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Glukokortikoide

Glucocorticoid
7 Minuten Lesezeit

Glukokortikoide sind eine Klasse von Steroidhormonen, die in der Nebennierenrinde produziert werden und eine Vielzahl von physiologischen Prozessen im Körper regulieren. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Regulation von Entzündungen und dem Immunsystem, indem sie die Expression von entzündungsfördernden Zytokinen hemmen. Cortisol ist das wichtigste natürliche Glukokortikoid, während synthetische Varianten wie Prednisolon und Dexamethason in der Medizin weit verbreitet sind. Diese Medikamente werden häufig zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen wie Arthritis, Asthma und Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Die langfristige Anwendung kann jedoch zu Nebenwirkungen wie Osteoporose, arterieller Hypertonie, Diabetes mellitus und erhöhter Infektionsanfälligkeit führen.

 Info

Glukokortikoide sind die Wirkstoffe mit den meisten Indikationen!

Systemische Gabe

 WirkstoffRelative glukokortikoide Wirkung1Cushing-Schwellen-Dosis2 (mg/Tag) Charakteristika
Kurzwirksam  
(8-12 Std.)
  • Cortisol (Hydrocortison)
130
  • 1. Wahl bei Substitution
  • Hydrocortison entspricht chemisch dem physiologischen Cortisol 
Mittellang wirksam 
(12-36 Std.) 
  • Prednisolon
47,5
  • Standardmedikament
  • Triamcinolon
56
  • Auch geeignet für intraartikuläre Injektionen
Langwirksam (>48 Std.)
  • Betamethason
  • Dexamethason

30

30

1

1

  • Nur kurzfristige Nutzung
  1. Relative Wirkung im Vergleich zu Cortisol, dessen Wert 1 beträgt
  2. Überschreitet man die Cushing-Schwellen-Dosis über längere Zeit, tritt ein Cushing-Syndrom/ Hypercortisolismus auf (angegebene Werte gelten für Erwachsene, bei Kindern liegt die Cushing-Schwellen-Dosis bei ca. 25% der angegebenen Dosis)

Dermale Gabe

Die dermalen Wirkstoffe werden nach Wirkstärke eingeteilt: 

Wirkstärken nach NiednerWirkstoffIndikationen
Klasse I (schwach wirksam)
  • Hydrocortison
  • Dexamethason
  • Prednisolon
  • Leichte bis moderate Ekzeme
Klasse II (mäßig wirksam)
  • Triamcinolonacetonid
  • Prednicarbat
  • Flumetasonpivalat
  • Leichte bis moderate Ekzeme
Klasse III (stark wirksam)
  • Mometasonfuroat
  • Betamethasonvalerat
  • Desoximetason
  • Schwere Ekzeme, Hand- und Fußekzeme
Klasse IV (sehr stark wirksam)
  • Clobetasolpropionat
  • Schwere Ekzeme, Hand- und Fußekzeme
  • Nur für die Akuttherapie geeignet
 Achtung

Bei langfristiger dermaler Anwendung kann es zur Hautatrophie kommen! Besonders empfindlich ist die Gesichtshaut. 

Inhalative Gabe

  • Budesonid, Beclometason, Fluticason
 Info

Bei topischer Anwendung (inhalativ, dermal, intraartikulär) ist die systemische Bioverfügbarkeit wesentlich geringer als bei systemisch verabreichten Glukokortikoiden (Nebenwirkungen ↓).

  • Glukokortikoide binden an die physiologischen Glukokortikoid-Rezeptoren sowie teilweise an Mineralokortikoid-Rezeptoren
  • Es werden akute antiphlogistische Effekte wie z.B. durch eine  Membranstabilisierung (Minuten) von längerfristigen Effekten wie die veränderte Genexpression (Stunden bis Tage) unterschieden
Immunsuppression
Antiphlogistische Wirkung  von Glukokortikoiden
Antiphlogistische Wirkung (entzündungshemmend)
Katecholamin-sensitivität
Effekt von Glukokortikoiden auf die Katecholaminsensitivität
Glukokortikoide Wirkungen
  • ↑ Gesteigerte Glukoneogenese, ↑ Blutzucker
  • Abbau von Muskelproteinen
  • ↑ Gesteigerte Lipolyse
  • ↑ Knochenabbau, Osteoblastenhemmung
Mineralokortikoide Wirkungen
  • Natrium- und Wasserretention
  • Erhöhte Kaliumausscheidung
  • Erhöhte renale Calciumausscheidung
Blut
  • Umverteilung der Blutzellen
  • Erythrozyten, Thrombozyten, neutrophile Granulozyten
  • ↓ Lymphozyten, eosinophile und basophile Granulozyten
Ödeme
  • Antiödematöse Wirkung (insbesondere Einsatz bei Hirnödemen)
Frühgeborene
  • Induktion der Lungenreifung
  • Substitutionstherapie
    • Nebennierenrindeninsuffizienz (Morbus Addison)
    • Adrenogenitales Syndrom
  • Immunsuppression & antiphlogistische Therapie
    • Organtransplantationen
    • Autoimmunerkrankungen (chronisch entzündliche Darmerkrankungen, rheumatologische Erkrankungen, Multiple Sklerose, etc.)
    • Allergie (akut und Dauertherapie)
  • Lokale Therapie (Salben)
    • Vielzahl von Hauterkrankungen
  • Schwangerschaft
    • Intramuskuläre Betamethason-Gabe zur Lungenreifung bei Wehen vor der 34. Schwangerschaftswoche
  • Tumore
    • Bspw. bei hämatologischen Neoplasien wie Lymphomen und Leukämien 
  • Weitere:
    • Bei Hirntumoren: Reduktion des Hirndrucks und Reduktion des Hirnödems (antiödematöse Wirkung)
    • Antiemetische Therapie: perioperative PONV-Prophylaxe
    • Diagnostisch: Dexamethason-Hemmtest (Cushing-Diagnostik)

Die Nebenwirkungen sind abhängig von Dosis und Dauer der Glukokortikoidtherapie. Eine längerfristige Anwendung von systemischen Glukokortikoiden in höheren Dosen kann durch eine negative Rückkopplung zu einer Nebenniereninsuffizienz und im Verlauf zu einer Atrophie der Nebennierenrinden führen.

 Achtung

Um eine Nebenniereninsuffizienz bei langfristiger Glukokortikoidtherapie zu vermeiden, dürfen diese nicht unmittelbar abgesetzt werden, sondern müssen langsam ausgeschlichen werden!

Bereich  Nebenwirkung
Kohlenhydrat-
stoffwechsel
Diabetes
  • Erhöhter Blutzucker
  • Diabetogene Wirkung
Muskel  
Muskel
  • Muskelatrophie  
  • Myopathie
Lipidstoffwechsel
Fett
  • Vermehrte Lipolyse (Fettabbau) und Umverteilung des Fettgewebes (→ Entwicklung von „Stammfettsucht“, „Stiernacken“ und „Mondgesicht“)
Knochen  
Knochen
  • Knochenatrophie: durch Hemmung der Osteoblasten und der 1α-Hydroxylase (reduzierte Vitamin-D-Synthese) → Hypocalcämie
  • Osteoporoseprophylaxe mit Vitamin D und Calcium
  • Knochennekrosen  
  • Wachstumshemmung bei Kindern → Regelmäßige Kontrollen der Körpergröße
Mineralokortikoide 
Wirkung
Niere
  • Vermehrte Natrium und Wasserretention Arterielle Hypertonie, Bildung von Ödemen
  • Vermehrte Kaliumausscheidung → Hypokaliämie
Blut
Blut
  • Reduzierte Zytokinsynthese → Immunsuppression
  • Lymphozytopenie
  • Leukozytose mit überwiegendem Anteil an Neutrophilen
  • Erythrozyten ↑, Thrombozyten ↑ → Erhöhtes Thromboserisiko
Psyche
Gehirn
  • Depressive Verstimmungen (Dysphorie)
  • Euphorie
  • Psychosen
  • Schlaflosigkeit
Sexualhormone
Hormone
  • Menstruationsstörungen, Hirsutismus (männlicher Behaarungstyp)
  • Impotenz bei Männern
Gastrointestinal
Darm
  • In Kombination mit NSAR zehnfach erhöhtes Risiko für die Entstehung gastroduodenaler Ulzera
Auge
Auge
  • Glaukom  
  • Katarakt
Haut und Schleimhaut

 

Haut
  • Atrophie (wie Zigarettenpapier mit Teleangiektasien)
  • Striae distensae
  • Steroidakne  
  • Wundheilungsstörungen
  • Schleimhaut: Mundsoor (bei Candida-Befall), Heiserkeit
  • Bei einer vitalen Bedrohung gibt es keine Kontraindikation für Glukokortikoide
  • Relative Kontraindikationen:
    • Ulkus ventriculi oder Ulkus duodeni (gastroduodenale Ulkuskrankheit)
    • Infektionskrankheiten
    • Osteoporose
    • Erhöhte Thromboseneigung
    • Glaukom
    • Schwangerschaft
 Tipp

Um die natürliche zirkadiane Rhythmik nachzuahmen, sollten systemische Glukokortikoide einmalig morgens vor 8 Uhr gegeben werden (morgens wird physiologisch am meisten Cortisol ausgeschüttet).

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 23.09.2024
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