Medi Know
Logo Image

Exsikkose (RettSan)

Dehydratation, Flüssigkeitsmangel, Austrocknung
27 Minuten Lesezeit

Die Exsikkose ist eine ausgeprägte Form der Dehydratation, also des Flüssigkeitsmangels im Körper. Gehen viel Flüssigkeit und Elektrolyte verloren, etwa durch Erbrechen, Durchfall, Fieber oder eine zu geringe Trinkmenge, sinkt das Volumen im Gefäßsystem. Unbehandelt drohen ein hypovolämischer Schock, ein akutes Nierenversagen durch Minderdurchblutung und schließlich ein Multiorganversagen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Für den Rettungsdienst kommt es darauf an, eine Exsikkose früh zu erkennen. Schwäche, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, ein schneller Puls oder ein niedriger Blutdruck können auf einen relevanten Flüssigkeitsmangel hinweisen.

Präklinisch wird Flüssigkeit über eine Infusion mit einer balancierten Vollelektrolytlösung zugeführt. Die Menge richtet sich nach den Symptomen und dem Kreislauf.

Um den Einstieg in das Thema Exsikkose etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Unklare Bewusstseinsveränderung
  • Ort: Pflegeheim
  • Alarmzeit: 11:45 Uhr
  • Anrufer:in: Pflegekraft
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • 75-jähriger männlicher Patient
    • Seit mehreren Tagen zunehmende Schwäche und reduzierter Allgemeinzustand
    • Deutlich verminderte Flüssigkeitsaufnahme in den vergangenen Tagen
    • Aktuell unklare Bewusstseinsveränderung

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen wird das Team des Rettungsdienstes von Pflegekräften am Eingang empfangen und zum Zimmer des Patienten begleitet.

Die Lage stellt sich wie folgt dar:

  • Das Pflegepersonal berichtet, dass der Patient seit etwa 48 Stunden nur geringe Mengen Flüssigkeit zu sich genommen hat
  • In den vergangenen Tagen sei eine zunehmende Schwäche und Apathie aufgefallen
  • Der Patient ist bettlägerig und weist eine bekannte kardiale Vorerkrankung auf
  • Aktuell reagiert er nur eingeschränkt auf Ansprache und wirkt deutlich vigilanzgemindert
  • Trotz wiederholter Unterstützung durch das Pflegepersonal konnte keine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme erreicht werden
  • Zudem wurde eine erhöhte Körpertemperatur festgestellt
Fallbeispiel: Exsikkose

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

Keine kritischen Blutungen

Kein
x-Problem

A

  • Freie Atemwege
  • Keine Zeichen einer Verlegung
  • Schleimhäute trocken, rissig und stumpf

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Flache Atmung
  • Auskultatorisch:
    • Atmung flach, ohne pathologische Atemmuster oder Atemgeräusche
    • Tachypnoe bei ca. 22 Atemzügen/Minute
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 92 %

Mittelbares
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Hautturgor vermindert
  • Kalte Extremitäten
  • Rekap-Zeit: 3 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard bei ca. 110/Minute
  • Blutdruck: 110/79 mmHg

Mittelbares
C-Problem

D

  • Wach, ansprechbar, etwas desorientiert
  • GCS 13:
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 4
    • Beste motorische Reaktion: 5
  • Verzögerte Reaktion
  • Keine fokalneurologischen Defizite
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Akutes
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Insgesamt auffällig schwach
  • Symptome:
    • Schwindel
    • Schwäche
    • Desorientierung
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Medikamentenplan liegt nicht vor
  • Patientengeschichte: Z.n. Bypass-OP 2018, arterieller Hypertonus, Hypercholesterinämie
  • Letzte Einnahme von Getränken: Zuletzt deutlich weniger getrunken, lehnt Getränke zumeist ab
  • Ereignis: Kein Erbrechen, kein Durchfall
  • Risikofaktoren: Älterer Patient, hat zuletzt wenig getrunken

Kein
E-Problem

Definition
Exsikkose

Exsikkose bezeichnet eine ausgeprägte Form der Dehydratation, bei der ein erheblicher Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten zu einer deutlichen Austrocknung des Organismus führt. Durch den resultierenden Volumenmangel im Intravasalraum sowie die verminderte Gewebshydratation entsteht ein akuter Zustand, der unbehandelt lebensbedrohliche Folgen haben kann.

Definition
Dehydratation

Im Körper fehlt insgesamt Wasser. Dabei kann sich auch der Gehalt an Elektrolyten und anderen gelösten Teilchen im Blut verändern.

 Merke

Eine Exsikkose entsteht, wenn der Flüssigkeitsverlust des Körpers die Flüssigkeitsaufnahme übersteigt und dadurch ein relevanter Wasser- und Volumenmangel entsteht.

Häufige Ursachen sind:

  • Unzureichende Flüssigkeitszufuhr, insbesondere bei älteren, pflegebedürftigen oder bewusstseinsgestörten Personen
  • Erhöhte Flüssigkeitsverluste über die Nieren, z.B. durch entwässernde Medikamente, den Gastrointestinaltrakt, die Haut oder die Atemwege
  • Pathologische Flüssigkeitsverluste bei Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, Erbrechen, Diarrhö oder großflächigen Verbrennungen
  • Begünstigende Faktoren: Fieber, starkes Schwitzen, Hyperventilation oder eine unzureichende Flüssigkeitssubstitution
 Info

Abhängig von der Ursache der Exsikkose treten Elektrolytverschiebungen in unterschiedlichem Ausmaß auf, die maßgeblich die klinische Symptomatik und den Schweregrad beeinflussen können.

Das Gesamtkörperwasser entspricht etwa 60 % des Körpergewichts. Täglich werden etwa 2,6 Liter Flüssigkeit aufgenommen und in ähnlicher Menge über Urin, Haut, Lunge und Stuhl ausgeschieden. Übersteigen die Verluste die Aufnahme, entsteht eine negative Wasserbilanz.

Wasserbilanz
Wasserbilanz

Wasser- und Elektrolytverlust

Je nachdem, ob mehr Wasser oder mehr Natrium verloren geht, werden drei Formen unterschieden:

  • Isotone Verluste: Proportionaler Verlust von Wasser und Natrium (z.B. Blutungen, Magen-Darm-Infekt). Das Volumen nimmt ab, die Osmolalität bleibt unverändert
  • Hypotone Verluste: Der Natriumverlust überwiegt (z.B. Erbrechen, Diuretikatherapie). Wasser verschiebt sich in die Zellen, es droht ein Hirnödem
  • Hypertone Verluste: Der Wasserverlust überwiegt (z.B. Fieber, starkes Schwitzen, Diabetes insipidus). Wasser tritt aus den Zellen aus, die Zellen schrumpfen (Zelldehydratation)
Störungen des Wasserhaushalts
Störungen des Wasserhaushalts

Gegenregulation des Körpers

Bei einem Flüssigkeitsmangel versucht der Körper, Wasser und Natrium zurückzuhalten und die Flüssigkeitsaufnahme zu steigern:

  • ADH: Die Niere scheidet weniger Wasser aus, der Urin wird konzentrierter
  • RAAS: Das hormonelle Regelsystem von Niere und Nebenniere sorgt dafür, dass die Niere Natrium und damit auch Wasser zurückhält
  • Durstgefühl: Das Durstzentrum im Gehirn steigert die Flüssigkeitsaufnahme. Bei älteren oder bewusstseinsgestörten Personen ist dieser Mechanismus häufig abgeschwächt
Osmotischer Durst
Osmotischer Durst

Folgen

Reichen diese Mechanismen nicht mehr aus, zeigen sich folgende Auswirkungen auf Kreislauf und Organe:

  • Volumenmangel: Der venöse Rückstrom zum Herzen sinkt und damit das Schlagvolumen. Kompensatorisch steigen Herzfrequenz und eine Engstellung der Gefäße
  • Fortschreitende Exsikkose: Hypotonie, verminderte Hautdurchblutung und verlängerte Rekapillarisierungszeit
  • Organhypoperfusion: Anhaltende Minderdurchblutung der Nieren birgt die Gefahr eines prärenalen Nierenversagens
  • Zelldehydratation: Tritt Wasser aus den Hirnzellen aus, drohen Desorientierung, Krampfanfälle oder Koma
 Achtung
Hypovolämischer Schock

Eine schwere Exsikkose kann in einen hypovolämischen Schock übergehen. Früh erkennbar ist das an Tachykardie, einem schwach tastbaren Puls, kühlen, blassen Extremitäten und einer Rekap-Zeit über 2 Sekunden.

 Merke

Die kritischen Probleme einer Exsikkose sind:

  • Hypovolämischer Schock: Der Kreislauf kann den Volumenmangel nicht mehr ausgleichen, der Blutdruck fällt ab
  • Prärenales Nierenversagen: Die Nieren werden anhaltend zu wenig durchblutet
  • Bewusstseinsstörungen: Von Desorientierung über Krampfanfälle bis zum Koma
  • Herzrhythmusstörungen: Durch Verschiebungen der Elektrolyte
Stehende Hautfalte als Zeichen einer Exsikkose
Stehende Hautfalte als Zeichen einer Exsikkose
 Merke

Leitsymptom: trockene Haut mit stehenden Hautfalten und trockene Schleimhäute. Bei fortgeschrittener Exsikkose kommen Schwäche, Vigilanzminderung und Zeichen des Volumenmangels wie Tachykardie und Hypotonie hinzu.

Je nach Ausprägung können weitere Zeichen auftreten:

  • Eingesunkene Augen: Eingesunkene oder dunkel umrandete Augen, reduzierte Tränenproduktion
  • Durstgefühl: Bei älteren oder bewusstseinsgestörten Personen häufig abgeschwächt
  • Schwäche, Müdigkeit und Benommenheit: Folgen der verminderten Durchblutung
  • Desorientierung: Ausdruck einer beeinträchtigten Durchblutung des Gehirns oder einer Hyperosmolarität
  • Tachykardie und Hypotonie: Kompensationsmechanismen bei intravasalem Volumenmangel
  • Schwacher Puls, verlängerte Rekapillarisierungszeit, kühle und blasse Extremitäten: Zeichen der Zentralisation 
  • Oligurie oder Anurie und konzentrierter, dunkler Urin: Die Nieren halten Wasser zurück
 Info
Untypische Verläufe

Bei älteren Menschen fehlt das Durstgefühl häufig, stattdessen fallen Hypotonie, Stürze oder ein Delir auf. 

Kinder und Säuglinge trocknen bei Fieber, Diarrhö oder Erbrechen rasch aus. Bei Säuglingen fällt die Fontanelle ein.

 Achtung
Red Flags
  • Vigilanzminderung oder neu aufgetretene Verwirrtheit, verzögerte Reaktion auf Ansprache
  • Zeichen des hypovolämischen Schocks: Hypotonie, Tachykardie, schwacher Puls, Rekap-Zeit über 2 Sekunden, kühle und blasse Extremitäten
  • Krampfanfall
  • Fehlende Urinausscheidung über mehrere Stunden
  • Fieber mit Exsikkosezeichen oder ein auffälliger Blutzucker, weil eine Sepsis oder eine hyperglykämische Entgleisung dahinterstecken kann

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Die Dehydratation ist der Zustand des Flüssigkeitsdefizits, die Exsikkose seine klinisch sichtbare Form. Am Einsatzort erkennbar sind trockene Schleimhäute, stehende Hautfalten, Tachykardie, Hypotonie und Vigilanzminderung. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit bei älteren Menschen ist ein D-Problem und wird abgeklärt, nicht als altersbedingt gewertet.

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema. Bei der Exsikkose sind folgende Angaben besonders wichtig:

  • S (Symptome): Schwindel, Müdigkeit, Schwäche, Durst, trockene Schleimhäute, wenig und dunkler Urin, bei fortgeschrittener Exsikkose Desorientierung oder Bewusstseinsstörungen
  • A (Allergien/Infektionen): Gastroenteritiden und fieberhafte Erkrankungen führen zu erhöhten Flüssigkeitsverlusten
  • M (Medikation): Diuretika, Antidiabetika (z.B. SGLT-2-Hemmer, die Zucker und damit Wasser über den Urin ausscheiden), Laxantien (= Abführmittel)
  • P (Patientengeschichte): Trinkverhalten, Mobilität, Demenz, Dysphagie (= Schluckstörung), Nieren- oder Herzinsuffizienz
  • L (Letzte…): Letzte Flüssigkeitsaufnahme mit Menge, letzte Miktion (= Wasserlassen), Urinfarbe
  • E (Ereignis): Erbrechen, Durchfall, Fieber, Hitze, körperliche Belastung oder zu wenig getrunken
  • R (Risikofaktoren): Höheres Lebensalter, Demenz, Niereninsuffizienz, Diuretika, Diabetes mellitus, Hitzeperioden
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen. Bei Hyperemesis gravidarum (= schwere Schwangerschaftsübelkeit) besteht ein erhöhtes Risiko für eine Exsikkose

Körperliche Untersuchung

Inspektion: 

  • Haut: Trockene, matte und wenig elastische Haut als Hinweis auf einen Flüssigkeitsmangel
    • Stehende Hautfalten: klassisches Zeichen einer Exsikkose durch verminderten Hautturgor
    • Blasse Haut oder periphere Zyanose: Hinweis auf Hypovolämie und eingeschränkte periphere Perfusion
  • Schleimhäute und Augen: Trockene Mundschleimhaut, belegte Zunge, eingesunkene Augen
  • Allgemeinzustand: Apathie, Desorientierung oder Somnolenz bei fortgeschrittener Exsikkose
 Achtung

Eine stehende Hautfalte ist bei älteren Menschen wenig aussagekräftig, weil ihre Haut ohnehin weniger elastisch ist.

Verminderter Hautturgor
Prüfung des Hauttugors

Palpation:

  • Hautturgor: Stehende Hautfalte am Handrücken oder Unterarm
  • Periphere Durchblutung: Kalte oder kaltschweißige Extremitäten als Zeichen der Zentralisation
  • Rekapillarisierungszeit: Verlängerung über 2 Sekunden als Hinweis auf eine eingeschränkte Durchblutung der kleinsten Gefäße
  • Puls: Häufig tachykard und schwach tastbar

Perkussion:

Der Klopfschall ist in der Regel unauffällig, auffällige Befunde sprechen eher für eine zugrunde liegende Erkrankung.

Auskultation:

  • Lunge: Häufig regelrechte Atemgeräusche, bei ausgeprägter Hypovolämie flache und beschleunigte Atmung
    • Feinblasige Rasselgeräusche sprechen für eine Pneumonie als Infektursache

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden bei der Exsikkose engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzMeist normwertig bis leicht erhöhtKompensatorische Stressreaktion, bei schwerer Exsikkose ist eine verstärkte Atemarbeit möglich
Sauerstoffsättigung (SpO₂)In der Regel normwertigDie Exsikkose ist eine Volumenstörung, die Sauerstoffaufnahme bleibt in der Regel ungestört. Eine erniedrigte Sättigung spricht für eine zusätzliche Erkrankung, etwa eine Pneumonie
HerzfrequenzMeist Tachykardie, Puls oft schwach tastbarDer Volumenmangel senkt das Schlagvolumen, die Herzfrequenz steigt kompensatorisch an. Die Tachykardie tritt vor dem Blutdruckabfall auf
BlutdruckInitial oft normwertig, bei ausgeprägter Exsikkose HypotonieEin Abfall zeigt, dass der Kreislauf den Volumenmangel nicht mehr ausgleicht. Er gehört zu den Red Flags
EKGMeist SinustachykardieElektrolytverschiebungen können den Herzrhythmus verändern. Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
KörpertemperaturHäufig normwertig, erhöht bei zugrunde liegender InfektionDie Exsikkose selbst verändert die Temperatur nicht, Fieber verstärkt jedoch den Flüssigkeitsverlust
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen

Orientierende neurologische Untersuchung

Ein Flüssigkeitsmangel mit Minderdurchblutung des Gehirns zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
SepsisFieber oder Untertemperatur, Schüttelfrost, bekannter Infekt, schnelle Atmung, rasche Verschlechterung
HyperglykämieBekannter Diabetes mellitus, stark erhöhter Blutzucker, großer Durst und häufiges Wasserlassen in den Tagen zuvor
HypoglykämieNiedriger Blutzucker, Insulin oder Antidiabetika in der Medikation, Zittern, Schwitzen, plötzlicher Beginn
SchlaganfallPlötzlicher Beginn, einseitige Lähmung, hängender Mundwinkel, Sprachstörung, Haut und Schleimhäute unauffällig
SynkopeKurze, vollständig rückläufige Bewusstlosigkeit, danach wach und orientiert

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung:
    • Kreislaufstabil: bequeme Lagerung, bei Schwindel vorzugsweise flach
    • Hypotonie oder ausgeprägter Volumenmangel: Schocklage unter Ausschluss der Kontraindikationen
  • Beruhigen: die betroffene Person beruhigen und beengende Kleidung öffnen
  • Atemwege: bei Vigilanzminderung sichern und regelmäßig kontrollieren
  • Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientiert bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Intravenösen Zugang und Infusion vorbereiten: Material für den intravenösen Zugang richten, balancierte Vollelektrolytlösung mit Infusionssystem vorbereiten
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen, um eine Auskühlung zu vermeiden

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Maßnahmen werden bei jeder Exsikkose eingesetzt.

 Merke

Im präklinischen Umfeld steht die symptomorientierte Rehydratation im Vordergrund. Die Therapie der Wahl ist die Gabe von balancierten, isotonen Vollelektrolytlösungen in individuell angepassten Bolusgaben (= Bolus: abgemessene Menge, zügig infundiert) unter kontinuierlicher klinischer und hämodynamischer Überwachung.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Balancierte Vollelektrolytlösung initial 250 bis 500 ml i.v., bei Bedarf wiederholbar. Kinder: initial 20 ml/kgKG i.v. als BolusRehydratation und Kreislaufstabilisierung. Ziel: systolischer Blutdruck über 90 mmHg, Herzfrequenz unter 100/minInfusion und System vorbereiten und entlüften. Bei Herz- oder Niereninsuffizienz wird zurückhaltend titriert: Atemnot, Rasselgeräusche oder gestaute Halsvenen sofort im Team mitteilen. Bei Kindern berechnet das Team die Menge nach dem Gewicht
 Achtung

Zur Volumentherapie werden bevorzugt balancierte Vollelektrolytlösungen eingesetzt, da größere Mengen NaCl 0,9 % eine hyperchlorämische metabolische Azidose begünstigen können.

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach dem Schweregrad der Exsikkose, den Begleiterkrankungen sowie möglichen Komplikationen: bei leichter bis moderater Exsikkose das nächstgelegene Akutkrankenhaus mit internistischer Notaufnahme, bei schwerer Exsikkose eine Klinik mit internistischer Intensivstation.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da der Volumenmangel beim Aufstehen einen Blutdruckabfall mit Schwindel oder Sturz auslösen kann
  • Kontinuierliches Monitoring: EKG, Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
    • Besonders auf einen Anstieg der Herzfrequenz, auf Arrhythmien und auf eine zunehmende Vigilanzminderung achten, da sie ein Fortschreiten des Volumenmangels anzeigen
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Verdacht auf Exsikkose klar benennen
  • Vermutete Ursache der Exsikkose, Dauer und Ausmaß der verminderten Flüssigkeitsaufnahme, Verluste wie Erbrechen, Diarrhö oder Fieber
  • Begleiterkrankungen wie Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz oder Diabetes mellitus sowie die aktuelle Medikation, insbesondere Diuretika oder SGLT2-Inhibitoren
  • Vitalparameter und Exsikkosezeichen im Verlauf, Blutzucker, Temperatur
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen, dazu das Ansprechen auf die Volumentherapie
  • Sauerstofftherapie
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt anhand der trockenen, rissigen Schleimhäute, des verminderten Hautturgors, der Rekap-Zeit von 3 Sekunden, der Tachykardie von 110/min und der Vigilanzminderung bei einer Trinkmenge von fast null seit 48 Stunden eine Exsikkose. Die erhöhte Körpertemperatur spricht für einen Infekt als begünstigenden Faktor.

Der Rettungssanitäter lagert den Patienten flach, legt das Monitoring an und misst den Blutzucker: 128 mg/dl. Die Temperatur beträgt 38,4 °C, die Sauerstoffsättigung 92 %.

Über eine Nasenbrille werden 3 l/min Sauerstoff appliziert. Währenddessen bereitet er das Material für den intravenösen Zugang und eine balancierte Vollelektrolytlösung mit Infusionssystem vor. Die Notfallsanitäterin legt den intravenösen Zugang und verabreicht 500 ml Vollelektrolytlösung intravenös, wegen der kardialen Vorerkrankung zurückhaltend und unter Kontrolle der Atmung.

Nach der Volumengabe sinkt die Herzfrequenz auf 96/min, der Blutdruck liegt bei 124/80 mmHg, die Rekap-Zeit bei 2 Sekunden. Der Patient reagiert prompter auf Ansprache, der GCS steigt auf 14. 

Der Rettungssanitäter bereitet den Transport vor: Der Patient wird auf der Trage zum Fahrzeug befördert und dort mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert, mit einer Decke vor Auskühlung geschützt. Monitoring und Infusion bleiben während der Fahrt angeschlossen.

Ziel ist das nächstgelegene Krankenhaus mit internistischer Notaufnahme. 

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem die Trinkmenge der letzten 48 Stunden, das Fieber, die unbekannte Dauermedikation, den Verlauf der Vitalparameter und die verabreichte Vollelektrolytlösung.

Definition

Definition
Exsikkose

Exsikkose bezeichnet eine ausgeprägte Form der Dehydratation, bei der ein erheblicher Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten zu einer deutlichen Austrocknung des Organismus führt. Durch den resultierenden Volumenmangel im Intravasalraum sowie die verminderte Gewebshydratation entsteht ein akuter Zustand, der unbehandelt lebensbedrohliche Folgen haben kann.

Ursachen

  • Unzureichende Zufuhr: ältere, pflegebedürftige oder bewusstseinsgestörte Personen, Demenz
  • Erhöhte Verluste: Nieren (Diuretika, Hyperglykämie), Magen-Darm-Trakt (Erbrechen, Diarrhö), Haut und Atemwege (Fieber, Schwitzen)

Pathophysiologie

  • Formen: isoton, hypoton (Wasser wandert in die Zellen, Gefahr Hirnödem), hyperton (Zellen schrumpfen)
  • Gegenregulation: ADH, RAAS und Durstzentrum
  • Kreislauf: kompensatorisch Tachykardie und Vasokonstriktion, bei Fortschreiten Hypotonie, Nierenversagen, Bewusstseinsstörungen, hypovolämischer Schock

Symptome

  • Leitsymptom: trockene Haut und Schleimhäute mit stehenden Hautfalten, bei fortgeschrittener Exsikkose Schwäche, Vigilanzminderung, Tachykardie und Hypotonie
  • Begleitzeichen: eingesunkene Augen, Desorientierung, schwacher Puls, verlängerte Rekap-Zeit, kühle blasse Extremitäten, wenig und dunkler Urin
  • Untypische Verläufe: ältere Menschen ohne Durst, stattdessen Hypotonie, Stürze, Delir. Säuglinge mit eingefallener Fontanelle
Achtung
Red Flags
  • Vigilanzminderung oder neue Verwirrtheit
  • Schockzeichen: Hypotonie, Tachykardie, schwacher Puls, Rekap-Zeit über 2 Sekunden, kühle blasse Extremitäten
  • Krampfanfall
  • Keine Urinausscheidung über Stunden
  • Fieber mit Exsikkosezeichen oder auffälliger Blutzucker

Diagnostik

  • Anamnese nach SAMPLER(S): Trinkmenge, letzte Miktion, Erbrechen, Durchfall, Fieber, Diuretika, SGLT-2-Hemmer, Demenz, Nieren- und Herzinsuffizienz, Diabetes
  • Körperliche Untersuchung: trockene Haut und Schleimhäute, stehende Hautfalte, kalte Extremitäten, Rekap-Zeit über 2 Sekunden, schwacher schneller Puls
  • Vitalparameter: Tachykardie, Blutdruck anfangs normal und bei schwerer Exsikkose erniedrigt, SpO₂ meist normal, Blutzucker immer messen, 12-Kanal-EKG
  • Neurologische Untersuchung: Vigilanz (GCS), Orientierung, Sprache, Pupillen, Kraft und Sensibilität im Seitenvergleich
  • Differenzialdiagnosen: Sepsis, Hyperglykämie, Hypoglykämie, Schlaganfall, Synkope

Therapie

  • Basismaßnahmen: Lagerung nach Kreislauf (Hypotonie: Flachlagerung mit Hochlagerung der Beine), Monitoring mit Blutzucker, bedarfsorientierte Sauerstoffgabe, 12-Kanal-EKG, intravenösen Zugang und Infusion vorbereiten, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Wärmeerhalt
  • Balancierte Vollelektrolytlösung initial 250 bis 500 ml i.v., bei Bedarf wiederholbar. Ziel: systolischer Blutdruck über 90 mmHg, Herzfrequenz unter 100/min
  • Kinder: initial 20 ml/kgKG i.v. als Bolus
  • Vorsicht bei Herz- oder Niereninsuffizienz: zurückhaltend titrieren, auf Volumenüberladung achten. Keine größeren Mengen NaCl 0,9 % (hyperchlorämische Azidose)

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: internistische Notaufnahme, bei schwerer Exsikkose Klinik mit Intensivstation
  • Lagerung und Monitoring: Flachlagerung bzw. Schocklage bei Hypotonie, tragen statt gehen lassen, Monitoring und Vigilanz kontinuierlich, Wärmeerhalt
  • Übergabe nach SINNHAFT: Ursache, Trinkmenge und Dauer, Begleiterkrankungen und Medikation, Verlauf, verabreichte Medikamente und Maßnahmen, Sauerstofftherapie
Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Exsikkose (NotSan)
  • Schock (NotSan)
  • Hyperglykämie (NotSan)
  • Geriatrische Notfälle (NotSan)
  • Lagerung (RD)
  • Terminologie (RD)
  • S3-Leitlinie Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI)
  • Herold et al.: Innere Medizin 2020. Herold 2020, ISBN: 978-3-981-46609-6
  • Arastéh, Keikawus: Duale Reihe Innere Medizin. 4. Auflage: Thieme 2018, ISBN: 978-3-132-44347-1
Zuletzt aktualisiert am 22.10.2026
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 1.300 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz