Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe (= Endorganschädigung) führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.
Klar abzugrenzen ist hiervon die hypertensive Entgleisung bzw. hypertensive Dringlichkeit: Zwar liegt auch hier ein deutlich erhöhter Blutdruck vor, es finden sich jedoch keine Hinweise auf eine akute Endorganschädigung.
Die Therapie besteht in erster Linie aus einer gezielten Blutdrucksenkung. Ziel der notfallmäßigen Therapie ist eine kontrollierte Blutdruckreduktion, nicht die sofortige Normalisierung des Blutdrucks.
Um den Einstieg in das Thema hypertensiver Notfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Hypertensiver Notfall
- Ort: Privathaushalt, 1. Obergeschoss
- Alarmzeit: 04:22 Uhr
- Anrufer:in: Nachbarin
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Weiblich, 84 Jahre alt
- Starke Kopfschmerzen und Brustschmerzen
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt die Patientin auf einem Sessel. Die Anruferin ist ebenfalls im Raum und betreut die Patientin.
Die Lage ist wie folgt:
- Die Patientin ist wach und ansprechbar
- Die Patientin klagt über starke Kopfschmerzen, Schwindel und Brustschmerzen
- Die Symptomatik besteht seit gestern Abend
- Die Nachbarin berichtet, dass sich die Patientin vor ungefähr 30 Minuten telefonisch bei ihr meldete. Daraufhin hat sie den Notruf abgesetzt
- Es sind keine äußeren Verletzungen erkennbar

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
x | Keine kritischen Blutungen | Kein |
A |
| Kein |
B |
| Kein |
C |
| Akutes |
D |
| Mittelbares |
E |
| Kein |
Hypertensiver Notfall
DefinitionHypertensiver Notfall
Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.
AchtungDie absolute Höhe des Blutdrucks ist zweitrangig, sofern Hinweise auf eine akute Schädigung von Organen bestehen.
Hypertensive Entgleisung/Dringlichkeit
DefinitionHypertensive Entgleisung/Dringlichkeit
Eine plötzlich auftretende Blutdruckerhöhung, oft über 180/110 mmHg, ohne Hinweise auf Schädigungen von Endorganen wird als hypertensive Entgleisung bezeichnet. Sie ist klar vom hypertensiven Notfall abzugrenzen, da keine akute Lebensgefahr besteht.
InfoDer Begriff „hypertensive Krise" gilt als veraltet, ist aber weiter verbreitet.
MerkeDie häufigste Ursache eines akuten Blutdruckanstiegs ist die Entgleisung einer vorbestehenden arteriellen Hypertonie, zum Beispiel infolge unzureichender Blutdruckkontrolle oder einer unregelmäßigen Einnahme der Medikamente.
Auslöser einer akuten Entgleisung
- Mangelnde Therapietreue
- Plötzliches Absetzen blutdrucksenkender Medikamente
- Vegetative Überreaktion, z.B. bei akutem Stress oder Schmerzen
- Stimulanzien wie Amphetamine und Kokain
- Alkoholentzug
Primäre Hypertonie
- Grundlage ist meist eine primäre (essenzielle) Hypertonie, die häufigste Form. Sie entsteht aus mehreren Ursachen zugleich
- Begünstigt durch Lebensalter, Nikotin, Alkohol, Kochsalz, starkes Übergewicht und Bewegungsmangel
Sekundäre Hypertonie
Seltener ist der hohe Blutdruck Folge einer anderen Erkrankung:
- Hormonelle Ursachen: z.B. Phäochromozytom (= hormonbildender Tumor der Nebenniere)
- Nierenerkrankungen
- Medikamente und Substanzen: z.B. Ibuprofen, Glucocorticoide, abschwellende Nasensprays, Kokain
- Schwangerschaftserkrankungen: z.B. Präeklampsie
TippBei jungen Patient:innen mit hypertensivem Notfall sollte an eine sekundäre Hypertonie gedacht werden.
Ausgangspunkt
Ein hypertensiver Notfall beginnt mit einem plötzlichen, starken Blutdruckanstieg, häufig auf Werte ab 180/110 mmHg. Auslöser sind z.B. vergessene Blutdruckmedikamente, Stress oder Substanzmissbrauch, z.B. Kokain.
InfoAutoregulation
Normalerweise halten Gehirn, Herz und Nieren ihre Durchblutung von selbst konstant, auch wenn der Blutdruck schwankt. Steigt der Druck zu schnell und zu stark, reicht dieser Schutz nicht mehr aus.
Gegenregulation des Körpers
Eigentlich soll die Gegenregulation den Kreislauf schützen. Beim hypertensiven Notfall wirkt sie in die falsche Richtung und treibt den Blutdruck weiter in die Höhe:
- Stressreaktion: Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Atemnot und Angst sind für den Körper Alarmsignale. Er reagiert darauf wie auf jede Bedrohung und aktiviert den Sympathikus. Die Gefäße verengen sich, das Herz schlägt schneller und der Blutdruck steigt weiter
- Hormonsystem der Niere: Durch die verengten Gefäße wird die Niere schlechter durchblutet. Sie deutet das so, als wäre der Blutdruck zu niedrig, und schüttet Hormone aus, die die Gefäße verengen und Wasser im Körper zurückhalten (= RAAS). Auch das erhöht den Blutdruck
Schäden an den Gefäßen
- Der hohe Druck belastet die Gefäßwände und schädigt ihre innere Auskleidung (= Endothel)
- Die kleinen Gefäße ziehen sich zusätzlich zusammen und werden dadurch noch enger
- Durch die engen Gefäße fließt zu wenig Blut, die Organe bekommen zu wenig Sauerstoff
- Dadurch entstehen an den Organen Schäden
Schäden an den Organen
- Gehirn: Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen sind die Folge. Außerdem kann ein Gefäß im Gehirn einreißen
- Herz: Das Herz muss gegen einen sehr hohen Widerstand pumpen (= erhöhte Nachlast). Der Herzmuskel braucht dafür mehr Sauerstoff, als er zur Verfügung hat. Es kommt zu Brustschmerzen bis zum akuten Koronarsyndrom
- Linke Herzkammer: Schafft sie die Pumparbeit nicht mehr, staut sich das Blut in die Lunge zurück und es kann ein Lungenödem entstehen
- Hauptschlagader: Der hohe Druck kann die Wand der Aorta einreißen lassen (= Aortendissektion)
- Niere: Die kleinsten Gefäße der Niere werden durch den Druck geschädigt, bis hin zum akuten Nierenversagen
- Auge: Blutungen in der Netzhaut und eine Schwellung des Sehnervs führen zu Sehstörungen
AchtungTeufelskreis
Organschäden und Gegenregulation treiben den Blutdruck weiter in die Höhe. So entsteht ein Teufelskreis, der die Situation zunehmend verschlechtert. Die Folgen an Herz und Gehirn zeigen sich früh als Brustschmerz, Atemnot, Bewusstseinsstörung und neurologische Ausfälle.
MerkeZusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem hypertensiven Notfall
- Versagen der Autoregulation: Die Organe sind dem hohen Druck ungeschützt ausgesetzt
- Gefäßschäden: Der Druck schädigt die Gefäßwände, die Organe werden schlechter durchblutet
- Gegenregulation: Stressreaktion und Hormonsystem der Niere treiben den Blutdruck weiter
- Organschäden: Gehirn, Herz, Aorta, Lunge, Niere und Augen werden akut geschädigt
MerkeLeitsymptom: ein stark erhöhter Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, zusammen mit Zeichen einer akuten Organschädigung.
Je nach primär betroffenem Organ zeigen sich unterschiedliche Zeichen:
- Herz: Thoraxschmerzen, Palpitationen, Dyspnoe
- Mögliche Ursache: akutes Koronarsyndrom, akute Linksherzinsuffizienz
- Aorta: Plötzlich einsetzende Schmerzen in Brust und/oder Rücken, Pulsdefizite, Blutdruckdifferenzen zwischen beiden Armen
- Mögliche Ursache: Aortendissektion
- Lunge: Dyspnoe, Tachypnoe, Husten mit schaumigem Sputum, feinblasige Rasselgeräusche
- Mögliche Ursache: kardiales Lungenödem
- ZNS: Kopfschmerzen, Schwindel, Verwirrtheit, Vigilanzminderung, Sehstörungen, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle
- Mögliche Ursache: hypertensive Enzephalopathie, Schlaganfall
- Auge: Verschwommenes Sehen, Gesichtsfeldausfälle, Augenflimmern
- Mögliche Ursache: Netzhautblutungen
- Niere: Übelkeit, Erbrechen, verminderte Urinausscheidung, Ödeme an den Beinen
- Mögliche Ursache: akute Nierenschädigung
Dazu kommen generalisierte Zeichen: Übelkeit, Unwohlsein, Unruhe, Schwitzen, hochroter Kopf und Nasenbluten (Epistaxis).
InfoUntypische Verläufe
Unspezifische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder innere Unruhe schließen einen hypertensiven Notfall nicht aus. Bewusstseinsstörungen und fokal-neurologische Ausfälle, z.B. Lähmung, Sprachstörung oder hängender Mundwinkel, gelten als Hinweis auf eine zerebrale Organbeteiligung. Bei Schwangeren besteht bereits ab 160/110 mmHg ein dringender Notfallverdacht (Präeklampsie).
AchtungRed Flags
- Thoraxschmerz
- Dyspnoe
- Bewusstseinsstörungen oder fokal-neurologische Ausfälle
- Stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen, Krampfanfall
- EKG-Veränderungen, vor allem ST-Streckenveränderungen
- Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen oder Pulsdefizit
- Schwangerschaft mit Blutdruckwerten ab 160/110 mmHg
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
MerkeAm Einsatzort entscheidet nicht die Höhe des Blutdrucks, sondern die Frage nach einem akuten Organschaden. Brustschmerz, Atemnot, neurologische Ausfälle, Sehstörungen, stärkste Kopfschmerzen oder eine Bewusstseinsstörung machen aus einem hohen Blutdruck einen hypertensiven Notfall.
Anamnese
Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:
- S (Symptome): Alarmsignale: Thoraxschmerz, Dyspnoe, Bewusstseinsstörungen, stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen
- A (Allergien/Infektionen): Bekannte Medikamentenallergien
- M (Medikation): Antihypertensiva, z.B. ACE-Hemmer, Betablocker. Akutmedikation vorhanden oder bereits eingenommen?
- P (Patientengeschichte): Vorerkrankungen von Herz und Gefäßen, vor allem arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen
- L (Letzte…): Letzte Einnahme der Dauermedikation, letzte Mahlzeit, letzte Blutdruckwerte
- E (Ereignis): Beginn und Verlauf der Beschwerden, vergessene oder abgesetzte Medikamente, akuter Stress oder Schmerzen
- R (Risikofaktoren): Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Nikotin, Übergewicht, Alkohol- und Drogenkonsum, z.B. Kokain oder Amphetamine
- S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen, dann an eine (Prä-)Eklampsie denken
Körperliche Untersuchung

Inspektion
- Hochroter Kopf, Kaltschweißigkeit, Unruhe: Zeichen der sympathischen Aktivierung
- Dyspnoe, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, schaumiges Sputum: Zeichen einer kardialen Dekompensation oder eines Lungenödems
- Beinödeme: Hinweis auf eine Herzinsuffizienz
Palpation
- Pulsus durus: kräftiger, harter Puls. Lässt sich nur mit viel Druck wegdrücken
- Tachykardie oder Bradykardie: Hinweis auf kardiale Beteiligung
- Pulsdefizite: Hinweis auf eine Aortendissektion
- Rekap-Zeit messen
Perkussion
Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ein gedämpfter Klopfschall kann auf ein Lungenödem hinweisen
Auskultation
- Lunge: Feinblasige Rasselgeräusche über den unteren Lungenabschnitten → Hinweis auf ein Lungenödem
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden beim hypertensiven Notfall engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.
| Parameter | Typischer Befund | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Atemfrequenz | Abhängig von der Endorganschädigung, initial eher erhöht | Eine Tachypnoe mit Atemnot weist auf eine kardiale Beteiligung oder ein Lungenödem hin |
| Sauerstoffsättigung (SpO₂) | Abhängig von der Perfusion, meist normal | Ein Abfall mit Atemnot und feuchten Rasselgeräuschen weist auf ein Lungenödem hin |
| Herzfrequenz | Initial eher erhöht | Im Verlauf sind Bradykardie und Herzrhythmusstörungen möglich, ein Hinweis auf eine kardiale Beteiligung |
| Blutdruck | Stark erhöht | An beiden Oberarmen messen und wiederholt kontrollieren. Eine Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen weist auf eine Aortendissektion hin |
| EKG | ST-Streckenveränderungen oder Rhythmusstörungen möglich | Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team. Ein unauffälliges EKG schließt einen hypertensiven Notfall nicht aus |
| Körpertemperatur | In der Regel normwertig | Keine eigenständige Bedeutung beim hypertensiven Notfall, dient der Abgrenzung anderer Ursachen |
| Blutzucker | In der Regel normwertig | Bei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen |
AchtungDer Blutdruck sollte mehrfach an beiden Oberarmen gemessen werden. Eine Blutdruckdifferenz (über 20 mmHg) oder eine Differenz der Pulsqualität kann ein wichtiger Hinweis auf eine Aortendissektion sein.
InfoNicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.
Orientierende neurologische Untersuchung
Eine zerebrale Organbeteiligung beim hypertensiven Notfall, etwa eine hypertensive Enzephalopathie oder ein Schlaganfall, zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.
- Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
- Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
- Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
- Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
- Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
TippBei neurologischen Auffälligkeiten folgt die Untersuchung zusätzlich dem BE-FAST-Schema. Verwaschene Sprache, Wortfindungsstörungen oder eine einseitige Schwäche sind Hinweise auf einen Schlaganfall.
Differenzialdiagnosen
| Krankheitsbild | Was eher dafür spricht |
|---|---|
| Hypertensive Entgleisung | Hoher Blutdruck ohne Brustschmerzen, Atemnot oder neurologische Ausfälle |
| Schlaganfall | Plötzliche einseitige Lähmung, hängender Mundwinkel, Sprachstörung |
| Akutes Koronarsyndrom | Druckgefühl hinter dem Brustbein mit Ausstrahlung, Kaltschweißigkeit, ST-Streckenveränderungen |
| Aortendissektion | Plötzlicher reißender Schmerz in Brust oder Rücken, Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen, Pulsdefizit |
| Kardiales Lungenödem | Atemnot im Liegen, feinblasige Rasselgeräusche, schaumiges Sputum |
Basismaßnahmen
InfoDie folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
- Angepasste Lagerung: Oberkörperhochlagerung (ca. 30 bis 45°)
- Schwangere mit Verdacht auf Präeklampsie: Linksseitenlage
- Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen. Stress treibt den Blutdruck weiter
- Monitoring anlegen: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck. Messungen regelmäßig wiederholen
- Blutdruck an beiden Oberarmen messen
- Sauerstoffgabe: bei respiratorischer Insuffizienz oder Hypoxämie
- Keine routinemäßige Sauerstoffgabe ohne Indikation
- 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
- Blutzucker messen: bei Bewusstseinsstörung oder neurologischen Auffälligkeiten
- Bei Nasenbluten: Oberkörper aufrichten, Kopf nach vorn neigen und die weichen Nasenflügel 15 bis 20 Minuten ohne Unterbrechung komprimieren, ergänzend den Nacken kühlen
- Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
- Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
- Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
- Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jedem hypertensiven Notfall eingesetzt.
MerkeZiel der notfallmäßigen Therapie ist eine kontrollierte Blutdruckreduktion, nicht die sofortige Normalisierung des Blutdrucks.
| Medikament/Maßnahme | Behandlungszweck | Wichtige Hinweise für die Unterstützung |
|---|---|---|
| Urapidil | Mittel der ersten Wahl: erweitert die Gefäße ohne relevante Reflextachykardie | Material für den intravenösen Zugang vorbereiten. Der Blutdruck wird nicht zu schnell gesenkt: etwa 15 bis 25 % des Ausgangswerts. Blutdruck nach 3 bis 5 Minuten erneut kontrollieren |
| Glyceroltrinitrat | Bei kardialer Symptomatik (ACS) oder Lungenödem: senkt die Vorlast und entlastet das Herz | Spray bereithalten, Blutdruck vor und nach der Gabe messen. Ohne kardiale Symptomatik off-label (= außerhalb der Zulassung) |
| Metoprolol | Betablocker, senkt Herzfrequenz und Blutdruck. Beim Aortensyndrom Ziel unter 120/80 mmHg und Herzfrequenz unter 60/min | Herzfrequenz und EKG überwachen, Bradykardie möglich |
AchtungBei einer Aortendissektion muss der Blutdruck rasch und gezielt gesenkt werden. Bei einer hypertensiven Enzephalopathie kann dagegen eine zu schnelle Blutdrucksenkung zu bleibenden Schäden durch Minderdurchblutung führen.
Der Transport erfolgt in eine Klinik mit internistischer Fachabteilung und ggf. Intensivkapazität. Die Auswahl richtet sich nach der vermuteten Endorganschädigung: bei ACS ein Herzkatheterlabor, bei neurologischen Symptomen eine Stroke Unit (= Schlaganfallstation), bei Aortendissektion ein Zentrum mit Gefäß- oder Herzchirurgie, bei Präeklampsie eine Geburtsklinik.
- Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da jede Anstrengung den Blutdruck weiter steigert und die Organschädigung verstärken kann
- Lagerung während der Fahrt:
- Stabiler Kreislauf: erhöhter Oberkörper, je nach Organschädigung angepasst
- Instabiler Kreislauf: flach
- Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG und SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
- Besonders auf Herzrhythmusstörungen, neue Brustschmerzen, Atemnot, neurologische Ausfälle oder eine Bewusstseinsstörung achten, da sie eine zunehmende Organschädigung anzeigen
- BE-FAST wiederholen
- Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Eventuell begonnene Sauerstofftherapie und Wärmeerhalt werden während der Fahrt fortgeführt.
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem
- Verdacht auf einen hypertensiven Notfall klar benennen, mit vermuteter Organschädigung
- Blutdruckverlauf, einschließlich der Messung an beiden Armen
- Begleitsymptome, z.B. Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder Dyspnoe, und der klinische Verlauf
- Vorerkrankungen, Dauermedikation und Allergien und mögliche Auslöser wie vergessene Medikation
- Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
- Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
MerkeEine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
Das Team erkennt anhand des Blutdrucks von 230/128 mmHg zusammen mit Brustschmerzen, starken Kopfschmerzen und Schwindel einen hypertensiven Notfall mit Verdacht auf eine Beteiligung des Herzens. In der Anamnese berichtet die Patientin, ihre Blutdrucktabletten seit drei Tagen nicht genommen zu haben.
Die Patientin wird mit erhöhtem Oberkörper gelagert, beruhigt und das Monitoring angeschlossen. Am anderen Arm liegt der Blutdruck bei 226/124 mmHg, es besteht keine relevante Differenz. Das 12-Kanal-EKG zeigt einen Sinusrhythmus mit 86/min ohne ST‑Streckenhebungen. Die neurologische Untersuchung nach dem BE-FAST-Schema ist unauffällig. Bei einer Sättigung von 97 % ohne Atemnot erhält die Patientin keinen Sauerstoff.
Der Rettungssanitäter bereitet das Material für den intravenösen Zugang vor, die Notfallsanitäterin legt den Zugang und verabreicht Urapidil intravenös, titriert in Schritten von 5 mg, insgesamt 15 mg.
Nach fünfzehn Minuten liegt der Blutdruck bei 195/100 mmHg, Kopfschmerzen und Brustschmerzen sind rückläufig. Die Patientin wird im Tragestuhl aus dem ersten Obergeschoss zum Fahrzeug befördert und dort mit erhöhtem Oberkörper auf der Trage gelagert. Das Monitoring bleibt während des Transports angeschlossen.
Ziel ist eine Klinik mit internistischer Notaufnahme. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Verdacht auf einen hypertensiven Notfall mit Beteiligung des Herzens, den Blutdruckverlauf an beiden Armen, den EKG-Befund und die verabreichten Medikamente.
Definition
DefinitionHypertensiver Notfall
Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.
- Hypertensive Entgleisung/Dringlichkeit: Blutdruck oft über 180/110 mmHg ohne Endorganschädigung, keine akute Lebensgefahr
- Entscheidend ist der Organschaden: ZNS, Herz, Lunge, Niere, Auge
Ursachen
- Häufigste Ursache: Entgleisung einer vorbestehenden arteriellen Hypertonie durch unzureichende Blutdruckkontrolle oder mangelnde Therapietreue
- Auslöser: plötzliches Absetzen von Antihypertensiva, Stress, Schmerzen, Stimulanzien (Amphetamine, Kokain), Alkoholentzug
- Sekundäre Hypertonie: hormonelle Ursachen, Nierenerkrankungen, Medikamente, Schwangerschaft, vor allem bei jungen Patient:innen
Pathophysiologie
- Versagen der Autoregulation, dazu Sympathikus- und RAAS-Aktivierung: Gefäßverengung und Volumenretention treiben den Blutdruck weiter, ein Teufelskreis
- Endorganschäden: hypertensive Enzephalopathie und Schlaganfall, ACS und Lungenödem, Aortendissektion, Nierenversagen, Netzhautschäden
- Verschobene Autoregulation bei langjähriger Hypertonie: zu schnelle Senkung gefährdet die Hirndurchblutung
Symptome
- Leitsymptom: stark erhöhter Blutdruck mit Zeichen einer Endorganschädigung
- Begleitzeichen nach Organ: Herz (Brustschmerz, Atemnot), Aorta (reißender Schmerz, Blutdruckdifferenz), Lunge (Rasselgeräusche, schaumiges Sputum), ZNS (Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle), Auge (Sehstörungen), Niere (wenig Urin, Ödeme). Dazu Unruhe, Schwitzen, hochroter Kopf, Nasenbluten
AchtungRed Flags
- Thoraxschmerz, Dyspnoe
- Bewusstseinsstörungen, fokal-neurologische Ausfälle, stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen, Krampfanfall
- EKG-Veränderungen, vor allem ST-Strecke
- Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen, Pulsdefizit
- Schwangerschaft ab 160/110 mmHg
Diagnostik
- Diagnostisches Ziel: Organschaden ja oder nein?
- Anamnese nach SAMPLER(S): Alarmsymptome, Antihypertensiva und letzte Einnahme, letzte Blutdruckwerte, Schwangerschaft
- Körperliche Untersuchung: hochroter Kopf, Kaltschweißigkeit, Atemnot, schaumiges Sputum, Beinödeme, harter Puls, Pulsdefizit, feuchte Rasselgeräusche
- Vitalparameter: Blutdruck an beiden Armen (Differenz über 20 mmHg: Aortendissektion), Herzfrequenz, Atemfrequenz, SpO₂, Blutzucker, 12-Kanal-EKG, BE-FAST und GCS wiederholen
- Differenzialdiagnosen: hypertensive Entgleisung, Schlaganfall, ACS, Aortendissektion, Lungenödem
Therapie
- Basismaßnahmen: Beruhigen und betreuen, Oberkörperhochlagerung 30 bis 45°, Monitoring mit Blutdruck an beiden Armen, Sauerstoff nur bei Hypoxämie oder respiratorischer Insuffizienz, 12-Kanal-EKG, Blutzucker, bei Nasenbluten Kopf nach vorn und Nasenflügel 15 bis 20 Minuten komprimieren, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Wärmeerhalt
- Weitere Versorgung: kontrollierte Senkung um etwa 15 bis 25 % des Ausgangswerts. Rasch nur bei Linksherzinsuffizienz und Aortendissektion. Kontrolle nach 3 bis 5 Minuten
- Urapidil
5 bis 10 mg i.v. titriert, max. 50 mg - Glyceroltrinitrat
0,4 bis 1,2 mg s.l., entspricht 1 bis 3 Hüben - Metoprolol
2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mg Bei Aortendissektion, Ziel unter 120/80 mmHg und Herzfrequenz unter 60/min
Transport und Übergabe
- Zielklinik: internistische Fachabteilung mit ggf. Intensivkapazität, je nach Organschaden Herzkatheterlabor oder Stroke Unit
- Lagerung und Monitoring: Oberkörper erhöht, bei instabilem Kreislauf flach, nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, Blutdruck, Herzrhythmus und SpO₂ kontinuierlich
- Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, Blutdruckverlauf, Begleitsymptome, Medikamente und Maßnahmen, Sauerstofftherapie, Vorerkrankungen
TippDu willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Hypertensiver Notfall (NotSan) Epistaxis (NotSan) Schlaganfall (NotSan) Akutes Koronarsyndrom (RD) Lungenödem (NotSan) Terminologie (RD)
- S3-Leitlinie Nationale Versorgungs Leitlinie Hypertonie, NVL-Programm von BÄK, KBV, AWMF
- S2k-Leitlinie Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
- Handlungsempfehlungen bei hypertensivem Notfall: Von der Leitlinie in die rettungsdienstliche Praxis, retten! 2022; 11(01): 26 bis 35
- Hypertensiver Notfall, Referenz Notfallmedizin, 1. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
- Ambulante Versorgung im Rettungsdienst: Möglichkeiten und Grenzen, Notfallmedizin up2date 2021; 16(02): 151 bis 172
- DBRD - Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V., Musteralgorithmen 2026, Version 11, Stand: 27.02.2026

