Medi Know
Logo Image

Hypertensiver Notfall (RettSan)

Hypertensive Entgleisung
28 Minuten Lesezeit

Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe (= Endorganschädigung) führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.

Klar abzugrenzen ist hiervon die hypertensive Entgleisung bzw. hypertensive Dringlichkeit: Zwar liegt auch hier ein deutlich erhöhter Blutdruck vor, es finden sich jedoch keine Hinweise auf eine akute Endorganschädigung.

Die Therapie besteht in erster Linie aus einer gezielten Blutdrucksenkung. Ziel der notfallmäßigen Therapie ist eine kontrollierte Blutdruckreduktion, nicht die sofortige Normalisierung des Blutdrucks.

Um den Einstieg in das Thema hypertensiver Notfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Hypertensiver Notfall
  • Ort: Privathaushalt, 1. Obergeschoss
  • Alarmzeit: 04:22 Uhr
  • Anrufer:in: Nachbarin
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Weiblich, 84 Jahre alt
    • Starke Kopfschmerzen und Brustschmerzen

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt die Patientin auf einem Sessel. Die Anruferin ist ebenfalls im Raum und betreut die Patientin.

Die Lage ist wie folgt:

  • Die Patientin ist wach und ansprechbar
  • Die Patientin klagt über starke Kopfschmerzen, Schwindel und Brustschmerzen
  • Die Symptomatik besteht seit gestern Abend
  • Die Nachbarin berichtet, dass sich die Patientin vor ungefähr 30 Minuten telefonisch bei ihr meldete. Daraufhin hat sie den Notruf abgesetzt
  • Es sind keine äußeren Verletzungen erkennbar
Fallbeispiel: Hypertensiver Notfall

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

Keine kritischen Blutungen

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patientin spricht selbständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits normal
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
    • Regelmäßige Atmung, 16/min
  • Auskultatorisch:
    • Normales Atemgeräusch beidseits
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 97 %
  • Atemfrequenz: 16/min

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Rekap-Zeit: 1 Sekunde
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
    • Rhythmisch
    • Kräftig tastbar
    • Normofrequent, 86/min
  • Blutdruck: 230/128 mmHg
Ausrufezeichen

Akutes
C-Problem

D

  • Wach, ansprechbar
  • Klagt über starke Kopfschmerzen und Schwindel
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Mittelbares
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Temperatur: 37,1 °C
  • Symptome: Brustschmerzen, Schwindel, starke Kopfschmerzen
  • Allergien/Infektionen: Unbekannt
  • Medikamente: Bisoprolol, Spironolacton, Ramipril, Dapagliflozin, Torasemid
  • Patientengeschichte: Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz
  • Letzte Mahlzeit: Gestern Abend
  • Ereignis: Beginn gestern Abend, seitdem zunehmender Verlauf
  • Risikofaktoren: Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz

Kein
E-Problem

Hypertensiver Notfall

 Definition
Hypertensiver Notfall

Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.

 Achtung

Die absolute Höhe des Blutdrucks ist zweitrangig, sofern Hinweise auf eine akute Schädigung von Organen bestehen.

Hypertensive Entgleisung/Dringlichkeit

 Definition
Hypertensive Entgleisung/Dringlichkeit

Eine plötzlich auftretende Blutdruckerhöhung, oft über 180/110 mmHg, ohne Hinweise auf Schädigungen von Endorganen wird als hypertensive Entgleisung bezeichnet. Sie ist klar vom hypertensiven Notfall abzugrenzen, da keine akute Lebensgefahr besteht.

 Info

Der Begriff „hypertensive Krise" gilt als veraltet, ist aber weiter verbreitet.

 Merke

Die häufigste Ursache eines akuten Blutdruckanstiegs ist die Entgleisung einer vorbestehenden arteriellen Hypertonie, zum Beispiel infolge unzureichender Blutdruckkontrolle oder einer unregelmäßigen Einnahme der Medikamente.

Auslöser einer akuten Entgleisung

  • Mangelnde Therapietreue
  • Plötzliches Absetzen blutdrucksenkender Medikamente
  • Vegetative Überreaktion, z.B. bei akutem Stress oder Schmerzen
  • Stimulanzien wie Amphetamine und Kokain
  • Alkoholentzug

Primäre Hypertonie

  • Grundlage ist meist eine primäre (essenzielle) Hypertonie, die häufigste Form. Sie entsteht aus mehreren Ursachen zugleich
  • Begünstigt durch Lebensalter, Nikotin, Alkohol, Kochsalz, starkes Übergewicht und Bewegungsmangel

Sekundäre Hypertonie

Seltener ist der hohe Blutdruck Folge einer anderen Erkrankung:

  • Hormonelle Ursachen: z.B. Phäochromozytom (= hormonbildender Tumor der Nebenniere)
  • Nierenerkrankungen
  • Medikamente und Substanzen: z.B. Ibuprofen, Glucocorticoide, abschwellende Nasensprays, Kokain
  • Schwangerschaftserkrankungen: z.B. Präeklampsie
 Tipp

Bei jungen Patient:innen mit hypertensivem Notfall sollte an eine sekundäre Hypertonie gedacht werden.

Ausgangspunkt

Ein hypertensiver Notfall beginnt mit einem plötzlichen, starken Blutdruckanstieg, häufig auf Werte ab 180/110 mmHg. Auslöser sind z.B. vergessene Blutdruckmedikamente, Stress oder Substanzmissbrauch, z.B. Kokain.

 Info
Autoregulation

Normalerweise halten Gehirn, Herz und Nieren ihre Durchblutung von selbst konstant, auch wenn der Blutdruck schwankt. Steigt der Druck zu schnell und zu stark, reicht dieser Schutz nicht mehr aus.

Gegenregulation des Körpers

Eigentlich soll die Gegenregulation den Kreislauf schützen. Beim hypertensiven Notfall wirkt sie in die falsche Richtung und treibt den Blutdruck weiter in die Höhe:

  • Stressreaktion: Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Atemnot und Angst sind für den Körper Alarmsignale. Er reagiert darauf wie auf jede Bedrohung und aktiviert den Sympathikus. Die Gefäße verengen sich, das Herz schlägt schneller und der Blutdruck steigt weiter
  • Hormonsystem der Niere: Durch die verengten Gefäße wird die Niere schlechter durchblutet. Sie deutet das so, als wäre der Blutdruck zu niedrig, und schüttet Hormone aus, die die Gefäße verengen und Wasser im Körper zurückhalten (= RAAS). Auch das erhöht den Blutdruck
Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (=RAAS)
Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (=RAAS)

Schäden an den Gefäßen

  1. Der hohe Druck belastet die Gefäßwände und schädigt ihre innere Auskleidung (= Endothel)
  2. Die kleinen Gefäße ziehen sich zusätzlich zusammen und werden dadurch noch enger
  3. Durch die engen Gefäße fließt zu wenig Blut, die Organe bekommen zu wenig Sauerstoff
  4. Dadurch entstehen an den Organen Schäden

Schäden an den Organen

  • Gehirn: Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen sind die Folge. Außerdem kann ein Gefäß im Gehirn einreißen
  • Herz: Das Herz muss gegen einen sehr hohen Widerstand pumpen (= erhöhte Nachlast). Der Herzmuskel braucht dafür mehr Sauerstoff, als er zur Verfügung hat. Es kommt zu Brustschmerzen bis zum akuten Koronarsyndrom
    • Linke Herzkammer: Schafft sie die Pumparbeit nicht mehr, staut sich das Blut in die Lunge zurück und es kann ein Lungenödem entstehen
  • Hauptschlagader: Der hohe Druck kann die Wand der Aorta einreißen lassen (= Aortendissektion)
  • Niere: Die kleinsten Gefäße der Niere werden durch den Druck geschädigt, bis hin zum akuten Nierenversagen
  • Auge: Blutungen in der Netzhaut und eine Schwellung des Sehnervs führen zu Sehstörungen
Endorganschäden bei einem hypertensiven Notfall
Endorganschäden bei einem hypertensiven Notfall
 Achtung
Teufelskreis

Organschäden und Gegenregulation treiben den Blutdruck weiter in die Höhe. So entsteht ein Teufelskreis, der die Situation zunehmend verschlechtert. Die Folgen an Herz und Gehirn zeigen sich früh als Brustschmerz, Atemnot, Bewusstseinsstörung und neurologische Ausfälle.

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem hypertensiven Notfall
  • Versagen der Autoregulation: Die Organe sind dem hohen Druck ungeschützt ausgesetzt
  • Gefäßschäden: Der Druck schädigt die Gefäßwände, die Organe werden schlechter durchblutet
  • Gegenregulation: Stressreaktion und Hormonsystem der Niere treiben den Blutdruck weiter
  • Organschäden: Gehirn, Herz, Aorta, Lunge, Niere und Augen werden akut geschädigt
 Merke

Leitsymptom: ein stark erhöhter Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, zusammen mit Zeichen einer akuten Organschädigung.

Je nach primär betroffenem Organ zeigen sich unterschiedliche Zeichen:

  • Herz: Thoraxschmerzen, Palpitationen, Dyspnoe
    • Mögliche Ursache: akutes Koronarsyndrom, akute Linksherzinsuffizienz
  • Aorta: Plötzlich einsetzende Schmerzen in Brust und/oder Rücken, Pulsdefizite, Blutdruckdifferenzen zwischen beiden Armen
    • Mögliche Ursache: Aortendissektion
  • Lunge: Dyspnoe, Tachypnoe, Husten mit schaumigem Sputum, feinblasige Rasselgeräusche
    • Mögliche Ursache: kardiales Lungenödem
  • ZNS: Kopfschmerzen, Schwindel, Verwirrtheit, Vigilanzminderung, Sehstörungen, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle
    • Mögliche Ursache: hypertensive Enzephalopathie, Schlaganfall
  • Auge: Verschwommenes Sehen, Gesichtsfeldausfälle, Augenflimmern
    • Mögliche Ursache: Netzhautblutungen
  • Niere: Übelkeit, Erbrechen, verminderte Urinausscheidung, Ödeme an den Beinen
    • Mögliche Ursache: akute Nierenschädigung
Arterielle Hypertonie Symptome und Komplikationen
Symptome und Komplikationen eines hypertensiven Notfalls

Dazu kommen generalisierte Zeichen: Übelkeit, Unwohlsein, Unruhe, Schwitzen, hochroter Kopf und Nasenbluten (Epistaxis).

 Info
Untypische Verläufe

Unspezifische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder innere Unruhe schließen einen hypertensiven Notfall nicht aus. Bewusstseinsstörungen und fokal-neurologische Ausfälle, z.B. Lähmung, Sprachstörung oder hängender Mundwinkel, gelten als Hinweis auf eine zerebrale Organbeteiligung. Bei Schwangeren besteht bereits ab 160/110 mmHg ein dringender Notfallverdacht (Präeklampsie).

 Achtung
Red Flags
  • Thoraxschmerz
  • Dyspnoe
  • Bewusstseinsstörungen oder fokal-neurologische Ausfälle
  • Stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen, Krampfanfall
  • EKG-Veränderungen, vor allem ST-Streckenveränderungen
  • Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen oder Pulsdefizit
  • Schwangerschaft mit Blutdruckwerten ab 160/110 mmHg

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Am Einsatzort entscheidet nicht die Höhe des Blutdrucks, sondern die Frage nach einem akuten Organschaden. Brustschmerz, Atemnot, neurologische Ausfälle, Sehstörungen, stärkste Kopfschmerzen oder eine Bewusstseinsstörung machen aus einem hohen Blutdruck einen hypertensiven Notfall.

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:

  • S (Symptome): Alarmsignale: Thoraxschmerz, Dyspnoe, Bewusstseinsstörungen, stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen
  • A (Allergien/Infektionen): Bekannte Medikamentenallergien
  • M (Medikation): Antihypertensiva, z.B. ACE-Hemmer, Betablocker. Akutmedikation vorhanden oder bereits eingenommen?
  • P (Patientengeschichte): Vorerkrankungen von Herz und Gefäßen, vor allem arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen
  • L (Letzte…): Letzte Einnahme der Dauermedikation, letzte Mahlzeit, letzte Blutdruckwerte
  • E (Ereignis): Beginn und Verlauf der Beschwerden, vergessene oder abgesetzte Medikamente, akuter Stress oder Schmerzen
  • R (Risikofaktoren): Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Nikotin, Übergewicht, Alkohol- und Drogenkonsum, z.B. Kokain oder Amphetamine
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen, dann an eine (Prä-)Eklampsie denken

Körperliche Untersuchung

Kardiales Unterschenkelödem
Kardiales Unterschenkelödem

Inspektion

  • Hochroter Kopf, Kaltschweißigkeit, Unruhe: Zeichen der sympathischen Aktivierung
  • Dyspnoe, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, schaumiges Sputum: Zeichen einer kardialen Dekompensation oder eines Lungenödems
  • Beinödeme: Hinweis auf eine Herzinsuffizienz

Palpation

  • Pulsus durus: kräftiger, harter Puls. Lässt sich nur mit viel Druck wegdrücken
  • Tachykardie oder Bradykardie: Hinweis auf kardiale Beteiligung
  • Pulsdefizite: Hinweis auf eine Aortendissektion
  • Rekap-Zeit messen

Perkussion

Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ein gedämpfter Klopfschall kann auf ein Lungenödem hinweisen

Auskultation

  • Lunge: Feinblasige Rasselgeräusche über den unteren Lungenabschnitten → Hinweis auf ein Lungenödem

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden beim hypertensiven Notfall engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzAbhängig von der Endorganschädigung, initial eher erhöhtEine Tachypnoe mit Atemnot weist auf eine kardiale Beteiligung oder ein Lungenödem hin
Sauerstoffsättigung (SpO₂)Abhängig von der Perfusion, meist normalEin Abfall mit Atemnot und feuchten Rasselgeräuschen weist auf ein Lungenödem hin
HerzfrequenzInitial eher erhöhtIm Verlauf sind Bradykardie und Herzrhythmusstörungen möglich, ein Hinweis auf eine kardiale Beteiligung
BlutdruckStark erhöhtAn beiden Oberarmen messen und wiederholt kontrollieren. Eine Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen weist auf eine Aortendissektion hin
EKGST-Streckenveränderungen oder Rhythmusstörungen möglichRettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team. Ein unauffälliges EKG schließt einen hypertensiven Notfall nicht aus
KörpertemperaturIn der Regel normwertigKeine eigenständige Bedeutung beim hypertensiven Notfall, dient der Abgrenzung anderer Ursachen
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen
 Achtung

Der Blutdruck sollte mehrfach an beiden Oberarmen gemessen werden. Eine Blutdruckdifferenz (über 20 mmHg) oder eine Differenz der Pulsqualität kann ein wichtiger Hinweis auf eine Aortendissektion sein.

 Info

Nicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.

Orientierende neurologische Untersuchung

Eine zerebrale Organbeteiligung beim hypertensiven Notfall, etwa eine hypertensive Enzephalopathie oder ein Schlaganfall, zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
 Tipp

Bei neurologischen Auffälligkeiten folgt die Untersuchung zusätzlich dem BE-FAST-Schema. Verwaschene Sprache, Wortfindungsstörungen oder eine einseitige Schwäche sind Hinweise auf einen Schlaganfall.

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
Hypertensive EntgleisungHoher Blutdruck ohne Brustschmerzen, Atemnot oder neurologische Ausfälle
SchlaganfallPlötzliche einseitige Lähmung, hängender Mundwinkel, Sprachstörung
Akutes KoronarsyndromDruckgefühl hinter dem Brustbein mit Ausstrahlung, Kaltschweißigkeit, ST-Streckenveränderungen
AortendissektionPlötzlicher reißender Schmerz in Brust oder Rücken, Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen, Pulsdefizit
Kardiales LungenödemAtemnot im Liegen, feinblasige Rasselgeräusche, schaumiges Sputum

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung: Oberkörperhochlagerung (ca. 30 bis 45°)
    • Schwangere mit Verdacht auf Präeklampsie: Linksseitenlage
  • Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen. Stress treibt den Blutdruck weiter
  • Monitoring anlegen: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck. Messungen regelmäßig wiederholen
    • Blutdruck an beiden Oberarmen messen
  • Sauerstoffgabe: bei respiratorischer Insuffizienz oder Hypoxämie
    • Keine routinemäßige Sauerstoffgabe ohne Indikation
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Blutzucker messen: bei Bewusstseinsstörung oder neurologischen Auffälligkeiten
  • Bei Nasenbluten: Oberkörper aufrichten, Kopf nach vorn neigen und die weichen Nasenflügel 15 bis 20 Minuten ohne Unterbrechung komprimieren, ergänzend den Nacken kühlen
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jedem hypertensiven Notfall eingesetzt.

 Merke

Ziel der notfallmäßigen Therapie ist eine kontrollierte Blutdruckreduktion, nicht die sofortige Normalisierung des Blutdrucks.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Urapidil 5 bis 10 mg i.v. titriert, max. 50 mgMittel der ersten Wahl: erweitert die Gefäße ohne relevante Reflextachykardie Material für den intravenösen Zugang vorbereiten. Der Blutdruck wird nicht zu schnell gesenkt: etwa 15 bis 25 % des Ausgangswerts. Blutdruck nach 3 bis 5 Minuten erneut kontrollieren
Glyceroltrinitrat 0,4 bis 1,2 mg s.l., entspricht 1 bis 3 HübenBei kardialer Symptomatik (ACS) oder Lungenödem: senkt die Vorlast und entlastet das HerzSpray bereithalten, Blutdruck vor und nach der Gabe messen. Ohne kardiale Symptomatik off-label (= außerhalb der Zulassung)
Metoprolol 2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mgBetablocker, senkt Herzfrequenz und Blutdruck. Beim Aortensyndrom Ziel unter 120/80 mmHg und Herzfrequenz unter 60/minHerzfrequenz und EKG überwachen, Bradykardie möglich
 Achtung

Bei einer Aortendissektion muss der Blutdruck rasch und gezielt gesenkt werden. Bei einer hypertensiven Enzephalopathie kann dagegen eine zu schnelle Blutdrucksenkung zu bleibenden Schäden durch Minderdurchblutung führen.

Der Transport erfolgt in eine Klinik mit internistischer Fachabteilung und ggf. Intensivkapazität. Die Auswahl richtet sich nach der vermuteten Endorganschädigung: bei ACS ein Herzkatheterlabor, bei neurologischen Symptomen eine Stroke Unit (= Schlaganfallstation), bei Aortendissektion ein Zentrum mit Gefäß- oder Herzchirurgie, bei Präeklampsie eine Geburtsklinik.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da jede Anstrengung den Blutdruck weiter steigert und die Organschädigung verstärken kann
  • Lagerung während der Fahrt:
    • Stabiler Kreislauf: erhöhter Oberkörper, je nach Organschädigung angepasst
    • Instabiler Kreislauf: flach
  • Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG und SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
    • Besonders auf Herzrhythmusstörungen, neue Brustschmerzen, Atemnot, neurologische Ausfälle oder eine Bewusstseinsstörung achten, da sie eine zunehmende Organschädigung anzeigen
    • BE-FAST wiederholen
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Eventuell begonnene Sauerstofftherapie und Wärmeerhalt werden während der Fahrt fortgeführt.

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Verdacht auf einen hypertensiven Notfall klar benennen, mit vermuteter Organschädigung
  • Blutdruckverlauf, einschließlich der Messung an beiden Armen
  • Begleitsymptome, z.B. Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder Dyspnoe, und der klinische Verlauf
  • Vorerkrankungen, Dauermedikation und Allergien und mögliche Auslöser wie vergessene Medikation
  • Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt anhand des Blutdrucks von 230/128 mmHg zusammen mit Brustschmerzen, starken Kopfschmerzen und Schwindel einen hypertensiven Notfall mit Verdacht auf eine Beteiligung des Herzens. In der Anamnese berichtet die Patientin, ihre Blutdrucktabletten seit drei Tagen nicht genommen zu haben.

Die Patientin wird mit erhöhtem Oberkörper gelagert, beruhigt und das Monitoring angeschlossen. Am anderen Arm liegt der Blutdruck bei 226/124 mmHg, es besteht keine relevante Differenz. Das 12-Kanal-EKG zeigt einen Sinusrhythmus mit 86/min ohne ST‑Streckenhebungen. Die neurologische Untersuchung nach dem BE-FAST-Schema ist unauffällig. Bei einer Sättigung von 97 % ohne Atemnot erhält die Patientin keinen Sauerstoff.

Der Rettungssanitäter bereitet das Material für den intravenösen Zugang vor, die Notfallsanitäterin legt den Zugang und verabreicht Urapidil intravenös, titriert in Schritten von 5 mg, insgesamt 15 mg. 

Nach fünfzehn Minuten liegt der Blutdruck bei 195/100 mmHg, Kopfschmerzen und Brustschmerzen sind rückläufig. Die Patientin wird im Tragestuhl aus dem ersten Obergeschoss zum Fahrzeug befördert und dort mit erhöhtem Oberkörper auf der Trage gelagert. Das Monitoring bleibt während des Transports angeschlossen. 

Ziel ist eine Klinik mit internistischer Notaufnahme. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Verdacht auf einen hypertensiven Notfall mit Beteiligung des Herzens, den Blutdruckverlauf an beiden Armen, den EKG-Befund und die verabreichten Medikamente.

Definition

 Definition
Hypertensiver Notfall

Ein hypertensiver Notfall bezeichnet einen plötzlich stark ansteigenden Blutdruck, oft über 180/110 mmHg, der zu einer akuten Schädigung lebenswichtiger Organe führt und dadurch eine unmittelbare vitale Bedrohung darstellt.

  • Hypertensive Entgleisung/Dringlichkeit: Blutdruck oft über 180/110 mmHg ohne Endorganschädigung, keine akute Lebensgefahr
  • Entscheidend ist der Organschaden: ZNS, Herz, Lunge, Niere, Auge

Ursachen

  • Häufigste Ursache: Entgleisung einer vorbestehenden arteriellen Hypertonie durch unzureichende Blutdruckkontrolle oder mangelnde Therapietreue
  • Auslöser: plötzliches Absetzen von Antihypertensiva, Stress, Schmerzen, Stimulanzien (Amphetamine, Kokain), Alkoholentzug
  • Sekundäre Hypertonie: hormonelle Ursachen, Nierenerkrankungen, Medikamente, Schwangerschaft, vor allem bei jungen Patient:innen

Pathophysiologie

  • Versagen der Autoregulation, dazu Sympathikus- und RAAS-Aktivierung: Gefäßverengung und Volumenretention treiben den Blutdruck weiter, ein Teufelskreis
  • Endorganschäden: hypertensive Enzephalopathie und Schlaganfall, ACS und Lungenödem, Aortendissektion, Nierenversagen, Netzhautschäden
  • Verschobene Autoregulation bei langjähriger Hypertonie: zu schnelle Senkung gefährdet die Hirndurchblutung

Symptome

  • Leitsymptom: stark erhöhter Blutdruck mit Zeichen einer Endorganschädigung
  • Begleitzeichen nach Organ: Herz (Brustschmerz, Atemnot), Aorta (reißender Schmerz, Blutdruckdifferenz), Lunge (Rasselgeräusche, schaumiges Sputum), ZNS (Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle), Auge (Sehstörungen), Niere (wenig Urin, Ödeme). Dazu Unruhe, Schwitzen, hochroter Kopf, Nasenbluten
 Achtung
Red Flags
  • Thoraxschmerz, Dyspnoe
  • Bewusstseinsstörungen, fokal-neurologische Ausfälle, stärkste Kopfschmerzen, Sehstörungen, Krampfanfall
  • EKG-Veränderungen, vor allem ST-Strecke
  • Blutdruckdifferenz zwischen beiden Armen, Pulsdefizit
  • Schwangerschaft ab 160/110 mmHg

Diagnostik

  • Diagnostisches Ziel: Organschaden ja oder nein?
  • Anamnese nach SAMPLER(S): Alarmsymptome, Antihypertensiva und letzte Einnahme, letzte Blutdruckwerte, Schwangerschaft
  • Körperliche Untersuchung: hochroter Kopf, Kaltschweißigkeit, Atemnot, schaumiges Sputum, Beinödeme, harter Puls, Pulsdefizit, feuchte Rasselgeräusche
  • Vitalparameter: Blutdruck an beiden Armen (Differenz über 20 mmHg: Aortendissektion), Herzfrequenz, Atemfrequenz, SpO₂, Blutzucker, 12-Kanal-EKG, BE-FAST und GCS wiederholen
  • Differenzialdiagnosen: hypertensive Entgleisung, Schlaganfall, ACS, Aortendissektion, Lungenödem

Therapie

  • Basismaßnahmen: Beruhigen und betreuen, Oberkörperhochlagerung 30 bis 45°, Monitoring mit Blutdruck an beiden Armen, Sauerstoff nur bei Hypoxämie oder respiratorischer Insuffizienz, 12-Kanal-EKG, Blutzucker, bei Nasenbluten Kopf nach vorn und Nasenflügel 15 bis 20 Minuten komprimieren, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Wärmeerhalt
  • Weitere Versorgung: kontrollierte Senkung um etwa 15 bis 25 % des Ausgangswerts. Rasch nur bei Linksherzinsuffizienz und Aortendissektion. Kontrolle nach 3 bis 5 Minuten
  • Urapidil 5 bis 10 mg i.v. titriert, max. 50 mg
  • Glyceroltrinitrat 0,4 bis 1,2 mg s.l., entspricht 1 bis 3 Hüben
  • Metoprolol 2,5 mg i.v. titriert, max. 15 mg Bei Aortendissektion, Ziel unter 120/80 mmHg und Herzfrequenz unter 60/min

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: internistische Fachabteilung mit ggf. Intensivkapazität, je nach Organschaden Herzkatheterlabor oder Stroke Unit 
  • Lagerung und Monitoring: Oberkörper erhöht, bei instabilem Kreislauf flach, nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, Blutdruck, Herzrhythmus und SpO₂ kontinuierlich
  • Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, Blutdruckverlauf, Begleitsymptome, Medikamente und Maßnahmen, Sauerstofftherapie, Vorerkrankungen
Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Hypertensiver Notfall (NotSan)
  • Epistaxis (NotSan)
  • Schlaganfall (NotSan)
  • Akutes Koronarsyndrom (RD)
  • Lungenödem (NotSan)
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 21.10.2026
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 1.300 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz