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Guillain-Barré-Syndrom (GBS)

Akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie, AIDP, Landry-Guillain-Barré-Strohl-Syndrom, Akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie
14 Minuten Lesezeit

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akut auftretende, immunvermittelte Polyradikuloneuropathie, die sich typischerweise durch rasch fortschreitende, schlaffe Lähmungen sowie fehlende oder abgeschwächte Muskeleigenreflexe auszeichnet.

Die jährliche Inzidenz beträgt ca. 1–2 Fälle pro 100.000 Einwohner:innen, wobei Männer etwas häufiger betroffen sind. 

Die genauen Ursachen der Erkrankung sind nicht vollständig geklärt, jedoch gilt ein vorangegangener Infekt als häufigster auslösender Faktor. Klinisch handelt es sich dabei überwiegend um Infektionen der oberen Atemwege oder des Gastrointestinaltraktes, wobei Campylobacter jejuni insgesamt als häufigster identifizierter Erreger gilt. 

Aus pathogenetischer Perspektive liegt dem GBS eine fehlregulierte Immunantwort zugrunde, die über Mechanismen der molekularen Mimikry eine Kreuzreaktion zwischen mikrobiellen Antigenen und peripheren Nervenstrukturen induziert. Im Rahmen dieser Immunreaktion kommt es zu einer Schädigung der Myelinscheiden, wobei im Falle ausgeprägter oder persistierender Entzündungsdynamik auch axonale Strukturen betroffen sein können.

Klinisch stehen von distal nach proximal aufsteigende, symmetrische Paresen im Vordergrund, die häufig von Sensibilitätsstörungen und Schmerzen begleitet werden. Die Symptomatik kann jedoch, abhängig von Subtyp und Verlaufsform, deutlich variieren. Das Maximum der Beschwerden wird typischerweise nach zwei bis spätestens vier Wochen erreicht.

Die Diagnosestellung basiert primär auf der klinischen Einschätzung und wird durch charakteristische Befunde aus Liquoranalysen und elektrophysiologischen Untersuchungen untermauert. Beide Verfahren unterstützen zudem die Abgrenzung gegenüber Differentialdiagnosen sowie die Subtypisierung.

Aus therapeutischer Sicht besitzt die engmaschige Überwachung der respiratorischen und kardialen Funktionen zentrale Bedeutung, um bei rascher Krankheitsprogression potenziell lebensbedrohliche Komplikationen frühzeitig zu erfassen und adäquat behandeln zu können. Als spezifische immunmodulatorische Therapien stehen intravenöse Immunglobuline und die Plasmapherese zur Verfügung.

  • Inzidenz: ca. 1–2/100.000 Einwohner:innen/Jahr
  • Alter: Erkrankung in jedem Lebensalter möglich 
  • Geschlecht: Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen (Verhältnis ca. 3:2)

Das GBS ist eine akute, autoimmunbedingte Polyneuropathie, die im Rahmen einer fehlgeleiteten Immunreaktion gegen Strukturen des peripheren Nervensystems entsteht. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt, jedoch gilt ein vorangegangener Infekt als häufigster auslösender Faktor. 

Auslösende Faktoren:

  • Infektionen:
    • Häufigster Auslöser → in ca. 70 % der Fälle geht dem Erkrankungsbeginn eine Infektion voraus (klinisch handelt es sich dabei überwiegend um Infektionen der oberen Atemwege oder des Gastrointestinaltraktes)
    • Beispiele assoziierter Infektionserreger: 
      • Campylobacter jejuni (häufigster identifizierter Erreger)
      • Mycoplasma pneumoniae
      • Haemophilus influenzae
      • Herpesviren (CMV, EBV, HSV, VZV)
      • Zika-Virus
      • Hepatitis-E-Virus
      • SARS-CoV-2 (selten, aber beschrieben)
  • Impfungen: z.B. Tetanus, Polio, Influenza, Tollwut
  • Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren
  • Operationen oder Schwangerschaft 

Das GBS ist eine entzündliche, autoimmunvermittelte Erkrankung des peripheren Nervensystems, die typischerweise durch vorangegangene Infektionen ausgelöst wird. Aus pathogenetischer Sicht steht eine fehlgeleitete Immunantwort im Vordergrund, die über Mechanismen der molekularen Mimikry eine Kreuzreaktion zwischen mikrobiellen Antigenen und peripheren Nervenstrukturen auslöst.

Im Rahmen der Immunreaktion kommt es zur Aktivierung autoreaktiver T-Lymphozyten sowie zur Bildung pathogener Autoantikörper, die insbesondere gangliosidreiche Strukturen der Myelinscheiden erkennen. Die immunologische Aktivierung induziert eine Entzündungsreaktion im Bereich des peripheren Nervensystems. Im weiteren Verlauf werden Makrophagen rekrutiert, die die Myelinscheiden gezielt angreifen und so zu einer selektiven Schädigung im Sinne einer segmentalen Demyelinisierung führen.

Bei besonders ausgeprägter oder anhaltender Entzündungsdynamik kann der Schaden über die Myelinstrukturen hinausreichen und eine sekundäre axonale Degeneration verursachen. Diese ist mit schwereren Verläufen, einer längeren Regenerationszeit und einer schlechteren Prognose assoziiert. 

Pathophysiologische Mechanismen - Überblick:

  1. Infektiöse oder andere Trigger (typisch: Campylobacter jejuni)
  2. Molekulare Mimikry: mikrobielle Antigene ähneln Gangliosiden des peripheren Nervensystems
  3. Autoimmunreaktion:
    1. Bildung pathogener Autoantikörper & Aktivierung autoreaktiver T-Zellen
    2. Kreuzreaktion gegen Myelin- oder axonale Membranbestandteile
  4. Entzündungsreaktion im Bereich peripherer Nerven
  5. Makrophageninfiltration: 
    1. Gezielter Angriff auf Myelinscheiden → segmentale Demyelinisierung
    2. Funktionsstörung der Nervenleitung → Sensibilitätsstörungen, Paresen
  6. Sekundäre Axondegeneration (bei schweren Verläufen)

Beginn und Verlauf 

  • Typischer Beginn ("Klassisches GBS"):
    • Akrodistale Parästhesien: distal betonte, symmetrische Parästhesien an Händen und Füßen
    • Neuropathische Schmerzen im Rücken und/oder in den Beinen (die Arme sind i.d.R. später betroffen) 
  • Atypischer Beginn: 
    • Perianale oder genitale Sensibilitäts- und Funktionsstörungen 
    • Proximale Armparesen 
    • Hirnnervenausfälle: z.B. periphere Fazialisparese oder Schluckstörungen

Der Krankheitsverlauf lässt sich typischerweise in mehrere Phasen einteilen. Zunächst kommt es zu einer progredienten Verschlechterung der Symptome, wobei das Maximum der Beschwerden meist nach etwa 2 Wochen erreicht ist. Darauf folgt in der Regel eine Plateauphase, in der der Zustand weitgehend unverändert bleibt. Anschließend beginnt die Rekonvaleszenzphase, deren Dauer individuell variiert und mehrere Wochen bis Monate umfassen kann.

Symptome

Paresen:

  • Akut auftretende, bilateral symmetrische, schlaffe Paresen:
    • Beginn meist distal in den unteren Extremitäten → später Ausbreitung nach proximal 
    • Im Verlauf Tetraparese und Beteiligung der Atemmuskulatur möglich
  • Landry-Paralyse: 
    • Rasch aufsteigende Parese der Extremitäten sowie der Rumpf- und Atemmuskulatur
    • Häufig Notwendigkeit einer invasiven Beatmung 
  • Reflexstatus: Areflexie oder Hyporeflexie (insb. im Bereich der unteren Extremitäten) 
 Merke

Die Kombination aus symmetrischer, schlaffer Parese und verminderten oder aufgehobenen Muskeleigenreflexen gilt als hochgradig verdächtiger Indikator für ein Guillain-Barré-Syndrom.

Sensibilitätsstörungen:

  • Symmetrisch auftretende, sensible Defizite und Missempfindungen (insb. an Händen und Füßen)
  • Typische Qualitäten: Hypästhesien, Parästhesien, Dysästhesien
  • Wie Paresen häufig von distal nach proximal aufsteigen 
 Info

Sensible Symptome treten zwar häufig auf, sind aber in der Regel deutlich weniger stark ausgeprägt als motorische Beschwerden.

Weitere Symptome:

Zilienzeichen und Bell-Phänomen
Periphere Fazialisparese
  • Hirnnervenbeteiligung:
    • Periphere Fazialisparese
      • Häufig (bei ca. 50 % der Patient:innen)
      • Meist bilateral (Diplegia facialis) 
    • Seltener betroffen: N. trigeminus, N. glossopharyngeus, N. accessorius, N. hypoglossus, N. vagus
  • Schmerzen: 
    • Initial primär radikuläre Schmerzen
    • Im Verlauf auch neuropathische Schmerzen möglich
  • Autonome Störungen (variable Symptomatik):
    • Herz-Kreislauf-System: Blutdruckschwankungen, Herzrhythmusstörungen (Bradykardie, Tachykardie, Extrasystolen
    • Störungen der Blasen- und Darmfunktion
    • Störungen der Schweißsekretion: Hyperhidrose, Anhidrose

Das GBS umfasst eine heterogene Gruppe immunvermittelter Polyradikuloneuropathien, die sich durch charakteristische klinische, elektrophysiologische und immunologische Merkmale voneinander unterscheiden. 

Die Klassifikation wird in der Fachliteratur nicht vollständig einheitlich gehandhabt, orientiert sich jedoch im Wesentlichen an der Abgrenzung zwischen der häufigsten Form, der akuten inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (AIDP), und den axonalen Varianten (AMAN und AMSAN). Darüber hinaus existieren regionale Ausprägungen, etwa das Miller-Fisher-Syndrom, sowie weitere seltenere Sonderformen.

Häufige Subtypen:

  • Akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (AIDP):
    • “Klassisches GBS”: häufigste Form in Europa und Nordamerika
    • Typisch: von distal nach proximal aufsteigende, schlaffe Lähmungen, sensible Störungen und Hypo-/Areflexie
  • Akute motorische axonale Neuropathie (AMAN):
    • Häufiger in Asien und Lateinamerika
    • Typisch: rasch aufsteigende, rein motorische Polyneuroradikulopathie mit primär axonalem Schädigungsmuster
  • Akute motorische und sensible axonale Neuropathie (AMSAN):
    • Ähnlich wie AMAN, jedoch zusätzlich erhebliche Beteiligung sensorischer Nervenfasern
    • Im Vergleich zu AMAN schlechtere Prognose
  • Miller-Fisher-Syndrom (MFS):
    • Definition: GBS-Variante, die insb. Hirnnerven betrifft (Assoziation mit Anti-GQ1b-Antikörpern)
    • Klinik: klassische Symptomtrias aus Ophthalmoplegie, Ataxie, Areflexie
    • Verlauf: Komplettremission meist spontan innerhalb von 4 bis 6 Wochen
SubtypHäufigkeit (Europa/Nordamerika)Klinische MerkmaleBesonderheiten
AIDP
  • Ca. 80-90 % der Fälle 
  • Progrediente Muskelschwäche 
  • Hypo-/Areflexie
  • Sensibilitätsstörungen (häufig, jedoch i.d.R. milder als motorische Defizite)
  • Häufig autonome Dysfunktionen
  • Häufigster Subtyp in westlichen Ländern
  • Maximum der Beschwerden meist nach 2 bis maximal 4 Wochen 
AMAN
  • Ca. 5-7 % der Fälle 
  • Rein motorische Symptome ohne sensible Defizite 
  • Meist rasch progredienter Verlauf
  • Muskeleigenreflexe stark reduziert oder erloschen
  • In Asien und Lateinamerika deutlich häufiger (ca. 30–50 % der Fälle)
  • Starke Assoziation mit C. jejuni-Infektion
AMSAN
  • Ca. 1-3 % der Fälle
  • Kombination aus motorischer und ausgeprägter sensibler Symptomatik
  • Oft schwererer Verlauf als AMAN und AIDP 
  • Rasche axonale Degeneration
  • Sehr selten in westlichen Ländern
  • Prognose:
    • Im Vergleich zu AIDP und AMAN längere Rekonvaleszenz
    • Häufigere Persistenz motorischer Defizite aufgrund axonaler Degeneration
MFS
  • Ca. 1-5 % der Fälle
  • Klassische Symptomtrias: 
    • Ophthalmoplegie
    • Ataxie
    • Areflexie
  • Selten Paresen oder sensible Defizite
  • Meist Anti-GQ1b-Antikörper nachweisbar
  • Häufig selbstlimitierender Verlauf mit guter Prognose

Sonderformen:

  • Akute Pandysautonomie:
    • Definition: vegetative (Poly-)Neuropathie mit vorwiegender oder exklusiver Beteiligung des autonomen Nervensystems
    • Klinik:
      • Schwere Störungen autonomer Funktionen
      • Kein Auftreten von Lähmungen 
      • Symptome bilden sich meist spontan zurück
    • Verlauf: entwickelt sich über Tage bis wenige Monate, häufig im Anschluss einer EBV-Infektion 
  • Elsberg-Syndrom (Radiculitis sacralis):
    • Definition: Polyradikulitis der Cauda equina; entweder als GBS-Variante oder durch direkte Infektion mit Viren (meist Herpesviren) 
    • Klinik:
      • Sensibilitätsstörungen im Versorgungsgebiet sakraler Nervenwurzeln
      • Blasen- und Mastdarmstörungen
      • Bei lumbalem Befall ggf. motorische Störungen
    • Verlauf: meist rasch-progredienter Beginn, i.d.R. vollständige Rückbildung der Symptome

Basisdiagnostische Abklärung

Die Diagnose des GBS basiert primär auf der klinischen Beurteilung und stützt sich im Wesentlichen auf Anamnese und körperliche Untersuchung. Ergänzend tragen Laboranalysen und elektrophysiologische Verfahren zur diagnostischen Absicherung bei.

Anamnese:

  • Leitsymptome: 
    • Progrediente Muskelschwäche (meist symmetrisch und von distal nach proximal aufsteigend) 
    • Abgeschwächte oder fehlende Muskeleigenreflexe 
    • Sensibilitätsstörungen an Händen und Füßen 
  • Zeitlicher Verlauf: typischerweise rasche Progredienz innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen 
  • Vorausgegangene Ereignisse: gastrointestinaler oder pulmonaler Infekt innerhalb der letzten 6 Wochen?

Klinische Untersuchung:

  • Neurologische Untersuchung der Motorik 
  • Untersuchung der Reflexe 
  • Untersuchung der Sensibilität 
  • Untersuchung der Kopf-Hals-Region 

Blutuntersuchung

Blutuntersuchungen sind für die Diagnosestellung des GBS nicht obligatorisch, besitzen jedoch einen ergänzenden diagnostischen Wert. Sie dienen in erster Linie dem Ausschluss systemischer Erkrankungen und unterstützen in Kombination mit anderen Befunden die Subtypisierung sowie die Differentialdiagnostik.

  • Basislabor, inklusive:
    • Blutbild und systemische Entzündungsparameter
    • Elektrolyte (insb. Natrium
    • Leber- und Nierenparameter
  • Antikörpersuche: 
    • Nachweis von Anti-Gangliosid-Antikörpern (z.B. Anti-GM1-AK, Anti-GQ1b-AK)
    • Nachweis von Antikörpern gegen mögliche auslösende Erreger (z.B. CMV/EBV/Campylobacter-Serologie)
  • Ggf. Bestimmung weiterer Parameter zur differentialdiagnostischen Abklärung

Liquoruntersuchung

Eine Liquorpunktion wird insbesondere dann empfohlen, wenn die klinische Diagnose nicht eindeutig ist oder der Ausschluss alternativer Ursachen erforderlich erscheint. Häufig zeigt sich dabei das charakteristische Muster einer zytoalbuminären Dissoziation.

  • Zytoalbuminäre Dissoziation:
    • Starke Erhöhung des Gesamtproteins im Liquor (70-150 mg/dl) bei normaler Zellzahl (typischerweise <10/µl) oder (seltener) milder Pleozytose (<50/μl)
    • Ursache: Entzündung der Nervenwurzeln → erhöhte Permeabilität der Blut-Nerven-Schranke → transudative Proteinvermehrung
 Achtung

Der für das GBS charakteristische Liquorbefund einer zytoalbuminären Dissoziation ist häufig wegweisend. In der ersten Krankheitswoche zeigt jedoch etwa die Hälfte der Patient:innen noch eine normwertige Gesamt-Proteinkonzentration. Bei unklarem Befund und anhaltendem Verdacht sollte daher eine weitere Lumbalpunktion im Verlauf erfolgen.

Funktionsdiagnostik

Elektroneurografie (ENG):

  • Stellenwert: Bestätigung der Diagnose, genauere Einordnung der Verlaufsform
  • Typische Befunde bei Demyelinisierung:
    • Verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit (NLG)
    • Verlängerte distale motorische Latenzen
    • Verlängerte oder fehlende F-Wellen
    • Leitungsblöcke (→ Hinweis auf segmentale Demyelinisierung)
  • Typische Befunde bei axonaler Schädigung:
    • Normale oder leicht reduzierte NLG (um max. 30 % der Altersnormwerte)
    • Deutliche Amplitudenminderung
  • Sural Nerve Sparing Pattern:
    • Typisches elektrophysiologisches Muster beim GBS
    • Sensibles Nervenaktionspotenzial (SNAP) des N. suralis erhalten, SNAP anderer sensibler Nerven (insb. N. medianus und N. ulnaris) bereits pathologisch

Elektromyografie (EMG):

  • Stellenwert: genauere Einordnung der Verlaufsform, Einschätzung der Prognose
  • Befund: im Verlauf ggf. pathologische Spontanaktivität (Fibrillationen) als Hinweis auf axonale Schädigung (→ ausgeprägte Denervierung gilt als prognostisch ungünstig)

Respiratorisch-kardiovaskuläres Monitoring:

  • Überwachung der Atemfunktion → Früherkennung einer drohenden respiratorischen Insuffizienz:
    • Beobachtung der Atemfrequenz 
    • Überwachung der Sauerstoffsättigung (SpO₂)
    • Lungenfunktionstest: regelmäßige Messung der Vitalkapazität (ggf. mehrmals täglich) 
  • Ggf. autonome Funktionsdiagnostik: 
    • EKG-Monitoring 
    • Regelmäßige Blutdruckmessungen
    • Überwachung vegetativer Funktionen

Bildgebende Verfahren

Bei unklarer klinischer Befundkonstellation und Hinweisen auf eine mögliche ZNS-Beteiligung (z.B. motorische oder sensible Querschnittsymptomatik, Bewusstseinsstörungen) ist die Durchführung einer MRT-Untersuchung indiziert. Ziel der Bildgebung ist in erster Linie der Ausschluss schwerwiegender Differentialdiagnosen, die ein abweichendes und zum Teil dringliches therapeutisches Vorgehen erfordern.

Bei ansonsten unklarer Befundlage kann ein kontrastverstärktes Wirbelsäulen-MRT durch den Nachweis einer vermehrten Kontrastmittelanreicherung im Bereich der Nervenwurzeln - mit entsprechenden Vorbehalten - auch zur Stützung der Diagnose herangezogen werden.

Die Diagnose des GBS stützt sich nicht auf einen Einzelbefund, sondern vielmehr auf eine typische Kombination klinischer und ergänzender Untersuchungsergebnisse. Gleichzeitig wird der Ausschluss wichtiger Differentialdiagnosen vorausgesetzt. Für die Diagnose werden üblicherweise folgende Kriterien zugrunde gelegt:

Erforderliche Kriterien:

  • Progrediente Schwäche mehr als einer Extremität über maximal 4 Wochen
  • Keine oder abgeschwächte Reflexe der rumpffernen Sehnen (z.B. Achillessehnenreflex
  • Ausschluss einer alternativen Ursache mit angemessenen Mitteln

Unterstützende Kriterien:

  • Relative Symmetrie der Lähmungen
  • Nur mild ausgeprägte sensible Störungen (kein klar abgrenzbares sensibles spinales Niveau)
  • Beteiligung der Hirnnerven (insb. Fazialisparese)
  • Erholung nach 1- bis 4-wöchiger Plateauphase
  • Regulationsstörung des vegetativen Nervensystems
  • Zum GBS passender Liquorbefund (zytoalbuminäre Dissoziation)
  • Zum GBS passender elektrophysiologischer Befund 
  • Kein Fieber bei Beginn der Neuropathie
 Merke

Die Diagnose des GBS beruht primär auf der klinischen Beurteilung. Zusatzbefunde aus Liquoranalysen oder elektrophysiologischen Untersuchungen tragen zur Bestätigung und Differenzierung bei, ersetzen jedoch keinesfalls die klinische Evaluation als zentralen diagnostischen Schritt.

Merkmale, die ein GBS weniger wahrscheinlich machen:

  • Anhaltend asymmetrische Paresen
  • Ausgeprägte Atemschwäche bei Beginn trotz milder Extremitätenschwäche
  • Vorherrschend sensible Störungen bei nur geringfügiger Parese
  • Fieber bei Krankheitsbeginn
  • Sensibles Querschnittsyndrom oder positive Pyramidenzeichen
  • Hyperreflexie 
  • Blasen- und Mastdarmstörungen 
  • Bauchschmerzen oder Erbrechen
  • Nystagmus
 Achtung

Auch wenn die oben genannten Befunde eher gegen das Vorliegen eines GBS sprechen, stellen sie kein Ausschlusskriterium dar!

Die Differentialdiagnosen des GBS sind vielfältig und orientieren sich maßgeblich an der individuellen klinischen Präsentation. Nachfolgend findet sich eine Auswahl der wichtigsten Differentialdiagnosen, geordnet nach der betroffenen neuroanatomischen Lokalisation.

  • Zentrales Nervensystem:
    • Entzündung oder Infektion des Hirnstamms oder Rückenmarks (z.B. akute transversale Myelitis, Sjörgen-Syndrom)
    • Kompression des Hirnstamms oder Rückenmarks
    • Hirnstamm-Infarkt
  • Nervenwurzeln:
    • Infektiöse Radikulitiden (z.B. Lyme-Borreliose, CMV, EBV)
    • Kompressive Radikulopathie
  • Peripheres Nervensystem:
    • Chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie
    • Toxische Polyneuropathie
    • Vaskulitische Neuropathie
    • Vitaminmangel
    • Critical-Illness-Polyneuropathy (CIP)
  • Neuromuskuläre Endplatte:
    • Myasthenia gravis
    • Botulismus
    • Lambert-Eaton-Syndrom
  • Muskulär:
    • Stoffwechsel- oder Elektrolytstörungen (z.B. Hypokaliämie, Hypophosphatämie)
    • Akute Myopathien
    • Akute Rhabdomyolyse

Allgemeine Therapiemaßnahmen

Da rasch progrediente Verläufe möglich sind, sollten Patient:innen immer in Kliniken überwacht und behandelt werden, um eine sofortige intensivmedizinische Versorgung gewährleisten zu können. 

  • Systematische Überwachung der Atemfunktion:
    • Überprüfung der Lungenfunktion mittels Spirometrie
    • Ggf. intensivmedizinische Behandlung und rechtzeitige Intubation mit maschineller Beatmung 
  • Regelmäßige Kontrolle von Blutdruck und Herzfrequenz 
  • Angepasste Schmerztherapie:
    • Nicht-Opioidanalgetika (z.B. NSAR, Paracetamol)
    • Bei neuropathischen Schmerzen: Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin), ggf. Antidepressiva
  • Bei bettlägerigen Patient:innen: strenge Durchführung einer Dekubitus- & Thromboseprophylaxe
  • Kontrolle und Management von Blasen- und Darmfunktion
  • Bei Dysphagie: Ernährung über nasogastrale Sonde oder PEG
  • Physiotherapie

Medikamentöse Therapie

Bei rasch progredienten oder schweren Verlaufsformen sollte eine immunmodulatorische Behandlung mit hochdosierten, intravenös verabreichten Immunglobulinen (IVIG) oder alternativ mittels Plasmapherese eingeleitet werden.

 Achtung

Glucocorticoide zeigen beim GBS keine therapeutische Wirksamkeit und können den Erholungsprozess unter Umständen sogar beeinträchtigen!

Die Prognose des GBS ist insgesamt günstig. Bei der Mehrzahl der Patient:innen bilden sich die neurologischen Defizite im Verlauf – häufig in umgekehrter Reihenfolge ihres Auftretens – weitgehend oder vollständig zurück. Dennoch können insbesondere nach mittelschweren und schweren Verläufen persistierende Beschwerden oder funktionelle Einschränkungen bestehen bleiben.

Die Mortalität liegt trotz moderner intensivmedizinischer Versorgung bei etwa 2–5 %. Todesfälle sind überwiegend auf plötzliche Komplikationen zurückzuführen, wobei vor allem respiratorische Insuffizienz, thromboembolische Ereignisse sowie kardiale Rhythmus- oder Funktionsstörungen eine zentrale Rolle spielen.

  • Beispiele ungünstiger prognostischer Faktoren:
    • Alter >60 Jahre
    • Vorausgegangener Infekt mit Campylobacter jejuni
    • Rasche Progredienz der Lähmungen (insb. Landry-Paralyse)
    • Fortschreiten der Symptome >4 Wochen
    • Erhöhter GM1-Antikörper-Titer
    • Nachweis einer ausgeprägten axonalen Schädigung in ENG oder EMG
  • Hacke W: Neurologie. Springer Verlag, 2016. ISBN: 978-3-662-46892-0
  • Stangel M, Mäurer M: Autoimmunerkrankungen in der Neurologie. Springer Verlag, 2018. ISBN: 978-3-662-55530-9
  • S3-Leitlinie Diagnose und Therapie des Guillain-Barré Syndroms im Kindes- und Jugendalter, Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V. (GNP)
  • S1-Leitlinie Diagnostik bei Polyneuropathien, Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)
  • Leonhard S et al. Diagnosis and management of Guillain–Barré syndrome in ten steps. Nat Rev Neurol 2019; (15):A-671–683. doi: 10.1038/s41582-019-0250-9
  • Bellanti R, Rinaldi S. Guillain-Barré syndrome: a comprehensive review. Eur J Neurol, 2024; 31(8):A-16365. doi: 10.1111/ene.16365
  • Van Doorn P et al. European Academy of Neurology/Peripheral Nerve Society Guideline on diagnosis and treatment of Guillain–Barré syndrome. Journal of the Peripheral Nervous System, 2023; (28):A-535–563. doi: 10.1111/jns.12594

 

Zuletzt aktualisiert am 01.01.2026
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