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Klinischer Ausblick: Anamnese

Erstgespräch, Anamnese, Anamnesegespräch, ärztliche Anamnese, klinische Kommunikation , Arzt-Patienten-Kommunikation, Gesprächsführung, offene Fragen, geschlossene Fragen, Psychiatrischer Befund, Sozialpsychologie
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8 Minuten Lesezeit

Die Anamnese ist ein zentraler Bestandteil der ärztlichen Diagnostik und dient dazu, Beschwerden, Krankheitsverlauf, relevante Vorerkrankungen, Medikamente, psychosoziale Faktoren und die individuellen Anliegen der Patient:innen systematisch zu erfassen. Sie ist dabei kein rein standardisiertes Abfragen von Fakten, sondern ein strukturiertes Gespräch, bei dem die ärztliche Gesprächsführung die erhobenen Informationen wesentlich beeinflusst.

Zu Beginn sollte die Patientin oder der Patient möglichst frei schildern können, weshalb die Konsultation erfolgt. Eine offene Einstiegsfrage wie „Was führt Sie heute zu mir?“ ermöglicht eine breite Darstellung der Beschwerden. Erst anschliessend werden die Angaben durch gezielte Fragen präzisiert und strukturiert. Studien zeigen, dass offene Einstiegsfragen zu längeren und symptomreicheren Problemdarstellungen führen können. Gleichzeitig zeigte sich, dass frühe Unterbrechungen dazu führen können, dass Patient:innen ihre ursprüngliche Darstellung nicht vollständig entwickeln.

Eine sinnvolle Anamnese folgt daher grundsätzlich dem Prinzip „offen beginnen – gezielt vertiefen – strukturiert abschliessen“. Problematisch sind insbesondere suggestive oder wertende Fragen, unnötig lenkende Fragen sowie Fragen, die mehrere Sachverhalte gleichzeitig enthalten. Auch eine zu frühe Fokussierung auf eine vermutete Diagnose kann dazu führen, dass alternative Erklärungen oder relevante Beschwerden weniger berücksichtigt werden.

Bei der psychiatrischen Anamnese werden neben der aktuellen Symptomatik insbesondere psychische Vorgeschichte, bisherige psychiatrische Behandlungen, Substanzkonsum, psychosoziale Belastungen, somatische Erkrankungen und relevante Familienanamnese erfasst. Ergänzend erfolgt die Beurteilung des psychischen Befundes, unter anderem hinsichtlich Bewusstsein und Orientierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, formalen und inhaltlichen Denkens, Wahrnehmung, Stimmung und Affekt, Antrieb, Psychomotorik, Ich-Erleben und Suizidalität. Strukturierte oder semistrukturierte Interviews können dabei helfen, diagnostische Kriterien systematisch und reproduzierbar zu erfassen.

 Achtung

Bei klinisch relevanten Hinweisen sollten sensible Themen wie Suizidgedanken oder suizidales Verhalten direkt und konkret erfragt werden. Ein schematisches Überspringen weiterer Fragen nach einer einzelnen negativen Antwort kann relevante Informationen übersehen.

 Tipp

Eine gute Anamnese verbindet damit Offenheit und Struktur: Sie lässt zunächst Raum für die subjektive Perspektive der Patient:innen und nutzt anschliessend gezielte Fragen, um diagnostisch relevante Informationen systematisch zu erfassen.

 Definition

Die Anamnese ist die systematische Erhebung der Krankengeschichte eines Patienten durch gezielte Befragung. Sie dient dazu, Symptome, Vorerkrankungen, aktuelle Beschwerden sowie relevante Lebensumstände zu erfassen und bildet die Grundlage für Diagnostik und Therapieplanung.

Ein Anamnesegespräch setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen. Bezüglich der Strukturierung existieren verschiedene Möglichkeiten, die sich insbesondere in der Reihenfolge der Inhalte und deren Gliederung unterscheiden. Es geht dabei nicht darum, sich strikt an eine bestimmte Reihenfolge zu halten. In der Praxis hat es sich jedoch bewährt, nach einem gewissen Schema vorzugehen. Die Ausgestaltung eines solchen Schemas kann individuell erfolgen. Eine Strukturierung der Inhalte und die Auswahl eines Schemas, das man in der Regel anwendet, fördert einen routinierten Ablauf und hilft dabei, die wichtigen Aspekte abzufragen und keine Punkte zu vergessen.

 Achtung
Eine ausführliche Anamnese ist wichtig!
  • Falsche Diagnosen sind in mehr als 50 % der Fälle auf eine unvollständige Anamnese zurückzuführen
  • 85 % aller Diagnosen werden anhand der Anamnese korrekt gestellt

Unter Anamnese versteht man die strukturierte Erhebung von Informationen zur Person und ihrer Erkrankung. Je nach Quelle und Inhalt unterscheidet man mehrere Formen:

  • Eigenanamnese: Die Krankengeschichte wird direkt vom Patienten bzw. von der Patientin selbst berichtet
  • Fremdanamnese: Wichtige Angaben kommen von einer anderen Person (z. B. Angehörige, Bezugsperson, Vormund), etwa wenn der Patient oder die Patientin nicht (mehr) zuverlässig Auskunft geben kann
  • Allgemeinanamnese: Erfasst sowohl medizinische als auch biografische Grunddaten. Im Unterschied dazu bezieht sich die Krankheitsanamnese gezielt auf bisherige Erkrankungen
  • Entwicklungsanamnese: Beschreibt den bisherigen Verlauf der kindlichen Entwicklung – körperlich (z. B. Wachstum/Gewicht), mental und sozial (z. B. Verhalten, Integration)
  • Familienanamnese: Erhebt familiäre Einflussfaktoren, insbesondere mögliche erbliche Belastungen
  • Sozialanamnese: Klärt die soziale Lebenssituation (z. B. Wohnen, finanzielle Lage, Beruf, Partnerschaft, Freundeskreis und soziale Kontakte)
  • Medikamentenanamnese: Erfasst aktuelle und frühere Medikamente sowie deren Wirkung (und ggf. Probleme / Unverträglichkeiten)
 Definition

Im Rahmen der Informationsgewinnung geht es darum, Probleme der Patient:innen auf verschiedenen Ebenen zu erkunden. Gerade in dieser Phase sollte man viele Fragen stellen und zuhören.

Ärztliche Gespräche sind ein Wechselspiel zwischen Fragen und Antworten. Dabei wird zwischen verschiedenen Frageformen unterschieden. Je nach Art und Zeitpunkt der Fragen können Gespräche gezielt gelenkt werden. Dies ist vor allem im späteren Verlauf des Gesprächs von Bedeutung. Folgende Fragetypen werden unterschieden:

Offene Fragen („W-Fragen“)Geschlossene Fragen
  • Was, Wie, Warum: „Wieso sind Sie heute hier?“
  • Offene Antwortmöglichkeiten
  • Ziel: Hypothesen generieren
  • Geschlossene Fragen: „Haben Sie heute schon gefrühstückt?“
  • Ja / Nein-Antworten
  • Ziel: Hypothesen überprüfen

Eine zusätzliche Frageform sind gezielte Fragen. Diese dienen der Präzisierung, lassen sich aber im Unterschied zu geschlossenen Fragen nicht nur mit Ja oder Nein beantworten. Eine solche Frage wäre z.B.: „Wohin strahlt der Schmerz aus?“.

Die Anwendung jeder dieser Frageformen ist berechtigt. Wichtig dabei ist, dass der Einsatz vom gewünschten Ziel abhängt. Grundsätzlich gilt das sogenannte Trichterprinzip: Die Fragetechnik verändert sich mit dem Gesprächsverlauf vom offenen Stil hin zum geschlossenen.

So haben Patient:innen die Möglichkeit, Probleme und Anliegen zuerst in eigenen Worten zu schildern. Geschlossene und gezielte Fragen dienen im weiteren Verlauf dem raschen und direkten Informationsgewinn.

  • Suggestivfragen: Frageform, welche die Befragten in ihrer Beantwortung beeinflusst. Die fragende Person will das Gegenüber gezielt in eine Richtung lenken. Beispiel:Ich nehme an, Sie haben ihre Tabletten ordnungsgemäß eingenommen?“
  • Doppelfragen: Frageform, die 2 Fragen hintereinander enthält. Empfänger sind oft verwirrt und wissen nicht, auf welche Frage sie antworten sollen. Häufig wird nur eine der Fragen beantwortet, was dann wiederum den ursprünglichen Sender verwirrt. Dies kann zu einem Informationsverlust führen. Beispiel: „Haben Sie die Medikamente wie besprochen eingenommen und haben Sie dabei Nebenwirkungen festgestellt?“
  • Konfrontationsfragen: Konfrontierende Fragen können zum Nachdenken anregen und damit auch zur Problemlösung beitragen. Häufig werden derartige Fragen jedoch als Kritik aufgefasst und können so eine Abwehrhaltung der Patient:innen hervorrufen. Beispiel: „Denken Sie, dass die Therapie erfolgreich sein kann, wenn Sie die Medikamente nicht einnehmen?“
 Definition

Die psychiatrische Anamnese dient dazu, den psychopathologischen Befund systematisch zu erheben. Dabei werden verbale und nonverbale Hinweise (z. B. Mimik, Gestik, Körperhaltung, Psychomotorik) berücksichtigt und – wenn nötig – durch Fremdanamnese (z. B. Angehörige, Pflegepersonal, frühere Behandelnde) ergänzt.

Ein praktisches Vorgehen ist das „Anamnesemosaik“: Informationen zur aktuellen Symptomatik (inkl. Abklärung der Suizidalität), zur Lebenssituation und biografischen Entwicklung (z. B. Sozialstatus, Wohnen, Familie, Ausbildung), zur inneren Situation (z. B. Konflikte, Beziehungen, Sexualität) sowie zu somatischen / psychiatrischen Vorerkrankungen werden gesammelt und übersichtlich dokumentiert.

Formen des diagnostischen Gesprächs

  • Gezielte psychiatrische Exploration: eher strukturiertes Vorgehen (ggf. mit Fragebögen), häufig gezielte Fragen; Ziel ist das „Zusammentragen“ von Symptomen als Grundlage einer syndromalen Diagnose
  • Tiefenpsychologische Anamnese: stärker biografisch und situativ; fragt nach Auslösern, Bedeutungszusammenhängen und der Einbettung der Symptomatik in Persönlichkeit, Entwicklung und Sozialisation
  • Psychoanalytisches Erstinterview: offenes Gespräch mit viel Raum für freie Darstellung; Fokus auf Beziehungsgeschehen und psychodynamische Aspekte (z. B. Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand)
 Achtung

Patient:innen haben das Recht, angemessen über geplante Eingriffe aufgeklärt zu werden und selber zu entscheiden, ob diese durchgeführt werden sollen. Dieser Anspruch geht aus dem Selbstbestimmungsrecht hervor. Nach der Rechtslage ist für die Aufklärung ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Ärzt:innen und Patient:innen erforderlich. Zusätzlich können Informationen über den Eingriff und die Risiken in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt werden. Ärzte haben eine Dokumentationspflicht.

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Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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