Gastrointestinale Blutungen sind Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Je nach Ort der Blutungsquelle werden sie in obere und untere GI-Blutungen unterteilt.
Die obere GI-Blutung entsteht oberhalb des Treitz-Bandes. Die häufigste Ursache sind Geschwüre des Magens oder Zwölffingerdarms. Typische Zeichen sind Bluterbrechen und Teerstuhl.
Die untere GI-Blutung entsteht unterhalb des Treitz-Bandes. Typisch sind frische Blutauflagerungen oder Blutbeimengungen im Stuhl.
Ein starker Blutverlust führt zu einer Blutarmut und zu einem Volumenmangel. Im Kreislauf fehlt Flüssigkeit. Der Körper gleicht das zunächst aus. Das Herz schlägt schneller. Die Blutgefäße in Haut, Armen und Beinen verengen sich, damit Gehirn, Herz und Lunge weiter ausreichend durchblutet werden. Reichen diese Mechanismen nicht mehr aus, fällt der Blutdruck. Ein fallender Blutdruck ist deshalb ein spätes Zeichen. Es droht ein hämorrhagischer Schock.
Bei Schockzeichen erhalten Patient:innen Volumen. Die Menge richtet sich nach dem Blutdruck. Bei massivem Blutverlust wird zurückhaltend infundiert, denn ein steigender Blutdruck kann die Blutung verstärken.
Die Blutungsquelle lässt sich präklinisch nicht stillen. Das gelingt nur in der Klinik durch eine Spiegelung von Magen oder Darm oder durch eine Operation. Deshalb hat der zügige Transport in eine geeignete Klinik Vorrang.
Um den Einstieg in das Thema Gastrointestinale Blutungen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
Stichwort: Gastrointestinale Blutung
Ort: Wohnung, 2. Stock
Alarmzeit: 12:42 Uhr
Anrufer:in: Ehefrau des Betroffenen
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Bluterbrechen
Kreislaufschwäche
Lageeinweisung vor Ort:
Ein 58-jähriger Patient wird sitzend auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer vorgefunden. Seine Ehefrau berichtet, er habe sich in den letzten Stunden mehrfacherbrochen, zuletztmitBlut. Seitdem sei er zunehmendschwach geworden.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient hält eine Schale mit kaffeesatzartigemErbrochenem auf dem Schoß
Er ist auffallend blass, kaltschweißig und wirkt verlangsamt und desorientiert
Auf laute Ansprache öffnet er die Augen, wirkt danach jedoch wieder schläfrig
Die Atmung ist sichtbar beschleunigt
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
x
Kein aktiver äußerer Blutverlust sichtbar
Kein x-Problem
A
Atemwege frei
Gerötete Mundschleimhaut
Geringe Blutrückstände sichtbar
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Normale Thoraxexkursionen
Atmung wirkt eher flach
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Tachypnoe, 26/min
Auskultatorisch:
Normales Atemgeräusch beidseits
Keine Nebengeräusche
SpO₂: 96 %
Mittelbares B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt kaltschweißig
Rekap-Zeit: 4 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
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Definition
Gastrointestinale Blutung
Eine gastrointestinale Blutung (GI-Blutung) bezeichnet das Austreten von Blut in den Hohlraum des Verdauungstrakts infolge einer Schädigung der Schleimhaut oder von Blutgefäßen.
Je nach Lokalisation wird zwischen einer oberen GI-Blutung (Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm) und einer unteren GI-Blutung (Dünn- und Dickdarm bis zum Mastdarm) unterschieden.
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Obere gastrointestinale Blutungen
Merke
Die obere GI-Blutung entsteht proximal des Treitz-Bandes, also im Bereich von Speiseröhre, Magen oder Zwölffingerdarm. Mit etwa 90 % aller gastrointestinalen Blutungen stellt sie die häufigste Form dar.
Häufige Ursachen sind:
Magengeschwürund Zwölffingerdarmgeschwür: verantwortlich für etwa 50 % aller oberen GI-Blutungen
Ösophagusvarizenblutung: häufig bei erhöhtem Druck in der Pfortader infolge einer Leberzirrhose
Mallory-Weiss-Syndrom: Schleimhauteinrisse nach heftigem Erbrechen, häufig assoziiert mit Alkoholkonsum
Info
Wie entsteht ein Ulkus?
Die Schleimhaut von Magen und Zwölffingerdarm schützt das darunterliegende Gewebe vor Magensäure und Verdauungsenzymen. Sie steht in einem ständigen Gleichgewicht zwischen aggressiven Faktoren wie Salzsäure und Pepsin und protektiven Faktoren wie Schleim, Bikarbonat und einer guten Durchblutung. Überwiegen die aggressiven Faktoren, entsteht ein tiefer, lokal begrenzter Defekt der Schleimhaut, der über die dünne Muskelschicht unter der Schleimhaut hinausgeht (= Ulkus).
Das Gleichgewicht stören vor allem:
Medikamente: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac
Infektion: Das Bakterium Helicobacter pylori
Genussmittel: Übermäßiger Alkoholkonsum und Rauchen
Stress: Körperlicher oder psychischer Stress
Ungleichgewicht aggressiver und protektiver Faktoren der Magenschleimhaut
Untere gastrointestinale Blutungen
Merke
Die untere GI-Blutung entsteht distal des Treitz-Bandes. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von Veränderungen der Blutgefäße über entzündliche Erkrankungen bis zu bösartigen Prozessen.
Hämorrhoiden: in der Regel hellrote Blutauflagerungen auf dem Stuhl oder Toilettenpapier
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn mit entzündlich bedingten Blutungen
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Entstehung einer Blutung im Magen-Darm-Trakt
Unabhängig von der Ursache läuft jede gastrointestinale Blutung gleich ab: Ein Blutgefäß in der Wand des Magen-Darm-Trakts wird verletzt und Blut tritt in den Hohlraum aus. Die Folgen hängen vor allem davon ab, welches Gefäß betroffen ist:
Arterielle Blutung: Das Blut steht unter hohem Druck und tritt schnell aus. Sie kann innerhalb kurzer Zeit zum Schock führen
Venöse Blutung: Normalerweise blutet sie langsamer. Stehen die Venen jedoch unter erhöhtem Druck wie bei Varizen, kann sie ebenso massiv sein
Sickerblutung: Aus kleinen Gefäßen tritt über lange Zeit wenig Blut aus. Sie fällt oft erst durch eine Blutarmut auf
Merke
Dunkles oder hellrotes Blut?
Ob das Blut dunkel oder hellrot erscheint, hängt davon ab, was auf dem Weg durch den Magen-Darm-Trakt mit ihm passiert:
Kontakt mit Magensäure: Der rote Blutfarbstoff wird zu schwarzbraunem Hämatin umgewandelt. Daraus entstehen kaffeesatzartiges Erbrochenes und schwarzer Teerstuhl
Schnelle Darmpassage: Blut im Darm wirkt abführend. Bei einer starken Blutung bleibt keine Zeit für die Umwandlung, das Blut kommt hellrot heraus, auch bei einer oberen GI-Blutung
Folgen für den Kreislauf
Bei einer starken Blutung verliert der Körper schnell Blut. Er versucht das zunächst auszugleichen:
Schnellerer Herzschlag: Das Herz schlägt schneller, damit weiter genug Blut durch den Körper fließt. Die Tachykardie ist deshalb ein frühes Zeichen des Blutverlusts
Zentralisation: Der Körper verengt die Blutgefäße in Haut, Armen und Beinen, damit Herz und Gehirn mehr Blut bekommen. Die Haut wird dadurch blass und kalt, die Rekap-Zeit verlängert sich
Volumenmangel: Reicht dieser Ausgleich nicht mehr aus, fällt der Blutdruck. Gehirn, Herz, Nieren und Lunge werden schlechter durchblutet und bekommen zu wenig Sauerstoff, es entsteht ein hämorrhagischer Schock
Anämie: Mit dem Blut gehen rote Blutkörperchen verloren. Für den Sauerstofftransport steht weniger roter Blutfarbstoff zur Verfügung
Info
Akuter und chronischer Blutverlust
Akut: Eine starke Blutung führt innerhalb kurzer Zeit zu Volumenmangel und Schock
Chronisch: Ein langsamer Blutverlust über Wochen bleibt lange unbemerkt (= okkulte Blutung). Er führt zu einer Blutarmut durch Eisenmangel
Mögliche Auswirkung auf die Atemwege
Beim Bluterbrechen kann Blut oder Erbrochenes in die Atemwege gelangen (= Aspiration). Die Gefahr steigt, wenn die betroffene Person durch den Blutverlust schläfrig wird und die Schutzreflexe nachlassen. Das eingeatmete Blut stört den Gasaustausch in der Lunge, die Oxygenierung verschlechtert sich.
Achtung
Hämorrhagischer Schock
Ein akuter Blutverlust senkt das Blutvolumen im Kreislauf. Früh erkennbar ist das an Tachykardie, blasser, kaltschweißiger Haut und einer verlängerten Rekap-Zeit. Der Blutdruck fällt erst später ab.
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei gastrointestinalen Blutungen
Schleimhautschaden: Die Schutzbarriere geht verloren, Blutgefäße werden freigelegt und bluten
Blutverlust: Volumenmangel und Blutarmut, bei starker Blutung hämorrhagischer Schock
Minderdurchblutung der Organe: Gehirn, Herz, Nieren und Lunge bekommen zu wenig Sauerstoff
Aspiration: Beim Bluterbrechen kann Blut in die Atemwege gelangen
Gerinnungsstörungen: Gerinnungshemmende Medikamente oder eine Leberzirrhose verstärken die Blutung
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Merke
Leitsymptom:sichtbarer Blutabgang über den Magen-Darm-Trakt, als Bluterbrechen, Teerstuhl oder frisches Blut im Stuhl.
Typische Zeichen
Obere GI-Blutung
Untere GI-Blutung
Hämatemesis (Bluterbrechen)
Hämatochezie
Streifenförmig aufliegend bei Blutung aus dem Mastdarm
Geleeartig und dunkelrot bei Blutung aus dem Dickdarm
Kaffeesatzartiges Erbrechen: bräunliches, krümeliges Blut, durch Magensäure verändert
Meläna bei langsamer Blutung möglich
Meläna („Teerstuhl“)
Erhöhte Stuhlfrequenz, gesteigerte Darmbewegung
Tipp
Kaffeesatzartiges Erbrechen
Durch den Magen nahezu verdautes Blut kann sich kaffeesatzartig darstellen. Es sieht bräunlich aus, statt frisch-rot. Es ist außerdem nicht mehr flüssig, sondern liegt in kleineren Krümeln vor. Das Gesamtbild erinnert an aufgebrühten Kaffeesatz, weshalb dieses Symptom als Kaffeesatzerbrechen bezeichnet wird.
Symptome obere vs. untere GI-Blutung
Je nach Blutungsstärke können weitere Zeichen auftreten:
Blässe, kaltschweißige Haut
Tachykardie, Hypotonie
Schwindel, ggf. Synkope
Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen
Kopfschmerzen, Schwächegefühl
Vigilanzminderung bei massivem Blutverlust
Info
Untypische Verläufe
Auch ohne diese typischen Zeichen kann eine Blutung vorliegen. Bei Zeichen eines hypovolämischen Schocks ohne äußere sichtbare Blutung ist immer auch eine innere Blutungsquelle zu bedenken. Unter gerinnungshemmender Medikation verlaufen Blutungen stärker.
Vigilanzminderung, Verwirrtheit oder Synkope, bei Erbrechen Aspirationsgefahr
Blutungszeichen unter gerinnungshemmender Medikation
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
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Merke
Die Blutungsquelle lässt sich am Einsatzort nicht immer sicher bestimmen. Entscheidend ist die Beurteilung des Kreislaufs: Blasse, kaltschweißige Haut, Tachykardie und Hypotonie zeigen einen relevanten Blutverlust an. Bei einer instabilen Blutung zählt die Zeit bis zur Klinik, denn nur dort lässt sich die Blutung stillen.
Anamnese
Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema. Bei der gastrointestinalen Blutung sind folgende Angaben besonders wichtig:
S (Symptome): Schwindel, Übelkeit, Bluterbrechen, Teerstuhl, allgemeine Schwäche
A (Allergien/Infektionen): Allergien gegen Medikamente, Gastritis bekannt?
M (Medikation): Einnahme von NSAR, ASS, Antikoagulanzien (z.B. DOAK, Marcumar), Kortikosteroiden, Protonenpumpenhemmern
P (Patientengeschichte): Frühere GI-Blutungen, peptische Ulzera, Lebererkrankungen, Gerinnungsstörungen
L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Mahlzeit, letzter Stuhlgang mit Farbe, Konsistenz und Blutbeimengungen
E (Ereignis): Starkes Erbrechen, Alkoholkonsum, Stress, Medikamenteneinnahme
R (Risikofaktoren): Chronischer Alkohol- oder Nikotinkonsum, Leberzirrhose
S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen
Körperliche Untersuchung
Achtung
Auskultation vor Palpation
Die Auskultation erfolgt beim Abdomen immer vor Palpation und Perkussion, da eine mechanische Reizung durch die Untersuchung die Darmperistaltik beeinflussen und die Befunde verfälschen kann.
Auskultation:
Abdomen:
Fehlende oder verminderte Darmgeräusche bei paralytischem Ileus (= Darmlähmung) oder Reizung des Bauchfells
Gesteigerte Darmgeräusche bei Blut im Darm
Lunge: ggf. Rasselgeräusche oder brodelnde Atemgeräusche bei Aspiration
Auskultationspunkte Abdomen
Inspektion:
Hautkolorit:
Blässe bei Volumenmangel
Kaltschweißige Haut bei Schock
Bewusstsein: Unruhe, Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörung bei Minderdurchblutung des Gehirns
Blutspuren an Mund, Kleidung oder Umgebung bei Hämatemesis
Aufgeblähter Bauch bei Ileus, Perforation oder freier Flüssigkeit
Palpation:
Der Bauch wird in allen vier Quadranten abgetastet, die schmerzende Region zuletzt. Sonst spannt die betroffene Person die Bauchdecke sofort an.
Druckschmerz oder Abwehrspannung im Oberbauch bei Ulkusperforation oder beginnender Peritonitis
Haut: kühl
Pulsstatus: schwach tastbar, schnell
Rekap-Zeit verlängert bei Volumenmangel
Perkussion:
Gedämpfter Klopfschall bei Aszites (= freie Flüssigkeit im Bauchraum)
Tympanitischer Klopfschall bei freier Luft im Bauchraum oder Ileus
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden bei der gastrointestinalen Blutung engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.
Parameter
Typischer Befund
Klinische Bedeutung
Atemfrequenz
In der Frühphase Tachypnoe, bei schwerem Verlauf flache Atmung und Dyspnoe
Kompensation der Hypoxie und der metabolischen Azidose
Sauerstoffsättigung (SpO₂)
In der Regel normal, Abfall bei Aspiration, Hypoperfusion oder Schock
Eine normale Sättigung schließt einen relevanten Blutverlust nicht aus, weil bei Anämie zu wenig Hämoglobin für den Sauerstofftransport vorhanden ist (siehe Achtung-Kasten)
Herzfrequenz
In der Frühphase Tachykardie, im Prämortalstadium (= kurz vor dem Tod) Bradykardie
Die Tachykardie hält das Herzzeitvolumen (= vom Herzen pro Minute ausgeworfene Blutmenge) trotz Blutverlust aufrecht
Blutdruck
In der Frühphase normal oder leicht erniedrigt, bei schwerem Verlauf Hypotonie
Ein Blutdruckabfall ist ein Spätzeichen: Das zirkulierende Volumen sinkt, die Organdurchblutung nimmt ab, die Kompensation ist erschöpft
EKG
Sinustachykardie, im Verlauf Herzrhythmusstörungen möglich
Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
Körpertemperatur
Normal oder leicht erniedrigt, im Schock Unterkühlung (= Hypothermie), ggf. Fieber bei Infektion
Folge der Zentralisation. Auskühlung verschlechtert die Gerinnung, deshalb Wärmeerhalt
Blutzucker
In der Regel normwertig
Bei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen
Achtung
Bewertung der Sauerstoffsättigung bei bestehender Anämie
Bei einer Anämie kann trotz einer Sauerstoffunterversorgung des Gewebes eine normwertige Sättigung des Blutes und des Hämoglobins (= roter Blutfarbstoff, der den Sauerstoff transportiert) bestehen. Es gibt jedoch nicht mehr ausreichend Hämoglobin, das den Sauerstoff transportieren kann.
Info
Nicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.
Orientierende neurologische Untersuchung
Ein relevanter Blutverlust vermindert die Durchblutung des Gehirns und zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.
Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
Sprache: Spricht die betroffene Person in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Eine verlangsamte oder verwaschene Sprache weist auf eine Minderdurchblutung des Gehirns im Schock hin
Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
Differenzialdiagnosen
Krankheitsbild
Was eher dafür spricht
Hämoptyse
Hellrotes, schaumiges Blut wird abgehustet statt erbrochen, Husten und Atemnot
Epistaxis mit verschlucktem Blut
Blut im Rachen, Blutung aus der Nase vorausgegangen, Übelkeit oder Bluterbrechen durch geschlucktes Blut
Perforiertes Ulkus
Plötzlicher, heftiger Oberbauchschmerz, bretthartes Abdomen, oft ohne Blutabgang
Rupturiertes Bauchaortenaneurysma
Schockzeichen ohne Bluterbrechen oder Blut im Stuhl, Rücken- oder Flankenschmerz
Akutes Koronarsyndrom
Oberbauch- oder Brustschmerz mit Übelkeit und Kaltschweißigkeit ohne Blutabgang, ST-Streckenveränderungen im EKG
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Basismaßnahmen
Info
Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
Angepasste Lagerung:
Stabiler Kreislauf: Oberkörperhochlagerung (ca. 30 bis 45°), bei massiver Hämatemesis aufrecht sitzend zum Schutz vor Aspiration
Instabiler Kreislauf:Flachlagerung, bauchdeckenentspannt mit einer Knierolle, ggf. Oberkörper leicht erhöht (ca. 10 bis 15°). Ohne Erbrechen ist nach Ausschluss der Kontraindikationen auch die Schocklage möglich
Bei Erbrechen und deutlicher Vigilanzminderung: stabile Seitenlage
Aspirationsschutz: Absaugung einsatzbereit
Nüchternheit: Die betroffene Person erhält keine Nahrung und keine Flüssigkeit, da eine Endoskopie oder Operation nötig werden kann.
Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen
Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck, Blutzucker und Temperatur
Sauerstoffgabe: angepasste Sauerstoffgabe, bei Schockzeichen hochdosiert über eine Maske mit Reservoir, im Verlauf anpassen
12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
Wenn möglich zügiger Transport: bei instabilen Kreislaufverhältnissen und Schock, ggf. im Rendezvous mit RTW oder NEF
Reanimationsbereitschaft herstellen: bei Schockzeichen Defibrillator mit aufgeklebten Elektroden, Beatmungsbeutel und Absaugung griffbereit halten
Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen. Auskühlung verschlechtert die Gerinnung
Merke
Präklinisch steht primär ein gezieltes Volumenmanagement zur Stabilisierung des Kreislaufs und ein zügiger Transport in eine Klinik mit Möglichkeit zur Endoskopie im Vordergrund.
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jeder gastrointestinalen Blutung eingesetzt.
Medikament/Maßnahme
Behandlungszweck
Wichtige Hinweise für die Unterstützung
Vollelektrolytlösung 250 bis 1000 ml i.v., angepasst an Blutdruck
Volumenzuführung zur Kreislaufstabilisierung. Bei massivem Blutverlust mit Volumenmangelschock zurückhaltend (= permissive Hypotension), damit die Blutung nicht verstärkt wird
Material für zwei großlumige intravenöse Zugänge vorbereiten, beim Legen assistieren. Vorgewärmte Infusion mit System vorbereiten und entlüften. Blutdruck engmaschig kontrollieren. Die verabreichte Menge bleibt eine individuelle Entscheidung des Teams vor Ort
Pantoprazol 80 mg i.v.
Protonenpumpenhemmer, hemmt die Magensäure bei oberen GI-Blutungen und stabilisiert Blutgerinnsel
Bei unteren GI-Blutungen keine generelle Empfehlung
Ondansetron 4 mg i.v.
Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen, senkt das Aspirationsrisiko
Ampulle und Spritze vorbereiten, Absaugung bleibt bereit
Tranexamsäure 1g als Kurzinfusion
Keine routinemäßige Gabe empfohlen, bei massiver Blutung mit anhaltender Schocksymptomatik als Einzelfallentscheidung
In 100 ml NaCL 0,9% als Kurzinfusion vorbereiten
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Grundsätzlich sollte der Transport in eine Klinik mit Schockraum, Intensivkapazität sowie 24h-Endoskopie- und OP-Bereitschaft erfolgen. Bei instabilen Kreislaufverhältnissen und Schock erfolgt ein zügiger Transport unter Inanspruchnahme von Sonder- und Wegerechten, ggf. im Rendezvous mit RTW oder NEF.
Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da jede Belastung den Kreislauf bei Volumenmangel zusätzlich belastet und eine Synkope auslösen kann
Lagerung während der Fahrt:
Stabiler Kreislauf: Oberkörper erhöht
Instabiler Kreislauf: flach und bauchdeckenentspannt
Bei Erbrechen und deutlicher Vigilanzminderung: Seitenlage
Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG und SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
Besonders auf steigende Herzfrequenz und fallenden Blutdruck achten, da eine anhaltende Blutung jederzeit zum hämorrhagischen Schock führen kann
Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Bewusstseinslage regelmäßig prüfen, da bei erneutem Bluterbrechen und nachlassenden Schutzreflexen Aspirationsgefahr besteht
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.
Verdacht auf eine obere oder untere GI-Blutung klar benennen
Art und Menge des Blutabgangs: Bluterbrechen, Kaffeesatzerbrechen, Teerstuhl oder frisches Blut im Stuhl, Häufigkeit
Vitalparameter im Verlauf, Ansprechen auf die Volumenzuführung
Gerinnungshemmende Medikation und Vorerkrankungen, insbesondere Ulkuskrankheit und Leberzirrhose
Letzte Mahlzeit, weil die Endoskopie nüchtern erfolgt
Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
Sauerstofftherapie
Merke
Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
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Das Team erkennt anhand des Bluterbrechens, der blassen, kaltschweißigen Haut, der Rekap-Zeit von 4 Sekunden, der Tachykardie von 128/min und der Vigilanzminderung bei bekannter Ulkuskrankheit und ASS-Einnahme eine obere gastrointestinale Blutung mit hämorrhagischem Schock. Der Blutdruck liegt bei 86/54 mmHg. Wegen der Schockzeichen wird das NEF nachgefordert.
Der Patient wird flach und bauchdeckenentspannt mit einer Knierolle gelagert. Da er aktuell nicht erbricht und ansprechbar ist, bleibt er in Rückenlage. Spuckbeutel und Absaugung liegen bereit. Er bleibt nüchtern und wird mit einer Rettungsdecke zugedeckt. Das Monitoring wird angelegt, wegen der Schockzeichen erhält er 12 l/min Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir. Die Sättigung steigt auf 97 %. Das 12-Kanal-EKG zeigt eine Sinustachykardie, der Blutzucker liegt bei 104 mg/dl.
Parallel richtet der Rettungssanitäter das Material für zwei großlumige intravenöse Zugänge und bereitet eine vorgewärmte Vollelektrolytlösung vor. Die Notfallsanitäterin legt die Zugänge. Die Volumengabe folgt dem Prinzip der permissiven Hypotension: Ziel ist kein normaler Blutdruck, sondern ein systolischer Wert von etwa 80 bis 90 mmHg bei erhaltenem Bewusstsein. Ein höherer Druck könnte ein gerade entstandenes Blutgerinnsel wieder lösen und die Blutung verstärken. Wegen der Vigilanzminderung erhält der Patient einen Bolus von 250 ml Vollelektrolytlösung intravenös, dazu Pantoprazol 80 mg intravenös und wegen der Übelkeit Ondansetron 4 mg intravenös. Auf Tranexamsäure wird verzichtet, weil sie bei gastrointestinalen Blutungen nicht routinemäßig empfohlen ist und nur bei anhaltender Schocksymptomatik als Einzelfallentscheidung in Betracht kommt.
Es wird keine Zeit vor Ort verloren. Der Patient wird die zwei Stockwerke hinunter zum Fahrzeug befördert und dort flach und bauchdeckenentspannt gelagert. Das NEF trifft am Fahrzeug ein.
Nach dem Bolus liegt der Blutdruck bei 92/58 mmHg, die Herzfrequenz sinkt auf 116/min und der Patient ist wacher. Die Infusion läuft danach nur noch langsam zum Offenhalten des Zugangs. Ein weiterer Bolus ist erst vorgesehen, wenn der systolische Blutdruck unter 80 mmHg fällt oder sich das Bewusstsein wieder verschlechtert. Ziel ist eine vorangemeldete Klinik mit Schockraum und 24h-Endoskopie. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den klar benannten Verdacht auf eine obere GI-Blutung, Art und Häufigkeit des Bluterbrechens, die ASS-Einnahme, die letzte Mahlzeit um 8:00 Uhr, den Verlauf von Blutdruck und Herzfrequenz, die verabreichte Volumenmenge und die Medikamente.
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Definition
Definition
Gastrointestinale Blutung
Eine gastrointestinale Blutung (GI-Blutung) bezeichnet das Austreten von Blut in den Hohlraum des Verdauungstrakts infolge einer Schädigung der Schleimhaut oder von Blutgefäßen.
Obere GI-Blutung: proximal des Treitz-Bandes, etwa 90 % aller GI-Blutungen, Zeichen Hämatemesis, Kaffeesatzerbrechen, Meläna
Untere GI-Blutung: distal des Treitz-Bandes, Zeichen Hämatochezie
Ursachen
Obere GI-Blutung: Ulzera des Magens oder Duodenums (etwa 50 %), Ösophagusvarizenblutung bei Leberzirrhose, Mallory-Weiss-Syndrom nach heftigem Erbrechen
Gefäßverletzung: Ein Gefäß in der Wand des Magen-Darm-Trakts wird durch einen Schleimhautdefekt, erhöhten Druck (Varizen) oder einen Einriss verletzt und blutet in den Hohlraum
Blutungsstärke: abhängig vom betroffenen Gefäß, arterielle Blutungen und Varizenblutungen sind besonders gefährlich
Aussehen des Blutes: durch Kontakt mit Magensäure schwarzbraun (Kaffeesatz, Teerstuhl), bei schneller Passage hellrot
Gegenregulation: Tachykardie und Zentralisation, der Blutdruck fällt erst spät
Folgen: Hypovolämie, Blutungsanämie, hämorrhagischer Schock, Aspirationsgefahr bei Hämatemesis
Symptome
Leitsymptom: sichtbarer Blutabgang über den Magen-Darm-Trakt
Vigilanzminderung, Verwirrtheit oder Synkope, bei Erbrechen Aspirationsgefahr
Blutungszeichen unter gerinnungshemmender Medikation
Diagnostik
Anamnese nach SAMPLER(S): NSAR, ASS, Antikoagulanzien, frühere GI-Blutungen, Lebererkrankung, Alkohol, letzte Mahlzeit, letzter Stuhlgang
Körperliche Untersuchung: Blässe, Kaltschweißigkeit, Blutrückstände am Mund, Auskultation vor Palpation, Darmgeräusche, Druckschmerz im Oberbauch, Rekap-Zeit
Vitalparameter: früh Tachykardie, später Hypotonie, SpO₂ trotz Blutverlust in der Regel normal
Basismaßnahmen: stabiler Kreislauf Oberkörper hoch, bei massiver Hämatemesis aufrecht; instabiler Kreislauf flach und bauchdeckenentspannt mit Knierolle, ohne Erbrechen ggf. Schocklage; bei Erbrechen oder Vigilanzminderung Seitenlage. Absaugbereitschaft, Nüchternheit, Vitalwerte, Sauerstoff bei Schockzeichen hochdosiert, RTW und/oder NEF nachfordern, zügiger Transport, Reanimationsbereitschaft, Wärmeerhalt
Vollelektrolytlösung250 bis 1000 ml i.v., bei Volumenmangelschock zurückhaltend (permissive Hypotension), zwei großlumige Zugänge, vorgewärmt
Pantoprazol80 mg i.v. bei oberer GI-Blutung
Ondansetron4 mg i.v. gegen Übelkeit und Brechreiz
Tranexamsäure: keine routinemäßige Gabe
Transport und Übergabe
Zielklinik: Schockraum, Intensivkapazität, 24h-Endoskopie, bei Schock vorangemeldet
Transport: nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, Lagerung nach Kreislauf, Monitoring, Absaugbereitschaft, Wärmeerhalt
Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, Art und Menge des Blutabgangs, Verlauf der Vitalparameter, Gerinnungshemmer, letzte Mahlzeit, Medikamente und Maßnahmen, Sauerstofftherapie
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Tipp
Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Gastrointestinale Blutungen (NotSan)
Schock (NotSan)
Akutes Abdomen (NotSan)
Exsikkose (NotSan)
Lagerung
Terminologie
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S2k Gastrointestinale Blutung, Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS)