Die Psychoanalyse wurde wesentlich durch Sigmund Freud geprägt und geht davon aus, dass menschliches Erleben und Verhalten nicht vollständig bewusst gesteuert werden. Unbewusste Wünsche, Konflikte und frühere Erfahrungen können demnach das Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Psychische Symptome können als Ausdruck innerpsychischer Konflikte verstanden werden. Zu den zentralen psychoanalytischen Konzepten gehören das Unbewusste, Verdrängung, Abwehrmechanismen, psychische Konflikte und die Bedeutung früher Beziehungserfahrungen.
Freuds Strukturmodell unterscheidet Es, Ich und Über-Ich. Das Es steht für grundlegende Triebwünsche und folgt dem Lustprinzip. Das Ich orientiert sich an der Realität und vermittelt zwischen inneren Bedürfnissen, äusseren Anforderungen und moralischen Ansprüchen. Das Über-Ich umfasst verinnerlichte Normen und Wertvorstellungen. Psychische Belastungen können nach diesem Modell unter anderem entstehen, wenn widersprüchliche Anforderungen miteinander in Konflikt geraten.
Die psychoanalytische Behandlung versucht, unbewusste psychische Prozesse und Konflikte bewusst zugänglich zu machen. Klassische Methoden sind insbesondere freie Assoziation, die Analyse von Träumen, die Bearbeitung von Widerstand und Übertragung sowie die Interpretation psychischer Konflikte. Ziel ist nicht nur die kurzfristige Reduktion einzelner Symptome, sondern ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden psychischen Dynamik.
Von der klassischen Psychoanalyse ist die heutige psychodynamische Psychotherapie abzugrenzen. Sie basiert weiterhin auf psychodynamischen Konzepten, ist jedoch häufig kürzer, stärker fokussiert und empirisch untersucht. Randomisierte Studien und Metaanalysen zeigen, dass psychodynamische Psychotherapie bei verschiedenen psychischen Erkrankungen wirksam sein kann und in bestimmten Untersuchungen vergleichbare Ergebnisse zu etablierten anderen Psychotherapieverfahren erzielt.
Die klassischen psychoanalytischen Theorien selbst sollten jedoch nicht mit empirisch gesicherten neurobiologischen Tatsachen gleichgesetzt werden. Insbesondere für die spezifische Wirksamkeit der klassischen, langfristigen Psychoanalyse ist die Evidenz deutlich begrenzter als für moderne psychodynamische Psychotherapie.
MerkePsychoanalyse erklärt psychisches Erleben durch unbewusste Prozesse und innere Konflikte; die moderne psychodynamische Psychotherapie greift diese Grundidee auf und verbindet sie mit einer empirisch untersuchten psychotherapeutischen Behandlung.
- Breuer J, Freud S. Studien über Hysterie. Leipzig, Wien: Franz Deuticke; 1895.
- Freud S. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Wien: Hugo Heller; 1917.
- Freud S. Das Ich und das Es. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag; 1923.
- Steinert C, Munder T, Rabung S, Hoyer J, Leichsenring F. Psychodynamic Therapy: As Efficacious as Other Empirically Supported Treatments? A Meta-Analysis Testing Equivalence of Outcomes. Am J Psychiatry2017;174(10):943-953. DOI: 10.1176/appi.ajp.2017.17010057.
- Leichsenring F, Steinert C, Rabung S. The effectiveness of psychodynamic therapy: an update. World Psychiatry2023;22(2):286-304. DOI: 10.1002/wps.21104.

