oder Maschinen (z.B. Bohrmaschine, Schweißgerät)
- Fehlende Erdung bei metallischen Arbeitsgeräten
Lichtbogeneinwirkung
InfoLichtbögen entstehen, wenn hohe Spannung, ionisierbare Luft und geringer Abstand zusammentreffen.
- Person auf Dach eines Zuges oder Waggons
- Häufige Gründe dafür: Leichtsinn, Vandalismus, Flucht
- Arbeiten an Hochspannungsanlagen, z.B. an Schaltanlagen oder Transformatoren
- Typische Ursachen: Falsche oder vergessene Erdung, defektes Werkzeug
Schrittspannung
- Gerissene oder herabgefallene Hochspannungsleitungen nach:
- Sturm, Schneelast oder Eisbruch
- Verkehrsunfall mit Strommast
- Bauarbeiten oder Erdarbeiten
- Blitzeinschlag in Boden oder Baum
AchtungEigenschutz beachten:
- Sicherheitsabstand einhalten: Mindestens 20 Meter, bei Hochspannungsleitungen deutlich mehr Abstand halten!
- Keine Annäherung an Unfallstelle, solange nicht sichergestellt ist, dass die Leitung spannungsfrei ist
- Andere Personen warnen: Sofort Absperren und weitere Annäherung verhindern, bis die Energieversorgung durch Fachkräfte abgeschaltet wurde
- Rettungskräfte dürfen erst tätig werden, wenn die Freischaltung durch den Energieversorger bestätigt wurde
TippSchrittspannung
Als Schrittspannung wird die elektrische Spannung zwischen zwei Punkten auf dem Erdboden bezeichnet, die ein Mensch mit einem Schritt überbrückt. Sie entsteht, wenn ein hoher elektrischer Strom in den Boden fließt (z.B. durch einen Blitzschlag). Diese Spannung kann lebensgefährlich sein, da sie einen Stromfluss durch den menschlichen Körper verursacht.
Dabei ist vor allem der Unterschied zwischen der Spannung an den Füßen eines Individuums im Gefahrenbereich wichtig. Ein praktischer Tipp ist, die Distanz zwischen den Füßen beim Gehen möglichst gering zu halten, beispielsweise durch Hüpfen mit geschlossenen Beinen oder durch kleine Schritte.
Elektrische Grundgrößen
| Größe | Symbol / Einheit | Beschreibung | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|---|
| Spannung | U / Volt (V) | Triebkraft des elektrischen Stroms („Druck“, der Elektronen bewegt) |
|
| Stromstärke | I / Ampere (A) | Gibt an, wie viele Elektronen pro Sekunde durch einen Leiter fließen |
|
| Widerstand | R / Ohm (Ω) | Widerstand des Körpers gegen den Stromfluss |
|
InfoOhmsches Gesetz
Das Ohmsche Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen Spannung (U), Stromstärke (I) und Widerstand (R) in einem elektrischen Stromkreis.
- Die Formel lautet: U = R x I
- Man kann die Formel auch umstellen, je nachdem, was man berechnen möchte:
- I = U / R oder R = U / I
- Je höher die Spannung und je geringer der Widerstand, desto stärker der Strom und desto gefährlicher der Stromunfall
Beispiel für den menschlichen Körper:
| Hautzustand | Widerstand (Ω) | Berechnung | Stromstärke (A / mA) | Beurteilung |
|---|---|---|---|---|
| Trockene Haut | ca. 100.000 Ω | 230 V ÷ 100.000 Ω | 0,0023 A = 2,3 mA | Unangenehm, aber meist ungefährlich |
| Nasse Haut | ca. 1.000 Ω | 230 V ÷ 1.000 Ω | 0,23 A = 230 mA | Lebensgefährlich! Bereits ab 50 mA kann Kammerflimmern auftreten |
Stromkreise
Wechselstromkreis (AC) - Elektronen im ständigen Richtungswechsel:
- In einem Wechselstromkreis (AC) ändern die Elektronen periodisch ihre Fließrichtung. Dies ist vergleichbar mit einem Pendel, das hin und her schwingt
- Dabei verändern sich Stromstärke und Spannung fortlaufend, meist in Form einer sinusförmigen Kurve: Die Spannung wechselt regelmäßig zwischen positiven und negativen Werten
- Vorteil: Transport über weite Strecken, ohne große Energieverluste
TippWechselstrom ist die Standard-Stromart in Haushalten und versorgt die meisten elektrischen Geräte.
Gleichstromkreis (DC) - die Einbahnstraße des Stroms
- In einem Gleichstromkreis (DC) bewegen sich die Elektronen ständig in dieselbe Richtung, ähnlich wie Autos auf einer Einbahnstraße
- Dabei bleiben sowohl die Stromstärke (die Anzahl der fließenden Elektronen pro Zeiteinheit) als auch die Spannung (die antreibende Kraft) konstant
TippGleichstrom wird vor allem in batterie- oder akkubetriebenen Geräten verwendet, wie z.B. in Taschenlampen, Smartphones oder Laptops. Auch viele Elektromotoren arbeiten mit Gleichstrom.
MerkeReminder: Einflussfaktoren
Die Wirkung elektrischen Stroms auf den Körper hängt maßgeblich von folgenden Variablen ab:
- Stromstärke:
- Nach dem Ohm’schen Gesetz steigt die Stromstärke bei höherer Spannung und geringerem Widerstand
- Höhere Stromstärken können Nervensystem, Muskulatur, Atmung und Herzfunktion beeinträchtigen
- Elektrischer Widerstand:
- Trockene Haut besitzt einen hohen elektrischen Widerstand
- Feuchtigkeit reduziert den Hautwiderstand deutlich → erleichterte Stromüberleitung in den Körper
- Joule-Effekt:
- Elektrische Energie wird in Wärme umgewandelt
- Besonders Gewebe mit hohem Widerstand (z.B. Knochen) entwickeln hohe Temperaturen → tiefe thermische Gewebeschäden
- Gewebeleitfähigkeit:
- Gefäße und Nerven leiten elektrischen Strom besser als Weichteile
- Knochen besitzen einen höheren elektrischen Widerstand
- Einwirkdauer:
- Eine längere Strompassage verlängert die elektrische und thermische Belastung
- Dadurch kann das Ausmaß der Gewebeschädigung zunehmen
- Gesundheitszustand, Alter von Patient:innen
- Bei einer bereits vorhandenen kardialen Schädigung, z.B. bei älteren Patient:innen, wird weniger Strom benötigt, um einen großen Schaden zu verursachen
Gewebewiderstände
Der spezifische Gewebewiderstand bestimmt, in welchen Strukturen Strom bevorzugt fließt und wo Hitzeentwicklung auftritt.
| Gewebe und Struktur | Relativer Widerstand / Leitfähigkeit | Bedeutung |
|---|---|---|
| Blut, Nerven, Muskeln | Geringster Widerstand / gute Leitfähigkeit | Strom fließt bevorzugt durch diese Gewebe |
| Haut, Sehnen, Fettgewebe | Hoher Widerstand | Zunächst Barriere gegen Stromfluss |
| Knochen | Sehr hoher Widerstand | Schwierig zu durchdringen |
AchtungWenn der Hautwiderstand überbrückt wird (z.B. durch Hautverletzungen, Wunden oder Feuchtigkeit), nimmt die Stromleitung durch tiefere Gewebe zu.
Wirkung auf Herz und Erregungsleitung
- Direkte Reizung des Myokards: Stromweg durch den Thorax oder von Arm zu Arm → Störung der physiologischen Erregungsbildung und Erregungsleitung
- Kammerflimmern: Wechselstrom → arrhythmogener als Gleichstrom → Kammerflimmern durch kreisende Erregungen während der vulnerablen Phase des Herzaktionspotenzials
- Niederspannungsunfall: Erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen → insbesondere Kammerflimmern
- Hochspannungsunfall: Schwere thermische Verletzungen → zusätzlich Bradykardie oder Asystolie
Wirkung auf Muskulatur und Atmung
- Tetanische Kontraktion: Elektrische Reizung → anhaltende Muskelkontraktion
- Verhinderte Loslassreaktion: Tetanische Kontraktion der Handmuskulatur → Loslassen der Stromquelle nicht möglich → verlängerte Einwirkdauer
- Atemmuskulatur: Muskelkontraktionen oder Muskellähmungen → Beeinträchtigung der Atmung
- Rhabdomyolyse: thermische und muskuläre Schädigung → Zerfall quergestreifter Muskulatur → Freisetzung von Kreatinkinase und Myoglobin
- Akute Nierenfunktionseinschränkung: Myoglobin → Schädigung des Nierentubulusepithels + tubuläre Obstruktion → akute Nierenfunktionseinschränkung
InfoTetanische Krämpfe sind anhaltende, unwillkürliche Muskelkontraktionen, die durch die direkte elektrische Reizung der Skelettmuskulatur während eines Stromunfalls ausgelöst werden.
Stromweg und lokale Gewebeschädigung
- Stromweg: Stromfluss zwischen Eintritts- und Austrittsstelle → bevorzugt entlang von Geweben mit geringerem elektrischem Widerstand
- Kardial gefährlicher Stromweg: Stromweg durch den Thorax oder von Arm zu Arm → besonders hohes Risiko einer Herzschädigung
- Strommarken: Ein- und Austrittsstelle → umschriebene Hautnekrosen
MerkeTiefe Verbrennungen:
Durch die Umwandlung elektrischer Energie in Wärme (Joule-Effekt) kann es entlang des Stromwegs zu ausgedehnten thermischen Gewebeschäden kommen. Die äußeren Strommarken erscheinen dabei oft klein und unscheinbar, während Muskeln, Sehnen oder andere tiefer gelegene Gewebe deutlich schwerer geschädigt sein können, als die Haut vermuten lässt.
Sekundäre Verletzungen
- Sturz und Wegschleudern: Muskelkontraktionen, Bewusstseinsverlust oder Lichtbogen → Sturz oder Wegschleudern → zusätzliche Traumata
- Traumatische Begleitverletzungen: Sturz oder Druckwelle → Schädel-Hirn-Trauma, HWS-Verletzungen, Frakturen, Luxationen oder Trommelfellverletzungen
- Neurologische Folgen: Elektrische und thermische Schädigung → Bewusstseinsstörungen, epileptische Anfälle, Parästhesien, Amnesie oder thermische Nervenschäden
MerkeZusammenfassung: Die kritischen Probleme bei Elektrounfällen
- Thermische Schäden
- Elektrophysiologische Effekte, vor allem Herzrhythmusstörungen
- Mechanische Schäden, z.B. Frakturen oder Sekundärverletzungen durch Sturz
- Systemische Effekte
Stromunfälle können sowohl lokale Hautveränderungen in Form von Strommarken als auch generalisierte oder organspezifische klinische Zeichen verursachen.
Typische lokale Zeichen

- Eintritts- und Austrittsstrommarken: An den Kontaktstellen des Stroms können umschriebene Hautnekrosen entstehen
- Strommarke: Typischerweise zeigt sich eine weißlich erhabene Hautveränderung mit zentraler Eindellung, die auch als Porzellanwall bezeichnet wird
- Lokale Verbrennungen: Insbesondere bei Hochspannungsunfällen können thermische Verbrennungen auftreten. Die inneren Gewebeschäden sind dabei häufig deutlich ausgeprägter als die äußerlich sichtbaren Hautveränderungen
- Schwellung und Muskelschaden: Eine ausgeprägte Schwellung kann auf eine tiefe thermische Muskelschädigung hinweisen und an ein Kompartmentsyndrom denken lassen
- Blitzfiguren: Nach einem Blitzunfall können charakteristische farnkrautartige Hautzeichnungen auftreten. Diese sogenannten Blitzfiguren finden sich jedoch nur bei einem Teil der Betroffenen

Generalisierte und organspezifische Zeichen
| Organsystem | Typische Zeichen |
|---|---|
| Kardiovaskulär |
|
| Neurologisch |
|
| Muskulär und respiratorisch |
|
| Sekundäre Verletzungen |
|
AchtungRed Flags
- Bewusstlosigkeit oder Vigilanzstörung
- Kreislaufstillstand oder Herzrhythmusstörungen
- Atemstörung
- Ausgedehnte Verbrennungen oder tiefe Strommarken
MerkeDie Anamnese sollte den genauen Unfallhergang erfassen und dabei insbesondere Angaben zur Höhe der anliegenden Spannung, zur Stromart (Gleich- oder Wechselstrom) sowie zum Bewusstseinszustand beim Auffinden beinhalten.
Anamnese
- S (Symptome): Aktuelle Beschwerden erfragen, z.B. Bewusstseinsstörung, Bewusstlosigkeit, Palpitationen, Brustschmerzen, Dyspnoe, Krampfanfälle, Parästhesien oder Muskelschmerzen
- Zusätzlich nach Strommarken, Verbrennungen, Schmerzen und Schwellungen suchen
- A (Allergien): Relevante Allergien, insbesondere gegen Medikamente, erfragen
- M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation erfragen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Antiarrhythmika sowie Medikamente als Hinweis auf kardiale Vorerkrankungen
- P (Patientengeschichte): Nach Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit, strukturellen Herzerkrankungen, Herzschrittmacher oder implantiertem Kardioverter-Defibrillator fragen
- Zusätzlich Epilepsie, neurologische Erkrankungen sowie relevante Nieren- oder Muskelerkrankungen erheben
- L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen
- E (Ereignis): Niederspannungs- oder Hochspannungsunfall, Haushaltsstrom, Blitzschlag oder Lichtbogen?
- Nach Stromquelle, Stromweg, Einwirkdauer, Wasserkontakt, einer möglichen verhinderten Loslassreaktion sowie einer Bewusstlosigkeit oder Erinnerungslücke fragen
- Zusätzlich nach einem Arbeits- oder Wegeunfall, Sturz, Ertrinkungsunfall oder einem möglichen Suizidversuch fragen
- R (Risiko): Risikofaktoren wie Hochspannungsunfall, lange Einwirkdauer, Lichtbogen, kardiale Vorerkrankungen oder Schwangerschaft erfassen
- S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft fragen, da Stromunfälle Mutter und Fetus gefährden können und eine geburtshilfliche Abklärung erforderlich ist
TippNutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Stromunfall abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung

Inspektion:

- Strommarken: Lokalisierte Nekrosen an den Ein- und Austrittsstellen des Stroms. Sie können verkohlt, aber auch klein, blass und leicht zu übersehen sein
- Verbrennungen: Insbesondere nach Hochspannungsunfällen auf thermische Haut- und Weichteilverletzungen achten. Tiefe Gewebeschäden können deutlich ausgeprägter sein als die äußerlich sichtbaren Hautveränderungen
- Lichtenberg-Figuren: farnblattartig verästelte Hautzeichnungen als charakteristischer, jedoch nicht regelhaft auftretender Befund nach einem Blitzunfall
- Allgemeinzustand: Blässe, Zittern und Schwitzen als unspezifische vegetative Begleitzeichen
- Begleitverletzungen: Auf Hinweise für Sturz-, Schleuder- oder Explosionsverletzungen achten, z.B. Wunden, Hämatome, Fehlstellungen oder weitere Verbrennungen
Palpation:
- Haut und Weichteile: Druckschmerz, Schwellung und Verhärtungen können auf eine thermische Gewebeschädigung hinweisen
- Muskulatur: Eine prall gespannte, schmerzhafte Muskulatur kann Ausdruck einer tiefen Muskelverletzung oder eines Kompartmentsyndroms sein
- Extremitäten: distal der Verletzung können Durchblutungs-, Motorik- oder Sensibilitätsstörungen bestehen und müssen wiederholt kontrolliert werden
- Thorax: Druckschmerz, Instabilität oder Krepitationen können auf Rippenfrakturen oder andere thorakale Begleitverletzungen nach Sturz oder Explosion hinweisen
- Abdomen: Druckschmerz, Abwehrspannung oder Peritonismus können auf eine intraabdominelle Begleitverletzung hindeuten
- Wirbelsäule: Druckschmerz, Stufenbildung oder neurologische Ausfälle sprechen für eine mögliche Wirbelsäulenverletzung nach Sturz oder Wegschleudern
Perkussion:
- Lunge: Ein hypersonorer Klopfschall kann auf einen Pneumothorax, ein gedämpfter Klopfschall auf einen Hämatothorax oder andere intrathorakale Begleitverletzungen hinweisen
Auskultation:
- Lunge: Abgeschwächte oder fehlende Atemgeräusche können auf einen Pneumothorax hinweisen. Feuchte Rasselgeräusche sprechen für ein mögliches Lungenödem
- Abdomen: Abgeschwächte oder fehlende Darmgeräusche können bei einem Abdominaltrauma oder einem paralytischen Ileus auftreten
Vitalparameter
| Parameter | Typischer Befund und Veränderung | Pathophysiologischer Hintergrund |
|---|---|---|
| Herzfrequenz |
| Direkte elektrische Reizung des Myokards → Störung der Erregungsbildung und Erregungsleitung → Herzrhythmusstörungen; Wechselstrom ist besonders arrhythmogen |
| Blutdruck |
| Schmerz und Stress → Sympathikusaktivierung → Blutdruck ↑; Verbrennungskrankheit, Rhabdomyolyse oder Hypovolämie → Kreislaufdepression → Blutdruck ↓ |
| Atemfrequenz |
| Elektrische Reizung oder Schädigung der Atemmuskulatur → Ventilationsstörung; zusätzlich Lungenödem oder Lungenparenchymschäden möglich |
| Körpertemperatur |
| Entkleidung, großflächige Verbrennungen und Wärmeverlust → Auskühlung → Körpertemperatur ↓ |
| Sauerstoffsättigung |
| Ventilationsstörung, pulmonale Begleitverletzungen oder Kreislaufversagen → Oxygenierung ↓ → Sauerstoffsättigung ↓ |
| Blutzucker |
| Stress- oder Schockreaktion → Katecholaminausschüttung → vorübergehende Stresshyperglykämie möglich |
TippJe nach Stromstärke, Einwirkdauer und Stromweg sind keine bis schwerwiegende Veränderungen der Vitalparameter möglich.
Orientierende neurologische Untersuchung
- Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS-Score, sowie Erfassung von Verwirrtheit, Amnesie, Unruhe, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen können auf eine direkte Schädigung des zentralen Nervensystems, eine Herzrhythmusstörung mit zerebraler Minderperfusion oder ein Begleittrauma hinweisen
- Mögliche stromunfallspezifische neurologische Auffälligkeiten:
- Periphere Nerven- und Muskelverletzung: Neurologische Hinweise sind Sensibilitätsstörungen, Parästhesien, Paresen oder Muskellähmungen durch eine elektrische oder thermische Schädigung peripherer Nerven und Muskulatur
- Sturz- oder Wegschleudertrauma (Begleittrauma): Neurologische Hinweise sind fokale neurologische Defizite, Paresen, Sprachstörungen, Pupillendifferenzen, Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit als Hinweis auf ein mögliches Schädel-Hirn-Trauma oder eine HWS-Verletzung
Weiterführende apparative Diagnostik
EKG-Diagnostik:
- 12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus und möglichen strombedingten EKG-Veränderungen
- Sinustachykardie: Häufig als Ausdruck einer Schmerz- oder Stressreaktion; auch bei beginnendem Schock möglich
- Sinusbradykardie: Kann insbesondere nach Hochspannungsunfällen auftreten und auf eine direkte elektrische Beeinträchtigung des Reizleitungssystems hinweisen
- Herzrhythmusstörungen: SVES, VES sowie weitere supraventrikuläre oder ventrikuläre Arrhythmien sind möglich. Das Risiko wird unter anderem durch Stromart, Spannung, Einwirkdauer und Stromweg beeinflusst
- Kammerflimmern: Insbesondere nach Niederspannungsunfällen besteht ein erhöhtes Risiko für Kammerflimmern, da Wechselstrom besonders arrhythmogen ist und während der vulnerablen Phase des Herzzyklus ein R-auf-T-Phänomen auslösen kann
- Schwere Bradykardie oder Asystolie: Können insbesondere nach Hochspannungsunfällen auftreten und sind Ausdruck einer schweren kardialen Schädigung
- Myokardischämie: ST-Strecken-Veränderungen oder andere Ischämiezeichen können auf Koronarspasmen oder eine direkte Schädigung der Koronararterien hinweisen
- POCUS / eFAST: Ergänzende präklinische Sonografie bei Verdacht auf Begleitverletzungen, insbesondere nach Explosion, Sturz oder anderen Hochenergietraumata, erwägen
- Traumabedingte Komplikationen: Nachweis von freier intraabdomineller Flüssigkeit, Pneumothorax, Hämatothorax oder Perikarderguss
MerkeAuch bei einem initial unauffälligen 12-Kanal-EKG können Herzrhythmusstörungen verzögert auftreten. Je nach Unfallmechanismus und klinischem Befund können daher eine kontinuierliche EKG-Überwachung und eine stationäre Beobachtung erforderlich sein.
Differenzialdiagnosen
Aufgrund einer eindeutigen Anamnese oder eines beobachteten Unfallhergangs besteht in der Regel kein relevanter Zweifel an einem Stromunfall als Ursache der Beschwerden. Eine differenzialdiagnostische Abgrenzung zu isolierten thermischen Verletzungen sowie primär kardialen oder neurologischen Ereignissen ist daher meist nicht erforderlich. Entscheidend ist vielmehr, das Ausmaß der strombedingten Organbeteiligung sowie mögliche Begleitverletzungen, beispielsweise durch Sturz, Explosion oder Lichtbogen, frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Eigenschutz und Sicherheit am Einsatzort
Die Eigensicherung hat bei jedem Stromunfall oberste Priorität. Eine Patientenversorgung darf erst erfolgen, wenn keine Gefahr durch elektrischen Strom mehr besteht.
Niederspannungsunfall:
- Stromkreis unterbrechen: Sicherung ausschalten, Gerät abschalten oder Netzstecker ziehen
- Wiedereinschalten verhindern: Gegebenenfalls das Wiedereinschalten der Sicherung verhindern, z.B. durch eine Sicherungsperson am Sicherungskasten oder entsprechende Anweisungen an anwesende Helfende
- Vorsicht bei Feuchtigkeit: Wasser und andere leitfähige Oberflächen können das Risiko einer Stromüberleitung erhöhen. Deshalb ausreichend Abstand zu stromführenden Bereichen halten
- Person von der Stromquelle trennen: Kann die betroffene Person die Stromquelle aufgrund einer tetanischen Muskelkontraktion nicht selbst loslassen und lässt sich der Stromkreis nicht unmittelbar unterbrechen, muss sie mit einem isolierenden Gegenstand (z.B. Holzstiel, Holzbrett) von der Stromquelle getrennt und aus leitfähigen Bereichen (z.B. Wasserlachen) entfernt werden. Eigenschutz durch isolierende Schuhe oder trockene Lederhandschuhe beachten.
Hochspannungsunfall:
- Gefahrenbereich nicht betreten: Die Unfallstelle darf erst nach fachgerechter Freischaltung, Erdung und Freigabe durch den Energieversorger oder die Feuerwehr betreten werden
- Sicherheitsabstand einhalten: Aufgrund möglicher Lichtbögen und Schrittspannung besteht auch ohne direkten Kontakt mit der Stromquelle Lebensgefahr
AchtungBei Hochspannungsunfällen besteht ein Konflikt zwischen Lebensrettung und Eigensicherung. Die Eigensicherung hat Vorrang. Die Gefahrenzone darf erst nach fachgerechter Freischaltung, Erdung und Freigabe betreten werden.
Basismaßnahmen
- Lagerung:
- Kreislaufstabile Patient:innen: schmerzadaptierte Lagerung, häufig Oberkörper hoch, wenn keine relevanten Begleitverletzungen vorliegen
- Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
- Bei relevantem Trauma: Immobilisation
- Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
- Venöser Zugang: Intravenöser Zugang bei Analgesiebedarf, Kreislaufinstabilität, Verbrennungen oder Herzrhythmusstörungen
- Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Insuffizienz oder relevantem Trauma
- Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
- Wundversorgung: Strommarken und Verbrennungen trocken, steril und nicht haftend abdecken
- Kühlung: Nur kleine thermische Begleitverbrennungen kurzzeitig mit kühlem Wasser kühlen → keine Kühlung ausgedehnter Verletzungen
- Wärmeerhalt: konsequente Vermeidung einer Hypothermie
- Extremitätenkontrolle: Durchblutung, Motorik und Sensibilität wiederholt prüfen; auf zunehmende Schmerzen, Schwellung und Muskelspannung achten
- Begleitverletzungen: Aktiv nach Sturz-, Schleuder-, Explosions- und Lichtbogenverletzungen suchen
- Transport: Nach einem Stromunfall sollte aufgrund des Risikos verzögert auftretender Herzrhythmusstörungen und weiterer Komplikationen in der Regel eine klinische Überwachung erfolgen. Patient:innen mit einem oder mehreren Risikofaktoren sollten unbedingt einer weiterführenden klinischen Abklärung und Überwachung zugeführt werden
- Bei Hochspannungsunfällen, schweren Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen, neurologischen Auffälligkeiten oder relevantem Begleittrauma sollte frühzeitig die geeignete Zielklinik gewählt und gegebenenfalls ein Trauma- oder Verbrennungszentrum kontaktiert werden
TippRisikofaktoren nach Stromunfall
- Hochspannungsunfall
- Auffälliges 12-Kanal-EKG (z.B. Rhythmusstörungen, Erregungsleitungsstörungen oder Ischämiezeichen)
- Herzrhythmusstörungen am Unfallort oder während des Transports
- Bewusstlosigkeit oder Herz-Kreislauf-Stillstand
- Thoraxschmerzen, Palpitationen oder andere kardiale Beschwerden
- Neurologische Auffälligkeiten
- Schwere Verbrennungen oder ausgedehnte Weichteilverletzungen
- Relevantes Begleittrauma (z.B. Sturz infolge des Stromunfalls)
- Vorbestehende relevante Herzerkrankungen bzw. Herzschrittmacher/ICD
InfoDie empfohlene Dauer der EKG-Monitorüberwachung nach einem Stromunfall ist nicht einheitlich festgelegt; in der Literatur werden 6-24 Stunden angegeben. Bei fehlenden Risikofaktoren, unauffälligem EKG und fehlenden Begleitverletzungen ist eine stationäre Aufnahme häufig nicht erforderlich.
Spezifische Maßnahmen
- Volumentherapie: Bedarfsgerechte Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen
bei Verbrennungen: 1000 ml in den ersten 2 Stunden - Schmerztherapie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl
0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam1-2 mg i.v. - Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron
4 mg i.v. oder Dimenhydrinat62 mg i.v. - Herzrhythmusstörungen: Behandlung entsprechend der Art der Arrhythmie und den aktuellen Leitlinien (z.B. Defibrillation, Kardioversion, Schrittmachertherapie oder antiarrhythmische Medikation)
Elektroschockwaffen
Distanz-Elektroschockwaffen (CEW) wie der Taser werden von der Polizei verwendet, um Personen durch einen gezielten elektrischen Impuls vorübergehend handlungsunfähig zu machen. Im Distanzmodus werden Elektroden auf das Ziel geschossen; bei Kontakt lösen diese muskelverkrampfende Kontraktionen aus. Die dabei angegebene Stromstärke liegt im Bereich von 1,2–1,5 mA, also deutlich unter der Schwelle, die typischerweise Herzrhythmusstörungen auslöst. Trotzdem können CEW-Einsätze zu Muskelverletzungen, Stürzen, Hautschädigungen sowie zu psychischen Belastungen führen.
Elektroschocker (Kontaktgeräte) wirken durch direkten Hautkontakt und erzeugen intensive, unmittelbar spürbare Schmerzen. Sie erreichen in der Regel keine tiefen Gewebsschichten, verursachen aber lokale Hautreizungen, oberflächliche Verbrennungen oder Schmerzen und können ebenfalls Sturzverletzungen oder sekundäre Traumata nach sich ziehen.
TippVorgehen nach Einsatz von Elektroschockwaffen
- Ersteinschätzung / Situation:
- Grund für den Einsatz klären → Begleitende Intoxikation, psychische Ausnahmesituation?
- Besteht ein akuter medizinischer Handlungsbedarf (z.B. Trauma, Bewusstseinsstörung)?
- Vitalparameter erfassen, Bewusstsein prüfen
- Verletzungen:
- Sturz oder Begleitverletzungen? → Untersuchung auf Frakturen, Prellungen, Luxationen, Schädel-Hirn-Trauma
- Pfeil-Einstichstellen inspizieren (meist 2 Elektroden, Abstand ca. 10 cm)
- Tetanusschutz prüfen
- Entfernung der Pfeile:
- Kritische Trefferstellen:
- Auge, Gesicht, Hals, Finger, Genitalbereich, Kopf → Keine Eigenentfernung! → Chirurgische Entfernung / Facharzt hinzuziehen
- Unproblematische Lokalisation → Pfeile können mit kräftigem Zug entgegen der Einschussrichtung entfernt werden (weiterhin gilt jedoch meist Fremdkörper in penetrierenden Wunden zu belassen)
- Pfeile können dann an die Polizei übergeben werden (Beweissicherung)
- EKG-Diagnostik:
- 12-Kanal-EKG zur Kontrolle auf Rhythmusstörungen
- Bei unauffälligem EKG: keine weitere Überwachung notwendig
- Dokumentation
- Auf saubere Dokumentation achten
- Ggf. von juristischer Bedeutung
Zielkrankenhaus
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der Spannungshöhe, dem klinischen Zustand, dem 12-Kanal-EKG, dem Vorliegen von Herzrhythmusstörungen, Verbrennungen, Begleitverletzungen sowie weiteren Risikofaktoren.
- Niederspannungsunfall ohne Risikofaktoren: Klinische Vorstellung empfohlen. Eine ambulante Weiterbehandlung kann nach Rücksprache mit TNA oder NEF erwogen werden, sofern keine klinischen Auffälligkeiten bestehen
- Stromunfälle mit Risikofaktoren: Bei Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Möglichkeit zur klinischen Überwachung, EKG-Monitoring und weiterführender Diagnostik erfolgen
- Schwere Stromunfälle: Bei Hochspannungsunfällen, schweren Verbrennungen, polytraumatisierten Patient:innen oder anderen lebensbedrohlichen Verletzungen sollte der Transport in ein geeignetes Trauma- oder Verbrennungszentrum erfolgen. Bei längeren Transportzeiten oder zeitkritischen Verläufen sollte der Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH) erwogen werden
InfoDie Zuweisung eines geeigneten Verbrennungsbettes erfolgt in Deutschland zentral über die Bettennachweisstelle der Berufsfeuerwehr Hamburg. Die örtlichen Leitstellen übernehmen dabei in der Regel die Vermittlung und Koordination.
Transportbegleitende Maßnahmen
- Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Vigilanz.
- Lagerung:
- Kreislaufstabile Patient:innen: schmerzadaptierte Lagerung.
- Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung bzw. Schocklagerung, sofern keine Kontraindikationen bestehen
- Atemwegsmanagement: Regelmäßige Kontrolle der Atemwege und Atemarbeit. Bei Ateminsuffizienz frühzeitige Eskalation des Atemwegsmanagements.
- Sauerstofftherapie: Fortführung der Sauerstofftherapie entsprechend der klinischen Situation
- Volumentherapie: Fortführung der Volumentherapie entsprechend Hämodynamik, Verbrennungsausmaß und klinischem Verlauf
- Herzrhythmusstörungen: Kontinuierliches EKG-Monitoring und Behandlung entsprechend der klinischen Situation
- Wärmeerhalt: konsequenter Wärmeerhalt zur Vermeidung einer Hypothermie, insbesondere bei Verbrennungen.
- Dokumentation: Erfassung von Unfallmechanismus, Spannungshöhe (Nieder-/Hochspannung), Stromein- und -austrittsstellen, Verbrennungen, Vitalparametern, neurologischem Status sowie sämtlicher präklinisch durchgeführter Maßnahmen und deren Wirkung
Übergabe in der Klinik
- Strukturierte Übergabe nach standardisiertem Schema, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR.
- Übergabe relevanter Informationen zu:
- Unfallmechanismus (Nieder- oder Hochspannungsunfall, Lichtbogenverletzung oder Blitzschlag)
- Zeitpunkt des Unfalls und, soweit bekannt, Dauer der Stromeinwirkung
- Spannungshöhe und vermuteter Stromweg
- Stromein- und -austrittsstellen sowie Verbrennungen
- 12-Kanal-EKG, Herzrhythmusstörungen und Verlauf der Vitalparameter
- Neurologischem Status (z.B. Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, Paresen oder Sensibilitätsstörungen)
- Begleitverletzungen (z.B. Sturz- oder Explosionstrauma)
- Bekannten Vorerkrankungen, relevanter Medikation sowie Herzschrittmacher oder ICD
- Durchgeführten Maßnahmen (Sauerstofftherapie, Analgesie, Volumentherapie, Defibrillation/Kardioversion, Atemwegsmanagement, Wundversorgung) einschließlich deren Wirkung
- Hochrisikopatient:innen: Bei Hochspannungsunfällen, schweren Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen, neurologischen Auffälligkeiten, Verdacht auf Rhabdomyolyse oder relevanten Begleitverletzungen frühzeitig die Übergabe an das zuständige Schockraum-, Trauma-, Verbrennungs- oder Intensivteam veranlassen
Definition
DefinitionStromunfall
Ein Stromunfall ist ein medizinischer Notfall, welcher entsteht, wenn elektrischer Strom durch den menschlichen Körper fließt oder in unmittelbarer Nähe eine elektrische Entladung (z.B. Lichtbogen, Blitzschlag) erfolgt und dadurch Schädigungen des Gewebes oder lebenswichtiger Organe verursacht werden.
| Form | Definition / Charakteristika |
|---|---|
| Niederspannungsunfall |
|
| Hochspannungsunfall |
|
| Blitzunfall |
|
| Lichtbogenverletzung |
|
Ursachen
- Direkter Kontakt mit spannungsführenden Gegenständen
- Lichtbogeneinwirkung
- Schrittspannung
Physikalische Grundlagen
| Größe | Symbol / Einheit | Beschreibung | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|---|
| Spannung | U / Volt (V) | Triebkraft des elektrischen Stroms („Druck“, der Elektronen bewegt) |
|
| Stromstärke | I / Ampere (A) | Gibt an, wie viele Elektronen pro Sekunde durch einen Leiter fließen |
|
| Widerstand | R / Ohm (Ω) | Widerstand des Körpers gegen den Stromfluss |
|
InfoOhmsches Gesetz:
Das Ohmsche Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen Spannung (U), Stromstärke (I) und Widerstand (R) in einem elektrischen Stromkreis.
- Die Formel lautet: U = R x I
- Man kann die Formel auch umstellen, je nachdem, was man berechnen möchte:
- I = U / R oder R = U / I
- Je höher die Spannung und je geringer der Widerstand, desto stärker der Strom und desto gefährlicher der Stromunfall
Pathophysiologie
MerkeDie Folgen eines Stromunfalls entstehen durch verschiedene Schädigungsmechanismen und betreffen abhängig von Stromweg und Spannung insbesondere Herz, Muskulatur, Nervensystem und Gewebe.
- Wirkung auf Herz und Erregungsleitung: Strom kann die Erregungsbildung und -leitung des Herzens stören und lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösen.
- Wirkung auf Muskulatur und Atmung: Die direkte elektrische Reizung der Muskulatur kann zu tetanischen Krämpfen, Atemstörungen und einer Rhabdomyolyse führen.
- Stromweg und lokale Gewebeschädigung: Das Ausmaß der Verletzung hängt wesentlich vom Stromweg und der entstehenden Wärmeentwicklung im Gewebe ab.
- Sekundäre Verletzungen: Muskelkontraktionen, Bewusstseinsverlust oder Lichtbögen können zusätzliche traumatische Verletzungen verursachen.
Klinischer Eindruck
Typische lokale Zeichen

- Eintritts- und Austrittsstrommarken: An den Kontaktstellen des Stroms können umschriebene Hautnekrosen entstehen
- Strommarke: Typischerweise zeigt sich eine weißlich erhabene Hautveränderung mit zentraler Eindellung, die auch als Porzellanwall bezeichnet wird
- Lokale Verbrennungen: Insbesondere bei Hochspannungsunfällen können thermische Verbrennungen auftreten. Die inneren Gewebeschäden sind dabei häufig deutlich ausgeprägter als die äußerlich sichtbaren Hautveränderungen
- Schwellung und Muskelschaden: Eine ausgeprägte Schwellung kann auf eine tiefe thermische Muskelschädigung hinweisen und an ein Kompartmentsyndrom denken lassen
- Blitzfiguren: Nach einem Blitzunfall können charakteristische farnkrautartige Hautzeichnungen auftreten. Diese sogenannten Blitzfiguren finden sich jedoch nur bei einem Teil der Betroffenen
AchtungRed Flags
- Bewusstlosigkeit oder Vigilanzstörung
- Kreislaufstillstand oder Herzrhythmusstörungen
- Atemstörung
- Ausgedehnte Verbrennungen oder tiefe Strommarken
Diagnostik
Inspektion:
- Strommarken: Lokalisierte Nekrosen an den Ein- und Austrittsstellen des Stroms. Sie können verkohlt, aber auch klein, blass und leicht zu übersehen sein
- Verbrennungen: Insbesondere nach Hochspannungsunfällen auf thermische Haut- und Weichteilverletzungen achten. Tiefe Gewebeschäden können deutlich ausgeprägter sein als die äußerlich sichtbaren Hautveränderungen
- Lichtenberg-Figuren: farnblattartig verästelte Hautzeichnungen als charakteristischer, jedoch nicht regelhaft auftretender Befund nach einem Blitzunfall
- Allgemeinzustand: Blässe, Zittern und Schwitzen als unspezifische vegetative Begleitzeichen
- Begleitverletzungen: Auf Hinweise für Sturz-, Schleuder- oder Explosionsverletzungen achten, z.B. Wunden, Hämatome, Fehlstellungen oder weitere Verbrennungen
Palpation:
- Haut und Weichteile: Druckschmerz, Schwellung und Verhärtungen können auf eine thermische Gewebeschädigung hinweisen
- Muskulatur: Eine prall gespannte, schmerzhafte Muskulatur kann Ausdruck einer tiefen Muskelverletzung oder eines Kompartmentsyndroms sein
- Extremitäten: distal der Verletzung können Durchblutungs-, Motorik- oder Sensibilitätsstörungen bestehen und müssen wiederholt kontrolliert werden
- Thorax: Druckschmerz, Instabilität oder Krepitationen können auf Rippenfrakturen oder andere thorakale Begleitverletzungen nach Sturz oder Explosion hinweisen
- Abdomen: Druckschmerz, Abwehrspannung oder Peritonismus können auf eine intraabdominelle Begleitverletzung hindeuten
- Wirbelsäule: Druckschmerz, Stufenbildung oder neurologische Ausfälle sprechen für eine mögliche Wirbelsäulenverletzung nach Sturz oder Wegschleudern
Perkussion:
- Lunge: Ein hypersonorer Klopfschall kann auf einen Pneumothorax, ein gedämpfter Klopfschall auf einen Hämatothorax oder andere intrathorakale Begleitverletzungen hinweisen
Auskultation:
- Lunge: Abgeschwächte oder fehlende Atemgeräusche können auf einen Pneumothorax hinweisen. Feuchte Rasselgeräusche sprechen für ein mögliches Lungenödem
- Abdomen: Abgeschwächte oder fehlende Darmgeräusche können bei einem Abdominaltrauma oder einem paralytischen Ileus auftreten
Therapie
AchtungDie Eigensicherung hat bei jedem Stromunfall oberste Priorität. Eine Patientenversorgung darf erst erfolgen, wenn keine Gefahr durch elektrischen Strom mehr besteht.
Basismaßnahmen:
- Lagerung:
- Kreislaufstabile Patient:innen: schmerzadaptierte Lagerung, häufig Oberkörper hoch, wenn keine relevanten Begleitverletzungen vorliegen
- Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
- Bei relevantem Trauma: Immobilisation
- Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
- Venöser Zugang: Intravenöser Zugang bei Analgesiebedarf, Kreislaufinstabilität, Verbrennungen oder Herzrhythmusstörungen
- Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Insuffizienz oder relevantem Trauma
- Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
- Wundversorgung: Strommarken und Verbrennungen trocken, steril und nicht haftend abdecken
- Kühlung: Nur kleine thermische Begleitverbrennungen kurzzeitig mit kühlem Wasser kühlen → keine Kühlung ausgedehnter Verletzungen
- Wärmeerhalt: konsequente Vermeidung einer Hypothermie
- Extremitätenkontrolle: Durchblutung, Motorik und Sensibilität wiederholt prüfen; auf zunehmende Schmerzen, Schwellung und Muskelspannung achten
- Begleitverletzungen: Aktiv nach Sturz-, Schleuder-, Explosions- und Lichtbogenverletzungen suchen
- Transport: Nach einem Stromunfall sollte aufgrund des Risikos verzögert auftretender Herzrhythmusstörungen und weiterer Komplikationen in der Regel eine klinische Überwachung erfolgen. Patient:innen mit einem oder mehreren Risikofaktoren sollten unbedingt einer weiterführenden klinischen Abklärung und Überwachung zugeführt werden
- Bei Hochspannungsunfällen, schweren Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen, neurologischen Auffälligkeiten oder relevantem Begleittrauma sollte frühzeitig die geeignete Zielklinik gewählt und gegebenenfalls ein Trauma- oder Verbrennungszentrum kontaktiert werden
TippRisikofaktoren nach Stromunfall
- Hochspannungsunfall
- Auffälliges 12-Kanal-EKG (z.B. Rhythmusstörungen, Erregungsleitungsstörungen oder Ischämiezeichen)
- Herzrhythmusstörungen am Unfallort oder während des Transports
- Bewusstlosigkeit oder Herz-Kreislauf-Stillstand
- Thoraxschmerzen, Palpitationen oder andere kardiale Beschwerden
- Neurologische Auffälligkeiten
- Schwere Verbrennungen oder ausgedehnte Weichteilverletzungen
- Relevantes Begleittrauma (z.B. Sturz infolge des Stromunfalls)
- Vorbestehende relevante Herzerkrankungen bzw. Herzschrittmacher/ICD
Spezifische Maßnahmen:
- Volumentherapie: Bedarfsgerechte Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen
bei Verbrennungen: 1000 ml in den ersten 2 Stunden - Schmerztherapie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl
0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam1-2 mg i.v. - Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron
4 mg i.v. oder Dimenhydrinat62 mg i.v. - Herzrhythmusstörungen: Behandlung entsprechend der Art der Arrhythmie und den aktuellen Leitlinien (z.B. Defibrillation, Kardioversion, Schrittmachertherapie oder antiarrhythmische Medikation)
Besondere Situationen
Elektroschockwaffen:
- Sehr geringe Stromstärke → Rhythmusstörungen selten
- EKG-Kontrolle
- Versorgung von Begleitverletzungen
- Dokumentation wichtig → ggf. von juristischer Bedeutung
Transport
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der Spannungshöhe, dem klinischen Zustand, dem 12-Kanal-EKG, dem Vorliegen von Herzrhythmusstörungen, Verbrennungen, Begleitverletzungen sowie weiteren Risikofaktoren.
- Niederspannungsunfall ohne Risikofaktoren: Klinische Vorstellung empfohlen. Eine ambulante Weiterbehandlung kann nach Rücksprache mit TNA oder NEF erwogen werden, sofern keine klinischen Auffälligkeiten bestehen
- Stromunfälle mit Risikofaktoren: Bei Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Möglichkeit zur klinischen Überwachung, EKG-Monitoring und weiterführender Diagnostik erfolgen
- Schwere Stromunfälle: Bei Hochspannungsunfällen, schweren Verbrennungen, polytraumatisierten Patient:innen oder anderen lebensbedrohlichen Verletzungen sollte der Transport in ein geeignetes Trauma- oder Verbrennungszentrum erfolgen. Bei längeren Transportzeiten oder zeitkritischen Verläufen sollte der Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH) erwogen werden
TippWenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
Supraventrikuläre Rhythmusstörungen Ventrikuläre Rhythmusstörungen Extrasystolen
- S2k-Leitlinie: Behandlung thermischer Verletzungen des Erwachsenen, Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin e.V. (DGV)
- Wörnle M: Stromunfall - ein pragmatischer Algorithmus, Notfall Rettungsmed 2024, 27:192–194, doi: 10.1007/s10049-023-01238-6
- Scholz J, Gräsner J, Bohn A: Referenz Notfallmedizin. 1. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2019. ISBN: 9783132412903
- Fraatz T, Plappert T. Stromunfälle – wenn der Stromkreis geschlossen ist. retten! 2025; 14(03): 182 - 192. doi:10.1055/a-1875-0679
- Liebold F, Adams N, Hinkelbein J. Strom- und Blitzunfälle im Rettungsdienst. Notfallmedizin up2date 2022; 17(04): 423 - 440. doi:10.1055/a-1801-9951
- Eschbach T, Pongratz M. Der Stromunfall. Notfallmedizin up2date 2022; 17(02): 142 - 145. doi:10.1055/a-1548-7542
- Searle et al: Kardiales Monitoring nach Stromunfall, Dtsch Arztebl Int 2013; 110(50): 847-53; doi: 10.3238/arztebl.2013.0847


