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Gesundheit und Krankheit: Grundlagen

Salutogenese
EP
16 Minuten Lesezeit

Gesundheit und Krankheit entstehen aus einem dynamischen Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Psychische Prozesse wie Stressverarbeitung, Krankheitsbewältigung und Adhärenz beeinflussen Verlauf und Prognose vieler Erkrankungen. Soziale Determinanten wie Bildung, Einkommen und Arbeitsbedingungen sind unabhängige Prädiktoren für Lebenserwartung und Krankheitsrisiko. Das biopsychosoziale Modell stellt die theoretische Grundlage ärztlicher Patient:innenorientierung dar. 

 Info
Für Medizinstudierende ist ein strukturiertes Verständnis dieser Zusammenhänge prüfungsrelevant und klinisch essenziell.
 Definition

Gesundheit ist ein Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit. Krankheit hingegen bezeichnet eine Störung dieses Gleichgewichts, die mit Beschwerden, Einschränkungen oder verminderter Leistungsfähigkeit einhergeht.

Gesundheit

Gesundheit wird im Alltag oft negativ definiert als Abwesenheit von Krankheit: Eine Person gilt als gesund, wenn sie subjektiv keine Störungen (körperlich / psychisch / seelisch) wahrnimmt und keine krankhaften Veränderungen vorliegen.

Gesundheit

Einordnung der Komponenten:

  • Körperliches Wohlbefinden ≠ objektive Gesundheit → Auch mit Diagnose können sich Menschen gesund fühlen
  • Krankheit wird besonders relevant, wenn Symptome das körperliche oder geistige Befinden beeinträchtigen und zu Alltagseinschränkungen führen
  • Soziales Wohlbefinden: Gefühl von Unterstützung und Einbindung (Familie, Freund:innen, Kolleg:innen, Nachbarschaft) + Einfluss der Umgebung → Wirkt oft förderlich auf das körperliche Wohlbefinden

     Merke

    Gesundheit wird gemäß der WHO als Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens definiert. Moderne Konzepte verstehen Gesundheit jedoch nicht als statischen Idealzustand, sondern als dynamischen Anpassungsprozess.

    • Antonovskys Salutogenese-Modell beschreibt Gesundheit als Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit
    • Entscheidend ist das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence), das sich aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammensetzt
    • Studien zeigen, dass ein hohes Kohärenzgefühl mit geringerer Morbidität und besserer Stressbewältigung assoziiert ist

Krankheit

Definition über Gesundheitskriterien:

 Definition

Krankheit bezeichnet eine Störung biologischer, psychischer oder sozialer Funktionen mit subjektivem Leidensdruck oder objektivierbarer Funktionsbeeinträchtigung.

Krankheit lässt sich beschreiben, indem man zentrale Merkmale von Gesundheit umkehrt:

  • Gleichgewicht / Harmonie: Gesundheit = balanciert / harmonisch → Krankheit = Störung des Gleichgewichts, Disharmonie
  • Funktion & Regulation: Gesundheit = intakte Funktions- und Regulationsfähigkeit → Krankheit = (Teil-) Ausfall dieser Fähigkeiten
  • Erleben & Leistungsfähigkeit: Gesundheit = Wohlbefinden, Genuss- / Leistungsfähigkeit → Krankheit = subjektive Beeinträchtigung davon
  • Soziale Rollen: Gesundheit = Rollen / Leistung erfüllbar → Krankheit = Hilfsbedürftigkeit und (teilweise) Entbindung von Verpflichtungen

Definition über Krankheitskriterien:

 Definition

Gewisse Ansätze definieren „krankhaft“ über konkrete Kriterien. Ein Zustand / Ereignis gilt (v. a. unbehandelt) als krankhaft, wenn er: 

  • Zum vorzeitigen Tod oder zur Verkürzung der natürlichen Lebenserwartung führt
  • Mit Schmerz / Beschwerden (körperlich und / oder seelisch) verbunden ist, die Intensität, Dauer oder Häufigkeit über ein tolerables Maß hinaus überschreiten (Leiden)
  • Zur Unfähigkeit biologischer Reproduktion führt
  • Die Fähigkeit beeinträchtigt, altersentsprechend konfliktarm / kooperativ in Gemeinschaften zu leben (soziale Integrationsunfähigkeit)
  • Körperlich-seelische Potenziale so verändert, dass später in zuvor harmlosen Situationen leichter Krankheit entsteht (Krankheitsdisposition)

Exkurs: Das biopsychosoziale Modell nach Engel beschreibt Krankheit als Resultat

  • Biologischer Faktoren (z. B. Genetik, Neurotransmitter, Entzündung)
  • Psychologischer Faktoren (z. B. Kognitionen, Emotionen, Coping)
  • Sozialer Faktoren (z. B. soziale Unterstützung, sozioökonomischer Status)
 Merke
Dieses Modell ist empirisch gut gestützt, etwa durch Forschung zu Stressachsen (HPA-Achse), psychosomatischen Erkrankungen und sozialen Gesundheitsgradienten.

Terminologie

Terminologie (Krankheit):

  • Ätiologie: Lehre von den Krankheitsursachen (auslösende / mitverursachende Faktoren)
  • Pathogenese: Entstehung und Verlauf einer Krankheit (wie sie „wird“ / sich entwickelt)
 Info

Bei somatischen Erkrankungen oft besser geklärt als bei psychischen.

  • Störung
    • In der Psychologie häufig statt „Krankheit“ benutzt, weil Ursachen / Entstehungswege psychischer Erkrankungen oft nicht eindeutig sind
    • Erklärung meist über das biopsychosoziales Modell
 Definition

Das biopsychosoziale Modell ist ein ganzheitlicher Ansatz in Medizin und Psychologie, der Krankheit und Gesundheit durch das Zusammenspiel von biologischen (Körper, Genetik), psychischen (Denken, Fühlen) und sozialen Faktoren (Umfeld, Beruf) erklärt.

  • Krankengeschichte (Anamnese / Verlauf)
    • Dokumentation von z. B. Anamnese, vermuteter Ursache, Verlauf, Therapien / Maßnahmen
    • Ärztlich zu dokumentieren
  • Chronifizierung
    • Übergang von akut → dauerhaft / chronisch
 Tipp

Häufige Faustregel: „Chronisch", wenn Symptome > 6 Monate bestehen (z. B. Schmerz, Depression).

  • Remission
    • Abschwächung von Symptomen im Verlauf
    • Kann vorübergehend oder dauerhaft sein
    • Formen: partielle vs. komplette Remission
 Info

Auch ohne Behandlung möglich: Spontanremission.

  • Rezidiv
    • Rückfall: Erneutes Auftreten einer Erkrankung nach Besserung / Abheilung
  • Kuration (kurativ)
    • Behandlung mit Ziel der vollständigen Heilung („restitutio ad integrum“) + Verhindern weiterer Verschlechterung
  • Rehabilitation
    • Wiederherstellung von Teilhabe / Funktionsfähigkeit im Alltag
    • Fördert Krankheitsbewältigung, mindert Folgen (vor allem bei chronischen Erkrankungen)
  • Risikofaktoren
    • Erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erkrankung auftritt
  • Protektive Faktoren
    • Puffern / unterbrechen krankmachende Prozesse oder schwächen sie ab
    • Können Chronifizierung / Rezidive entgegenwirken (z. B. stabiles Umfeld)
  • Resilienz
    • Psychische Widerstandskraft/Elastizität: Belastungen bewältigen, ohne langfristig stark beeinträchtigt zu bleiben
 Merke

Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, Krisen, Stress oder Rückschläge ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen.

  • Exazerbation
    • Vorübergehende Verschlechterung / „Schub“ einer bestehenden (oft chronischen) Erkrankung
 Info

Exzazerbation ist das Gegenteil von Remission (Besserung).

  • Rekonvaleszenz: Erholungsphase nach akuter Erkrankung
  • Progredienz / Progression: Fortschreitende Verschlechterung im Verlauf
  • Mortalität: Sterblichkeit (v. a. in Epidemiologie / Outcome)

Dichotomie vs. Kontinuum (Gesundheit-Krankheit):

 Definition

Dichotom bedeutet zweipolig: Eine Person ist entweder „gesund“ oder „krank“. Solche Modelle entstehen oft, wenn Gesundheit schlicht als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird.

Klinisch näher an der Realität ist jedoch ein Kontinuum:

  • Gesundheit und Krankheit sind eher Fließzustände
  • Zwischen den Polen „absolute Krankheit“ und „vollkommene Gesundheit“
  • Menschen können sich auf diesem Spektrum bewegen (z. B. leichte Beschwerden, chronisch stabil, teil gesund)

Normbegriffe:

  • Aus medizinischer Sicht wird „krank“ häufig als Abweichung von einer Norm verstanden
  • Diese Norm kann objektiv (z. B. Laborwerte, Blutdruck) festgelegt sein
 Merke

Diagnosen entstehen somit meist im Vergleich mit dem „Normalen".

 Achtung
Wichtige Normarten:
  • Statistische Norm: Orientiert sich an Ist-Werten einer Population (Mittelwert, Häufigkeiten, Prozente)
    → Was häufig vorkommt, gilt als normal
  • Idealnorm: Beschreibt einen wünschenswerten Soll-Zustand
    → Nicht das Häufige, sondern das „Beste / Optimale“
  • Funktionsnorm: Prüft, ob eine Person im Alltag ausreichend funktionsfähig ist
    → Entscheidend ist, ob Rollen / Alltagsanforderungen bewältigt werden
  • Diagnostische Norm: Ein Test liefert ein unauffälliges (negatives) oder auffälliges (positives) Ergebnis
    → Dient dazu, mit bestimmter Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden, ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht
  • Therapeutische Norm: Normwert mit Bedeutung für Therapieziele
    → Ein Zielwert gilt als erreicht, wenn dadurch z. B. das Risiko für Folgeerkrankungen sinkt (etwa bei Blutdruck-Zielwerten)
 Definition

Epidemiologie untersucht Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung von Krankheiten sowie deren soziale Folgen in der Bevölkerung.

 Definition

Ein Patient ist eine Person, die aufgrund von körperlichen oder psychischen Beschwerden medizinische oder therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt und dabei diagnostiziert, behandelt oder betreut wird.

  • Patient:innen sind nicht nur Träger:innen einer Diagnose, sondern handelnde Subjekte mit individuellen Krankheitskonzepten, Erwartungen und Coping-Strategien
  • Parsons beschreibt die „Krankenrolle“ eine gesellschaftlich definierte soziale Rolle mit Rechten (z. B. Entlastung von Pflichten) und Pflichten (z. B. Mitwirkung an Therapie)
  • Moderne Ansätze betonen Autonomie, Shared Decision Making und partizipative Entscheidungsprozesse
    • Studien zeigen, dass partizipative Kommunikation signifikant mit besserer Adhärenz und höherer Zufriedenheit assoziiert ist
 Definition
Partizipative Kommunikation 
  • Partizipative Kommunikation bezeichnet einen dialogischen Kommunikationsstil im medizinischen Kontext, bei dem Patient:innen aktiv in Informationsaustausch, Entscheidungsprozesse und Therapieplanung einbezogen werden. Sie basiert auf Transparenz, gegenseitigem Respekt und der systematischen Berücksichtigung individueller Präferenzen, Werte und Lebensumstände der Patient:innen
  • Im Unterschied zu paternalistischen Modellen erfolgt die Entscheidungsfindung kooperativ im Sinne eines Shared-Decision-Making-Ansatzes
  • Ärzt:innen stellen evidenzbasierte Informationen verständlich dar, explorieren Erwartungen und Befürchtungen und unterstützen Patient:innen dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen
  • Empirische Studien zeigen, dass partizipative Kommunikation mit höherer Therapieadhärenz, besserer Krankheitsbewältigung, größerer Zufriedenheit und teilweise verbesserten klinischen Outcomes assoziiert ist
  • Zudem reduziert sie Informationsdefizite und fördert das Vertrauen in die ärztliche Behandlung
  • Die partizipative Kommunikation gilt daher als zentrales Element patient:innenzentrierter Medizin und als Qualitätsmerkmal moderner Versorgungssysteme

Bevor jemand ärztliche Hilfe sucht, erfolgt meist zuerst eine Selbsteinschätzung:

  • „Geht es mir im Vergleich zu vorher besser oder schlechter?"
  • Auffällig werden vor allem Abweichungen vom eigenen Normalzustand, sie können als Symptome erlebt werden
  • Körperliche Beschwerden werden dabei häufig leichter bemerkt als psychische
 Merke

Ob körperliche Veränderungen (z. B. Herzstolpern) überhaupt wahrgenommen werden und wie bedrohlich sie wirken, hängt stark ab von:

  • Emotionen (z. B. Angst)
  • Kognitionen / Interpretationen (z. B. „Das ist bestimmt gefährlich")

Interozeption (Wahrnehmung körperinnerer Vorgänge):

 Definition

Interozeption meint die Fähigkeit, Signale aus dem Körper zu registrieren. Dazu zahlen:

  • Propriozeption: Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum, vermittelt u. a. über Muskel- und Sehnenspannung
  • Viszerozeption: Wahrnehmung von Signalen aus dem Inneren der Organe (z. B. Magenknurren, Herzklopfen)
  • Nozizeption: Wahrnehmung von Schmerzreizen

Gesundheitsbezogene Lebensqualität:

Für die Einschätzung des Gesundheitszustands ist nicht nur entscheidend, wie stark Symptome sind, sondern auch, wie sehr sie die Funktions- und Handlungsfähigkeit im Alltag einschränken.

  • Zentrale Komponenten subjektiver Lebensqualität
    • Physisches Befinden (körperliche Gesundheit)
    • Psychisches Befinden (z. B. Stimmung, Emotionen)
    • Soziales Befinden (z. B. Qualität sozialer Beziehungen)
    • Funktionstüchtigkeit (z. B. Belastbarkeit, Berufsfähigkeit)
Gesundheit
 Info

Ein häufig genutzter Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität ist der SF-36. Er umfasst 36 Items und bildet mehrere Bereiche ab, u. a.:

  • Körperliche Aspekte: Körperliche Funktionsfähigkeit, Rollenfunktion, Schmerzen, Gesundheitswahrnehmung
  • Psychisch / sozial: Vitalität, soziale Funktionsfähigkeit, emotionale Rollenfunktion, psychisches Wohlbefinden

Subjektive Krankheitstheorien:

Patienten entwickeln meist ein eigenes „Erklärungsmodell" ihrer Beschwerden - unabhängig davon, ob es medizinisch korrekt ist. Diese Vorstellungen steuern, wie Symptome gedeutet, wie bedrohlich sie erlebt und welche Schritte (Abwarten, Hausmittel, Arztbesuch) gewählt werden. Für die Behandlung ist es deshalb wichtig, das persönliche Modell zu kennen.

  • Typische Inhalte sind Annahmen über:
    • Ursache und Entstehung der Krankheit
    • Folgen / Auswirkungen der Erkrankung
    • Wege zur Besserung / Genesung (z. B. Behandlung, Verhalten, „Schonung")
 Achtung

Diese Vorstellungen sind häufig implizit (nicht vollständig bewusst). Deshalb sollte man sie im Gespräch behutsam erfragen.

Laienätiologie:

 Definition

Unter Laienätiologie versteht man Erklärungen für Krankheitsursachen, die aus Alltagswissen stammen (ohne medizinische Ausbildung).

Das ist normal - kann aber zu Fehlinterpretationen führen und dadurch Diagnostik / Therapie verzögern.

 Info

Beispiel: Brustschmerz wird als „verspannter Rücken“ gedeutet → Notfallzeichen werden unterschätzt.

 Merke

Psychische Faktoren werden von Patienten teils als Ursache schwerer Erkrankungen (z. B. Krebs durch Stress) angenommen. Ein kausaler Nachweis solcher einfachen „Persönlichkeit → Krebs" - Erklärungen gilt als nicht belegt.

Emotionale und kognitive Einflüsse:

Bestimmte Diagnosen (z. B. Krebs, Schizophrenie) sind gesellschaftlich stark emotional aufgeladen. Das beeinflusst:

  • Wahrnehmung der Betroffenen (Bedrohung, Angst, Scham)
  • Verhalten (z. B. Vermeidung, Überwachung, Arztbesuche)
  • Reaktionen des Umfelds (Stigmatisierung (soziale Abwertung), Überfürsorglichkeit, Distanz)
 Info

Auch Entstehung und Verlauf von Erkrankungen werden durch Emotionen und Kognitionen mitgeprägt (z. B. Stressbewertung, Erwartungen, Coping).

 Definition

Aus gesellschaftlicher Sicht gilt eine Person als krank, wenn sie aufgrund von Beschwerden ihre sozialen Rollen und Aufgaben (z. B. Arbeit oder Familie) nicht mehr erfüllen kann. Krankheit bedeutet somit eine Abweichung von der normalen Leistungsfähigkeit und führt oft zu einer vorübergehenden Entlastung von Pflichten, gleichzeitig aber auch zur Erwartung, wieder gesund zu werden. Zudem wird Krankheit durch gesellschaftliche Normen, Stigmatisierung und Medikalisierung mitgeprägt.

Krankheit aus Sicht der Gesellschaft:

Gesellschaftlich gilt eine Person oft dann als krank, wenn sie ihre sozialen Rollen (z. B. Arbeit, Familie) nicht mehr wie gewohnt erfüllen kann. Krankheit bedeutet damit häufig eine Abweichung von normaler Leistungsfähigkeit. Kranke werden deshalb vorübergehend von Pflichten entlastet, zugleich wird erwartet, dass sie zur Besserung beitragen, um wieder rollenfahig zu werden. Im Gesundheits- und Sozialsystem regeln z. B. Krankschreibung und ähnliche Vorgaben, wann diese Entlastung gerechtfertigt ist.

 Info

Medikalisierung: Lebensbereiche werden zunehmend medizinisch gedeutet, obwohl sie früher nicht primär zur Medizin gehörten.

 Merke
  • Krankheit ist nicht nur biologisches Ereignis, sondern auch sozial definiert
  • Gesellschaftliche Normen bestimmen, was als „krank“ gilt
  • Soziale Determinanten wie Bildung, Einkommen und Arbeitsbedingungen beeinflussen Mortalität und Morbidität unabhängig von medizinischer Versorgung
  • Die Whitehall-II-Studie zeigte einen klaren sozialen Gradienten der Mortalität selbst innerhalb vergleichbarer Berufsgruppen
  • Stigmatisierung, insbesondere bei psychischen Erkrankungen, verschlechtert Prognose und Inanspruchnahme von Versorgung

Beispiele: 

  • Kinderlosigkeit: Früher wurde Kinderlosigkeit oft als persönliches oder schicksalhaftes Thema gesehen. Heute wird sie häufig als medizinisches Problem verstanden (z. B. „Unfruchtbarkeit“) und mit Behandlungen wie Hormontherapie oder künstlicher Befruchtung behandelt
  • Anti-Aging: Altern war früher ein natürlicher Prozess. Heute wird es zunehmend als etwas betrachtet, das medizinisch oder kosmetisch behandelt werden soll, z. B. durch Botox, Operationen oder Anti-Aging-Medikamente, um ein „jugendliches“ Aussehen zu erhalten
 Info

Bei psychischen Erkrankungen führen fehlende Akzeptanz und Unwissen oft zu Stigmatisierung: Das Etikett „psychisch krank" kann Diskriminierung (Benachteiligung) begünstigen und die Teilhabe zusätzlich erschweren.

Stigmatisierung und Diskriminierung:

Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben häufig Stigmatisierung und Benachteiligung.

 Definition

Stigma = ein negativ bewertetes Merkmal (Stereotyp), das einer Person zugeschrieben wird. Stigmatisieren heißt: jemanden wegen dieses Merkmals abwerten bzw. „diskreditieren".

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Versorgung psychischer Erkrankungen verändert:

  • Weniger Unterbringung / Isolation in großen Einrichtungen
  • Mehr ambulante Behandlung und Therapie (häufig über niedergelassene Behandlerinnen)

Trotzdem bleibt Stigmatisierung ein Problem:

  • Betroffene werden teils auch nach erfolgreicher Therapie weniger akzeptiert
  • Nachteile z. B. auf Arbeits- und Wohnungsmarkt
  • Oft wird ein „Makeln“ weiter zugeschrieben, obwohl es faktisch nicht mehr besteht
 Info

Stigma betrifft auch andere sichtbare Erkrankungen / Behinderungen (z. B. Hauterkrankungen).

 Definition

Soziale Diskriminierung bedeutet eine kategorische Benachteiligung aufgrund negativer Bewertung,  z. B. auch bei HIV oder wenn wiederholte/lange Klinikaufenthalte den „Ruf" einer Person schädigen und zu Meidung / Ausgrenzung führen.

Etikettierungsansatz:

Der Etikettierungsansatz betont, dass „psychisch krank / gesund“ nicht nur medizinisch, sondern auch sozial mitbestimmt wird. Eine Person gilt demnach erst dann als „gestört“, wenn ihr Umfeld ihr ein entsprechendes Label gibt.

Dieses Etikett kann Folgen haben:

  • Abweichendes Verhalten wird stärker wahrgenommen und festgeschrieben
  • Betroffene übernehmen mit der Zeit die Rolle (Ich bin so"), was Verhalten und Selbstbild stabilisieren kann

Arbeitsunfähigkeit:

Sozialrechtlich wird Gesundheit oft daran geknüpft, ob jemand arbeits- und erwerbsfähig ist. Arbeitsunfähigkeit liegt vor, wenn jemand wegen Krankheit die Tätigkeit nicht ausüben kann oder dies nur mit dem Risiko einer Verschlimmerung möglich wäre.

 Info

Arbeitsunfähigkeit wird ärztlich bescheinigt (umgangssprachlich: Krankschreibung) und dient als Nachweis im System. In der Regel zahlt der Arbeitgeber bei Krankheit bis zu 6 Wochen weiter, danach folgt (bei gesetzlich Versicherten) meist Krankengeld über die Krankenkasse.

Hurrelmann, Klaus; Richter, Matthias: Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven. Springer VS, 2022. ISBN: 978-3-658-36865-3.

Bengel, Jürgen; Jerusalem, Matthias (Hrsg.): Handbuch der Gesundheitspsychologie und Medizinischen Psychologie. Hogrefe, 2021. ISBN: 978-3-8017-2926-7.

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Marmot M, Allen J, Bell R, Bloomer E, Goldblatt P. WHO European review of social determinants of health and the health divide. The Lancet 2012;380(9846):1011–1029. DOI: 10.1016/S0140-6736(12)61228-8.

Stewart MA. Effective physician-patient communication and health outcomes: A review. Canadian Medical Association Journal 1995;152(9):1423–1433.

S3-Leitlinie: Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung fördern. AWMF-Registernummer: 089-001, verantwortliche Fachgesellschaft: Deutsches Netzwerk Gesundheitskompetenz.

S3-Leitlinie: Nationale Krebspräventionsleitlinie – Patientenkommunikation. AWMF-Registernummer: 032-076OL, verantwortliche Fachgesellschaft: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Zuletzt aktualisiert am 30.05.2026
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