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Leitsymptom: Thoraxschmerz

Brustschmerz
ME
8 Minuten Lesezeit
 Definition

Thoraxschmerz bezeichnet Schmerzen im Bereich des Brustkorbs (Thorax). Der Thoraxschmerz ist ein häufiges, aber sehr unspezifisches Symptom, das viele Ursachen haben kann. Es ist wichtig, bei der Diagnostik zwischen harmlosen und potenziell gefährlichen Ursachen zu unterscheiden. Es ist dabei wichtig, schnellstmöglich zu Handeln, um die akut lebensbedrohlichen Differentialdiagnosen zügig auszuschließen!

 Achtung
Lebensbedrohliche Differentialdiagnosen ‚big  five‘
  • Akutes Koronarsyndrom
  • Akutes Aortensyndrom (Aortendissektion)
  • Ösophagusruptur (Boerhaave Syndrom)
  • Lungenarterienembolie
  • Pneumothorax

Weitere Differentialdiagnosen

Kardiovaskuläre Ursachen:

  • Stabile Angina pectoris
  • Perikarditis / Myokarditis
  • Perikardtamponade
  • Tachyarrhythmien
  • Hypertensiver Notfall

Pulmonale Ursachen:

  • Pneumonie
  • Pleuritis
  • Bronchialkarzinom

Gastrointestinale Ursachen:

  • Gastroösophageale Refluxkrankheit/Refluxösophagitis
  • Ösophagusspasmus
  • Magenperforation
  • Ulcus ventriculi / duodeni
  • Cholezystitis
  • Cholelithiasis
  • Akute Pankreatitis 

Muskuloskelettale Ursachen:

  • Interkostalneuralgie
  • Rippenfrakturen
  • Myalgien
  • Bandscheibenprolaps
  • Spinalkanalstenose
  • Fraktur im Bereich der Wirbelsäule

Psychosomatische Ursachen:

  • Panikattacke/Angststörung 
 Achtung

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

 Merke

Red Flags sind Warnsymptome, die auf eine akut lebensbedrohliche Ursache hinweisen und ein sofortiges Handeln erfordern.

 Red Flags 

  • Dyspnoe
  • Zeichen einer Kreislaufinstabilität
    • Hypotonie (<100/60 mmHg)
    • Tachykardie
    • Kaltschweißigkeit, Blässe
    • Bewusstseinsstörung
  • Übelkeit/Erbrechen
  • “Todesangst”
  • Fieber

Basismaßnahmen

  • Kontinuierliches Monitoring (inkl. RR, HF, EKG und SpO2)
  • Frühzeitiges 12-Kanal-EKG (innerhalb von 10 min)
  • Blutabnahme:
    • Labor:
      • Troponin, CK-MB: Dynamik als Hinweis auf einen Herzinfarkt
      • proBNP: Hinweis auf eine Herzinsuffizienz
      • D-Dimere: Ausschluss Lungenarterienembolie
      • Entzündungsparameter: z.B. Hinweis auf eine Pneumonie
      • Kleines Blutbild
      • Nierenparameter
      • Gerinnung (INR, PTT)
    • BGA:
      • Blutgase: Hypoxämie, Hyperkapnie
      • Hb-Wert
      • Elektrolyte: Hyper- / Hypokaliämie
      • Laktat: Erhöhung als Hinweis auf Schock oder Exsikkose
      • Blutzucker: V.a. bei Bewusstseinsstörung

Ersteindruck

  • Kreislaufstabilität beurteilen (z. B. Hautkolorit, RR, HF, Vigilanz)
  • Red Flags prüfen
    • Bei Dyspnoe: bei SpO2 <94 % oder Schock Sauerstoff verabreichen
    • Schockzeichen: Schockindex berechnen (HF/RR > 1,0 → hohe prädiktive Aussagekraft für instabile Kreislaufsituation), ggf. Katecholamine (Ziel-MAD: 60–70 mmHg), Volumentherapie einleiten, ggf. Defi-Patches aufkleben
    • Bewusstseinsstörung: GCS erheben, ggf. Intubation oder Intubationsbereitschaft
    • Todesangst: Sedierung erwägen, medikamentöse Anxiolyse, Analgesie
 Tipp

Gehe hier nach dem xABCDE-Schema vor, es ist eine strukturierte Methode zur Beurteilung und Behandlung von Notfallsituationen.

Gezielte Anamnese Gezielte Untersuchung Gezielte Bildgebung                                   (je nach Anamnese/Untersuchung)
  • Art des Schmerzes
    • Zeitlicher Verlauf / Dynamik
    • Lokalisation
    • Ausstrahlung
    • Charakter
    • Atemabhängig
  • Auslösende Faktoren
    • z.B. Belastung
  • Vorerkrankungen und Risikofaktoren
    • z.B. arterielle Hypertonie, bekanntes Aneurysma, Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit (KHK), COPD, Z.n. nach Myokardinfarkt, Diabetes mellitus, Rauchen
  • Inspektion
    • Blick auf Extremitäten (Beinschwellung / Hinweise für eine TVT, periphere Ödeme)
    • Halsvenenstauung/Zeichen der oberen Einflussstauung
  • Auskultation Herz und Lungen
  • Abdominelle Untersuchung (Schmerzen duch Organischämie bei Aortendissektion)
  • Kreislauffunktion / Recap-Zeit (Zentralisierung bei Schock)
  • Fokale neurologische Ausfälle (Aortendissektion)
  • Ggf. Blutdruck beidseitig messen (Blutdruckdifferenz bei Aortendissektion)
  • Sonografie (Perikardtamponade, Pleuraergüsse, Pneumothorax, Aorta)
  • Röntgen-Thorax (Pneumothorax, Pneumonie, Rippenfraktur)
  • Ggf. Echokardiographie (Rechtsherzbelastung)
  • Ggf. CT-Angiographie oder CT-Thorax (Aorta, Lungenarterienembolie)
 Info

Wenn eine lebensbedrohliche Situation ausgeschlossen werden konnte, jedoch noch weitere Diagnostik nötig ist bzw. keine akute Therapie möglich oder nötig ist, muss diese anschließend im stationären Setting stattfinden. 

Gezielte Diagnostik bei Thoraxschmerz

 

 

 Merke

Es besteht eine hohe Variabilität im Ausmaß der Symptomatik, deshalb ist ein Thoraxschmerz immer ernst zu nehmen und immer abzuklären!

 SymptomatikDiagnostikSonstiges
Akutes Koronarsyndrom (ACS)
  • Art des Schmerzes:
    • Plötzlich beginnende, anhaltende (>20 min) Schmerzen
    • Dumpfer Charakter ("als ob mir jemand auf dem Brustkorb sitzt")
    • Thorakal links / retrosternal
    • Typisch: Ausstrahlung in den linken Arm
    • Nicht atemabhängig
  • Typische Begleitsymptome:
    • Dyspnoe (belastungsabhängig)
    • Ggf. Zyanose
    • Tachypnoe
    • Tachykardie
    • Hypotonie
    • Weitere Schockzeichen:
      • Kaltschweißigkeit
      • Blässe
      • Bewusstseinsstörung
    • Angst / "Todesangst"
  • Anamnese / Risikofaktoren:
    • Bekannte kardiologische Vorerkrankungen (koronare Herzkrankheit (KHK), Herzinsuffizenz, Z.n. Myokardinfarkt)
    • Typische Risikofaktoren (Alter, Dyslipidämie, Adipositas, Diabetes mellitus, Rauchen)
  • Körperliche Untersuchung: ggf. Zeichen einer Herzinsuffizienz (z.B. periphere Ödeme, gestaute Halsvenen)
  • EKG:
    • Signifikante ST-Hebungen
    • Neu aufgetretener Rechts- oder Linksschenkelblock
    • ST-Streckensenkungen und Veränderungen der T-Welle
  • BGA: ggf. Hypoxämie, Hyperkapnie, Laktaterhöhung im Schock
  • Labor: Troponin, CK-MB erhöht (mit Dynamik)
  • Score: Heart-Score


 

  • Ggf. ähnliche Symptomatik in den Vortagen unter Belastung (stabile Angina pectoris)
  • Cave: stummer Infarkt - andere Verläufe bei:
    • Frauen:
      • Abdominelle Beschwerden
      • Brennender Schmerzcharakter
      • Ausstrahlung in Hals / Kiefer
      • Übelkeit / Erbrechen
      • Schwindelgefühl
    • Diabetiker:innen: oft fehlende Schmerzsymptomatik aufgrund diabetischer Neuropathie
Lungenarterienembolie
  • Art des Schmerzes:
    • Plötzlich beginnende, anhaltende Schmerzen
    • Stechender Charakter
    • Lokalisation einseitig
    • Atemabhängig
  • Typische Begleitsymptome:
    • Dyspnoe (belastungsunabhängig)
    • Ggf. Zyanose
    • Husten, ggf. Hämoptysen
    • Tachypnoe
    • Ggf. Schockzeichen
    • Angst / "Todesangst"
  • Anamnese / Risikofaktoren:
    • Oft Zustand nach tiefer Beinvenenthromose (TVT) oder LAE
    • Immobilisation (z. B. Langstreckenflug, postoperative Phase, Gips)
    • Thrombophilie, Malignom, Pille + Rauchen, Adipositas
  • Körperliche Untersuchung:
    • Ggf. Halsvenenstauung bei Rechtsherzbelastung
    • Zeichen der Zentralisation: Kaltschweißigkeit, Blässe, verlängerte Rekap-Zeit
  • EKG:
    • Sinustachykardie als häufigstes EKG-Zeichen
    • SI-QIII-Typ, SISIISIII-Typ
    • Rechtsschenkelblock, T-Inversion in Ableitung III, aVF, V1–V3, P-pulmonale
  • Labor:
    • D-Dimere: bei niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit einer LAE
      • Negativ → Ausschluss
      • Erhöht bei LAE, aber auch unspezifisch bei anderen Erkrankungen
    • Troponin und NT-proBNP erhöht bei Rechtsherzbelastung
  • BGA:
    • Hypoxämie (↓ pO₂)
    • Hypokapnie (↓ pCO₂) durch Hyperventilation
    • Respiratorische Alkalose (↑ pH)
    • Laktat↑ bei Schock oder Gewebehypoxie
    • In Spätstadien oder bei schwerem Verlauf: Hyperkapnie
  • Bildgebung:
    • CT-Angiographie (CTPA): Diagnostischer Goldstandard bei stabilen Patient:innen mit hoher klinischer Wahrscheinlichkeit einer LAE
    • Echokardiographie: Zeichen der Rechtsherzbelastung (D-Sign, Ventrikeldilatation, paradoxe Septumbewegung), v. a. bei instabilen Patient:innen
    • Ggf. Beinvenensonographie bei klinischem TVT-Verdacht
  • Scores:
    • Wells-Score zur Einschätzung der klinischen Wahrscheinlichkeit
    • Alternativ: PESI-Score
  • Klinische Präsentation ist oft unspezifischDyspnoe kann einziges Symptom sein
  • D-Dimer-Diagnostik nur bei niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit sinnvoll zur Ausschlussdiagnostik
Akutes Aortensyndrom
  • Art des Schmerzes:
    • Plötzlich beginnender, anhaltender Schmerz
    • Reißender Charakter: Vernichtungsschmerz
    • Retrosternal, evtl. Ausstrahlung in Rücken / Hals / Schulterblätter, ggfs. wandernd
    • Verstärkt im Liegen
  • Typische Begleitsymptome:
    • Dyspnoe
    • Ggf. Zyanose
    • Ggf. Schockzeichen:
      • Hypotonie
      • Tachykardie
      • Kaltschweißigkeit
      • Blässe
      • Bewusstseinsstörung
  • Ggf. Symptome einer Organminderperfusion (Myokardinfarkt, Anurie, akutes Abdomen, neurologische Ausfälle)
  • Anamnese / Risikofaktoren:
    • Oft bekannte Gefäßvorerkrankungen (Arteriosklerose, pAVK, bestehendes Aneurysma), Drogenabusus
  • Körperliche Untersuchung: RR-Differenz, Pulsdifferenz
  • EKG: ggf. Zeichen eines ACS bei Koronarverlegung
  • Labor: D-Dimere erhöht, ggf. Herzenzyme erhöht
  • BGA: ggf. Hypoxämie, Hyperkapnie, Laktaterhöhung im Schock, ggf. reduzierter Hb-Wert bei akuter Blutung
  • Bildgebung: TEE, TTE, CT (Nachweis)
  • Score: ADD-RS (Aortic Dissection Detection Risk Score)
 
Oesphagus-Ruptur (Boerhaave-Syndrom )
  • Art des Schmerzes:
    • Plötzlich beginnender, anhaltender Schmerz
    • Reißender Charakter: Vernichtungsschmerz
    • Retrosternal
    • Oft Ausstrahlung in den Rücken, Epigastrium
  • Typische Begleitsymptome:
    • Erbrechen (oft Hämatemesis)
    • Dyspnoe
    • Ggf. Zyanose
    • Haut-/Mediastinalemphysem
    • Dysphagie
    • Tachykardie
    • Hypotonie
    • Ggf. weitere Schocksymptomatik:
      • Kaltschweißigkeit
      • Blässe
      • Bewusstseinsstörung
  • Im Verlauf Fieber, Mediastinitis

Mackler-Trias:

  • Explosionsartiges Erbrechen
  • Akuter thorakaler Schmerz („retrosternaler Vernichtungsschmerz“)
  • Haut- oder Mediastinalemphysem
  • Anamnese:
    • Explosives Erbrechen, meist nach Alkoholkonsum, schwerer Mahlzeit oder starkem Husten
  • Körperliche Untersuchung:
    • Haut-Knistern (subkutanes Emphysem)
  • EKG meist unauffällig
  • Labor/BGA
    • Im Verlauf: erhöhte Entzündungszeichen
    • Ggf. Hb-Abfall, ggf. Hypoxie, Laktaterhöhung im Schock
  • Bildgebung:
    • Röntgen-Thorax: Mediastinalemphysem, evtl. Pneumothorax
    • CT Thorax mit Kontrast: Pneumomediastinum
    • Ösophagografie mit wasserlöslichem KM (Gastrografin)
    • Endoskopie (vorsichtig, nur wenn keine Perforation vorliegt)
  • Differentialdiagnose: Mallory-Weiss-Syndroms
  • Akut besteht die Gefahr eines hämorragischen Schocks, im Verlauf die Gefahr einer Mediastinitis


 

Pneumothorax
  • Art des Schmerzes:
    • Plötzlich beginnender, anhaltender Schmerz
    • Lokalisation einseitig
    • Stechender Charakter
    • Atemabhängig
  • Typische Begleitsymptome:
    • Dyspnoe (belastungsabhängig, im Verlauf oft auch in Ruhe)
    • Ggf. Zyanose
    • Tachypnoe
    • Husten
    • Tachykardie
    • Hypotonie
    • Ggf. weitere Schocksymptomatik:
      • Kaltschweißigkeit
      • Blässe
      • Bewusstseinsstörung
  • Bei Trauma ggf. weitere traumatische Begleitverletzungen 
  • Anamnese / Risikofaktoren:
    • Lungenvorerkrankungen (z. B. COPD)
    • Junge, schlanke Männer ohne Vorerkrankungen
    • Körperliche Belastung, Trauma, Pneumothorax in der Anamnese
    • Rauchen
  • Körperliche Untersuchung:
    • Inspektion: Asymmetrisches Atemmuster, Ggf. gestaute Halsvenen
    • Auskultation: Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch ("silent chest")
    • Perkussion: Hyposonorer Klopfschall
  • BGA: ggf. Hypoxämie, Hyperkapnie, Laktaterhöhung bei Schock
  • Bildgebung:
    • Röntgen-Thorax (im Stehen): Luft im Pleuraspalt, Pneu-Linie. bei Spannungspneumothorax ggf. Medialstinalverschiebung
    • Sonografie (im Liegen): Barcode-Sign und fehlendes Pleurareiben, kein Seashore-Sign
    • CT: bei unklaren Befunden oder Polytrauma
  • Sonderform: Spannungspneumothorax:
    • Ventilmechanismus führt zu zunehmender Luftansammlung im Pleuraspalt
    • Folge: Mediastinalverlagerung, Kompression der Gegenseite, hämodynamische Instabilität
  • Pocket-Leitlinien, Akutes Koronarsyndrom (Version 2023), Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK)
  • Pocket-Leitlinien, Management der akuten Lungenembolie (Version 2019), Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK)
  • Pocket-Leitlinien, Aortenerkrankungen (Version 2014), Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK)
  • S3-Leitlinie, Brustschmerz, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
  • S3-Leitlinie, Diagnostik und Therapie von Spontanpneumothorax und postinterventionellem Pneumothorax, Deutsche Gesellschaft für Thoraxchirurgie e.V. (DGT)
  • Steffen et al.: Internistische Differenzialdiagnosen, Schattauer GmbH, 2008, ISBN: 978-3-7945-23-42.9
  • Frimmel: Klinische Notfälle griffbereit, Schattauer GmbH, 2018, ISBN: 978-3-7945-3253-7
  • Baenkler et al: Kurzlehrbuch Innere Medizin, Georg Thieme Verlag KG, 2021, ISBN: 978-3-13-220000-5
Zuletzt aktualisiert am 23.04.2025
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