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Inhalationsanästhetika

6 Minuten Lesezeit

Inhalationsanästhetika werden insbesondere zur Aufrechterhaltung der Narkose im Rahmen einer balancierten Anästhesie eingesetzt. In der Kinderanästhesie werden sie auch zur inhalativen Einleitung (primär Sevofluran) eingesetzt. Alle Inhalationsnarkotika haben eine hypnotische Wirkung. Mit Ausnahme von Lachgas und Xenon haben sie keine analgetische Wirkung. Sie werden daher wie die Injektionsnarkotika zur intraoperativen Analgesie mit einem Opioid kombiniert. Außerdem werden sie über einen speziellen „Vapor“ (siehe Abbildung) verdampft und der Einatemluft zugeführt. Durch die Messung der Konzentration des Inhalationsanästhetikum in der ausgeatmeten Luft ist die Narkosetiefe gut steuerbar. Inhalationsanästhetika sind wirkungsvolle Treibhausgase und zerstören die Ozonschicht.

  • Sevofluran Vapor

    Anfluten

    • Die Applikation erfolgt per inhalationem bzw. inhalativ ⟶ In der Lunge werden die Inhalationsanästhetika ins Blut aufgenommen ⟶ Über das Blut gelangen sie zum Gehirn (Wirkort)
    • Aufgrund der hohen Lipophilie kann die Blut-Hirn-Schranke leicht passiert werden
  • Das Anfluten ist abhängig von:
    1. Blut/Gas-Verteilungskoeffizient (Löslichkeitskoeffizient)
    2. Partialdruck:
      1. Definition: Anteil des Anästhetikums am Gasgemisch
      2. Das Anästhetikum diffundiert immer in Richtung des geringeren Partialdrucks
      3. Je größer die Partialdruckdifferenzen zwischen Blut und Gewebe sind, desto schneller kommt es zu einem Ausgleich zwischen beiden Kompartimenten
    3. Alveoläre Ventilation (Zufuhr des Anästhetikums)
    4. Durchblutung des Gehirns
    5. Herzzeitvolumen (HZV)
    6. Funktionelle Residualkapazität
Blut/Gas-Verteilungskoeffizient (Löslichkeitskoeffizient)
  • Abfluten:
    • Durch Beendigung der Zufuhr des Anästhetikums sinkt der Partialdruck in den Alveolen ab und das Anästhetikum wird aus dem Blut wieder an die Luft abgegeben (pulmonale Elimination)
  • Metabolisierung: Inhalationsanästhetika werden kaum metabolisiert und überwiegend unverändert abgeatmet
  • Kontextsensitive Halbwertszeit: Bei längerer Narkosedauer kann es aufgrund einer Aufsättigung des Fettgewebes zu einer verlängerten Halbwertszeit kommen
 Info

MAC-Wert: steht für die Minimale Alveoläre Konzentration und ist ein Maß für die Wirkungsstärke eines Inhalationsanästhetikums. MAC50: beschreibt die Konzentration, bei der 50 % der Patient:innen auf einen Hautschnitt keine Abwehrreaktion mehr zeigen. Ein geringer MAC-Wert steht folglich für eine hohe Wirkungsstärke. Der MAC-Wert ist abhängig von verschiedenen Faktoren wie z.B. dem Alter (mit steigendem Alter reduziert sich bei den volatilen Anästhetika der MAC-Wert). Daneben ist er abhängig von den anderen verwendeten Medikamenten. So führt etwa die gleichzeitige Verwendung von Opioiden zu einem reduzierten MAC-Wert. Nach Eingabe des Alters entspricht ein Wert von 1 MAC dem MAC50 des entsprechenden Inhalationsanästhetikums. Ein Wert von 0,6 MAC, bedeutet somit, dass 60 % der MAC50 des entsprechenden Inhalationsanästhetikum verwendet werden.

  1. Volatile Anästhetika (bei Raumtemperatur flüssig)
    1. Flurane (Desfluran, Sevofluran, Isofluran etc.)
  2. Gasförmige Anästhetika (bei Raumtemperatur gasförmig)
    1. Lachgas (analgetisch wirksam)
    2. Xenon(analgetisch wirksam)
 
FluraneLachgas
Xenon
Hypnose✔︎(✔︎)✔︎
Bronchodilatation✔︎
Muskelrelaxierung✔︎ 
Analgesie✔︎✔︎
  • Maligne Hyperthermie (Lachgas und Xenon sind keine Trigger einer malignen Hyperthermie)
  • PONV (Postoperative Übelkeit und Erbrechen)
  • Atemdepression
  • Hypotonie durch Vasodilatation (Gefäßwiderstand sinkt)
  • Erhöhter intrakranieller Druck (ggf. muss durch Hyperventilation gegengesteuert werden)
  • Bildung von CO durch Interaktion mit Atemkalk (Desfluran > Isofluran > Sevofluran)
  • Postoperatives Shivering
 Info
Präkonditionierung

Unter ischämischer Präkonditionierung versteht man die Fähigkeit der volatilen Anästhetika, durch Induktion einer kurzen Ischämie das Gewebe vor späteren längeren ischämischen Ereignissen zu schützen. Diese einzigartige Eigenschaft der volatilen Anästhetika bietet einen besonderen Schutz für das Herz und das Gehirn vor möglichen intraoperativen Ischämien.

WirkstoffeBlut/Gas-Verteilungs-koeffizientMAC-Wert (Vol % in o2)Besonderheiten
Isofluran
  • 1,2
  • 1,15
  • Beste muskelrelaxierende Wirkung verglichen mit den anderen Fluranen
  • Unangenehmer Geruch
  • Bei rascher Anflutung ⟶ Stimulation des Sympathikus
Sevofluran
  • 0,65
  • 2,05
  • Angenehmer, milder Geruch
  • Für inhalative Einleitung bei Kindern geeignet
  • Interaktion mit Atemkalk unter Bildung von Compound A möglich

Desfluran

 

  • 0,45
  • 5-6
  • Seit 01.01.2026 ist Desfluran-Routineeinsatz in der EU untersagt aufgrund seiner extrem hohen Klimaschädlichkeit
  • Niedrigster Blut/Gas-Verteilungskoeffizient ⟶ sehr gut steuerbar
  • Niedrigste kontextsensitive Halbwertszeit und Metabolisierung
  • Stechender Geruch ⟶ Gefahr eines Bronchospasmus bei hyperreagiblem Bronchialsystem
  • Bei rascher Anflutung ⟶ Stimulation des Sympathikus
Lachgas (N2O)
  • 0,47
  • 105
  • Analgetisch wirksam
  • Geringe hypnotische Potenz
  • Geruchsloses Gas
  • Diffusion in luftgefüllte Räume ⟶ Cuff, Mittelohr, Pleurahöhle bei Pneumothorax
  • Cave: Diffusionshypoxie durch schnelle Diffusion in den Alveolarraum ⟶ Ausleitung mit reinem O2
Xenon
  • 0,12
  • 70
  • Teuer
  • Stark analgetisch
  • Gut steuerbar
  • Keine Metabolisierung ⟶ geeignet für Kinder und Schwangere
  • S3-Leitlinie: Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 27.04.2026
Injektionsanästhetika
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