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Klassische und operante Konditionierung

Pawlowsche Konditionierung, operantes Lernen, Klassische Konditionierung, Operante Konditionierung, Pawlow
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10 Minuten Lesezeit

Die Lerntheorien beschreiben, wie Verhalten durch Erfahrungen verändert wird. Zu den wichtigsten Konzepten gehören die klassische Konditionierung, die operante Konditionierung und das Lernen am Modell.

Die klassische Konditionierung nach Iwan Pawlow beruht auf der Verknüpfung eines ursprünglich neutralen Reizes mit einem unkonditionierten Reiz. Nach wiederholter Kopplung löst der ehemals neutrale Reiz allein eine konditionierte Reaktion aus. Dieses Lernprinzip erklärt unter anderem die Entstehung von Angstreaktionen oder anderen automatisierten Verhaltensweisen.

Die operante Konditionierung nach B. F. Skinner beschreibt Lernen über die Konsequenzen eines Verhaltens. Verhalten, das durch Verstärkung belohnt wird, tritt häufiger auf, während Bestrafung die Auftretenswahrscheinlichkeit verringert. Wichtige Konzepte sind die positive und negative Verstärkung sowie die positive und negative Bestrafung.

Das Lernen am Modell nach Albert Bandura erfolgt durch die Beobachtung anderer Personen. Dabei werden neue Verhaltensweisen übernommen, wenn das beobachtete Modell als erfolgreich oder attraktiv wahrgenommen wird. Dieses Prinzip spielt insbesondere bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen und gesundheitsbezogenen Verhaltens eine wichtige Rolle.

Die Lerntheorien bilden bis heute eine wesentliche Grundlage der Verhaltenspsychologie und finden unter anderem Anwendung in der Verhaltenstherapie, der Gesundheitsförderung und der medizinischen Psychologie.

 Definition

Bei der klassischen Konditionierung geht es darum, wie ein zunächst neutraler Reiz durch wiederholte Kopplung mit einem biologisch wirksamen Reiz zu einem Signal wird, das schließlich eine unwillkürliche Reaktion auslösen kann. 

Pawlow zeigte dieses Prinzip bekanntlich an der Speichelreaktion von Hunden.

Klassische Konditionierung nach Pawlow

Klassische Konditionierung
Die Abbildung veranschaulicht die klassische Konditionierung am Beispiel von Pawlows Hund: Ein unkonditionierter Stimulus (Futter) löst eine unkonditionierte Reaktion (Speichelfluss) aus. Durch wiederholte Kopplung mit einem ursprünglich neutralen Reiz (Glockenton) wird dieser zum konditionierten Stimulus, der schließlich allein eine konditionierte Reaktion (Speichelfluss) hervorruft.

Lidschlagkonditionierung (klassische Konditionierung)

Ein gut am Menschen demonstrierbares Beispiel ist die Lidschlagkonditionierung: Ein Luftstoß auf das Auge löst reflexhaft Zwinkern aus. Durch Lernen kann später auch ein Ton diese Reaktion hervorrufen.

Ablauf:

  • Vor der Konditionierung: Der Luftstoß auf das Auge ist der unkonditionierte Stimulus und löst das Zwinkern als unkonditionierte Reaktion aus. Ein Ton ist zunächst ein neutraler Stimulus und führt noch nicht zum Zwinkern
  • Während der Konditionierung: Der neutrale Stimulus (Ton) wird wiederholt zusammen mit dem unkonditionierten Stimulus (Luftstoß) dargeboten. Durch diese Kopplung wird der Ton zum konditionierten Stimulus
  • Nach der Konditionierung: Der konditionierte Stimulus (Ton) kann alleine die konditionierte Reaktion (Zwinkern) auslösen, die der unkonditionierten Reaktion ähnlich ist
 Merke
Wichtige Begriffe der klassischen Konditionierung
  • Neutraler Stimulus: Ein Reiz, der zunächst keine spezifische Reaktion auslöst
  • Unkonditionierter Stimulus: Ein Reiz, der ohne vorheriges Lernen automatisch eine Reaktion hervorruft
  • Unkonditionierte Reaktion: Die Reaktion, die direkt auf den unkonditionierten Stimulus folgt (Reflex)
  • Konditionierter Stimulus: Ein ursprünglich neutraler Reiz, der durch wiederholte Kopplung mit dem unkonditionierten Stimulus die gleiche / ähnliche Reaktion auslösen kann
  • Konditionierte Reaktion: Die gelernte Reaktion, die auf den konditionierten Stimulus folgt

Für ein gutes Lernen ist wichtig, dass der neutrale Reiz den unkonditionierten Reiz kurz vorher ankündigt (etwa 500 Millisekunden). Der neutrale Reiz bekommt damit eine Signalfunktion (klassische Konditionierung = Signallernen).

Beispiel (antizipatorische Übelkeit): Zytostatika können Übelkeit und Erbrechen auslösen (unkonditionierter Stimulus → unkonditionierte Reaktion). Reize wie Klinikgeruch, Anblick des Klinikgebäudes oder Betreten der Station sind zunächst neutral. Werden sie wiederholt mit der Chemotherapie gekoppelt, können sie zu konditionierten Stimuli werden und später schon alleine Übelkeit auslösen.

Löschung und Remission:

 Definition
  • Löschung (Extinktion) bedeutet: Wenn der konditionierte Stimulus über längere Zeit nicht mehr zusammen mit dem unkonditionierten Stimulus auftritt, wird die konditionierte Reaktion immer schwächer und kann schließlich ausbleiben
  • Remission meint die spontane Wiederkehr einer konditionierten Reaktion nach vorheriger Löschung (spontane Erholung)

Reizgeneralisierung und Reizdiskrimination:

 Definition
  • Reizgeneralisierung: Die konditionierte Reaktion tritt auch bei ähnlichen Reizen auf, die nie direkt gekoppelt waren
  • Reizdiskrimination: Die konditionierte Reaktion zeigt sich nur beim ganz spezifischen konditionierten Reiz, nicht bei ähnlichen Reizen

Konditionierung höherer Ordnung:

 Definition

Bei der Konditionierung höherer Ordnung wird ein bereits konditionierter Reiz (z. B. Glockenton) mit einem weiteren, zunächst neutralen Reiz (z. B. Lichtsignal) gekoppelt. 

Nach wiederholter Paarung kann dann auch der zweite Reiz alleine eine konditionierte Reaktion auslösen.

Beispiel: Lichtsignal → wird zum Signal für Glockenton → Glockenton ist Signal für Futter → Speichelfluss.

Preparedness:

 Definition

Preparedness bedeutet, dass manche Reize aufgrund biologischer / evolutionsgeschichtlicher Faktoren leichter zu Signalen werden als andere.

Typische Beispiele:

  • Bei klassisch konditionierter Übelkeit werden Geschmacksreize leichter zu Signalen als optische oder akustische Reize
  • Bei Schmerz werden eher optische und akustische Reize zu Warnsignalen als Geschmacksreize
 Definition

Die operante Konditionierung ist ein Lernprozess, bei dem Verhalten durch seine Konsequenzen gesteuert wird. Verhaltensweisen, die verstärkt werden, treten häufiger auf, während bestrafte oder nicht verstärkte Verhaltensweisen seltener werden. Dabei spielen Verstärkungsarten, Bestrafung, diskriminative Reize sowie Lernprozesse wie Shaping und Chaining eine zentrale Rolle für den Erwerb und die Aufrechterhaltung von Verhalten.

Bei der operanten Konditionierung wird Verhalten durch seine Konsequenzen gesteuert. Hinweise aus der Umwelt können als diskriminative Reize wirken: Sie signalisieren, dass ein bestimmtes Verhalten jetzt wahrscheinlich zu Belohnung oder Bestrafung führt.

  • Positiver Verstärker (positive Verstärkung): Nach einem Verhalten wird ein angenehmer Reiz hinzugefügt → das Verhalten tritt häufiger auf. Beispiel: Lob nach körperlicher Aktivität → Aktivität nimmt zu
  • Negativer Verstärker (negative Verstärkung): Nach einem Verhalten wird ein unangenehmer Reiz entfernt/vermieden → das Verhalten tritt häufiger auf. Beispiel: Angst sinkt, wenn man eine Situation meidet → Vermeidung nimmt zu
 Merke

„Positiv“ = Reiz wird hinzugefügt; „negativ“ = Reiz wird entfernt. (Nicht: „gut“ vs. „schlecht“.)

Operante Konditionierung: Verstärkung und Bestrafung von Verhalten

Operante Konditionierung
Die Abbildung zeigt, wie die Häufigkeit eines Verhaltens durch Konsequenzen beeinflusst wird. Verstärkung erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens (positive Verstärkung durch Hinzufügen angenehmer Reize, negative Verstärkung durch Entfernen unangenehmer Reize), während Bestrafung sie verringert (positive Bestrafung durch Hinzufügen unangenehmer Reize, negative Bestrafung durch Entzug angenehmer Reize).

Selbstverstärkung

Menschen können sich auch ohne äußere Belohnung selbst belohnen (z. B. „Ich gönne mir etwas, weil ich gelernt habe“), wodurch Verhalten stabilisiert wird.

 Info

Dopamin spielt eine zentrale Rolle im Belohnungs- und Verstärkersystem und ist deshalb auch an der Entstehung von Abhängigkeit beteiligt.

Shaping

Shaping bedeutet, ein komplexes Zielverhalten schrittweise aufzubauen:

  • Zunächst wird jede Annäherung an das gewünschte Verhalten positiv verstärkt
  • Mit der Zeit wird die Verstärkung für frühe Zwischenschritte reduziert
  • Am Ende wird vor allem das Zielverhalten verstärkt

Chaining

Chaining ist dem Shaping ähnlich, aber das Zielverhalten wird „von oben nach unten“ aufgebaut: Ein komplexes Verhalten wird in Einzelschritte zerlegt. Die Schritte werden einzeln geübt und anschließend verkettet. Verstärkt wird dabei vor allem das Zielverhalten, der Abstand zwischen neu gelerntem Schritt und Belohnung wird im Verlauf größer.

Beispiel: Schuhe binden: Socke anziehen → Schuh anziehen → Schnürsenkel festziehen → Schleife binden → Lob erst am Ende.

Löschung (Extinktion) bei operanter Konditionierung

Auch operant gelerntes Verhalten kann gelöscht werden, wenn die Verstärkung ausbleibt. Dann wird das Verhalten mit der Zeit seltener und kann verschwinden.

 Merke

Phobien sind oft löschungsresistent, weil Vermeidung durch Angstreduktion negativ verstärkt wird (Zwei-Faktoren-Modell nach Mowrer).

Verbale Konditionierung

Von verbaler Konditionierung spricht man, wenn jemand durch verbale oder nonverbale Signale (z. B. Nicken) das Verhalten des Gegenübers in eine gewünschte Richtung lenkt.

Bestrafung

Bestrafung senkt die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens:

  • Positive Verstärkung: Nach dem Verhalten wird etwas Angenehmes gegeben → Verhalten ↑, Beispiel: Patient macht Übungen → bekommt Lob → übt häufiger
  • Negative Verstärkung (Reiz entfernen): Nach dem Verhalten wird etwas Unangenehmes weggenommen/vermieden → Verhalten ↑, Beispiel: Person meidet Situation → Angst nimmt ab → meidet häufiger
  • Positive Bestrafung: ein unangenehmer Reiz wird hinzugefügt (z. B. Zusatzaufgaben nach Fehlverhalten)
  • Negative Bestrafung: ein angenehmer Reiz wird entzogen (z. B. Fernsehverbot/Liebesentzug)

Primäre und sekundäre Verstärker

  • Primäre Verstärker: befriedigen Grundbedürfnisse (z. B. Nahrung, Sicherheit, Zuwendung)
  • Sekundäre Verstärker: sind durch Lernen mit primären Verstärkern verknüpft und kündigen sie an (z. B. Geld)

Premack-Prinzip

Häufig ausgeführte, angenehme Aktivitäten können seltenes Verhalten verstärken: „Erst aufräumen, dann spielen.“

Verstärkerpläne

  • Kontinuierliche Verstärkung: Verstärkung jedes Mal → Verhalten wird schnell gelernt
  • Intermittierende Verstärkung: nicht jedes Mal → höhere Löschungsresistenz
  • Formen: unregelmäßige Verstärkung, Quotenverstärkung (nach Anzahl), Intervallverstärkung (nach Zeit)
  • Pawlow, Iwan P.: Conditioned Reflexes: An Investigation of the Physiological Activity of the Cerebral Cortex. Oxford University Press, 1927.
  • Clark RE. The classical origins of Pavlov's conditioning. Integrative Physiological and Behavioral Science2004;39(4):279–294. DOI: 10.1007/BF02734167.
  • Skinner BF. Two types of conditioned reflex and a pseudo type. Journal of General Psychology 1935;12:66–77.
  • Bandura A, Ross D, Ross SA. Transmission of aggression through imitation of aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology 1961;63(3):575–582. DOI: 10.1037/h0045925.
Zuletzt aktualisiert am 17.07.2026
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