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Klinischer Ausblick: Depression

depressive Störung, depressive Episode
EP
6 Minuten Lesezeit

Eine Depression ist mehr als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit. Typisch sind eine anhaltend depressive Stimmung und/oder ein deutlich verminderter Antrieb bzw. Interessen- und Freudverlust. Hinzukommen können Schlafstörungen, Appetit- und Gewichtsveränderungen, Konzentrationsstörungen, ausgeprägte Müdigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit sowie Gedanken an den Tod oder Suizid.

Für die Diagnose werden Symptomatik, Dauer, Schweregrad und funktionelle Beeinträchtigung beurteilt. Nach ICD-11 besteht eine depressive Episode typischerweise über mindestens zwei Wochen und geht mit einer relevanten Beeinträchtigung des Alltags einher. Die Erkrankung wird je nach Ausprägung unter anderem als leicht, mittelgradig oder schwer klassifiziert; zusätzlich können beispielsweise psychotische Symptome oder Angstsymptome spezifiziert werden.

Bei der diagnostischen Abklärung müssen bipolare Störungen, substanz- oder medikamentenbedingte Ursachen sowie relevante körperliche Erkrankungen berücksichtigt werden. Besonders wichtig ist die direkte Erfassung von Suizidgedanken und Suizidalität, da Depressionen mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sind.

 Info

Für das Medizinstudium ist vor allem die Unterscheidung zwischen einer normalen depressiven Verstimmung und einer behandlungsbedürftigen depressiven Episode sowie die Kenntnis der Leitsymptome, der Mindestdauer von zwei Wochen und der diagnostischen Abklärung von Differentialdiagnosen und Suizidalität relevant.

Eine depressive Episode ist durch eine anhaltende depressive Stimmung und / oder einen deutlichen Verlust von Interesse und Freude gekennzeichnet. Häufig treten zusätzlich auf:

  • Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder innere Leere
  • Interessen- und Freudlosigkeit
  • Antriebsminderung, teilweise auch innere Unruhe
  • Schlafstörungen
  • rasche Ermüdbarkeit und Erschöpfung
  • Appetit- und Gewichtsveränderungen
  • Schuld- und Wertlosigkeitsgefühle
  • Konzentrations- und Entscheidungsprobleme
  • Gedanken an Tod oder Suizid

Für die Diagnose einer depressiven Episode muss die Symptomatik mindestens zwei Wochen bestehen und mit einer relevanten Beeinträchtigung einhergehen.

 Merke

Depressive Stimmung + Interessen- / Freudverlust + mindestens 2 Wochen → an depressive Episode denken.

 Info

Frauen sind insgesamt häufiger betroffen als Männer (ungefähr 2 : 1).

Klassifikation

Unipolare Depression

Bipolare Störung

 Info

Bei depressiven Symptomen immer nach früheren manischen oder hypomanischen Phasen fragen, da dies für die diagnostische Einordnung entscheidend ist.

 Achtung
Abgrenzung und ähnliche Krankheitsbilder

Burnout kann mit depressiven Symptomen wie Erschöpfung, vermindertem Antrieb und Konzentrationsproblemen einhergehen. Es handelt sich jedoch nicht automatisch um eine depressive Erkrankung. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung ist daher erforderlich.

Das Fatigue-Syndrom ist durch eine ausgeprägte und anhaltende Erschöpfung, Energielosigkeit und verminderte Belastbarkeit gekennzeichnet. Fatigue kann bei zahlreichen körperlichen und psychischen Erkrankungen auftreten und ist nicht mit einer Depression gleichzusetzen.

Kognitive Triade nach Beck

Nach Aaron T. Beck kommt es bei Depressionen zu einer negativen Bewertung von:

Selbst → Umwelt → Zukunft

Diese drei Bereiche bilden die kognitive Triade:

  • Selbst: „Ich bin wertlos“
  • Umwelt: „Alles ist gegen mich“
  • Zukunft: „Es wird niemals besser“

Aus diesen negativen Grundannahmen können dysfunktionale automatische Gedanken und Denkfehler entstehen

Typische Denkfehler

  • Übergeneralisierung: Aus einem einzelnen Ereignis wird eine allgemeine Regel abgeleitet („Das gelingt mir nie“)
  • Willkürliche Schlussfolgerung: Eine Schlussfolgerung wird ohne ausreichende Belege gezogen
  • Dichotomes Denken: Bewertung nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip
  • Selektive Abstraktion: Negative Einzelaspekte werden hervorgehoben, während positive Informationen ausgeblendet werden
  • Katastrophisieren: Mögliche negative Konsequenzen werden übermässig stark bewertet
  • Negative Zukunftsprognosen: Zukünftige Ereignisse werden ohne ausreichende Grundlage negativ vorhergesagt

Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit geht davon aus, dass wiederholte Erfahrungen von Unkontrollierbarkeit dazu führen können, dass Menschen auch dann passiv bleiben, wenn eine Situation später tatsächlich beeinflussbar wäre.

Mögliche Folgen sind:

  • Passivität und vermindertes zielgerichtetes Verhalten
  • emotionale Beeinträchtigungen, beispielsweise depressive Stimmung
  • Erwartung fehlender Kontrolle
  • motivationale Defizite
  • kognitive Beeinträchtigungen beim Erlernen neuer Bewältigungsstrategien

Die Theorie stellt ein wichtiges psychologisches Erklärungsmodell dar, ist jedoch keine alleinige Ursache der Depression. Moderne Depressionsmodelle berücksichtigen zusätzlich biologische, psychologische und soziale Faktoren.

Die Diagnose wird klinisch anhand der psychopathologischen Symptomatik gestellt. Es gibt keinen einzelnen Laborwert oder bildgebenden Befund, der eine Depression beweist. Zur Diagnostik gehören:

  • Erfassung der Haupt- und Zusatzsymptome
  • Beurteilung von Dauer und Verlauf
  • Bestimmung des Schweregrades
  • Erfassung von Suizidalität
  • Ausschluss bzw. Erkennung einer manischen oder hypomanischen Episode
  • Erfassung somatischer und psychischer Komorbiditäten
  • Prüfung möglicher substanz-, medikamenten- oder körperlich bedingter Ursachen
  • gegebenenfalls Fremdanamnese

Besonders wichtig ist die Abgrenzung einer bipolaren Störung. Vor Beginn einer antidepressiven Behandlung sollte deshalb nach früheren manischen oder hypomanischen Phasen gefragt werden. Bei akuter Suizidalität, fehlender Absprachefähigkeit, schweren psychosozialen Krisen oder ausgeprägten psychotischen Symptomen kann eine akute psychiatrische Behandlung bzw. stationäre Einweisung erforderlich sein.

Die Behandlung wird an Schweregrad, Krankheitsverlauf, Begleiterkrankungen, bisherigen Therapieerfahrungen und den Präferenzen der Patient:innen ausgerichtet. Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist dabei ein wichtiger Bestandteil der Therapieplanung.

Psychotherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) setzt insbesondere an dysfunktionalen Gedanken und Verhaltensmustern an. Zentrale Elemente sind:

  • Dysfunktionale und irrationale Gedanken erkennen und überprüfen
  • Automatische negative Gedanken verändern
  • Verhaltensaktivierung: Aufbau angenehmer und sinnvoller Aktivitäten
  • Aufbau und Verbesserung sozialer Kompetenzen
  • Entwicklung hilfreicher Bewältigungsstrategien

Die Verhaltensaktivierung ist dabei ein besonders wichtiges Prinzip: Durch den schrittweisen Aufbau positiver und zielgerichteter Aktivitäten sollen Rückzug und Passivität durchbrochen werden.

Medikamentöse Therapie

Antidepressiva können insbesondere bei mittelgradigen und schweren depressiven Episoden eingesetzt werden. Zu den wichtigen Wirkstoffgruppen gehören:

  • SSRIselektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
  • SNRI – Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
  • Weitere Antidepressiva wie beispielsweise Mirtazapin, Bupropion oder trizyklische Antidepressiva

Die Auswahl richtet sich unter anderem nach Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Komorbiditäten, Wechselwirkungen und Patient:innenpräferenzen.

 Achtung

Die Therapie wird anhand des Schweregrads (leicht, mittelgrasig, schwer) der Depression festgelegt. 

  • Leitlinientyp: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.2, Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, 2022/2023. DOI: 10.6101/AZQ/000506
  • Leitlinientyp: Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements for ICD-11 Mental, Behavioural or Neurodevelopmental Disorders, World Health Organization, 2024. ISBN: 978-92-4-007726-3
  • Paykel ES. Life events and affective disorders. Acta Psychiatrica Scandinavica 2003;108(6):425–429. DOI: 10.1046/j.0001-690X.2003.00238.x
  • Kendler KS, Karkowski LM, Prescott CA. Causal relationship between stressful life events and the onset of major depression. American Journal of Psychiatry 1999;156(6):837–841. DOI: 10.1176/ajp.156.6.837
Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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