Die Hypoglykämie ist ein medizinischer Notfall, bei dem der Blutzuckerspiegel unter den physiologisch erforderlichen Bereich absinkt und dadurch insbesondere die Energieversorgung des Gehirns gefährdet wird.
Typische Symptome sind Kaltschweißigkeit, Zittern, Heißhunger und Tachykardie sowie neurologische Auffälligkeiten wie Verwirrtheit, Vigilanzminderung oder in schweren Fällen Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit.
Im Rettungsdienst stehen die rasche Erkennung der Hypoglykämie durch die Blutzuckermessung, die Sicherstellung der Glukoseversorgung des Gehirns sowie die kontinuierliche Überwachung der Vitalfunktionen im Vordergrund.
Bei ausreichend wachen Patient:innen wird eine orale Glukosegabe angestrebt. Bei Bewusstseinsstörungen ist eine intravenöse Glukosegabe mit engmaschiger Blutzuckerkontrolle erforderlich.
Um den Einstieg in das Thema Hypoglykämie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Bewusstseinsstörung
- Ort: Zuhause, Wohnzimmer
- Alarmzeit: 15:37 Uhr
- Anrufer:in: Ehepartner
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Männlich, 50 Jahre alt
- Bekannter Diabetiker Typ 1
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen finden die Rettungskräfte einen bewusstlosen 50-jährigen Patienten auf der Couch liegend vor.
Die Lage ist wie folgt:
- Der Patient ist bewusstlos, atmet aber regelmäßig
- Der Ehepartner gibt an, dass der Patient seit mehreren Stunden nichts gegessen hat und das Insulin über eine Pumpe abgegeben wird
- Das Wohnzimmer ist warm, der Patient trägt leichte Kleidung
- Auf dem Tisch stehen scheinbar unberührte Wasserflaschen
- Der Ehepartner wirkt besorgt und bestätigt, dass solche Situationen bereits mehrfach vorgekommen sind

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
x | Keine kritischen Blutungen | Kein |
A |
| Kein |
B |
| Kein |
C |
| Mittelbares |
D |
| Akutes |
E |
| Kein |
DefinitionHypoglykämie
Eine Hypoglykämie wird in der Regel bei einem Blutzuckerwert von unter 45 bis 50 mg/dl definiert. Bereits ab Werten von unter 70 mg/dl setzen jedoch physiologische Gegenregulationsmechanismen des Körpers ein.
Zur Diagnosesicherung dient die Whipple-Trias:
- Blutzucker unter 50 mg/dl
- Hypoglykämische Symptomatik (Tachykardie, Herzklopfen, Müdigkeit bis zum Koma)
- Minderung der Symptomatik bei Anheben des Glukosespiegels
InfoDie meisten Geräte in Deutschland geben den Blutzuckerspiegel in der Einheit mg/dl an. Einige Geräte sind jedoch auf mmol/l eingestellt. Der Umrechnungsfaktor beträgt 18, daher sollte die Einheit unbedingt beachtet werden.
DefinitionDiabetes mellitus
Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung mit dauerhaft erhöhtem Blutzucker.
- Beim Typ 1 stellt die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr her. Betroffene spritzen Insulin mit dem Pen oder tragen eine Insulinpumpe
- Beim Typ 2 wirkt das körpereigene Insulin nicht mehr ausreichend (= Insulinresistenz), begünstigt durch Übergewicht und Bewegungsmangel. Behandelt wird mit Tabletten wie Sulfonylharnstoffen oder mit Insulin
Hypoglykämie bei Diabetes mellitus
Die häufigste Ursache einer Hypoglykämie bei Patient:innen mit Diabetes mellitus ist eine Überdosierung blutzuckersenkender Medikamente, insbesondere von Insulin
Begünstigt wird eine Hypoglykämie zudem durch:
- Körperliche Anstrengung bei unveränderter Medikation
- Ausgelassene oder verspätete Mahlzeiten
- Alkoholkonsum, insbesondere nach Alkoholexzessen
- Eingeschränkte Nierenfunktion, die die Wirkung von Medikamenten verlängert
- Wiederholte Hypoglykämien, wodurch Warnsymptome abgeschwächt sein können (= Hypoglykämiewahrnehmungsstörung)
Hypoglykämie ohne Diabetes mellitus
Auch bei Personen ohne Diabetes können Hypoglykämien auftreten. Mögliche Ursachen sind:
- Medikamente, Drogen oder Toxine
- Alkoholkonsum, vor allem ohne gleichzeitige Nahrungsaufnahme
- Schwere Allgemeinerkrankungen, z.B. Leberinsuffizienz, Niereninsuffizienz, Sepsis oder starke Auszehrung (= Kachexie)
MerkeHypoglykämie unter Alkoholkonsum
Alkohol hemmt die Neubildung von Glukose in der Leber. Wer viel trinkt und wenig isst, kann auch ohne Diabetes eine schwere Hypoglykämie entwickeln. Eine Bewusstseinsstörung mit Alkoholgeruch darf nicht vorschnell als Trunkenheit gedeutet werden: Der Blutzucker wird immer gemessen.
Ausgangspunkt
Eine Hypoglykämie beginnt, wenn der Blutzucker schneller sinkt, als der Körper Glukose nachliefern kann. Auslöser sind z.B. zu viel Insulin oder blutzuckersenkende Tabletten, eine ausgelassene Mahlzeit, körperliche Anstrengung oder Alkohol.
InfoBlutzuckerregulation
Das Gehirn gewinnt seine Energie fast ausschließlich aus Glukose. Es hat keine eigenen Energiespeicher und ist auf eine ständige Zufuhr über das Blut angewiesen. Zwei Hormone der Bauchspeicheldrüse halten den Blutzucker im Gleichgewicht:
- Insulin: senkt den Blutzucker, indem es die Glukose aus dem Blut in die Zellen schleust
- Glukagon: erhöht den Blutzucker, indem es die Zuckerspeicher der Leber freisetzt
Gegenregulation des Körpers
Sinkt der Blutzucker unter etwa 70 mg/dl, erkennt der Körper den Zuckermangel als Bedrohung für das Gehirn und schlägt Alarm. Er versucht, den Blutzucker so schnell wie möglich wieder anzuheben:
- Glukagon: Die Bauchspeicheldrüse setzt Glukagon frei. Die Leber gibt gespeicherten Zucker ins Blut ab und bildet neue Glukose
- Stressreaktion: Das sympathische Nervensystem (Sympathikus) schüttet die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Sie setzen zusätzlich Zucker frei. Sichtbare Folge sind Schwitzen, Zittern, Tachykardie, Blässe und innere Unruhe
- Heißhunger und Übelkeit: Auch der Gegenspieler des Sympathikus (= Parasympathikus) wird aktiv. Er löst Heißhunger, Übelkeit und Erbrechen aus. Der Körper meldet so, dass er dringend Nahrung braucht
InfoBei wiederholten Hypoglykämien ist die Gegenregulation abgeschwächt, die Warnphase kann dann fehlen.
Schäden am Gehirn
- Reicht die Gegenregulation nicht aus, bekommt das Gehirn zu wenig Glukose
- Den Nervenzellen fehlt die Energie, sie arbeiten nicht mehr richtig: Es entstehen Verwirrtheit, Verhaltensänderungen und Sprachstörungen
- Sinkt der Blutzucker weiter, fallen zentrale Hirnfunktionen aus: Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit bis zum hypoglykämischen Koma
- Dauert der Glukosemangel an, sterben Nervenzellen ab. Dadurch entstehen bleibende Schäden am Gehirn bis zum Tod
AchtungHirnödem
Bei einer schweren und länger anhaltenden Hypoglykämie fehlt den Nervenzellen die Energie, um ihren Wasserhaushalt zu regeln. Das Gehirn schwillt an, der Druck im Schädel steigt. Diese seltene Komplikation ist lebensbedrohlich. Früh erkennbar ist die Gefahr an einer Bewusstseinsstörung, die sich nach der Glukosegabe nicht bessert.
MerkeZusammenfassung: Die kritischen Probleme der Hypoglykämie
- Glukosemangel im Gehirn: Verwirrtheit, Verhaltensänderung, Sprachstörungen, dann Bewusstseinsstörung und neurologische Ausfälle
- Schwere Hypoglykämie: Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit bis zum hypoglykämischen Koma
- Anhaltende Hypoglykämie: Hirnödem und bleibende neurologische Schäden bis zum Tod
MerkeLeitsymptom: eine Bewusstseinsstörung bei kaltschweißiger, blasser Haut.
Je nach Schweregrad können weitere Zeichen auftreten:
- Warnzeichen der Gegenregulation (treten zuerst auf):
- Unruhe und Nervosität
- Kaltschweißigkeit als frühes Warnzeichen
- Blässe
- Tachykardie und Herzklopfen (= Palpitationen)
- Heißhunger
- Zittern, vor allem an den Händen
- Übelkeit und Erbrechen
- Zeichen des Glukosemangels im Gehirn:
- Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen
- Verwirrtheit und Desorientierung
- Sprachstörungen und Gangunsicherheit
- Reizbarkeit, Wesensveränderung oder Aggressivität
- Bewusstseinsstörung: Vigilanzminderung bis Koma
- Krampfanfälle
- Einseitige Lähmungen oder Gefühlsstörungen
InfoUntypische Verläufe
Nach wiederholten Hypoglykämien schüttet der Körper bei sinkendem Blutzucker weniger Adrenalin aus. Die typischen Warnzeichen wie Schwitzen, Zittern und Herzrasen bleiben dann aus und Betroffene werden ohne Vorwarnung bewusstseinsgetrübt. Man spricht von einer Hypoglykämiewahrnehmungsstörung.
Eine Hypoglykämie kann außerdem einen Alkoholrausch, einen Schlaganfall oder eine psychiatrische Erkrankung vortäuschen, bis hin zu Halbseitenlähmung oder Krampfanfall. Deshalb gehört die Blutzuckermessung bei jeder Bewusstseinsstörung, jedem neurologischen Ausfall und jedem auffälligen Verhalten an den Anfang der Untersuchung. Auch Alkoholgeruch schließt eine Unterzuckerung nicht aus.
AchtungRed Flags
- Bewusstlosigkeit oder zunehmende Vigilanzminderung
- Krampfanfall
- Erbrechen bei Bewusstseinsstörung mit Gefahr der Aspiration
- Keine Besserung nach Glukosegabe, insbesondere bleibende Lähmung oder Sprachstörung
- Therapie mit Sulfonylharnstoffen oder Langzeitinsulin, da der Blutzucker erneut abfallen kann
- Verdacht auf absichtliche Überdosierung oder zusätzliche Alkoholintoxikation
Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.
MerkeAm Einsatzort zählt die zügige Blutzuckermessung: Jede Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit, Verhaltensänderung und jeder Krampfanfall ist verdächtig auf eine Hypoglykämie. Ein kaltschweißiger Patient mit Bewusstseinsstörung und bekanntem Diabetes ist hochverdächtig. Die Messung führen Rettungssanitäter:innen eigenständig durch.
Anamnese
Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:
- S (Symptome): Zittern, Kaltschweißigkeit und Unruhe sowie Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen oder Krampfanfälle
- A (Allergien/Infektionen): Infektionen beeinflussen den Blutzucker
- M (Medikation): Insulin und Sulfonylharnstoffe als häufigste Auslöser. Zeitpunkt und Dosis der letzten Gabe, Insulinpumpe vorhanden?
- P (Patientengeschichte): Bekannter Diabetes mellitus, frühere Hypoglykämien
- L (Letzte Mahlzeit): Ausgelassene oder verspätete Mahlzeiten, Fasten, kohlenhydratarme Ernährung
- E (Ereignis): Körperliche Belastung, Alkoholkonsum oder Infektionen verändern den Insulinbedarf
- R (Risikofaktoren): Erbrechen, Durchfall, Nahrungsmangel, eingeschränkte Nierenfunktion, Alkoholkonsum
- S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen, Schwangerschaftsdiabetes beachten
Körperliche Untersuchung
Inspektion
- Blässe, Kaltschweißigkeit, Zittern, Unruhe: Zeichen der sympathischen Gegenregulation
- Bewusstseinsstörung: Verwirrtheit, Desorientierung oder Vigilanzminderung als Ausdruck der Neuroglukopenie
- Neurologische Auffälligkeiten: Sprachstörungen, Gangunsicherheit, einseitige Lähmungen oder Krampfanfälle
Palpation
- Kalte und feuchte Haut: Zeichen der sympathischen Aktivierung
- Tachykarder Puls: häufige Folge der adrenergen Gegenregulation
- Rekap-Zeit messen
Perkussion
Der Klopfschall ist unauffällig. Auffällige Befunde sprechen für Begleiterkrankungen.
Auskultation
- Lunge: Normales Atemgeräusch ohne Nebengeräusche
- Auffällige Befunde sprechen für eine Aspiration oder Begleiterkrankung
Vitalparameter
Die Vitalparameter werden bei der Hypoglykämie engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.
| Parameter | Typischer Befund | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Atemfrequenz | Normal bis leicht erhöht | Bei Bewusstseinsstörung auf eine ausreichende Atmung achten |
| Sauerstoffsättigung (SpO₂) | In der Regel normwertig | Ein Abfall weist auf eine Atemwegsverlegung oder Aspiration hin |
| Herzfrequenz | Häufig Tachykardie, gelegentlich Herzklopfen | Sympathikusaktivierung mit Adrenalinausschüttung als Gegenregulation |
| Blutdruck | Normal bis leicht erhöht | Die adrenerge Gegenregulation führt zu Gefäßverengung und kurzfristiger Blutdrucksteigerung |
| EKG | Sinustachykardie, Rhythmusstörungen möglich | Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team |
| Körpertemperatur | Normal bis leicht erniedrigt | Kaltschweißigkeit erhöht die Wärmeabgabe, Auskühlung vermeiden |
| Blutzucker | Erniedrigt | Bei jeder Bewusstseinsstörung sofort bestimmen. Nach der Glukosegabe erneut messen, um den Erfolg zu kontrollieren |
InfoNicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.
Orientierende neurologische Untersuchung
Ein Glukosemangel im Gehirn zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt, insbesondere nach der Glukosegabe.
- Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
- Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
- Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
- Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
- Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
Differenzialdiagnosen
| Krankheitsbild | Was eher dafür spricht |
|---|---|
| Schlaganfall | Einseitige Lähmung, hängender Mundwinkel, Sprachstörung bei normalem Blutzucker, keine Besserung nach Glukosegabe |
| Synkope | Kurzer Bewusstseinsverlust mit rascher Erholung, Kollaps, normaler Blutzucker |
| Krampfanfall | Rhythmische Zuckungen, Zungenbiss, Urinabgang, Verwirrtheit nach dem Anfall bei normalem Blutzucker |
| Intoxikation mit Alkohol oder Medikamenten | Alkoholgeruch, Pupillenveränderungen, Koordinationsstörungen bei normalem Blutzucker |
| Hyperglykämie | Trockene Haut, starker Durst, vertiefte Atmung (= Kussmaul-Atmung), stark erhöhter Blutzucker |
Basismaßnahmen
InfoDie folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.
- Blutzucker messen: sofort bei jeder Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit oder nach einem Krampfanfall, nach der Glukosegabe wiederholen
- Angepasste Lagerung:
- Wach mit erhaltenen Schutzreflexen: Oberkörperhochlagerung möglich
- Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe mit Atemkontrolle
- Alternativ Flachlagerung mit permanenter Atemwegskontrolle
- Orale Glukosegabe: bei wacher, schluckfähiger Person Traubenzucker, zuckerhaltiges Getränk oder Glukosegel
- Anschließend komplexe Kohlenhydrate, z.B. Brot mit Marmelade
- Bei Bewusstseinsstörung oder fehlendem Schluckreflex nichts oral geben
- Atemwege freihalten: bei Bewusstseinsstörung Atemwege kontrollieren, Absaugbereitschaft herstellen, ggf. Guedel- oder Wendl-Tubus
- Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen
- Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
- Sauerstoffgabe: bedarfsgerecht bei respiratorischer Beeinträchtigung
- 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
- Insulinpumpe: die Pumpe stoppen oder trennen, aber nicht entfernen
- Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
- Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen, insbesondere bei bewusstseinsgestörten Patient:innen
Weitere Versorgung
Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:
- Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
- Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet
In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.
Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jeder Hypoglykämie eingesetzt.
| Medikament/Maßnahme | Behandlungszweck | Wichtige Hinweise für die Unterstützung |
|---|---|---|
| Glukose Erwachsene: | Bei einer Hypoglykämie unter 60 mg/dl und nicht vorhandenen Schutzreflexen: stellt die Glukoseversorgung des Gehirns sofort wieder her | Material für den intravenösen Zugang vorbereiten, Glukose aufziehen. Nur über einen korrekt liegenden Zugang verabreichen |
| Glukagon Kinder unter 25 kg: 0,5 mg i.m. | Alternative, wenn kein intravenöser Zugang gelingt: setzt die Zuckerspeicher der Leber frei | Gabe in die Außenseite des Oberschenkels. Danach Nahrung und Blutzuckerkontrolle |
| Thiamin (Vitamin B1) | Bei Verdacht auf Alkoholkrankheit oder Mangelernährung: beugt einer Schädigung des Gehirns durch Vitamin-B1-Mangel vor (= Wernicke-Enzephalopathie) | Gabe vor oder zusammen mit der Glukose |
AchtungGlukose darf nur über einen korrekt liegenden intravenösen Zugang injiziert werden. Das Eindringen hochprozentiger Glukose ins Gewebe kann Nekrosen verursachen.
TippBei erschöpften Glykogenspeichern, z.B. nach längerem Fasten oder Alkoholkonsum, ist die Wirkung von Glukagon häufig unzureichend.
InfoBei Kindern tritt die Hypoglykämie vor allem bei bekanntem Diabetes Typ 1 auf, z.B. nach Sport oder einer ausgelassenen Mahlzeit. Die Dosierungen richten sich nach Alter und Körpergewicht (siehe Tabelle).
Patient:innen mit einer Hypoglykämie werden in eine Klinik mit internistischer Fachabteilung transportiert. Bei Bewusstseinsstörung oder Krampfanfällen ist eine Klinik mit Intensiv- oder Überwachungsmöglichkeit das Ziel.
InfoVerbleib vor Ort
Nicht jede Hypoglykämie erfordert zwangsläufig einen Transport. Über einen Verbleib im häuslichen Umfeld entscheidet das Team nach individueller Risikoabwägung, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind:
- Die betroffene Person ist vollständig reorientiert und versteht die empfohlenen Maßnahmen
- Zuverlässige Angehörige beobachten den Verlauf und kontrollieren den Blutzucker
- Keine Hinweise auf eine absichtliche Überdosierung oder eine Alkoholintoxikation
- Keine Sulfonylharnstoffe und kein überdosiertes Langzeitinsulin: Hier erfolgt immer der Transport, weil der Blutzucker erneut abfallen kann
Diese Entscheidung treffen Rettungssanitäter:innen nicht eigenständig.
- Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da der Blutzucker erneut abfallen und ein Sturz drohen kann
- Lagerung während der Fahrt:
- Wach mit erhaltenen Schutzreflexen: erhöhter Oberkörper
- Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage, alternativ flach mit kontinuierlicher Atemwegskontrolle und Absaugbereitschaft
- Kontinuierliches Monitoring: EKG, Blutdruck, SpO₂ und Bewusstseinslage bleiben während der gesamten Fahrt unter Beobachtung
- Wiederholte Blutzuckermessungen, bei erneutem Abfall wird die Glukosegabe wiederholt
- Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen
Übergabe
Die Übergabe erfolgt nach dem
- Verdacht auf eine Hypoglykämie klar benennen, mit dem ersten gemessenen Blutzuckerwert
- Vitalparameter und Verlauf, Blutzucker- und Vigilanzverlauf
- Vermutete Ursache, z.B. Insulin, Sulfonylharnstoff, Nahrungsmangel, Alkohol, bei Insulinpumpe der Zeitpunkt der Abschaltung
- Vorerkrankungen, Dauermedikation und Allergien
- Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
- Verabreichte Medikamente mit Glukosemenge und durchgeführte Maßnahmen
MerkeEine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.
Das Team erkennt anhand der Bewusstlosigkeit, der kaltschweißigen, blassen Haut und des Blutzuckers von 28 mg/dl bei bekanntem Diabetes mellitus Typ 1 eine schwere Hypoglykämie. Auslöser ist das Insulin aus der Pumpe bei fehlender Nahrungsaufnahme seit acht Stunden.
Der Patient wird in die stabile Seitenlage gebracht, die Atmung wird fortlaufend kontrolliert und die Absaugung liegt griffbereit. Wegen der Bewusstlosigkeit wird die Entscheidung zur intravenösen Glukosegabe getroffen.
Das Monitoring zeigt eine Herzfrequenz von 118/min, einen Blutdruck von 150/90 mmHg und eine Sättigung von 96 %, deshalb wird zunächst kein Sauerstoff appliziert. Die Insulinpumpe wird gestoppt.
Der Rettungssanitäter richtet das Material für den intravenösen Zugang und zieht die Glukose auf. Die Notfallsanitäterin legt den Zugang und verabreicht Glukose intravenös, zunächst 5 g, nach erneuter Kontrolle weitere 5 g, insgesamt 10 g i.v.
Nach fünf Minuten liegt der Blutzucker bei 97 mg/dl, der Patient öffnet die Augen und ist nach wenigen Minuten voll orientiert. Das 12-Kanal-EKG zeigt einen Sinusrhythmus mit 92/min ohne Auffälligkeiten. Der Patient isst zwei Scheiben Brot.
Die Notfallsanitäterin entscheidet trotz der Besserung für den Transport: Der Patient war bewusstlos, die Pumpe kann eine Fehlfunktion haben und Hypoglykämien sind bereits mehrfach aufgetreten. Vor der Abfahrt liegt der Blutzucker bei 124 mg/dl.
Der Patient wird auf der Trage zum Fahrzeug befördert und dort mit erhöhtem Oberkörper gelagert. Das Monitoring bleibt angeschlossen und der Blutzucker wird während der Fahrt erneut gemessen.
Ziel ist eine Klinik mit internistischer Fachabteilung und diabetologischer Expertise. Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem den Verdacht auf eine schwere Hypoglykämie mit dem Ausgangswert von 28 mg/dl, die Insulinpumpe mit Zeitpunkt der Abschaltung, die Glukosemenge und den Blutzuckerverlauf.
Definition
DefinitionHypoglykämie
Eine Hypoglykämie wird in der Regel bei einem Blutzuckerwert von unter 45 bis 50 mg/dl definiert. Bereits ab Werten von unter 70 mg/dl setzen jedoch physiologische Gegenregulationsmechanismen des Körpers ein.
- Whipple-Trias: Blutzucker unter 50 mg/dl, hypoglykämische Symptome, Besserung nach Glukosegabe
- Einheit beachten: mg/dl oder mmol/l, Umrechnungsfaktor 18
Ursachen
- Häufigste Ursache: zu viel Insulin oder Sulfonylharnstoffe bei Diabetes mellitus
- Begünstigend: ausgelassene Mahlzeit, Anstrengung, Alkohol, eingeschränkte Nierenfunktion, wiederholte Hypoglykämien
- Ohne Diabetes: Alkohol ohne Nahrung, Medikamente und Drogen, schwere Allgemeinerkrankungen
Pathophysiologie
- Ausgangspunkt: Der Blutzucker sinkt schneller, als Glukose nachkommt. Das Gehirn hat keine Energiespeicher
- Gegenregulation unter 70 mg/dl: Glukagon und Adrenalin, sichtbar als Schwitzen, Zittern, Tachykardie, Blässe, Heißhunger
- Schäden am Gehirn: Verwirrtheit, dann Krampfanfall, Bewusstlosigkeit, Koma, bei anhaltender Hypoglykämie Hirnödem und bleibende Schäden
Symptome
- Leitsymptom: Bewusstseinsstörung bei kaltschweißiger, blasser Haut
- Warnzeichen der Gegenregulation: Unruhe, Schwitzen, Blässe, Tachykardie, Heißhunger, Zittern, Übelkeit
- Glukosemangel im Gehirn: Verwirrtheit, Sprachstörungen, Aggressivität, Vigilanzminderung bis Koma, Krampfanfälle, einseitige Lähmungen
AchtungRed Flags
- Bewusstlosigkeit, zunehmende Vigilanzminderung, Krampfanfall
- Erbrechen bei Bewusstseinsstörung
- Keine Besserung nach Glukosegabe, bleibende Lähmung oder Sprachstörung
- Sulfonylharnstoffe oder Langzeitinsulin
- Absichtliche Überdosierung, Alkoholintoxikation
Diagnostik
- Blutzucker messen: bei jeder Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit und nach jedem Krampfanfall, Katalogmaßnahme der Rettungssanitäter:innen
- Anamnese nach SAMPLER(S): Diabetes, Insulin oder Sulfonylharnstoffe, letzte Mahlzeit, Alkohol, Insulinpumpe
- Körperliche Untersuchung: blass, kaltschweißig, Zittern, Bewusstseinsstörung, tachykarder Puls
- Vitalparameter: Tachykardie, Blutdruck und SpO₂ normal, Blutzucker erniedrigt, nach der Gabe erneut messen, 12-Kanal-EKG anlegen
- Differenzialdiagnosen: Schlaganfall, Synkope, Krampfanfall, Intoxikation, Hyperglykämie
Therapie
- Basismaßnahmen: Blutzucker messen, wach und schluckfähig: orale Glukose (Traubenzucker, zuckerhaltiges Getränk, danach Brot), Bewusstseinsstörung: stabile Seitenlage mit Atemkontrolle und Absaugbereitschaft, nichts oral, Monitoring, Insulinpumpe stoppen, bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern, Wärmeerhalt
- Glukose Erwachsene:
5 bis 10 g i.v., ggf. wiederholt, Kinder: 0,2 g/kg KG nur über korrekt liegenden Zugang, Paravasat verursacht Nekrosen - Glukagon
1 mg i.m., alternativ 3 mg i.n. (Kinder unter 25 kg 0,5 mg i.m.) wenn kein Zugang gelingt, wirkt nicht bei erschöpften Zuckerspeichern - Thiamin (Vitamin B1)
100 mg i.v. bei Verdacht auf Alkoholkrankheit oder Mangelernährung - Kontrolle: Blutzucker nach der Gabe messen, danach essen lassen. Keine Besserung: andere Ursache
Transport und Übergabe
- Zielklinik: internistische Fachabteilung, bei Bewusstseinsstörung Überwachungsmöglichkeit, bei Insulinpumpe diabetologische Expertise
- Verbleib vor Ort: nur nach Entscheidung des Teams. Sulfonylharnstoffe: immer Transport
- Lagerung und Monitoring: wach mit erhöhtem Oberkörper, bei Bewusstseinsstörung Seitenlage, nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, Blutzucker wiederholt messen
- Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht klar benennen, erster Blutzuckerwert, Ursache, Glukosemenge, Insulinpumpe
TippDu willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.
Hypoglykämie (NotSan) Hyperglykämie (NotSan) Krampfanfall (NotSan) Schlaganfall (NotSan) Synkope (RS) Lagerung (RD) Terminologie (RD)
- S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V. (DDG)
- S3-Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes, NVL-Programm von BÄK, KBV, AWMF
- Deutsches Ärzteblatt: Hypoglykämie beim Erwachsenen Nicht-Diabetes-assoziierte Formen
- Sinha, Nicholas: Pathomechanisms of Diabetic Kidney Disease, Journal of Clinical Medicine. Band: 12, Nummer: 23, 2023, doi: 10.3390/jcm12237349
- DBRD - Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V., Musteralgorithmen 2026, Version 11, Stand: 27.02.2026

