Glaukom (grüner Star) bezeichnet eine Gruppe von Augenerkrankungen, deren gemeinsames Merkmal die fortschreitende Schädigung der Sehnervenpapille ist, welche unbehandelt zur Erblindung führen kann.
Betroffen sind vor allem ältere Personen. Der wichtigste Risikofaktor ist ein erhöhter Augeninnendruck (IOD), der meist durch ein Ungleichgewicht zwischen Kammerwasserproduktion und -abfluss entsteht.
Die Einteilung des Glaukoms erfolgt grob nach der Ursache (primär vs. sekundär), nach dem Zustand des Kammerwinkels (offen und geschlossen) sowie dem Verlauf (chronisch vs. akut).
Eine frühzeitige Diagnostik sowie gezielteTherapie sind entscheidend für den Erhalt der Sehfunktion und eine günstige Prognose.
Das Glaukom zählt weltweit zu den häufigsten Ursachen für Erblindung. In Europa liegt die Erkrankungshäufigkeit (Prävalenz) bei Personen zwischen 40 und 80 Jahren bei etwa 2,9 % und steigt bei über 90-Jährigen auf rund 10 %.
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Bekannte Risikofaktoren für ein Glaukom sind:
Erhöhter Augeninnendruck (IOD)
Höheres Lebensalter: ab 40 Jahren zunehmend
Familiäre Disposition: erhöhtes Risiko bei erstgradigen Verwandten mit Glaukom
Medikamenteneinnahme: Langzeitbehandlungen mit Glukokortikoiden
Ethnische Herkunft: höheres Risiko bei Menschen mit afrikanischer oder asiatischer Herkunft
Anatomische Augenverhältnisse:
Kurze Bulbuslänge (häufig bei Weitsichtigkeit)
Hohe Kurzsichtigkeit (ab -5 Dioptrien)
Flache vordere Augenkammer
Bei entsprechender anatomischer Veranlagung: Mydriasis ausgelöst durch Medikamente (z.B. Atropin und andere Anticholinergika), sympathische Reaktion (z.B. Angst- oder Schreckreaktion) oder Dunkelheit
Okuläre Grunderkrankungen:
Rubeosis iridis: pathologische Gefäßneubildung auf der Iris (z. B. bei diabetischer Retinopathie) → Einwachsen in den Kammerwinkel → Neovaskularisationsglaukom
Seclusio pupillae: Verklebung der Pupille mit Bildung von hinteren Synechien (z. B. nach Iritis) → Kammerwasserstau hinter der Iris → Iris bombée → Winkelblock → sekundäres Glaukom
Internistische Grunderkrankungen: z.B. Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen, Hypo- sowie Hypertonie
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Die Klassifikation des Glaukoms erfolgt anhand von drei Hauptkriterien:
Ursache
Anatomie
Verlauf
1. Nach der Ursache
Liegt eineGrunderkrankung oder ein auslösender Faktor vor?
Primäre Glaukome
Definition: entstehen ohne erkennbare Grunderkrankung oder auslösende Ursache
Beispiel: primäres Offenwinkelgalukom
Sekundäres Glaukom
Definition: entwickeln sich infolge einer Grunderkrankung oder äußerer Faktoren
Mögliche Ursachen s. Risikofaktoren
Kongenitales Glaukom
Definition: Ursache ist eine angeborene Fehlbildung des Kammerwinkels, die den Kammerwasserabfluss behindern
2. Nach Kammerwinkel (Anatomie)
Wie ist dieanatomische Beschaffenheit des Kammerwinkels?
Offenwinkelglaukom
Synonym: Weitwinkelglaukom
Pathologie: Kammerwinkel ist anatomisch offen, aber der Abfluss des Kammerwassers ist gestört
Hinweis: Häufigste Glaukomform
Engwinkelglaukom
Synonym: Winkelblockglaukom
Pathologie: Kammerwinkel ist anatomisch verengt oder blockiert, was den Abfluss behindert
Definition: ist eine Unterform des primären Offenwinkelglaukoms
Klinik: glaukomtypische Schädigung des Sehnervs (Papillenexkavation) und Gesichtsfeldausfälle, trotz normalem Augeninnendruck
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Die Pathophysiologie des Glaukoms ist vielfältig, wobei der Augeninnendruckanstieg den zentralen Mechanismus darstellt. Darüber hinaus können weitere Faktoren wie vaskuläre Insuffizienzen oder sekundäre Erkrankungen zu Augenschäden beitragen.
Physiologie und Verlauf des Kammerwassers
Der Augeninnendruck (IOD) wird durch das Gleichgewicht zwischen der Produktion und Abfluss des Kammerwassers reguliert. Der Kammerwasserfluss verläuft wie folgt:
Produktion des Kammerwassers im Ziliarkörperepithel
Fluss des Kammerwassers von der hinteren Augenkammer durch die Pupille (1. physiologischer Widerstand) in die vordere Augenkammer
Abflussaus der vorderen Augenkammer
85 % über das Trabekelwerk (2. physiologischer Widerstand)
Transport zum Schlemm-Kanal
Ableitung über ca. 20 kleine Sammelkanäle in die episkleralen Venen
15 % über uveoskleralen Abfluss, das heißt, dass ein Teil des Kammerwassers direkt durch die Gefäße des Ziliarkörpers (Uvea) und der Sklera (Lederhaut) abtransport wird
Pathophysiologie
Ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Kammerwasserproduktion und -abfluss führt zu einem erhöhten Augeninnendruck, wenn
Hintere Synechien: Verklebung der Iris und der Linse
Pathophysiologie: Bei reduziertem Abfluss über die Pupille → erhöht sich der Druck in der hinteren Augenkammer (Pupillarblock) → Vorwölbung der Iris → zusätzliche Verengung des Kammerwinkels (Erhöhung des 2. physiologischen Widerstands) → Gefahr eines Winkelblocks
2. Physiologischer Widerstand erhöht
Bei akutem Winkelblock
Primär: Einengung des Kammerwinkels durch die Iris z.B. bei starker Mydriasis und Prädisposition durch eine flache vordere Augenkammer
Sekundär: Einengung des Kammerwinkels durch okuläre Grunderkrankungen z.B. Rubeosis iridis, vordere Synechien oder Verlegung durch Linsenluxation
Bei offenem Kammerwinkel (Offenwinkelglaukom)
Primär: gestörter Abfluss durch das Trabekelwerk (ca. 90 % der Glaukomefälle)
Sekundär: Verstopfung des Trabekelwerks durch Partikel im Kammerwasser z.B. Zellen wie Erythrozyten/Leukozyten oder Pigment
Die Produktion ist gesteigert,z.B. im Rahmen von entzündlichen Prozessen
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Die klinische Symptomatik ist abhängig von der Glaukomform und unterscheidet sich grundlegend zwischen:
Dem akuten Verlauf beim Engwinkelglaukom
Dem chronischen Verlauf beim Offenwinkelglaukom
Engwinkelglaukom (akuter Verlauf)
Definition: Akutstadium bzw. ophthalmologischer Notfall
Symptome:
Plötzliche, starke Augenschmerzen
Gerötetes Auge
Tastbare Verhärtung des Bulbus im Seitenvergleich
Trübung der Hornhaut
Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen
Schneller Visusverlust
Mittelweite, starre und ggf. entrundete Pupille
Akutes Engwinkelglaukom des rechten Auges (gerötet und mit erweiterter Pupille)
Offenwinkelglaukom (chronischer Verlauf)
Frühstadium
Meist asymptomatisch
Keine Schmerzen
Keine subjektiven Sehverschlechterungen
Möglicher Gesichtsfeldausfall
Spätstadium
Fortschreitender Gesichtsfeldausfall
Zunehmende Sehverschlechterung
Beeinträchtigungen im Alltag spürbar
Endstadium ohne Behandlung
Komplette Schädigung des Sehnervs
Vollständige und irreversible Erblindung
Links: Normales Gesichtsfeld Rechts: Bei fortgeschrittenem Gesichtsfeldverlust durch ein Glaukom
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Merke
Die Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, gefolgt von der Messung des Augeninnendrucks sowie der Beurteilung betroffener anatomischer Strukturen mittels weiterführender apparativer Untersuchungsverfahren.
Anamnese
(S) Symptome:
Sehstörungen (z.B. Gesichtsfeldausfälle)
Halos (bei Blick in eine Lichtquelle, sieht die Person bunte Ringe um die Lichtquelle herum)
Übelkeit, Erbrechen (insbesondere bei akutem Glaukomanfall)
Schmerzen
(A) Allergien:
Wichtig zur Vermeidung unerwünschter Reaktionen bei medikamentöser Therapie oder anstehender Operation
(M) Medikamenteneinnahme:
Z.B. Glukokortikoide, die ein sekundäres Glaukom auslösen können
(P) Patientenvorgeschichte:
Internistische Erkrankungen wie Diabetes oder Gefäßerkrankungen, die das Glaukomrisiko erhöhen
Augenerkrankungen
(L) Letzte/r:
Datum und Befunde derletzten augenärztlichen Untersuchung
Frühere Operationen oder Therapien am Auge
(E) Events:
Vorangegangene Traumata oder Operationen am Auge
(R) Risikofaktoren:
Familienanamnese
Hohes Alter
Langzeittherapie (z.B. Glukokortikoiden)
Körperliche Untersuchung
Palpation des Auges
Ziel: grobe Einschätzung des Augeninnendrucks durch abwechselnden, sanften Zeigefingerdruck durch die geschlossenen Oberlider
Befund: Tastbare Verhärtung des Bulbus im Seitenvergleich ("steinharter Bulbus")
Tipp
Auch für ungeübte Untersucher:innen lässt sich ein akuter Winkelblock anhand der typischen Klinik (gerötetes Auge, starke Schmerzen, lichtstarre Pupille)in Kombination mit dem charakteristischenTastbefund eines steinharten Bulbus im Seitenvergleich zuverlässig erkennen.
Palpation des Auges
Augeninnendruckmessung
Augeninnendruckmessung (Tonometrie)
Ziel: Bestimmung des Augeninnendrucks zur Erkennung einer Druckerhöhung
Normalbefund: 10 bis 21 mmHg
Pathologischer Befund: Werte über 21 mmHg → bei akutem Winkelblock >40 mmHg möglich
Weiterführende apparative Diagnostik
Perimetrie (Gesichtsfeld)
Ziel: Erkennung und Ausmaß von Gesichtsfeldausfällen
Pathologischer Befund: Nachweis von Skotomen im Gesichtfeld, typischerweise Bjerrum-Skotom
Gonioskopie an der Spaltlampe
Ziel: Beurteilung des Kammerwinkels (offen vs. geschlossen) zur Differenzierung von Glaukomformen
Funduskopie (Ophthalmoskopie)
Ziel: Beurteilung der Sehnervenpapille und der Gefäße am Papillenrand
Pathologischer Befund:
Ovale Aushöhlung der Papille (Exkavation)
Scharf abknickende (bajonettartige) Gefäße am Papillenrand
Cup-/Disc-Ratio (CDR): Verhältnis der zentralen Aushöhlung (Cup) zum gesamten Sehnervpapillendurchmesser (Disc); eine CDR > 0,7 gilt als glaukomverdächtig
Funduskopie: morphologische Veränderungen
Optische Kohärenztomographie (OCT)
Ziel: quantitative Vermessung der Nervenfaserschichten am Sehnervenkopf
Pathologischer Befund: reduzierte Dicke
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Okuläre Hypertension
Definition: erhöhter Augeninnendruck (>21 mmHg), ohne glaukomtypische Gesichtsfeldausfälle oder Sehnervenschaden
Verlauf: kann sich zu einem Glaukom entwickeln
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Merke
Die Behandlung richtet sich nach der Glaukomform und erfolgt stufenweise – bei unzureichender Wirkung wird zur nächsten Eskalationsstufe übergegangen.
1. Akuter Winkelblock (Glaukomanfall)
Achtung
Es handelt sich um einen Notfall, der eine sofortige augenärztliche Behandlung erforderlich macht. Unbehandelt droht eine irreversible Schädigung des Sehnervs.
Therapieziel:
Schnelle Drucksenkung, Schmerzreduktion und Freilegung des Kammerwinkels
Medikamentöse Initialtherapie
Parasympathomimetika bzw. Cholinergika (z.B. Pilocarpin-Augentropfen): alle 15 Min (initial) → Miotikum zur Pupillenverengung und Öffnung des Kammerwinkels
Carboanhydrasehemmer i.v. (z.B. Acetazolamid): rasche Hemmung der Kammerwasserproduktion
Sympatholytika (z.B. Betablocker Timolol) als Augentropfen: zusätzliche Drucksenkung durch Hemmung der Kammerwasserproduktion
Ggf. Osmodiuretika i.v. (z.B. Mannitol): osmotische Drucksenkung bei sehr hohem Augeninnendruck
Ggf. Analgetika und Antiemetika
Operative Akuttherapie
YAG-Iridotomie: Herstellung eines Abflussweges zwischen hinterer und vorderer Augenkammer
Alternativ: chirurgische Iridektomie
Achtung
Keine systemische Blutdrucksenkung während eines akuten Winkelblocks, da dies die Durchblutung des Sehnervs gefährden kann!
Am Partnerauge entwickelt sich sonst in 40–60 % der Fälle innerhalb von 5–10 Jahren ebenfalls ein akutes Glaukom. Daher ist eine engmaschige Kontrolle des Partnerauges wichtig.
2. Chronisches Offenwinkelglaukom
Therapieziel: Senkung des Augeninnendrucks (IOD) zur Verlangsamung der Sehnervschädigung
↑ Erweiterung des Kammerwinkels durch Miosis: Cholinergika bzw. Parasympathomimetika
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Eine frühzeitige Diagnose sowie Therapie kann das Fortschreiten des Glaukoms verlangsamen. Unbehandelt führt die Erkrankung zur irreversiblenErblindung.
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Lang et al: Augenheilkunde. Georg Thieme Verlag KG 2024. ISBN: 978-3-13-245444-6
Dahlmann et al: BASICS Augenheilkunde Elsevier GmbH 2024. ISBN: 978-3-437-41254-7