Die Anamnese ist ein zentraler Bestandteil der ärztlichen Diagnostik und dient dazu, Beschwerden, Krankheitsverlauf, relevante Vorerkrankungen, Medikamente, psychosoziale Faktoren und die individuellen Anliegen der Patient:innen systematisch zu erfassen. Sie ist dabei kein rein standardisiertes Abfragen von Fakten, sondern ein strukturiertes Gespräch, bei dem die ärztliche Gesprächsführung die erhobenen Informationen wesentlich beeinflusst.
Zu Beginn sollte die Patientin oder der Patient möglichst frei schildern können, weshalb die Konsultation erfolgt. Eine offene Einstiegsfrage wie „Was führt Sie heute zu mir?“ ermöglicht eine breite Darstellung der Beschwerden. Erst anschliessend werden die Angaben durch gezielte Fragen präzisiert und strukturiert. Studien zeigen, dass offene Einstiegsfragen zu längeren und symptomreicheren Problemdarstellungen führen können. Gleichzeitig zeigte sich, dass frühe Unterbrechungen dazu führen können, dass Patient:innen ihre ursprüngliche Darstellung nicht vollständig entwickeln.
Eine sinnvolle Anamnese folgt daher grundsätzlich dem Prinzip „offen beginnen – gezielt vertiefen – strukturiert abschliessen“. Problematisch sind insbesondere suggestive oder wertende Fragen, unnötig lenkende Fragen sowie Fragen, die mehrere Sachverhalte gleichzeitig enthalten. Auch eine zu frühe Fokussierung auf eine vermutete Diagnose kann dazu führen, dass alternative Erklärungen oder relevante Beschwerden weniger berücksichtigt werden.
Bei der psychiatrischen Anamnese werden neben der aktuellen Symptomatik insbesondere psychische Vorgeschichte, bisherige psychiatrische Behandlungen, Substanzkonsum, psychosoziale Belastungen, somatische Erkrankungen und relevante Familienanamnese erfasst. Ergänzend erfolgt die Beurteilung des psychischen Befundes, unter anderem hinsichtlich Bewusstsein und Orientierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, formalen und inhaltlichen Denkens, Wahrnehmung, Stimmung und Affekt, Antrieb, Psychomotorik, Ich-Erleben und Suizidalität. Strukturierte oder semistrukturierte Interviews können dabei helfen, diagnostische Kriterien systematisch und reproduzierbar zu erfassen.
AchtungBei klinisch relevanten Hinweisen sollten sensible Themen wie Suizidgedanken oder suizidales Verhalten direkt und konkret erfragt werden. Ein schematisches Überspringen weiterer Fragen nach einer einzelnen negativen Antwort kann relevante Informationen übersehen.
TippEine gute Anamnese verbindet damit Offenheit und Struktur: Sie lässt zunächst Raum für die subjektive Perspektive der Patient:innen und nutzt anschliessend gezielte Fragen, um diagnostisch relevante Informationen systematisch zu erfassen.
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