Medi Know
Logo Image

Injektionsanästhetika

5 Minuten Lesezeit

Die Injektionsanästhetika sind eine heterogene Wirkstoffgruppe, die als Gemeinsamkeit eine ausgeprägte Lipophilie besitzen. Dadurch können sie die Blut-Hirn-Schranke leicht passieren und zu ihrem Wirkort – dem Gehirn – gelangen. Das am häufigsten verwendete Injektionsanästhetikum ist das Propofol.

  • Metabolisierung
    • Hauptsächlich über die Leber (Phase-I- und Phase-II-Reaktionen) → Dosisanpassung bei Leberinsuffizienz notwendig
  • Elimination:
    • Renal und biliär → Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz notwendig
  • Wirken alle hypnotisch, sie sind mit Ausnahme von Ketamin nicht analgetisch wirksam und haben keine muskelrelaxierende Wirkung
  • Nach i.v.-Injektion schneller Wirkeintritt (20–60 sek.)
  • Gut geeignet für die Narkoseeinleitung
  • Kurze Wirkdauer (Grund: Umverteilung vom gut durchbluteten Gewebe, wie dem Gehirn, in weniger gut durchblutete Gewebe wie dem Fettgewebe, dadurch sinkt die wirksame Konzentration im Gehirn)
  • Dosis: orientiert sich an Wirkung (keine Standarddosis)
  • In der Tabelle sind übliche Dosierungen angegeben, diese können allerdings individuell (abhängig von Metabolisierung, Alter etc.) abweichen
WirkstoffeDosis zur Narkoseeinleitung
(Erwachsene)
Dosis zur Narkoseaufrechterhaltung (Erwachsene)
Propofol1,0–2,5 mg/kgKG i.v.4–12 mg/kgKG/Std. i.v.
Etomidat0,15–0,3 mg/kgKG i.v.-
Ketamin1–2 mg/kgKG i.v. bzw. 
4–8 mg/kgKG i.m. als Bolusgabe
0,5–1 mg/kgKG i.v. als Bolusgabe bzw. 1–6 mg/kgKG/Std. i.v. kontinuierlich
Thiopental2,5–5 mg/kgKG i.v.-
WirkstoffeWirkmechanismusBesonderheiten
Propofol
  • GABAA -Rezeptor-Agonismus → GABA-Rezeptoren finden sich auf Nervenzellen und vermitteln eine hemmende Wirkung auf das ZNS
  • Antagonismus an NMDA-Rezeptoren
  • Standardmedikation zur Narkoseeinleitung
  • Auch zu Narkoseaufrechterhaltung geeignet (TIVA: totale intravenöse Anästhesie)
  • Geeignet für Kurznarkosen (Bsp.: Endoskopie)
  • Antiemetisch
  • Dämpfung laryngealer und pharyngealer Schutzreflexe
  • Schneller Wirkeintritt 15–45 sek und kurze Wirkdauer 5–10 min → Gut steuerbar
  • Nicht analgetisch
Nebenwirkungen:
  • Injektionsschmerz
  • Kreislaufdepression mit Hypotonie
  • Bradykardie
  • Myoklonien
  • Atemdepression
  • Propofol-Infusions-Syndrom (PRIS) bei langer Infusionsdauer >48 Stunden und hoher Dosierung >4 mg/kgKG/Stunde (metabolische Azidose, Rhabdomyolyse, Arrhythmien)
 Tipp

Propofol (lipophil) ist in gereinigtem Sojaöl und Lecithin gelöst. Trotz der Kontraindikation in der Fachinformation kann Propofol bei entsprechenden Nahrungsmittelallergien (Sojaallergie, Hühnereiweißallergie) in der Regel unbedenklich eingesetzt werden, da die allergenen Soja- und Hühnereiproteine durch die Aufreinigung nahezu vollständig entfernt werden.

 Achtung

Die fettreiche Propofol-Emulsion stellt einen guten Nährboden für Bakterien dar. Aufgrund der Kontaminationsgefahr sollte eine aufgezogene Spritze daher innerhalb weniger Stunden verbraucht werden.

Etomidat
  • GABAA-Agonismus
  • Keine Kardiodepression → Narkoseeinleitung bei Kreislaufinstabilität oder erhöhtem kardialem Risiko
Nebenwirkungen:
  • Nebennierenrindensuppression (Hemmung der 11β-Hydroxylase → Aldosteron- und Cortisolsynthese reduziert)
  • Myoklonien
  • Injektionsschmerz
 Achtung

Etomidat sollte aufgrund der Nebennierenrindensuppression möglichst nicht zur Narkoseeinleitung bei kritischen Erkrankungen wie Sepsis oder Polytrauma eingesetzt werden (Nutzen-Risiko-Abwägung). Viele Zentren bevorzugen in dieser Situation Ketamin.

Ketamin
  • Nicht-Kompetitiver Antagonismus am NMDA-Rezeptor
  • GABAA-Agonismus
  • Reuptake Inhibition von Katecholaminen
  • Schwacher Agonist an Opioidrezeptoren
  • Analgosedierung
  • Keine Kreislauf- oder Atemdepression (sympathomimetisch) 
    → Keine Intubation notwendig (abh. von Dosis)
    → Anwendung in der Notfall- und Intensivmedizin
  • Behandlung eines therapieresistenten Status asthmaticus
  • Analgesie intubierter Patient:innen
  • „Dissoziative Anästhesie“, d.h. narkotische und analgetische Wirkung bei erhaltenen Schutzreflexen/Spontanatmung
  • Antidepressive Wirkung therapieresistenter Depressionen

Nebenwirkungen:

  • Herzfrequenzanstieg
  • Blutdruckanstieg
  • Halluzinationen, Albträume
  • Erhöhte Bronchial- und Speichelsekretion
Barbiturate 
(Thiopental)
  • GABAA-Agonismus
  • Reservemedikament (nur unter strenger Indikationsstellung)
  • Antikonvulsive Wirkung → Barbituratnarkose bei Status epilepticus
  • Anwendung bei Schwangeren, Kindern und Säuglingen
  • Senken den Hirndruck

Nebenwirkungen:

  • Broncho- und Laryngospasmus
  • Histaminfreisetzung → Allergische Reaktionen
  • Gefahr eines starken Blutdruckabfalls → reflektorische Tachykardie
  • Atemdepression
  • Injektionsschmerz
  • Porphyrinogen → Gesteigerte Synthese von Porphyrin-Vorstufen
  • Cave: intraarterielle oder paravenöse Verabreichung kann zu schweren Gewebsnekrosen führen
  • Cave: Barbiturate induzieren CYP-Enzyme (Bsp.: CYP3A4) → Vielfältige Wechselwirkungen möglich
  • Cave: kontextsensitive Halbwertszeit (s.u.)

 

 Definition

Kontextsensitive Halbwertszeit: beschreibt die Zeit, die notwendig ist, um nach einer kontinuierlichen Infusion einen 50 %igen Konzentrationsabfall einer Substanz am Wirkort zu erreichen

  • Vor allem relevant bei Injektionsanästhetika, welche bspw. im Rahmen der Analgosedierung über längeren Zeitraum verabreicht werden
  • Besonders ausgeprägt ist der Effekt bei Fentanyl und Thiopental
  • Bei Remifentanil führt eine längere Infusionsdauer nicht zu einer verlängerten Halbwertszeit → Dies liegt an der schnellen Inaktivierung durch unspezifische Esterasen

    Übersicht über die klinisch relevanten kontextsensitiven Halbwertszeiten
  • S3-Leitlinie: Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 27.04.2026
Lokalanästhetika
Inhalationsanästhetika
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz