Ein akuterarterieller Gefäßverschluss unterbricht die Blutzufuhr und führt zu einer akuten Minderdurchblutung mit Sauerstoffmangel im Gewebe. Innerhalb weniger Stunden kann ein bleibender Gewebeschaden entstehen. Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine chronische Durchblutungsstörung der Arterien und entsteht vor allem durch eine Atherosklerose.
Ein venöser Gefäßverschluss behindert dagegen den Blutabfluss und führt zu Schwellung, Schmerzen und einem erhöhten Risiko für eine Lungenarterienembolie.
Präklinisch stehen die sichere Unterscheidung zwischen arteriellem und venösem Gefäßverschluss, eine adäquate Schmerztherapie sowie der Transport in eine geeignete Klinik im Vordergrund.
Beim akuten arteriellen Gefäßverschluss entscheidet eine rasche Wiedereröffnung des Gefäßes durch Operation oder Katheter (= Revaskularisation) häufig über den Erhalt der betroffenen Extremität.
Um den Einstieg in das Thema Gefäßverschlüsse etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
Stichwort: Schmerzen im Bein
Ort: Einfamilienhaus, Wohnzimmer
Alarmzeit: 17:45 Uhr
Anrufer:in: Patientin selbst
Anzahl der betroffenen Personen: 1
Zusatzinfo:
74-jährige, weibliche Patientin
Akut aufgetretene Schmerzen beim Gehen
Bekannte arterielle Hypertonie und Diabetes mellitus Typ 2
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht die Eingangstür der Wohnung bereits offen.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin sitzt auf der Couch im Wohnzimmer und reibt sich den linken Unterschenkel. Sie ist wach, ansprechbar sowie zeitlich, örtlich und situativ orientiert
Sie berichtet, dass die Schmerzen plötzlich auf dem Weg vom Badezimmer in die Küche aufgetreten seien und seitdem unverändert bestünden
Zusätzlich klagt sie über eine Rötung sowie ein ausgeprägtes Spannungsgefühl im linken Unterschenkel
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
x
Keine kritischen Blutungen
Kein x-Problem
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patientin spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion seitengleich
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Keine Zyanose
Auskultatorisch:
Normales Atemgeräusch beidseits
Keine Nebengeräusche
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO₂: 98 %
Atemfrequenz: 16/min
Kein B-Problem
C
Hautkolorit rosig
Insgesamt trockene Haut
Rekap-Zeit: 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
Rhythmisch
Gut tastbar
Normofrequent, 78/min
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Schmerzen im linken Unterschenkel, insbesondere bei Bewegung
Schwellung, Rötung
Allergien/Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Metformin, Ramipril
Patientengeschichte: Bekannter Diabetes mellitus und arterielle Hypertonie
Letzte Mahlzeit: Vor 3 Stunden
Ereignis: Akut aufgetretene Schmerzen im Bein beim Gehen
Risikofaktoren: Rauchen
Mittelbares E-Problem
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Definition
Venöser Gefäßverschluss
Ein venöser Gefäßverschluss ist die teilweise oder vollständige Verlegung einer Vene, meist durch einen Thrombus. Das Blut kann aus dem Gewebe nicht mehr richtig abfließen und staut sich.
Definition
Arterieller Gefäßverschluss
Ein arterieller Gefäßverschluss ist der vollständige Verschluss einer Arterie, meist durch ein verschlepptes Gerinnsel (= Embolie) oder ein Gerinnsel an Ort und Stelle (= Thrombose). Das Gewebe dahinter bekommt kein oder zu wenig Blut, es entsteht ein akuter Sauerstoffmangel.
Definition
Periphere arterielle Verschlusskrankheit
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine meist chronisch fortschreitende Durchblutungsstörung durch verengte oder verschlossene Arterien in Armen oder Beinen. Meist liegt eine Atherosklerose zugrunde. Betroffen sind überwiegend die Beine.
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Venöser Gefäßverschluss
Die Virchow-Trias beschreibt drei Hauptkategorien von Risikofaktoren für Thrombosen:
Hauptkategorie
Erklärung
Verlangsamter Blutfluss (= Stase)
Längere Immobilität bei Bettlägerigkeit oder nach Operationen, lange Flug- oder Autoreisen, Kompression oder Krampfadern
Gerinnungsneigung (= Hyperkoagulabilität)
Genetisch bedingt als angeborene Neigung zu Thrombosen oder durch Hormontherapien, z.B. die Antibabypille, Schwangerschaft, Flüssigkeitsmangel oder Tumorerkrankungen
Arterieller Gefäßverschluss und periphere arterielle Verschlusskrankheit
Ein akuter Verschluss einer Arm- oder Beinarterie entsteht durch einen Embolus oder einen lokal gebildeten Thrombus:
Embolie: Ablösung eines Embolus, zum Beispiel aus dem Herzen bei Vorhofflimmern, einem unregelmäßigen Herzrhythmus, bei dem sich in den Vorhöfen Gerinnsel bilden können
Arterielle Thrombose: Thrombusbildung in einem vorgeschädigten Gefäß, z.B. bei Atherosklerose oder pAVK
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit ist eine Folge der Atherosklerose. Risikofaktoren sind:
Rauchen
Diabetes mellitus
Arterielle Hypertonie
Fettstoffwechselstörungen, z.B. erhöhtes Cholesterin im Blut
Starkes Übergewicht
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Venöse und arterielle Gefäßverschlüsse unterscheiden sich grundlegend: Beim venösen Verschluss staut sich das Blut vor dem Hindernis. Beim arteriellen Verschluss fehlt das Blut hinter dem Hindernis.
Info
Arterien und Venen
Arterien leiten sauerstoffreiches Blut unter hohem Druck vom Herzen in den Körper. Venen führen es mit niedrigem Druck zurück, unterstützt von der Muskelpumpe der Beine und den Venenklappen.
Venöser Gefäßverschluss
Entstehung des Blutgerinnsels:
Die tiefe Beinvenenthrombose (TVT) beginnt mit einem Blutgerinnsel in einer tiefen Vene, zum Beispiel in einer Unterschenkelvene:
Ein langsamer Blutfluss, eine geschädigte Gefäßwand oder eine gesteigerte Gerinnung (= Virchow-Trias) aktivieren die Blutgerinnung in der Vene
Blutplättchen lagern sich an der Venenwand an, es entsteht ein Blutgerinnsel
Weiteres Material lagert sich an, das Gerinnsel wächst in Richtung Rumpf: von den Unterschenkelvenen über die Oberschenkelvenen bis in die Beckenvenen
Je näher am Rumpf das Gerinnsel liegt, desto größer ist die Gefahr einer Lungenarterienembolie
Virchow-Trias
Folgen für die Extremität:
Das Gerinnsel verengt oder verschließt die Vene. Das Blut fließt schlechter zum Herzen zurück und staut sich im Bein:
Schwellung: Der Druck in den Venen und in den feinsten Blutgefäßen steigt. Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus und das Bein schwillt an
Blau-violette Verfärbung: Im gestauten Blut steigt der Anteil an sauerstoffarmem Blut. Die Haut verfärbt sich livide
Schmerz und Überwärmung: Das Gerinnsel löst in der Venenwand und im umgebenden Gewebe eine örtliche Entzündung aus. Das Bein schmerzt, spannt und fühlt sich warm an
Lungenarterienembolie:
Die gefährlichste Folge einer tiefen Venenthrombose entsteht, wenn sich ein Teil des Gerinnsels löst:
Ein Teil des Gerinnsels löst sich von der Venenwand
Der Blutstrom trägt ihn über das rechte Herz in die Lungenarterien. Dort bleibt er in einem engeren Gefäß stecken und verschließt es
Dieser Teil der Lunge wird nicht mehr durchblutet, es gelangt weniger Sauerstoff ins Blut und es entsteht eine Hypoxämie
Das rechte Herz muss gegen einen erhöhten Widerstand pumpen. Ist der Verschluss groß, schafft es das nicht mehr und der Blutdruck fällt bis zum Schock
Achtung
Lungenarterienembolie
Eine Lungenarterienembolie kann jederzeit auftreten, auch während der Versorgung oder des Transports. Warnzeichen sind plötzliche Atemnot, Brustschmerz, Schwindel oder eine Synkope.
Arterieller Gefäßverschluss
Verschluss der Arterie:
Ein akuter arterieller Verschluss entsteht auf zwei Wegen:
Verschlepptes Gerinnsel (= Embolie): Ein Gerinnsel bildet sich zum Beispiel bei Vorhofflimmern im Herzen, löst sich und wird mit dem Blutstrom in eine Arm- oder Beinarterie gespült. Dort bleibt es an einer Engstelle oder Gefäßgabelung stecken. Der Verschluss tritt schlagartig auf
Gerinnsel an Ort und Stelle (= arterielle Thrombose): In einer bereits verengten Arterie, zum Beispiel bei pAVK, bildet sich ein Gerinnsel und verschließt sie
Bei bekannter pAVK: Haben sich bereits Umgehungskreisläufe gebildet, halten sie die Durchblutung teilweise aufrecht. Die Beschwerden beginnen dann häufig schleichend
Sauerstoffmangel im Gewebe:
Hinter dem Verschluss fließt kaum noch Blut in das Gewebe
Die feinsten Blutgefäße werden nicht mehr ausreichend durchblutet. Sauerstoff und Nährstoffe fehlen, es entsteht eine Ischämie
Zuerst werden die Nerven geschädigt, danach Muskeln und Haut. Hält der Sauerstoffmangel an, stirbt das Gewebe ab (= Nekrose)
Folgen für die Extremität:
Schmerz: Das Gewebe ohne Sauerstoff schmerzt plötzlich und stark
Blässe und Kälte: Ohne Blutzufluss wird die Haut blass und kalt
Fehlender Puls: Hinter dem Verschluss ist kein oder nur ein schwacher Puls tastbar
Gefühlsstörung und Lähmung: Die Nerven reagieren am empfindlichsten auf den Sauerstoffmangel. Erst kribbelt die Extremität oder wird taub, dann folgt eine Lähmung
Info
Zeit bis zu bleibenden Schäden
Nervengewebe: nach ca. 2 bis 4 Stunden
Muskulatur: nach ca. 6 bis 8 Stunden
Haut: nach ca. 12 Stunden
Achtung
Extremität in Gefahr
Der akute arterielle Verschluss ist ein zeitkritischer Notfall. Je länger das Gewebe ohne Blut bleibt, desto größer ist die Gefahr, die Extremität zu verlieren.
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei Gefäßverschlüssen
Blutstau: Beim venösen Verschluss staut sich das Blut, das Bein schwillt an und verfärbt sich livide
Lungenarterienembolie: Löst sich ein Teil des Gerinnsels, verschließt er eine Lungenarterie. Es drohen Hypoxämie und Schock
Sauerstoffmangel im Gewebe: Beim arteriellen Verschluss fehlt hinter dem Verschluss das Blut. Nerven, Muskeln und Haut werden geschädigt
Zeitdruck: Ohne rasche Revaskularisation drohen bleibende Schäden bis zum Verlust der Extremität
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Merke
Leitsymptom:einseitige Schmerzen in einer Extremität, zum Beispiel im Bein.
Klinisches Zeichen
Tiefe Venenthrombose
Akuter arterieller Verschluss
Schmerz
Dumpfer Schmerz sowie Druck- oder Spannungsgefühl
Plötzlich einsetzender, meist starker Ischämieschmerz
Schwellung
Typisch, meist einseitig mit Umfangsdifferenz und eindrückbarem Ödem
Selten oder nur gering ausgeprägt
Hauttemperatur
Überwärmung der betroffenen Extremität
Kalte Extremität infolge fehlender Durchblutung
Hautfarbe
Livide bis zyanotische Verfärbung
Blasse Haut, später gegebenenfalls zyanotische Verfärbung
Pulse
In der Regel tastbar
Fehlende oder deutlich abgeschwächte Pulse hinter dem Verschluss
Sensibilität
Meist unauffällig
Kribbeln oder Taubheitsgefühl (= Parästhesien) bis zum Sensibilitätsverlust
Motorik
Meist unauffällig
Bewegungseinschränkung bis zur vollständigen Lähmung (= Paralyse)
Tiefe Venenthrombose
Tipp
Arterieller Gefäßverschluss
Die 6 P des akuten arteriellen Gefäßverschlusses
Pain: plötzlicher, starker Schmerz
Paleness: Blässe der Haut
Pulselessness: fehlender Puls hinter dem Verschluss
Paresthesia: Sensibilitätsstörung wie Kribbeln oder Taubheit
Paralysis: Lähmung
Perishingly cold: auffallend kalte Extremität
Je nach Schweregrad können weitere Zeichen auftreten:
Venöser Gefäßverschluss:Dyspnoe, Thoraxschmerz, Schwindel oder Synkope als Hinweis auf eine Lungenarterienembolie
Akuter arterieller Gefäßverschluss:Tachykardie, Hypotonie oder Schockzeichen bei ausgeprägter Ischämie
Info
Untypische Verläufe
Bei bekannter pAVK kann ein arterieller Verschluss durch Umgehungskreisläufe schleichend beginnen. Eine tiefe Venenthrombose kann auch am Arm auftreten, zum Beispiel nach starker Belastung oder bei einem liegenden Port oder Katheter.
Achtung
Red Flags
Verdacht auf Lungenarterienembolie: Plötzlich einsetzende Dyspnoe, Thoraxschmerz, Synkope oder ein instabiler Kreislauf bei vermuteter oder bekannter TVT
Akuter arterieller Gefäßverschluss: Plötzlich einsetzende Schmerzen mit Pulslosigkeit, Sensibilitätsstörungen oder motorischen Ausfällen (6 P)
Kritische Extremitätenischämie: Ruheschmerz, Geschwüre oder Nekrosen bei bekannter pAVK
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
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Merke
Die tiefe Venenthrombose zeigt eine einseitige Schwellung, Schmerzen und Überwärmung bei tastbaren Pulsen.
Der akute arterielle Verschluss zeigt ein plötzlich schmerzendes, blasses, kaltes und pulsloses Bein. Die Verdachtsdiagnose entscheidet über die Lagerung: beim venösen Verschluss ruhig und bei ausgeprägter Schwellung leicht hoch, beim arteriellen Verschluss tief.
Anamnese
Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:
S (Symptome): Lokalisation, Intensität und Verlauf der Schmerzen, ein- oder beidseitig. Dyspnoe, Thoraxschmerz oder Synkope sprechen für eine Lungenarterienembolie
A (Allergien/Infektionen): Insbesondere gegen Heparin, Hinweise auf eine Infektion
M (Medikation): Gerinnungshemmende Medikamente, ASS, Hormonpräparate
P (Patientengeschichte): pAVK, Vorhofflimmern, frühere TVT oder Lungenarterienembolie, Gerinnungsstörungen, Tumorerkrankungen
L (Letzte…): Letzte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
E (Ereignis): Beginn und Verlauf der Beschwerden: plötzlich beim Gehen oder schleichend über Stunden bis Tage
S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen, Schwangerschaft und Wochenbett (= die ersten sechs Wochen nach der Entbindung) sind Risikofaktoren für eine Thrombose
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Befund im Seitenvergleich
Arterieller Verschluss
Venöser Verschluss
Hautfarbe
Blass
Livide verfärbt
Schwellung
Keine wesentliche Schwellung
Einseitige Schwellung, gespannte Haut
Venenzeichnung
Nicht verändert
Ggf. verstärkt
Achtung
Das Fehlen klinischer Zeichen schließt das Vorliegen einer Thrombose nicht aus.
Palpation:
pDMS im Seitenvergleich: Die Kontrolle von Puls, Durchblutung, Motorik und Sensibilität an beiden Beinen ist die zentrale Untersuchung der Rettungssanitäter:innen.
Fußpulse auf dem Fußrücken (A. dorsalis pedis) und hinter dem Innenknöchel (A. tibialis posterior) tasten, Hauttemperatur und Rekap-Zeit vergleichen, Zehen und Fuß bewegen lassen, Berührung prüfen
Arterieller Gefäßstatus: Fehlende oder seitendifferente Pulse, kalte Extremität
Venöser Gefäßstatus: Einseitiges eindrückbares Ödem, Umfangsdifferenz, Überwärmung, Druckschmerz entlang der tiefen Venen. Homans-Zeichen: Wadenschmerz beim passiven Anheben der Fußspitze
Klinische Zeichen einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT)
Merke
Klinische Zeichen wie das Homans-Zeichen besitzen nur eine geringe diagnostische Aussagekraft. Sie reichen nicht aus, um eine Thrombose sicher zu bestätigen oder auszuschließen.
Perkussion:
Gefäßverschlüsse verursachen keine typischen Veränderungen des Klopfschalls
Auskultation:
Lunge: In der Regel normales Atemgeräusch beidseits ohne Nebengeräusche
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden beim Gefäßverschluss engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.
Parameter
Typischer Befund
Klinische Bedeutung
Atemfrequenz
Meist normwertig
Eine Tachypnoe ist beim venösen Verschluss ein typischer Hinweis auf eine Lungenarterienembolie, beim arteriellen Verschluss Folge starker Schmerzen
Sauerstoffsättigung (SpO₂)
Meist normwertig
Ein Abfall weist beim venösen Verschluss auf eine begleitende Lungenarterienembolie hin, beim arteriellen Verschluss auf schwere Komplikationen
Herzfrequenz
Meist normwertig
Eine Tachykardie entsteht bei starken Schmerzen, Stressreaktion oder Schock, beim venösen Verschluss insbesondere bei begleitender Lungenarterienembolie
Blutdruck
Meist normwertig
Eine Hypotonie weist beim arteriellen Verschluss auf eine ausgeprägte Ischämie oder einen Schock hin, beim venösen Verschluss auf eine massive Lungenarterienembolie
EKG
Häufig unauffällig
Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
Körpertemperatur
Extremitätentemperatur im Seitenvergleich: beim arteriellen Verschluss ist die betroffene Extremität kalt, beim venösen Verschluss überwärmt
Die Körperkerntemperatur ist meist normwertig, Fieber ist bei isolierter TVT untypisch
Blutzucker
In der Regel normwertig
Bei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen
Info
Nicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.
Orientierende neurologische Untersuchung
Eine begleitende Lungenarterienembolie oder ein Schock zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.
Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
Sprache: Spricht die betroffene Person in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Atemnot beim Sprechen weist auf eine begleitende Lungenarterienembolie hin
Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
Tipp
Beim akuten arteriellen Verschluss zeigen zunehmende Sensibilitätsstörungen und motorische Ausfälle der betroffenen Extremität die fortschreitende Ischämie an.
Differenzialdiagnosen
Krankheitsbild
Was eher dafür spricht
Erysipel
Scharf begrenzte Rötung, Überwärmung, Fieber, Eintrittspforte für Erreger
Muskelverletzung
Lokale Schmerzen, Schwellung und ggf. Hämatom nach Trauma oder Belastung
Kompartmentsyndrom
Starke Schmerzen, gespannte Muskelloge, Dehnungsschmerz, Pulse meist erhalten
Akute Herzinsuffizienz
Beidseitige Beinödeme, Atemnot, keine Entzündungs- oder Ischämiezeichen
Lymphödem
Chronische, schmerzlose Schwellung mit Beteiligung der Zehen
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Basismaßnahmen
Info
Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
Venöser Gefäßverschluss: Betroffene Extremität ruhig lagern. Bei ausgeprägter Schwellung kann eine leichte Hochlagerung zur Beschwerdelinderung erfolgen
Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen
Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck, Blutzucker und Temperatur
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Verdacht auf Lungenarterienembolie
12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
pDMS-Verlaufskontrolle: pDMS im Seitenvergleich wiederholen
Arterieller Gefäßverschluss: auf zunehmende Schmerzen, Sensibilitäts- oder Motorikstörungen achten
Venöser Gefäßverschluss: auf zunehmende Schwellung, livide Verfärbung und Zeichen einer Lungenarterienembolie achten
Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen, die betroffene Extremität beim arteriellen Verschluss ausgenommen
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente und Maßnahmen werden bei jedem Gefäßverschluss eingesetzt.
Medikament/Maßnahme
Behandlungszweck
Wichtige Hinweise für die Unterstützung
Paracetamol 1000 mg i.v. als Kurzinfusion oder Metamizol 0,5 bis 1 g i.v.
Analgesie bei leichten Schmerzen
Material für den intravenösen Zugang vorbereiten, Kurzinfusion vorbereiten, Metamizol kann bei schneller Gabe den Blutdruck senken
Analgesie bei starken Schmerzen, insbesondere beim Ischämieschmerz des arteriellen Verschlusses
Opioide können eine zu flache und langsame Atmung auslösen: Atmung, SpO₂ und Vigilanz überwachen.
Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Bei Übelkeit ergänzend zur Analgesie
Ampulle und Spritze vorbereiten.
Unfraktioniertes Heparin 5.000 bis 10.000 I.E. i.v.
Gerinnungshemmung (= Antikoagulation) bei entsprechender Indikation, verhindert das Wachstum des Thrombus
Ampulle und Spritze vorbereiten, I.E. (= internationale Einheiten) prüfen, nach Heparinallergie fragen.
Volumengabe nach Bedarf
Nur bei Hypotonie, Schock oder instabilem Kreislauf, sonst zurückhaltende Volumentherapie
Vorgewärmte Vollelektrolytlösung und Infusionssystem vorbereiten, Blutdruck engmaschig kontrollieren.
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Beim venösen Gefäßverschluss erfolgt ein zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik, bei ausgedehnter TVT bevorzugt in ein Gefäßzentrum. Beim akuten arteriellen Gefäßverschluss entscheidet eine rasche Revaskularisation häufig über den Erhalt der Extremität, deshalb erfolgt der unverzügliche Transport in eine Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit.
Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, auch nicht für eine kurze Distanz. Beim venösen Verschluss kann die Muskelarbeit einen Teil des Gerinnsels lösen, beim arteriellen Verschluss erhöht sie den Sauerstoffbedarf des minderdurchbluteten Gewebes
Venöser Gefäßverschluss: Betroffene Extremität ruhig lagern. Bei ausgeprägter Schwellung kann eine leichte Hochlagerung zur Beschwerdelinderung erfolgen
Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG, SpO₂ und Atemfrequenz werden während der gesamten Fahrt überwacht
Besonders auf Herzrhythmusstörungen sowie auf Atemnot, Brustschmerz und Sättigungsabfall als Zeichen einer Lungenarterienembolie achten
Schmerzen und pDMS im Seitenvergleich regelmäßig kontrollieren
Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.
Verdacht auf einen arteriellen oder venösen Gefäßverschluss klar benennen, ebenso einen Verdacht auf Lungenarterienembolie
Symptombeginn und Verlauf
pDMS-Befund im Seitenvergleich und sein Verlauf, Schwellung, Hautfarbe, Vitalparameter
Vorerkrankungen, Dauermedikation und Allergien: besonders pAVK, Vorhofflimmern, gerinnungshemmende Medikamente, Heparinallergie
Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen, einschließlich Lagerung
Merke
Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
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Das Team erkennt anhand der einseitigen Schwellung, Rötung und Überwärmung des linken Unterschenkels bei tastbaren Fußpulsen eine tiefe Venenthrombose. Sensibilität und Motorik sind erhalten. Atemnot, Brustschmerz oder Schwindel bestehen nicht, ein Hinweis auf eine Lungenarterienembolie fehlt.
Das linke Bein wird ruhiggelagert. Die Patientin steht nicht mehr auf. pDMS wird im Seitenvergleich geprüft: Die Fußpulse sind an beiden Beinen gut tastbar, der linke Unterschenkel ist im Vergleich zum rechten geschwollen, gerötet und überwärmt. Das Monitoring zeigt eine Herzfrequenz von 78/min, einen Blutdruck von 150/85 mmHg, eine SpO₂ von 98 % und eine Atemfrequenz von 16/min. Bei normaler Sättigung ohne Atemnot erhält die Patientin keinen Sauerstoff. Das 12-Kanal-EKG zeigt einen Sinusrhythmus. Die Schmerzen gibt die Patientin mit 5 von 10 an.
Der Rettungssanitäter bereitet das Material für den intravenösen Zugang am rechten Arm und eine vorgewärmte Infusion vor. Die Notfallsanitäterin legt den Zugang und verabreicht 1 g Metamizol i.v. als Kurzinfusion. Die Schmerzen gehen auf 2 von 10 zurück. Auf ein Opioid wird verzichtet, weil die Schmerzen mittelstark sind und gut auf Metamizol ansprechen.
Die Patientin wird im Tragestuhl zum Fahrzeug befördert und dort auf der Trage gelagert, das linke Bein bleibt ruhig gelagert. Während der Fahrt wird auf Atemnot, Brustschmerz und Sättigungsabfall als Zeichen einer Lungenarterienembolie geachtet und pDMS wiederholt kontrolliert.
Ziel ist eine Klinik mit gefäßmedizinischer Diagnostik. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose, den Symptombeginn, den pDMS-Befund im Seitenvergleich, die verabreichten Medikamente und die Lagerung.
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Definition
Definition
Arterieller Gefäßverschluss
Ein arterieller Gefäßverschluss ist der vollständige Verschluss einer Arterie, meist durch ein verschlepptes Gerinnsel (= Embolie) oder ein Gerinnsel an Ort und Stelle (= Thrombose). Das Gewebe dahinter bekommt kein oder zu wenig Blut, es entsteht ein akuter Sauerstoffmangel.
Arteriell: Embolie aus dem Herzen bei Vorhofflimmern oder Thrombose bei Atherosklerose und pAVK
Pathophysiologie
Venös: Blutstau vor dem Gerinnsel, Schwellung, livide Verfärbung, Schmerz und Überwärmung. Löst sich ein Teil des Gerinnsels, folgt die Lungenarterienembolie mit Hypoxämie und Gefahr des Schocks
Arteriell: Sauerstoffmangel hinter dem Verschluss (Ischämie). Bleibende Schäden im Nervengewebe nach 2 bis 4 Stunden, in der Muskulatur nach 6 bis 8 Stunden, in der Haut nach 12 Stunden
Symptome
Leitsymptom: einseitige Schmerzen in einer Extremität. Venös mit Schwellung und Überwärmung bei tastbaren Pulsen, arteriell plötzlich mit blassem, kaltem und pulslosem Bein
Die 6 P: Pain, Paleness, Pulselessness, Paresthesia, Paralysis, Perishingly cold
Achtung
Red Flags
Lungenarterienembolie: plötzliche Dyspnoe, Thoraxschmerz, Synkope bei TVT
Kritische Extremitätenischämie: Ruheschmerz, Geschwüre, Nekrosen bei pAVK
Diagnostik
Anamnese nach SAMPLER(S): Beginn plötzlich oder schleichend, Vorhofflimmern, frühere Thrombosen, gerinnungshemmende Medikamente. Risikofaktoren: Immobilisation, Operationen, Reisen, Schwangerschaft und Wochenbett
Körperliche Untersuchung:pDMS im Seitenvergleich (Fußpulse, Hauttemperatur, Rekap-Zeit, Motorik, Sensibilität), Druckschmerz entlang der Venen. Homans-Zeichen mit geringer Aussagekraft
Vitalparameter: meist normwertig. Tachykardie, Tachypnoe oder Sättigungsabfall als Hinweis auf eine Lungenarterienembolie, 12-Kanal-EKG anlegen
Therapie
Basismaßnahmen: arteriell tief lagern, weich polstern, unnötige Bewegungen vermeiden, weder wärmen noch kühlen; venös ruhig lagern, bei ausgeprägter Schwellung leicht hochlagern; Vitalwerte erheben; Sauerstoff bei Hypoxämie oder Verdacht auf Lungenarterienembolie; 12-Kanal-EKG; pDMS wiederholen; bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern
Weitere Versorgung: Analgesie; Antiemese bei Übelkeit; Antikoagulation mit Heparin bei entsprechender Indikation; Volumen nur bei Hypotonie oder Schock
Transport und Übergabe
Zielklinik: venös geeignete Klinik oder Gefäßzentrum; arteriell unverzüglich Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit
Lagerung und Monitoring: nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen; arteriell tief lagern, venös ruhig lagern und bei ausgeprägter Schwellung leicht hoch; EKG; pDMS im Verlauf
Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, Symptombeginn, pDMS-Befund, gerinnungshemmende Medikamente, Medikamente und Maßnahmen, Sauerstofftherapie
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Tipp
Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Arterielle und venöse Gefäßverschlüsse (NotSan)
Lungenarterienembolie (NotSan)
Akutes Koronarsyndrom
Schock (NotSan)
Lagerung
Terminologie
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