Instabile Tachykardien sind schnelle Herzrhythmusstörungen mit einer Frequenz von über 100 Schlägen pro Minute, die zu einer hämodynamischen Instabilität führen und eine lebensbedrohliche Situation darstellen.
Sie äußern sich durch Symptome wie:
- Hypotonie (RR <90 mmHg)
- Schocksymptomatik
- Bewusstseinsstörungen, z.B. Somnolenz, Synkopen
- Zeichen der dekompensierten Herzinsuffizienz
- Angina pectoris
Das Ziel der Diagnostik ist die Differenzierung zwischen einer Schmal- oder Breitkomplextachykardie, da sich die Therapie je nach Ursprung unterscheidet. Bei supraventrikulären Tachykardien kommen vagale Manöver, Adenosin oder Beta-Blocker zum Einsatz, während ventrikuläre Tachykardien häufig mit Amiodaron oder synchronisierter elektrischer Kardioversion behandelt werden müssen.
Besteht eine hämodynamische Instabilität, ist die sofortige elektrische Kardioversion die Therapie der Wahl.
Um den Einstieg in das Thema instabile Tachykardie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Bewusstseinsstörung, tachykarde Herzrhythmusstörung
- Ort: Zuhause, Wohnzimmer
- Alarmzeit: 19:52
- Anrufer: Tochter
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Männlich, 70 Jahre alt
- Zustand nach Herzinfarkt vor 3 Wochen
- Berichtet über Schwindel und Herzklopfen
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegt der Patient auf dem Sofa im Wohnzimmer und greift sich an die Brust. Seine Tochter sitzt neben ihm auf dem Sofa und wirkt besorgt.
Die Lage ist wie folgt:
- Auf Ansprache fixiert euch der Patient, allerdings ist er desorientiert
- Er ist blass, stark verschwitzt und wirkt schwach
- Der Patient klagt über Herzrasen und Schwindel
- Vor etwa 20 Minuten wollte er aufstehen, wurde plötzlich blass, begann stark zu schwitzen und brach zusammen
- Anschließend war er für wenige Sekunden nicht ansprechbar, kam dann aber wieder zu sich
- Daraufhin habe die Tochter den Notruf abgesetzt

Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer instabilen Tachykardie aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x |
|
|
A |
| Kein |
B |
| Mittelbares |
C |
| Akutes |
D |
| Mittelbares |
E |
| Kein |
AchtungDas hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
DefinitionEine instabile Tachykardie ist eine Rhythmusstörung des Herzens mit einer Frequenz >100/min, die mit einer hämodynamischen Beeinträchtigung einhergeht. Instabilitätskriterien sind:
- Schocksymptomatik
- Bewusstseinsstörungen, z.B. Somnolenz, Synkopen mit anhaltender Hypotonie
- Zeichen der dekompensierten Herzinsuffizienz
- Angina pectoris / Myokardiale Ischämie
Klassifikation
Nach Ursprung der Erregungsbildung:
- Supraventrikuläre Tachykardien (SVT) → Ursprung in den Vorhöfen
- Ventrikuläre Tachykardien (VT) → Ursprung in den Kammern
Nach QRS-Breite im EKG:
- Schmalkomplex-Tachykardien → QRS-Komplex <120 ms
- Breitkomplex-Tachykardien → QRS-Komplex ≥120 ms
Regelmäßiger oder unregelmäßiger Rhythmus:
- Regelmäßig → Tachykardie
- Unregelmäßig → Tachyarrhythmie
Kardiale Ursachen
Liegt die Ursache der Herzrhythmusstörung in den Vorhöfen, spricht man von supraventrikulären Tachykardien, liegt sie in den Kammern, spricht man von ventrikulären Tachykardien. Im Folgenden wird auf die häufigsten/wichtigsten Herzrhythmusstörungen eingegangen:
MerkeInstabile Tachykardien können auch aufgrund einer akuten Herzerkrankung entstehen, z.B. einem akutem Koronarsyndrom (ACS) oder einer dekompensierten Herzinsuffizienz.
Extrakardiale Ursachen
InfoNeben kardialen Ursachen können auch zahlreiche extrakardiale Faktoren eine instabile Tachykardie auslösen. Diese betreffen vorrangig das autonome Nervensystem, den Stoffwechsel und externe Einflüsse.
- Elektrolytstörungen
- Rechtsherzbelastung:
- Akut → Lungenarterienembolie
- Chronisch: Cor pulmonale, z.B. aufgrund einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD)
- Medikamentös-toxisch:
- Holiday-Heart-Syndrom: Auftreten von Herzrhythmusstörungen (insbesondere paroxysmales Vorhofflimmern) bei herzgesunden Personen nach ausgeprägtem Alkoholkonsum
- Sympathomimetika (direkte und indirekte): z.B. Dobutamin oder Theophyllin
- Parasympatholytika: z.B. Atropin
- QT-Zeit verlängernde Medikamente: z.B. Antiarrhythmika Klasse I/III, Antidepressiva, Neuroleptika, Makrolide → erhöhtes Risiko für Torsades-de-Pointes-Tachykardien
- Hyperthyreose
- Infektionen oder Entzündungen: Beispielsweise Sinustachykardie bei Sepsis, Induktion eines Vorhofflimmerns durch systemische Entzündungsreaktionen oder ventrikuläre Tachykardien im Rahmen einer Myokarditis
MerkeReminder: physiologische Grundlagen
- Herzfrequenz und Herzleistung:
- Die Herzfrequenz ist ein zentraler Faktor für das Herzzeitvolumen (HZV), das sich aus Herzfrequenz und Schlagvolumen zusammensetzt (HZV = HF × SV)
- Eine normale Ruhefrequenz (60–100/min) ermöglicht eine optimale Füllung und Entleerung der Herzkammern
- Parasympathikus und Sympathikus:
- Der Parasympathikus senkt die Herzfrequenz (Bradykardie), insbesondere nachts oder in Ruhephasen
- Der Sympathikus steigert die Herzfrequenz (Tachykardie), z.B. bei körperlicher Aktivität, Stress oder Gefahr
Eine funktionell angepasste Herzfrequenz ist essenziell, um die Gewebe des Körpers mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen.
Die Herzfrequenzregulation erfolgt durch ein komplexes Zusammenspiel des autonomen Nervensystems, ionenspezifischer Aktionspotenziale und myokardialer Perfusion. Eine Tachykardie (> 100/min) bedeutet eine verkürzte Diastole, wodurch die ventrikuläre Füllung und damit das Schlagvolumen reduziert werden.
Zentrale Mechanismen der hämodynamischen Instabilität:
- Reduziertes Herzzeitvolumen: Durch die verkürzte Diastole sinkt die enddiastolische Füllung des Ventrikels → verminderte Pumpleistung
- Myokardiale Ischämie: Die Koronarperfusion erfolgt primär in der Diastole. Bei Tachykardien verkürzt → Sauerstoffversorgung des Myokards sinkt
- Erhöhte myokardialer Sauerstoffbedarf: Eine gesteigerte Herzfrequenz erhöht den ATP- und O₂-Bedarf, während die Perfusion abnimmt → Myokardiale Ischämie mit der Gefahr von möglichen Arrhythmien
- Autonome Dysregulation: Eine übermäßige Sympathikusaktivierung kann die Tachykardie verstärken und proarrhythmogen wirken, insbesondere durch eine Überstimulation von β1-Adrenozeptoren
- Störung der physiologischen elektrischen Erregungsleitung: Besonders bei ventrikulären Tachykardien ist die Synchronität der ventrikulären Kontraktion gestört → Pumpfunktion wird weiter verschlechtert
MerkeFolgen:
- Hypotonie und Schock → durch die reduzierte Pumpleistung
- Bewusstseinsstörungen bis Synkope → aufgrund verminderter zerebraler Perfusion
- Lungenödem und Dyspnoe → durch erhöhten pulmonalen Kapillardruck infolge der linksventrikulären Dysfunktion
- Übergang in Kammerflimmern → Besonders bei ventrikulären Tachykardien mit kritischer Perfusionsminderung
Typische Zeichen
MerkeDie klinische Symptomatik einer Tachykardie variiert je nach Ursache und möglichen Begleiterkrankungen, wie einem akuten Myokardinfarkt oder Intoxikationen.
- Zeichen der Herzinsuffizienz → Kardiogener Schock
- Ggf. Thoraxschmerzen (inkl. Veränderungen im 12-Kanal-EKG)
- Dyspnoe
- Herzklopfen (Palpitationen)
- Bewusstseinseintrübung
- Synkope
- Ggf. Zeichen zerebraler Minderperfusion:
- Müdigkeit
- Apathie
- Schwindel
- Kognitive Störungen
- Zusätzliche Symptome resultieren aus der zugrunde liegenden Erkrankung, z.B. Angina pectoris bei Myokardinfarkt
AchtungKonvulsive Synkope
Bei instabilen Tachykardien kann eine reduzierte zerebrale Durchblutung zu einem Bewusstseinsverlust mit krampfartigen Muskelkontraktionen führen. Dieses Phänomen wird als konvulsive Synkope bezeichnet und entsteht durch eine vorübergehende Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Dabei können anfallsartige Symptome auftreten, die jedoch von epileptischen Anfällen abzugrenzen sind.
Generalisierte Zeichen
- Unwohlsein
- Übelkeit
- Schwitzen
- Kollapsneigung
Alle weiteren Details und die ausführliche Diagnostik findest du in den Artikeln zu den jeweiligen Herzrhythmusstörungen.
AchtungDas Ziel der Diagnostik ist die Differenzierung zwischen einer Schmal- oder Breitkomplextachykardie. Bei der Zustandsbeurteilung darf nicht nur die Herzfrequenz beurteilt werden, sondern es muss das Gesamtbild aus Frequenz, Rhythmus und Symptomen berücksichtigt werden.
Anamnese
- S (Symptome): Schocksymptomatik, Tachykardie, Synkope, Bewusstseinstrübung, Schwindel, Zeichen der Herzinsuffizienz
- Breitkomplextachykardie:
→ Breite QRS-Komplexe, Differenzierung regelmäßig vs. unregelmäßig - Schmalkomplextachykardie:
→ Schmale QRS-Komplexe, Differenzierung regelmäßig vs. unregelmäßig
- Breitkomplextachykardie:
- A (Allergien, Infektionen): Infektionen können zu einer Tachykardie führen
- M (Medikation):
- Antikoagulantien?
- Thrombozytenaggregationshemmer?
- Medikamente, die eine Tachykardie begünstigen:
- Symphatomimetika
- QT-Zeit verlängernde Medikamente
- Parasympatholytika
- P (Patientengeschichte): Vorerkrankungen, insbesondere:
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
- Koronare Herzkrankheit (KHK), Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz
- Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern), vorbekannter Schenkelblock
- Herzschrittmacher, ICD, CRT-D
- Stoffwechselerkrankungen:
- Hyperthyreose, Elektrolytstörungen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
- L (Letzte…): Flüssigkeitsaufnahme (eine Hypovolämie im Rahmen einer Exsikkose kann zu einer Tachykardie führen)
- E (Ereignis): Plötzliches Auftreten der Symptomatik oder schleichender Verlauf?
- Hinweise auf Intoxikation, z.B. Medikamentenintoxikation
- Hinweise auf auslösende Erkrankung, z.B. ACS
- R (Risiko): Cor pulmonale, Medikamente, die eine Tachykardie begünstigen, Intoxikationen, Vorerkrankungen
- S (Schwangerschaft)
TippNutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine instabile Tachykardie abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
- Hautkolorit & Durchblutung:
- Blässe → Kreislaufinsuffizienz, Schock
- Zyanose → Hypoxie, kardiorespiratorische Dekompensation
- Marmorierte Haut → Perfusionsstörung
- Atmung:
- Tachypnoe
- Dyspnoe
- Verlängerte Rekapillarisierungszeit
- Ggf. gestaute Halsvenen: Erhöhter zentraler Venendruck → Rechtsherzbelastung (z. B. bei Herzinsuffizienz, Perikardtamponade)
- Ggf. Beinödeme → kardiale Dekompensation
Palpation:
- Pulsstatus:
- Peripher oft schwach tastbar
- Schnell
- Ggf. arrhythmisch
- Kaltschweißige Haut
Perkussion:
- Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
- Ggf. feuchte Rasselgeräusche → Zeichen für Lungenödem bei kardialer Dekompensation
EKG-Diagnostik
AchtungDas 12-Kanal-EKG spielt eine entscheidende Rolle in der Diagnostik tachykarder Rhythmusstörungen. Es liefert essenzielle Informationen, um die Ursache einer Tachykardie zu identifizieren und die richtige Therapie einzuleiten.
InfoHier werden nur die häufigsten EKG-Befunde als Ursache einer instabilen Tachykardie grob dargestellt.
Detaillierte Informationen sowie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur EKG-Auswertung sind im EKG-Kurs und in den EKG-Fallbeispielen zu finden.
Supraventrikuläre Tachykardien:
| Rhythmusstörung | EKG-Kriterien |
|---|---|
| AV-Knoten-Reentry-Tachykardie (AVNRT) |
|
| Atrioventrikuläre Reentry-Tachykardie (AVRT, z. B. WPW-Syndrom) |
|
| Ektope atriale Tachykardie |
|
| Tachyarrhythmia absoluta |
|
Ventrikuläre Tachykardien:
| Rhythmusstörung | EKG-Kriterien |
|---|---|
| Monomorphe ventrikuläre Tachykardie (VT) |
|
| Polymorphe ventrikuläre Tachykardie (z. B. Torsades-de-Pointes) |
|
| FBI-Tachykardie |
|
| Kammerflimmern |
|
InfoDie dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
MerkeDas Hauptziel der Behandlung besteht darin, eine ausreichende Organperfusion sicherzustellen und den Herzrhythmus zu stabilisieren, entweder durch medikamentöse Therapie oder elektrische Kardioversion.
TippEine Tachykardie erfordert nur dann eine therapeutische Intervention, wenn sie mit klinischen Symptomen (Instabilitätszeichen) einhergeht.
Basismaßnahmen
- Angepasste Sauerstoffgabe mittels Maske
- Lagerung, je nach Zustand, z.B.:
- Kreislaufstabil → Oberkörperhoch
- Instabil → Flach- oder Schocklagerung je nach Situation
- Beruhigung
- Kontinuierliche Kreislaufüberwachung
- Wärmeerhalt
Spezifische Maßnahmen
InfoDie Therapie tachykarder Herzrhythmusstörungen im Rettungsdienst orientiert sich an der zugrunde liegenden Rhythmusstörung. Abhängig vom Befund kommen sowohl medikamentöse Maßnahmen als auch die elektrische Kardioversion zum Einsatz. Die Auswahl der geeigneten Therapie basiert auf der EKG-Diagnostik, der hämodynamischen Stabilität sowie der vermuteten Ursache.
Therapie nach Art der Rhythmusstörung:
In der folgenden Tabelle sind häufige, klinisch relevante Rhythmusstörungen mit entsprechenden Therapieempfehlungen dargestellt.
| Art | Charakter | Beispiel | Ohne akute Instabilität, aber dringender Handlungsbedarf | Instabil (bedrohliche Zeichen* vorhanden) |
|---|---|---|---|---|
| Breitkomplextachykardie (QRS ≥0,12 ms) | Regelmäßig | Ventrikuläre Tachykardie (VT) |
|
|
| Unregelmäßig | Vorhofflimmern mit Schenkelblock |
| ||
| Vorhofflimmern mit Präexitation (FBI) |
| |||
| Polymorphe VT mit QT-Verlängerung (Torsade de pointes) |
| |||
| Schmalkomplextachykardie (QRS ≤0,12 ms) | Regelmäßig | AV-Reentrytachykardie (AVRT) |
| |
| Unregelmäßig | Vorhofflimmern |
| ||
| *Myokardiale Ischämie, Schock, Bewusstseinsstörungen, z.B. Somnolenz, Synkopen mit anhaltender Hypotonie, Zeichen der dekompensierten Herzinsuffizienz | ||||
InfoAnmerkungen:
1 Bei monomorpher ventrikulärer Tachykardie (VT) mit struktureller Herzerkrankung oder unklarem Substrat empfehlen die aktuellen Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) eine synchronisierte elektrische Kardioversion, auch bei hämodynamisch stabilen Patient:innen, da eine Verschlechterung droht. Eine medikamentöse Therapie ist eine Alternative bei erhöhtem Risiko für Sedierung oder Anästhesie
2 Bei gesicherter Torsade de pointes: Amiodaron meiden
3 Paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien (SVT) erfordern in der Regel geringere Energien zur Kardioversion als ventrikuläre Tachykardien. Die ERC empfiehlt einen initialen Schock von 70–120 J → bei Bedarf sollten weitere Schocks mit schrittweise gesteigerter Energie erfolgen
4 Bei hämodynamisch instabilen Patienten sowie bei Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (<40 %) sollte die Anwendung vermieden werden
Elektrische (Notfall-)kardioversion
AchtungBei hämodynamischer Instabilität ist eine sofortige elektrische Kardioversion erforderlich, um den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen und eine ausreichende Organperfusion zu gewährleisten.
AchtungJe instabiler der Kreislaufzustand eines Patienten oder einer Patientin ist, desto früher sollte die Entscheidung zur Durchführung einer Notfallkardioversion getroffen werden.
Durchführung der elektrischen Kardioversion:
- Anbringen der Defibrillations-Patches am nackten Oberkörper
- Anterior-lateral oder anterior-posterior
TippBei einem implantierten Schrittmacher sollten die Defibrillations-Patches mindestens 8 cm vom Gerät entfernt angebracht werden, um eine Beschädigung zu vermeiden. In diesen Fällen ist die anterior-posterior-Platzierung in der Regel vorteilhafter.
- Defibrillator:
- Defibrillator einschalten
- R-Zacken-Synchronisation aktivieren (Taste heißt oft „SYNC“)
- Energiemenge: Initial 120 Joule biphasisch (Steigerung bei weiteren Versuchen)
- Bei Kindern: Initial 0,5–1 Joule/kgKG, max. 2 Joule/kgKG
TippPraxistipp
In der praktischen Anwendung wird die Energiewahl vereinfacht, wobei der bestehende Rhythmus mehr oder weniger für die Energiewahl ignoriert wird. Es wird folgende Energiewahl vorgenommen:
- Schockabgabe: 120 Joule
- Schockabgabe: 150 Joule
- Schockabgabe: 200 Joule
- Analgosedierung:
- Sauerstoffgabe (Präoxygenierung zur Vermeidung einer Hypoxie)
- Einleiten der Analgosedierung/Analgesie, z.B. mit:
- Fentanyl
1-2 µg/kgKG iv., ggf. Repetition 0,5-1 µg/kgKG (Kombination mit Propofol0,25-0,5 mg/kgKG i.v. möglich, jedoch höhere Komplikationsrate von Apnoe / Hypotonie zu erwarten!) - Esketamin
0,125-0,25 mg/kgKG iv., ggf. Repetition 0,125-0,25 mg/kgKG + Midazolam1-2 mg i.v., ggf. Repetition mit 1-2 mg i.v. - Esketamin
0,125-0,25 mg/kgKG iv., ggf. Repetition 0,125-0,25 mg mg/kgKG + Propofol0,25 - 0,5 mg/kgKG iv., ggf. Repetition mit 0,25 mg/kgKG - Dosisanpassung bei instabilen Patient:innen, um eine medikamentös bedingte Kreislaufdepression zu vermeiden
- Fentanyl
- Überprüfung der Sedierungstiefe
- Sicherheitscheck:
- Vergewissern, dass keine Person den Patienten oder die Patientin berührt
- Lautes Kommando: „Achtung Kardioversion – weg vom Patienten!“
- Synchronisierte Schockabgabe
TippHalte die Schocktaste so lange gedrückt, bis der Schock EKG-getriggert abgegeben wurde. Sofern der erste Schock nicht erfolgreich war, kann eine erneute Schockabgabe mit höherer Energie durchgeführt werden.
Nachsorge:
- Weiterführung des Monitorings und der körperlichen Untersuchung
- Bei frustraner Kardioversion: Ggf. erneuter Versuch mit höherer Energie
- Nach drei frustranen Kardioversionen: Ggf. Amiodaron vor erneutem Versuch
- Bei fehlendem Puls: Reanimation starten
AchtungBei hohen Herzfrequenzen oder polymorph deformierten QRS-Komplexen kann der Defibrillator die R-Zacken möglicherweise nicht zuverlässig erkennen. Bei einer instabilen ventrikulären Tachykardie (VT) und fehlender Synchronisationsmöglichkeit ist daher eine unsynchronisierte Defibrillation erforderlich.

Weitere Maßnahmen
- Kontinuierliche Kreislaufüberwachung
- Identifikation und Therapie der zugrundeliegenden kardialen Ursache (siehe akutes Koronarsyndrom, dekompensierte Herzinsuffizienz)
- Ggf. Therapie der extrakardialen Ursachen, z.B. Elektrolytstörungen, Hypothermie, Hypoxie
- Lagerung je nach Symptomatik: bei kardialem Lungenödem, wenn möglich Oberkörperhochlagerung
TippLagerung situationsgerecht anpassen
- Hämodynamisch stabile Tachykardie → Flachlagerung oder Oberkörperhochlagerung
- Hämodynamisch instabile Tachykardie → Flachlagerung





Fehlfunktionen eines Schrittmachers können unterschiedliche Ursachen haben.
Häufige Auslöser sind:
- Eine erschöpfte Batterie
- Fehlprogrammierungen
- Dislozierte Elektroden
- Wiederholte inadäquate Schockabgaben infolge fehlerhafter Rhythmusdetektion
Magnetverhalten von Schrittmachern
Wird ein Magnet über einen Herzschrittmacher gelegt, schaltet dieser in einen speziellen Modus mit einer festen, sogenannten Magnetfrequenz. Das bedeutet, der Schrittmacher gibt kontinuierlich Impulse ab, ohne auf den eigenen Herzrhythmus des Patienten zu achten.
- Bei Einkammer-Systemen stimuliert er nur die Herzkammer (V00-Modus)
- Bei Zweikammer-Schrittmachern werden zusätzlich die Vorhöfe stimuliert (D00-Modus)
- Gleichzeitig wird die Stimulationsstärke erhöht, um eine zuverlässige Erregung des Herzmuskels sicherzustellen
AchtungTheoretisch kann es dadurch, vor allem bei einer ungünstigen Stimulation in der sogenannten vulnerablen Phase zu gefährlichen Rhythmusstörungen kommen. Deshalb ist es wichtig, während der Magnetauflage eine kontinuierliche EKG-Überwachung durchzuführen. In der Praxis sind solche Komplikationen allerdings sehr selten und meist nur vereinzelt beschrieben worden.
Magnetverhalten von ICD
Wenn ein Magnet aufgelegt wird, schalten die meisten Geräte nicht in eine feste Stimulation, sondern deaktivieren lediglich ihre Schock- und Antitachykardiefunktion.
→ Der ICD erkennt keine tachykarden Herzrhythmusstörungen mehr und es erfolgt auch keine Schockabgabe mehr
Indikation zur Magnetauflage
Patient:innen mit implantierten ICD:
Wenn bei einem ICD die Sonden (Kabel) beschädigt sind, kann es zu Fehlsignalen kommen, die vom Gerät als lebensbedrohlicher Rhythmus fehlinterpretiert werden. In der Folge kann es zu wiederholten, unangemessenen Schockabgaben kommen (auch wenn der Patient eigentlich einen normalen Herzrhythmus hat und bei vollem Bewusstsein ist).
In solchen Fällen kann ein aufgelegter Magnet die Schockfunktion des ICD vorübergehend deaktivieren und so die fehlerhaften Schockabgaben unterbinden.
Patient:innen mit implantiertem Schrittmacher:
Bei bestimmten Schrittmacherfehlfunktionen, z.B. einer sogenannten schrittmacherinduzierten Tachykardie, kann das Auflegen eines Magneten hilfreich sein. Der Schrittmacher schaltet dann vorübergehend in einen starren Modus mit gleichmäßiger Frequenz (DOO-Modus), wodurch die fehlerhafte Rhythmusstörung größtenteils direkt beendet wird.
Kontraindikationen zur Magnetauflage
Batterieversagen des Schrittmachers:
Wenn Patient:innen eine Bradykardie zeigen und im EKG keine Schrittmacherimpulse (Spikes) erkennbar sind, kann ein fortgeschrittenes Batterieversagen des Schrittmachers die Ursache sein. In dieser Situation ist das Gerät oft nur noch eingeschränkt funktionsfähig.
Wird nun ein Magnet aufgelegt, steigert der Schrittmacher automatisch die Stimulationsenergie. Dies ist zwar bei funktionierenden Geräten gewollt, bei fast leerer Batterie führt dies jedoch dazu, dass der letzte Rest Energie verbraucht wird und das Gerät vollständig ausfällt.
Torsade-de-Pointes-Tachykardie
DefinitionEine Torsade-de-Pointes-Tachykardie kann im Rahmen eines Long-QT-Syndroms auftreten. Torsade-de-pointes bedeutet übersetzt Spitzenumkehrtachykardie. Bei dieser liegt zuerst ein Sinusrhythmus mit einer verlängerten QT-Zeit über 550 ms vor. Es kommt zu einem plötzlichen Einsetzen der Tachykardie mit breitem QRS-Komplex, der um die isoelektrische Linie unduliert und an Größe zu- und abnimmt.
Die Torsade-de-Pointes-Tachykardie ist eine lebensbedrohliche Arrhythmie. Sie kann spontan sistieren, aber auch in ein Kammerflimmern übergehen. Mit Magnesium
FBI-Tachykardie
DefintionEine Sonderform der Breitkomplextachykardien ist die sogenannte FBI-Tachykardie. FBI steht für fast, broad, irregular. Eine FBI-Tachykardie entsteht im Rahmen von Vorhofflimmern mit einer zusätzlich vorliegenden akzessorischen Leitungsbahn. Es resultieren hohe Frequenzen, ein verbreiterter QRS-Komplex und eine variable Morphologie, da die Erregung teilweise über die akzessorische Leitungsbahn und teilweise regulär über den AV-Knoten übergeleitet wird.
Die Therapie beläuft sich auf eine synchronisierte Kardioversion.

Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Das Zielkrankenhaus sollte über eine kardiologische Abteilung verfügen und eine Notaufnahme mit einem Schockraum vorweisen. Je nach dem Zustand von Patient:innen ist eine intensivmedizinische Überwachung notwendig.
Während des Transports ist ein kontinuierliches Basismonitoring, insbesondere die EKG-Überwachung, essenziell, um potenzielle erneut auftretende Herzrhythmusstörungen frühzeitig zu erkennen.
MerkeZusammenfassung Transport
- Zielkrankenhaus: Kardiologische Abteilung mit intensivmedizinischer Überwachung
- Kontinuierliche EKG- und Kreislaufüberwachung
Definition:
DefinitionEine instabile Tachykardie ist eine Rhythmusstörung des Herzens mit einer Frequenz >100/min, die mit einer hämodynamischen Beeinträchtigung einhergeht. Instabilitätskriterien sind:
- Schocksymptomatik
- Bewusstseinsstörungen, z.B. Somnolenz, Synkopen mit anhaltender Hypotonie
- Zeichen der dekompensierten Herzinsuffizienz
- Angina pectoris / Myokardiale Ischämie
Ursachen:
- Kardiale Ursachen:
- Tachykardien unterschiedlicher Genese
- Akute und chronische Herzerkrankungen, z.B. ACS
- Extrakardiale Ursachen:
- Hypoxie
- Elektrolytstörungen
- Medikamentennebenwirkungen
- Intoxikationen
- Infektionen oder Entzündungen
Pathophysiologie:
- Reduziertes Herzzeitvolumen
- Myokardiale Ischämie
- Erhöhter myokardialer Sauerstoffbedarf
- Autonome Dysregulation
- Störung der elektrischen Erregungsleitung
Auswirkungen:
- Hypotonie und Schock
- Zerebrale Minderperfusion:
- Bewusstseinsstörungen bis Bewusstlosigkeit
- Synkope
- Lungenödem und Dyspnoe
- Übergang in Kammerflimmern
Klinischer Eindruck:
- Zeichen der Herzinsuffizienz → Kardiogener Schock
- Ggf. Thoraxschmerzen (inkl. Veränderungen im 12-Kanal-EKG)
- Dyspnoe
- Bewusstseinseintrübung
- Synkope
- Bewusstseinsveränderungen
- Zusätzliche Symptome resultieren aus der zugrunde liegenden Erkrankung, z.B. Angina pectoris bei Myokardinfarkt
Anamnese:
AchtungDas Ziel der Diagnostik ist die Differenzierung zwischen einer Schmal- oder Breitkomplextachykardie. Bei der Zustandsbeurteilung darf nicht nur die Herzfrequenz beurteilt werden, sondern es muss das Gesamtbild aus Frequenz, Rhythmus und Symptomen berücksichtigt werden.
Inspektion:
- Hautkolorit & Durchblutung:
- Blässe → Kreislaufinsuffizienz, Schock
- Zyanose → Hypoxie, kardiorespiratorische Dekompensation
- Marmorierte Haut → Perfusionsstörung
- Atmung:
- Tachypnoe
- Dyspnoe
- Verlängerte Rekapillarisierungszeit
- Ggf. gestaute Halsvenen: erhöhter zentraler Venendruck → Rechtsherzbelastung (z. B. bei Herzinsuffizienz, Perikardtamponade)
- Ggf. Beinödeme → kardiale Dekompensation
Palpation:
- Pulsstatus:
- Peripher oft schwach tastbar
- Schnell
- Ggf. arrhythmisch
- Kaltschweißige Haut
EKG-Diagnostik:
- Auf typische EKG-Befunde achten, die zu einer instabilen Tachykardie führen können
- Differenzierung Breitkomplextachykardie und Schmalkomplextachykardie und regelmäßige sowie unregelmäßige Tachykardie
Therapie:
- Organperfusion und Gewebeoxygenierung sicherstellen → arterieller Mitteldruck (MAD) > 65 mmHg
- Sauerstoffgabe
- Medikamentöse Therapie nach zugrundeliegender Rhythmusstörung
- Bei hämodynamischer Instabilität → elektrische Kardioversion
Besondere Situationen:
- Torsades-de-pointes-Tachykardie
- FBI-Tachykardie
Transport:
- Zielkrankenhaus: Kardiologische Abteilung mit intensivmedizinischer Überwachung
- Kontinuierliche EKG- und Kreislaufüberwachung
TippWenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
Supraventrikuläre Rhythmusstörungen Herzrhythmusstörungen Übersicht Vorhofflimmern im EKG Vorhofflattern im EKG Elektrische Kardioversion Algorithmus: tachykarde Herzrhythmusstörungen
- Lott et al.: European Resuscitation Council Guidelines 2025 Special Circumstance, Resuscitation. Band: 215, 2025, doi: 10.1016/j.resuscitation.2025.110753
- Tachykarde Rhythmusstörungen, retten – Notfallsanitäter. 1. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2023. ISBN: 9783132421233
- Tachykarde Herzrhythmusstörungen, Innere Medizin. Hrsg. 13. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2010. 9783131621832
- Herzschrittmacher, ICD und CRT - Fehlfunktionen und Besonderheiten, Notfallmedizin up2date 2013; 8(01): 25 - 39
- Engelen C, Fandler M. SOP Analgosedierung in der Notfallmedizin. Notfallmedizin up2date 2018; 13(02): 122 - 124. doi:10.1055/a-0607-1729
- DBRD - Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V., Musteralgorithmen 2026, Version 11, Stand: 27.02.2026


