Überzuckerung, Überzucker, diabetische Ketoazidose, hyperosmolare hyperglykämische Syndrom, hyperosmolares Koma
37 Minuten Lesezeit
Hyperglykämien treten meist im Rahmen eines absoluten oder relativen Insulinmangels bei Diabetes mellitus auf. Während kurzfristige Blutzuckeranstiege, beispielsweise nach einer Mahlzeit, größtenteils klinisch unbedeutend sind, können anhaltend erhöhte Werte zu schweren Stoffwechselentgleisungen führen.
Die wichtigsten Notfallbilder sind:
die diabetische Ketoazidose (DKA) bei Diabetes mellitus Typ 1
das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) bzw. hyperosmolares Koma bei Diabetes mellitus Typ 2
Beide Erkrankungen gehen mit ausgeprägten Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten einher und können unbehandelt zu Bewusstseinsstörungen, Koma und Kreislaufversagen führen.
Die präklinische Therapie konzentriert sich auf die Sicherung der Vitalfunktionen, die Kreislaufstabilisierung sowie eine frühzeitige Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen. Die spezifische Stoffwechseltherapie mit Insulin sowie die engmaschige Kontrolle von Elektrolyten und Säure-Basen-Haushalt erfolgen anschließend unter klinischen Bedingungen.
Um den Einstieg in das Thema Hyperglykämie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Bewusstlosigkeit
Ort: Einfamilienhaus, Wohnzimmer
Alarmzeit: 17:34
Anrufer:in: Ehemann
Anzahl der betroffenen Personen: 1
Zusatzinfo:
30-Jährige, weibliche Patientin
Bekannte Diabetikerin, Typ-1, insulinpflichtig
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegt die Patientin regungslos, in Seitenlage auf dem Sofa.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin ist bewusstlos
Bei der durchgeführten Atemkontrolle fällt eine tiefe, regelmäßigeAtmung auf
Laut dem Ehemann fühlte sie sich die vergangenen Tage nicht wohl und klagte über ein gesteigertesDurstempfinden
Außerdem berichtet er, dass seine Frau seit längerer Zeit keinInsulinmehr eingenommen hat
Als er heute von der Arbeit nach Hause kam, fand er seine Frau regungslos auf dem Sofa vor. Daraufhin setzte er umgehend den Notruf ab
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hyperglykämie aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Ableitung eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute trocken
Pat. nicht ansprechbar
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion bds. normal
Inspektorisch unauffällig
Keine gestaute Halsvenen
Azetongeruch ist wahrnehmbar
Kussmaul-Atmung
Auskultatorisch:
Vesikuläres Atemgeräusch bds.
Palpatorisch:
Keine Krepitation spürbar
Thorax insgesamt stabil
Atemfrequenz: 18/min
SpO2: 96 %
Mittelbares B-Problem
C
Hautkolorit rosig
Insgesamt trocken, stehende Hautfalten
Rekap-Zeit: < 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Gut tastbar
Tachykard
Kein C-Problem
D
Bewusstlos
GCS 3
Öffnen der Augen: 1
Beste verbale Reaktion: 1
Beste motorische Reaktion: 1
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Blutzucker: 400 mg/dl
Akutes D-Problem
E
Keine Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Bewusstlosigkeit
Kussmaul-Atmung mit Azetongeruch
Polydipsie (gesteigertes Durstgefühl)
Stehende Hautfalten
Allergien/Infektionen: keine
Medikamente: Insulin
Patientengeschichte: Diabetes mellitus Typ-1
Letzte Mahlzeit: Mittags gegen 13 Uhr
Ereignis:
Seit Tagen keine Insulineinnahme
Seit wenigen Tagen Polydipsie, Unwohlsein
Risikofaktoren: bekannter insulinpflichtiger Diabetes mellitus, keine Insulineinnahme
Kein E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Hyperglykämie
Hyperglykämie bezeichnet einen erhöhten Blutzuckerspiegel infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels. Diagnostisch gelten Werte > 126 mg/dl nüchtern oder > 200 mg/dl postprandial als pathologisch.
Im rettungsdienstlichen Kontext ist ein Blutzuckerwert > 250 mg/dl als kritisch einzustufen, insbesondere bei bekannten Diabetiker:innen mit passender Klinik.
Definition
Hyperglykämisches Koma
Das hyperglykämische Koma (Coma diabeticum) ist eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels bei Diabetes mellitus. Durch die ausgeprägte Hyperglykämie kommt es zu erheblichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten sowie zu einer Störung des Zellstoffwechsels. Klinisch können Bewusstseinsstörungen bis zum Koma auftreten.
Klassifikation
Ketoazidotisches Koma (DKA): Durch einen ausgeprägten Insulinmangel kommt es zu einer vermehrten Lipolyse und anschließenden Ketonkörperbildung. Die Anreicherung von Ketonkörpern führt zu einer metabolischen Azidose. Diese Form tritt vorwiegend bei Patient:innen mit Diabetes mellitus Typ 1 auf
Hyperosmolares Koma (HHS): Trotz bestehendem Insulinmangel kommt es zu keiner oder nur geringer Ketonkörperbildung. Im Vordergrund stehen eine ausgeprägte Hyperglykämie, massive Flüssigkeitsverluste und eine zunehmende Hyperosmolarität. Diese Form tritt überwiegend bei Patient:innen mit Diabetes mellitus Typ 2 auf
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Merke
Eine Hyperglykämie entsteht in der Regel durch ein Ungleichgewicht zwischen Insulinwirkung und Glukoseangebot. Dies kann verschiedene Ursachen haben.
Primäre Ursachen
Absoluter Insulinmangel durch Zerstörung der insulinproduzierenden β-Zellen, typisch bei Diabetes mellitus Typ 1
Relativer Insulinmangel bzw. Insulinresistenz, typisch bei Diabetes mellitus Typ 2, häufig im Zusammenhang mit Adipositas, Bewegungsmangel und metabolischem Syndrom
Unzureichende Insulinzufuhr
Vergessene oder zu niedrig dosierte Insulingaben
Technische Probleme bei Insulinpumpen, Kathetern oder Pens
Verwendung unwirksamer oder abgelaufener Insulinpräparate
Fehlende Anpassung der Insulindosis bei erhöhtem Bedarf, beispielsweise bei Infekten oder körperlichem Stress
Akute Auslöser
Infektionen, insbesondere Sepsis
Schwere Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Pankreatitis
Operationen, Traumata oder Schockzustände
Info
Diese Situationen führen über die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Cortisol und Glucagon zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels.
Medikamentöse Ursachen
Verschiedene Medikamente können die Insulinwirkung vermindern oder die Glukoseproduktion steigern, darunter:
Alkoholkonsum, insbesondere in Kombination mit Stoffwechselstress oder antidiabetischer Therapie
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Glukose ist der wichtigste Energieträger des Körpers und wird zur Energiegewinnung in der Glykolyse zu ATP verstoffwechselt
Überschüssige Glukose wird vor allem in Leber und Muskulatur als Glykogen gespeichert
Die Blutzuckerregulation erfolgt hauptsächlich über zwei Hormone:
Insulin → senkt den Blutzuckerspiegel durch Förderung der Glukoseaufnahme in die Zellen
Glukagon → erhöht den Blutzuckerspiegel durch Förderung von Glykogenolyse und Gluconeogenese
Bei Glukosemangel erfolgt ein vermehrter Fettabbau mit Bildung von Ketonkörpern als alternative Energiequelle
Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung mit chronisch erhöhtem Blutzuckerspiegel infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels
Typ-1-Diabetes: autoimmunbedingte Zerstörung der β-Zellen des Pankreas → absoluter Insulinmangel, Risiko einer diabetischen Ketoazidose
Typ-2-Diabetes: Insulinresistenz mit nachlassender Insulinsekretion; begünstigt durch Übergewicht, Bewegungsmangel und genetische Faktoren
Weitere Diabetesformen (Typ-3-Diabetes): Sammelbegriff für verschiedene spezifische Diabetesformen, etwa genetisch bedingte Formen, pankreopriven Diabetes nach chronischer Pankreatitis oder Pankreasresektion, medikamenteninduzierten Diabetes sowie Diabetesformen infolge endokriner Erkrankungen
Gestationsdiabetes: Während der Schwangerschaft auftretende Glukosestoffwechselstörung mit erhöhtem Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes
Allgemeine Pathophysiologie der Hyperglykämie
Grundmechanismus: Insulinmangel oder Insulinresistenz → verminderte Glukoseaufnahme in Muskel- und Fettzellen sowie fehlende Hemmung der hepatischen Glukoseproduktion → Glykogenolyse ↑ und Gluconeogenese ↑ → Blutglukosespiegel ↑
Folgen der Hyperglykämie:
Überschreitung der renalen Glukoseschwelle (ca. 180 mg/dl) → Glukosurie ↑
Glukose wirkt osmotisch im Tubulussystem → Polyurie ↑ → Verlust Wasser und Elektrolyten (Na⁺, K⁺, Mg²⁺) → Dehydratation ↑
Chronisch erhöhte Glukosespiegel → Aktivierung des Polyolwegs → Sorbitolbildung ↑ → osmotische Zellschädigung, insbesondere an Nerven und Retina → diabetische Folgeerkrankungen
Ketoazidotisches Koma
Info
Die diabetische Ketoazidose (DKA) entsteht durch einen absoluten Insulinmangel, wodurch die Körperzellen Glukose nicht ausreichend verwerten können und auf den Fettstoffwechsel als alternative Energiequelle zurückgreifen.
Grundmechanismus: Absoluter Insulinmangel → Wirkung gegenregulatorischer Hormone (Glucagon, Adrenalin, Cortisol und Wachstumshormon) ↑ → Gluconeogenese ↑, Glykogenolyse ↑ und Lipolyse ↑ → Hyperglykämie und vermehrter Fettsäureabbau
Ketonkörperbildung: Fettsäuren werden in der Leber über die β-Oxidation zu Ketonkörpern umgewandelt → Ketonkörperkonzentration im Blut ↑
Folgen:
Metabolische Azidose: Ketonkörperakkumulation → pH-Wert ↓ und Bicarbonat ↓ → Entwicklung einer metabolischen Ketoazidose
Osmotische Diurese: Hyperglykämie → Glukosurie ↑ → Wasser- und Elektrolytverluste ↑ → Hypovolämie, Hypotonie und Tachykardie
Gastrointestinale Symptome: Metabolische Azidose und erhöhte Ketonkörperkonzentrationen → Reizung des Brechzentrums und der Magenschleimhaut → Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen → Hypovolämie
Elektrolytstörungen: osmotische Diurese → Kalium-, Natrium- und Phosphatverluste ↑ → insbesondere Hypokaliämie unter Insulintherapie möglich
Bewusstseinsstörung: Zerebrale Minderperfusion und Azidose ↑ → Koma
Elektrolytstörungen: Kaliumverschiebungen ↑ → Arrhythmien und Multiorganversagen
Ketoazidotisches Koma: Pathophysiologie
Tipp
Kußmaul-Atmung
Die Kußmaul-Atmung ist eine Kompensationsreaktion des Körpers auf die metabolische Azidose. Durch die tiefen und regelmäßigen Atemzüge wird vermehrt CO₂ abgeatmet. Da CO₂ im Körper zu Kohlensäure umgesetzt wird, führt dessen Abatmung zu einer Verringerung der Säurebelastung und damit zu einer Anhebung des pH-Wertes.
Der Acetongeruch entsteht, weil bei der Ketonkörperbildung vermehrt Aceton gebildet wird. Aceton ist flüchtig und wird über die Lunge abgeatmet, wodurch der typische fruchtig-süßliche Geruch der Ausatemluft entsteht.
Merke
Die Blutzuckerwerte liegen bei einer diabetischen Ketoazidose meist zwischen 250 und 700 mg/dl, da der Insulinmangel zu einer gesteigerten Gluconeogenese, Glykogenolyse und damit zu einer ausgeprägten Hyperglykämie führt.
Hyperosmolare hyperglykämische Syndrom
Info
Das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) entsteht meist bei Patient:innen mit Diabetes mellitus Typ 2 infolge eines relativen Insulinmangels. Die noch vorhandene Restinsulinproduktion reicht aus, um die Lipolyse und Ketonkörperbildung weitgehend zu hemmen, verhindert jedoch die ausgeprägte Hyperglykämie nicht. Im Vordergrund stehen daher eine extreme Hyperglykämie, eine schwere Dehydratation und eine zunehmende Hyperosmolarität.
Grundmechanismus: Relativer Insulinmangel und Insulinresistenz → verminderte Glukoseaufnahme in die Körperzellen bei gleichzeitig gesteigerter hepatischer Glukoseproduktion → Hyperglykämie ↑
Fehlende Ketoazidose: Restinsulinwirkung ausreichend zur Hemmung der Lipolyse und Ketonkörperbildung → keine oder nur geringe metabolische Azidose
Folgen:
Extreme Hyperglykämie: Blutglukosespiegel häufig > 600 mg/dL → Plasmaosmolarität ↑
Osmotische Diurese: Hyperglykämie → Glukosurie ↑ → massive Wasser- und Elektrolytverluste ↑ → Polyurie, Exsikkose und Hypovolämie
Die neurologischen Symptome des HHS entstehen überwiegend durch die Hyperosmolarität des Blutes. Durch die hohe Osmolarität wird Wasser aus den Körperzellen in den Extrazellulärraum gezogen. Besonders betroffen sind die Nervenzellen des Gehirns, was zu Verwirrtheit, Somnolenz, Krampfanfällen oder Koma führen kann.
Merke
Bei einem hyperosmolaren Koma sind Blutzuckerwerte von über 600 mg/dl zu erwarten.
Achtung
Bei einem hyperosmolarem Koma kann es zu einem Flüssigkeitsverlust von über 6 Litern und einem starken Elektrolytverlust kommen.
Gemeinsame Mechanismen und Unterschiede
Aspekt
Diabetische Ketoazidose
Hyperosmolares Koma
Diabetes-Typ
Häufig bei Diabetes mellitus Typ 1
Häufig bei Diabetes mellitus Typ 2
Insulinsituation
Absoluter Insulinmangel
Relativer Insulinmangel
Ketonkörperbildung
Ausgeprägt
Gering oder fehlend
Säure-Basen-Haushalt
Metabolische Azidose
Meist kein relevanter pH-Abfall
Serumosmolarität
Leicht bis mäßig erhöht
Stark erhöht
Blutzuckerwerte
Meist 250–700 mg/dl
Häufig 600–1.200 mg/dl
Leitsymptomatik
Ketoazidose, Kußmaul-Atmung, Acetongeruch
Ausgeprägte Dehydratation und neurologische Symptome
Hauptproblem
Metabolische Azidose und Volumenmangel
Extreme Hyperosmolarität und Exsikkose
Bewusstseinsstörung
Möglich, meist im fortgeschrittenen Verlauf
Häufig und oft ausgeprägter
Sterblichkeit
< 5 % bei rechtzeitiger Therapie
Bis zu 20 %
Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer Hyperglykämie
Insulinmangel oder Insulinresistenz → verminderte Glukoseaufnahme in die Zellen bei gleichzeitig gesteigerter Glukoseproduktion der Leber → ausgeprägte Hyperglykämie
Überschreitung der renalen Glukoseschwelle → Glukosurie → osmotische Diurese mit Wasser- und Elektrolytverlusten
Fortschreitender Flüssigkeitsverlust → Dehydratation und Hypovolämie → Tachykardie, Hypotonie und Kreislaufinstabilität
Diabetische Ketoazidose (DKA) → Ketonkörperbildung und metabolische Azidose → Kußmaul-Atmung, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen
Hyperosmolares Koma → extreme Hyperglykämie und Hyperosmolarität → zelluläre Dehydratation, insbesondere des Gehirns
Zunehmende zerebrale Beeinträchtigung → Verwirrtheit, Somnolenz und Vigilanzminderung → Bewusstseinsstörung bis Koma
Ausgeprägte Elektrolytverschiebungen → insbesondere Kaliumstörungen → Herzrhythmusstörungen und Organfunktionsstörungen
Schwere oder unbehandelte Hyperglykämie → Kreislaufkollaps, Multiorganversagen und Tod möglich
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Typische Zeichen einer Hyperglykämie
Polyurie: osmotische Diurese durch Glukosurie mit vermehrter Urinausscheidung
Polydipsie: Ausgeprägtes Durstgefühl als Reaktion auf den Flüssigkeitsverlust
Trockene Haut und Schleimhäute: Zeichen der beginnenden Dehydratation
Müdigkeit und Leistungsminderung: Folge der gestörten Glukoseverwertung in den Körperzellen
Konzentrationsstörungen: Ausdruck der zerebralen Stoffwechselbeeinträchtigung
Gewichtsverlust: Insbesondere bei länger bestehendem Insulinmangel durch vermehrten Fett- und Muskelabbau
Sehstörungen: Vorübergehende Beeinträchtigung durch osmotisch bedingte Veränderungen der Augenlinse
Allgemeine Schwäche: Häufiges Frühsymptom einer metabolischen Entgleisung
Spezifische Zeichen der diabetischen Ketoazidose
Rasanter Beginn: Entwicklung der Symptomatik meist innerhalb von Stunden bis weniger als 24 Stunden
Kußmaul-Atmung: tiefe, regelmäßige Atemzüge als Kompensation der metabolischen Azidose
Acetongeruch der Ausatemluft: Fruchtig-süßlicher, an Nagellackentferner erinnernder Geruch durch Ketonkörperbildung
Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen: Häufige Folgen der Ketoazidose
Dehydratation: trockene Haut und Schleimhäute, verminderter Hautturgor sowie eingefallene Augen als Zeichen der Exsikkose
Tachykardie und Hypotonie: Ausdruck des ausgeprägten Flüssigkeitsmangels
Bewusstseinsstörungen: Von Konzentrationsstörungen und Verwirrtheit bis zum Koma möglich
Allgemeine Schwäche und Leistungsminderung: Folge der metabolischen Entgleisung und des Energiemangels in den Zellen
Spezifische Zeichen des hyperosmolaren hyperglykämischen Syndroms (HHS)
Schleichender Beginn: Entwicklung der Symptomatik meist über mehrere Tage bis Wochen
Ausgeprägte Hyperglykämie: Häufig Blutzuckerwerte von über 600 mg/dl
Schwere Exsikkose: trockene Haut und Schleimhäute, stehende Hautfalten sowie ausgeprägter Flüssigkeitsmangel
Polyurie und Polydipsie: Folge der osmotischen Diurese durch die starke Hyperglykämie
Tachykardie und Hypotonie: Ausdruck des ausgeprägten Flüssigkeitsmangels
Neurologische Symptome: Desorientierung, Verwirrtheit, Somnolenz und Vigilanzminderung
Krampfanfälle: Möglich bei ausgeprägter Hyperosmolarität
Bewusstseinsstörung bis Koma: Häufiges Zeichen fortgeschrittener Verläufe
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Anamnese
S (Symptome): Polydipsie, Polyurie, Exsikkose, Übelkeit und Erbrechen, Bewusstseinsstörung
Ketoazidotisches Koma: Kussmaul-Atmung, Acetongeruch der Ausatemluft, Bauchschmerzen, Polydipsie, Polyurie, Bewusstseinsstörung
A (Allergien, Infektionen): relevante Allergien sowie akute Infektionen erfragen. Infektionen zählen zu den häufigsten Auslösern einer hyperglykämischen Stoffwechselentgleisung
M (Medikation): Einnahme von Insulin, oralen Antidiabetika oder Verwendung einer Insulinpumpe
Wichtig sind Therapiefehler, ausgelassene Insulingaben oder technische Defekte
P (Patientengeschichte): bekannter Diabetes mellitus, vorangegangene Stoffwechselentgleisungen oder Hinweise auf eine Erstmanifestation eines Diabetes mellitus, insbesondere Typ 1
L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme sowie die letzte Einnahme bzw. Applikation antidiabetischer Medikamente erfragen
E (Ereignis): Die Symptomatik entwickelt sich häufig über Tage bis Wochen und kann durch Infektionen, körperlichen Stress oder andere akute Erkrankungen ausgelöst werden
R (Risiko): bekannter Diabetes mellitus, unzureichende Stoffwechseleinstellung, Infektionen oder Therapiefehler erhöhen das Risiko einer hyperglykämischen Entgleisung
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen mit Gestationsdiabetes oder vorbestehendem Diabetes mellitus besteht ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselentgleisungen während der Schwangerschaft
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Hyperglykämie abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Bewusstseinsstörung: Verwirrtheit, Desorientierung, Somnolenz oder Koma als Ausdruck der zerebralen Stoffwechselstörung
Dehydratation: trockene Haut und Schleimhäute als Zeichen des ausgeprägten Flüssigkeitsmangels
Polyurie und Polydipsie: Typische Folgen der osmotischen Diurese bei Hyperglykämie
Diabetische Ketoazidose (DKA):
Kußmaul-Atmung: tiefe, regelmäßige Atemzüge als respiratorische Kompensation der metabolischen Azidose
Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen: Typische Begleitsymptome der Ketoazidose
Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (HHS):
Ausgeprägte Exsikkose: Eingefallene Augen, trockene Schleimhäute und stehende Hautfalten
Neurologische Auffälligkeiten: Verwirrtheit, Krampfanfälle, Somnolenz oder Koma
Palpation:
Tachykarder Puls: Ausdruck des Volumenmangels und der kompensatorischen Kreislaufaktivierung
Hypotonie: Folge der ausgeprägten Dehydratation und Hypovolämie
Reduzierter Hautturgor: typischer Befund bei Exsikkose
Verzögerte Rekapillarisierungszeit: Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion
Kalte Extremitäten: Möglich bei fortgeschrittener Hypoperfusion oder beginnendem Schock
Perkussion:
In der Regel unauffälliger Befund: Hyperglykämische Entgleisungen verursachen typischerweise keine perkutorischen Veränderungen
Auffällige Befunde: Können auf Begleiterkrankungen wie Pneumonie, Ileus oder andere Ursachen der Stoffwechselentgleisung hinweisen
Auskultation:
Lunge: Meist keine pathologischen Atemnebengeräusche, bei Ketoazidose häufig vertiefte Kußmaul-Atmung hörbar
Abdomen: Darmgeräusche meist normal oder vermindert → pathologische Befunde können auf Begleiterkrankungen wie Ileus oder intraabdominelle Infektionen hinweisen
Vitalparameter
Parameter
Diabetische Ketoazidose (DKA)
Hyperosmolares Koma (HHS)
Herzfrequenz
Häufig Tachykardie
Meist ausgeprägte Tachykardie
Blutdruck
Häufig erniedrigt durch Hypovolämie
Oft deutlich erniedrigt, Schockgefahr
Atemfrequenz
Erhöht, typische Kußmaul-Atmung
Meist normal bis leicht erhöht
Temperatur
Normal bis leicht erhöht
Normal bis leicht erhöht
Sauerstoffsättigung
In der Regel normwertig
In der Regel normwertig
Blutzucker
Meist 250–700 mg/dl
Häufig > 600 mg/dl
Info
Die im RettungsdiensteingesetztenBlutzuckermessgeräte sind für die präklinische Notfalldiagnostik zugelassen und besitzen einen begrenztenMessbereich. Werte außerhalb dieses Bereichs werden in der Regel nicht numerisch angezeigt:
„LO“ (Low): Blutzucker unterhalb des messbaren Bereichs, meist < 10–20 mg/dl (geräteabhängig)
„HI“ (High): Blutzucker oberhalb des messbaren Bereichs, meist > 600 mg/dl (geräteabhängig)
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnose
Typische Symptome
Abgrenzung / Hinweise
Hypoglykämie
Vigilanzminderung
Aphasie
Schwitzen, ggf. Tremor
Tachykardie
Blutzuckermessung zur Abgrenzung
Infektion / Sepsis
Vigilanzminderung
Diffuse neurologische Auffälligkeiten
Fieber, Infektzeichen oder erhöhte Entzündungsparameter
Alkoholintoxikation
Dysarthrie
Ataxie
Gangunsicherheit
Hinweise auf Alkoholkonsum oder Intoxikation
Azetonämisches Erbrechen (Kindesalter)
Wiederholtes Erbrechen
Exsikkose
Kußmaul-Atmung
Fruchtig-obstartiger Atemgeruch
Tritt häufig nach Infekten oder längerer Nahrungskarenz im Kindesalter auf, Blutzucker normwertig
Schlaganfall / ZNS-Ereignis
Plötzlich auftretende Hemiparese
Aphasie
Bewusstseinsstörung
Typischerweise fokale neurologische Defizite, Blutzuckermessung wichtig zur Abgrenzung
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Merke
Die präklinische Behandlung zielt auf die Sicherung der Vitalfunktionen, die Kreislaufstabilisierung sowie eine frühzeitige und großzügige Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen ab. Die weitere spezifische Therapie, insbesondere die Insulinbehandlung sowie die engmaschige Kontrolle von Kaliumhaushalt und Säure-Basen-Status, erfolgt unter klinischen Bedingungen.
Basismaßnahmen
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und stabilen Vitalfunktionen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Flachlagerung mit kontinuierlicher Überwachung der Atemwege
Sauerstoffgabe: Bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94 % oder respiratorischer Beeinträchtigung
Angepasstes Atemwegsmanagement: Bei Vigilanzminderung oder Verlust der Schutzreflexe sind die Atemwege konsequent freizuhalten und regelmäßig zu kontrollieren. Je nach Zustand können Atemwegshilfen (z. B. Guedel- oder Wendltubus) erforderlich sein
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Blutzuckermessungen. Bei entsprechender Ausstattung kann zusätzlich eine etCO₂-Messung zur Verlaufskontrolle sinnvoll sein
Venöser Zugang: Anlage mindestens eines großlumigen i.v.-Zugangs zur Volumentherapie und für weitere therapeutische Maßnahmen
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen, insbesondere bei exsikkierten oder bewusstseinsgestörten Patient:innen
Besonderheit bei diabetischer Ketoazidose: Auf Zeichen der metabolischen Azidose (Kußmaul-Atmung, Acetongeruch) achten und engmaschig überwachen
Besonderheit bei hyperosmolarem Koma: Aufgrund der oft extremen Exsikkose und ausgeprägten neurologischen Symptomatik auf Zeichen einer hämodynamischen Instabilität und Vigilanzverschlechterung achten
Spezifische Maßnahmen
Volumentherapie: Frühzeitige Gabe kristalloider Infusionslösungen 1000 ml i.v. in den ersten 60 Minuten zur Behandlung der ausgeprägten Dehydratation und Hypovolämie
Antiemetische Therapie erwägen: Bei Übelkeit und Erbrechen Gabe eines Antiemetikum, z.B. Dimenhydrinat 62 mg i.v. zur Symptomkontrolle und Reduktion des Aspirationsrisikos
Merke
Eine zu rasche Flüssigkeitssubstitution kann zu osmotischen Verschiebungen führen und das Risiko eines zerebralen Ödems erhöhen. Nach der initialen Volumengabe sollte die weitere Infusionstherapie daher kontrolliert mit etwa 250–500 ml/h erfolgen.
Info
Der Gesamtflüssigkeitsbedarf liegt häufig bei 5–10 Litern bzw. bis zu 15 % des Körpergewichts und wirdim weiteren Behandlungsverlauf ausgeglichen.
Achtung
Keine präklinische Insulingabe
Die spezifischeInsulintherapie erfolgt in der Regel erst nach klinischer Diagnostik und KontrollevonElektrolyten, insbesondere des Kaliumspiegels.
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Diabetes insipidus
Definition
Diabetes insipidus
Der Diabetes insipidus ist eine seltene Störung des Wasserhaushalts, die nicht mit dem Diabetes mellitus verwandt ist. Ursache ist entweder ein Mangel an antidiuretischem Hormon (ADH, Vasopressin) oder eine verminderte Empfindlichkeit der Nieren gegenüber ADH. Dadurch kann in den Nieren nicht ausreichend Wasser rückresorbiert werden, was zu einer ausgeprägten Ausscheidung stark verdünnten Urins führt.
Typische Trias:
Polyurie: Ausscheidung großer Urinmengen
Polydipsie: Ausgeprägtes Durstgefühl mit vermehrter Flüssigkeitsaufnahme
Asthenurie: verminderte Fähigkeit der Nieren, den Urin zu konzentrieren
Durch die hohen Flüssigkeitsverluste können Dehydratation, Exsikkose sowie Störungen des Elektrolythaushalts, insbesondere eine Hypernatriämie, entstehen.
Gestationsdiabetes
Definition
Gestationsdiabetes
Der Gestationsdiabetes ist eine erstmals während der Schwangerschaft auftretende Störung des Glukosestoffwechsels. Ursache ist eine schwangerschaftsbedingte Zunahme der Insulinresistenz, die durch die Insulinproduktion des Körpers nicht ausreichend kompensiert werden kann.
Risikofaktoren:
Übergewicht
Alter über 30 Jahre
Familiäre oder genetische Vorbelastung
Gestationsdiabetes in einer früheren Schwangerschaft
Merke
Ein unzureichendbehandelterGestationsdiabetes kann sowohl für die Mutter als auch für das Kind mit erheblichenRisiken verbunden sein.
Mütterliche Komplikationen
Fetoplazentare Komplikationen
Neonatale Komplikationen
Präeklampsie
Makrosomie (überdurchschnittlich großes Kind)
Hypoglykämie
Arterielle Hypertonie
Atemnotsyndrom
Polyhydramnion
Frühgeburtlichkeit
Anpassungsstörungen
Erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Sectio caesarea
Info
Ein Gestationsdiabetes bildet sich nach der Entbindung häufig zurück, erhöht jedoch das Risiko für die spätere Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 bei der Mutter.
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit einer hyperglykämischen Stoffwechselentgleisung, einer diabetischen Ketoazidose oder einem hyperosmolaren Koma in eine Klinik mit internistischer Notaufnahme transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Ausmaß der Stoffwechselentgleisung sowie möglichen Komplikationen:
Leichte Hyperglykämie ohne relevante Beeinträchtigung → Akutkrankenhaus mit internistischer Notaufnahme und diabetologischer Versorgung
Diabetische Ketoazidose oder hyperosmolares Koma → Klinik mit internistischer Überwachungs- bzw. Intensivmedizin
Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Intensivstation
Kinder und Jugendliche → pädiatrisches Zentrum mit Erfahrung in der Behandlung diabetischer Stoffwechselentgleisungen
Transportbegleitende Maßnahmen
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und stabilen Vitalfunktionen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: Flachlagerung mit kontinuierlicher Atemwegskontrolle
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂, Atemfrequenz, Temperatur und Bewusstseinslage
Blutzuckerkontrolle: Wiederholte Blutzuckermessungen zur Beurteilung des Verlaufs und des Therapieerfolgs
Volumentherapie: Fortführung der Flüssigkeitssubstitution mit balancierten Vollelektrolytlösungen
Sauerstofftherapie: Bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei respiratorischer Beeinträchtigung oder SpO₂ < 94 %
Atemwegsmanagement: Konsequente Sicherung und Überwachung der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Verlust der Schutzreflexe
Absaugbereitschaft: insbesondere bei Bewusstseinsstörung, Übelkeit oder Erbrechen zur Reduktion des Aspirationsrisikos
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Zeitpunkt des Symptombeginns und der initialen Blutzuckerwerte
Vermutete Stoffwechselentgleisung (Hyperglykämie, DKA oder HHS)
Neurologischer Symptomatik und Vigilanzverlauf
Verabreichten Flüssigkeitsmengen, Sauerstoffgaben und weiteren Maßnahmen
aktuellen Vitalparametern und Blutzuckerwerten
Bekannten Vorerkrankungen und Komorbiditäten (z.B. Diabetes mellitus, Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz)
Bei persistierender Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen oder hämodynamischer Instabilität → direkte Übergabe an das Intensiv- oder Schockraumteam
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Definition
Definition
Hyperglykämie
Hyperglykämie bezeichnet einen erhöhten Blutzuckerspiegel infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels. Diagnostisch gelten Werte > 126 mg/dl nüchtern oder > 200 mg/dl postprandial als pathologisch.
Im rettungsdienstlichen Kontext ist ein Blutzuckerwert > 250 mg/dl als kritisch einzustufen, insbesondere bei bekannten Diabetiker:innen mit passender Klinik.
Definition
Hyperglykämisches Koma
Das hyperglykämische Koma (Coma diabeticum) ist eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels bei Diabetes mellitus. Durch die ausgeprägte Hyperglykämie kommt es zu erheblichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten sowie zu einer Störung des Zellstoffwechsels. Klinisch können Bewusstseinsstörungen bis zum Koma auftreten.
Ursachen
Häufigste Ursache einer Hyperglykämie: Absoluter oder relativer Insulinmangel bei Diabetes mellitus Typ 1 bzw. Typ 2
Therapiebedingte Ursachen: Vergessene oder unzureichende Insulingaben, technische Probleme von Insulinpumpen sowie fehlende Dosisanpassungen bei erhöhtem Insulinbedarf
Akute Auslöser: Infektionen (insbesondere Sepsis), Myokardinfarkt, Schlaganfall, Pankreatitis, Operationen und Traumata können durch die Ausschüttung von Stresshormonen eine Hyperglykämie begünstigen
Medikamente: Insulinantagonistische Arzneimittel wie Glukokortikoide, β-Sympathomimetika oder atypische Antipsychotika können den Blutzuckerspiegel erhöhen
Endokrine Ursachen: Hormonelle Erkrankungen wie Cushing-Syndrom, Akromegalie, Phäochromozytom oder Hyperthyreose können eine Hyperglykämie verursachen
Lebensstilfaktoren:Adipositas, Bewegungsmangel und übermäßige Kohlenhydratzufuhr fördern eine Insulinresistenz und begünstigen die Entstehung einer Hyperglykämie
Pathophysiologie
Hyperglykämie: Insulinmangel oder Insulinresistenz → verminderte Glukoseaufnahme in die Zellen und gesteigerte Glukosefreisetzung aus der Leber → Blutzuckeranstieg
Folgen der Hyperglykämie: Überschreiten der renalen Glukoseschwelle → Glukosurie → osmotische Diurese mit Polyurie, Polydipsie, Dehydratation und Elektrolytverlusten
Diabetische Ketoazidose (DKA): Absoluter Insulinmangel → Lipolyse und Ketonkörperbildung ↑ → metabolische Azidose mit Kußmaul-Atmung, Acetongeruch, Übelkeit und Erbrechen
Hyperosmolares Koma: Relativer Insulinmangel → extreme Hyperglykämie und ausgeprägte Hyperosmolarität bei fehlender oder nur geringer Ketonkörperbildung
Gemeinsame Komplikationen: Flüssigkeits- und Elektrolytverluste können zu Hypovolämie, Hypotonie, Bewusstseinsstörungen, Koma und Kreislaufversagen führen
Merke: Bei der DKA steht die Ketoazidose, beim HHS die schwere Dehydratation und Hyperosmolarität im Vordergrund. Beide Erkrankungen stellen lebensbedrohliche Notfälle dar
Klinischer Eindruck
Hyperglykämie: typische Zeichen sind Polyurie, Polydipsie, trockene Haut und Schleimhäute, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Sehstörungen und allgemeine Schwäche
Diabetische Ketoazidose (DKA): rascher Beginn innerhalb von Stunden mit Kußmaul-Atmung, Acetongeruch der Ausatemluft, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Dehydratation sowie Bewusstseinsstörungen
Hyperosmolares Koma: schleichender Beginn über Tage bis Wochen mit ausgeprägter Exsikkose, Polyurie, Polydipsie, neurologischen Symptomen, Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen bis zum Koma
Diagnostik
Inspektion:
Bewusstseinsstörung: Verwirrtheit, Desorientierung, Somnolenz oder Koma als Ausdruck der zerebralen Stoffwechselstörung
Dehydratation: trockene Haut und Schleimhäute als Zeichen des ausgeprägten Flüssigkeitsmangels
Polyurie und Polydipsie: Typische Folgen der osmotischen Diurese bei Hyperglykämie
Diabetische Ketoazidose (DKA):
Kußmaul-Atmung: tiefe, regelmäßige Atemzüge als respiratorische Kompensation der metabolischen Azidose
Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen: Typische Begleitsymptome der Ketoazidose
Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (HHS):
Ausgeprägte Exsikkose: Eingefallene Augen, trockene Schleimhäute und stehende Hautfalten
Neurologische Auffälligkeiten: Verwirrtheit, Krampfanfälle, Somnolenz oder Koma
Palpation:
Tachykarder Puls: Ausdruck des Volumenmangels und der kompensatorischen Kreislaufaktivierung
Hypotonie: Folge der ausgeprägten Dehydratation und Hypovolämie
Reduzierter Hautturgor: typischer Befund bei Exsikkose
Verzögerte Rekapillarisierungszeit: Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion
Kalte Extremitäten: Möglich bei fortgeschrittener Hypoperfusion oder beginnendem Schock
Perkussion:
In der Regel unauffälliger Befund: Hyperglykämische Entgleisungen verursachen typischerweise keine perkutorischen Veränderungen
Auffällige Befunde: Können auf Begleiterkrankungen wie Pneumonie, Ileus oder andere Ursachen der Stoffwechselentgleisung hinweisen
Auskultation:
Lunge: Meist keine pathologischen Atemnebengeräusche, bei Ketoazidose häufig vertiefte Kußmaul-Atmung hörbar
Abdomen: Darmgeräusche meist normal oder vermindert → pathologische Befunde können auf Begleiterkrankungen wie Ileus oder intraabdominelle Infektionen hinweisen
Therapie
Merke
Die präklinische Behandlung zielt auf die Sicherung der Vitalfunktionen, die Kreislaufstabilisierung sowie eine frühzeitige und großzügige Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen ab. Die weitere spezifische Therapie, insbesondere die Insulinbehandlung sowie die engmaschige Kontrolle von Kaliumhaushalt und Säure-Basen-Status, erfolgt unter klinischen Bedingungen.
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und stabilen Vitalfunktionen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Flachlagerung mit kontinuierlicher Überwachung der Atemwege
Sauerstoffgabe: Bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94 % oder respiratorischer Beeinträchtigung
Angepasstes Atemwegsmanagement: Bei Vigilanzminderung oder Verlust der Schutzreflexe sind die Atemwege konsequent freizuhalten und regelmäßig zu kontrollieren. Je nach Zustand können Atemwegshilfen (z. B. Guedel- oder Wendltubus) erforderlich sein
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Blutzuckermessungen. Bei entsprechender Ausstattung kann zusätzlich eine etCO₂-Messung zur Verlaufskontrolle sinnvoll sein
Venöser Zugang: Anlage mindestens eines großlumigen i.v.-Zugangs zur Volumentherapie und für weitere therapeutische Maßnahmen
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen, insbesondere bei exsikkierten oder bewusstseinsgestörten Patient:innen
Besonderheit bei diabetischer Ketoazidose: Auf Zeichen der metabolischen Azidose (Kußmaul-Atmung, Acetongeruch) achten und engmaschig überwachen
Besonderheit bei hyperosmolarem Koma: Aufgrund der oft extremen Exsikkose und ausgeprägten neurologischen Symptomatik auf Zeichen einer hämodynamischen Instabilität und Vigilanzverschlechterung achten
Spezifische Maßnahmen:
Volumentherapie: Frühzeitige Gabe kristalloider Infusionslösungen 1000 ml i.v. in den ersten 60 Minuten zur Behandlung der ausgeprägten Dehydratation und Hypovolämie
Antiemetische Therapie erwägen: Bei Übelkeit und Erbrechen Gabe eines Antiemetikum, z.B. Dimenhydrinat 62 mg i.v. zur Symptomkontrolle und Reduktion des Aspirationsrisikos
Besondere Situationen
Definition
Diabetes insipidus
Der Diabetes insipidus ist eine seltene Störung des Wasserhaushalts, die nicht mit dem Diabetes mellitus verwandt ist. Ursache ist entweder ein Mangel an antidiuretischem Hormon (ADH, Vasopressin) oder eine verminderte Empfindlichkeit der Nieren gegenüber ADH. Dadurch kann in den Nieren nicht ausreichend Wasser rückresorbiert werden, was zu einer ausgeprägten Ausscheidung stark verdünnten Urins führt.
Definition
Gestationsdiabetes
Der Gestationsdiabetes ist eine erstmals während der Schwangerschaft auftretende Störung des Glukosestoffwechsels. Ursache ist eine schwangerschaftsbedingte Zunahme der Insulinresistenz, die durch die Insulinproduktion des Körpers nicht ausreichend kompensiert werden kann.
Transport
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit einer hyperglykämischen Stoffwechselentgleisung, einer diabetischen Ketoazidose oder einem hyperosmolaren Koma in eine Klinik mit internistischer Notaufnahme transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Ausmaß der Stoffwechselentgleisung sowie möglichen Komplikationen:
Leichte Hyperglykämie ohne relevante Beeinträchtigung → Akutkrankenhaus mit internistischer Notaufnahme und diabetologischer Versorgung
Diabetische Ketoazidose oder hyperosmolares Koma → Klinik mit internistischer Überwachungs- bzw. Intensivmedizin
Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Intensivstation
Kinder und Jugendliche → pädiatrisches Zentrum mit Erfahrung in der Behandlung diabetischer Stoffwechselentgleisungen
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Tipp
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Diabetes mellitus
Algorithmus: hyperglykämisches Koma
Hyperglykämisches Koma
BGA-Fallbeispiel 6
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