Bei einer Herzinsuffizienz kann das Herz nicht mehr genügend Blut in den Lungen- und/oder Körperkreislauf pumpen. Daraus resultieren eine Minderversorgung der Organe (= Vorwärtsversagen) und/oder ein Rückstau des Blutes in die vorgeschalteten Gefäße (= Rückwärtsversagen). Typische Symptome sind Leistungsminderung, Luftnot bis hin zum Lungenödem sowie Unterschenkelödeme.
Im Rettungsdienst steht die dekompensierte Herzinsuffizienz im Vordergrund, also eine plötzliche Verschlechterung, oft ausgelöst durch ein akutes Koronarsyndrom, Herzrhythmusstörungen oder eine hypertensive Entgleisung.
Die präklinischen Maßnahmen zielen darauf ab, Atmung und Kreislauf zu stabilisieren. Dazu gehören die Lagerung mit erhöhtem Oberkörper und tiefgelagerten Beinen, Sauerstoffgabe bei einer SpO₂ < 90 %, ein kontinuierliches Monitoring und die frühzeitige Nachforderung von RTW und/oder NEF.
Um den Einstieg in das Thema Herzinsuffizienz etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Atemnot unklarer Ursache
- Ort: Wohnung im 3. Stock eines Mehrfamilienhauses
- Alarmzeit: 15:30 Uhr
- Anruferin: Ehepartnerin
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Starke Atemnot, sitzt aufrecht im Bett, wirkt blass und schweißig
- Bekannte Herzinsuffizienz
- In den letzten Tagen wiederholt kurze Episoden von Atemnot, gelindert durch Ruhe und Hochlagerung des Oberkörpers
- Heute deutlich schlimmer
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsteams berichtet die aufgebrachte Ehepartnerin, dass ihr Mann zunehmend Atemnot entwickelt habe.
Die Lage ist wie folgt:
- Der Patient, ein 68-jähriger Mann, sitzt mit sichtbarer Atemnot auf der Bettkante und äußert panisch, dass er „kaum Luft bekomme"
- Im Raum steht ein Heimsauerstoffgerät. Die Luft ist warm und stickig, was die Atemsituation weiter erschwert
- Die Ehepartnerin berichtet, dass ihr Mann in den letzten Tagen zunehmend weniger belastbar gewesen sei, nachts oft aufwachte, um nach Luft zu schnappen und vermehrt Wasser in den Beinen eingelagert habe. Sie wirkt sehr besorgt und ängstlich

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
x | Keine kritischen Blutungen | Kein |
A |
| Kein |
B |
| Akutes |
C |
| Akutes |
D |
| Kein |
E |
| Kein |
DefinitionHerzinsuffizienz
Bei einer Herzinsuffizienz pumpt das Herz nicht mehr genug Blut in den Körper. Ursache ist eine Schädigung oder Funktionsstörung des Herzens. Weil zu wenig Blut ausgeworfen wird, bekommen Organe und Gewebe nicht ausreichend Sauerstoff. Typische Zeichen sind Atemnot, geringe Belastbarkeit und Wassereinlagerungen, vor allem in den Beinen.
Nach betroffenem Herzteil
- Bei einer Linksherzinsuffizienz ist die Pumpfunktion der linken Herzkammer beeinträchtigt. Es kann zu Atemnot, Müdigkeit und einem Lungenödem kommen
- Bei einer Rechtsherzinsuffizienz ist die Pumpfunktion der rechten Herzkammer beeinträchtigt. Es kann zu einer venösen Stauung vor dem Herzen kommen, es können Ödeme und eine Stauung der Organe vorliegen
- Bei einer Globalherzinsuffizienz besteht eine Linksherz- und eine Rechtsherzinsuffizienz
MerkeEinteilung nach Verlauf und Kompensationszustand
Wichtig wiederum ist die Einteilung nach Verlauf und nach dem Kompensationszustand.
Einteilung nach Verlauf:
- Chronisch
- Dekompensiert (bis 2026 „akut“): erstmals auftretende oder bekannte Herzinsuffizienz, deren Symptome und Zeichen so ausgeprägt sind, dass eine dringliche Behandlung nötig ist
Einteilung nach Kompensationszustand:
- Kompensiert
- Die Symptome der Herzinsuffizienz sind kontrolliert und bewegen sich auf einem ausreichenden Niveau
- Dekompensiert
- Diese Form kommt am ehesten im Rettungsdienst vor und stellt eher einen Notfall dar, insbesondere im akuten Verlauf
InfoEine Herzinsuffizienz entsteht aufgrund einer unzureichenden Auswurfleistung des Herzens. Daher können alle Krankheiten oder Faktoren, die diese vermindern, zu einer Herzinsuffizienz führen. Insbesondere sind die koronare Herzkrankheit und arterielle Hypertonie ursächlich für eine Herzinsuffizienz.
Zu den häufigen Ursachen zählen:
- Minderdurchblutung des Herzmuskels: koronare Herzkrankheit, Myokardinfarkt
- Arterielle Hypertonie: Eine chronische Druckbelastung kann zu einer hypertensiven Herzerkrankung, eine akute Druckbelastung zu einem hypertensiven Notfall führen
- Herzrhythmusstörungen (z.B. Vorhofflimmern): Beim Vorhofflimmern ziehen sich die Vorhöfe ungeordnet zusammen. Bei einem bereits vorgeschädigten Herzen können daher akute Herzrhythmusstörungen zu einer kardialen Dekompensation führen
Das Grundproblem: Das Herz kann nicht mehr genug Blut pro Minute pumpen. Das Herzzeitvolumen fällt ab.
Folgen für den Kreislauf
- Vorwärtsversagen: Das Herz pumpt zu wenig Blut nach vorn in den Körper. Die Organe werden schlechter durchblutet, der Blutdruck sinkt. Die Betroffenen sind erschöpft und scheiden wenig Urin aus
- Rückwärtsversagen: Das Blut, das das Herz nicht weiterpumpen kann, staut sich zurück
- Linke Herzkammer geschwächt: Das Blut staut sich in die Lunge, bis Flüssigkeit in die Lungenbläschen austritt (= Lungenödem)
- Rechte Herzkammer geschwächt: Das Blut staut sich im Körper zurück, es entstehen Wassereinlagerungen in den Beinen (= periphere Ödeme)
Gegenregulation des Körpers
- Stressreaktion (= Sympathikus): Sinkt der Blutdruck, schaltet der Körper auf Stress. Das Herz schlägt schneller und kräftiger. Dadurch braucht der Herzmuskel aber mehr Sauerstoff und wird auf Dauer weiter geschwächt
- Hormonsystem der Niere (= RAAS): Die Niere wird schlechter durchblutet und schüttet Hormone aus. Die Blutgefäße verengen sich, das Herz muss gegen einen höheren Widerstand pumpen. Zusätzlich hält die Niere Wasser zurück. Das Herz wird stärker gefüllt und es entstehen Ödeme
InfoKurzfristig helfen die Gegenregulationen, die Organe zu versorgen. Langfristig verschlimmern sie die Herzinsuffizienz.
Dekompensierte Herzinsuffizienz
Solange die Gegenregulation die Schwäche des Herzens ausgleicht, ist die Herzinsuffizienz kompensiert. Kommt dann ein Auslöser hinzu, z.B. ein akutes Koronarsyndrom, ein hypertensiver Notfall, Herzrhythmusstörungen oder eine Infektion, reicht der Ausgleich nicht mehr: Die Herzinsuffizienz ist dekompensiert.
Das Herz kann den Bedarf des Körpers nicht mehr decken. Das Blut staut sich rasch in die Lunge zurück, die Organe werden zu wenig versorgt. Im Rettungsdienst zeigt sich das zum Beispiel als akute Atemnot bis zum Lungenödem.
AchtungKardiogener Schock
Eine stark dekompensierte Herzinsuffizienz kann zu einem kardiogenen Schock führen, bei dem die Herzleistung so stark eingeschränkt ist, dass der Blutdruck massiv abfällt. Dies führt zu einer kritischen Mangeldurchblutung der Organe.
MerkeDie kritischen Probleme einer akut dekompensierten Herzinsuffizienz sind:
- Lungenödem: Flüssigkeit in der Lunge behindert die Sauerstoffaufnahme, es droht schwere Atemnot
- Kardiogener Schock: Das Herz pumpt so wenig Blut, dass der Blutdruck abfällt und die Organe nicht mehr versorgt werden
- Herzrhythmusstörungen: Sie können die Pumpleistung weiter verschlechtern
MerkeLeitsymptom: Dyspnoe. Sie kann langsam zunehmen oder plötzlich auftreten. Im Rettungsdienst ist die plötzliche Verschlechterung bei bekannter Herzinsuffizienz typisch.

Je nach Schweregrad können weitere Zeichen auftreten:
- Belastungsdyspnoe: häufig erstes Symptom der Herzinsuffizienz
- Ruhedyspnoe, Orthopnoe und nächtliche Atemnot: bei fortschreitender Herzinsuffizienz
- Leistungsschwäche und Müdigkeit durch das verminderte Herzzeitvolumen
- Periphere Ödeme: initial an Knöchel und Fußrücken, später Anasarka durch den venösen Rückstau
- Nykturie und Gewichtszunahme durch die Wasserretention
- Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Übelkeit durch die Stauung von Leber und Darm
- Schwindel, Verwirrtheit und Schlafstörungen durch die verminderte Organperfusion
- Generalisierte Zeichen: Hypotonie, Tachykardie, Palpitationen, Blässe, ggf. periphere Zyanose, kalte Haut, Schwitzen
InfoAkutes Lungenödem
Patient:innen mit einer dekompensierten Herzinsuffizienz können plötzlich ein Lungenödem entwickeln, das sich durch schwere Atemnot, Husten mit schaumigem, teils blutigem Sputum und Rasselgeräuschen äußern kann.
AchtungRed Flags
- Zeichen eines Lungenödems: Ruhedyspnoe mit Orthopnoe, feuchte Rasselgeräusche, Husten mit schaumigem Sputum
- Zyanose oder eine Sättigung, die unter Sauerstoffgabe nicht ansteigt
- Zeichen des kardiogenen Schocks: Hypotonie, blasse und kaltschweißige Haut, Vigilanzminderung oder Verwirrtheit
- Herzrhythmusstörungen: unregelmäßiger, sehr schneller oder sehr langsamer Puls, Schwindel, Synkope
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
MerkeWichtig für den Rettungsdienst: Die dekompensierte Herzinsuffizienz kommt am ehesten im Rettungsdienst vor. Patient:innen können sowohl ein Vorwärtsversagen als auch ein Rückwärtsversagen erleiden. Dies kann zu Verwirrtheit, Schwindel und Kaltschweißigkeit oder aber zu Beinödemen und Dyspnoe führen, was die präklinische Differenzialdiagnose erschwert.
Anamnese
- S (Symptome): Dyspnoe als Leitsymptom, häufig lageabhängig. Begleitsymptome: Nykturie, Ödeme, Palpitationen, Gewichtszunahme
- A (Allergien/Infektionen): Z.n. Perikarditis oder Myokarditis
- M (Medikation): Herzinsuffizienzmedikation, Antihypertensiva, Medikamente, die eine kardiale Dekompensation begünstigen können (z.B. NSAR, = Schmerzmittel wie Ibuprofen)
- P (Patientengeschichte): Bekannte Herzerkrankung, Herzinsuffizienz, Schilddrüsen- oder Nierenerkrankung
- L (Letzte…): Letzte Vorstellung beim Kardiologen, letzte Einnahme der Medikation
- E (Ereignis): Infektion, auslösendes Ereignis
- R (Risiko): Hohes Alter, Bluthochdruck, Nikotin- und Alkoholabusus (= Missbrauch), Adipositas (= starkes Übergewicht)
- S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen
Körperliche Untersuchung

Inspektion:
- Ödeme: typischerweise beidseitig, abhängig von der Schwerkraft lokalisiert, eindrückbar
- Gestaute Halsvenen: klassisches klinisches Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz
Palpation:
- Irregulärer Puls: möglicher Hinweis auf Vorhofflimmern als Auslöser einer kardialen Dekompensation
- Rekap-Zeit messen
Perkussion:
Hat bei der Herzinsuffizienz keine eigenständige Bedeutung.
Auskultation:
- Lunge: Feuchte Rasselgeräusche als Hinweis auf eine Stauung in der Lunge oder ein Lungenödem
- Lungenödem: Rasselgeräusche, beidseits und zuerst über den unteren Lungenabschnitten. Mit zunehmender Stauung steigen sie nach oben. Bei schwerem Lungenödem werden sie grobblasig und brodelnd, teils ohne Stethoskop hörbar
- Lungenentzündung: Rasselgeräusche meist einseitig und auf einen Bereich begrenzt
- Giemen: Möglich bei einem Asthma cardiale. Dabei verengt die Flüssigkeit in der Lunge die Atemwege, und es klingt wie bei einem Asthmaanfall
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden bei der Herzinsuffizienz engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.
| Parameter | Typischer Befund | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Atemfrequenz und Atmung | Erhöht, Dyspnoe, Orthopnoe | Ausdruck der pulmonalen Stauung bis zum Lungenödem |
| Sauerstoffsättigung (SpO₂) | Erniedrigt bei pulmonaler Stauung | Ausgangswert und Verlauf unter der Sauerstoffgabe beobachten |
| Herzfrequenz | Erhöht | Tachykardie als Kompensationsreaktion. Bradykardie bei fortgeschrittener Dekompensation oder kardiogenem Schock |
| Blutdruck | Normal, erhöht oder erniedrigt | Hypotonie bei kardiogenem Schock. Ein stark erhöhter Blutdruck spricht für einen hypertensiven Notfall als Auslöser |
| EKG | Sinustachykardie oder Herzrhythmusstörungen, z.B. Vorhofflimmern | Hinweise auf den Auslöser, etwa ein akutes Koronarsyndrom. Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team |
| Körpertemperatur | In der Regel normwertig | Fieber weist auf eine Infektion als Auslöser der Dekompensation hin |
| Blutzucker | In der Regel normwertig | Bei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen |
Orientierende neurologische Untersuchung
Sinkt das Herzzeitvolumen bei der Dekompensation, zeigt sich die Minderdurchblutung des Gehirns früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.
- Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
- Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
- Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
- Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
- Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
Differenzialdiagnosen
| Krankheitsbild | Was eher dafür spricht |
|---|---|
| Akut exazerbierte COPD | Bekannte COPD, Giemen und verlängerte Ausatmung, produktiver Husten, keine Beinödeme |
| Lungenarterienembolie | Plötzlicher Beginn, atemabhängiger Brustschmerz, einseitig geschwollenes Bein |
| Akutes Koronarsyndrom | Druck oder Schmerz hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in Arm oder Kiefer |
| Hypovolämie | Durchfall oder geringe Trinkmenge unter Diuretika, Hypotonie, keine Ödeme, keine Rasselgeräusche |
Basismaßnahmen
InfoDie folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
- Angepasste Lagerung:
- Bei ausreichendem Blutdruck: Herzbettlagerung zur Reduktion der pulmonalen Stauung
- Bei Hypotonie: vorsichtige Flachlagerung, ggf. mit leicht erhöhtem Oberkörper
- Beruhigen: die betroffene Person beruhigen und beengende Kleidung öffnen
- Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
- Sauerstoffgabe: bei respiratorischer Insuffizienz (SpO2 < 90 %), Flussrate im Verlauf nach der Sättigung anpassen
- 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
- Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
- Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen
AchtungVorsichtige Flüssigkeitszufuhr
Eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr bei Patient:innen mit Herzinsuffizienz kann zu einer Verschlechterung der Symptome führen. Deshalb Flüssigkeit nur vorsichtig zuführen.
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
- Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
- Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jeder dekompensierten Herzinsuffizienz eingesetzt.
| Medikament/Maßnahme | Behandlungszweck | Wichtige Hinweise für die Unterstützung |
|---|---|---|
| Glyceroltrinitrat | Erweitert die Blutgefäße, senkt Vorlast und Nachlast und entlastet das Herz | Blutdruck vor der Gabe messen, danach engmaschig kontrollieren. Kontraindikation bei Hypotonie und PDE-5-Hemmern (Medikamente gegen Erektionsstörungen) |
| Furosemid | Schwemmt überschüssige Flüssigkeit aus und senkt den Druck im Lungenkreislauf | Nach der Gabe haben Patient:innen oft erhöhten Harndrang |
| Morphin | Sedierung, Vorlastsenkung und Reduktion der Angst bei akuter Atemnot | Atmung, Sättigung und Vigilanz überwachen. Je nach lokaler Regelung nur auf dem NEF verfügbar |
| Urapidil | Blutdrucksenkung bei hypertensiver Entgleisung | Blutdruck engmaschig messen und im Team mitteilen |
| Unterstützt beim Lungenödem die Atmung | Maske und Gerät vorbereiten, die betroffene Person beruhigen |
Das Zielkrankenhaus sollte über eine internistische / kardiologische Abteilung mit der Möglichkeit einer intensivmedizinischen Überwachung verfügen und eine Notaufnahme mit einem Schockraum vorweisen.
- Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da jede Belastung den Sauerstoffbedarf erhöht und das Herz zusätzlich beansprucht.
- Lagerung während der Fahrt:
- Bei ausreichendem Blutdruck: Oberkörper hoch
- Bei Hypotonie: flach, ggf. mit leicht erhöhtem Oberkörper
- Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG, SpO₂ und Atemfrequenz werden während der gesamten Fahrt überwacht
- Besonders auf Herzrhythmusstörungen, einen Blutdruckabfall und eine fallende Sättigung achten
- Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem
- Verdacht auf eine akut dekompensierte Herzinsuffizienz klar benennen
- Vitalparameter und Verlauf seit dem Erstkontakt
- Zeichen der Stauung: Orthopnoe, Rasselgeräusche und Ödeme im Verlauf
- Vorerkrankungen, Dauermedikation und Allergien, besonders frühere Dekompensationen
- Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
- Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen, das 12-Kanal-EKG wird mitgegeben
MerkeEine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
Das Team erkennt eine akut dekompensierte Herzinsuffizienz mit Stauung in der Lunge. Darauf deuten Atemnot im Liegen, feuchte Rasselgeräusche über beiden Lungen, Ödeme an den Beinen und eine Sättigung von 89 % bei bekannter Herzinsuffizienz. Der Blutdruck liegt bei 170/95 mmHg, die Atemfrequenz bei 28/min.
Der Rettungssanitäter lagert den Patienten in Herzbettlagerung: Oberkörper hoch, Beine tief. Er gibt Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir und passt den Fluss im Verlauf an. Die Notfallsanitäterin legt das Monitoring an und schreibt ein 12-Kanal-EKG.
Parallel richtet der Rettungssanitäter das Material für den Venenzugang. Er misst den Blutdruck und reicht das Nitrospray (Glyceroltrinitrat) an. Die Notfallsanitäterin gibt nach den Vorgaben ihres Rettungsdienstbereichs zwei Hübe unter die Zunge (0,8 mg). Anschließend legt sie den Venenzugang und gibt 40 mg Furosemid intravenös.
Nach zehn Minuten spricht der Patient wieder in ganzen Sätzen. Die Sättigung steigt auf 94 %, die Atemfrequenz sinkt auf 22/min und die Herzfrequenz auf 92/min.
Der Rettungssanitäter bereitet den Transport vor. Der Patient wird im Tragestuhl zum Fahrzeug gebracht und dort mit erhöhtem Oberkörper gelagert. Das Monitoring bleibt während der Fahrt angeschlossen. Ziel ist eine Klinik mit kardiologischer Abteilung und Intensivstation.
Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema. Sie enthält unter anderem den Verdacht auf eine akut dekompensierte Herzinsuffizienz, den Verlauf von Atemnot, Sättigung und Blutdruck, die Sauerstoffgabe, die gegebenen Medikamente und das 12-Kanal-EKG.
Definition
- Herzinsuffizienz: Die Pumpfunktion des Herzens reicht nicht aus, um eine adäquate Organ- und Gewebeperfusion sicherzustellen. Typisch sind Dyspnoe, reduzierte Belastbarkeit und periphere Ödeme
Ursachen
- Grunderkrankungen: koronare Herzkrankheit und arterielle Hypertonie, Myokardinfarkt, Herzrhythmusstörungen
- Auslöser einer Dekompensation: akutes Koronarsyndrom, hypertensiver Notfall, schwere Herzrhythmusstörungen, mechanische kardiale Ursachen, Lungenarterienembolie, Infektionen, Perikardtamponade
Pathophysiologie
- Vorwärtsversagen: Das Herzzeitvolumen reicht nicht aus, die Organe werden minderperfundiert (Hypotonie, Erschöpfung, Oligurie)
- Rückwärtsversagen: venöser Rückstau mit pulmonaler Stauung bis zum Lungenödem (links) bzw. peripheren Ödemen (rechts)
- Kompensation: Sympathikus und RAAS stabilisieren kurzfristig, langfristig schaden sie. Komplikation: kardiogener Schock
Symptome
- Leitsymptom: Dyspnoe, akut oder progredient zunehmend, lageabhängig mit Orthopnoe oder nächtlicher paroxysmaler Dyspnoe
- Begleitzeichen: Belastungsdyspnoe, Leistungsschwäche, periphere Ödeme, Nykturie, Gewichtszunahme, Hypotonie, Tachykardie, Blässe, Zyanose, kalte Haut
AchtungRed Flags
- Zeichen eines Lungenödems: Orthopnoe, feuchte Rasselgeräusche, schaumiges Sputum
- Zyanose oder eine Sättigung, die unter Sauerstoffgabe nicht ansteigt
- Zeichen des kardiogenen Schocks: Hypotonie, kalte blasse Haut, Vigilanzminderung
- Herzrhythmusstörungen: unregelmäßiger, sehr schneller oder sehr langsamer Puls, Synkope
Diagnostik
- Körperliche Untersuchung: Inspektion auf eindrückbare Ödeme und gestaute Jugularvenen, Palpation von Puls und Rekap-Zeit, Auskultation der Lunge mit feuchten Rasselgeräuschen
- Vitalparameter: Tachypnoe und erniedrigte Sättigung bei Stauung, Tachykardie als Kompensation, Hypotonie beim kardiogenen Schock, 12-Kanal-EKG anlegen und ausdrucken, Blutzucker bei Vigilanzminderung
- Differenzialdiagnosen: akut exazerbierte COPD (Giemen, keine Ödeme), Lungenarterienembolie (plötzlicher Beginn, einseitig geschwollenes Bein), akutes Koronarsyndrom (Brustschmerz), Hypovolämie (keine Ödeme, keine Rasselgeräusche)
Therapie
- Basismaßnahmen: Herzbettlagerung bei ausreichendem Blutdruck, bei Hypotonie flach. Beruhigen, Monitoring anlegen, Sauerstoff hochdosiert bei respiratorischer Insuffizienz, 12-Kanal-EKG, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Volumengabe nur vorsichtig, ggf. Wärmeerhalt
- Weitere Versorgung:
- Glyceroltrinitrat
0,4 bis 1,2 mg (1 bis 3 Hübe) sublingual Blutdruck vorher messen, nicht bei Hypotonie - Furosemid
40 mg i.v. - Morphin
2 mg i.v., titriert nach Wirkung - Urapidil
5 bis 10 mg i.v., titriert nach Wirkung bei hypertensiver Entgleisung - Nicht-invasive Beatmung (CPAP) beim Lungenödem
- Glyceroltrinitrat
Transport und Übergabe
- Zielklinik: internistische oder kardiologische Abteilung mit intensivmedizinischer Überwachung und Schockraum
- Lagerung und Monitoring: nicht selbst zum Fahrzeug gehen, Oberkörper hoch bzw. flach bei Hypotonie, Monitoring angeschlossen
- Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, Verlauf der Vitalparameter, Zeichen der Stauung, Vorerkrankungen und Medikation, Sauerstofftherapie, verabreichte Medikamente. Vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll
TippDu willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Herzinsuffizienz (NotSan) Lungenödem (NotSan) Akutes Koronarsyndrom (RD) Bedrohliche Bradykardie (NotSan) Lagerung (RD) Terminologie (RD)
- Präklinische Therapie der akuten Herzinsuffizienz, Wiener klinisches Magazin 13, 6 bis 11 (2010)
- S2k-Leitlinie Akute Herzinsuffizienz und mechanische Kreislaufunterstützung, Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler e.V. (DGPK)
- S3-Leitlinie: Nationale Versorgungs Leitlinie Chronische Herzinsuffizienz, NVL-Programm
- Kober et al.: 2026 ESC Guidelines for the management of heart failure, European Heart Journal. 2026, doi: 10.1093/eurheartj/ehag100
- McDonagh et al.: 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure, European Heart Journal. Band: 42, Nummer: 36, 2021, doi: 10.1093/eurheartj/ehab368
- Pocket Leitlinien Herzinsuffizienz, Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung e.V. (2022)
ESC Pocket Guidelines. Akute und chronische Herzinsuffizienz, Version 2021. Börm Bruckmeier Verlag GmbH, Grünwald
Kurzfassung der „2021 ESC Pocket Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure“ (European Heart Journal; 2021 - doi/10.1093/eurheartj/ehab368) - Yancy et al.: 2013 ACCF/AHA Guideline for the Management of Heart Failure, Journal of the American College of Cardiology. Band: 62, Nummer: 16, 2013, doi: 10.1016/j.jacc.2013.05.019

