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Epistaxis (RettSan)

Nasenbluten, Nasenblutung
28 Minuten Lesezeit

Nasenbluten (Epistaxis) ist ein häufiger Einsatzanlass und meist harmlos, kann aber lebensbedrohlich werden. Die meisten Blutungen stammen aus dem vorderen Teil der Nase und lassen sich durch Zusammendrücken der Nasenflügel stillen. Blutungen aus dem hinteren Teil der Nase sind seltener, aber gefährlicher. Das Blut läuft in den Rachen und wird oft verschluckt, sodass der Blutverlust leicht unterschätzt wird. Es drohen eine Aspiration und ein hämorrhagischer Schock.

Präklinisch geht es darum, die Blutung zu stillen und die Atemwege freizuhalten. Besondere Aufmerksamkeit brauchen Patient:innen nach einem Trauma, mit Gerinnungsstörungen, unter blutverdünnenden Medikamenten oder mit instabilem Kreislauf. Sie werden gründlich untersucht und zügig in eine geeignete Klinik, idealerweise mit HNO-Abteilung, gebracht.

Um den Einstieg in das Thema Epistaxis etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Unklare Blutung
  • Ort: Privathaushalt, Wohnzimmer
  • Alarmzeit: 17:25 Uhr
  • Anrufer:in: Ehefrau des Betroffenen
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 68 Jahre alt
    • Bekannte Hypertonie
    • Starkes Nasenbluten seit 30 Minuten

Lageeinweisung vor Ort:

Der Patient sitzt nach vorn gebeugt auf einem Stuhl und hält ein blutgetränktes Tuch unter die Nase. Seine Ehefrau berichtet, dass bereits in den vergangenen zwei Tagen wiederholt kleinere Nasenblutungen aufgetreten seien, die allerdings von selbst aufhörten.

Die Lage ist wie folgt:

  • Vor dem Patienten liegt ein stark blutgetränktes Handtuch, das auf eine bereits erhebliche Blutmenge schließen lässt
  • Der Patient wirkt deutlich verängstigt und ist unruhig
  • Trotz anhaltender Kompression der Nase besteht weiterhin eine aktive Blutung
  • Die Ehefrau wirkt sichtlich besorgt und gibt an, dass die Blutung heute deutlich stärker sei als bei den vorherigen Episoden
Fallbeispiel: Epistaxis (Nasenbluten)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

  • Starkes Nasenbluten

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig, mit Blutablagerungen an den Nasenflügeln und im Rachen
  • Patient spricht selbständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits normal
    • Tachypnoe, 21/min
  • Auskultatorisch:
    • Normales Atemgeräusch beidseits
    • Keine Atemnebengeräusche
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 97 %

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard, 105/min
  • Blutdruck: 195/105 mmHg

Kein
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome: Starkes Nasenbluten seit 30 Minuten, geschätzter Blutverlust 300 ml, früher auch schon öfter Nasenbluten gehabt
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Dauermedikation Ramipril, Amlodipin. Akutmedikation: Gestern Aspirin bei Kopfschmerz eingenommen
  • Patientengeschichte: Bekannte arterielle Hypertonie, gelegentlich begleitet von Kopfschmerzen
  • Letzte Mahlzeit: um ca. 12 Uhr
  • Ereignis: Stress durch Streit mit Ehefrau
  • Risikofaktoren: Hypertonie und Aspirineinnahme

Akutes
E-Problem

 Definition
Epistaxis

Epistaxis bezeichnet eine Blutung aus der Nasenschleimhaut, die meist aus den vorderen Nasenabschnitten, insbesondere dem Locus Kiesselbachi im vorderen Nasenseptum, stammt.

Einteilung nach Lokalisation

  • Vordere Epistaxis: Blutungsquelle meist im Locus Kiesselbachi. Die Blutung ist in der Regel leicht, hört oft von allein auf und lässt sich mit einfachen Maßnahmen stillen
  • Hintere Epistaxis: Blutungsquelle in den Arterien des hinteren Nasenraums. Die Blutung ist häufig stärker, oft arteriell und geht mit einem erhöhten Risiko für Aspiration sowie hämorrhagischen Schock einher

Einteilung nach Schweregrad

  • Leichte Epistaxis: Selbstlimitierende Blutung, die mehrheitlich ambulant und konservativ behandelt werden kann
  • Schwere Epistaxis: ausgeprägte Blutung mit möglicher Notwendigkeit einer Nasentamponade, interventioneller Blutstillung (z.B. Embolisation) oder Kreislaufstabilisierung, da sie potenziell lebensbedrohlich sein kann
 Info

Die Ursachen einer Epistaxis lassen sich in lokale und systemische Ursachen einteilen.

Lokale Ursachen

  • Schleimhautveränderungen: Trockene Nasenschleimhaut, Schnupfen oder Sinusitis, Langzeitgebrauch von Nasentropfen oder Sprays, Kokainkonsum
  • Verletzungen: Nasenbohren, Fremdkörper, Sturz, Schlag, Nasenbeinbruch, Verletzungen durch medizinische Maßnahmen, z.B. Intubation oder Magensonde
  • Tumore der Nase und Nasennebenhöhlen

Systemische Ursachen

  • Arterielle Hypertonie: Häufigste systemische Mitursache
  • Gerinnungsstörungen: Gerinnungshemmende Medikamente und Thrombozytenaggregationshemmer, Lebererkrankungen, Morbus Osler (= erbliche Gefäßerkrankung mit wiederkehrendem Nasenbluten)

Häufig lässt sich keine Ursache finden, z.B. bei Kindern oder in den Wintermonaten durch trockene Raumluft.

Blutversorgung der Nase

Die Nasenschleimhaut wird von vielen kleinen Blutgefäßen versorgt. Sie stammen aus Ästen der inneren und äußeren Halsschlagader. Im vorderen Bereich der Nasenscheidewand bilden sie ein dichtes Netz aus feinsten Blutgefäßen (= Locus Kiesselbachi). Diese Gefäße liegen direkt unter der Schleimhaut und reißen deshalb leicht ein.

Arterielle Versorgung der Nase (Ansicht von rechts)
Locus Kiesselbachi: die häufigste Blutungsquelle der vorderen Epistaxis

Entstehung der Blutung

  1. Nasenbohren, Fremdkörper, Entzündungen, trockene Luft oder Nasensprays schädigen die Schleimhaut
  2. Die oberflächlichen Gefäße reißen ein, es blutet
  3. Der Körper versucht, die Blutung selbst zu stillen: Blutplättchen lagern sich an der verletzten Stelle an und bilden ein Gerinnsel, das die Blutungsquelle verschließt

Was die Blutstillung erschwert

  • Hoher Blutdruck: Der Druck in den Gefäßen ist erhöht, die zarten Gefäßwände reißen leichter ein. Gegen den hohen Druck kann sich kein stabiles Gerinnsel bilden
  • Gerinnungshemmende Medikamente: Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer schwächen die Blutgerinnung. Schon kleine Verletzungen der Schleimhaut führen dann zu wiederkehrenden oder starken Blutungen

Folgen für den Kreislauf

Bei einer starken Blutung verliert der Körper schnell Blut. Er versucht, das zunächst auszugleichen:

  • Schnellerer Herzschlag: Das Herz schlägt schneller, damit weiter genug Blut durch den Körper fließt
  • Zentralisation: Der Körper verengt die Blutgefäße in Haut, Armen und Beinen, damit Herz und Gehirn mehr Blut bekommen. Die Haut wird dadurch blass und kalt
  • Volumenmangel: Nimmt der Blutverlust zu, reicht dieser Ausgleich nicht mehr aus. Der Blutdruck fällt und die Organe bekommen zu wenig Sauerstoff
 Achtung
Hämorrhagischer Schock

Bei einer schweren hinteren Epistaxis blutet häufig eine Arterie. Dabei kann in kurzer Zeit so viel Blut verloren gehen, dass ein hämorrhagischer Schock entsteht. Erste Warnzeichen sind Blässe, Kaltschweißigkeit und ein steigender Puls. Der Blutdruck fällt erst später ab.

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei Epistaxis
  • Schleimhautschaden: Oberflächliche Gefäße reißen ein und lösen die Blutung aus
  • Erschwerte Blutstillung: Hoher Blutdruck und gerinnungshemmende Medikamente verhindern ein stabiles Gerinnsel
  • Blutverlust: Bei einer starken, vor allem hinteren Blutung drohen Volumenmangel und hämorrhagischer Schock
  • Aspiration: Blut, das in den Rachen läuft, kann eingeatmet werden
 Merke

Leitsymptom: sichtbares Nasenbluten aus einem oder beiden Nasenlöchern.

Epistaxis (Nasebluten)
Epistaxis (Nasenbluten)

Je nach Schweregrad können weitere Zeichen auftreten:

  • Blutgerinnsel oder Blutkrusten: nach dem Ende der Blutung im Nasenvorhof sichtbar
  • Blut im Rachen: metallischer Geschmack im Mund sowie Übelkeit durch geschlucktes Blut
  • Blutaspiration: insbesondere bei starker oder hinterer Epistaxis
  • Druckgefühl oder Brennen: leichtes Druck- oder Brenngefühl im Bereich der Nase
  • Schwindel, Unruhe und Angst
  • Bei stärkerem Blutverlust: Blässe, Kaltschweißigkeit, Tachykardie, Hypotonie, Synkope, Dyspnoe und Bewusstseinseintrübung als Zeichen eines drohenden hämorrhagischen Schocks
 Info
Untypische Verläufe

Eine hintere Epistaxis kann ohne sichtbare äußere Blutung verlaufen, weil das Blut nach hinten in den Rachen abfließt. Hinweise sind Blut im Rachen, häufiges Schlucken, Übelkeit oder Bluterbrechen. Der Blutverlust wird so leicht unterschätzt.

 Achtung
Red Flags
  • Starke Blutung oder eine Blutung, die trotz Kompression anhält
  • Zeichen eines hämorrhagischen Schocks: Blässe, Kaltschweißigkeit, Tachykardie, Blutdruckabfall, Bewusstseinseintrübung
  • Blutaspiration: gurgelnde Atmung, Husten, Atemnot
  • Blutung nach Trauma oder unter Antikoagulation sowie Verdacht auf eine hintere Epistaxis
  • Stark erhöhter Blutdruck mit Zeichen eines hypertensiven Notfalls: stärkste Kopfschmerzen, Brustschmerz, Atemnot, neurologische Ausfälle

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Am Einsatzort zählt die Richtung des Blutflusses. Bei der vorderen Epistaxis tritt das Blut aus der Nase aus und lässt sich durch Kompression der Nasenflügel stillen. Bei der hinteren Epistaxis läuft das Blut in den Rachen, oft ohne sichtbare äußere Blutung. Die Kompression bleibt dann ohne Erfolg.

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:

  • S (Symptome): Plötzlich auftretendes Nasenbluten, ein- oder beidseitig, ggf. mit Blutabfluss in den Rachen. Bei stärkerem Blutverlust Schwindel, Blässe, Tachykardie oder Hypotonie
  • A (Allergien/Infektionen): Allergien, Infektionen der oberen Atemwege (z.B. Rhinitis oder Sinusitis)
  • M (Medikation): Antikoagulanzien (z.B. direkte orale Antikoagulanzien oder Phenprocoumon) und Thrombozytenaggregationshemmer (z.B. ASS, Clopidogrel)
  • P (Patientengeschichte): Wiederkehrende Epistaxis, Gerinnungsstörungen, arterielle Hypertonie, Nasenoperationen
  • L (Letzte…): Zeitpunkt des Blutungsbeginns, letzte Einnahme gerinnungshemmender Medikamente
  • E (Ereignis): Auslöser wie Trauma, Nasenbohren, starkes Schnäuzen oder ein akut stark erhöhter Blutdruck
  • R (Risikofaktoren): Arterielle Hypertonie, Antikoagulation, übermäßiger Gebrauch von Nasenspray, hohes Lebensalter
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen, die stärker durchblutete Schleimhaut begünstigt Nasenbluten
 Tipp

Zwei Fragen gehören zu jedem Nasenbluten: „Wie hoch ist der Blutdruck?" und: „Nimmt die betroffene Person gerinnungshemmende Medikamente?" Hoher Blutdruck und Gerinnungshemmer verlängern die Blutung und stärker.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Nase und Gesicht: Blutung aus einem oder beiden Nasenlöchern, Koagel, Traumazeichen wie Blutergüsse oder Fehlstellungen
  • Blutungslokalisation: 
    • Vordere Epistaxis mit sichtbarem Blutaustritt aus der Nase
    • Hintere Epistaxis mit Blutabfluss in den Rachen oder Mund, häufig ohne erkennbare äußere Blutungsquelle
  • Haut: Blässe und Kaltschweißigkeit als Hinweis auf Blutverlust

Palpation:

  • Nase und Gesicht: Druckschmerz, Instabilität, Stufenbildung als Hinweise auf Frakturen
  • Hauttemperatur und Pulsqualität: Beurteilung der Kreislaufstabilität
  • Rekap-Zeit messen

Perkussion:

Hat bei der Epistaxis keine eigenständige Bedeutung.

Auskultation:

  • Lunge: Im Normalfall unauffällig
    • Gurgelnde oder brodelnde Atemgeräusche weisen auf eine Blutaspiration hin

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden bei Epistaxis engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterLeichte BlutungSchwere BlutungKlinische Bedeutung
AtemfrequenzNormwertigErhöht Zeichen einer Hypovolämie oder einer Blutaspiration mit Hypoxie
Sauerstoffsättigung (SpO₂)NormwertigIn der Regel normwertig, bei Aspiration erniedrigtEin Abfall tritt nur bei Aspiration oder ausgeprägter Minderdurchblutung auf
HerzfrequenzNormwertig, durch Aufregung leicht erhöhtErhöht Frühes Zeichen des Blutverlusts: Die Herzfrequenz steigt, bevor der Blutdruck fällt
BlutdruckHäufig erhöhtInitial erhöht, später erniedrigtEin stark erhöhter Wert ist zugleich Ursache und Hindernis der Blutstillung, deshalb bei jedem Nasenbluten messen und wiederholen. Ein Abfall ist ein Zeichen des hämorrhagischen Schocks
EKGIn der Regel unauffälligTachykardieRettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
KörpertemperaturNormwertigNormwertigAuskühlung verschlechtert die Gerinnung, deshalb auf Wärmeerhalt achten
BlutzuckerNormwertigNormwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen

Orientierende neurologische Untersuchung

Ein stärkerer Blutverlust zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
 Tipp
Neurologische Ausfälle

Eine isolierte Epistaxis geht nicht mit neurologischen Ausfällen einher. Eine Aphasie, eine Dysarthrie oder eine Anisokorie sprechen für eine zentrale neurologische Ursache. Ein klarer wässriger Nasenausfluss nach einem Trauma ggf. für eine Schädelbasisfraktur.

Mögliche auslösende Erkrankungen und Verletzungen

Nasenbluten kann Begleitzeichen einer anderen Erkrankung oder Verletzung sein. Die Tabelle nennt mögliche Auslöser, an die bei einer Epistaxis gedacht werden sollte.

AuslöserWas eher dafür spricht
Hypertensiver NotfallBlutdruck über 180/110 mmHg mit Kopfschmerzen, Brustschmerz, Atemnot oder neurologischen Ausfällen
SchädelbasisfrakturKopftrauma, Brillenhämatom, klarer wässriger Nasenausfluss, Bewusstseinsstörung
Nasenbein- oder MittelgesichtsfrakturTrauma, Schwellung, Fehlstellung, Stufenbildung, Septumhämatom
GerinnungsstörungEinnahme gerinnungshemmender Medikamente, Blutungen auch an anderen Stellen, z.B. Blutergüsse oder Zahnfleischbluten
Morbus OslerWiederkehrendes Nasenbluten seit Jahren, kleine rote Gefäßerweiterungen an Lippen, Zunge oder Fingern, ähnliche Beschwerden in der Familie

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung:
    • Stabiler Kreislauf: Oberkörper aufrichten und leicht nach vorn beugen, so läuft das Blut nach vorn ab und wird nicht verschluckt oder aspiriert. Den Kopf nicht in den Nacken legen
    • Instabiler Kreislauf: Flachlagerung mit zur Seite gedrehtem Kopf, Absaugbereitschaft herstellen. Bei Bewusstseinsstörung oder Erbrechen Seitenlage
  • Nasenflügelkompression: kontinuierliche Kompression des weichen Nasenanteils für 15 bis 20 Minuten ohne Unterbrechung, die effektivste Erstmaßnahme bei vorderer Epistaxis. Die betroffene Person kann selbst drücken
  • Blut ausspucken lassen: Geschlucktes Blut reizt den Magen und kann Übelkeit und Erbrechen auslösen. Außerdem lässt sich der Blutverlust nur abschätzen, wenn das Blut sichtbar ist
  • Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen. Stress erhöht den Blutdruck
  • Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientiert bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder instabilem Kreislauf. Eine routinemäßige Sauerstoffgabe ist nicht erforderlich
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Lokale Kühlung (Eiskrawatte): Kühlung im Nacken oder an der Nasenwurzel kann unterstützend erfolgen.
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen. Auskühlung verschlechtert die Gerinnung
 Info
Eiskrawatte

Der klinische Nutzen einer Eiskrawatte bei Epistaxis ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt, da kontrollierte Studien fehlen. Die Eiskrawatte kann ergänzend angewendet werden, ersetzt jedoch nicht die Nasenflügelkompression und darf diese nicht verzögern.

 Merke

Bereits 50 bis 100 ml geschlucktes Blut können die Magenschleimhaut reizen und Übelkeit sowie Erbrechen auslösen.

 Tipp
Nasenschleuder

Bei leichter Epistaxis kann eine Nasenschleuder zum Auffangen des Blutes angelegt werden. Steht keine Nasenschleuder zur Verfügung, lässt sie sich einfach aus zwei Mullbinden herstellen. 

Nasenschleuder

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jeder Epistaxis eingesetzt.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Xylometazolin 2 bis 4 Tropfen in jedes NasenlochLokale Vasokonstriktion als Ergänzung zur KompressionTropfen bereitlegen, danach weiter Nasenflügel weiter komprimieren
Tranexamsäure 0,5 g i.n.Bei anhaltender oder starker Epistaxis: stabilisiert das Gerinnsel, indem sie seine Auflösung (= Fibrinolyse) hemmtAmpulle, Spritze und Zerstäuberaufsatz vorbereiten
Urapidil 5 bis 10 mg i.v. titriert, max. 50 mgBei anhaltend erhöhtem Blutdruck: kontrollierte Senkung um 15 bis 25 % des AusgangswertesMaterial für den intravenösen Zugang vorbereiten, Blutdruck engmaschig kontrollieren
Vordere Nasentamponade: Mullkompresse, getränkt mit Tranexamsäure 0,5 g und Adrenalin 1:10.000 2 ml oder hämostyptisches Verbandmittel (= blutstillendes Verbandmaterial)Lokale Blutstillung bei lebensbedrohlicher EpistaxisKompressen, Tranexamsäure, Adrenalin, Pinzette und Pflaster bereitlegen, Tamponade fixieren
Invasive Atemwegssicherung (endotracheale Intubation)Schutz vor Aspiration bei massiver Blutung, Bewusstseinsstörung oder drohender Verlegung der AtemwegeIntubationsmaterialien inkl. Beatmungsbeutel und leistungsstarker Absaugung vorbereiten (größtmöglicher Absaugkatheter), Videolaryngoskop bereitlegen → mit schlechter Sicht durch Blut rechnen
Hintere Nasentamponade: Blasenkatheter 14 F mit BallonBlutstillung bei hinterer Epistaxis. Expertise erforderlich!Katheter, Blockerspritze, Holzspatel und Pflaster bereitlegen
Nasentamponade mit einem Blasenkatheter
Nasentamponade mit einem Blasenkatheter
 Achtung
Komplikation der Tamponade

Die schwerwiegendste Komplikation ist das Verrutschen nach hinten mit der Gefahr einer Verlegung der Atemwege. Daher muss jede Tamponade sicher fixiert werden, z.B. mit Pflaster am Nasenrücken.

Bei leichter Epistaxis kommt eine ambulante Vorstellung in einer HNO-Praxis oder HNO-Ambulanz in Betracht. Bei anhaltender oder lebensbedrohlicher Epistaxis erfolgt der Transport in ein Krankenhaus mit HNO-Fachabteilung. Bei traumatischer Epistaxis wird eine geeignete Traumaklinik entsprechend dem Verletzungsmuster angesteuert.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da Anstrengung den Blutdruck erhöht und bei stärkerem Blutverlust Schwindel und Synkope drohen
  • Lagerung während der Fahrt:
    • Stabiler Kreislauf: Oberkörper hoch, Kopf leicht nach vorn geneigt, damit kein Blut aspiriert wird
    • Instabiler Kreislauf: flach, Kopf zur Seite gedreht
  • Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG und SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
    • Besonders auf eine zunehmende Blutung, Blut im Rachen, gurgelnde Atmung und Blässe achten, da sie eine Blutaspiration oder einen hämorrhagischen Schock anzeigen
    • Eine ggf. eingeführte Nasentamponade auf Dislokation kontrollieren, die Absaugung liegt griffbereit
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Verdacht auf Epistaxis klar benennen, mit vermuteter Lokalisation (vordere oder hintere Epistaxis)
  • Blutungsbeginn und Blutungsverlauf, geschätzter Blutverlust
  • Vermutete Ursache
  • Blutdruckverlauf
  • Gerinnungshemmende Medikation mit letzter Einnahme sowie relevante Vorerkrankungen
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen einschließlich ihrer Wirkung
  • Sauerstofftherapie
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt anhand des sichtbaren Blutaustritts aus der Nase, der bekannten arteriellen Hypertonie und der Aspirineinnahme am Vortag eine vordere Epistaxis mit erschwerter Blutstillung.

Der Patient wird mit aufgerichtetem Oberkörper und leicht nach vorn geneigtem Kopf gelagert, spuckt das Blut aus und drückt die weichen Nasenflügel 15 bis 20 Minuten ohne Unterbrechung zusammen. Eine Eiskrawatte wird in den Nacken gelegt und das Monitoring angeschlossen: Blutdruck 195/105 mmHg, Herzfrequenz 105/min, SpO₂ 97 %. Bei normaler Sättigung erhält der Patient keinen Sauerstoff. Die neurologische Untersuchung ist unauffällig.

Die Notfallsanitäterin gibt 2 Tropfen Xylometazolin in beide Nasenlöcher und die manuelle Kompression wird fortgeführt. Weil die Blutung anhält, bereitet der Rettungssanitäter den intravenösen Zugang vor und reicht 0,5 g Tranexamsäure mit einem aufgesetzten MAD (= Zerstäuberaufsatz) an, die die Notfallsanitäterin intranasal appliziert. Daraufhin hört die Blutung auf. Wegen des anhaltend hohen Blutdrucks von 190/100 mmHg verabreicht die Notfallsanitäterin Urapidil intravenös, titriert in Schritten von 5 mg, insgesamt 10 mg.

Nach zehn Minuten liegt der Blutdruck bei 165/90 mmHg, der Patient ist ruhiger und es tritt kein Blut mehr aus. Er wird im Tragestuhl zum Fahrzeug befördert und dort mit aufgerichtetem Oberkörper und leicht nach vorn geneigtem Kopf gelagert. 

Ziel ist eine Klinik mit HNO‑Fachabteilung. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Blutungsverlauf, den Blutdruckverlauf, die Aspirineinnahme und die verabreichten Medikamente.

Definition

 Definition
Epistaxis

Epistaxis bezeichnet eine Blutung aus der Nasenschleimhaut, die meist aus den vorderen Nasenabschnitten, insbesondere dem Locus Kiesselbachi im vorderen Nasenseptum, stammt.

  • Vordere Epistaxis: Locus Kiesselbachi, meist leicht, durch Kompression zu stillen
  • Hintere Epistaxis: stärker, oft arteriell, Blut läuft in den Rachen, Gefahr von Aspiration und Schock

Ursachen

  • Lokal: trockene Schleimhaut, Entzündungen, Nasensprays, Nasenbohren, Fremdkörper, Trauma, Tumore
  • Systemisch: arterielle Hypertonie (häufigster Kofaktor), Gerinnungsstörungen durch Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmer (ASS), Hämophilie, Morbus Osler
  • Idiopathisch: Kinder, Wintermonate

Pathophysiologie

  • Locus Kiesselbachi: oberflächliches Kapillarnetz, hohe Blutungsneigung
  • Hämorrhagischer Schock: Tachykardie und Vasokonstriktion, Dekompensation unter etwa 70 % des Blutvolumens

Symptome

  • Leitsymptom: sichtbares Nasenbluten, bei hinterer Epistaxis Blutabfluss in den Rachen
  • Begleitzeichen: Koagel, Übelkeit durch geschlucktes Blut, Blutaspiration
  • Bei Blutverlust: Blässe, Kaltschweißigkeit, Tachykardie, Hypotonie, Schwindel, Synkope
 Achtung
Red Flags
  • Starke oder persistierende Blutung
  • Zeichen eines hämorrhagischen Schocks
  • Blutaspiration
  • Blutung nach Trauma oder unter Antikoagulation, Verdacht auf hintere Epistaxis
  • Stark erhöhter Blutdruck mit Zeichen eines hypertensiven Notfalls

Diagnostik

  • Anamnese nach SAMPLER(S): Blutungsbeginn, Gerinnungshemmer und letzte Einnahme, Hypertonie, Auslöser
  • Körperliche Untersuchung: Blutungsrichtung, Traumazeichen, Blässe, Rekap-Zeit, gurgelnde Atemgeräusche
  • Vitalparameter: Blutdruck bei jedem Nasenbluten messen und wiederholen, Herzfrequenz, SpO₂, Blutzucker, 12-Kanal-EKG anlegen
  • Neurologische Untersuchung: Vigilanz, Pupillen, Sprache, Kraft im Seitenvergleich, Liquorrhö. Eine isolierte Epistaxis macht keine neurologischen Ausfälle
  • Auslöser (Differenzialdiagnosen): hypertensiver Notfall, Schädelbasisfraktur, Gesichtsfraktur, Gerinnungsstörung, Morbus Osler

Therapie

  • Basismaßnahmen: Oberkörper hoch und Kopf nach vorn, Nasenflügel 15 bis 20 Minuten ohne Unterbrechung komprimieren, Blut ausspucken lassen, Monitoring mit Blutdruck, Sauerstoff nur bei Bedarf, Kühlung im Nacken ergänzend, Nasenschleuder bei leichter Blutung, Absaugbereitschaft, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Wärmeerhalt
  • Xylometazolin 2 bis 4 Tropfen in jedes Nasenloch zur lokalen Vasokonstriktion
  • Tranexamsäure 0,5 g i.n. zur Stabilisierung des Gerinnsels bei anhaltender Blutung
  • Urapidil 5 bis 10 mg i.v. titriert, max. 50 mg bei anhaltend erhöhtem Blutdruck, Senkung um 15 bis 25 %
  • Vordere Tamponade: Mullkompresse mit Tranexamsäure 0,5 g und Adrenalin 1:10.000 2 ml
  • Hintere Tamponade: Blasenkatheter 14 F

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: persistierend oder lebensbedrohlich Krankenhaus mit HNO-Fachabteilung, traumatisch Traumaklinik
  • Lagerung und Monitoring: Oberkörper hoch, Kopf nach vorn, bei Schockzeichen flach mit zur Seite gedrehtem Kopf, nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, Blutstillung fortführen, Absaugung griffbereit
  • Übergabe nach SINNHAFT: Blutungsverlauf, Blutverlust, Lokalisation, Blutdruckverlauf, Gerinnungshemmer, Medikamente und Maßnahmen
 Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Epistaxis (NotSan)
  • Hypertensiver Notfall (NotSan)
  • Schock (NotSan)
  • Schlaganfall (NotSan)
  • Lagerung (RD)
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 22.10.2026
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